{"id":18414,"date":"2013-01-31T09:13:27","date_gmt":"2013-01-31T07:13:27","guid":{"rendered":"http:\/\/www.ankegroener.de\/?p=18414"},"modified":"2013-01-31T09:18:45","modified_gmt":"2013-01-31T07:18:45","slug":"marina-abramovic-the-artist-is-present-keine-filmkritik","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/ankegroener.de\/blog\/?p=18414","title":{"rendered":"Marina Abramovi\u0107: The Artist is Present (keine Filmkritik)"},"content":{"rendered":"<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.ankegroener.de\/razza\/..\/Bilder\/the_artist_is_present.jpg\" alt=\"\" title=\"the_artist_is_present\" width=\"500\" height=\"739\" class=\"alignnone size-full wp-image-18420\" \/><\/p>\n<p><em><a href=\"http:\/\/www.imdb.com\/title\/tt2073029\/\">Marina Abramovi\u0107: The Artist is Present<\/a>, USA 2012, 106 min<br \/>\nMusik: Nathan Halpern<br \/>\nKamera: Matthew Akers<br \/>\nRegie: Matthew Akers, Jeff Dupre <\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/marinafilm.com\/view-trailer\">Trailer<\/a><\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/marinafilm.com\/\">Offizielle Seite<\/a><\/em><\/p>\n<p>Keine Filmkritik, stattdessen das gerade bei mir \u00fcbliche Rumsinnieren dar\u00fcber, was Kunst mit mir macht, vor allem solche, mit der ich mich noch nicht intensiv auseinandergesetzt habe. Trotzdem kurz was zum Film.<\/p>\n<p><em>The Artist is Present<\/em> ist ein Dokumentarfilm, der sich haupts\u00e4chlich mit der gleichnamigen Austellung und der dazugeh\u00f6rigen Performance im MoMA befasst. Die Ausstellung ist eine Retrospektive auf einige der Arbeiten von Marina Abramovi\u0107, die sich im Film als die \u201eGro\u00dfmutter der Performance\u201c ansprechen lassen muss. Vielleicht stimmt das sogar; sie ist \u00fcber 60 und setzt ihren K\u00f6rper schon verdammt lange f\u00fcr die Kunst ein. Ein paar Beispiele stehen in der <a href=\"http:\/\/en.wikipedia.org\/wiki\/Marina_Abramovi%C4%87\">Wikipedia<\/a>, und auch im Film sind sie zu sehen, denn f\u00fcr die MoMA-Ausstellung werden sie von jungen K\u00fcnstlern und K\u00fcnstlerinnen nachgestellt.<\/p>\n<p>Im Mittelpunkt steht aber die aktuelle Performance, die genauso lang dauert wie die Ausstellung \u2013 drei Monate, acht Stunden ohne Pause an sechs Tagen in der Woche. Abramovi\u0107 sitzt im Atrium des Museums, vor ihr ein Tisch, ihr gegen\u00fcber ein weiterer Stuhl. Jeder, der mag, darf sich ihr gegen\u00fcbersetzen, so lange das Museum ge\u00f6ffnet ist. Keine Ber\u00fchrungen, keine Gesten, nur ihr gegen\u00fcbersitzen und sie anschauen, genau wie sie dich anschaut.<\/p>\n<p>Klingt be\u00e4ngstigend simpel. Und ist unglaublich eindrucksvoll.<\/p>\n<p>Schon nach wenigen Augenblicken im Film dachte ich innerlich, was f\u00fcr eine Pr\u00e4senz mit Ausrufezeichen diese Frau hat. Sie war ja nicht einmal da, ich sa\u00df sicher und gem\u00fctlich in einem M\u00fcnchner Kino, aber sie war vor mir auf der Leinwand, und das hat schon gereicht. Selbst durch den Umweg \u00fcber ein unpers\u00f6nliches Medium war jeder Atemzug von ihr k\u00f6rperlich sp\u00fcrbar. Deswegen konnte ich auch jeden Menschen nachvollziehen, der vor ihr sa\u00df und pl\u00f6tzlich zu weinen begann, denn mir ging es nicht anders. Das mag am berechnenden Soundtrack gelegen haben, aber der alleine h\u00e4tte mich nicht so mitgerissen.