{"id":18934,"date":"2013-04-20T09:05:45","date_gmt":"2013-04-20T07:05:45","guid":{"rendered":"http:\/\/www.ankegroener.de\/?p=18934"},"modified":"2013-04-20T09:05:45","modified_gmt":"2013-04-20T07:05:45","slug":"beethoven-in-bewegung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/ankegroener.de\/blog\/?p=18934","title":{"rendered":"Beethoven in Bewegung"},"content":{"rendered":"<p>Der Kurs hei\u00dft \u201eWerkh\u00f6ren\u201c, und ich stellte mir darunter vor, dass wir brav an unseren Pl\u00e4tzen sitzen, Musik lauschen und am Ende des Semesters in der Lage sind, ein Barockst\u00fcck von einem der Renaissance zu unterscheiden und vor allem begr\u00fcnden zu k\u00f6nnen, woran wir es erkennen. Umso gr\u00f6\u00dfer war meine \u00dcberraschung, als ich am Mittwoch zur ersten Sitzung auflief. Ich kam ein paar Minuten zu sp\u00e4t, \u00f6ffnete vorsichtig die T\u00fcr zum Seminarraum\u00a0\u2013 und sah zehn Studis, die sich wild im Raum bewegten. Zwei Frauen sa\u00dfen am Rand, ich fragte die eine ungl\u00e4ubig, ob das hier der Kurs Werkh\u00f6ren sei, und sie meinte laut-fr\u00f6hlich: \u201eJa! Wunderbar! Hier ist Ihre Partnerin!\u201c Woraufhin die andere Dame und ich uns ebenfalls in die Mitte begaben und folgendes taten:<\/p>\n<p>Sie war A, ich war B, A musste sich irgendwie im Raum bewegen und B musste ihm oder ihr alles nachmachen. Das tat ich f\u00fcr ein paar Minuten, und weil ich zu sp\u00e4t war und keinerlei Einf\u00fchrung mitbekommen hatte, tat ich das auch alles ohne den \u00fcblichen Gr\u00f6nerkopf (\u201eOMG was tue ich hier und wie sehe ich dabei aus?\u201c). Nach ein paar seltsamen, aber durchaus unterhaltsamen Minuten kam eine neue Aufgabe:  Dieses Mal musste B vorangehen und dabei Emotionen darstellen, die A wiederholen sollte. Also die H\u00e4nde kevinm\u00e4\u00dfig verschreckt vors Gesicht legen. Oder Fu\u00dfballstadionjubeln. Oder weinend auf dem Boden kauern. <\/p>\n<p>Wir bewegten uns auf recht kleinem Raum, weswegen man dauernd mit jemand zusammenstie\u00df, denn wir hatten auch Ballerinapirouetten, Speerwerfer und \u00e4hnliche Bewegungen dabei. All das nahm ich aber nur aus dem Augenwinkel wahr, denn ich war zu besch\u00e4ftigt, innerhalb von wenigen Sekunden immer neue Emotionen zu finden, die ich darstellen konnte.<\/p>\n<p>Nach wiederum ein paar Minuten, in denen wir konzentriert, aber mit viel Gel\u00e4chter und \u201eOh, Entschuldigung\u201c-Sagen arbeiteten, gab es wieder eine neue Aufgabe: Dieses Mal ging wieder A voran, und B musste alles, was A tat, v\u00f6llig \u00fcberzogen darstellen. Meine Kommilitonin schritt voran \u2013 ich marschierte. Sie klatschte in die H\u00e4nde \u2013 ich flippte total aus vor Freude. Sie wischte sich ein paar Tr\u00e4nchen aus dem Gesicht \u2013 ich brach fast zusammen vor Schmerz.<\/p>\n<p>Und dann kam endlich die Musik, genauer gesagt, der <a href=\"http:\/\/open.spotify.com\/track\/7GR39yxtM05L7sqnoPEUka\">2. Satz aus Beethovens Klavierkonzert Nr. 4 in G-Dur, Op. 58<\/a>. Wir sollten uns zu neuen P\u00e4rchen zusammentun \u2013 \u201eVielleicht mal ein bisschen gemischter, Jungs mit M\u00e4dchen &#8230;\u201c \u2013, woraufhin ich mit einem gesch\u00e4tzt 22-j\u00e4hrigen Theaterwissenschaftsstudi durch den Raum irrte. (Ich hatte den Herrn schon auf dem Fu\u00dfboden vor der ausgefallenen Geh\u00f6rbildungsstunde am Montag kennengelernt.) Dieses Mal lautete die Ansage: \u201eEiner von Ihnen ist das Orchester, der andere das Klavier. Machen Sie mal.\u201c Und so trat mein Kommilitone orchestral-forsch und bestimmend auf, w\u00e4hrend ich erst mal piano-zaghaft vor ihm floh, dann versuchte, meinen Standpunkt klarzumachen; er widersprach, ich argumentierte, alles wortlos, alles ohne dass wir wussten, was der andere dachte, aber: Wir bewegten uns irgendwann aufeinander zu, gestisch, mimisch, um schlie\u00dflich R\u00fccken an R\u00fccken stehenzubleiben. Ohne ein Wort miteinander gesprochen zu haben.