{"id":17977,"date":"2012-12-13T10:01:43","date_gmt":"2012-12-13T08:01:43","guid":{"rendered":"http:\/\/www.ankegroener.de\/?p=17977"},"modified":"2012-12-13T18:05:36","modified_gmt":"2012-12-13T16:05:36","slug":"drei-minuten-mozart","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/ankegroener.de\/blog\/?p=17977","title":{"rendered":"Drei Minuten Mozart"},"content":{"rendered":"<p>Ich quengele ja gerne dar\u00fcber, dass mir Mozart-Opern so richtig auf den Keks gehen. Half aber nichts \u2013\u00a0gestern musste ich mich in Musikwissenschaft mit ihnen befassen. Oder wie mein Professor so sch\u00f6n sagte: \u201ePassend zum Heiratsdatum 12.12.12 besch\u00e4ftigen wir uns heute mit der <em>Hochzeit des Figaro<\/em>.\u201c Ich will nicht sagen, dass ich nach 90 Minuten bekehrt bin, aber mein Gen\u00f6le, dass Mozart blo\u00df Ohrenpl\u00fcsch ist, lasse ich jetzt lieber mal bleiben.<\/p>\n<p>Wenn Sie mal kurz die <a href=\"http:\/\/conquest.imslp.info\/files\/imglnks\/usimg\/d\/d2\/IMSLP25308-PMLP03845-Mozart_Figaro_K.492_Act_1_I--IV.pdf\">Noten der ersten Szene<\/a> aufschlagen w\u00fcrden? Ich warte. <\/p>\n<p>Alle wieder da? Gut.<\/p>\n<p>In der Opera buffa geht es nicht mehr ganz so streng zu wie in der Opera seria, wo jede Handlung nur im Rezitativ stattfindet und die Arien die Aktion keinen Deut voranbringen. Jetzt darf auch per Gesang kundgetan werden, was gerade so abgeht. Au\u00dferdem hat der Adel keine so gro\u00dfe Rolle mehr. In der Oper seria waren alle ernstzunehmenden Partien Adlige, und das Volk diente, wenn es \u00fcberhaupt vorkam, als <em>comic relief<\/em>. Prof: \u201eDer Adel war schlie\u00dflich nichts, wor\u00fcber man lachen sollte. Dass das heute nicht mehr so ist, sehen wir am Fall zu Guttenberg.\u201c* <\/p>\n<p>Insofern ist der <em>Figaro<\/em> bemerkenswert, weil wir erstens B\u00fcrgerliche auf der B\u00fchne haben, davon gleich zwei \u2013 und die singen relativ schnell gemeinsam. Anstatt dass wir erst mal in einem Rezitativ oder einer Solo-Arie gesagt bekommen, worum es hier geht und wer das da vorne \u00fcberhaupt ist, geht&#8217;s gleich los und zwar mit einem Duett. <a href=\"http:\/\/youtu.be\/lW1_LJn6keY?t=5m17s\">Wir h\u00f6ren mal zu<\/a>.<\/p>\n<p>Das Vorspiel dauert schlanke 18 Takte (bis Seite 16, dritter Takt), man h\u00f6rt deutlich, wo es zu Ende ist \u2013\u00a0und eigentlich der S\u00e4nger beginnen m\u00fcsste. Macht er aber nicht. Der Gute misst stattdessen irgendwas auf dem Boden aus und l\u00e4sst das Orchester noch f\u00fcnf Schl\u00e4ge weiterspielen \u2013 erst dann sagt er sein erstes Wort, und das lautet ausgerechnet \u201ecinque\u201c (f\u00fcnf). Und als ob das nicht schon h\u00fcbsch genug w\u00e4re, bilden die beiden Silben dieses Wortes beim Singen eine Quinte. Sp\u00e4testens hier f\u00e4chelte ich mir Luft zu, weil ich so viel Cleverness einfach charmant finde.<\/p>\n<p>In Takt 30 setzt dann Susanna ein und zwar mit einer Tonfolge, die in ihrer Verspieltheit an die flatternden B\u00e4nder ihres Hutes erinnert, den sie gerade vor dem Spiegel anprobiert. Sie bittet Figaro, ihn sich anzusehen, das hei\u00dft, sie spricht ihn an, woraufhin er seine Konzentration verliert und \u201eaus dem Takt kommt\u201c \u2013\u00a0sein n\u00e4chstes \u201ecinque\u201c ist nur noch eine Quarte.