{"id":18282,"date":"2013-01-13T14:05:45","date_gmt":"2013-01-13T12:05:45","guid":{"rendered":"http:\/\/www.ankegroener.de\/?p=18282"},"modified":"2013-01-13T15:01:16","modified_gmt":"2013-01-13T13:01:16","slug":"unfertiges-rumsinnieren-uber-moderne-kunst-oder-ein-blogeintrag-mit-vielen-vielleichts","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/ankegroener.de\/blog\/?p=18282","title":{"rendered":"Unfertiges Rumsinnieren \u00fcber moderne Kunst oder: Ein Blogeintrag mit vielen Vielleichts"},"content":{"rendered":"<p>Der charmante Begleiter gestern so im Haus der Kunst: \u201eEinmal f\u00fcr <a href=\"http:\/\/www.hausderkunst.de\/index.php?id=83&#038;no_cache=1&#038;tx_ttnews[tt_news]=1622\">Ends of the Earth<\/a>, bitte.\u201c<\/p>\n<p>\u201eDas macht zehn Euro.\u201c<\/p>\n<p>Ich so: \u201eGibt&#8217;s Erm\u00e4\u00dfigung f\u00fcr Studierende?\u201c<\/p>\n<p>\u201eJa, das w\u00e4ren dann sieben Euro.\u201c<\/p>\n<p>\u201eGibt&#8217;s noch nen Bonus, wenn&#8217;s Kunstgeschichte ist?\u201c<\/p>\n<p>\u201eGibt&#8217;s, dann kostet es gar nichts. Aber der Herr ist normal, ja?\u201c<\/p>\n<p>Das muss ich mir jetzt wahrscheinlich ewig anh\u00f6ren, dass man als Kunstgeschichtsstudi nicht normal ist. Aber darum soll&#8217;s mir gar nicht gehen.<\/p>\n<p>Die Ausstellung \u201eEnds of the Earth\u201c besch\u00e4ftigt sich mit Land Art, genauer gesagt, mit Land Art in der Zeit der sechziger Jahre bis 1974. Ich zitiere zur Einf\u00fchrung kurz von der oben verlinkten Website, die man sich gern komplett durchlesen darf:<\/p>\n<blockquote><p>\u201eAls erste gro\u00dfe Museumsausstellung \u00fcber Land Art liefert \u201eEnds of the Earth\u201c den bisher umfassendsten \u00dcberblick \u00fcber die Kunstbewegung, die die Erde als Material benutzte und das Land als Medium. (&#8230;) Anfang der 1960er-Jahre begannen K\u00fcnstler an verschiedensten Orten der Welt, mit Erde als Material zu arbeiten und sich mit der Beschaffenheit der Erde als Planet auseinanderzusetzen. (&#8230;) Oft operierten die K\u00fcnstler der Land Art direkt unter freiem Himmel. Dass die freie Natur andere Bedingungen f\u00fcr die Lebensdauer eines Werkes vorgab als geschlossene R\u00e4ume, nutzten die K\u00fcnstler produktiv. Manche Werke existierten nur f\u00fcr die kurze Zeit ihrer Ausf\u00fchrung (&#8230;)[.] Bei der Entstehung und Entwicklung der Land Art spielten Sprache, Film und Fotografie eine zentrale Rolle. Magazine und Fernsehsender gaben k\u00fcnstlerische Arbeiten in Auftrag, ver\u00f6ffentlichten sie als Erste und leisteten so einen wichtigen Beitrag zur Distribution der Werke. (&#8230;) Zahlreiche K\u00fcnstler der Land Art besch\u00e4ftigen sich mit den Wunden und Narben, die der Mensch dem Planeten Erde zuf\u00fcgt, sei es durch Kriegsmaschinerie (Robert Barry, Isamu Noguchi), Diktaturen (Artur Barrio), Atomtests (Heinz Mack, Jean Tinguely, Adrian Piper) oder Besiedelung (Yitzhak Danziger); sie forderten ein verst\u00e4rktes Bewusstsein f\u00fcr die Bedingungen von Produktion, Pr\u00e4sentation und Verbreitung von Kunst und verliehen in ihren Werken den technologischen, gesellschaftlichen und politischen Bedingungen der Zeit Ausdruck.\u201c<\/p><\/blockquote>\n<p>Ich gebe das nur z\u00f6gernd zu, aber ich werde mit vielem aus der modernen Kunst nicht so recht warm. Vor den meisten Werken oder Installationen ploppt in meinem Kopf ein gro\u00dfes Fragezeichen auf. Wenn die Beschriftung der Werke mir dann auf die Spr\u00fcnge hilft, macht es manchmal klick und ich grinse und freue mich \u00fcber eine gute Idee oder ein spannendes Konzept. Wenn es nicht klickt, wird das Fragezeichen zu einem Achselzucken.