{"id":22957,"date":"2015-11-06T08:55:06","date_gmt":"2015-11-06T06:55:06","guid":{"rendered":"http:\/\/www.ankegroener.de\/?p=22957"},"modified":"2015-11-06T08:55:06","modified_gmt":"2015-11-06T06:55:06","slug":"tagebuch-donnerstag-5-november-crash-and-burn-and-cry-and-grieve","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/ankegroener.de\/blog\/?p=22957","title":{"rendered":"Tagebuch Donnerstag, 5. November \u2013 Crash and burn and cry and grieve"},"content":{"rendered":"<p>Einer dieser Tage, wo mich eine Kleinigkeit auf dem falschen Fu\u00df erwischt und die ganze sch\u00f6ne gut gelaunte Fassade den Abgang macht. Ich las mal wieder \u00fcber Wagner, stie\u00df auf ein Buch, das interessant klang, suchte vergeblich nach ihm im OPAC der Unibibliothek, dann in dem der Stabi, wo ich es fand und wo vor allem das Titelbild abgebildet war. Sobald ich es sah, wusste ich, das hast du, du Knallt\u00fcte, das m\u00fcsste nebenan im Regal stehen, wo du anscheinend echt keinen \u00dcberblick mehr dar\u00fcber hast, was dir geh\u00f6rt. Ich ging also nach nebenan, guckte in der Musikecke, in der Biografienecke, etwas verwirrt in der Geschichtsecke, bis mir einfiel: Das Buch hatte in Hamburg nicht im Regal gestanden. Das lag auf dem riesigen Stapel ungelesener B\u00fccher, der sich seit drei Jahren nicht mehr bewegt hatte bis auf ganz wenige B\u00fccher, die ich mit nach M\u00fcnchen genommen hatte, um sie zu lesen. <\/p>\n<p>Im Nachhinein unter \u201edumm gelaufen\u201c abgelegt: Sobald ich B\u00fccher in M\u00fcnchen gelesen hatte, habe ich sie wieder nach Hamburg geschleppt, um sie ins dortige Regal zu stellen \u2013 nur um sie im September wieder in Umzugskisten zu packen und zur\u00fcckzutransportieren. Der Stapel ungelesener B\u00fccher wanderte allerdings nicht in die Umzugskisten; dort kam meine Taktik \u201eLiegt hier seit drei Jahren rum und wurde weder vermisst noch benutzt \u2013 kommt weg\u201c zum Einsatz. Also warf ich ein nagelneues Buch in die Tonne, nur um es zwei Monate sp\u00e4ter f\u00fcr die Uni zu suchen. Und sobald mir klar was, was mit ihm passiert ist, fing ich an zu weinen, weil es mich an den Umzug erinnerte, an die Trennung, an den Kerl, an das Vorher.<\/p>\n<p>Dieser ganze Trennungsrotz \u00fcberfordert mich. Ich wei\u00df, dass der Kerl mich wochenlang auf Twitter gemutet hatte, weil er mich nicht lesen konnte. Ich hatte ihn kurzzeitig auf Facebook entfreundet, weil er mir da st\u00e4ndig \u00fcberraschend in die sehr ausgew\u00e4hlte Freundestimeline h\u00fcpfte. Jedes Instagrambild aus Hamburg tut weh, jedes Twitterfoto, auf dem seine H\u00e4nde zu sehen sind, an die sich mein K\u00f6rper noch gut erinnert, jeder Swarm-Check-in bei Orten, die ich mit ihm verbinde. Und trotzdem will ich nicht auf Social Media verzichten, weil ich wissen m\u00f6chte, ob es ihm halbwegs gut oder wenigstens nicht allzu schei\u00dfe geht, weil ich mir Sorgen mache oder weil ich mich freue, wenn er gute Laune hat, weil es sch\u00f6n ist, wenn er gute Laune hat. So mochte ich ihn am liebsten, und ich vermisse seine schlechten Witze sehr.