{"id":21896,"date":"2015-04-12T11:48:00","date_gmt":"2015-04-12T09:48:00","guid":{"rendered":"http:\/\/www.ankegroener.de\/?p=21896"},"modified":"2015-04-13T08:42:26","modified_gmt":"2015-04-13T06:42:26","slug":"stoppt-die-banalisierung-stoppt-ausrufezeichen-in-uberschriften","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/ankegroener.de\/blog\/?p=21896","title":{"rendered":"\u201eStoppt die Banalisierung!\u201c \u201eStoppt Ausrufezeichen in \u00dcberschriften!\u201c"},"content":{"rendered":"<p><a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Wolfgang_Ullrich_%28Kunsthistoriker%29\">Wolfgang Ullrich<\/a> polemisiert: <a href=\"http:\/\/www.zeit.de\/2015\/13\/kunst-vermittlung-museum\/komplettansicht\">Nicht alle Menschen sollten in Museen rumlungern<\/a>. Ich polemisiere mal mit.<\/p>\n<blockquote><p>\u201eJetzt sollen selbst die Blinden sehen. In der National Gallery in London stanzte man dazu eigens ein Gem\u00e4lde von Camille Pissarro auf eine Weise in Papier, dass sich wichtige Orientierungspunkte des Bildes ertasten lassen. Nicht nur seine Komposition, sondern sogar Farbverl\u00e4ufe werden auf diese Weise \u00fcbersetzt, wie k\u00fcrzlich der Dokumentarfilm <em>National Gallery<\/em> zeigte. Man kann das f\u00fcr verdienstvoll oder f\u00fcr vergeblich halten, es verr\u00e4t vor allem viel \u00fcber heutige Anspr\u00fcche der Kunstvermittlung: Niemand, wirklich niemand soll von der Besch\u00e4ftigung mit Kunst ausgeschlossen werden.\u201c<\/p><\/blockquote>\n<p>Und das ist ganz schlimm, weil &#8230;? Weil wir Kunsthistoriker*innen, Museumsmenschen, K\u00fcnstler*innen irgendwelche Hoheiten abgeben m\u00fcssen? Uns nicht mehr nur mit uns selbst befassen? Andere an einem wundervollen kulturellen Gut teilhaben lassen? F\u00fcrchterlich, echt.<\/p>\n<blockquote><p>\u201eDas aber erinnert an die Tradition christlicher Missionskultur. Wie es in ihr darum ging, jedem Menschen, egal, wo und wie sozialisiert, die Chance zu geben, Gottes Wort kennenzulernen, will man heute ausnahmslos alle mit Kunst erreichen. Und wie der erfolgreich Missionierte ewiger Verdammnis entgehen kann, glaubt man auch im Fall der Kunst daran, dass durch ihre Vermittlung viel Gutes passiert: Extreme Emotionen lie\u00dfen sich ausgleichen und Integrationsfortschritte erzielen, ja Kunst k\u00f6nne sinnstiftend wirken, zu Seelenheil und kognitiven Mehrleistungen f\u00fchren, so hei\u00dft es in zahlreichen Publikationen. Die Missionsunrast des Christentums hat eine Nachfolge in der Vermittlungsunrast heutiger Kunstmuseen gefunden.\u201c<\/p><\/blockquote>\n<p>Ich pers\u00f6nlich glaube sehr an eine sinnstiftende Wirkung von Kunst. Ich erwarte sogar eine von ihr. Nicht vom jedem Werk, nicht von jeder K\u00fcnstler*in, aber ja: Ich will, dass Kunst etwas macht. Mit mir, im besten Fall mit der Gesellschaft. Ich will keine Kunst, die h\u00fcbsch \u00fcber dem Sofa aussieht, ich will Kunst, die aufw\u00fchlt, bewegt, beeindruckt, \u00e4rgert. Nat\u00fcrlich gibt es Kunst, die so offensichtlich missioniert, dass man nur grinsend vor ihren guten Absichten abwinkt, aber das sei ihr verziehen. Andere Kunst ist einfach nur da, und es liegt an mir, was ich mit ihr mache. Genau wie mit der Religion, bei der ich auch die Freiheit habe, sie links liegen zu lassen, mich ihr anzun\u00e4hern oder sie zu umarmen. Ich kenne kein Museum, das mit Bibel und Tropenhelm Kontinente erobert, insofern halte ich den Vergleich f\u00fcr sehr hinkend. Ich sehe Museen, die sich bem\u00fchen, aber es zwingt mich niemand, diesen Bem\u00fchungen zu folgen.