{"id":20026,"date":"2013-11-22T10:24:43","date_gmt":"2013-11-22T08:24:43","guid":{"rendered":"http:\/\/www.ankegroener.de\/?p=20026"},"modified":"2013-12-01T12:24:07","modified_gmt":"2013-12-01T10:24:07","slug":"synapsenfunkeln","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/ankegroener.de\/blog\/?p=20026","title":{"rendered":"Synapsenfunkeln"},"content":{"rendered":"<p>Im letzten Semester, als ich noch Musikwissenschaften studierte, freute ich mich eines Tages, als in Musik ein <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Herzensergie%C3%9Fungen_eines_kunstliebenden_Klosterbruders\">Buch<\/a> erw\u00e4hnt wurde, von dem ich schon in Kunstgeschichte mal geh\u00f6rt hatte. Da war pl\u00f6tzlich eine Verbindung, eine Linie von einem Punkt zum anderen, ein Aha, eine Gl\u00fchbirne. Mein Gehirn glitzert dann immer ein bisschen, glaube ich. Das ist toll. Und das ist noch toller, seit ich Geschichte studiere.<\/p>\n<p>Vor einigen Wochen lernte ich in der Mittelalter-Vorlesung die Ottonen etwas genauer kennen, die nat\u00fcrlich schon im ersten Semester Kunstgeschichte zur Sprache kamen, als wir uns so langsam der Romanik n\u00e4herten. In der Vorlesung sahen wir das Kr\u00f6nungsevangeliar <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Otto_III._(HRR)\">Ottos III<\/a>. per Powerpoint (<a href=\"http:\/\/commons.wikimedia.org\/wiki\/File:Meister_der_Reichenauer_Schule_002.jpg?uselang=de\">hier<\/a> eine Seite) \u2013 und weil fast zeitgleich eine <a href=\"http:\/\/www.hypo-kunsthalle.de\/newweb\/buchmalerei.html\">Ausstellung<\/a> zum Thema in M\u00fcnchen lief, sah ich das Buch auch in echt. Das hat mich beeindruckt, das war h\u00fcbsch und alles und so, aber erst, als ich in Geschichte von Opa Otto h\u00f6rte und Mama <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Theophanu_(HRR)\">Theophanu<\/a>, fing mein Gehirn zu glitzern an. Da war nicht mehr irgendwo ein Buch und irgendwo anders der Kerl, f\u00fcr den es gemalt wurde, sondern auf einmal sah ich durch die lebhafte Schilderung des Dozenten den dreij\u00e4hrigen K\u00f6nig und Kaiser des deutschen und des r\u00f6mischen Reiches, f\u00fcr den erstmal Mama und <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Adelheid_von_Burgund_(931%E2%80%93999)\">Oma<\/a> die Regierungsgesch\u00e4fte \u00fcbernehmen mussten. Auf einmal war da ein Stammbaum, der mit der beeindruckenden Geschichte <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Otto_I._(HRR)\">Ottos des Gro\u00dfen<\/a> begann und der v\u00f6llig logisch irgendwann in einen Prachtband m\u00fcnden musste, den wir heute noch bewundern. Auf einmal war da die Verbindung.<\/p>\n<p>In der Vorlesung \u00fcber amerikanische Kunst nach 1945 h\u00f6rte ich etwas \u00fcber <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Dan_Flavin\">Dan Flavin<\/a>s <em><a href=\"http:\/\/www.nga.gov\/exhibitions\/2004\/flavin\/monuments\/monuments.shtm\">Monuments for V. Tatlin<\/a><\/em>, die auf <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Wladimir_Tatlin\">Wladimir Tatlin<\/a>s <em><a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Monument_der_Dritten_Internationale_0_10\">Monument der Dritten Internationale<\/a><\/em> rekurrierten, das ich im letzten Semester in meinem Skulpturenkurs kennengelernt hatte. In der Vorlesung \u00fcber Ausstellungskonzepte der letzten 60 Jahre erfuhr ich, dass einer der Kuratoren der <a href=\"http:\/\/werner-haftmann.de\/documenta\/\">ersten documenta<\/a> <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Werner_Haftmann\">Werner Haftmann<\/a> gewesen war, von dem ich in den Semesterferien brav sein <a href=\"http:\/\/embracingbrancusi.de\/tag\/haftmann\/\">Hauptwerk<\/a> durchgelesen hatte. (Okay, fast.) Und in der \u00dcbung zu Zeitungen und Journalen der Aufkl\u00e4rung fiel mir zum ersten Mal auf, woher der Begriff \u201eJournalist\u201c kommt. Wobei ich gestern gelernt habe: Die Herren, die dort publizierten, wurden auch \u201eGazettiers\u201c genannt &lt;3<\/p>\n<p>Letzte Woche lasen wir im Lekt\u00fcrekurs in Kunstgeschichte einen Text von <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Ernst_Gombrich\">Ernst Gombrich<\/a>, dem Altmeister der popul\u00e4ren Kunstgeschichte. Er schreibt in <em>Kunst und Illusion<\/em>, dass ein K\u00fcnstler (m\/w) nur das malt, was er kennt. Sehr vereinfacht: Er malt in einem Stil, der gerade zeitgem\u00e4\u00df ist, er malt das, was er sieht und das ist immer etwas anderes als das, was ein Danebenstehender sieht. Wenn man f\u00fcnf Leuten sagt, malt mal diesen Stuhl da m\u00f6glichst realistisch, kommen f\u00fcnf unterschiedliche Bilder dabei raus. Man guckt sich ein Objekt an und beginnt zu malen, wobei man unwillk\u00fcrlich Schemata oder Formen abruft, die man abgespeichert hat \u2013 die man kennt.