{"id":18663,"date":"2013-03-14T14:56:39","date_gmt":"2013-03-14T12:56:39","guid":{"rendered":"http:\/\/www.ankegroener.de\/?p=18663"},"modified":"2013-03-17T10:53:47","modified_gmt":"2013-03-17T08:53:47","slug":"tosca-ist-mein-pony","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/ankegroener.de\/blog\/?p=18663","title":{"rendered":"\u201eTosca\u201c ist mein Pony"},"content":{"rendered":"<p>Ich nehme seit ungef\u00e4hr anderthalb Jahren Gesangsunterricht. Ich hatte fr\u00fcher schon einmal welchen \u2013 ich <a href=\"http:\/\/www.ankegroener.de\/?p=15934\">schrob<\/a> nat\u00fcrlich dar\u00fcber \u2013, aber dieses Mal f\u00fchlt sich alles anders an. Das liegt an der Lehrerin, an mir und den sechs Lebensjahren, die ich seit dem ersten Unterricht gewonnen habe, und das liegt daran, dass ich nicht mehr nur Musicalsongs und Chansons und Lieder singe, sondern: die gro\u00dfe Oper.<\/p>\n<p>Dass ich das wollte, war mir erst klar, als sie auf dem Notenst\u00e4nder lag. Vorher habe ich nicht mal im Traum daran gedacht, mich an einer Opernarie zu vergreifen. Wo kommen wir denn da hin, wenn die kleine Anke pl\u00f6tzlich so was Riesiges wie <em>Tosca<\/em> singen will? Die erste Arie war <em><a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Habanera_(Arie)\">Habanera<\/a><\/em>, die ich aber eher pflichtschuldig sang; es war toll, eine Arie zu singen, aber mit <em>Carmen<\/em> hab ich&#8217;s nicht so. Ich hab&#8217;s mehr mit dem gro\u00dfen Drama. Muss nicht gleich Wagner sein, aber Puccini ist schon nah dran. Der kommt in meiner pers\u00f6nlichen Komponistenhitliste direkt hinter Richie, und deswegen atmete ich auch erstmal sehr tief durch, als mir meine Lehrerin <em><a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Vissi_d%27arte\">Vissi d&#8217;arte<\/a><\/em> in die zitternden H\u00e4ndchen legte.<\/p>\n<p>Ich steh da also mit der Arie aller Arien aus <em>Tosca<\/em>, gucke doof die Noten an, erstarre, als ich das zweigestrichene b entdecke &#8230; und in dem Moment nimmt mir meine Lehrerin die Noten wieder weg (\u201eDu guckst schon wieder nach der h\u00f6chsten Note\u201c) und f\u00e4ngt an, mir die Arie vorzusingen. Kenne ich nat\u00fcrlich, tausendmal geh\u00f6rt, oft genug auf einer B\u00fchne gesehen, jedesmal ergriffen gewesen \u2013\u00a0und jetzt soll ich mitsingen? ALSO ICH JETZT? Keine Chance. Bis zum \u201ed&#8217;arte\u201c komme ich, und dann kommen die Tr\u00e4nen.<\/p>\n<p>Das muss man sich als Nicht-Opernfan und Nicht-Selber-S\u00e4nger_in so vorstellen. Ich nehme jetzt mal an, du bist riesiger Justin-Bieber-Fan (soll&#8217;s ja geben). Und du hast Poster von ihm an den W\u00e4nden und besitzt alle Platten und folgst ihm auf Twitter, bist ihm also quasi total nah \u2013\u00a0und jetzt kriegst du einen Anruf von seinem Management, dass du ein Meet &#038; Greet mit Justin gewonnen hast. Und zwar nicht nur einmal, sondern, wenn du willst, jede Woche. <\/p>\n<p>So f\u00fchlt sich das f\u00fcr mich mit Puccini an. Ich darf ihn nicht mehr nur aus der Ferne anhimmeln, nein, ich darf ihn SINGEN. Ich. Ich habe einen ungeheuren Respekt vor dem Mann bzw. vor seinen Werken, und deswegen dauert es jede bl\u00f6de Woche immer ein bisschen, bis ich mich wirklich traue, den ersten Ton von mir zu geben. Das ist so, als ob du als Riesen-Bieberista das erste Mal vor ihm stehst und nur \u201eHallo\u201c sagen willst, aber dich irgendwie nicht traust, denn man kann ja nicht einfach so als kleiner Fan dem Superstar \u201eHallo\u201c sagen. Im Kopf glaube ich immer, dass so ziemlich alle T\u00f6ne, die ich singe, total schief sind und kr\u00e4chzig und schlimm und dass noch kein Fenster zersprungen ist, wenn ich das b&#8221; singe, ist eh ein Wunder. Aber da ist pl\u00f6tzlich das \u201eHallo\u201c: Ich kann das b&#8221; n\u00e4mlich singen. Und es strengt nicht mal an. Jedenfalls brauche ich keine Kraft daf\u00fcr.