<\/p>\n<blockquote><p>\u201eTats\u00e4chlich erstaunt, wie sich die Museen mit der Entdeckung bisher noch kunstferner Milieus gegenseitig \u00fcbertrumpfen. Fast schon selbstverst\u00e4ndlich sind Veranstaltungen f\u00fcr Menschen mit Migrationshintergrund, Programme f\u00fcr Demenzkranke oder Angebote der sogenannten Geragogik f\u00fcr \u00e4ltere Menschen. Das Lenbachhaus in M\u00fcnchen bietet auch Aktionen f\u00fcr &#8220;Erwachsene mit Babys&#8221;. In der Ank\u00fcndigung kann man lesen: &#8220;Der inhaltliche Schwerpunkt ist das Familienportr\u00e4t und die Darstellung von Kindern in der Kunst. Kein strenger Ablauf und kein vorgegebener Plan diktieren den gemeinsamen Rundgang, sondern die Interessen und Bed\u00fcrfnisse der Teilnehmenden \u2013 ob Stillpausen oder Babygeschrei.&#8221;<\/p><\/blockquote>\n<p>Ist das nicht gro\u00dfartig, dass wir nicht mehr mit dem Gro\u00dfen Kunstf\u00fchrer im Anschlag durch Museen gehen m\u00fcssen oder uns mit Audioguides abkapseln, sondern Kunst gemeinsam erleben k\u00f6nnen? Ist es nicht toll, dass sich die Institutionen auf neues Publikum einstellen, anstatt arrogant zu sagen, hier kommt nur das Bildungsb\u00fcrgertum rein und sonst keiner? Ist es nicht wunderbar, wenn alte Menschen lernen, demente Menschen umsorgt und Menschen mit Migrationshintergrund einbezogen werden?<\/p>\n<blockquote><p>\u201eEtwas pr\u00e4ziser \u2013 und zugleich allgemeiner \u2013 k\u00f6nnte man die Hochkonjunktur der Kunstvermittlung als Folge einer Verbindung von Kunstreligion und Sozialdemokratie beschreiben. Verdankt sich jener der Glaube an die heilende Kraft von Kunst, so dieser der Anspruch, nicht nur Bildungs- oder Geldeliten d\u00fcrften davon profitieren. &#8220;Das Museum der Gegenwart \u00f6ffnet sich, baut H\u00fcrden ab, spricht neue Zielgruppen an und schafft neue Beteiligungsm\u00f6glichkeiten. Auf diese Weise entstehen neue Identit\u00e4ten.&#8221; So formulierte es etwa Thomas Kr\u00fctzberg, Kulturdezernent in Duisburg.\u201c<\/p><\/blockquote>\n<p>Nochmal:  F\u00fcrchterlich, echt.<\/p>\n<blockquote><p>\u201eKunstmuseen sind innerhalb der letzten zwanzig, drei\u00dfig Jahre zu f\u00fchrenden Institutionen engagierter Sozialpolitik geworden. Dass sie noch andere Aufgaben haben, ja zwei Jahrhunderte lang vornehmlich dem Sammeln, Bewahren und Forschen gewidmet waren, tritt demgegen\u00fcber in den Hintergrund. H\u00e4tten Staats- und Landesbibliotheken, urspr\u00fcnglich aus demselben Geist wie Museen entstanden, dieselbe Entwicklung wie diese genommen, m\u00fcssten sie heute einen Gro\u00dfteil ihrer Anstrengungen darauf verwenden, die Zahl der Ausleihen und Benutzer von Jahr zu Jahr zu erh\u00f6hen, und Politiker w\u00fcrden von Bibliotheksdirektoren verlangen, neue Benutzerkreise zu erschlie\u00dfen. Es w\u00fcrde nicht mehr reichen, nur ein bildungsb\u00fcrgerliches und akademisches Publikum anzusprechen, vielmehr m\u00fcsste man sich genauso um soziale Randgruppen k\u00fcmmern und etwa eigene Kursprogramme f\u00fcr Analphabeten einrichten, die endlich auch zu Lesern werden sollen. Immerhin seien die Bibliotheken ja mit Steuergeldern finanziert!