{"id":1053,"date":"2005-08-21T10:51:16","date_gmt":"2005-08-21T08:51:16","guid":{"rendered":"http:\/\/www.ankegroener.de\/?p=1053"},"modified":"2011-08-08T12:18:49","modified_gmt":"2011-08-08T10:18:49","slug":"%e2%80%9eder-has-ist-tot%e2%80%9c-plus-%e2%80%9eisolde-flickerflacker%e2%80%9c","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/ankegroener.de\/blog\/?p=1053","title":{"rendered":"\u201eDer Has&#8217; ist tot\u201c plus \u201eIsolde Flickerflacker\u201c"},"content":{"rendered":"<p><em><a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Parsifal\">Parsifal<\/a><\/em> ist die letzte Oper von Richard Wagner und eine sehr pers\u00f6nliche: Sie ist vom Komponisten als \u201eB\u00fchnenweihfestspiel\u201c bezeichnet worden, handelt von urchristlichen Symbolen und Mythen und wird heutzutage gerne am Karfreitag aufgef\u00fchrt. Was Christoph Schlingensief in Bayreuth daraus gemacht hat, ist mir auch einige Tage sp\u00e4ter intellektuell noch nicht ganz klar, aber emotional hatte ich mein Urteil bereits nach f\u00fcnf Minuten getroffen: Ich fand&#8217;s richtig sch\u00f6n schei\u00dfe.<\/p>\n<p>Was mich am meisten genervt hat und was mich an vielen modernen Inszenierungen auf Theater- oder Opernb\u00fchnen nervt, ist diese blinde Aktionismus, der wahrscheinlich verhindern soll, dass die zappinggew\u00f6hnten Zuschauer sich langweilen. So hampelten im <em>Parsifal<\/em> nicht nur die S\u00e4nger so gut wie st\u00e4ndig durch die Gegend, sondern auch noch eine Reihe Statisten, deren Funktion mir pers\u00f6nlich v\u00f6llig schleierhaft geblieben ist. Dass die dicke Schwarze wohl die sinnliche Weiblichkeit symbolisieren soll, die der Gegenpart zur m\u00e4nnlichen Askese ist, um die es im <em>Parsifal<\/em> auch geht, hab ich kapiert, war auch nicht schwierig. Dass der Hase, der sowohl auf den d\u00e4mlichen Videoleinw\u00e4nden auftaucht oder als Stoffpuppe durch die Gegend geschleppt wird, ein Fruchtbarkeitssymbol ist, wei\u00df ich auch, habe es aber nicht mit der Handlung der Oper zusammengebracht. Google wei\u00df allerdings, dass der Hase auch als Symbol f\u00fcr Christus gilt und weil er angeblich mit offenen Augen schl\u00e4ft, auch als Tierbild f\u00fcr den Auferstandenen. Mag ja sein, aber ich kann keine Inszenierung leiden, f\u00fcr die ich K\u00f6nigs Erl\u00e4uterungen oder das Internet brauche, um sie im Nachhinein zu verstehen. Und selbst wenn man den ganzen Hasenquatsch als sinnvoll betrachtet, macht es mir immer noch nicht klar, warum einige der Knappen wie Stummfilmschwarze geschminkt waren, warum die beiden mongoloiden Kinder auf der B\u00fchne rumgelaufen sind oder was der dicke Alte und seine d\u00fcnne Gespielin in Alltagsklamotten da zu suchen hatten (bitte formulieren Sie den letzten Satz selbst\u00e4ndig politisch korrekt um). Und das B\u00fchnenbild hatte gr\u00f6\u00dftenteils viel von bem\u00fchtem Studententheater. Die kleine Ecke, die theatralisch mit \u201eFriedhof der Kunst\u201c \u00fcberschrieben war und auf der Grabsteine in Form der Mona Lisa , der Campell-Suppendose oder \u2013 nat\u00fcrlich \u2013 des Hasen von D\u00fcrer zu sehen waren, war