{"id":19986,"date":"2013-10-22T17:51:07","date_gmt":"2013-10-22T15:51:07","guid":{"rendered":"http:\/\/www.ankegroener.de\/?p=19986"},"modified":"2013-10-22T17:51:07","modified_gmt":"2013-10-22T15:51:07","slug":"dieunigehtweiter-dieunigehtweiter-omgdieunigehtweiter","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/ankegroener.de\/blog\/?p=19986","title":{"rendered":"DieUnigehtweiter, dieUnigehtweiter, OMGDIEUNIGEHTWEITER!"},"content":{"rendered":"<p>Nachdem ich in den Sommerferien l\u00e4ngst nicht so viele schlaue Texte gelesen hatte wie ich mir vorgenommen hatte und auch mein Tagesablauf immer mehr zum Couchsurfing in der eigenen Wohnung wurde, habe ich mich sehr dar\u00fcber gefreut, mit dem Semesteranfang wieder einen geregelten Tagesablauf aufgedr\u00fcckt zu kriegen. Und schlaue Texte. Die erste Woche fiel allerdings aus bzw. ich lag flach (ich <a href=\"http:\/\/www.ankegroener.de\/?p=19975\">jammerte<\/a> dar\u00fcber), weswegen ich am Montag ein bisschen das Gef\u00fchl hatte, ins kalte Wasser zu springen. Kein gem\u00fctliches Akklimatisieren, kein \u00dcberblick \u00fcber das ganze Semester, worum geht&#8217;s in dieser Veranstaltung, was muss man machen, um die ECTS-Punkte einzusacken, welches Referat h\u00e4tten&#8217;S denn gern \u2013 das habe ich in diesem Semester alles nicht mitgekriegt, sondern fing gleich mit Action an. Aber hallo!<\/p>\n<p>Mein erstes Seminar in Kunstgeschichte tr\u00e4gt den sch\u00f6nen Titel \u201eProvenienzforschung. Einf\u00fchrung, \u00dcberblick, Perspektiven\u201c und befasst sich haupts\u00e4chlich mit Raubkunst zurzeit des Nationalsozialismus. Wobei: \u201eRaubkunst\u201c sagen wir nicht gerne, wie ich gelernt habe. Stattdessen nutzen wir das Unget\u00fcm \u201eNS-verfolgungsbedingt entzogenes Kulturgut\u201c, denn es geht nicht nur um Kunstwerke im klassischen Sinn, sondern auch um Gegenst\u00e4nde zur Aus\u00fcbung der j\u00fcdischen Religion (so fanden die Alliierten in den Sammelstellen der Nazis zum Beispiel Tora-Rollen en masse), M\u00f6bel, Porzellan usw. In meiner gutgl\u00e4ubigen Naivit\u00e4t dachte ich, das meiste, was nach Kriegsende aufgefunden wurde, w\u00e4re wieder dort, wo es hingeh\u00f6rt, aber das ist nat\u00fcrlich Quatsch. Sie k\u00f6nnen sich ja mal den <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Wally_(Schiele)\">Wikipedia-Eintrag<\/a> zu Egon Schieles <em>Wally<\/em> durchlesen, da bekommt man einen kleinen Eindruck davon, was heute in Museen h\u00e4ngt, das vielleicht eher bei einer Privatperson \u00fcber dem Sofa h\u00e4ngen sollte. Die Aff\u00e4re um <em>Wally<\/em> sorgte 1998 (!) immerhin f\u00fcr die Entstehung der sogenannten <em><a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Washingtoner_Erkl%C3%A4rung\">Washington Principles<\/a><\/em>, die besagen, dass \u201egerechte und faire\u201c L\u00f6sungen gefunden werden sollten, um das jahrzehntelange Unrecht wiedergutzumachen. Die Bundesregierung ver\u00f6ffentlichte 1999 eine <a