{"id":18260,"date":"2013-01-09T09:56:08","date_gmt":"2013-01-09T07:56:08","guid":{"rendered":"http:\/\/www.ankegroener.de\/?p=18260"},"modified":"2013-01-09T09:56:08","modified_gmt":"2013-01-09T07:56:08","slug":"brainiac","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/ankegroener.de\/blog\/?p=18260","title":{"rendered":"Brainiac"},"content":{"rendered":"<p>Gestern im Seminar \u201eDie Anf\u00e4nge der Portr\u00e4tmalerei im 14. und 15. Jahrhundert\u201c h\u00f6rten wir spannende Dinge \u00fcber unter anderem <a href=\"http:\/\/en.wikipedia.org\/wiki\/Pisanello\">Pisanello<\/a>s <em>Portr\u00e4t des <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Leonello_d%E2%80%99Este\">Leonello d\u2019Este<\/a><\/em> von 1441. Das sieht so aus:<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.ankegroener.de\/razza\/..\/Bilder\/pisanello_deste.jpg\" alt=\"\" title=\"pisanello_deste\" width=\"500\" height=\"768\" class=\"alignnone size-full wp-image-18261\" \/><\/p>\n<p>Ich mag die Kodderschnauze unserer Dozentin sehr, die gerne mal mitten im Referat laut \u00e4u\u00dfert, dass manche Kunsthistoriker aber auch total beknackte Theorien entwickelt h\u00e4tten. \u201eAuf was f\u00fcr Ideen die Herren manchmal kommen. Naja. Aber machen Sie mal weiter, bitte.\u201c Gestern hatten wir wieder eine solche Theorie. <\/p>\n<p>Am Hof der Este war man Anh\u00e4nger des neu entstandenen Humanismus und erinnerte sich an die Antike, die als Norm f\u00fcr viele Lebensbereiche gelten sollte. Leonollo lie\u00df sich daher im Profil abbilden, ganz wie die antiken Herrscher auf ihren alten M\u00fcnzen, und nicht im 3\/4-Profil, wie es n\u00f6rdlich der Alpen um die Zeit schon Usus war. Auch hier konnte die Dozentin sich einen Seitenhieb nicht verkneifen: \u201eEs hei\u00dft ja immer, die italienische Renaissance w\u00e4re der Ausgangspunkt f\u00fcr quasi alles gewesen; vor D\u00fcrers Reise nach Italien h\u00e4tte Nordeuropa noch keine Ahnung von anst\u00e4ndiger Malerei gehabt. Das m\u00fcssen Sie sich abschminken, dass alles mit den niedlichen Raffael-Bildern angefangen hat.\u201c Frau Gr\u00f6ner fasste sich an ihre kleine Nase und h\u00f6rte weiterhin aufmerksam zu.<\/p>\n<p>Das Lustige an unseren Referaten ist, dass wir so ziemlich alle keine Ahnung haben. Die meisten von uns sind im ersten Semester und vertrauen daher der Literatur, die wir so finden. Was bleibt uns \u00fcbrig? Daher brachte die Referentin gestern auch im Brustton der \u00dcberzeugung die Idee vor, dass die seltsame Kopfform ein Hinweis auf die besondere Klugheit des Herrschers sei \u2013 Pisanello habe das Gehirn (!) des F\u00fcrsten betonen wollen. Woraufhin die Dozentin den oben zitierten Satz brachte und launig fragte, ab wann denn die Menschen \u00fcberhaupt wussten, wie ein Gehirn auss\u00e4he. Ich erinnerte mich an Michelangelo und dass der lustig an Leichen rumgeschnippelt hatte, um die Muskeln zu sehen, die unter der Haut spielten und die Bewegungen erzeugten, die er darstellen wollte. Der Kurs war der gleichen Meinung \u2013 \u201eso ab 1500?\u201c \u2013 und lag fast richtig: Leonardo da Vinci hatte sich schon vor Michelangelo f\u00fcr unser Gewebe interessiert. Pisanello aber noch nicht. Und von diversen niederl\u00e4ndischen Gem\u00e4lden kennen wir diese hoch anrasierten Schl\u00e4fen, den ausrasierten Nacken und sogar die rasierte Stirn auch schon. \u201eDer Gute hatte einfach viele Locken, und deswegen bauscht sich das bei ihm eben so. Aber nein, das ist nicht sein Gehirn, das behaupte ich jetzt einfach mal so.