\u201c<\/p><\/blockquote>\n<p>Schon wieder ein Vergleich, der Krankengymnastik braucht. Auch Bibliotheken haben unterschiedliche Zielgruppen. Nicht jede Bibliothek ist eine Stabi oder UB, stattdessen holen Stadtteilbibliotheken und B\u00fccherhallen das nicht-akademische Publikum ab und versorgen es mit Bestsellern, DVDs und kindgerechter Literatur. Insofern muss sich nicht jede Bibliothek neue Benutzerkreise erarbeiten \u2013 die verteilen sich schon ganz brav von alleine. Die Kurse f\u00fcr Analphabet*innen halte ich \u00fcbrigens f\u00fcr eine gute Idee: Wo, wenn nicht in einer Bibliothek, erschlie\u00dft sich der Sinn des Lesens besser?<\/p>\n<p>Dass Museen dem Sammeln, Bewahren und Forschen gewidmet sind, schlie\u00dft \u00fcbrigens nicht aus, dass man auch einfach in ihnen rumbummeln kann. Bis jetzt hat mich noch kein Besucher dabei gest\u00f6rt, wenn ich f\u00fcr die Uni vor einem Bild stand. Das geht ganz prima gleichzeitig.<\/p>\n<blockquote><p>\u201eNiemals zuvor in der Geschichte wurde mit Kunstwerken so viel gemacht wie heute. Um sie herum ist eine enorme Gesch\u00e4ftigkeit entstanden, mit der seltsamen Erwartung, dass jedes Kunstwerk jedem Menschen zu jedem Zeitpunkt etwas zu geben habe. Mochte das Vermitteln von Kunst in den Jahren nach 1968 aus einem Geist der Emanzipation und Freiheit heraus entstanden sein, so ist daraus ein Imperativ geworden, dessen problematische Folgen erst allm\u00e4hlich sichtbar werden. So weist die Kunstsoziologin Kathrin Hohmaier in einer j\u00fcngst publizierten Studie nach, was man bereits bef\u00fcrchten musste, n\u00e4mlich dass Kunstvermittlung sogar negative Auswirkungen zeitigen kann. Im untersuchten Fall ging es darum, Jugendlichen ohne abgeschlossene Berufsausbildung und ohne Erfahrung mit Museen einen Zugang zu moderner Kunst zu bahnen. Allerdings entwickelten sie w\u00e4hrend des Vermittlungsprogramms &#8220;ein hochgradig pr\u00e4sentes Gef\u00fchl der sozialen Exklusion im musealen Raum&#8221; \u2013 und schlie\u00dflich fanden sie moderne Kunst noch sinnloser als zuvor, es wuchsen &#8220;ihre Vorurteile ihr gegen\u00fcber&#8221;. Hohmaier vermutet, dass die Kunstvermittler sich ihrer Zielgruppe zu sehr anpassten: Statt den Jugendlichen Wissen oder Interpretationen zu den Werken zu bieten, beschr\u00e4nkten sie sich darauf, sie, ausgehend von Exponaten, selbst malen zu lassen. Damit aber wurde ihnen &#8220;ihre eigene Bildungsferne [\u2026] noch st\u00e4rker ins Bewusstsein gerufen&#8221;.\u201c<\/p><\/blockquote>\n<p>Der Punkt geht an Ullrich. Das halte ich auch f\u00fcr eine selten beknackte Idee, sich Kunst anzun\u00e4hern, indem man sie imitiert. Ich erinnere mich an meinen schulischen Kunstunterricht, in dem unser Lehrer uns Beuys so nahebringen wollte: Wir sollten das <a href=\"https:\/\/josephbeuysfanclub.wordpress.com\/early-works-1940-1960\/\">Erdtelefon<\/a> in anderer Form nachbilden. Ich habe einen Apfel neben eine alte Schreibmaschine montiert und hatte keine Ahnung, warum.<\/p>\n<p>Ich frage mich, woher diese Idee kommt, sich Kunst so zu erschlie\u00dfen. Dinge nachzubauen, um sie <em>mechanisch<\/em> zu verstehen, ja, das kapiere ich, aber Kunst ist meist mehr als ein konstruiertes Objekt. Kunst hei\u00dft oft, dass diesem Objekt eine Bedeutung eingeschrieben wurde, die nicht durch blo\u00dfes Nachbilden erkannt werden kann. Hier sehe ich es als sinnvoller an, mich dem Werk mit Wissensvermittlung oder Interpretationsans\u00e4tzen zu n\u00e4hern. Die Kunstvermittler*innen k\u00f6nnten eben diese vorgeben und dann dar\u00fcber diskutieren, anstatt Menschen