{"id":1954,"date":"2007-03-26T07:48:53","date_gmt":"2007-03-26T05:48:53","guid":{"rendered":"http:\/\/www.ankegroener.de\/?p=1954"},"modified":"2007-03-26T07:51:16","modified_gmt":"2007-03-26T05:51:16","slug":"die-tante-jolesch","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/ankegroener.de\/blog\/?p=1954","title":{"rendered":"Die Tante Jolesch"},"content":{"rendered":"<blockquote><p>\u201eUm eine konkrete Namens-Angelegenheit ging es im Fall des ehrgeizigen Bankbeamten Nelkenblum, der seinen Namen ge\u00e4ndert haben wollte \u2013 wie das in jenen Jahren von den Inhabern ausgefallener oder komisch klingender und obendrein deklariert j\u00fcdischer Familiennamen h\u00e4ufig gew\u00fcnscht wurde (meistens als Vorbereitung zur Taufe).<br \/>\nHerr Nelkenblum reichte also ein Gesuch um Namens\u00e4nderung ein und wurde von der zust\u00e4ndigen Beh\u00f6rde aufgefordert, eine ausreichende Begr\u00fcndung f\u00fcr seinen Wunsch beizubringen.<br \/>\nDer Name Nelkenblum sei ihm bei seiner Berufskarriere hinderlich, brachte Herr Nelkenblum bei. Das m\u00fcssten seine Arbeitgeber best\u00e4tigen, antwortete die Beh\u00f6rde.<br \/>\nHerr Nelkenblum begab sich zu seinen Arbeitgebern in die Direktion der Prager Kommerzbank, trug ihnen sein Anliegen vor und verlie\u00df das Direktionszimmer mit einem Dokument folgenden Wortlauts:<\/p>\n<p>&#8216;Auf Wunsch von Herrn Bernhard Nelkenblum best\u00e4tigen wir gerne die Notwendigkeit der von ihm angestrebten Namens\u00e4nderung, da sich der Name Nelkenblum auf ein berufliches Fortkommen nachteilig auswirken k\u00f6nnte. (Gezeichnet) Feilchenfeld, Generaldirektor, Rosenblatt, Prokurist.&#8217; \u201c<\/p><\/blockquote>\n<p>Nachdem die Kaltmamsell so oft und immer \u00fcberschw\u00e4nglich <em><a href=\"http:\/\/www.amazon.de\/gp\/product\/3423012668\/\">Die Tante Jolesch<\/a> <\/em>von <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Friedrich_Torberg\">Friedrich Torberg<\/a> <a href=\"http:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/index.php?s=tante+jolesch\">erw\u00e4hnt<\/a> hat, habe ich dieses Buch irgendwann auf meinen Wunschzettel gepackt, <a href=\"http:\/\/www.ruhepuls.ws\/\">Maike<\/a> hat es mir irgendwann geschenkt \u2013 und ich habe es ein bisschen warten lassen. Bis letzten Donnerstag abend, um genau zu sein. <\/p>\n<p>In unserem Wohnzimmer steht eins der Sofas ziemlich nah an meinem B\u00fccherregal, so dass ich bei langweiligen DVDs oder Werbepausen im perfekten Dinner gerne mal meinen Blick schweifen lasse. Und Donnerstag bin ich eben beim T h\u00e4ngengeblieben, hatte gerade keine Lust auf was Englisches und griff zur <em>Tante<\/em>, nahm sie nach beendetem DVD-Konsum mit ins Bett und begann zu lesen. Und las weiter und weiter und lieh am Wochenende keine Filme aus und ging nicht ins Kino, sondern wanderte durch Prag und Wien und New York, las \u00fcber Zuckerb\u00e4cker und Journalisten und Kellner und Anw\u00e4lte, \u00fcber die Emigration, Immigration, Flucht \u2013 und h\u00e4tte gerne noch einen zweiten Band gehabt, um noch mehr Menschen kennenzulernen, die eine gewisse Zeit in der deutschen Geschichte nicht \u00fcberlebt haben, und um noch mehr \u00fcber eine Kultur zu lesen, die ich nie erlebt habe, die mir nun aber schmerzlich fehlt.<\/p>\n<p><em>Die Tante Jolesch oder Der Untergang des Abendlandes in Anekdoten<\/em> ist in einer Sprache verfasst, an die ich mich erst wieder gew\u00f6hnen musste. Ich habe das Buch mehrere Male angefangen, war aber anscheinend nie in der richtigen Stimmung. Ich wei\u00df nicht, warum ich gerade jetzt ein so wehm\u00fctiges und liebevolles und gleichzeitig unglaublich komisches Buch lesen musste, aber ich sehr froh, es endlich gelesen zu haben. Ich will gar keine gro\u00dfe Kritik dar\u00fcber schreiben; ich m\u00f6chte euch nur bitten, mal in eure Buchhandlung zu gehen, die <em>Tante<\/em> zu suchen und ein bisschen in ihr rumzubl\u00e4ttern. Und sie dann gleich mitzunehmen.<\/p>\n<p>Seit gestern ist \u00fcbrigens <em>Hundert Jahre Einsamkeit<\/em> in Arbeit, das mir ein ehemaliger Kollege zum 26. Geburtstag geschenkt hat, wie ich der Widmung entnehme. Se\u00f1or M\u00e1rquez musste zw\u00f6lf Jahre warten. Da war Herr Torberg schneller.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u201eUm eine konkrete Namens-Angelegenheit ging es im Fall des ehrgeizigen Bankbeamten Nelkenblum, der seinen Namen ge\u00e4ndert haben wollte \u2013 wie das in jenen Jahren von den Inhabern ausgefallener oder komisch klingender und obendrein deklariert j\u00fcdischer Familiennamen h\u00e4ufig gew\u00fcnscht wurde (meistens als Vorbereitung zur Taufe). 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