{"id":18320,"date":"2013-01-22T10:06:37","date_gmt":"2013-01-22T08:06:37","guid":{"rendered":"http:\/\/www.ankegroener.de\/?p=18320"},"modified":"2013-01-25T00:45:15","modified_gmt":"2013-01-24T22:45:15","slug":"haydn-horen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/ankegroener.de\/blog\/?p=18320","title":{"rendered":"Haydn h\u00f6ren"},"content":{"rendered":"<p>Von den drei Wiener Klassikern bin ich am meisten in Beethoven verknallt, dann kommt mit gro\u00dfem Abstand Mozart, und zu Haydn hatte ich bisher nicht mal wirklich eine Meinung au\u00dfer \u201emir egal\u201c. Ihr ahnt schon, was kommt: Zwei Stunden mit meinem Schnuffelprofessor haben gereicht, um mir diese Meinung auszutreiben.<\/p>\n<p>Eckdaten: Joseph Haydn, 1732\u20131809, galt ab der zweiten H\u00e4lfte des 18. Jahrhunderts als der wichtigste Komponist f\u00fcr Instrumentalmusik und hat sich diesen Ruf zwei Jahrhunderte lang bewahren k\u00f6nnen. Heute nennen wir eher Mozart den <em>big shot<\/em>, aber wie immer bei Genies: Sie stehen schon auf den Schultern von Giganten. Mozart w\u00e4re ohne Haydn nicht der, der er war, und Beethoven auch nicht. Was an ihm neu und besonders war: Er verweigerte sich der Nebenbeimusik des galanten Stils (\u00fcber den schrieb ich <a href=\"http:\/\/www.ankegroener.de\/?p=17558\">hier<\/a> schon mal). Seine Musik sollte herausfordern, sie verlangte nach einem aktiven Zuh\u00f6rer. Das ist f\u00fcr uns heute nicht mehr so recht nachzuvollziehen, weil wir schon sowas Herausforderndes wie Zw\u00f6lftonmusik kennen, aber wenn man sich das h\u00fcbsche Gepl\u00e4nkel des galanten Stils anh\u00f6rt, wird klar, was Haydn wollte.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend seines recht langen Lebens komponierte er neben anderen Wundert\u00fcten 106 Sinfonien \u2013 zum Vergleich: Mozart komponierte rund 60, Beethoven neun \u2013 und 68 Streichquartette; er gilt als Begr\u00fcnder dieser Art der kammermusikalischen Darbietung. Bis 1900 nannte man Streichquartette die anspruchsvollste musikalische Gattung, und nicht jeder kam gut mit ihr zurecht. Sowohl Mozart als auch Beethoven taten sich ein bisschen schwer mit diesem Ding, und wenn man sich <a href=\"http:\/\/open.spotify.com\/track\/7peRhKgXKmCGXMSH9lSqzJ\">Mozarts KV 589<\/a> anschaut \u2013 ein Quartett, das sich auf Haydns Opus 33,2 bezieht \u2013, dann merkt man schon, dass er sich anstrengen musste, um seinem \u201eLehrmeister\u201c Paroli bieten zu k\u00f6nnen. Und den Schluss, auf den ich noch gen\u00fcsslich zu sprechen komme, konnte selbst er nicht \u00fcbertreffen.<\/p>\n<p>Haydn verbrachte fast sein gesamtes Komponistenleben am Hof des F\u00fcrsten Eszterh\u00e1zy, wo er\u00a0unbeeinflusst von anderen musikalischen Str\u00f6mungen ausprobieren konnte, was ging und was nicht und so seinen eigenen Stil entwickelte. Und der war, wie erw\u00e4hnt, eine Ansage. Haydns Art zu komponieren, l\u00e4sst sich am besten mit \u201e\u00f6konomisch\u201c umschreiben. Er nutzt wenige motivische Bausteine, die sich in einem folgerichtigen, logischen Prozess stimmig entwickeln. Seine Quartette haben einen konsequenten, fast zwingenden Charakter. Um das einzuordnen: Mozart folgt auch einem Schema, dengelt aber gerne noch eine Runde Verzierungen an alles dran, w\u00e4hrend Beethoven, das <em>enfant terrible<\/em>, gleich ganz die strenge Sonatensatzform zertr\u00fcmmert \u2013 die Haydn entwickelt hatte, die aber erst nach 1800 \u00fcberhaupt einen Namen bekam.<\/p>\n<p>H\u00f6ren wir doch mal in seine kleinen Spielereien rein, die er betrieb, um die Zuh\u00f6rer bei der Stange zu halten. Oder: sie \u00fcberhaupt vom Billardtisch, dem Kaffeekr\u00e4nzchen oder dem neuesten Klatsch aus der Hofburg wegzukriegen.<\/p>\n<p>Im Streichquartett 25 in C-Dur von 1771 (<a href=\"http:\/\/open.spotify.com\/track\/4X25VlJ9CQE7HU92fTzw8T\">Opus 20,2<\/a>) er\u00f6ffnet zum Beispiel nicht die erste Geige das Quartett, wie sich das geh\u00f6rt. Statt dessen ist es das bis dahin total egale Cello, das sonst nur als \u201eGrundlage\u201c diente (Stichwort \u201e<a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Generalbass\">Generalbass<\/a>\u201c). Was f\u00fcr ein Opener, wenn man diesen Klang als Soloinstrument nicht gewohnt war! Au\u00dferdem spielt das Cello in einer sehr hohen Lage, was es fast nach Bratsche klingen l\u00e4sst: Es entsteht eine bis dahin ungeh\u00f6rte Klangfarbe. Und wenn man die H\u00f6rer schon mal hat, kann man ihnen auch gleich noch mehr zumuten: Der <a href=\"http:\/\/open.spotify.com\/track\/7bGGjDXW4XKRSqIt3F7A8j\">vierte Satz<\/a> ist in Fugenform geschrieben, was sich eher weniger nebenbei wegh\u00f6ren l\u00e4sst. (O-Ton Professor: \u201eAu\u00dfer Sie sind unmusikalisch, dann ist das super.