{"id":17796,"date":"2012-11-22T09:50:13","date_gmt":"2012-11-22T07:50:13","guid":{"rendered":"http:\/\/www.ankegroener.de\/?p=17796"},"modified":"2012-11-23T10:43:11","modified_gmt":"2012-11-23T08:43:11","slug":"november-journal-22-november-2012","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/ankegroener.de\/blog\/?p=17796","title":{"rendered":"November-Journal, 22. November 2012"},"content":{"rendered":"<p>Morgens nicht aus dem Bett (beziehungsweise vom Sofa runter-) gekommen. iPhone klingelte um 8, ich wischte wieder und wieder \u00fcber die Snooze-Funktion, und als es fast 9 war, sagte ich mir, wenn du jetzt nicht aufstehst, stehst du nie auf. Schlie\u00dflich wartete um 10 mein Lieblingskurs mit dem Lieblingsdozenten, mit dem mich <a href=\"https:\/\/twitter.com\/kaltmamsell\/status\/271277903415738368\">Frau Kaltmamsell verkuppeln will<\/a>, weil ich nur schw\u00e4rmerische Tweets \u00fcber ihn bzw. seinen Kurs absetze. Was das Aufstehen nicht leichter, aber sinnvoller machte.<\/p>\n<p>Gestern war wieder so eine Sternstunde: Ich lernte die <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Opera_seria\">metastasianische Oper<\/a> kennen (nach ihrem bedeutendsten Librettisten, <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Pietro_Metastasio\">Pietro Metastasio<\/a>). Extrem gerafft: Metastasio schrieb 27 Dramen, genauer gesagt, <em>dramma per musica<\/em>, die vertont wurden \u2013 klingt erstmal nicht au\u00dfergew\u00f6hnlich, aber: Diese Dramen folgten immer den gleichen Gesetzen und sie wurden teilweise 50 bis 90 Mal von \u00fcber 300 Komponisten vertont, von manchen gleich mehrmals. Diese Art der Oper hatte ihren Ursprung in Italien und verbreitete sich im 18. Jahrhundert wie ein Lauffeuer durch fast ganz Europa; der Balkan mochte nicht mitspielen, weil er gerade t\u00fcrkisch besetzt war, und die Franzosen wollten, <em>naturellement<\/em>, nicht Italienisch singen und hatten daher wie immer ne Extrawurst. Der Rest von Europa verfiel aber dem Schema der zwei Paare, die sich im Laufe der Oper kriegen, nat\u00fcrlich nicht, ohne wildeste Verwicklungen hinter sich zu bringen. Und mit \u201ewildeste\u201c meine ich \u201ewildeste\u201c. Ich verstehe jedenfalls selten die Inhaltsangaben in Opernf\u00fchrern oder der Wikipedia, wenn ich versuche, die Handlung nachzuvollziehen \u2013 der letzte Versuch war H\u00e4ndels <em><a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Serse#Erster_Akt\">Xerxes<\/a><\/em> \u2013 und war deshalb sehr froh zu h\u00f6ren, dass ich damit nicht alleine bin.<\/p>\n<p>Der Dozent versuchte, uns die Handlung von Vivaldis <em>L&#8217;Olimpiade<\/em> per Schaudiagramm aufzuzeichnen, musste aber selbst dauernd nachgucken, wer jetzt mit wem verwandt ist, wer wen umbringen will und warum und wer sich zum Schluss kriegt (\u201eDie beiden sind sich eigentlich treu, werden aber durch die Umst\u00e4nde daran gehindert. Und die Dame ist seine Zwillingsschwester, aber das wissen beide nicht, und schon sind wir im ARD-Vorabendprogramm.\u201c). Die Handlung ist stets dramatisch, das Ende so gut wie immer gl\u00fccklich, und neben einer (oder zwei) angedeuteten Hochzeit(en) gibt es eine gro\u00dfe Geste der Vergebung. Denn die Opern waren Auftragswerke der F\u00fcrstenh\u00f6fe, die sich mit diesen Werken ein bisschen selbst bepuschelten, weswegen auch immer ein Herrscher mitspielte, der die Vergebungsgeste ausf\u00fchrte.