{"id":1047,"date":"2005-08-12T08:18:29","date_gmt":"2005-08-12T06:18:29","guid":{"rendered":"http:\/\/www.ankegroener.de\/?p=1047"},"modified":"2005-08-12T09:38:51","modified_gmt":"2005-08-12T07:38:51","slug":"sin-city","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/ankegroener.de\/blog\/?p=1047","title":{"rendered":"Sin City"},"content":{"rendered":"<p><img src='http:\/\/www.ankegroener.de\/Bilder\/sin_city.jpg' alt='' \/><\/p>\n<p><em><a href=\"http:\/\/www.imdb.com\/title\/tt0401792\/\">Sin City<\/a> (USA 2005, 124 min)<\/p>\n<p>Darsteller: Mickey Rourke, Bruce Willis, Jessica Alba, Clive Owen, Rosario Dawson, Benicio Del Toro, Michael Madsen, Nick Stahl, Rutger Hauer, Elijah Wood, Michael Clarke Duncan, Brittany Murphy, Jaime King, Alexis  Bledel, Powers Boothe, Josh Hartnett, Tommy Flanagan, Devon Aoki<br \/>\nMusik: John Debney, Graeme Revell, Robert Rodriguez<br \/>\nKamera: Robert Rodriguez<br \/>\nDrehbuch: Frank Miller<br \/>\nRegie: Frank Miller &#038; Robert Rodriguez (Quentin Tarantino as Special Guest Director)<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/www.apple.com\/trailers\/miramax\/sin_city\/\">Trailer<\/a><\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/video.movies.go.com\/sincity\/index.htm\">Offizielle Seite<\/a><\/em><\/p>\n<p>Sin City ist ein S\u00fcndenpfuhl, eine Ausgeburt einer Stadt, in der kein Tag ohne das Sirren von Bleikugeln vergeht, die ohne Unterschied Gut und B\u00f6se vernichten. Sin City schl\u00e4ft nicht, denn Gewalt ruht nie, sondern ist stets auf der Suche nach etwas, das in Blut ertr\u00e4nkt werden kann. Sin City beherbergt gescheiterte Existenzen, die kaum atmen k\u00f6nnen vor lauter Rohheit und Verzweiflung und in denen doch einsame Herzen schlagen, die sich nach einem weiteren Herz sehen. <em>Sin City<\/em> ist pures Klischee \u2013 und gleichzeitig ganz gro\u00dfe Kunst.<\/p>\n<p>Der Film beruht auf den Comics von Frank Miller \u2013 aber eigentlich m\u00f6chte ich lieber das englische Wort <em>graphic novel<\/em> f\u00fcr die Vorlage nutzen, denn das f\u00fchlt sich passender an. <em>Sin City<\/em> ist nicht der erste Film, der versucht, Zeichnungen auf die Leinwand zu transportieren, aber er scheint der erste zu sein, dem eine absolut kompromisslose Umsetzung gelungen ist. Das f\u00e4ngt ganz \u201eschlicht\u201c bei der Optik an: Die holzschnittartigen Vorlagen dienen als Hintergrund, auf dem sich die d\u00fcsteren Geschichten abspielen. Alles ist schwarzwei\u00df und im besten Fall genauso grafisch schlicht gehalten wie die Bildergeschichten. Der Film g\u00f6nnt sich ein wenig mehr Detailverliebtheit als die Vorlage, indem er die Sets gr\u00f6\u00dftenteils r\u00e4umlich aussehen l\u00e4sst. Die Szenen, in denen die Geb\u00e4ude aber eben dieser R\u00e4umlichkeit beraubt werden, machen viel mehr Spa\u00df. Wenn Mickey Rourke aus einer Gef\u00e4ngniszelle ausbrechen will und diese fast nur aus Linien und Gittern zu bestehen scheint, vergisst man kurz, dass alle Hintergr\u00fcnde digital sind \u2013 dann sehen sie pl\u00f6tzlich aus wie mit feinstem Strich gezeichnet. Und komischerweise wirken die (realen) Figuren in dieser Umgebung nicht einmal k\u00fcnstlich, sondern absolut passend.<\/p>\n<p>Das liegt wahrscheinlich daran, dass jeder Charakter diese Bezeichnung kaum verdient, denn alle Protagonisten sind pure Schablonen, Kunstfiguren, die scheinbar nur jeweils einem Zweck dienen. Jede Figur taucht pl\u00f6tzlich auf, ohne Vorgeschichte und Erkl\u00e4rung, erledigt ihren Job und taucht wieder in die schwarze Zeichnertusche ab. Wer sie ist und was sie vorhat, wird in drei, vier abgehackten, trashig klingenden S\u00e4tzen aus dem Off erz\u00e4hlt \u2013 hier bekommt das Wort \u201eSprechblase\u201c wirklich einen Sinn. Aber was f\u00fcr Kunstfiguren hier die Leinwand bev\u00f6lkern! Die Schl\u00e4ger sind brutaler als in irgendeiner anderen Stadt, die Gangster kaltbl\u00fctiger, die M\u00e4dchen aufreizender und die Helden &#8230; nein, die Helden sind keine strahlenden Retter, die aus Sin City Fortune City machen wollen. Die Helden sind gebrochene Gestalten, die keiner Moral gehorchen und die Welt nicht retten m\u00f6chten, ganz im Gegenteil. Die Welt hat ihnen \u00fcbel mitgespielt, aber sie haben noch eine Rechnung offen, und die wird nun beglichen. <\/p>\n<p>Der \u00fcbel aussehende Schl\u00e4ger, der eine tote Prostituierte r\u00e4chen will und dabei an einen Kannibalen ger\u00e4t. Der alternde Cop, der einen Kindersch\u00e4nder jagt und statt seiner selbst im Knast landet. Die Edelhure, die sich und ihre M\u00e4dchen mit Gewalt vor noch mehr Gewalt sch\u00fctzt und dabei Hilfe von einem ehemaligen Lover bekommt. Jeder f\u00fchrt seine Kriege f\u00fcr sich aus und f\u00fcr niemanden sonst. Die einzige Loyalit\u00e4t gilt einem selbst \u2013 und den Menschen, die man liebt. Die Motivation der brutalen Schlachten, die in vielen Details und mit