{"id":22823,"date":"2015-10-23T09:17:32","date_gmt":"2015-10-23T07:17:32","guid":{"rendered":"http:\/\/www.ankegroener.de\/?p=22823"},"modified":"2015-10-23T09:17:32","modified_gmt":"2015-10-23T07:17:32","slug":"tagebuch-22-oktober-2015-die-unsichtbare-sammlung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/ankegroener.de\/blog\/?p=22823","title":{"rendered":"Tagebuch 22. Oktober 2015 \u2013 \u201eDie unsichtbare Sammlung\u201c"},"content":{"rendered":"<p>Die Erk\u00e4ltung will nicht weg, ich bin im Bett (<a href=\"https:\/\/twitter.com\/ankegroener\/status\/657276672752943104\">meistens<\/a>), und wenn ich nicht schlafe oder d\u00f6se, stecke ich meine Nase in ein Buch, das meine Timeline f\u00fcr mich ausgesucht hat. Ich hatte um drei Zahlen gebeten, die ein Regal, ein Regalbrett und ein Buch auf diesem Brett bezeichnen, und <a href=\"https:\/\/twitter.com\/Moepern\">@Moepern<\/a> traf mit einer Zahlenkombi ein Buch, das ich noch nicht kannte. Eine Reclam-Ausgabe aus der DDR, gesetzt im Grafischen Gro\u00dfbetrieb V\u00f6lkerfreundschaft Dresden: eine Novellensammlung von Stefan Zweig. Gleich die erste Geschichte hat mich ein wenig aus meinem derzeitigen Grau rei\u00dfen k\u00f6nnen, und deswegen steht sie hier (weil gemeinfrei): <em>Die unsichtbare Sammlung<\/em> von 1927.<\/p>\n<p>&#8212;<\/p>\n<p><strong>Die unsichtbare Sammlung<br \/>\nEine Episode aus der deutschen Inflation<\/strong><\/p>\n<p>Zwei Stationen hinter Dresden stieg ein \u00e4lterer Herr in unser Abteil, gr\u00fc\u00dfte h\u00f6flich und nickte mir dann, aufblickend, noch einmal ausdr\u00fccklich zu wie einem guten Bekannten. Ich vermochte mich seiner im ersten Augenblick nicht zu entsinnen; kaum nannte er aber dann mit einem leichten L\u00e4cheln seinen Namen, erinnerte ich mich sofort: Es war einer der angesehensten Kunstantiquare Berlins, bei dem ich in Friedenszeit \u00f6fters alte B\u00fccher und Autographen besehen und gekauft. Wir plauderten zun\u00e4chst von gleichg\u00fcltigen Dingen. Pl\u00f6tzlich sagte er unvermittelt:<br \/>\n\u00bbIch mu\u00df Ihnen doch erz\u00e4hlen, woher ich gerade komme. Denn diese Episode ist so ziemlich das Sonderbarste, was mir altem Kunstkr\u00e4mer in den siebenunddrei\u00dfig Jahren meiner T\u00e4tigkeit begegnet ist. Sie wissen wahrscheinlich selbst, wie es im Kunsthandel jetzt zugeht, seit sich der Wert des Geldes wie Gas verfl\u00fcchtigt: Die neuen Reichen haben pl\u00f6tzlich ihr Herz entdeckt f\u00fcr gotische Madonnen und Inkunabeln und alte Stiche und Bilder; man kann ihnen gar nicht genug herzaubern, ja wehren mu\u00df man sich sogar, da\u00df einem nicht Haus und Stube kahl ausger\u00e4umt wird. Am liebsten kauften sie einem noch den Manschettenknopf vom \u00c4rmel weg und die Lampe vom Schreibtisch. Da wird es nun eine immer h\u00e4rtere Not, stets neue Waren herbeizuschaffen \u2013 verzeihen Sie, da\u00df ich f\u00fcr diese Dinge, die unsereinem sonst etwas Ehrf\u00fcrchtiges bedeuteten, pl\u00f6tzlich Ware sage \u2013, aber diese \u00fcble Rasse hat einen ja selbst daran gew\u00f6hnt, einen wunderbaren Venezianer Wiegendruck nur als \u00dcberzug von soundsoviel Dollars zu betrachten und eine Handzeichnung des Guercino als Inkarnation von ein paar Hundertfrankenscheinen. Gegen die penetrante Eindringlichkeit dieser pl\u00f6tzlich Kaufw\u00fctigen hilft kein Widerstand. Und so war ich \u00fcber Nacht wieder einmal ganz ausgepowert und h\u00e4tte am liebsten die Rolladen heruntergelassen, so sch\u00e4mte ich mich, in unserem alten Gesch\u00e4ft, das schon mein Vater vom Gro\u00dfvater \u00fcbernommen, nur noch erb\u00e4rmlichen Schund herumk\u00fcmmeln zu sehen, den fr\u00fcher kein Stra\u00dfentr\u00f6dler im Norden sich auf den Karren gelegt h\u00e4tte.<\/p>\n<p>In dieser Verlegenheit kam ich auf den Gedanken, unsere alten Gesch\u00e4ftsb\u00fccher durchzusehen, um einstige Kunden aufzust\u00f6bern, denen ich vielleicht ein paar Dubletten wieder abluchsen k\u00f6nnte. Eine solche alte Kundenliste ist immer eine Art Leichenfeld, besonders in jetziger Zeit, und sie lehrte mich eigentlich nicht viel: Die meisten unserer fr\u00fcheren K\u00e4ufer hatten l\u00e4ngst ihren Besitz in Auktionen abgeben m\u00fcssen oder waren gestorben, und von den wenigen Aufrechten war nichts zu erhoffen. Aber da stie\u00df ich pl\u00f6tzlich auf ein ganzes B\u00fcndel Briefe von unserem wohl \u00e4ltesten Kunden, der mir nur darum aus dem Ged\u00e4chtnis gekommen war, weil er seit Anbruch des Weltkrieges, seit 1914, sich nie mehr mit irgendeiner Bestellung oder Anfrage an uns gewandt hatte. Die Korrespondenz reichte \u2013 wahrhaftig keine \u00dcbertreibung! \u2013 auf beinahe sechzig Jahre zur\u00fcck; er hatte schon von meinem Vater und