mehr als affig. <\/p>\n<p>Der Augenblick, in dem ich mit dem Bl\u00f6dsinn geistig abgeschlossen hatte, war zum Ende des ersten Aktes, als eigentlich eine Abendmahlsszene stattfinden sollte. Statt des \u00fcblichen Brot und Wein, den die Gralsritter unter sich aufteilen, haben wir den Torso einer dicken Frau zu sehen bekommen, die mit dem Hals zum Publikum stand und der Amfortas mal eben zwischen die Beine griff, um daraufhin eine blutige Hand hervorzuziehen, mit der er Parsifals wei\u00dfes Gewand betatschte. Nee klar. Macht Sinn. Nach <em>Parsifal<\/em> wurde fr\u00fcher \u00fcberhaupt nicht geklatscht (so wie man in der Kirche ja auch nicht klatschen soll), aber im Laufe der Jahre hat es sich eingeb\u00fcrgert, nur nach dem ersten Akt (nach dem Abendmahl) nicht zu klatschen. Das hat in Bayreuth aber keiner durchgehalten, denn sobald der Vorhang fiel, gingen die Buhrufe los, worauf die Gegenpartei nat\u00fcrlich klatschen musste. Ich wollte einfach nur viel Alkohol trinken.<\/p>\n<p>Zur\u00fcck zum vorhin angesprochenen Aktionismus: Auf der B\u00fchne war st\u00e4ndig irgendwas in Bewegung. Wenn es nicht die Akteure oder die Statisten waren, flackerten die diversen Videow\u00e4nde oder es wurden aus der Decke Fahnen oder Stoffbahnen mit mir nicht bekannten Symbolen herabgesenkt, um kurz danach wieder sinnbefreit zu verschwinden. Es gab wirklich keine einzige Sekunde, in der mal nichts passierte in den knapp sechs Stunden Auff\u00fchrungsdauer. Und das hat mich pers\u00f6nlich abgrundtief genervt. Es mag mit meinem Glauben zusammenh\u00e4ngen, dass ich etwas allergisch auf einer derartige Missachtung des Textes (also des Inhalts) reagiere. <em>Parsifal<\/em> ist ein christlich motiviertes Werk, und es gibt gen\u00fcgend Textpassagen, die eindeutig in ihrer Bedeutung sind. Ich sehe nicht viel Spielraum \u2013 im Gegensatz zu anderen Opern von Wagner, die so allgemein gehalten sind, dass man sich an immer neuen Interpretationen versuchen kann. Besonders der <em><a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Der_Ring_des_Nibelungen\">Ring<\/a><\/em> wird gerne f\u00fcr alles und jede politische Stimmung verwandt, und meistens passt das auch noch. Nat\u00fcrlich will ich im <em>Siegfried<\/em> keinen Drachen auf der B\u00fchne sehen, denn der kann genausogut eine Metapher sein. Und ich brauche auch kein Schiff im <em>Fliegenden Holl\u00e4nder <\/em>zu sehen; ich wei\u00df schlie\u00dflich, worum es geht. Aber den <em>Parsifal<\/em> vom christlichen Glauben wegzuinterpretieren und ihn zu einem afrikanischen Stammesritual zu machen, halte ich f\u00fcr sehr gewagt bis komplett daneben. <\/p>\n<p>Ich musste mich des \u00d6fteren zwingen, auf die Musik und die S\u00e4nger zu achten, denn die gingen ziemlich unter in dem ganzen Brimborium, das auf der B\u00fchne stattfand. Und das nehme ich Schlingensief wirklich \u00fcbel: dass er scheinbar so wenig Respekt vor dem Material gehabt hat und es einfach als Blaupause f\u00fcr irgendwelche Ideen genutzt hat. <\/p>\n<p>Nach dem Budenzauber war die Inszenierung von <em><a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Tristan_und_Isolde_%28Oper%29\">Tristan