{"id":14157,"date":"2011-09-14T07:31:42","date_gmt":"2011-09-14T05:31:42","guid":{"rendered":"http:\/\/www.ankegroener.de\/?p=14157"},"modified":"2011-09-14T07:38:37","modified_gmt":"2011-09-14T05:38:37","slug":"ralph-bollmann-%e2%80%9ewalkure-in-detmold%e2%80%9c","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/ankegroener.de\/blog\/?p=14157","title":{"rendered":"Ralph Bollmann: \u201eWalk\u00fcre in Detmold\u201c"},"content":{"rendered":"<blockquote><p>\u201eAnders als in Berlin herrscht in M\u00fcnchen eine klare Hierarchie der Opernh\u00e4user. Die <a href=\"http:\/\/www.bayerische.staatsoper.de\/\">Staatsoper<\/a> f\u00fcr den Glanz und die gro\u00dfen Namen, der <a href=\"http:\/\/www.staatstheater-am-gaertnerplatz.de\/\">G\u00e4rtnerplatz<\/a> f\u00fcr das Volk. Weil in der sozial weniger gespaltenen Gesellschaft M\u00fcnchens auch ganz normale Leute ins Theater gehen, bleibt der Spielraum f\u00fcr Experimente begrenzt. Berlins <a href=\"http:\/\/www.komische-oper-berlin.de\/\">Komische Oper<\/a> wollte stets ein Musiktheater f\u00fcr alle sein, in dem verst\u00e4ndlich auf Deutsch gesungen wird und die Stoffe ganz alltagspraktisch auf die B\u00fchne kommen, zuletzt auch gerne provokant, was zu einem Austausch der Zuschauer f\u00fchrte. Jetzt ist das Publikum dort j\u00fcnger und intellektueller. Das konnte nur funktionieren, weil es in Berlin ein bodenst\u00e4ndiges Opernpublikum kaum gibt \u2013 und wenn, dann geht es in die gro\u00dfen H\u00e4user. Die sogenannten kleinen Leute wollen auf der B\u00fchne nicht ihren Alltag sehen, sondern heile Welt, gern Operette. Damit muss ein Intendant am G\u00e4rtnerplatz stets rechnen, ohne deshalb ins Anspruchslose abzukippen. Zuletzt klappte das nur bedingt, auch weil die Personalpolitik des Hauses nicht gl\u00fccklich war.<\/p>\n<p>Ausnahmsweise entscheiden wir uns deshalb f\u00fcr eine alte Produktion, <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Friedrich_von_Flotow\">Friedrich von Flotow<\/a>s <em><a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Martha_(Oper)\">Martha<\/a><\/em> in der Inszenierung von Loriot, die 1986 in Stuttgart Premiere hatte und seit 1997 in M\u00fcnchen l\u00e4uft. Das ist Opernmuseum, in diesem Fall aber gutes Museum. Die Auff\u00fchrung funktioniert noch immer. Der Kellner, der im Waldrestaurant mit seiner Spucke die Tische putzt, w\u00e4hrend die anderen Liebesarien schmettern; der unger\u00fchrt die St\u00fchle auf die Tische r\u00e4umt; der vergeblich der Festgesellschaft die Rechnung zuzustellen sucht: Das ist eine Figur wie aus den klassischen Sketchen des Humoristen. Hier auf der Opernb\u00fchne wei\u00df man nicht genau, ob das eigentlich noch Loriot ist oder schon <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Christoph_Marthaler\">Christoph Marthaler<\/a>, der sp\u00e4ter die \u00c4sthetik des deutschsprachigen Theaters mit \u00e4hnlichen Pathosbr\u00fcchen pr\u00e4gte.<\/p>\n<p>Loriot erfindet zwei Hauptfiguren hinzu. Er bel\u00e4sst die Handlung in England, verlegt sie aber in die Entstehungszeit des 1847 uraufgef\u00fchrten St\u00fccks. Am Schluss thront daher Queen Victoria als riesiger, gluckenhafter Teew\u00e4rmer \u00fcber einer nicht minder bauchigen Kanne, dazu spielt das Klavier <em>God save the Queen<\/em>. Der zweite Gast ist Richard Wagner, inspiriert durch den Umstand, dass die m\u00e4nnliche Hauptfigur Tristan hei\u00dft und Loriot den Komponisten ohnehin verehrt. Der \u201es\u00e4chsische Tondichter\u201c, wie es auf dem Besetzungszettel hei\u00dft, sitzt in der zentralen Biergartenszene auf der B\u00fchne. Er wird auch musikalisch zitiert, den ersten Auftritt Tristans begleitet der einschl\u00e4gige <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Tristan-Akkord\">Akkord<\/a>. Loriot greift in die Musik ein, mehrfach sogar. Bei Flotow darf er das, der mecklenburgische Singspielautor und zeitweilige Schweriner Opernintendant z\u00e4hlt nicht zu den Unantastbaren des musikalischen Olymp. Aber was, wenn es jemand umgekehrt machte und im <em>Tristan<\/em> unvermittelt singen lie\u00dfe: \u201eMartha, Martha, du entschwandest\u201c? Nicht auszudenken.