Gro\u00dfvater gekauft, dennoch konnte ich mich nicht entsinnen, da\u00df er in den siebenunddrei\u00dfig Jahren meiner pers\u00f6nlichen T\u00e4tigkeit jemals unser Gesch\u00e4ft betreten h\u00e4tte. Alles deutete darauf hin, da\u00df er ein sonderbarer, altv\u00e4terischer, skurriler Mensch gewesen sein mu\u00dfte, einer jener verschollenen Menzel- oder Spitzweg-Deutschen, wie sie sich noch knapp bis in unsere Zeit hinein in kleinen Provinzst\u00e4dten als seltene Unika hier und da erhalten haben. Seine Schriftst\u00fccke waren Kalligraphika, s\u00e4uberlich geschrieben, die Betr\u00e4ge mit dem Lineal und roter Tinte unterstrichen, auch wiederholte er immer zweimal die Ziffer, um ja keinen Irrtum zu erwecken: Dies sowie die ausschlie\u00dfliche Verwendung von abgel\u00f6sten Respektbl\u00e4ttern und Sparkuverts deuteten auf die Kleinlichkeit und fanatische Sparwut eines rettungslosen Provinzlers. Unterzeichnet waren diese sonderbaren Dokumente au\u00dfer mit seinem Namen stets noch mit dem umst\u00e4ndlichen Titel: Forst- und \u00d6konomierat a. D., Leutnant a. D., Inhaber des Eisernen Kreuzes erster Klasse. Als Veteran aus dem siebenziger Jahr mu\u00dfte er also, wenn er noch lebte, zumindest seine guten achtzig Jahre auf dem R\u00fccken haben. Aber dieser skurrile, l\u00e4cherliche Sparmensch zeigte als Sammler alter Graphiken eine ganz ungew\u00f6hnliche Klugheit, vorz\u00fcgliche Kenntnis und feinsten Geschmack: Als ich mir so langsam seine Bestellungen aus beinahe sechzig Jahren zusammenlegte, deren erste noch auf Silbergroschen lautete, wurde ich gewahr, da\u00df sich dieser kleine Provinzmann in den Zeiten, da man f\u00fcr einen Taler noch ein Schock sch\u00f6nster deutscher Holzschnitte kaufen konnte, ganz im stillen eine Kupferstichsammlung zusammengetragen haben mu\u00dfte, die wohl neben den l\u00e4rmend genannten der neuen Reichen in h\u00f6chsten Ehren bestehen konnte. Denn schon was er bei uns allein in kleinen Mark- und Pfennigbetr\u00e4gen im Laufe eines halben Jahrhunderts erstanden hatte, stellte heute einen erstaunlichen Wert dar, und au\u00dferdem lie\u00df sich&#8217;s erwarten, da\u00df er auch bei Auktionen und anderen H\u00e4ndlern nicht minder wohlfeil gescheffelt. Seit 1914 war allerdings keine Bestellung mehr von ihm gekommen, ich jedoch wiederum zu vertraut mit allen Vorg\u00e4ngen im Kunsthandel, als da\u00df mir die Versteigerung oder der geschlossene Verkauf eines solchen Stapels h\u00e4tte entgehen k\u00f6nnen: So mu\u00dfte dieser sonderbare Mann wohl noch am Leben oder die Sammlung in den H\u00e4nden seiner Erben sein.<\/p>\n<p>Die Sache interessierte mich, und ich fuhr sofort am n\u00e4chsten Tage, gestern abend, direkt drauflos, geradewegs in eine der unm\u00f6glichsten Provinzst\u00e4dte, die es in Sachsen gibt; und als ich so vom kleinen Bahnhof durch die Hauptstra\u00dfe schlenderte, schien es mir fast unm\u00f6glich, da\u00df da, inmitten dieser banalen Kitschh\u00e4user mit ihrem Kleinb\u00fcrgerplunder, in irgendeiner dieser Stuben ein Mensch wohnen sollte, der die herrlichsten Bl\u00e4tter Rembrandts neben Stichen D\u00fcrers und Mantegnas in tadelloser Vollst\u00e4ndigkeit besitzen k\u00f6nnte. Zu meinem Erstaunen erfuhr ich aber im Postamt auf die Frage, ob hier ein Forst- oder \u00d6konomierat dieses Namens wohne, da\u00df tats\u00e4chlich der alte Herr noch lebe, und machte mich \u2013 offen gestanden, nicht ohne etwas Herzklopfen \u2013 noch vor Mittag auf den Weg zu ihm.<\/p>\n<p>Ich hatte keine M\u00fche, seine Wohnung zu finden. Sie war im zweiten Stock eines jener sparsamen Provinzh\u00e4user, die irgendein spekulativer Maurerarchitekt in den sechziger Jahren hastig aufgekellert haben mochte. Den ersten Stock bewohnte ein biederer Schneidermeister, links gl\u00e4nzte im zweiten Stock das Schild eines Postverwalters, rechts endlich das Porzellant\u00e4felchen mit dem Namen des Forst- und \u00d6konomierates. Auf mein zaghaftes L\u00e4uten tat sofort eine ganz alte, wei\u00dfhaarige Frau mit sauberem schwarzem H\u00e4ubchen auf. Ich \u00fcberreichte ihr meine Karte und fragte, ob Herr Forstrat zu sprechen sei. Erstaunt und mit einem gewissen Mi\u00dftrauen sah sie zuerst mich und dann die Karte an: In diesem weltverlorenen St\u00e4dtchen, in diesem altv\u00e4terischen Haus schien ein Besuch von au\u00dfen her ein Ereignis zu sein. Aber sie bat mich freundlich, zu warten, nahm die Karte, ging hinein ins Zimmer; leise h\u00f6rte ich sie fl\u00fcstern und dann pl\u00f6tzlich eine laute, polternde M\u00e4nnerstimme: \u203aAh, der Herr R. &#8230; aus Berlin, von dem gro\u00dfen Antiquariat &#8230; soll nur kommen, soll nur kommen &#8230; freue mich sehr!\u2039 Und schon trippelte das alte M\u00fctterchen wieder heran und bat mich in die gute Stube.