{"id":21855,"date":"2015-03-26T18:42:30","date_gmt":"2015-03-26T16:42:30","guid":{"rendered":"http:\/\/www.ankegroener.de\/?p=21855"},"modified":"2015-03-26T18:43:47","modified_gmt":"2015-03-26T16:43:47","slug":"quote-32","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/ankegroener.de\/blog\/?p=21855","title":{"rendered":"\u00dcber Denkmalpflege"},"content":{"rendered":"<p>\u201eJe mehr die Aufgabe der Denkmalpflege im Konservieren gesehen wurde und nicht mehr im Restaurieren, und je mehr die Architekten sich der Moderne zuwendeten und dem Historismus abschworen, desto mehr wurden Selbstverst\u00e4ndnis und Theorie der Denkmalpflege von den Kunsthistorikern bestimmt. Zwei Kunsthistoriker, <a href=\"https:\/\/dictionaryofarthistorians.org\/riegla.htm\">Alois Riegl<\/a> und <a href=\"https:\/\/dictionaryofarthistorians.org\/dehiog.htm\">Georg Dehio<\/a>, waren es auch, die kurz nach der Jahrhundertwende [zum 20. Jahrhundert] versuchten, nicht nur die prinzipielle Notwendigkeit der Denkmalpflege neu zu begr\u00fcnden, sondern auch sach- und zeitgerechte Kriterien daf\u00fcr zu finden, was eigentlich ein Denkmal ausmacht. Die alten Argumente reichten ja nicht aus, wenn es nicht mehr darum ging, eine alte Kirche fertig- oder eine Burg wieder aufzubauen, sondern darum, den unfertigen Zustand der Kirche zu konservieren und die Burg gerade als Ruine zu sch\u00fctzen und zu erhalten.<\/p>\n<p>Die Kunstgeschichte, die der Denkmalpflege die neuen Paradigmen liefern sollte, k\u00e4mpfte um 1900 selbst noch um Identit\u00e4t und Eigenst\u00e4ndigkeit. Was konnte dabei eine bessere Waffe sein als das von der avancierten Kunst geteilte Postulat, das eigentliche Wesen von Kunst sei Form? Und was konnte die oft bezweifelte Wissenschaftlichkeit des neuen Faches besser untermauern als die These, Form entwickele sich nach einer nur ihr eigenen, immanenten Gesetzlichkeit, die im Prinzip genauso objektiv feststellbar sei wie die der Natur?<\/p>\n<p>Einer der Protagonisten in diesem Kampf war Alois Riegl. Georg Dehio dagegen, aus damaliger Sicht der Konservativere, ging zu solchen Tendenzen auf Distanz: \u201eZur Zeit besch\u00e4ftigt uns meistens die Erforschung der inneren Kunstgesetze und die aus ihnen hervorgehende Stilentwicklung. Diese Betrachtungsweise verleugnet nicht das geschichtliche Moment, das in dem Begriff der Entwicklung schon gegeben ist, aber sie beschr\u00e4nkt es. Ihr erscheint die Kunst als eine autonome Macht. Sie fragt wenig, zu wenig, nach den anderen geistigen M\u00e4chten, in deren Umgebung die Kunst ihr geschichtliches Leben f\u00fchrt und von denen sie mitbedingt wird, sie fragt noch weniger nach den materiellen Voraussetzungen. Sie gibt eine Geschichte des k\u00fcnstlerischen Denkens, nicht eine vollst\u00e4ndige Darlegung des wirklichen Verlaufes in seinen verwickelten Kausalzusammenh\u00e4ngen.\u201c <\/p>\n<p>[Dehio, Georg: <em>Kunsthistorische Aufs\u00e4tze<\/em>, M\u00fcnchen\/Berlin 1914, S. 67. Der zitierte Aufsatz hei\u00dft <em>Deutsche Kunstgeschichte und deutsche Geschichte<\/em>, ist in der <em>Historischen Zeitschrift<\/em> 100 im Jahr 1908 erschienen, und wenn ihr auf die Digizeitschriften zugreifen k\u00f6nnt, steht er <a href=\"http:\/\/www.digizeitschriften.de\/dms\/toc\/?PPN=PPN331411849_1907_0004\">hier<\/a> auf S. 473. Oder bei <a href=\"http:\/\/www.jstor.org\/discover\/10.2307\/27602027\">jstor<\/a>.]