<\/p>\n<p>Inzwischen war ich etwas verschwitzt, aber \u2013 wie immer an der Uni \u2013 v\u00f6llig hingerissen von dem, was ich da tat. Auch wenn ich nicht wusste, was ich tat. Wahrscheinlich genau deswegen. Jetzt setzten wir uns und sollten die Augen schlie\u00dfen. \u201eWir gehen jetzt auf eine Phantasiereise. Sie h\u00f6ren den Beethoven gleich noch mal, und Sie befinden sich unsichtbar in einem gl\u00e4sernen Kubus. Im Kubus befinden sich au\u00dferdem zwei Personen und zwei Gegenst\u00e4nde. Gucken Sie einfach mal, was passiert und merken Sie sich die Geschichte.\u201c<\/p>\n<p>Und so sa\u00dfen zw\u00f6lf Studis stumm mit geschlossenen Augen da, h\u00f6rten alle die gleiche Musik \u2013 und sahen Glasvitrinen, St\u00fchle, Bambusstauden, Briefe, V\u00e4ter, Kinder, Liebende, K\u00f6nige. Woher ich das wei\u00df? Wir sollten uns danach zu viert zusammentun und uns erz\u00e4hlen, was wir gesehen hatten, die interessanteste Geschichte ausw\u00e4hlen und die nochmal interpretieren, wobei zwei die Darstellenden waren und zwei die Beobachtenden. In unserer Gruppe war ich die einzige, die zwei bekannte Personen gesehen hatte, die anderen hatte nur gesichtslose Menschen wie Mann, Frau, Vater, Sohn. Wir entschieden uns f\u00fcr die plakativste Geschichte, die zwei meiner Mitstudis nun noch einmal zur Musik darstellten, w\u00e4hrend Theatermensch (ich muss dringend anfangen, mir Namen zu merken) und ich ihnen zuschauten. Unsere Aufgabe war, uns drei Positionen der beiden zu merken, die am klarsten den Fortgang der Geschichte markierten. Diese Posen wurden dann dem Kurs gezeigt \u2013 und der hatte die Aufgabe, unsere Geschichte zu erkennen. Und was f\u00fcr mich unglaublich war: Das hat funktioniert. Wir haben alle die Geschichten der anderen wiedererkannt, vielleicht nicht in allen Feinheiten, aber was ungef\u00e4hr gesagt werden sollte, war allen sofort klar.<\/p>\n<p>Die Stunde war schon fast rum, als es endlich darum ging, warum wir diesen ganzen Kram veranstalten. Eigentlich ganz simpel: Als Musikwissenschaftler oder -wissenschaftlerin geht man eigentlich anders an Musik heran \u2013 mit einer Partitur vor der Nase, mit Vorwissen, mit einem Berg Literatur dazu und schlie\u00dflich dem konzentrierten H\u00f6rerlebnis. Das hier war schlicht eine andere Herangehensweise \u2013 eine intuitive, emotionale. Ohne dass wir uns zum Beispiel in der zweiten \u00dcbung abgesprochen hatten, wusste jeder von uns ungef\u00e4hr, was der andere \u201esagen\u201c wollte. Ein Kommilitone erz\u00e4hlte, so habe sich sein Musikleistungskurs \u00f6fter Musik erarbeitet, zu der man intellektuell keinen Zugang gefunden habe. Er erw\u00e4hnte Sch\u00f6nberg, bei dem sein ganzer Kurs nach der \u00fcblichen und in diesem Fall erfolglosen Arbeit mit der Partitur gesagt habe, wir tanzen das jetzt. Dann taten sie genau das, was ich gerade getan hatte: Sie ertanzten sich einen Weg, mit der Musik klarzukommen.<\/p>\n<p>Die Grundfrage war schlicht: Was will ich pers\u00f6nlich von Musik, was durchaus eine Frage ist, die man sich im Studium der Musikwissenschaft stellen sollte. Also: Will ich Musik emotionaler erfahren? Brauche ich daf\u00fcr den intellektuellen Zugang? Oder erlange ich den vielleicht erst \u00fcber den emotionalen? Lese ich mich erst in ein St\u00fcck ein oder erarbeite ich es mir, indem ich durch mein Wohnzimmer tanze?<\/p>\n<p>Im Laufe des Kurses, so steht es jedenfalls auf dem Plan, lernen wir noch weitere Zug\u00e4nge zur Musik, erfahren, wie Musik als Sprache funktioniert und besch\u00e4ftigen uns auch mit der Didaktik des Musikvermittelns, woran ich noch nie einen Gedanken verschwendet habe. Dann mach ich das halt jetzt. Wie immer sehr freudig-hibbelig.<\/p>\n<p>(file under #hach)<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der Kurs hei\u00dft \u201eWerkh\u00f6ren\u201c, und ich stellte mir darunter vor, dass wir brav an unseren Pl\u00e4tzen sitzen, Musik lauschen und am Ende des Semesters in der Lage sind, ein Barockst\u00fcck von einem der Renaissance zu unterscheiden und vor allem begr\u00fcnden zu k\u00f6nnen, woran wir es erkennen. 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