\u201c<\/p>\n<p>Ein weiteres Bildnis des F\u00fcrsten findet sich \u00fcbrigens auf ebenfalls von Pisanello angefertigten Medaillen, auch so ein wiederentdecktes antikes Ding. Von Leonello gibt es f\u00fcnf Medaillen, die an andere H\u00f6fe verschenkt wurden. Die Vorderseite ist stets sein Portr\u00e4t, aber auf der R\u00fcckseite finden sich verschiedene Darstellungen. In der italienischen Wikipedia sind sie <a href=\"http:\/\/it.wikipedia.org\/wiki\/Pisanello#Medaglie\">zu sehen<\/a>, und laut der Referentin, die hier unwidersprochen blieb, k\u00f6nnen wir uns nur noch auf eine R\u00fcckseite einen Reim machen. Auf dieser Medaille sehen wir einen nackten jungen Mann in einer Art Busch liegen, und hinter ihm befindet sich ein Gef\u00e4\u00df. Laut der Literatur, die ich hier wild aus dem Ged\u00e4chtnis zitiere, spielt dieses Motiv auf die Verg\u00e4nglichkeit des K\u00f6rpers an, der nur ein Gef\u00e4\u00df f\u00fcr unsere unsterbliche Seele ist. Kurz vor der Erstellung der Medaille hatte Este seine erste Frau verloren und besch\u00e4ftigte sich seitdem mit Fragen zum Leben und zum Tod.<\/p>\n<p>Alle anderen Medaillen bleiben uns verschlossen. Wir wissen nicht einmal, ob die damaligen Empf\u00e4nger etwas mit ihnen anfangen konnten, aber: Das sollten sie auf jeden Fall. Ein beliebtes Spiel unter humanistisch eingestellten Menschen war es, sich derartige R\u00e4tsel aufzugeben. Doof, dass wir auch nach 500 Jahren noch keine L\u00f6sung gefunden haben, obwohl sich diverse Kunsthistoriker_innen bereits daran versucht haben, allen voran <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Aby_Warburg\">Aby Warburg<\/a>. Ein Name, den ich fast jede Woche h\u00f6re, zusammen mit <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Heinrich_W%C3%B6lfflin\">W\u00f6lfflin<\/a>, <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Giovanni_Morelli\">Morelli<\/a> und <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Erwin_Panofsky\">Panofsky<\/a>. \u00dcberhaupt erstaunlich, was in doch recht kurzer Zeit schon alles im Kopf h\u00e4ngengeblieben ist und unwillk\u00fcrlich lustige neue Bahnen zu anderen Dingen kn\u00fcpft, die da schon rumliegen wie Michelangelo-Biografien oder altdeutsche Malerei. Toll.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Gestern im Seminar \u201eDie Anf\u00e4nge der Portr\u00e4tmalerei im 14. und 15. Jahrhundert\u201c h\u00f6rten wir spannende Dinge \u00fcber unter anderem Pisanellos Portr\u00e4t des Leonello d\u2019Este von 1441. Das sieht so aus: Ich mag die Kodderschnauze unserer Dozentin sehr, die gerne mal mitten im Referat laut \u00e4u\u00dfert, dass manche Kunsthistoriker aber auch total beknackte Theorien entwickelt h\u00e4tten. [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":10,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[],"class_list":["post-18260","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-weblog"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/ankegroener.de\/blog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/18260","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/ankegroener.de\/blog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/ankegroener.de\/blog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/ankegroener.de\/blog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/10"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/ankegroener.de\/blog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=18260"}],"version-history":[{"count":9,"href":"https:\/\/ankegroener.de\/blog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/18260\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":18270,"href":"https:\/\/ankegroener.de\/blog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/18260\/revisions\/18270"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/ankegroener.de\/blog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=18260"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/ankegroener.de\/blog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=18260"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/ankegroener.de\/blog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=18260"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}