<\/p>\n<p>Riegls Aufsatz \u201e\u00dcber den modernen Denkmalkultus\u201c [von 1903] ist zwar als Erl\u00e4uterungs- und wohl auch Werbetext f\u00fcr ein neues Gesetz geschrieben, stellt den Leser aber bis heute vor betr\u00e4chtliche Schwierigkeiten. Trotz scheinbar streng rationaler Begriffsbildung und Gedankenf\u00fchrung bleibt der Text auf weite Strecken hermetisch. Riegl geht von einer Reihe axiomatischer Pr\u00e4missen aus, die keineswegs immer zureichend erkl\u00e4rt oder gar begr\u00fcndet werden. Die zur Abstraktion dr\u00e4ngenden Kunsterfahrungen des Jugendstils spielen dabei ebenso eine Rolle wie die \u00e4sthetische Faszination durch eine deterministisch verstandene Naturwissenschaft. Fr\u00fcher, so Riegl, habe Denkmalpflege auf dem Kunst- und dem Erinnerungswert ihrer Objekte aufbauen k\u00f6nnen. Dieser Werte aber h\u00e4tten sich \u00fcberlebt. Ein neuer Wert m\u00fcsse an ihre Stelle treten, der Alterswert. Wie der Erinnerungswert das 19., so werde er das 20. Jahrhundert beherrschen. Vor allem aber: der Denkmalwert eines Gebildes k\u00f6nne nicht aus seiner Bedeutung in der Vergangenheit bestimmt werden, sondern ausschlie\u00dflich aus seiner Bedeutung f\u00fcr die Gegenwart. Riegl, und das ist sein fundamentaler Beitrag zur Theorie und Programmatik der Denkmalpflege, hat die Illusion zerst\u00f6rt, da\u00df es so etwas wie objektive, ein f\u00fcr allemal gegebene Eigenschaften g\u00e4be, die ein Gebilde zum Denkmal machten. Ob, inwiefern und wof\u00fcr etwas Denkmal ist, das entscheidet sich \u2013 so Riegls grundlegende Erkenntnis \u2013 nicht bei seiner Entstehung, sondern in seiner Rezeption.\u201c<\/p>\n<p>Huse, Norbert (Hrsg.): <em><a href=\"http:\/\/www.amazon.de\/gp\/product\/3406405444\/ref=as_li_tl?ie=UTF8&#038;camp=1638&#038;creative=6742&#038;creativeASIN=3406405444&#038;linkCode=as2&#038;tag=httpwwwankegr-21&#038;linkId=AYTTU3SQJJJB4ZSP\">Denkmalpflege: Deutsche Texte aus drei Jahrhunderten<\/a><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/ir-de.amazon-adsystem.com\/e\/ir?t=httpwwwankegr-21&#038;l=as2&#038;o=3&#038;a=3406405444\" width=\"1\" height=\"1\" border=\"0\" alt=\"\" style=\"border:none !important; margin:0px !important;\" \/><\/em>, M\u00fcnchen 2006 (3. Aufl.), S. 124\u2013126.<\/p>\n<p>&#8212;<\/p>\n<p>Wem die englischsprachigen Biografien zu kompliziert sind, hier die Deutsche Biographie \u00fcber <a href=\"http:\/\/www.deutsche-biographie.de\/sfz105823.html\">Riegl<\/a> und <a href=\"http:\/\/www.deutsche-biographie.de\/sfz31595.html\">Dehio<\/a>.<\/p>\n<p>Literatur von <a href=\"http:\/\/www.arthistoricum.net\/themen\/portale\/gkg\/quellen\/alois-riegl-1858-1905\/\">Riegl<\/a> und <a href=\"http:\/\/www.arthistoricum.net\/themen\/portale\/gkg\/quellen\/georg-dehio-1850-1932\/\">Dehio<\/a> bei arthistoricum.net.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u201eJe mehr die Aufgabe der Denkmalpflege im Konservieren gesehen wurde und nicht mehr im Restaurieren, und je mehr die Architekten sich der Moderne zuwendeten und dem Historismus abschworen, desto mehr wurden Selbstverst\u00e4ndnis und Theorie der Denkmalpflege von den Kunsthistorikern bestimmt. 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