<\/p>\n<p>Als wir das Theater verlassen, laufen in den Wirtsh\u00e4usern die Fernseher. Wenig sp\u00e4ter hat Bayern M\u00fcnchen das Finale der Champions League verloren. Nach dem Abpfiff endet der sonnige Tag mit einem \u00fcberraschenden Regenschauer. Die entt\u00e4uschten Fans lassen sich die Laune nicht verderben und kommen mit ihren nassen Bayern-Schals noch auf ein Helles in die Schankstube. Wir sitzen an blanken Holztischen, essen unter einer herrlichen Stuckdecke unser saures L\u00fcngerl. So sch\u00f6n kann Bayern sein.\u201c<\/p><\/blockquote>\n<p>Ralph Bollmann, <em><a href=\"http:\/\/www.amazon.de\/gp\/product\/3608946217\/ref=as_li_qf_sp_asin_tl?ie=UTF8&#038;tag=httpwwwankegr-21&#038;linkCode=as2&#038;camp=1638&#038;creative=6742&#038;creativeASIN=3608946217\">Walk\u00fcre in Detmold<\/a><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.assoc-amazon.de\/e\/ir?t=httpwwwankegr-21&#038;l=as2&#038;o=3&#038;a=3608946217\" width=\"1\" height=\"1\" border=\"0\" alt=\"\" style=\"border:none !important; margin:0px !important;\" \/><\/em> (Affiliate-Link), Klett-Cotta 2011, S. 274\/275.<\/p>\n<p>Das Buch erw\u00e4hnte ich bereits <a href=\"http:\/\/www.ankegroener.de\/?p=14107\">einmal<\/a>; jetzt habe ich&#8217;s durchgelesen und w\u00fcrde es euch allen gerne schenken, so gro\u00dfartig fand ich&#8217;s. Man muss nicht mal Opernfan sein, ja eigentlich muss man noch nie in die Oper gegangen sein, um das Buch trotzdem zu genie\u00dfen. Es macht ein bisschen mehr Spa\u00df, wenn man grob wei\u00df, wer so Jungs wie Verdi oder Wagner waren, aber notfalls hilft ein kurzer Blick in die Wikipedia weiter.<\/p>\n<p>Der Inhalt h\u00f6rt sich simpel an: In Deutschland gibt es 81 Opernh\u00e4user, und Autor Bollmann guckt sich in jedem Haus eine Auff\u00fchrung an, manchmal auch mehrere. Er beschreibt kurz die H\u00f6hepunkte oder die Dinge, die ihm aufgefallen sind; meist bekommt ein Haus nicht mehr als ein oder zwei Seiten im Buch. Den Rest der knapp 300 Seiten f\u00fcllt er mit kleinen Ausfl\u00fcgen in die spezielle Geschichte zum Haus oder dem Ort, an dem es steht. Ich habe viel erfahren \u00fcber den deutschen F\u00f6deralismus, die Kulturf\u00f6rderung, den Anspruch von Publikum und Kunstschaffenden, der nicht immer auf einer Linie liegt, und \u00fcber viele Orte, Landschaften und Sehensw\u00fcrdigkeiten, die bisher an mir vorbeigegangen sind. (Ich muss ganz dringend nach Sachsen-Anhalt! Wer h\u00e4tte es gedacht.)<\/p>\n<p>Ich fand den Stil sehr wohltuend und passend; kein doofes Bildungsb\u00fcrgergequatsche, kein elit\u00e4rer Opernsnobismus. Ganz im Gegenteil: Ich behaupte, dass auch Leute, die vorher dieser Kunstform so gar nichts abgewinnen konnten, sich jetzt vielleicht doch mal so einen Quickie wie <em>Tosca<\/em> mit ihren lausigen zwei Stunden Spieldauer anschauen wollen, weil <em>Walk\u00fcre<\/em> so herrlich nahbar ist. Jedenfalls w\u00fcnsche ich mir das. Genauso wie ich mir w\u00fcnsche, dass Bollmann ne Menge Exemplare von diesem kleinen Schmuckst\u00fcck verkauft.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u201eAnders als in Berlin herrscht in M\u00fcnchen eine klare Hierarchie der Opernh\u00e4user. Die Staatsoper f\u00fcr den Glanz und die gro\u00dfen Namen, der G\u00e4rtnerplatz f\u00fcr das Volk. Weil in der sozial weniger gespaltenen Gesellschaft M\u00fcnchens auch ganz normale Leute ins Theater gehen, bleibt der Spielraum f\u00fcr Experimente begrenzt. 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