{"id":15062,"date":"2011-12-16T08:36:52","date_gmt":"2011-12-16T06:36:52","guid":{"rendered":"http:\/\/www.ankegroener.de\/?p=15062"},"modified":"2011-12-16T08:36:52","modified_gmt":"2011-12-16T06:36:52","slug":"das-dreigestrichene-hach","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/ankegroener.de\/blog\/?p=15062","title":{"rendered":"Das dreigestrichene Hach"},"content":{"rendered":"<p>Seit einigen Monaten (mit asthma-induzierter Zwangspause) nehme ich wieder Gesangsunterricht. Kenne ich ja eigentlich, denn vor sechs Jahren hatte ich mich bereits schon mal \u00fcberwunden, vor Leuten zu singen (also vor einem \u2013 meinem Lehrer), aber so richtig kann ich meine Befangenheit immer noch nicht ablegen, wenn ich hinter dem Klavier stehe und vor mir der Notenst\u00e4nder droht. Ich brauche mindestens ein Lied zum Ankommen, bis ich mich traue, die hohen T\u00f6ne rauszuhauen. Oder, wie ich seit gestern wei\u00df, ein gelbes Massageb\u00e4llchen und eine gesunde Vorstellungskraft.<\/p>\n<p>Dass ich die H\u00f6he drin habe, wei\u00df ich. Ich nutze nur leider immer noch meine alte Technik, um mich an sie ranzuw\u00fcrgen. N\u00e4mlich genau die: Ich dengele meine Stimme irgendwie mit Gewalt in die H\u00f6he. Das war (b\u00f6se ausgedr\u00fcckt) die Technik, die mir mein alter Lehrer beigebracht hat: mit Kraft singen. Es gibt in \u201eSister Act\u201c eine sch\u00f6ne Szene, wo Whoopie Goldberg der piepsenden Nonne, die zaghaft und leise singt, ihre Hand ins Zwerchfell dr\u00fcckt \u2013 woraufhin Piepsi sofort voller klingt, denn mit der Hand im Bauch hat sie jetzt etwas, gegen das sie anarbeiten kann. So habe ich auch ewig ge\u00fcbt: Wenn nix mehr ging (und meine Atemtechnik war leider immer bescheiden), habe ich die Hand gegen mein Zwerchfell gedr\u00fcckt, um gegen sie anzusingen.<\/p>\n<p>Mein jetzige Lehrerin versucht gerade, mir genau das Gegenteil beizubringen. Loslassen. Entspannen. Einfach so locker da oben hinsingen. (Isklar.) Das klappt manchmal, auch wenn ich dann immer das Gef\u00fchl habe, ich klinge wie ein bekiffter Slacker, wenn ich mich in die hohen T\u00f6ne fallen lasse wie in eine H\u00e4ngematte. Meist mache ich noch eine divenhafte Handbewegung, als ob ich die T\u00f6ne \u00fcber die Schulter werfe (bei meinem alten Lehrer habe ich einen imagin\u00e4ren Frisbee nach vorne geworfen). Das ist f\u00fcr liebliche Liedchen h\u00fcbsch, aber gestern hatte ich eine schlecht gelaunte Avril Lavigne vor mir.<\/p>\n<p>Die Dame steht einsam im Dunkeln bei Regen auf einer Br\u00fccke und findet es total doof, dass sie niemand lieb hat. Deswegen schreit sie zum Schluss des <a href=\"http:\/\/www.youtube.com\/watch?v=rRst5irZIRg\">Songs<\/a> ihren Frust in ein paar hohen \u201eYe-Yeahs\u201c raus \u2013 aus denen ich in der letzten Stunde ein sch\u00fcchternes Husten gemacht habe. Das k\u00f6nnte auch daran liegen, dass ich auf die Noten gucke, denn dann sehe ich nat\u00fcrlich, dass da irgendwo der hohe, laute Schei\u00df auf mich wartet, an dem ich gerne scheitere \u2013\u00a0und schon werde ich atemloser und verkrampfter, bis der Ton erst recht nicht mehr mag. <\/p>\n<p>Deswegen habe ich zur gestrigen Stunde die Aufgabe gekriegt, das Lied auswendig zu lernen \u2013\u00a0bzw. den Text. Ohne Noten, damit ich da nicht immer hinstarre. Hab ich <a href=\"https:\/\/twitter.com\/#!\/ankegroener\/status\/147036858977759232\">gemacht<\/a>. Trotzdem bin ich vor dem Rumschreien zur\u00fcckgezuckt, denn das macht man doch nicht. So laut sein und so. Das meinte auch meine Lehrerin: Als Kind schreit man erstmal in tollen Tonlagen und in grandioser Lautst\u00e4rke rum, bis einem mehr und mehr Leute sagen, genau das bitte sein zu lassen. Bisschen leiser, bitte. Bisschen ruhiger, bitte. Und was ich jetzt gerade neu lerne, ist: laut sein. Und rumschreien. Und das, wenn m\u00f6glich, in einer bestimmten Tonh\u00f6he und so, dass es sich nicht nach schreien, sondern nach singen anh\u00f6rt. Also alles ganz einfach.<\/p>\n<p>Da ich aber trotzdem meinen Kopf nie ganz ausmachen kann (\u201eSei nicht so laut\u201c) und auch der auswendig gelernte Text nicht gereicht hat, meine Stimmb\u00e4nder in die H\u00f6he zu kriegen, habe ich einen gelben Massageball in die Hand gekriegt, den ich mir selber zuwerfen sollte, w\u00e4hrend ich mit Avril miese Laune habe. Gleichzeitig habe ich mir vorgestellt, ich sei wieder 3 und WILL JETZT MEINEN TEDDY HABEN. Und das hat wirklich funktioniert: Ich habe mich so darauf konzentriert, den bl\u00f6den Ball nicht fallenzulassen und meinen Teddy zu vermissen, dass mein Kopf keine Zeit mehr hatte, mir zu signalisieren, wie peinlich das ist, hier depressiv rumzuschreien. Und auch wenn der Song total deprimierend ist, hatte ich nach den YEAHS ein so fettes Grinsen im Gesicht, dass wir danach einen fiesen <a href=\"http:\/\/www.youtube.com\/watch?v=sK4WsjmrJZU\">Schmachtfetzen<\/a> singen mussten.<\/p>\n<p>F\u00fcr die n\u00e4chste \u00dcbungssession in der K\u00fcche klaue ich mir den Football vom Kerl und rufe nach meinem alten Stoff-Fliegenpilz, den man aufziehen konnte und der dann \u201eEin M\u00e4nnlein steht im Walde\u201c gespielt hat. YE-YEAH, Emotanten!<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Seit einigen Monaten (mit asthma-induzierter Zwangspause) nehme ich wieder Gesangsunterricht. 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