<\/p>\n<p>Wir wollten gerade quengeln, dass das doch langweilig sei, immer die gleichen Storys zu h\u00f6ren, als der Dozent die Stichworte \u201eromantic comedy\u201c\u00a0und \u201eRosamunde Pilcher\u201c in den Raum warf, worauf wir brav verstummten. \u00dcberhaupt Film: Die Stars der Oper waren Stars wie heute die Jungs und M\u00e4dels aus Hollywood oder Fu\u00dfballspieler. Sie verpflichteten sich f\u00fcr eine Saison an einem Hof, zogen dann an einen anderen weiter und wurden, bei gewissem Ruf, \u00fcberall bewundert. Der Dozent beschrieb es so: \u201eDie \u00fcberregionale Wirkung der Opera seria kann mit heutigen Hollywoodfilmen oder Fu\u00dfball verglichen werden. Da spielen Kastraten aber keine so gro\u00dfe Rolle.\u201c<\/p>\n<p>Auch neu f\u00fcr mich war der irrwitzige Output. In Italien wurden 80 bis 100 Opern pro Jahr neu komponiert und aufgef\u00fchrt, manche bis zu 30 Vorstellungen lang. Dann flogen sie vom Spielplan, und die n\u00e4chste Premiere stand an. Und das Publikum war da: Es war v\u00f6llig normal, so oft wie m\u00f6glich in die Oper zu gehen, gerne auch in das gleiche St\u00fcck und gerne in alle 30 Vorstellungen. \u201eHeute machen das ja nur noch verzweifelte Singles, so oft in die Oper gehen &#8230;\u201c *Murren im Saal* \u201e&#8230; nicht Sie, dass Sie nicht so oft in die Oper gehen, merke ich, wenn ich das Repertoire abfrage.\u201c<\/p>\n<p>Ich h\u00e4tte wie immer noch viel mehr zu erz\u00e4hlen, denn der Dozent hat ja auch viel mehr zu erz\u00e4hlen, und ich schreibe mit wie doof und freue mich nach jeder Stunde schon auf die n\u00e4chste. Ich ahne, dass man das meinen Tweets anmerkt.<\/p>\n<p>&#8212;<\/p>\n<p>In der Vorlesung zur Kunstgeschichte sprinteten wir noch einmal durch die Gotik; wo ich mich letztes Mal in die Kathedralen von Chartres, Amiens und Reims verliebt hatte, durfte ich mich gleich noch mal verlieben, denn dieses Mal kamen die Portale und damit die ganzen Figuren und Fig\u00fcrchen dran, die so an den Eing\u00e4ngen rumlungern. Seit 800 Jahren, die Armen. Daf\u00fcr sehen sie teilweise aber noch grandios aus. (Auf der <a href=\"http:\/\/www.cathedrale-reims.com\/notre-dame-saint-jacques-reims\/rubrique2.php?ident=6150\">Website von Reims<\/a> gibt&#8217;s ein paar Alben zum Durchklicken.) Und die lustigen Zierbl\u00fcmchen auf den <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Wimperg\">Wimpergen<\/a> (ja, wieder was gelernt) hei\u00dfen allen Ernstes <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Krabbe_(Kunstgeschichte)\">Krabben<\/a>. Ich kann mir immer nur die beknackten Worte merken, weil sie so beknackt sind.<\/p>\n<p>&#8212;<\/p>\n<p>Kein Anruf der Spedition, wann sie gedenken, mir meine M\u00f6bel zu liefern. Ich hab keine Nummer, unter der ich sie erreichen k\u00f6nnte, ich hab ja nicht mal einen Namen. Heute mal bei einer der drei Ikea-Nummern anrufen, die ich bis jetzt sammeln konnte, vielleicht wissen die, wer das erledigt. <\/p>\n<p>Zum Trost vom tempor\u00e4ren Mitbewohner mit Lauchsuppe bekocht worden. Musste mir anh\u00f6ren, dass ich ein <em>spoilt brat<\/em> sei, weil ich seinen Soave okay, aber nicht super fand. Seit wann ist \u201eokay\u201c ein Schimpfwort? Okay ist okay. (Aber nicht super. Hm. Na gut.) Trauere meinen Weinvorr\u00e4ten in Hamburg nach. Da f\u00e4llt mir ein: Ich hab hier noch kein Weinregal. Aber ich hab ja auch noch nix anderes. Seufz.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Morgens nicht aus dem Bett (beziehungsweise vom Sofa runter-) gekommen. iPhone klingelte um 8, ich wischte wieder und wieder \u00fcber die Snooze-Funktion, und als es fast 9 war, sagte ich mir, wenn du jetzt nicht aufstehst, stehst du nie auf. 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