<\/p>\n<p>In der gestrigen Ausstellung habe ich sehr oft gegrinst und weniger die Achseln gezuckt, was mich sehr gefreut hat, denn nat\u00fcrlich wei\u00df ich, dass ich (noch) eine sehr bornierte Haltung zur Kunst habe \u2013 \u201eitalienische Renaissance und das 19. Jahrhundert in Deutschland und dann ist gut\u201c \u2013, und mein Studium dient nicht nur dazu, meine Midlife-Crisis abzuwenden, sondern auch dazu, von diesem Standpunkt runterzukommen und mir die Augen zu \u00f6ffnen f\u00fcr Epochen und K\u00fcnstler_innen, die ich bisher noch nicht kannte oder verstanden habe.<\/p>\n<p>Genau \u00fcber den Begriff des Verstehens habe ich gestern l\u00e4nger nachgedacht. Da liegt vor mir ein vier mal vier Meter gro\u00dfes Erdquadrat von <a href=\"http:\/\/www.galerievangelder.com\/artists\/kgudmundsson2.html\">Kristj\u00e1n Gudmundsson<\/a>, auf das ich mir keinen Reim machen kann. Es ist einfach nur Erde, denke ich \u2013 und dann lese ich den Begleittext: <\/p>\n<blockquote><p>\u201eDie Arbeit ist eine minimalistische Skulptur aus herk\u00f6mmlicher Erde; eingef\u00fcgt ist ein Dreieck aus geweihter Erde. F\u00fcr den Betrachter l\u00e4sst sich jedoch kein sichtbarer Unterschied ausmachen; er kann nur an die Existenz des geistigen Inhalts glauben.\u201c<\/p><\/blockquote>\n<p>Und schon ist das nicht einfach nur Erde, die da vor mir liegt, sondern eine total schlaue Idee. Aus dem Fragezeichen wird ein Grinsen, aber gleichzeitig denke ich das, was ich immer bei moderner Kunst denke: \u201eWenn&#8217;s mir keiner erkl\u00e4rt, kapier ich&#8217;s nicht.\u201c Der n\u00e4chste Gedanke ist dann immer das selbstgef\u00e4llig hinterhergeschobene \u201eDas ist bei alten Bildern ganz anders, da wei\u00df ich ja, was ich sehe.\u201c Und gestern ist mir zum ersten Mal aufgefallen, dass das Bl\u00f6dsinn ist.<\/p>\n<p>Wenn ich vor irgendwelchen Heiligenbildern aus dem Mittelalter stehe, erkenne ich einen Menschen, vielleicht seine Funktion. Aber das war&#8217;s dann auch. Ich lerne gerade, welche\/r Heilige\/r welches Attribut mit sich herumschleppt, damit er oder sie sch\u00f6n identifizierbar ist; aber selbst wenn ich mir gemerkt habe, <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Heiliger_Sebastian\">Sebastian<\/a> ist der mit den Pfeilen und <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Katharina_von_Alexandrien\">Katharina<\/a> ist die mit dem Rad, bringt mich das nicht die Bohne weiter, wenn ich die Geschichten hinter den beiden nicht kenne. Dann sehe ich weiterhin nur irgendeinen Menschen, vielleicht mit Pfeilen oder einem Rad, aber das ist ungef\u00e4hr das gleiche wie ein vier mal vier Meter gro\u00dfes St\u00fcck Erde zu sehen.<\/p>\n<p>Vielleicht muss man Kunst nicht verstehen, damit sie zu einem spricht; ich verwende hier bewusst die Metapher, von der ich vorgestern <a href=\"http:\/\/www.ankegroener.de\/?p=18271\">schrieb<\/a>, dass sie nicht ganz passend ist, denn ich m\u00f6chte, dass die Dinge, mit denen ich mich besch\u00e4ftige, zu mir sprechen, damit ich mich mit ihnen auseinandersetzen kann. Einen Film sehe ich nicht passiv, ich folge der Handlung, \u00fcberpr\u00fcfe meist sofort, ob sie sich mir erschlie\u00dft oder einen Sinn ergibt, und nach dem Abspann formuliere ich innerlich (oder