<\/p>\n<p>Ich legte ab und trat ein. In der Mitte des bescheidenen Zimmers stand hochaufgerichtet ein alter, aber noch markiger Mann, mit buschigem Schnurrbart in verschn\u00fcrtem, halb milit\u00e4rischem Hausrock und hielt mir herzlich beide H\u00e4nde entgegen. Doch dieser offenen Geste unverkennbar freudiger und spontaner Begr\u00fc\u00dfung widersprach eine merkw\u00fcrdige Starre in seinem Dastehen. Er kam mir nicht einen Schritt entgegen, und ich mu\u00dfte \u2013 ein wenig befremdet \u2013 bis an ihn heran, um seine Hand zu fassen. Doch als ich sie fassen wollte, merkte ich an der waagerecht unbeweglichen Haltung dieser H\u00e4nde, da\u00df sie die meinen nicht suchten, sondern erwarteten. Im n\u00e4chsten Augenblick wu\u00dfte ich alles: Dieser Mann war blind.<\/p>\n<p>Schon von Kindheit an, immer war es mir unbehaglich, einem Blinden gegen\u00fcberzustehen, niemals konnte ich mich einer gewissen Scham und Verlegenheit erwehren, einen Menschen ganz als lebendig zu f\u00fchlen und gleichzeitig zu wissen, da\u00df er mich nicht so f\u00fchlte wie ich ihn. Auch jetzt hatte ich ein erstes Erschrecken zu \u00fcberwinden, als ich diese toten, starr ins Leere hineingestellten Augen unter den aufgestr\u00e4ubten wei\u00dfbuschigen Brauen sah. Aber der Blinde lie\u00df mir nicht lange Zeit zu solcher Befremdung, denn kaum da\u00df meine Hand die seine ber\u00fchrte, sch\u00fcttelte er sie auf das kr\u00e4ftigste und erneute den Gru\u00df mit st\u00fcrmischer, behaglich-polternder Art. \u203aEin seltener Besuch\u2039, lachte er mir breit entgegen, \u203awirklich ein Wunder, da\u00df sich einmal einer der Berliner gro\u00dfen Herren in unser Nest verirrt &#8230; Aber da hei\u00dft es vorsichtig sein, wenn sich einer der Herren H\u00e4ndler auf die Bahn setzt &#8230; Bei uns zu Hause sagt man immer: Tore und Taschen zu, wenn die Zigeuner kommen &#8230; Ja, ich kann mir&#8217;s schon denken, warum Sie mich aufsuchen &#8230; Die Gesch\u00e4fte gehen jetzt schlecht in unserem armen, heruntergekommenen Deutschland, es gibt keine K\u00e4ufer mehr, und da besinnen sich die gro\u00dfen Herren wieder einmal auf ihre alten Kunden und suchen ihre Sch\u00e4flein auf &#8230; Aber bei mir, f\u00fcrchte ich, werden Sie kein Gl\u00fcck haben, wir armen, alten Pensionisten sind froh, wenn wir unser St\u00fcck Brot auf dem Tische haben. Wir k\u00f6nnen nicht mehr mittun bei den irrsinnigen Preisen, die ihr jetzt macht &#8230; unsereins ist ausgeschaltet f\u00fcr immer.\u2039<\/p>\n<p>Ich berichtigte sofort, er habe mich mi\u00dfverstanden, ich sei nicht gekommen, ihm etwas zu verkaufen, ich sei nur gerade hier in der N\u00e4he gewesen und h\u00e4tte die Gelegenheit nicht vers\u00e4umen wollen, ihm als vielj\u00e4hrigem Kunden unseres Hauses und einem der gr\u00f6\u00dften Sammler Deutschlands meine Aufwartung zu machen. Kaum hatte ich das Wort \u203aeiner der gr\u00f6\u00dften Sammler Deutschlands\u2039 ausgesprochen, so ging eine seltsame Verwandlung im Gesicht des alten Mannes vor. Noch immer stand er aufrecht und starr inmitten des Zimmers, aber jetzt kam ein Ausdruck pl\u00f6tzlicher Helligkeit und innersten Stolzes in seine Haltung, er wandte sich in die Richtung, wo er seine Frau vermutete, als wollte er sagen: \u203aH\u00f6rst du\u2039, und voll Freudigkeit in der Stimme, ohne eine Spur jenes milit\u00e4risch barschen Tones, in dem er sich noch eben gefallen, sondern weich, geradezu z\u00e4rtlich, wandte er sich zu mir:<br \/>\n\u203aDas ist wirklich sehr, sehr sch\u00f6n von Ihnen &#8230; Aber Sie sollen auch nicht umsonst gekommen sein. Sie sollen etwas sehen, was Sie nicht jeden Tag zu sehen bekommen, selbst nicht in Ihrem protzigen Berlin &#8230; ein paar St\u00fccke, wie sie nicht sch\u00f6ner in der \u00bbAlbertina\u00ab und in dem gottverfluchten Paris zu finden sind &#8230; Ja, wenn man sechzig Jahre sammelt, da kommen allerhand Dinge zustande, die sonst nicht gerade auf der Stra\u00dfe liegen. Luise, gib mir mal den Schl\u00fcssel zum Schrank!\u2039<\/p>\n<p>Jetzt aber geschah etwas Unerwartetes. Das alte M\u00fctterchen, das neben ihm stand und h\u00f6flich, mit einer l\u00e4chelnden, leise lauschenden Freundlichkeit an unserem Gespr\u00e4ch teilgenommen, hob pl\u00f6tzlich zu mir bittend beide H\u00e4nde auf, und gleichzeitig machte sie mit dem Kopfe eine heftig verneinende Bewegung, ein Zeichen, das ich zun\u00e4chst nicht verstand. Dann erst ging sie auf ihren Mann zu und legte ihm leicht beide H\u00e4nde auf die Schultern: \u203aAber Herwarth\u2039, mahnte sie, \u203adu fragst ja den Herrn gar nicht, ob er jetzt Zeit hat, die Sammlung zu besehen, es geht doch schon auf Mittag. Und nach Tisch mu\u00dft du eine Stunde ruhen, das hat der Arzt ausdr\u00fccklich verlangt. Ist es nicht besser, du zeigst dem Herrn alle die Sachen nach Tisch, und wir trinken dann gemeinsam Kaffee? Dann ist auch Annemarie hier, die versteht ja alles viel besser und kann dir helfen!