{"id":22939,"date":"2015-11-04T12:20:53","date_gmt":"2015-11-04T10:20:53","guid":{"rendered":"http:\/\/www.ankegroener.de\/?p=22939"},"modified":"2015-11-04T14:52:15","modified_gmt":"2015-11-04T12:52:15","slug":"tagebuch-dienstag-3-november-das-vorsprechen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/ankegroener.de\/blog\/?p=22939","title":{"rendered":"Tagebuch Dienstag, 3. November \u2013 \u201eDas Vorsprechen\u201c"},"content":{"rendered":"<p>In den Kammerspielen, genauer gesagt, in der Kammer 2, der ehemaligen Spielhalle, fand gestern das Absolventenvorsprechen der <a href=\"https:\/\/www.otto-falckenberg-schule.de\/\">Otto-Falckenberg-Sch\u00fcler*innen<\/a> statt. Normalerweise geschieht das vor eingeladenem Publikum, also Dramaturg*innen und Intendant*innen, die neue Darsteller*innen f\u00fcr ihre H\u00e4user suchen. Dieses Mal durften auch Laien rein und sich zusammen mit den Profis angucken, wie die Schauspieler*innen sich pr\u00e4sentieren. Das waren quasi aufgef\u00fchrte Bewerbungsmappen. Ich habe nat\u00fcrlich keine Ahnung, wie derartige Veranstaltungen sonst so aussehen, aber ich mochte es, mal kein St\u00fcck von Anfang bis Ende zu sehen, sondern viele kleine Szenen nacheinander, die jeweils einen Menschen und sein K\u00f6nnen als Zentrum hatten.<\/p>\n<p>Die Darsteller*innen kannte ich alle aus <em><a href=\"http:\/\/www.muenchner-kammerspiele.de\/inszenierung\/glow-box-brd\"><\/a><a href=\"http:\/\/www.muenchner-kammerspiele.de\/inszenierung\/glow-box-brd\">Glow! Box BRD<\/a><\/em>, das mir sehr gut gefallen hatte. Einige waren mir sofort wieder pr\u00e4sent, ich hatte sie noch von ihrer anderen Rolle im Ohr, und da fiel mir auf, wie sehr sie mich anscheinend schon bei ihrem ersten Auftritt beeindruckt hatten. Gleichzeitig war mir gestern aber dann auch bewusst, dass ich einige von ihnen vielleicht zum letzten Mal in M\u00fcnchen sehen werde, weil sie eventuell Angebote von au\u00dferhalb bekommen werden. Das fand ich interessant \u2013\u00a0zu merken, dass einem Stimmen und K\u00f6rper durch gutes Handwerk so schnell etwas bedeuten k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Vielleicht liegt es auch daran, dass ich Theater gerade wiederentdecke. Ich hatte in der Schule ein Theater-Abo, wie sich das f\u00fcr den bildungsb\u00fcrgerlichen Mittelstand geh\u00f6rt, aber nach dem Abi ging ich kaum noch. Erst seit ich in M\u00fcnchen bin, habe ich ab und zu mal ein Ticket gekauft und es hat mir immer gut gefallen. Seit ich mit F. zusammen bin, gehe ich wieder regelm\u00e4\u00dfiger, denn der Mann sitzt quasi jeden zweiten Abend vor irgendeiner B\u00fchne, und neuerdings kauft er einfach mal zwei Tickets statt nur eines, wenn er glaubt, mir k\u00f6nnte ein St\u00fcck gefallen, und schleppt mich mit. Das hat bis jetzt auch bis auf eine Ausnahme hervorragend geklappt; ich fand jede Auff\u00fchrung spannend und befruchtend und selbst die eine, die ich komplett bl\u00f6d fand, hat sich gelohnt, weil in ihr ein paar szenische Ideen drin waren, die mein inzwischen bildgeschulter Kopf als \u201eclever\u201c abgespeichert hat. <\/p>\n<p>Ich mag die Unmittelbarkeit sehr, mit der sich im Theater vor mir etwas entfaltet. Ich empfinde das inzwischen