{"id":1510,"date":"2006-05-21T08:18:08","date_gmt":"2006-05-21T07:18:08","guid":{"rendered":"http:\/\/www.ankegroener.de\/?p=1510"},"modified":"2006-05-21T08:30:18","modified_gmt":"2006-05-21T07:30:18","slug":"wie-boris-becker-in-dem-seinem-wohnzimmer","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/ankegroener.de\/blog\/?p=1510","title":{"rendered":"Wie Boris Becker in dem seinem Wohnzimmer"},"content":{"rendered":"<p>Da ich meine Eintr\u00e4ge immer etwas zeitversetzt poste, hier eine kleine Zeitkapsel: Es ist jetzt Samstag, 20. Mai, halb drei Uhr nachmittags, ich bin nassgeregnet, durchgeschwitzt, am Verdursten, meine Schultern und F\u00fc\u00dfe und Unterarme tun weh, ich m\u00f6chte jetzt sofort ein hei\u00dfes Bad und eine Massage haben \u2013 und ich bin wahnsinnig gut gelaunt. Oder anders: Ich habe eben zum ersten Mal \u201erichtig\u201c Golf gespielt.<\/p>\n<p>Ich wei\u00df nicht, wie andere Clubs ihre Anf\u00e4ngerkurse durchf\u00fchren; bei <a href=\"http:\/\/www.redgolf.de\/index_moorfleet.html\">uns<\/a> (huch, ich identifiziere mich schon mit einem Golfclub \u2013 Zeit, sich \u00fcber eine Mitgliedschaft Gedanken zu machen) wird man erstmal langsam angefixt. Ich pers\u00f6nlich habe jetzt insgesamt 16 Stunden mit einem Pro auf der Driving Range verbracht, im \u00dcbungsbunker, auf dem \u00dcbungsgr\u00fcn und auf einem einzigen \u00dcbungsloch, an das man sich ungef\u00e4hr 50 Meter ranspielen kann. Wir bl\u00f6den platzreifelosen Anf\u00e4nger d\u00fcrfen nienienie auf den richtigen Platz; wir d\u00fcrfen ihn nur sehnsuchtsvoll anhimmeln \u2013 wie er unschuldig daliegt, verhei\u00dfungsvoll und leer, hinter dem Zaun der Driving Range oder an der Stra\u00dfe, die zum Clubhaus f\u00fchrt. In den letzten Wochen habe ich mehr und mehr die Spieler beneidet, die einfach parken, ihre Taschen schultern und zum Loch 1 marschieren, das direkt hinter dem Clubhaus anf\u00e4ngt. Ja, genau da, wo ich sie sehen kann, wenn ich auf dem \u00dcbungsgr\u00fcn stehe und danebenputte.<\/p>\n<p>Aber Freitag bin ich zum ersten Mal ein Fairway runtergelaufen. Da fand n\u00e4mlich unser Etikettekurs statt. Beim Golf gibt es nicht nur diverse Regeln, an deren Formulierungen ich mir immer noch mein Hirn verbiege, sondern auch die so genannte <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Golfetikette\">Etikette<\/a>. Das sind teilweise Nettigkeiten wie Spielergruppen, die schneller spielen als man selbst, durchzuwinken, oder Gute-Kinderstube-Regeln wie \u201eVerlass den Platz so wie du ihn vorgefunden hast\u201c, was bedeutet, dass man Pitchmarken auf dem Gr\u00fcn ausbessert oder den Bunker harkt, wenn man darin geschlagen hat. (Pitchmarken sind h\u00e4ssliche Dellen, die ein Ball hinterl\u00e4sst, der aufs Gr\u00fcn geflogen kommt. Die bessert man mit einer <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Pitchgabel\">Pitchgabel<\/a> aus, indem man den Rasen auflockert, so dass die Graswurzeln wieder anwachsen k\u00f6nnen.) <\/p>\n<p>Wir hatten beim Kurs zwei Golfspieler, die ein, zwei L\u00f6cher gespielt haben und dabei so richtig sch\u00f6n alles falsch gemacht haben was ging, und wir durften nach ihren Schl\u00e4gen aufz\u00e4hlen, was wir alles an Fehlern entdeckt hatten. Das ganze war ziemlich am\u00fcsant, auch wenn es etwas