\u2039<br \/>\nUnd nochmals, kaum da\u00df sie die Worte ausgesprochen hatte, wiederholte sie gleichsam \u00fcber den Ahnungslosen hinweg jene bittend eindringliche Geb\u00e4rde. Nun verstand ich sie. Ich wu\u00dfte, da\u00df sie w\u00fcnschte, ich solle eine sofortige Besichtigung ablehnen, und erfand schnell eine Verabredung zu Tisch. Es w\u00e4re mir ein Vergn\u00fcgen und eine Ehre, seine Sammlung besehen zu d\u00fcrfen, aber dies sei mir kaum vor drei Uhr m\u00f6glich, aber dann w\u00fcrde ich mich gern einfinden.<\/p>\n<p>\u00c4rgerlich wie ein Kind, dem man sein liebstes Spielzeug genommen, wandte sich der alte Mann herum. \u203aNat\u00fcrlich\u2039, brummte er, \u203adie Herren Berliner, die haben nie f\u00fcr etwas Zeit. Aber diesmal werden Sie sich schon Zeit nehmen m\u00fcssen, denn das sind nicht drei oder f\u00fcnf St\u00fccke, das sind siebenundzwanzig Mappen, jede f\u00fcr einen anderen Meister, und keine davon halbleer. Also um drei Uhr; aber p\u00fcnktlich sein, wir werden sonst nicht fertig.\u2039<\/p>\n<p>Wieder streckte er mir die Hand ins Leere entgegen. \u203aPassen Sie auf, Sie d\u00fcrfen sich freuen \u2013 oder \u00e4rgern. Und je mehr Sie sich \u00e4rgern, desto mehr freue ich mich. So sind wir Sammler ja schon: alles f\u00fcr uns selbst und nichts f\u00fcr die andern!\u2039 Und nochmals sch\u00fcttelte er mir kr\u00e4ftig die Hand.<\/p>\n<p>Das alte Frauchen begleitete mich zur T\u00fcr. Ich hatte ihr schon die ganze Zeit eine gewisse Unbehaglichkeit angemerkt, einen Ausdruck verlegener \u00c4ngstlichkeit. Nun aber, schon knapp am Ausgang, stotterte sie mit einer ganz niedergedr\u00fcckten Stimme: \u203aD\u00fcrfte Sie &#8230; d\u00fcrfte Sie &#8230; meine Tochter Annemarie abholen, ehe Sie zu uns kommen? &#8230; Es ist besser &#8230; aus mehreren Gr\u00fcnden &#8230; Sie speisen doch wohl im Hotel?\u2039<br \/>\n\u203aGewi\u00df, ich werde mich freuen, es wird mir ein Vergn\u00fcgen sein\u2039, sagte ich.<\/p>\n<p>Und tats\u00e4chlich, eine Stunde sp\u00e4ter, als ich in der kleinen Gaststube des Hotels am Marktplatz die Mittagsmahlzeit gerade beendet hatte, trat ein \u00e4ltliches M\u00e4dchen, einfach gekleidet, mit suchendem Blick ein. Ich ging auf sie zu, stellte mich vor und erkl\u00e4rte mich bereit, gleich mitzugehen, um die Sammlung zu besichtigen. Aber mit einem pl\u00f6tzlichen Err\u00f6ten und der gleichen wirren Verlegenheit, die ihre Mutter gezeigt hatte, bat sie mich, ob sie nicht zuvor noch einige Worte mit mir sprechen k\u00f6nnte. Und ich sah sofort, es wurde ihr schwer. Immer, wenn sie sich einen Ruck gab und zu sprechen versuchte, stieg diese unruhige, diese flatternde R\u00f6te ihr bis zur Stirn empor, und die Hand verbastelte sich im Kleid. Endlich begann sie, stockend und immer wieder von neuem verwirrt:<br \/>\n\u203aMeine Mutter hat mich zu Ihnen geschickt &#8230; Sie hat mir alles erz\u00e4hlt, und &#8230; wir haben eine gro\u00dfe Bitte an Sie &#8230; Wir m\u00f6chten Sie n\u00e4mlich informieren, ehe Sie zu Vater kommen &#8230; Vater wird Ihnen nat\u00fcrlich seine Sammlung zeigen wollen, und die Sammlung &#8230; die Sammlung &#8230; ist nicht mehr ganz vollst\u00e4ndig &#8230; es fehlen eine Reihe St\u00fccke daraus &#8230; leider sogar ziemlich viele &#8230;\u2039<\/p>\n<p>Wieder mu\u00dfte sie Atem holen, dann sah sie mich pl\u00f6tzlich an und sagte hastig:<br \/>\n\u203aIch mu\u00df ganz aufrichtig zu Ihnen reden &#8230; Sie kennen die Zeit, Sie werden alles verstehen &#8230; Vater ist nach dem Ausbruch des Krieges vollkommen erblindet. Schon vorher war seine Sehkraft \u00f6fters gest\u00f6rt, die Aufregung hat ihn dann g\u00e4nzlich des Lichtes beraubt \u2013 er wollte n\u00e4mlich durchaus, trotz seinen sechsundsiebzig Jahren, noch nach Frankreich mit, und als die Armee nicht gleich wie 1870 vorw\u00e4rts kam, da hat er sich entsetzlich aufgeregt, und da ging es furchtbar rasch abw\u00e4rts mit seiner Sehkraft, Sonst ist er ja noch vollkommen r\u00fcstig, er konnte bis vor kurzem noch stundenlang gehen, sogar auf seine geliebte Jagd. Jetzt ist es aber mit seinen Spazierg\u00e4ngen aus, und da blieb ihm als einzige Freude die Sammlung, die sieht er sich jeden Tag an &#8230; das hei\u00dft, er sieht sie ja nicht, er sieht ja nichts mehr, aber er holt sich doch jeden Nachmittag alle Mappen hervor, um wenigstens die St\u00fccke anzutasten, eins nach dem andern, in der immer gleichen Reihenfolge, die er seit Jahrzehnten auswendig kennt &#8230; Nichts