<\/p>\n<p>Was mich so fasziniert hat und noch Tage nach dem Film nachhallt: die Ruhe, die sie einem schenkt. Die Kraft, die man dadurch sp\u00fcrt. Oder genau das Gegenteil, die Schw\u00e4che, die einen kurz \u00fcberf\u00e4llt, die Schmerzen, die man sonst zudeckt, denn man hat ja Besseres zu tun. Indem man Abramovi\u0107 in die Augen schaut und den Tag mal kurz anh\u00e4lt, schaufelt man Dinge an die Oberfl\u00e4che, die dort sonst nicht hingelangen, weil der Tag sonst eben weitergeht. Ich war in den letzten Tagen noch spr\u00f6der als sonst, d\u00fcnnh\u00e4utiger, vorsichtiger. Vielleicht habe ich deswegen in der Uni heulen m\u00fcssen, als Beethoven erklang, vielleicht habe ich deswegen mehr getrunken als mir gut tat, als ich unter Menschen war. Vielleicht war der Film aber auch nur ein weiteres Puzzlest\u00fcck zu den vielen anderen, die ich mir im Studium erarbeite. Mit jedem Seminar und jedem Buch und jeder Note enstehen neue Bahnen in meinem Kopf, neue Wege, auf denen Gedanken unterwegs sind, die bisher doof im Nichts verhallten oder schlicht gar keine Chance hatten, sich zu formulieren. Auf einmal mache ich aber auf, \u00f6ffne T\u00fcren, schmei\u00dfe liebgewonnene, weil sicherheitspendende Vorurteile \u00fcber Bord \u2013 &#8220;why is this art?&#8221; \u2013 und lasse mich auf Dinge ein, denen ich bisher naser\u00fcmpfend ausgewichen bin. Performance Art hat sich mir nie erschlossen, und ich kann auch nicht mit allen Werken, die ich im Film gesehen habe, etwas anfangen, aber die meisten fand ich gro\u00dfartig. (Ja, ich bin sehr sp\u00e4t damit dran, Abramovi\u0107 f\u00fcr mich zu entdecken, ich wei\u00df.)<\/p>\n<p>Es hat mich schier \u00fcberw\u00e4ltigt, dieser Frau zuzusehen. Wie sie bei einer Performance den Zuschauern die Macht \u00fcber sich gibt und diese sie nicht nur streicheln, sondern verletzen, einfach weil sie es k\u00f6nnen. Wie sie ihrem damaligen Mann 2.500 Kilometer auf der chinesischen Mauer entgegenl\u00e4uft, nur um sich danach von ihm zu trennen. Und wie sie jetzt allen Menschen gleicherma\u00dfen Aufmerksamkeit schenkt, weil sie vor ihr sitzen. Im Film wurde es meiner Meinung nach perfekt formuliert: Vor ihr sind alle gleich. (Der religi\u00f6se Bezug ist mir durchaus klar.) Und: Sie entschleunigt f\u00fcr viele Besucher die Zeit, ihr Denken und vielleicht ihre Ich-Bezogenheit. Abramovi\u0107 nannte es: \u201eIrgendwann verschwinde ich, und die Menschen sehen nur noch sich selbst.\u201c Was f\u00fcr viele keine leichte oder angenehme Aufgabe ist.<\/p>\n<p>Vielleicht ist das auch ein Grund, warum der Film so lange in mir rumort. Er zwingt mich dazu, mich anzusehen. Das meiste, was ich sehe, mag ich sehr, aber es gibt durchaus Dinge an mir, die ich gerne \u00e4ndern w\u00fcrde und von denen ich wei\u00df, dass ich sie nicht \u00e4ndern kann. Ich kann hier nur sitzen und warten. Und ich wei\u00df, dass es nicht aufh\u00f6ren wird, nur weil ein Museum schlie\u00dft oder die Performance beendet ist. Ich werde weiterhin hier sitzen und mich anschauen.                                                          <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Marina Abramovi\u0107: The Artist is Present, USA 2012, 106 min Musik: Nathan Halpern Kamera: Matthew Akers Regie: Matthew Akers, Jeff Dupre Trailer Offizielle Seite Keine Filmkritik, stattdessen das gerade bei mir \u00fcbliche Rumsinnieren dar\u00fcber, was Kunst mit mir macht, vor allem solche, mit der ich mich noch nicht intensiv auseinandergesetzt habe. 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