href=\"http:\/\/www.lostart.de\/cae\/servlet\/contentblob\/5140\/publicationFile\/29\/Handreichung.pdf;jsessionid=4F99F3F5FFBDA3F18BF7E1E4149F16A6\">Handreichung<\/a>, die Museen und Institutionen eine kleine Anleitung gibt, wie sie in ihren Best\u00e4nden forschen k\u00f6nnten, um eventuell geraubte G\u00fcter zu identifizieren, die sich da in den Jahrzehnten nach dem Krieg eingeschlichen haben k\u00f6nnten. Zus\u00e4tzlich wurde eine Koordinierungsstelle eingerichtet, in der alle Bem\u00fchungen zusammenlaufen; auf der Website <a href=\"http:\/\/www.lostart.de\/Webs\/DE\/Start\/Index.html\">LostArt<\/a> kann man sich weiter schlau machen.<\/p>\n<p>Mich haben die Zahlen etwas erschreckt; es ist kaum festzustellen, wieviele Gegenst\u00e4nde \u00fcberhaupt geraubt wurden, teilweise wurden ganze Bibliotheken und Sammlungen gestohlen oder abgepresst. Die Alliierten gehen von 600.000 St\u00fccken aus, w\u00e4hrend die russischen, sogenannten Troph\u00e4enbrigaden von 2 Millionen sprechen. Direkt nach Kriegsende schafften die Amerikaner das meiste Raubgut aus den bayerischen Stollen, Bergwerken und Sammelstellen der Nazis nach M\u00fcnchen, um es im Central Collecting Point (dem heutigen <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Zentralinstitut_f%C3%BCr_Kunstgeschichte\">Zentralinstitut f\u00fcr Kunstgeschichte<\/a>) zu sortieren und wenn m\u00f6glich zur\u00fcckzugeben. Laut ihren Unterlagen haben sie 250.000 St\u00fccke restituieren k\u00f6nnen \u2013 der Rest wanderte treuh\u00e4ndisch in den Besitz der Bundesrepublik als Rechtsnachfolgerin des &#8216;Dritten Reiches&#8217;, von wo es auf einzelne Museen verteilt und inventarisiert wurde. <\/p>\n<p>Die Fristen f\u00fcr die Antragsteller auf ihnen oder ihren Verwandten geraubte Kunst waren teilweise viel zu kurz, um sie wahrnehmen zu k\u00f6nnen: Die erste verstrich, wenn ich mich richtig erinnere, bereits 1949, die zweite 1969. Viele Familien waren emigriert und wussten teilweise nicht einmal, dass sie Anspr\u00fcche h\u00e4tten geltend machen k\u00f6nnen; andere wurden v\u00f6llig vernichtet. Nur so kann ich mir eine Story wie die von <em>Wally<\/em> erkl\u00e4ren.<\/p>\n<p>Im Seminar werden wir uns in M\u00fcnchner Archive begeben und dort selbst den Kulturg\u00fctern nachforschen, was sich f\u00fcr mich irrwitzig spannend anh\u00f6rt. Es ist auch eine ganz andere Herangehensweise an die Kunstgeschichte; bisher habe ich mich nur mit Theorien \u00fcber Bilder und Skulpturen befasst, habe K\u00fcnstler- und K\u00fcnsterinnenbiografien kennengelernt, Epochen, Stile, wichtige Daten und Fakten. Aber das hier ist anders: Auf einmal ist Geschichte nicht mehr irgendwas, mit dem ich mich entspannt aus der Distanz in einer Bibliothek befasse. Stattdessen ist sie etwas, das noch nicht allzulange her ist und uns heute noch besch\u00e4ftigt. Und ich darf dabei mitmachen.