anderes interessiert ihn heute mehr, und ich mu\u00df ihm immer aus der Zeitung vorlesen von allen Versteigerungen, und je h\u00f6here Preise er h\u00f6rt, desto gl\u00fccklicher ist er &#8230; denn &#8230; das ist ja das Furchtbare, Vater versteht nichts mehr von den Preisen und von der Zeit &#8230; er wei\u00df nicht, da\u00df wir alles verloren haben und da\u00df man von seiner Pension nicht mehr zwei Tage im Monat leben kann &#8230; Dazu kam noch, da\u00df der Mann meiner Schwester gefallen ist und sie mit vier kleinen Kindern zur\u00fcckblieb &#8230; Doch Vater wei\u00df nichts von allen unseren materiellen Schwierigkeiten. Zuerst haben wir gespart, noch mehr gespart als fr\u00fcher, aber das half nichts. Dann begannen wir zu verkaufen \u2013 wir r\u00fchrten nat\u00fcrlich nicht an seine geliebte Sammlung &#8230; Man verkaufte das bi\u00dfchen Schmuck, das man hatte, doch, mein Gott, was war das, hatte doch Vater seit sechzig Jahren jeden Pfennig, den er er\u00fcbrigen konnte, einzig f\u00fcr seine Bl\u00e4tter ausgegeben. Und eines Tages war nichts mehr da &#8230; wir wu\u00dften nicht weiter &#8230; und da &#8230; da &#8230; haben Mutter und ich ein St\u00fcck verkauft. Vater h\u00e4tte es nie erlaubt, er wei\u00df ja nicht, wie schlecht es geht, er ahnt nicht, wie schwer es ist, im Schleichhandel das bi\u00dfchen Nahrung aufzutreiben, er wei\u00df auch nicht, da\u00df wir den Krieg verloren haben und da\u00df Elsa\u00df und Lothringen abgetreten sind, wir lesen ihm aus der Zeitung alle diese Dinge nicht mehr vor, damit er sich nicht aufregt.<\/p>\n<p>Es war ein sehr kostbares St\u00fcck, das wir verkauften, eine Rembrandt-Radierung. Der H\u00e4ndler bot uns viele, viele tausend Mark daf\u00fcr, und wir hofften, damit auf Jahre versorgt zu sein. Aber Sie wissen ja, wie das Geld einschmilzt &#8230; Wir hatten den ganzen Rest auf die Bank gelegt, doch nach zwei Monaten war alles weg. So mu\u00dften wir noch ein St\u00fcck verkaufen und noch eins, und der H\u00e4ndler sandte das Geld immer so sp\u00e4t, da\u00df es schon entwertet war. Dann versuchten wir es bei Auktionen, aber auch da betrog man uns trotz den Millionenpreisen &#8230; Bis die Millionen zu uns kamen, waren sie immer schon wertloses Papier. So ist allm\u00e4hlich das Beste seiner Sammlung bis auf ein paar gute St\u00fccke weggewandert, nur um das nackte, k\u00e4rglichste Leben zu fristen, und Vater ahnt nichts davon.<\/p>\n<p>Deshalb erschrak auch meine Mutter so, als Sie heute kamen &#8230; denn wenn er Ihnen die Mappen aufmacht, so ist alles verraten &#8230; wir haben ihm n\u00e4mlich in die alten Passepartouts, deren jedes er beim Anf\u00fchlen kennt, Nachdrucke oder \u00e4hnliche Bl\u00e4tter statt der verkauften eingelegt, so da\u00df er nichts merkt, wenn er sie antastet. Und wenn er sie nur antasten und nachz\u00e4hlen kann (er hat die Reihenfolge genau in Erinnerung), so hat er genau dieselbe Freude, wie wenn er sie fr\u00fcher mit seinen offenen Augen sah. Sonst ist ja niemand in diesem kleinen St\u00e4dtchen, den Vater je f\u00fcr w\u00fcrdig gehalten h\u00e4tte, ihm seine Sch\u00e4tze zu zeigen &#8230; und er liebt jedes einzelne Blatt mit einer so fanatischen Liebe, ich glaube, das Herz w\u00fcrde ihm brechen, wenn er ahnte, da\u00df alles das unter seinen H\u00e4nden l\u00e4ngst weggewandert ist. Sie sind der erste in all diesen Jahren, seit der fr\u00fchere Vorstand des Dresdner Kupferstichkabinetts tot ist, dem er seine Mappen zu zeigen meint. Darum bitte ich Sie &#8230;\u2039<\/p>\n<p>Und pl\u00f6tzlich hob das alternde M\u00e4dchen die H\u00e4nde auf, und ihre Augen schimmerten feucht.<br \/>\n\u203a&#8230; bitten wir Sie &#8230; machen Sie ihn nicht ungl\u00fccklich &#8230; nicht uns ungl\u00fccklich &#8230; zerst\u00f6ren Sie ihm nicht diese letzte Illusion, helfen Sie uns, ihn glauben zu machen, da\u00df alle diese Bl\u00e4tter, die er Ihnen beschreiben wird, noch vorhanden sind &#8230; er w\u00fcrde es nicht \u00fcberleben, wenn er es nur mutma\u00dfte. Vielleicht haben wir ein Unrecht an ihm getan, aber wir konnten nicht anders: man mu\u00dfte leben &#8230; und Menschenleben, vier verwaiste Kinder, wie die meiner Schwester, sind doch wichtiger als bedruckte Bl\u00e4tter &#8230; Bis zum heutigen Tage haben wir ihm ja auch keine Freude genommen damit; er ist gl\u00fccklich, jeden Nachmittag drei Stunden seine Mappen durchbl\u00e4ttern zu d\u00fcrfen, mit jedem St\u00fcck wie mit einem Menschen zu sprechen. Und heute &#8230; heute w\u00e4re vielleicht sein gl\u00fccklichster Tag, wartet er doch seit Jahren darauf, einmal einem Kenner seine Lieblinge zeigen zu d\u00fcrfen; bitte &#8230; ich bitte Sie mit aufgehobenen H\u00e4nden, zerst\u00f6ren Sie ihm diese Freude nicht!