<\/p>\n<p>Was ich stattdessen brauche, ist eine out-of-body-experience. Wenn ich Oper singe, muss ich vergessen, dass ich Oper singe. Ich muss den Respekt vergessen und die vielen Aufnahmen, die ich schon von dieser Arie geh\u00f6rt habe, ich muss vergessen, dass ich blo\u00df Anke bin, die hier steht, denn Anke kann das nicht. Anke ist viel zu leise und zu piepsig und zu \u00e4ngstlich, die bittet ja schon Leute um Entschuldigung, wenn sie ihnen nur ne DM auf Twitter schickt, das k\u00f6nnte schlie\u00dflich gerade st\u00f6ren, oder wenn sie vielleicht Hilfe braucht, das k\u00f6nnte ungelegen kommen. Sie will auch nicht laut sein oder aufdringlich oder sich Platz nehmen, sie nimmt eh so viel Raum ein, das muss ja nicht noch mehr sein. Das ist Anke. Die kann keine Oper singen, auch wenn sie gerade jetzt nichts mehr will als das.<\/p>\n<p>Das da. Das muss ich alles vergessen. Stattdessen breite ich die Arme aus (und muss vergessen, wie albern das aussehen k\u00f6nnte) und stehe breitbeinig da (und muss vergessen, wie undamenhaft das ist) und nehme die Schultern zur\u00fcck und mache den Mund weit auf und BIN LAUT. UND DA. Und werfe die T\u00f6ne mit den ausgebreiteten Armen hinter mich und singe gef\u00fchlt in mich rein und dadurch glasklar aus mir raus und dann steht da pl\u00f6tzlich das zweigestrichene b, strahlend hell, ohne zu wackeln, es ist einfach da, weil ich es einfach lasse. Weil ich den Rotz, an den ich den ganzen Tag denke, um mich klein zu f\u00fchlen, weil ich den vergesse. Stattdessen stehe ich mitten im Raum und singe mir das Herz aus dem Leib. Und es ist total egal, ob ich dann irgendwann wieder heule oder nicht. Meistens verflenne ich nur den Anfang, und wenn das Hindernis, meine Tr\u00e4nen, meine Angst, aus dem Weg sind, dann geht&#8217;s. Dann geht&#8217;s bis zum b&#8221; und bis zum Schluss. Dann stehe ich da und singe Oper.<\/p>\n<p>Und wenn ich dann wieder quengele, warum ich so gut wie immer erstmal heulen muss, bevor was geht, meint meine Lehrerin: \u201eWeil du das so sehr willst und weil du dir jahrelang eingeredet hast, dass du&#8217;s nicht kannst. Und es haut dich jedesmal um, wenn du merkst, dass du&#8217;s doch kannst \u2013 und wie einfach es geht, wenn du dich l\u00e4sst. Wenn kleine Kinder irgendwas Neues entdecken, vielleicht ein Pony, das da hinten irgendwo rumsteht, dann rennen die auch nicht gleich drauflos. Die gehen drei Schritte vor und wieder zwei zur\u00fcck, es k\u00f6nnte ja bei\u00dfen. Das machst du auch. Es k\u00f6nnte dir ja was passieren, wenn du Oper singst. Es k\u00f6nnte jemand sagen, wie doof das klingt und dass du das nicht kannst. Und auch wenn du&#8217;s schon mehrere Male gesungen hast und jedesmal bis ganz nach oben gekommen bist, glaubst du bei jedem neuen Versuch wieder, nee, dieses Mal geht&#8217;s nicht. Wie das Kind, das wei\u00df, dass das Pony ihm nichts tut \u2013 aber es traut der Sache immer noch nicht.\u201c<\/p>\n<p>Ich erschrecke immer wieder selber, wie sehr ich diese beknackten Mechanismen verinnerlicht habe. Das Selbst-Runtermachen, der ewige Selbstzweifel. Hat mich noch nie weitergebracht, ist aber immer noch drin. Das hat mit der ersten Di\u00e4t angefangen, dass ich mir selber eingeredet habe, dass mit mir was nicht stimmt, und das mache ich heute noch so. Aber: Es wird weniger. Denn mit dem Nie-wieder-Di\u00e4ten hat das Selbstwertgef\u00fchl endlich mal was Nettes zu h\u00f6ren bekommen. Und auf einmal war das gute Gef\u00fchl f\u00fcr den eigenen K\u00f6rper da. Und dann das Gef\u00fchl f\u00fcr die eigenen F\u00e4higkeiten. Und dann der Mut, mal eben seinen Beruf zu \u00e4ndern und umzuziehen und neue Menschen kennenzulernen und eine andere Stadt. Und dann: sich hinzustellen, die Arme auszubreiten, sich Raum zu nehmen und zu singen. Ich habe jedesmal Angst davor, aber ich komme jedesmal ans Ziel. Und irgendwann werde ich das glauben.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ich nehme seit ungef\u00e4hr anderthalb Jahren Gesangsunterricht. Ich hatte fr\u00fcher schon einmal welchen \u2013 ich schrob nat\u00fcrlich dar\u00fcber \u2013, aber dieses Mal f\u00fchlt sich alles anders an. 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