<\/p>\n<p>&#8212;<\/p>\n<p>Am Dienstag klingelte der Wecker bereits um 6 Uhr morgens, denn um 8 wartete die Vorlesung \u201eEinf\u00fchrung ins Mittelalter\u201c auf mich. Und da ich gerne entspannt in den Tag starte, stehe ich in diesem Semester freiwillig zweimal die Woche so fr\u00fch auf. Im Dunkeln. (Hass.) Lohnt sich aber, denn um 8 ist die Uni noch wohltuend leer, wie ich feststellen durfte. Alles ist deutlich unhektischer, und so sa\u00df ich gut gelaunt in einem kleinen H\u00f6rsaal und lie\u00df in 90 Minuten die <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Karolinger\">Karolinger<\/a> an mir vorbeiziehen. Mir ist ein bisschen schlecht bei dem Gedanken, in der Klausur nach einzelnen Herrschern gefragt zu werden (immer Pippin, Ludwig oder Karl schreiben, wird schon passen) und ich wei\u00df noch nicht, wie ich Stammb\u00e4ume auswendig lernen soll, aber dar\u00fcber mache ich mir im Januar Gedanken.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.ankegroener.de\/razza\/..\/Bilder\/LMU_reader.jpg\" alt=\"LMU_reader\" width=\"500\" height=\"669\" class=\"alignnone size-full wp-image-19989\" \/><\/p>\n<p>Danach hatte ich zwei Stunden frei, die ich nutzen wollte, um zwei Reader zu kopieren. In zwei Seminaren wartet ein Berg von Texten auf mich, die laut Dozentinnenmail in den Copyshops bereitl\u00e4gen. Ich verstand das so, dass da der Handapparat steht und ich viel Geld in einen Kopierer schmei\u00dfen m\u00fcsste, um die Texte zu vervielf\u00e4ltigen. Weit gefehlt: In den Copyshops lagen fein gebunden zwei dicke Blattsammlungen, die ich einfach so mitnehmen konnte. Toll. Da blieb sogar noch Zeit, nach Hause zu fahren, denn ich wohne ja bekanntlich nur zehn Minuten vom Hauptgeb\u00e4ude der LMU weg. Augen auf bei der Standortwahl!<\/p>\n<p>&#8212;<\/p>\n<p>Anderthalb Stunden sp\u00e4ter zerrte ich mein Fahrrad aus dem Keller. Morgens hatte ich mich lieber in den Bus gesetzt, denn so ganz fit bin ich noch nicht. Das sch\u00f6ne Provenienz-Seminar litt jedenfalls sehr darunter, dass ich gef\u00fchlt alle 20 Minuten auf den Flur hastete, um dort f\u00fcnf Minuten am St\u00fcck rumzuhusten. Mein Kreislauf ist auch noch etwas memmig, und daher wagte ich erst nachmittags den Griff zum Rad, denn zwischen 13.45 und 14.15 Uhr muss ich vom Hauptgeb\u00e4ude zum kunsthistorischen Seminar, und das liegt etwas weiter weg von der Bushaltestelle. Allein der Weg vom H\u00f6rsaal zum Bus dauert zehn Minuten (gro\u00dfe Uni ist gro\u00df), und eigentlich schafft man den Weg nur in einer halben Stunde, wenn der Bus genau dann kommt, wenn man selbst an die Haltestelle hastet. Mit dem Fahrrad dagegen schaffe ich sogar noch eine Pinkelpause. Also: Fahrrad. Wird schon schiefgehen.<\/p>\n<p>Ging&#8217;s auch. Bis auf die Tatsache, dass mein treues Ross anscheinend l\u00f6cherige Reifen hat; ich habe gepumpt, bis meine Arme abfielen und trotzdem hatte ich das Gef\u00fchl, direkt auf den Felgen zu fahren. Meh. Das hat meine Laune aber nicht gro\u00dfartig beeintr\u00e4chtigt \u2013 es war SO. SCH\u00d6N!, wieder auf dem Fahrrad zu sitzen und meine Lieblingsstrecke zur Uni zu radeln.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.ankegroener.de\/razza\/..