\u2039<br \/>\nDas war alles so ersch\u00fctternd gesagt, wie es mein Nacherz\u00e4hlen gar nicht ausdr\u00fccken kann. Mein Gott, als H\u00e4ndler hat man ja viele dieser niedertr\u00e4chtig ausgepl\u00fcnderten, von der Inflation hundsf\u00f6ttisch betrogenen Menschen gesehen, denen kostbarster jahrhundertealter Familienbesitz um ein Butterbrot weggegaunert war \u2013 aber hier schuf das Schicksal ein Besonderes, das mich besonders ergriff. Selbstverst\u00e4ndlich versprach ich ihr, zu schweigen und mein Bestes zu tun.<\/p>\n<p>Wir gingen nun zusammen hin \u2013 unterwegs erfuhr ich noch voll Erbitterung, mit welchen Kinkerlitzchen von Betr\u00e4gen man diese armen, unwissenden Frauen betrogen hatte, aber das festigte nur meinen Entschlu\u00df, ihnen bis zum Letzten zu helfen. Wir gingen die Treppe hinauf, und kaum da\u00df wir die T\u00fcre aufklinkten, h\u00f6rten wir von der Stube drinnen schon die freudig-polternde Stimme des alten Mannes: \u203aHerein! Herein!\u2039 Mit der Feinh\u00f6rigkeit eines Blinden mu\u00dfte er unsere Schritte schon von der Treppe vernommen haben.<\/p>\n<p>\u203aHerwarth hat heute gar nicht schlafen k\u00f6nnen vor Ungeduld, Ihnen seine Sch\u00e4tze zu zeigen\u2039, sagte l\u00e4chelnd das alte M\u00fctterchen. Ein einziger Blick ihrer Tochter hatte sie bereits \u00fcber mein Einverst\u00e4ndnis beruhigt. Auf dem Tische lagen ausgebreitet und wartend die St\u00f6\u00dfe der Mappen, und kaum da\u00df der Blinde meine Hand f\u00fchlte, fa\u00dfte er schon ohne weitere Begr\u00fc\u00dfung meinen Arm und dr\u00fcckte mich auf den Sessel.<\/p>\n<p>\u203aSo, und jetzt wollen wir gleich anfangen \u2013 es ist viel zu sehen, und die Herren aus Berlin haben ja niemals Zeit. Diese erste Mappe da ist Meister D\u00fcrer und, wie Sie sich \u00fcberzeugen werden, ziemlich komplett \u2013 dabei ein Exemplar sch\u00f6ner als das andere. Na, Sie werden ja selber urteilen, da sehen Sie einmal!\u2039 Er schlug das erste Blatt der Mappe auf. \u203aDas gro\u00dfe Pferd.\u2039<\/p>\n<p>Und nun entnahm er mit jener z\u00e4rtlichen Vorsicht, wie man sonst etwas Zerbrechliches ber\u00fchrt, mit ganz behutsam anfassenden schonenden Fingerspitzen der Mappe ein Passepartout, in dem ein leeres vergilbtes Papierblatt eingerahmt lag, und hielt den wertlosen Wisch begeistert vor sich hin. Er sah es an, minutenlang, ohne doch wirklich zu sehen, aber er hielt ekstatisch das leere Blatt mit ausgespreizter Hand in Augenh\u00f6he, sein ganzes Gesicht dr\u00fcckte magisch die angespannte Geste eines Schauenden aus. Und in seine Augen, die starren mit ihren toten Sternen, kam mit einemmal \u2013 schuf dies der Reflex des Papiers oder ein Glanz von innen her? \u2013 eine spiegelnde Helligkeit, ein wissendes Licht.<\/p>\n<p>\u203aNun\u2039, sagte er stolz, \u203ahaben Sie schon jemals einen sch\u00f6neren Abzug gesehen? Wie scharf, wie klar da jedes Detail herausw\u00e4chst \u2013 ich habe das Blatt verglichen mit dem Dresdner Exemplar, aber das wirkte ganz flau und stumpf dagegen. Und dazu das Pedigree! Da\u2039 \u2013 und er wandte das Blatt um und zeigte mit dem Fingernagel auf der R\u00fcckseite haargenau auf einzelne Stellen des leeren Blattes, so da\u00df ich unwillk\u00fcrlich hinsah, ob die Zeichen nicht doch noch da waren \u2013, \u203ada haben Sie den Stempel der Sammlung Nagler, hier den von Remy und Esdaile; die haben auch nicht geahnt, diese illustren Vorbesitzer, da\u00df ihr Blatt einmal hierher in die kleine Stube k\u00e4me.\u2039<br \/>\nMir lief es kalt \u00fcber den R\u00fccken, als der Ahnungslose ein vollkommen leeres Blatt so begeistert r\u00fchmte, und es war gespenstisch mitanzusehen, wie er mit dem Fingernagel bis zum Millimeter genau auf alle die nur in seiner Phantasie noch vorhandenen unsichtbaren Sammlerzeichen hindeutete. Mir war die Kehle vor Grauen zugeschn\u00fcrt, ich wu\u00dfte nichts zu antworten; aber als ich verwirrt zu den beiden aufsah, begegnete ich wieder den flehentlich aufgehobenen H\u00e4nden der zitternden und aufgeregten Frau. Da fa\u00dfte ich mich und begann mit meiner Rolle.<\/p>\n<p>\u203aUnerh\u00f6rt!\u2039 stammelte ich endlich heraus. \u203aEin herrlicher Abzug.\u2039 Und sofort erstrahlte sein ganzes Gesicht vor Stolz. \u203aDas ist aber noch gar nichts\u2039, triumphierte er, \u203ada m\u00fcssen Sie erst die \u00bbMelancholia\u00ab sehen oder da die \u00bbPassion\u00ab, ein illuminiertes Exemplar, wie es kaum ein zweites Mal vorkommt in gleicher Qualit\u00e4t. Da sehen Sie nur\u2039 \u2013 und wieder strichen z\u00e4rtlich seine Finger \u00fcber eine imagin\u00e4re Darstellung hin \u2013 \u203adiese Frische, dieser k\u00f6rnige, warme Ton. Da w\u00fcrde Berlin kopfstehen mit allen seinen Herren H\u00e4ndlern und Museumsdoktoren.