und Isolde<\/a><\/em> von Christoph Marthaler ein absoluter Kontrastpunkt. Leider kein guter; ich w\u00fcrde die Reaktion des Publikums als \u201efreundliches Desinteresse\u201c beschreiben. Die B\u00fchne war in allen drei Akten so gut wie leer, niemand bewegte sich einen Schritt zuviel, wenige Requisiten lenkten von Musik und Text ab. Was bei Schlingensief viel zu viel war, war bei Marthaler viel zu wenig. <em>Tristan<\/em> ist eine Oper voll Sehnsucht und dem Tod als einzigem Ausweg \u2013 und auf der B\u00fchne war davon rein gar nicht zu sp\u00fcren. Gerade im zweiten Akt, als die beiden ungl\u00fccklich Liebenden sich ihre Gef\u00fchle gestehen und die Musik pure Leidenschaft ist, passiert auf der B\u00fchne \u2013 gar nichts. Isolde darf sich ihre Handschuhe ausziehen und Tristan kurz seinen Kopf in ihren Scho\u00df betten, und das war&#8217;s. Und im dritten Akt, als Isolde den verstorbenen Geliebten sieht, schien sie es nicht einmal f\u00fcr n\u00f6tig zu halten, mal zu ihm hinzugehen, vorbei an dem Sperrholztotenlager, das aussah, als h\u00e4tte die Pflegeversicherung nicht gereicht. Flackernde Neonr\u00f6hren blitzten ab und zu auf, was aber auch eher sinnlos daherkam als erl\u00e4uternd wirkte. Aber: Ich habe selten eine Oper gesehen, bei der der Gesang so viel Raum bekommen hat. Allerdings nur, wenn das Orchester die S\u00e4nger gelassen hat; viel zu oft haben die Musiker die beiden auf der B\u00fchne \u00fcbert\u00f6nt, was das Publikum auch quittierte: Dirigent Eiji Oue wurde gnadenlos ausgebuht, w\u00e4hrend Pierre Boulez am Vortag beim <em>Parsifal<\/em> <em>standing ovations<\/em> bekam und auch das Orchester ausnahmsweise mal auf die B\u00fchne durfte. (Soweit ich wei\u00df, kommt das Orchester sonst nur am jeweils letzten Auff\u00fchrungstag einer Spielzeit auf die B\u00fchne.)<\/p>\n<p>Fazit: Auch wenn ich beide Auff\u00fchrungen nicht brillant fand, hat es sich nat\u00fcrlich gelohnt, nach Bayreuth gekommen zu sein. Es sind einfach die besten Wagner-S\u00e4nger weltweit, auch wenn ich den Kurwenal im <em>Tristan<\/em> f\u00fcrchterlich \u00fcbertrieben fand und den Parsifal so lala. Ich habe jede Sekunde im Festspielhaus genossen, wohl wissend, dass es eben nichts Allt\u00e4gliches ist, hier zu sein. Es werden wieder ein paar Jahre vergehen, bis meine Mama und ich zur\u00fcck auf den Gr\u00fcnen H\u00fcgel d\u00fcrfen \u2013 dann hoffentlich nochmal zum <em>Ring<\/em>, denn obwohl ich die Musik von <em>Tristan<\/em> wundersch\u00f6n fand, bleibt die <em>G\u00f6tterd\u00e4mmerung<\/em> immer noch meine liebste Oper. Und direkt danach kommt der <em>Parsifal<\/em> \u2013 den hat mir auch Schlingensief nicht ruinieren k\u00f6nnen. Auch wenn er sich verdammt angestrengt hat.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Parsifal ist die letzte Oper von Richard Wagner und eine sehr pers\u00f6nliche: Sie ist vom Komponisten als \u201eB\u00fchnenweihfestspiel\u201c bezeichnet worden, handelt von urchristlichen Symbolen und Mythen und wird heutzutage gerne am Karfreitag aufgef\u00fchrt. 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