mit Fragezeichen auf der Stirn ein paar Stifte in die Hand zu dr\u00fccken. <\/p>\n<p>Gerade Beuys ist durch pures Sehen kaum nachzuvollziehen \u2013 allerdings ist er deshalb f\u00fcr mich auch immer reizvoller geworden. Seine Werke haben 20 Jahre in mir rumort, bis ich endlich mal ein Buch \u00fcber ihn gelesen habe bzw. l\u00e4nger vor seinen Werken rumgestanden habe. Ich bin mir inzwischen nicht mal sicher, ob ich ihn komplett verstehen <em>will<\/em> \u2013\u00a0meist reicht es mir, mich mit seinen Werken zu konfrontieren oder ihm bei der Arbeit zuzuschauen, z. B. im <a href=\"http:\/\/www.lenbachhaus.de\/index.php?id=23\">Lenbachhaus<\/a>, wo ein Video seiner Performance <em><a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/I_like_America_and_America_likes_Me\">I like America and America likes me<\/a><\/em> l\u00e4uft. Das wird bei mir meist zur Meditation, wenn ich lange bei Beuys rumh\u00e4nge und weniger zur kunsthistorischen Auseinandersetzung. Aber auch hier: Wer sagt, dass das die einzig richtige Art ist, sich mit Kunst auseinanderzusetzen? Ich mag es sehr, bei einigen Werken ger\u00fchrt zu werden, von anderen fasziniert zu sein \u2013 und wieder andere gelangweilt links liegen zu lassen. Daher stimme ich Ullrich mal wieder nicht zu, wenn er sagt, dass \u201ejedes Kunstwerk jedem Menschen zu jedem Zeitpunkt etwas zu geben habe\u201c. <\/p>\n<blockquote><p>\u201eKunstvermittler \u2013 zum allergr\u00f6\u00dften Teil Kunstvermittlerinnen \u2013 sind h\u00f6chst findig, wenn es darum geht, ihr Publikum dort abzuholen, wo es steht. Nur liefern sie es leider genau dort auch wieder ab. Sie bem\u00fchen sich gerade nicht um Bildung oder Aufkl\u00e4rung; vielmehr wird der jeweiligen Klientel suggeriert, sie befinde sich schon auf Augenh\u00f6he mit der Kunst und stecke selbst voller kreativer Potenziale. Eigentlich gehe es nur noch darum, ein paar Unsicherheiten abzubauen.<\/p>\n<p>Doch diese Einsch\u00e4tzung ist fatal. In ihrer Folge werden die Werke n\u00e4mlich so vermittelt, dass nicht mehr viel von ihnen \u00fcbrig bleibt. Vielmehr hei\u00dft Vermittlung von Kunst, diese bis zur Unkenntlichkeit zu verharmlosen. Hatten die Bildungsb\u00fcrger noch den Ehrgeiz, sich die Kunst, die sie selbst nie h\u00e4tten kaufen k\u00f6nnen, intellektuell anzueignen und sich damit als ihre wahren Besitzer zu f\u00fchlen, ja steigerte jemand wie Bazon Brock in seinen legend\u00e4ren Besucherschulen auf der Documenta das Selbstbewusstsein des Publikums noch durch ein Mehr an Bildung, verfolgt die Kunstvermittlung von vornherein ein anderes Ziel. Das Unbehagen, das eine schwierige, schroffe und r\u00e4tselhafte Kunst ausl\u00f6st, wird abgebaut, indem man all diese Eigenschaften durch Aktionismus \u00fcberspielt und so tut, als sei Kunst letztlich doch ganz einfach und verlange keine Zugangsvoraussetzungen. Kunstvermittlung ist insofern vor allem An\u00e4sthesie: Sie dimmt alles auf eine vage Atmosph\u00e4re von Kreativit\u00e4t herunter.