\/Bilder\/LMU_oktober.jpg\" alt=\"LMU_oktober\" width=\"500\" height=\"669\" class=\"alignnone size-full wp-image-19988\" \/><\/p>\n<p>Der zweite Termin des Tages war die Vorlesung (Achtung, langer Titel) \u201eDiskurse, Paradigmenwechsel und Kanonbildung: Ausstellungen im westlichen Europa nach 1960\u201c. Hei\u00dft: Die Dozentin erz\u00e4hlt uns was zur documenta, zu <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Fluxus\">Fluxus<\/a>, zur Biennale oder, hatte ich peinlicherweise noch nie geh\u00f6rt, zu <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Family_of_Man\">Family of Man<\/a>. Wir h\u00f6rten etwas zum Ziel der Ausstellung, zum Aufbau, zum Kurator, zur Rezeption und nat\u00fcrlich Kritik an der Ausstellung. Dabei schaffte die Dozentin immer Verkn\u00fcpfungen zu anderen Ausstellungen, Pers\u00f6nlichkeiten oder geschichtlichen Ereignissen und ordnete die Ausstellung damit sehr nachvollziehbar in ihre Zeit ein. Au\u00dferdem pickte sie einige Kunstwerke aus der Masse heraus, die auch \u00fcber die Ausstellung hinaus eine Bedeutung h\u00e4tten. So sprachen wir (nat\u00fcrlich) \u00fcber Dorothea Langes <em><a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Migrant_Mother#Migrant_Mother\">Migrant Mother<\/a><\/em> und, f\u00fcr mich etwas unerwartet in einer amerikanischen Ausstellung von 1955, August Sanders <em><a href=\"http:\/\/2.bp.blogspot.com\/-e11oXjuJgxo\/UjFXk2yEdvI\/AAAAAAAADeM\/Hrhp6elZNxM\/s1600\/Sander+Jungbauern.jpg\">Jungbauern<\/a><\/em> von 1914.<\/p>\n<p>Ich hatte mich im Vorfeld f\u00fcr diese Vorlesung entschieden, weil mich verschiedene Ausstellungskonzepte interessieren. Ich glaube, das war ein Volltreffer.<\/p>\n<p>&#8212;<\/p>\n<p>Der letzte Kurs des Tages war ein Lekt\u00fcrekurs, in dem wir Klassiker der Kunstgeschichte lesen und er\u00f6rtern. Den Anfang machte ein Text von <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Vasari\">Vasari<\/a> (war ja klar, von wem auch sonst, Godfather of Art History halt) und danach kam lustigerweise ein Text, den ich schon kannte: <em><a href=\"http:\/\/www.jstor.org\/discover\/10.2307\/3177308?uid=3737864&#038;uid=2&#038;uid=4&#038;sid=21102800506907\">Caravaggio&#8217;s Deaths<\/a><\/em> von Philip Sohm. Den hatte uns im letzten Semester mal eine Dozentin spa\u00dfeshalber hochgeladen (\u201eK\u00f6nnen Sie ja mal reingucken\u201c), was ich nat\u00fcrlich gemacht habe. Praktisch, dieses Strebertum. Auch das wird, glaube ich, ein toller Kurs, denn wie ich schon im Sommersemester \u00fcberrascht feststellen durfte, macht es mir sehr viel Spa\u00df, mich mit dem theoretischen \u00dcberbau des Fachs zu befassen.<\/p>\n<p>&#8212;<\/p>\n<p>Jetzt m\u00fcsste nur noch der Husten endlich weggehen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Nachdem ich in den Sommerferien l\u00e4ngst nicht so viele schlaue Texte gelesen hatte wie ich mir vorgenommen hatte und auch mein Tagesablauf immer mehr zum Couchsurfing in der eigenen Wohnung wurde, habe ich mich sehr dar\u00fcber gefreut, mit dem Semesteranfang wieder einen geregelten Tagesablauf aufgedr\u00fcckt zu kriegen. Und schlaue Texte. 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