<\/p>\n<p>Gombrich schreibt auch \u00fcber die Verwendung von Bildern in fr\u00fcheren Zeiten, zum Beispiel im Mittelalter, wo ein wackerer K\u00fcnstler die r\u00f6mische <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Engelsburg\">Engelsburg<\/a> in einem Holzschnitt verewigte. Sein Problem: Er kannte die Burg nicht, wusste aber, wie bei ihm zuhause Burgen aussahen, und deswegen sieht die Engelsburg auf seinem Schnitt dann auch wie ein s\u00fcddeutscher Adelssitz aus, mit T\u00fcrmchen und Zinnen \u2013 und einem Engel, der auf dem Dach steht. Er \u201emalte\u201c, was er kannte.<\/p>\n<p>In der gestrigen Vorlesung in Geschichte zur Stadtentwicklung in S\u00fcddeutschland zeigte der Dozent mal wieder eine Karte. (Karten sind toll! Wer h\u00e4tte es gedacht.) Wir hatten in der letzten Stunde bereits gelernt, wie im 13. Jahrhundert die klassische Stadtgr\u00fcndung in Bayern aussah: eine breite Stra\u00dfe in der Stadtmitte, die als Markt diente, orthogonal angelegte Stra\u00dfenz\u00fcge, eine fast quadratische Stadtbefestigung und, gerne etwas au\u00dferhalb der Stadt gelegen, eine Burg, in der meist der Herzog lebte, der die Stadt aus Lust und Laune geplant und gebaut hatte. (Und weil er Zolleinnahmen haben wollte.)<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.ankegroener.de\/razza\/..\/Bilder\/straubing_1840.png\" alt=\"straubing_1840\" width=\"500\" height=\"409\" class=\"alignnone size-full wp-image-20164\" \/><\/p>\n<p>Die Karte ist, wenn ich den <a href=\"http:\/\/geoportal.bayern.de\/bayernatlas\/L7ExSNbPC4sb6TPJDblCAiLPd0Fv2v9OnIrPrA5rbixOP8hEaFIVXrbAcpsGQCaUdhZLLGbowYS60u-YtLhY0kUWLQgjSEXXI4eg1dWVUjdS4qhMuLom9A\/L7E59\/OnI59\/S4q5f\">Bayernatlas<\/a> richtig interpretiere, aus der ersten H\u00e4lfte des 19. Jahrhunderts. Kann man laut Dozent gelten lassen, denn unsere St\u00e4dte ver\u00e4nderten sich erst Ende des 19. Jahrhunderts so richtig. Und in manchen, wie zum Beispiel in Regensburg, kann man <a href=\"http:\/\/archaeolet.de\/themen\/antikema\/kontinuitat-diskontinuitat\/\">aus der Luft<\/a> sogar noch die alte Stadtbegrenzung erkennen. Wobei die in Regensburg sogar noch aus r\u00f6mischer Zeit stammt. (Edit 1.12.: Der Betreiber von archaeolet.de hat meinen direkten Link auf das Regensburgfoto als Hotlinking interpretiert. Ich verweise mal auf die komplette Seite, auf der das Bild steht \u2013 ihr m\u00fcsstet jetzt nach unten bis zum zweiten Bild scrollen. Sorry, archaeolet, mein Fehler!)<\/p>\n<p>Und dann sahen wir gestern eine weitere Stadt in einem deutschen Stich von 1582, wobei uns der Dozent nicht sagen wollte, um welche Stadt es sich handelt:<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.ankegroener.de\/razza\/..\/Bilder\/edinburgh.png\" alt=\"edinburgh\" width=\"500\" height=\"289\" class=\"alignnone size-full wp-image-20165\" \/><\/p>\n<p>\u00dcberraschung: Es ist Edinburgh. Und das sah in Wirklichkeit ganz anders aus, n\u00e4mlich viel langgestreckter \u2013 das geht rechts aus dem Bild raus noch mal so lang weiter mit den H\u00e4usern, aber mein Blog ist zu klein. Immerhin die Burg stimmt.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.ankegroener.de\/razza\/..\/Bilder\/edinburgh2.png\" alt=\"edinburgh2\" width=\"500\" height=\"404\" class=\"alignnone size-full wp-image-20166\" \/><\/p>\n<p>Aber weil der deutsche Stecher nur deutsche St\u00e4dte und ihre Formen kannte, nahm er eben an, dass schottische auch so aussehen.<\/p>\n<p>Glitzerglitzer.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Im letzten Semester, als ich noch Musikwissenschaften studierte, freute ich mich eines Tages, als in Musik ein Buch erw\u00e4hnt wurde, von dem ich schon in Kunstgeschichte mal geh\u00f6rt hatte. Da war pl\u00f6tzlich eine Verbindung, eine Linie von einem Punkt zum anderen, ein Aha, eine Gl\u00fchbirne. Mein Gehirn glitzert dann immer ein bisschen, glaube ich. 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