\u201c)<\/p>\n<p>Opus 20 \u201eschlug den Weg frei\u201c, wenn man Haydn glauben mag, zu Opus 33 von 1781, das als erstes gro\u00dfes Werk der Wiener Klassik gilt. <a href=\"http:\/\/open.spotify.com\/track\/25SfoVPvLKiBEyWRenTiW9\">Opus 33,5<\/a> (Streichquartett Nr. 29 in G-Dur) \u00fcberraschte auch schon mit den ersten zwei Takten: Sie waren n\u00e4mlich im pianissimo zu spielen. Normalerweise fehlte jede Dynamikangabe in den Noten, weil allen klar war: Wir fangen entspannt in Zimmerlautst\u00e4rke an. Nicht so hier: Die ersten Takte haben fast den Charakter eines kleinen \u201ePssst, es geht los.\u201c Und wer sich mal die <a href=\"http:\/\/erato.uvt.nl\/files\/imglnks\/usimg\/e\/e0\/IMSLP05281-Haydn_-_Op._33__No._5.pdf\">Noten<\/a> anschauen mag: Der kleine Reinkommer ist zudem noch ein ziemlich wichtiger Baustein in der Melodieentwicklung, denn er beendet in Takt 9\/10 das Hauptthema des Satzes. Es schlie\u00dft sich ein f\u00fcr damalige Zuh\u00f6rer erkennbarer Kreis.<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/open.spotify.com\/track\/7vJVeyaiNFN6kNxJBKVXkl\">Opus 33,3<\/a> (Streichquartett Nr. 32 in C-Dur, \u201eVogelquartett\u201c) f\u00e4ngt ebenso seltsam an: mit der Begleitung. H\u00f6rt man, sieht man in den <a href=\"http:\/\/conquest.imslp.info\/files\/imglnks\/usimg\/b\/b4\/IMSLP05279-Haydn_-_Op._33__No._3.pdf\">Noten<\/a> aber auch sch\u00f6n: Die zweite Geige und die Bratsche begleiten ein Thema, das noch gar nicht da ist, und als es dann endlich kommt, klingt es wie sinnlos rumzwitschernde V\u00f6gel. Oder wie unser Professor es nannte: \u201eEigentlich sind das blo\u00df G&#8217;s mit Zeug dazwischen.\u201c<\/p>\n<p>Mal kurz weg von den Streichquartetten: In seiner 60. Sinfonie in C-Dur erklingt im Finalsatz etwas, das jeder wiedererkennt, der schon einmal ein Streichinstrument gespielt hat. Wenn Sie mal reinh\u00f6ren m\u00f6chten? Dauert nur ein paar Sekunden, bis der Effekt kommt. <a href=\"http:\/\/open.spotify.com\/track\/6rqJ5yTRS0hAFvSwJQDOcv\">Bittesch\u00f6n<\/a>. F\u00fcr alle Nicht-Streicher_innen: Nach wenigen satten Akkorden, die so richtig sch\u00f6n klassisch nach brachialem Finalsatz klingen, ert\u00f6nen die charakteristischen Quinten, die man h\u00f6rt, wenn man seine Geige, sein Cello oder ein \u00e4hnliches Instrument stimmt. Die zweite Geige darf sogar mit einer Sexte beginnen, so dass es wirklich so klingt, als h\u00e4tten die Musiker_innen vergessen, ihre Instrumente zu stimmen \u2013\u00a0oder als ob sie lieber noch mal nachpr\u00fcfen, ob auch alles seine Ordnung hat. In der Wikipedia sieht man das h\u00fcbsche <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/60._Sinfonie_(Haydn)#Sechster_Satz:_Prestissimo\">Notenbild<\/a> dazu. Der Beiname dieser Sinfonie lautet \u00fcbrigens \u201eDer Zerstreute\u201c.<\/p>\n<p>Und als Rausschmei\u00dfer, der mich wirklich verz\u00fcckt hat, noch schnell den vierten Satz von Opus 33,2 (Quartett Nr. 30 in Es-Dur). Er \u00fcberrascht mit einem <a href=\"http:\/\/open.spotify.com\/track\/5PSJfqQxnbsrk3ZZo5uPLe\">Schluss<\/a>, den unser Professor als einen der \u201esch\u00f6nsten und zwanglosesten Schl\u00fcsse in der Musikgeschichte\u201c bezeichnete. Wenn Sie sich diese drei Minuten mal aufmerksam g\u00f6nnen w\u00fcrden? Es lohnt sich. Der H\u00f6rsaal lauschte jedenfalls ziemlich begeistert und konnte sich irgendwann ein zufriedenes Lachen nicht verkneifen. Kein Wunder, dass dieses Quartett im englischen Sprachraum den Beinamen \u201eThe Joke\u201c tr\u00e4gt. (Ein Hinweis \u2013 ich kenne euch ungeduldige Internetleute doch: nicht zu fr\u00fch wegh\u00f6ren.)<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Von den drei Wiener Klassikern bin ich am meisten in Beethoven verknallt, dann kommt mit gro\u00dfem Abstand Mozart, und zu Haydn hatte ich bisher nicht mal wirklich eine Meinung au\u00dfer \u201emir egal\u201c. Ihr ahnt schon, was kommt: Zwei Stunden mit meinem Schnuffelprofessor haben gereicht, um mir diese Meinung auszutreiben. 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