demoralisierend war, einem Zw\u00f6lfj\u00e4hrigen mit <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Handicap_%28Golf%29\">Handicap<\/a> 22 zuzugucken, wie er einen Ball gef\u00fchlte 200 Meter weit den Platz runterpr\u00fcgelt. <\/p>\n<p>F\u00fcr dieses nette Laienschauspiel sind wir dementsprechend auf den Platz gegangen. Und ich habe mich auf den ersten Metern wie Bobbele in Wimbledon gef\u00fchlt. Nach den ganzen Probestunden unter Aufsicht und meinen diversen \u00dcbungseinheiten alleine war ich endlich, endlich, endlich auf dem Platz. Das Fairway war vor kurzem gem\u00e4ht worden, so dass alles nach frischem Gras duftete. Es nieselte leicht, was mir pers\u00f6nlich lieber ist als knallende Sonne, und der Wind verwehte die meisten Unterhaltungen in der Gruppe, so dass es sich wie ein kleiner, z\u00fcgiger Spaziergang mit Hintergrundgemurmel anf\u00fchlte. Und ich war komischerweise sehr ergriffen. Wahrscheinlich weil ich mich eben seit Wochen auf diesen Augenblick gefreut hatte.<\/p>\n<p>Und einen Tag sp\u00e4ter durfte ich dann endlich nicht nur auf dem Gras gehen, sondern auch darauf spielen. Unsere letzte Stunde mit unserem Pro war da, und wir haben vier L\u00f6cher gespielt. Meist nicht vom Abschlag aus, denn nat\u00fcrlich brauchen wir Anf\u00e4nger ungef\u00e4hr achtzigmal so viele Schl\u00e4ge wie jemand, der schon etwas l\u00e4nger wei\u00df, was er da tut. Um die Gruppen, die hinter uns kamen, nicht unn\u00f6tig aufzuhalten, haben wir den Weg zur Fahne etwas verk\u00fcrzt und mitten aus dem Fairway abgeschlagen. Dazu kamen zum ersten Mal die <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Tee_%28Golfsport%29\">Tee<\/a>s zum Einsatz und ebenfalls zum ersten Mal unsere eigenen B\u00e4lle, den bisher hatten wir ja nur die knallgelben Rangeb\u00e4lle. Wieder was gelernt: Man braucht zum Golfen nicht nur die Schl\u00e4ger, sondern eben auch B\u00e4lle. Und Tees. Und eine Pitchgabel. Und einen Stift, um seinen Ball zu kennzeichnen, denn nat\u00fcrlich kann es vorkommen, dass mehrere Leute die gleiche Marke spielen. Und man braucht einen Ballmarker, um seinen Ball auf dem Gr\u00fcn zu markieren. Bei mir ist es ein Dime, ein amerikanisches 10-Cent-St\u00fcck. Aber wenn man das alles hat, kann es theoretisch losgehen.<\/p>\n<p>Also los. Wir waren zwei Kerle und zwei M\u00e4dels in der Gruppe, und ich wusste bis heute nicht, wie gut oder schlecht die anderen spielen. Man steht zwar in den Stunden direkt nebeneinander auf der Range, aber man ist so auf sich selbst und seinen Schwung konzentriert, dass man wirklich nicht nach rechts oder links guckt. Was gut f\u00fcr den Hinterkopf ist, wenn man selbst einen Ball v\u00f6llig vergurkt und hofft, dass es niemand gesehen hat. Wahrscheinlich hat es wirklich niemand gesehen, weil niemand drauf geachtet hat.<\/p>\n<p>Aber jetzt auf dem Platz war das nat\u00fcrlich anders. Ich durfte als erstes ran \u2013 und auf einmal war ich widerlich nerv\u00f6s. Ich hatte mich vorher nicht gro\u00dfartig warmgemacht, keine \u00dcbungsb\u00e4lle geschlagen, und pl\u00f6tzlich stand ich auf einem Golfplatz (AUF EINEM GOLFPLATZ, VERDAMMT) anstatt auf einer glatten Kunstrasenplatte mit einer 200 Meter breiten Range vor mir, vier Leute guckten mir erwartungsvoll zu, vor mir lag ein Ball mit einem krakeligen \u201eA\u201c und drei\u00dfig Logos auf einem Tee, eine 50 Meter schmale Bahn mit links der Elbe und rechts einem W\u00e4ldchen sch\u00fcchterte mich ein, ich hatte das Eisen 7 in der Hand, und ungef\u00e4hr 150 Meter vor mir flatterte eine kleine wei\u00dfrote Fahne im Wind. Zwei Sekunden lang hatte ich das Gef\u00fchl, noch nie dieses komische Ding da in meiner Hand benutzt zu haben, aber dann hat sich mein K\u00f6rper daran erinnert, was er sonst so macht, wenn ich dieses Ding in der Hand habe. Ich habe also meinen Griff angesetzt, den Schl\u00e4ger nochmal senkrecht hochgenommen (hab ich mir irgendwie angew\u00f6hnt, diese Bewegung), dann den Schl\u00e4ger weit genug vom Ball weggesetzt und dabei ausgeatmet. Den R\u00fcckschwung gemacht, locker nach vorne zum Probeschlag durchgeschwungen, Gesicht zur Fahne. Atmen. Jetzt den Schl\u00e4ger an den Ball. Augen auf den Ball. Nicht lange nachdenken, ruhig zur\u00fcckschwingen, Arm gerade lassen, den Impuls aus der H\u00fcfte geben, die Arme folgen ganz einfach, ohne Kraft nach vorne schwingen \u2013 und pl\u00f6tzlich h\u00f6rte ich das gewohnte \u201eKlack\u201c, wenn das Eisen den Ball richtig trifft und sah dem Ball zu, wie er in einem wundersch\u00f6nen Bogen geradeaus in Richtung Fahne flog.<\/p>\n<p>\u201eGreat shot, Anke!\u201c (Habe ich erw\u00e4hnt, dass mein Lehrer Amerikaner ist? War ja zu erwarten bei Frau Gr\u00f6ner.) Ich muss ziemlich dummselig geguckt haben, als ich zu meiner Tasche zur\u00fcckging. Dieser Schlag hatte sich so gro\u00dfartig angef\u00fchlt, dass ich noch minutenlang gegrinst habe. Und wie gut er war, habe ich gesehen, als die anderen geschlagen bzw. es versucht haben. Ein Kerl und ich haben relativ ordentlich gespielt, w\u00e4hrend die anderen beiden jeden dritten Ball nicht mehr wiedergefunden haben bzw. irgendwann einfach abgeschenkt haben, weil es zu lange gedauert h\u00e4tte. Wir haben ein Par-4-Loch ganz gespielt, also vom Abschlag bis zum Einlochen, und ich komme immer noch nicht dar\u00fcber weg, dass ich daf\u00fcr nur 5 Schl\u00e4ge gebraucht habe. Okay, ein Loch vorher habe ich ungef\u00e4hr 17 Schl\u00e4ge gebraucht und einen Ball aus dem Bunker direkt wieder in den Bunker gew\u00fcrgt, aber egal. Ich fand mich f\u00fcr das erste Mal ziemlich klasse und bin jetzt etwas beruhigter, was die praktische Pr\u00fcfung angeht. Vielleicht habe ich bis dahin auch die <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Stableford\">Stableford<\/a>-Z\u00e4hlweise verstanden, nach der unser Platzreife-Turnier ausgetragen wird. Dr\u00fcckt mir die Daumen. N\u00e4chsten Samstag bin ich entweder verdammt gut gelaunt \u2013 oder richtig pissig.<\/p>\n<p>(Dieser Eintrag steht <a href=\"http:\/\/www.golfersdelight.de\/2006\/05\/21\/wie-boris-becker-in-dem-seinem-wohnzimmer\/\">auch<\/a> auf Golfers Delight)<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Da ich meine Eintr\u00e4ge immer etwas zeitversetzt poste, hier eine kleine Zeitkapsel: Es ist jetzt Samstag, 20. Mai, halb drei Uhr nachmittags, ich bin nassgeregnet, durchgeschwitzt, am Verdursten, meine Schultern und F\u00fc\u00dfe und Unterarme tun weh, ich m\u00f6chte jetzt sofort ein hei\u00dfes Bad und eine Massage haben \u2013 und ich bin wahnsinnig gut gelaunt. 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