im Blogeintrag), was ich gesehen habe \u2013\u00a0und vor allem, was es mit mir gemacht hat. Genauso bei B\u00fcchern, die mich in Welten f\u00fchren, zu denen ich sonst keinen Zutritt habe. <\/p>\n<p>Wie gehe ich mit Kunst um? Vielleicht greife ich bei ihrem Konsum unbewusst auf die Mechanismen zur\u00fcck, die ich bei Filmen und B\u00fcchern und im Umgang mit Menschen gelernt habe: Ich will sie verstehen. Aber vielleicht muss ich Kunst gar nicht verstehen. Vielleicht muss ich nur w\u00fcrdigen, dass sie da ist? Aber kann ich etwas w\u00fcrdigen, das mich nicht bewegt, nicht erreicht, nichts mit mir macht, weil ich es nicht verstehe? Und da knackt es schon wieder: Es gibt genug Dinge oder Ereignisse, die etwas mit mir machen, gerade <em>weil<\/em> ich sie nicht verstehe. Mir fallen spontan nur die Klassiker ein: menschliche Grausamkeiten, politische Entscheidungen, verh\u00e4ngnisvolle Beziehungen usw. Vor vielen dieser Dinge stehe ich hilf- und ahnungslos, aber: Sie machen etwas mit mir.<\/p>\n<p>Viele Werke der modernen Kunst machen auch etwas mit mir, ohne dass ich sagen kann, was genau. Wenn ich meine <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Raffael\">raffael<\/a>&#8216;schen Schnuffis angucke, merke ich, dass es mir besser geht, weil mich ihre Sch\u00f6nheit erfreut. Wenn ich <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Wilhelm_Leibl\">Wilhelm Leibl<\/a>s Bilder betrachte, merke ich, dass sich Bewunderung regt. Aber was genau eine <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Piet_Mondrian#Rechter_Winkel\">Mondrian<\/a>&#8216;sche Komposition mit Rot, Schwarz, Blau und Gelb oder ein Erdquadrat in mir ausl\u00f6sen, kann ich nicht in Worte fassen. Oder vielleicht doch: Sie werfen Fragen auf, die ich nicht formulieren kann. Und deswegen habe ich auch keine Antwort.<\/p>\n<p>&#8212;<\/p>\n<p>Edit: <a href=\"http:\/\/en.wikipedia.org\/wiki\/Agnes_Martin\">Agnes Martin<\/a> hat dazu etwas sehr Sch\u00f6nes gesagt: &#8220;<a href=\"http:\/\/thereconstructionists.org\/post\/39839743090\/agnes-martin\">Art is the concrete representation of our most subtle feelings.<\/a>&#8221;<\/p>\n<p>(via Brainpickings, die 2013 eine tolle Serie beginnt: <a href=\"http:\/\/www.brainpickings.org\/index.php\/2013\/01\/07\/the-reconstructionists\/\">The Reconstructionists<\/a>.<\/p>\n<blockquote><p>\u201eIt can be extraordinarily challenging to write about notable women without ghettoizing it as \u201cwomen\u2019s issues,\u201d and yet some of the most remarkable hearts and minds to drive humanity forward have come equipped with two X chromosomes. It gives me enormous pleasure to announce a new collaboration with artist Lisa Congdon, titled The Reconstructionists \u2014 a yearlong celebration of remarkable women across art, science, and literature, both famous and esoteric, who have changed the way we define ourselves as a culture and live our lives as individuals of any gender.\u201c<\/p><\/blockquote>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der charmante Begleiter gestern so im Haus der Kunst: \u201eEinmal f\u00fcr Ends of the Earth, bitte.\u201c \u201eDas macht zehn Euro.\u201c Ich so: \u201eGibt&#8217;s Erm\u00e4\u00dfigung f\u00fcr Studierende?\u201c \u201eJa, das w\u00e4ren dann sieben Euro.\u201c \u201eGibt&#8217;s noch nen Bonus, wenn&#8217;s Kunstgeschichte ist?\u201c \u201eGibt&#8217;s, dann kostet es gar nichts. 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