\u2039<\/p>\n<p>Und so ging dieser rauschende, redende Triumph weiter, zwei ganze geschlagene Stunden lang. Nein, ich kann es Ihnen nicht schildern, wie gespenstisch das war, mit ihm diese hundert oder zweihundert leeren Papierfetzen oder sch\u00e4bigen Reproduktionen anzusehen, die aber in der Erinnerung dieses tragisch Ahnungslosen so unerh\u00f6rt wirklich waren, da\u00df er ohne Irrtum in fehlerloser Aufeinanderfolge jedes einzelne mit den pr\u00e4zisesten Details r\u00fchmte und beschrieb: die unsichtbare Sammlung, die l\u00e4ngst in alle Winde zerstreut sein mu\u00dfte, sie war f\u00fcr diesen Blinden, f\u00fcr diesen r\u00fchrend betrogenen Menschen noch unverstellt da, und die Leidenschaft seiner Vision so \u00fcberw\u00e4ltigend, da\u00df beinahe auch ich schon an sie zu glauben begann. Nur einmal unterbrach schreckhaft die Gefahr eines Erwachens die somnambule Sicherheit seiner schauenden Begeisterung: Er hatte bei der Rembrandtschen \u203aAntiope\u2039 (einem Probeabzug, der tats\u00e4chlich einen unerme\u00dflichen Wert gehabt haben mu\u00dfte) wieder die Sch\u00e4rfe des Druckes ger\u00fchmt, und dabei war sein nerv\u00f6s hellsichtiger Finger, liebevoll nachzeichnend, die Linie des Eindruckes nachgefahren, ohne da\u00df aber die gesch\u00e4rften Tastnerven jene Vertiefung auf dem fremden Blatte fanden. Da ging es pl\u00f6tzlich wie ein Schatten \u00fcber seine Stirn hin, die Stimme verwirrte sich. \u203aDas ist doch &#8230; das ist doch die \u00bbAntiope\u00ab?\u2039 murmelte er, ein wenig verlegen, worauf ich mich sofort ankurbelte, ihm eilig das gerahmte Blatt aus den H\u00e4nden nahm und die auch mir gegenw\u00e4rtige Radierung in allen m\u00f6glichen Einzelheiten begeistert beschrieb. Da entspannte sich das verlegen gewordene Gesicht des Blinden wieder. Und je mehr ich r\u00fchmte, desto mehr gl\u00fchte in diesem knorrigen, vermorschten Manne eine joviale Herzlichkeit, eine biederheitere Innigkeit auf. \u203aDa ist einmal einer, der etwas versteht\u2039, jubelte er, triumphierend zu den Seinen hingewandt. \u203aEndlich, endlich einmal einer, von dem auch ihr h\u00f6rt, was meine Bl\u00e4tter da wert sind. Da habt ihr mich immer mi\u00dftrauisch gescholten, weil ich alles Geld in meine Sammlung gesteckt: Es ist ja wahr, in sechzig Jahren kein Bier, kein Wein, kein Tabak, keine Reise, kein Theater, kein Buch, nur immer gespart und gespart f\u00fcr diese Bl\u00e4tter. Aber ihr werdet einmal sehen, wenn ich nicht mehr da bin \u2013 dann seid ihr reich, reicher als alle in der Stadt, und so reich wie die Reichsten in Dresden, dann werdet ihr meiner Narrheit noch einmal froh sein. Doch solange ich lebe, kommt kein einziges Blatt aus dem Haus \u2013 erst m\u00fcssen sie mich hinaustragen, dann erst meine Sammlung.\u2039<\/p>\n<p>Und dabei strich seine Hand z\u00e4rtlich, wie \u00fcber etwas Lebendiges, \u00fcber die l\u00e4ngst geleerten Mappen \u2013 es war grauenhaft und doch gleichzeitig r\u00fchrend f\u00fcr mich, denn in all den Jahren des Krieges hatte ich nicht einen so vollkommenen, so reinen Ausdruck von Seligkeit auf einem deutschen Gesichte gesehen. Neben ihm standen die Frauen, geheimnisvoll \u00e4hnlich den weiblichen Gestalten auf jener Radierung des deutschen Meisters, die, gekommen, um das Grab des Heilands zu besuchen, vor dem erbrochenen, leeren Gew\u00f6lbe mit einem Ausdruck f\u00fcrchtigen Schreckens und zugleich gl\u00e4ubiger, wunderfreudiger Ekstase stehen. Wie dort auf jenem Bilde die J\u00fcngerinnen von der himmlischen Ahnung des Heilands, so waren diese beiden alternden, zerm\u00fcrbten, armseligen Kleinb\u00fcrgerinnen angestrahlt von der kindlich-seligen Freude des Greises, halb in Lachen, halb in Tr\u00e4nen, ein Anblick, wie ich ihn nie \u00e4hnlich ersch\u00fctternd erlebt. Aber der alte Mann konnte nicht satt werden an meinem Lob, immer wieder h\u00e4ufte und wendete er die Bl\u00e4tter, durstig jedes Wort eintrinkend: So war es f\u00fcr mich eine Erholung, als endlich die l\u00fcgnerischen Mappen zur Seite geschoben wurden und er widerstrebend den Tisch freigeben mu\u00dfte f\u00fcr den Kaffee. Doch was war dies mein schuldbewu\u00dftes Aufatmen gegen die aufgeschwellte, tumultu\u00f6se Freudigkeit, gegen den \u00dcbermut des wie um drei\u00dfig Jahre verj\u00fcngten Mannes! Er erz\u00e4hlte tausend Anekdoten von seinen K\u00e4ufen und Fischz\u00fcgen, tappte, jede Hilfe abweisend, immer wieder auf, um noch und noch ein Blatt herauszuholen: Wie von Wein war er \u00fcberm\u00fctig und trunken. Als ich aber endlich sagte, ich m\u00fcsse Abschied nehmen, erschrak er geradezu, tat verdrossen wie ein eigensinniges Kind und stampfte trotzig mit dem Fu\u00dfe auf, das ginge nicht an, ich h\u00e4tte kaum die H\u00e4lfte gesehen. Und die Frauen hatten harte Not, seinem starrsinnigen Unmut begreiflich zu machen, da\u00df er mich nicht l\u00e4nger zur\u00fcckhalten d\u00fcrfe, weil ich sonst meinen Zug vers\u00e4ume.