\u201c<\/p><\/blockquote>\n<p>Ich bin dar\u00fcber gestolpert, dass Ullrich hier als einzige Ausnahme vom generischen Maskulinum im Artikel auf die \u201eKunstvermittler<em>innen<\/em>\u201c hinweist. Ich kann nur spekulieren, ob hier eine latente Abneigung gegen die M\u00e4dels im Kunstbetrieb herrscht, die es weiblich-klischeehaft sozial und m\u00fctterlich eingestellt wagen, den dementen Migranten Kunst n\u00e4herzubringen anstatt m\u00e4nnlich-klischeehaft zu forschen, zu lehren und wissenschaftliche Karriere zu machen, die nur von <a href=\"https:\/\/www.audimax.de\/karriere\/diversity\/vielfalt-im-unternehmen\/warum-gibt-es-so-wenige-weibliche-professoren\/\">wenigen Frauen<\/a> gest\u00f6rt wird. Wenn ich mich in den Seminarr\u00e4umen und H\u00f6rs\u00e4len umgucke, sehe ich allerdings, dass meine Kommilitonen zu ungef\u00e4hr 90 Prozent weiblich sind. Wahrscheinlich gibt es daher schlicht mehr Kunstvermittlerinnen als Kunstvermittler, und der Seitenhieb Ullrichs geht peinlich ins Leere.<\/p>\n<p>Ich bin mir auch nicht sicher, ob wirklich alle Besucher*innenf\u00fchrungen Kreativit\u00e4t zum Ziel oder Ausgangspunkt ihrer Vermittlung haben. Ich gebe zu, ich mache selten F\u00fchrungen mit, weil ich lieber selber gucke, aber man kommt ja nicht darum herum, auch mal bei einer zuzuh\u00f6ren, wenn sie im gleichen Raum stattfinden, in dem man selber steht. Spontan f\u00e4llt mir eine F\u00fchrung zu <a href=\"http:\/\/www.buceriuskunstforum.de\/ausstellung\/mondrian-farbe\/?cHash=9faf95115a84cae134945bb27225ee60\">Mondrian<\/a> im Bucerius-Kunst-Forum in Hamburg ein, wo eine Vermittlerin gerade einige Bilder mit der Biografie Mondrians in Verbindung brachte. Ein weiteres Mal h\u00f6rte ich in der Hypo-Kunsthalle in M\u00fcnchen bei <a href=\"http:\/\/www.kunsthalle-muc.de\/ausstellungen\/details\/rembrandt-tizian-bellotto\/\">Rembrandt, Tizian, Bellotto<\/a> einer Vermittlerin zu, wie sie vor einem Stillleben den Besucher*innen erz\u00e4hlte, ab wann welche Fr\u00fcchte \u00fcberhaupt in Europa vorhanden waren, um gemalt werden zu k\u00f6nnen. Beide Ans\u00e4tze fand ich sehr stimmig, und es musste auch niemand Blumen aus Fimo nachbasteln, um sich an einem floralen Bild erfreuen zu k\u00f6nnen. Bei einer dritten F\u00fchrung in der Neuen Pinakothek sah ich allerdings eine Kindergartenklasse vor den <a href=\"http:\/\/www.pinakothek.de\/neue-pinakothek\/die-sammlung\/rundgang\/saal-19\">Impressionisten<\/a> auf dem Boden liegen und malen. Und das war genauso stimmig, weil es zu kleinen Kindern passte.<\/p>\n<blockquote><p>\u201eLange erwartete man gerade im linken Milieu, dass Kunst weh tue und das Bestehende negiere. F\u00fcr Philosophen wie Theodor W. Adorno oder Herbert Marcuse bedeutete es nicht weniger als das Ende der Kunst, sie zu vermitteln und dabei zu verniedlichen, ja mit der Realit\u00e4t zu vers\u00f6hnen. Heute jedoch m\u00fcssen Vertreter einer derart kunstvermittlungskritischen Position mit dem Vorwurf rechnen, elit\u00e4r zu sein. Sind Kritiker der Kunstvermittlung nicht zu verw\u00f6hnt und abgehoben, um erkennen zu k\u00f6nnen, in welch bedauernswerter Lage sich unterprivilegierte Minderheiten befinden? Sind sie sogar gegen diese Minderheiten?<\/p>\n<p>Kunstvermittlung konnte sich auch deshalb widerstandslos durchsetzen, weil kein Museumsdirektor in den Verdacht geraten will, minderheitenfeindlich zu sein. Dabei ist dieser Verdacht alles andere als gerechtfertigt. \u00dcbertragen auf andere Bereiche hie\u00dfe das, auch dann Diskriminierung zu unterstellen, wenn jemand meint, Senioren brauchten sich nicht mit Musik von Jugendlichen zu besch\u00e4ftigen oder f\u00fcr Leute ohne Schulabschluss sei h\u00f6here Mathematik zu schwierig. Tats\u00e4chlich wird sonst \u00fcberall akzeptiert, dass manchen die Voraussetzungen f\u00fcr bestimmte Gebiete fehlen. Warum sollte das nur im Fall der Kunst anders sein? Sofern ebendies behauptet wird, zeigt sich nochmals die Vereinigung von Kunstreligion und Sozialdemokratie: F\u00fcr die Kunst wird ein absoluter, kein blo\u00df relativer Wert reklamiert, sie wird zu etwas erkl\u00e4rt, das ausnahmslos f\u00fcr alle gut sein soll.