<\/p>\n<p>Als guter zuk\u00fcnftiger Ehemann wei\u00df Figaro nat\u00fcrlich, was er zu sagen hat \u2013 \u201enein, du siehst in diesem Hut nicht dick aus\u201c \u2013 und so imitiert er brav ihre Melodie, nachdem er merkt, dass er mit dem Vermessen eh nicht weiterkommt. Sein erster Takt auf Seite 20 besteht aus genau den gleichen Noten, die auch Susanna schon im 5. Takt auf Seite 17 sang.<\/p>\n<p>Der Prof meinte noch irgendwas von einer Dominante, mit der Figaro die Szene beschlie\u00dft \u2013 quasi wie im Sonatensatz, wo das Seitenthema in der Dominante beginnt \u2013, aber das finde ich nicht mehr wieder. Wir sind in G-Dur, sein \u201eSeitenthema\u201c auf Seite 20 beginnt mit dem \u201eSi\u201c, aber das ist kein D (das w\u00e4re die Dominante von G), sondern ein A, wenn ich den ollen Bass-Schl\u00fcssel richtig lese. Hm.<\/p>\n<p>(Edit: Post, Post, gleich zweimal Post mit zwei Theorien zur Dominante. Einmal von Stephan:<\/p>\n<blockquote><p>\u201eder Anfangston des Seitenthemas (auf  Seite 20 der Partitur) ist zwar ein a. Die Tonart ist jedoch D-Dur, wie man am Cis im Bass sehen kann, das in G-Dur ja nichts verloren hat. A-Dur ist es nicht, denn da m\u00fcsste ein Gis vorkommen, was es nicht tut. Also: Der Prof hat schon recht.\u201c<\/p><\/blockquote>\n<p>Und von <a href=\"http:\/\/vierachtel.wordpress.com\/\">Ulrike<\/a>, die es anders, aber f\u00fcr mich genauso logisch erkl\u00e4rt:<\/p>\n<blockquote><p>\u201eIch habe mal kurz in der Partitur gebl\u00e4ttert. Du hast richtig gelesen, das ist ein A, sogar A-Dur. A-Dur w\u00e4re die Dominante der Dominante (D) (man sagt auch Doppeldominante), kommt in G-Dur eigentlich gar nicht vor. Allerdings sieht es mir hier nach einer Transposition aus, also einem tempor\u00e4ren Tonartwechsel von G-Dur nach D-Dur. Und in D-Dur ist A-Dur tats\u00e4chlich die Dominante.\u201c<\/p><\/blockquote>\n<p>Dankesch\u00f6n!)<\/p>\n<p>In der \u00dcbung nach der Vorlesung haben wir dann die ersten f\u00fcnf Minuten im <em>Don Giovanni <\/em>auseinandergenommen, f\u00fcr deren Handlung Wagner wahrscheinlich zwei Abende gebraucht h\u00e4tte. Hat f\u00fcr mich immer noch den gr\u00f6\u00dferen Reiz, aber ich gebe zu, ich werde Mozart ab jetzt vielleicht etwas anders h\u00f6ren. Vielleicht am besten mit den Noten auf den Knien, bevor ich das sechste Mal in eine Mozart-Oper gehe und zum sechsten Mal genervt wieder rauskomme.<\/p>\n<p>&#8212;<\/p>\n<p>* F\u00fcr diese Bemerkung hat der Prof, laut Eigenaussage, nach der Vorlesung von den Seniorenstudenten einen Satz hei\u00dfe Ohren kassiert: Das sei ja v\u00f6llig aufgeblasen worden, diese \u201eAff\u00e4re\u201c, der sei doch ein Guter, der habe doch kaum abgeschrieben, damit m\u00fcsse sich der Prof doch bitte noch mal besch\u00e4ftigen. Seufz.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ich quengele ja gerne dar\u00fcber, dass mir Mozart-Opern so richtig auf den Keks gehen. Half aber nichts \u2013\u00a0gestern musste ich mich in Musikwissenschaft mit ihnen befassen. 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