als viel gewaltiger als das Kino, in dem ich 25 gute Jahre verbrachte, das mir in letzter Zeit aber zunehmend banal vorkommt. Ich mochte am Film seine M\u00f6glichkeit, mich zu fesseln, mich zum Lachen und zum Weinen zu bringen. Aber selbst wenn ich mich v\u00f6llig in einem Film verloren hatte, wusste ich im Nachhinein, dass mich ein Soundtrack traurig gegeigt hat, teure Special Effects mich den Atem haben anhalten lassen und die Schauspieler*innen die M\u00f6glichkeit hatten, die Szene 25 Mal zu drehen, bis sie perfekt ist. <\/p>\n<p>Im Bayreuther <em><a href=\"http:\/\/www.ankegroener.de\/?p=13764\">Parsifal<\/a><\/em> von Stefan Herheim merkte ich sehr deutlich, dass mich direktes Spiel genauso fesseln kann, mich genauso zum Weinen und zum Atemanhalten bringen kann. Und in jeder Theaterauff\u00fchrung merke ich es wieder, und es f\u00fchlt sich noch neu und aufregend an, wie ein Geschenk, das vor einem ausgepackt wird. Und es braucht nicht mal die Wunderkerzen von Industrial Light &#038; Magic, es reicht ein einziger Spot, eine leere B\u00fchne und eine Person, die wei\u00df, was sie tut, um mich um den Finger zu wickeln.<\/p>\n<p>Dementsprechend spannend fand ich die einzelnen Darbietungen gestern. Ich wei\u00df nicht, nach welchen Kriterien sich die Sch\u00fcler*innen ihre Szenen aussuchten; nat\u00fcrlich soll das eigene K\u00f6nnen bestm\u00f6glich pr\u00e4sentiert werden, aber da fing es schon an: Versuche ich so viel wie m\u00f6glich in eine Szene zu packen? Zeige ich, dass ich die Klassiker genauso drauf habe wie modernes Theater? Wieviel K\u00f6rperlichkeit f\u00fchre ich vor, wie wichtig sind Zur\u00fcckhaltung und stille Momente, bin ich komisch, bin ich w\u00fctend, bin ich laut, bin ich alles? Geht das \u00fcberhaupt?<\/p>\n<p>Ich m\u00f6chte mir nicht anma\u00dfen, die Leistungen zu beurteilen, weil ich das schlicht nicht kann, daf\u00fcr fehlen mir noch durch st\u00e4ndiges Vergleichen geschulte Augen und Ohren. Mich haben aber einige Dinge sehr beeindruckt, aus ganz verschiedenen Gr\u00fcnden. <\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.otto-falckenberg-schule.de\/menschen_studentendetail.php?Stud_ID=158\">Merlin Sandmeyer<\/a> begann mit einer Szene aus <em>Einige Nachrichten an das All<\/em> von Wolfram Lotz; <a href=\"http:\/\/www.goethe.de\/mmo\/priv\/14286985-STANDARD.pdf\">hier<\/a> zu lesen, und ein St\u00fcck, das mit den Worten \u201eWir befinden uns in einer Explosion, ihr Ficker\u201c beginnt, kann nicht schlecht sein. Sandmeyers Szene steht auf S. 18 bis 20. Ich mochte an ihm sein komisches Timing und wie er den kompletten B\u00fchnenraum ausnutzte, wenn auch nur, um zu zeigen, dass ihm klar ist, dass er eine ganze B\u00fchne f\u00fcr sich hat, also rennt einmal exakt au\u00dfen ums B\u00fchnengeviert herum, um den Juroren klarzumachen, dass er sich Raum nehmen kann. Ich mochte die zwei Ebenen seines Spiels; die eine war die v\u00f6llig \u00fcberzogene f\u00fcrs Publikum \u2013 guck mal, was ich mir f\u00fcr Gesten im Unterricht angeeignet habe \u2013, die zweite war die, in der er sein Handwerk eben nicht so offensichtlich raushaut. Als die imagin\u00e4re Fernbedienung f\u00fcr den imagin\u00e4ren Beamer zickte, klopfte er so schnell und kurz aus dem Handgelenk dagegen, dass ich verga\u00df, dass der Mann gerade spielt. Und ehrlich gesagt hat mich auch der Text beeindruckt, bei dem man kaum was zum Festhalten hat beim Auswendiglernen, weil es eine einzige lange Aufz\u00e4hlung ist.