<\/p>\n<p>Als er sich endlich nach verzweifeltem Widerstand gef\u00fcgt hatte und es an den Abschied ging, wurde seine Stimme ganz weich. Er nahm meine beiden H\u00e4nde, und seine Finger strichen liebkosend mit der ganzen Ausdrucksf\u00e4higkeit eines Blinden an ihnen entlang bis zu den Gelenken, als wollten sie mehr von mir wissen und mir mehr Liebe sagen, als es Worte vermochten. \u203aSie haben mir eine gro\u00dfe, gro\u00dfe Freude gemacht mit Ihrem Besuch\u2039, begann er mit einer von innen her aufgew\u00fchlten Ersch\u00fctterung, die ich nie vergessen werde. \u203aDas war mir eine wirkliche Wohltat, endlich, endlich, endlich einmal wieder mit einem Kenner meine geliebten Bl\u00e4tter durchsehen zu k\u00f6nnen. Doch Sie sollen sehen, da\u00df Sie nicht vergebens zu mir altem, blindem Manne gekommen sind. Ich verspreche Ihnen hier vor meiner Frau als Zeugin, da\u00df ich in meine Verf\u00fcgungen noch eine Klausel einsetzen will, die Ihrem altbew\u00e4hrten Hause die Auktion meiner Sammlung \u00fcbertr\u00e4gt. Sie sollen die Ehre haben, diesen unbekannten Schatz\u2039 \u2013 und dabei legte er die Hand liebevoll auf die ausgeraubten Mappen \u2013 \u203averwalten zu d\u00fcrfen bis an den Tag, da er sich in die Welt zerstreut. Versprechen Sie mir nur, einen sch\u00f6nen Katalog zu machen: Er soll mein Grabstein sein, ich brauche keinen besseren.\u2039<\/p>\n<p>Ich sah auf Frau und Tochter, sie hielten sich eng zusammen, und manchmal lief ein Zittern hin\u00fcber von einer zur andern, als w\u00e4ren sie ein einziger K\u00f6rper, der da bebte in einm\u00fctiger Ersch\u00fctterung. Mir selbst war es ganz feierlich zumute, da mir der r\u00fchrend Ahnungslose seine unsichtbare, l\u00e4ngst zerstobene Sammlung wie eine Kostbarkeit zur Verwaltung zuteilte. Ergriffen versprach ich ihm, was ich niemals erf\u00fcllen konnte; wieder ging ein Leuchten in den toten Augensternen auf, ich sp\u00fcrte, wie seine Sehnsucht von innen suchte, mich leibhaftig zu f\u00fchlen: Ich sp\u00fcrte es an der Z\u00e4rtlichkeit, an dem liebenden Anpressen seiner Finger, die die meinen hielten in Dank und Gel\u00f6bnis.<\/p>\n<p>Die Frauen begleiteten mich zur T\u00fcre. Sie wagten nicht zu sprechen, weil seine Feinh\u00f6rigkeit jedes Wort erlauscht h\u00e4tte, aber wie hei\u00df in Tr\u00e4nen, wie str\u00f6mend voll Dankbarkeit strahlten ihre Blicke mich an! Ganz bet\u00e4ubt tastete ich mich die Treppe hinunter. Eigentlich sch\u00e4mte ich mich: Da war ich wie der Engel des M\u00e4rchens in eine Armeleutestube getreten, hatte einen Blinden sehend gemacht f\u00fcr eine Stunde nur dadurch, da\u00df ich einem frommen Betrug Helferdienst bot und unversch\u00e4mt log, ich, der in Wahrheit doch als ein sch\u00e4biger Kr\u00e4mer gekommen war, um ein paar kostbare St\u00fccke listig abzujagen. Was ich aber mitnahm, war mehr: Ich hatte wieder einmal reine Begeisterung lebendig sp\u00fcren d\u00fcrfen in dumpfer, freudloser Zeit, eine Art geistig durchleuchteter, ganz auf die Kunst gewandter Ekstase, wie sie unsere Menschen l\u00e4ngst verlernt zu haben scheinen. Und mir war \u2013 ich kann es nicht anders sagen \u2013 ehrf\u00fcrchtig zumute, obgleich ich mich noch immer sch\u00e4mte, ohne eigentlich zu wissen, warum.<\/p>\n<p>Schon stand ich unten auf der Stra\u00dfe, da klirrte oben ein Fenster, und ich h\u00f6rte meinen Namen rufen: Wirklich, der alte Mann hatte es sich nicht nehmen lassen, mit seinen blinden Augen mir in der Richtung nachzusehen, in der er mich vermutete. Er beugte sich so weit vor, da\u00df die beiden Frauen ihn vorsorglich st\u00fctzen mu\u00dften, schwenkte sein Taschentuch und rief: \u203aReisen Sie gut!\u2039 mit der heiteren, aufgefrischten Stimme eines Knaben. Unverge\u00dflich war mir der Anblick: dies frohe Gesicht des wei\u00dfhaarigen Greises da oben im Fenster, hoch schwebend \u00fcber all den m\u00fcrrischen, gehetzten, gesch\u00e4ftigen Menschen der Stra\u00dfe, sanft aufgehoben aus unserer wirklichen widerlichen Welt von der wei\u00dfen Wolke eines g\u00fctigen Wahns. Und ich mu\u00dfte wieder an das alte wahre Wort denken \u2013 ich glaube, Goethe hat es gesagt \u2013: \u203aSammler sind gl\u00fcckliche Menschen.\u2039\u00ab<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Erk\u00e4ltung will nicht weg, ich bin im Bett (meistens), und wenn ich nicht schlafe oder d\u00f6se, stecke ich meine Nase in ein Buch, das meine Timeline f\u00fcr mich ausgesucht hat. 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