\u201c<\/p><\/blockquote>\n<p>Kunst ist f\u00fcr alle gut, genau wie Musik oder Tanz oder Literatur. Aber niemand wird gezwungen, sich mit ihr zu besch\u00e4ftigen. Das ist f\u00fcr mich der gro\u00dfe Irrtum in Ullrichs Polemik. Ich <em>muss<\/em> nicht ins Museum, aber wenn ich schon da bin, finde ich es nett, dass man mir verschiedene Angebote macht, mich mit den Inhalten auseinanderzusetzen. <\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich ist meine Erwartungshaltung als Kunstgeschichtsstudentin eine andere als die von vor 20 oder 35 Jahren. Vor 20 Jahren gab&#8217;s f\u00fcr mich die Impressionisten und fertig, mehr wollte ich gar nicht sehen, weswegen ich auch nicht mehr gesehen habe. Vor 35 Jahren allerdings haben mich meine Eltern von einem Museum ins n\u00e4chste geschleppt, genau wie ins Theater und in die Oper und ins Ballett. Meine Eltern haben beide bereits mit ungef\u00e4hr 16 Jahren angefangen zu arbeiten und hatten in ihrer Kindheit und Jugend keinen Zugang zu den ganzen kulturellen Einrichtungen, in die meine Schwester und ich dann mitgenommen wurden. Ich rechne es beiden bis heute sehr hoch an, dass es f\u00fcr mich nie eine Schwelle zu Kultur gab, \u00fcber die ich mich nicht getraut habe. Ich kann mir aber vorstellen, dass es andere Menschen gibt, denen das nicht so geht. Was ist falsch daran, diese Menschen dort abzuholen, wo sie sind? <\/p>\n<p>Es gibt ein Motto, das ich sehr mag, auch wenn es fies nach Kissenstickerei klingt: \u201eStart where you are. Use what you have. Do what you can.\u201c Wenn du nichts mit Beuys anfangen kannst: Lies ein Buch. Oder geh einfach mal gucken. Oder frag im Museum, ob es speziell daf\u00fcr F\u00fchrungen gibt. (Und hoffe dann darauf, dass du kein Werk von ihm nachbauen musst.) Ich kann wirklich \u00fcberhaupt nichts Schlechtes daran sehen, wenn verschiedenen Menschen Kultur nahegebracht wird. Nat\u00fcrlich findet das auf einer anderen Ebene statt als das, was wir an der Uni machen. Aber das ist doch der Witz an der Sache: Die Uni macht ihr Ding und Museen machen ein anderes.<\/p>\n<p>Ich gebe Ullrich v\u00f6llig recht, wenn er sich gegen eine Banalisierung von Kunst zur Wehr setzt und eine gewisse Erwartungshaltung an Kunstvermittlung hat. Aber nochmal: Sich generell gegen Kunstvermittlung auszusprechen \u2013 und das ist f\u00fcr mich eher der Tenor seines Artikels \u2013 halte ich f\u00fcr h\u00f6chst arrogant.<\/p>\n<p>&#8212;<\/p>\n<p>Edit, 13.4.: Auf <em>Let&#8217;s talk about arts<\/em> <a href=\"http:\/\/www.letstalkaboutarts.com\/wem-gehoert-die-kunst\/\">diskutiert<\/a> Ullrich in den Kommentare mit und erkl\u00e4rt unter anderem, dass die olle \u00dcberschrift nicht von ihm ist. <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wolfgang Ullrich polemisiert: Nicht alle Menschen sollten in Museen rumlungern. Ich polemisiere mal mit. \u201eJetzt sollen selbst die Blinden sehen. In der National Gallery in London stanzte man dazu eigens ein Gem\u00e4lde von Camille Pissarro auf eine Weise in Papier, dass sich wichtige Orientierungspunkte des Bildes ertasten lassen. 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