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.otto-falckenberg-schule.de\/menschen_studentendetail.php?Stud_ID=154\">Jonathan Berlin<\/a> nahm sich <em>Hamlet<\/em> vor und bei ihm habe ich zum ersten Mal kapiert, wie so ein Vorsprechen funktioniert. Man bettet, wenn man mag, die eigentliche Szene in eine andere ein, die noch weitere Facetten von einem zeigt. Berlin begann den bekannten Monolog mit einer Dankesrede wie auf einer Oscar-Verleihung und zeigte sowohl seine Komik als auch seine k\u00f6rperliche Ausdauer, weil er ewig um die B\u00fchne rannte, w\u00e4hrend er immer w\u00fctender wurde, weil ihm das Mikro abgedreht wurde. Dabei wurde er leider etwas unverst\u00e4ndlicher, aber das machte er mit dem ollen D\u00e4nen wieder wett. Denn sein Requisit auf der B\u00fchne war neben dem Mikro ein Sack voller Erde, vor dem er schlie\u00dflich atemlos kniete, \u201eSein oder Nichtsein\u201c sagte und sein Gesicht in eben diese Erde dr\u00fcckte. Gef\u00fchlt minutenlang. Wir konnten ihm dabei zusehen, wie sein K\u00f6rper rot anlief, weil er keine Luft bekam, wie seine Schultern sich verzerrten, wie er nur noch aus Muskeln bestand, bevor er den Kopf endlich wieder hochriss und weiter monologisierte. Ich wei\u00df immer noch nicht, ob ich das total quatschig oder total toll fand, aber ich denke immer noch dr\u00fcber nach. <\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.otto-falckenberg-schule.de\/menschen_studentendetail.php?Stud_ID=155\">Daniel Gawlowski<\/a> brachte es fertig, einen P\u00e4dophilenmonolog aus Kroetz&#8217; <em><a href=\"http:\/\/www.sueddeutsche.de\/muenchen\/kroetz-urauffuehrung-am-cuvillies-pornographie-des-grauens-1.1312269\">Requiem f\u00fcr ein liebes Kind<\/a><\/em> mit einer Gesangsdarbietung von <em><a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=01WX7U8_kM0\">Sexy and I know it<\/a><\/em> zu verkn\u00fcpfen und das funktionierte unheimlicherweise sehr gut. Seine Darbietung fand ich perfekt, weil sie viele Facetten von ihm zeigte, sein kom\u00f6diantisches Talent, sein dramatisches, seine K\u00f6rperlichkeit. Er kam mir \u00fcberhaupt von allem am rundesten vor. Aber wie gesagt, ich hab keine Ahnung.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.otto-falckenberg-schule.de\/menschen_studentendetail.php?Stud_ID=151\">Caroline Tyka<\/a> \u00fcberraschte mich: Ihre Szene sollte laut Programmheft die <em>Elektra<\/em> sein, aber erstmal kniete sie sich hin und sang Florence + The Machine. Und dann auch noch ein <a href=\"https:\/\/open.spotify.com\/track\/5vGEdM7LvbgMypJkILhQ4p\">Lied<\/a>, das ich f\u00fcrchterlich schwierig zu singen finde. Ich sang im Kopf mit und guckte ihr zu, wie sie sich langsam steigerte, ihre Stimme kr\u00e4ftiger wurde, lauter, ich folgte ihr blindbl\u00f6d, wo immer sie mich hinhaben wollte \u2013 und pl\u00f6tzlich sagte sie klar, leise, deutlich: \u201eWo bist du?