glasklarer, schmerzhafter Tonspur zelebriert werden, ist stets eine gute. Aber Gutsein zahlt sich in Sin City eben nicht aus. Wir begegnen vielen Figuren und wissen, sobald wir sie sehen, dass sie bereits tot sind. Und meistens d\u00fcrfen (oder m\u00fcssen) wir auch dabei zusehen, wie sie ihr Leben beenden \u2013 oder ein anderer das f\u00fcr sie \u00fcbernimmt. <\/p>\n<p>Normalerweise bin ich alles andere als ein Freund von konstanten Metzeleien oder fehlender Tiefe der Figuren, aber in <em>Sin City<\/em> hat es mich nicht gest\u00f6rt, ganz im Gegenteil: Es musste genauso sein. Der Film ist nicht nur, wie ich oben schon sagte, eine kompromisslose Umsetzung der Comics, sondern fast eine radikale. Er besch\u00f6nigt die Grobheit der Vorlage nicht, er versucht erst gar nicht, sie filmisch zu \u00fcberh\u00f6hen oder eben schlicht einen Film aus ihr zu machen, sondern bildet sie ganz genauso ab wie sie angelegt war. Der Film \u00fcbernimmt sogar Bilder, die man aus Comics kennt und von denen ich eigentlich gedacht hatte, sie w\u00fcrden nur auf Papier funktionieren und als Film v\u00f6llig \u00fcberzogen aussehen: die im Wind wehenden Krawatten der Cops zum Beispiel. Gezeichnet eine klassische Krimi-Szene, aber es funktioniert auch als bewegtes Bild. Verlaufendes Make-up der weinenden Frauen. Tiefe St\u00fcrze der B\u00f6sen, Rettungsspr\u00fcnge der Guten. Blutende Narben, die auf grobem Papier wie Krater auf der Haut aussehen \u2013 und genauso sehen sie hier auch auf der Leinwand aus. Das zugepflasterte Gesicht eines Schl\u00e4gers wird hier zu einer Mischung aus Maske, Digitaltechnik und einem Schauspieler, und es passt, und es wirkt gleichzeitig plastisch und gezeichnet, und es schafft eine ganz eigene Atmosph\u00e4re; eine, die ich noch nie gesehen oder gesp\u00fcrt habe.<\/p>\n<p><em>Sin City<\/em> ist trotz all der Brutalit\u00e4t und des sich banal anh\u00f6renden Schwarzwei\u00df ein Vergn\u00fcgen f\u00fcr die Augen. (Aufgrund der sehr sp\u00e4rlichen Bekleidung der meisten weiblichen Figuren wohl eher f\u00fcr die M\u00e4nner im Publikum, aber daf\u00fcr d\u00fcrfen wir M\u00e4dels Clive Owen anschmachten.) Gerade die Beschr\u00e4nkung auf Schwarz und Wei\u00df gibt den Figuren den n\u00f6tigen Raum, sich \u00fcber ihre Schlichtheit hinweg zu entwickeln. Wenige Farbtupfer in gelb, rot, blau und gr\u00fcn sorgen f\u00fcr eine zus\u00e4tzliche Irrealit\u00e4t, die perfekt zur Story und zum ganzen Film passt.<\/p>\n<p>Wenn ich etwas an <em>Sin City<\/em> zu bem\u00e4ngeln habe, ist es seine Dauer: Mit gut zwei Stunden ist der Film zwar nicht wahnsinnig lang geworden, aber die drei Geschichten, die miteinander verwoben erz\u00e4hlt werden, sind intellektuell nicht gerade herausfordernd und folgen alle dem gleichen Schema; ich h\u00e4tte mir ein bisschen mehr Zug gew\u00fcnscht, um schneller zum Punkt zu kommen, denn die Pointen ahnt man, sobald die Storys beginnen. Aber eigentlich sind es nicht die Geschichten, wegen derer ich <em>Sin City<\/em> gemocht habe, sondern die Optik \u2013 und das seltsame Gef\u00fchl, gerade eine <em>graphic novel<\/em> zu erleben, ohne umbl\u00e4ttern zu m\u00fcssen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Sin City (USA 2005, 124 min) Darsteller: Mickey Rourke, Bruce Willis, Jessica Alba, Clive Owen, Rosario Dawson, Benicio Del Toro, Michael Madsen, Nick Stahl, Rutger Hauer, Elijah Wood, Michael Clarke Duncan, Brittany Murphy, Jaime King, Alexis Bledel, Powers Boothe, Josh Hartnett, Tommy Flanagan, Devon Aoki Musik: John Debney, Graeme Revell, Robert Rodriguez Kamera: Robert Rodriguez [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":10,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[],"class_list":["post-1047","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-weblog"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/ankegroener.de\/blog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1047","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/ankegroener.de\/blog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/ankegroener.de\/blog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/ankegroener.de\/blog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/10"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/ankegroener.de\/blog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=1047"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/ankegroener.de\/blog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1047\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/ankegroener.de\/blog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=1047"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/ankegroener.de\/blog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=1047"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/ankegroener.de\/blog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=1047"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}