\u201c und war nicht mehr Florence, sondern Elektra. Und ich erwischte mich dabei, \u201ewow\u201c zu denken. Im <a href=\"http:\/\/gutenberg.spiegel.de\/buch\/elektra-1006\/2\">Monolog<\/a> verlor sie mich dann wieder etwas, weil ich mich nicht auf die Worte konzentrieren konnte oder wollte, aber kurz vor Schluss stand sie im B\u00fchnenhintergrund, schlicht in Schwarz gekleidet, barfu\u00df, die silbernen Pumps in der Hand, seitw\u00e4rts zu uns gewandt, und ich hing an ihren Lippen und wollte, dass sie weitersprach, ganz egal was, so sehr hatte sie mich alleine durch ihre Pr\u00e4senz.<\/p>\n<p>Auf <a href=\"https:\/\/www.otto-falckenberg-schule.de\/menschen_studentendetail.php?Stud_ID=150\">Irina Sulaver<\/a> hatte ich mich am meisten gefreut, denn in die Dame hatte ich mich in <em>Glow! Box BRD<\/em> ein bisschen verknallt. Ich mochte an ihr, dass sie mit einer Szene aus Sathyan Rameshs <em><a href=\"http:\/\/www.nachtkritik.de\/index.php?option=com_content&#038;view=article&#038;id=1717:die-ganzen-wahrheiten-matthias-kaschigs-urauffuehrung-eines-stueckes-von-sathyan-ramesh&#038;catid=170:theater-osnabrueck\">Die ganzen Wahrheiten<\/a><\/em> ein modernes St\u00fcck spielte, nachdem ich von ihren drei Mitstreiterinnen bisher <em>Die Glasmenagerie<\/em>, <em>Die M\u00f6we<\/em> und eben <em>Elektra<\/em> gesehen hatte. Sie war auch genauso pr\u00e4sent und unterhaltsam und faszinierend wie ich sie beim ersten Mal kennengelernt hatte, weswegen ich mir jetzt w\u00fcnsche, sie dann doch mal in was Klassischem zu sehen. Ich kenne von ihr jetzt nur die eine Facette, was ich im Nachhinein etwas bedauert habe, wobei das nat\u00fcrlich an mir liegt. Das St\u00fcck w\u00fcrde ich \u00fcbrigens gerne mal komplett sehen; ein Satz \u2013 eine Klage \u00fcber die mies best\u00fcckten Minibars in Hotels \u2013 \u201eImmer nur Pikkolo und \u00dcltje!\u201c wird jetzt zu meinem <em>rallying cry<\/em>, und die wunderbare Wortsch\u00f6pfung \u201eSchlemmerscholle\u201c, die aus der vergeblichen Suche nach dem richtigen Wort, das ein Tiefk\u00fchlgericht mit Fisch bezeichnet, entstand, kommt jetzt auch in mein Standardvokabular.<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/www.muenchner-kammerspiele.de\/inszenierung\/das-vorsprechen\">Das Vorsprechen<\/a> findet noch viermal statt \u2013 heute abend zum Beispiel. Guck-Empfehlung.<\/p>\n<p>&#8212;<\/p>\n<p>Edit: Wie die Profis von der Nachtkritik den Abend <a href=\"http:\/\/www.nachtkritik.de\/index.php?option=com_content&#038;view=article&#038;id=11713:das-vorsprechen-boris-nikitin-versucht-an-den-muenchner-kammerspielen-aus-der-not-wendigkeit-eine-tugend-zu-machen&#038;catid=38:die-nachtkritik-k&#038;Itemid=40\">sahen<\/a>.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In den Kammerspielen, genauer gesagt, in der Kammer 2, der ehemaligen Spielhalle, fand gestern das Absolventenvorsprechen der Otto-Falckenberg-Sch\u00fcler*innen statt. Normalerweise geschieht das vor eingeladenem Publikum, also Dramaturg*innen und Intendant*innen, die neue Darsteller*innen f\u00fcr ihre H\u00e4user suchen. Dieses Mal durften auch Laien rein und sich zusammen mit den Profis angucken, wie die Schauspieler*innen sich pr\u00e4sentieren. 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