<\/p>\n<p>Gleichzeitig gibt es aber nun hier einen Nachfolger, was mich immer noch \u00fcberrascht, weil ich schlicht nicht damit gerechnet hatte, mich so schnell wieder neu zu verlieben. Eigentlich war ich nach der Trennung im M\u00e4rz davon ausgegangen, ein Jahr heulend in der Gegend rumzuh\u00e4ngen (das k\u00f6nnte klappen) und dann f\u00fcnf Jahre lang alle Internet-Singleb\u00f6rsen durchzuspielen (ich hoffe, das bleibt mir erspart). Dass ich nur wenige Wochen nach der offiziellen Trennung, die wahrscheinlich schon l\u00e4ngst inoffiziell vollzogen war, ohne dass wir beide das mitbekommen haben, jemand anderen lieben w\u00fcrde, war nicht vorgesehen \u2013 und es \u00fcberfordert mich an manchen Tagen immer noch. Nicht die Liebe, die ist super. Aber der Abschied von der ehemaligen Liebe, die immer noch eine tiefe Zuneigung ist, der \u00fcberfordert mich.<\/p>\n<p>Vielleicht auch, weil die beiden Welten nicht mehr so sch\u00f6n klar voneinander getrennt sind: Hamburg war Kerl, M\u00fcnchen war Studium. Jetzt ist M\u00fcnchen Studium und neuer Mann, und mein Tag besteht nicht mehr nur aus Lernen, Tee trinken, grinsend durch M\u00fcnchen radeln oder beim ehemaligen Mitbewohner auf der Couch Bier trinken, sondern da ist jetzt jemand, ein Gef\u00fchl, eine Aufgabe, die bisher nach Hamburg geh\u00f6rt hat. Ich vermisse meine alten Strukturen, obwohl sie mich anscheinend so genervt haben, dass ich sie \u00e4ndern wollte (Studium, in eine andere Stadt ziehen). Ich muss mir neue Strukturen schaffen, neue Zeitabl\u00e4ufe, ich muss damit klarkommen, dass ich jetzt hier bin und nicht mehr hier und dort.<\/p>\n<p>An Tagen wie gestern w\u00fcrde ich am liebsten die leeren Umzugskisten, die noch im Keller stehen, gleich wieder vollpacken und ganz woanders hinziehen, wo ich kein soziales Netz habe, Dresden, Weimar \u2013\u00a0ich habe den Osten noch nicht aufgegeben und ich w\u00fcrde da gerne mal hin. Irgendwo das MA-Studium zuende machen, dabei quasi nix von meinen Ersparnissen f\u00fcr Miete investieren (gerade mal geguckt: F\u00fcr das Geld, was ich hier in M\u00fcnchen f\u00fcr meine 44 Quadratmeter zahle, kann ich in Weimar in einem Altbau mit vier Zimmern und zwei B\u00e4dern wohnen), alleine sein, Serien gucken, lernen, Freundschaften \u00fcbers Internet halten, fertig. Vielleicht fehlt mir das zeitweilige Alleinsein, also das richtig Alleinsein, nicht nur das \u201eIch hab hier in M\u00fcnchen quasi Singlestatus, aber in Hamburg wartet jemand auf mich\u201c. Vielleicht h\u00e4tte der Einschnitt klarer sein m\u00fcssen, vielleicht h\u00e4tte es \u00fcberhaupt einen Einschnitt geben m\u00fcssen und nicht so eine wachsweiche Status\u00e4nderung wie ich sie vollzogen habe, aus einer Stadt einfach in eine andere, die ich schon kenne, zu einem Mann, den ich schon kenne. Vielleicht trauere ich deshalb so komisch in Sch\u00fcben in der Gegend rum, weil ich nicht richtig zum Trauern gekommen bin.<\/p>\n<p>Und gleichzeitig bin ich w\u00fctend. W\u00fctend \u00fcber uns, weil wir es nicht gebacken gekriegt haben, wieder zusammenzufinden, w\u00fctend \u00fcber ihn, weil er noch in unserer wundersch\u00f6nen Wohnung wohnt, wo verdammt noch mal Platz f\u00fcr meinen ungelesenen B\u00fccherstapel war, w\u00fctend auf mich, weil ich gef\u00fchlt diejenige war, die gegangen ist, w\u00fctend auf M\u00fcnchen, weil&#8217;s hier so sch\u00f6n ist, w\u00fctend auf die Uni, weil sie meinen Plan durchkreuzt hat, wieder Werbung machen zu wollen, w\u00fctend auf den neuen Mann, weil er mir sorgenvoll niedliche Pinguinbilder schickt, w\u00e4hrend ich weine und w\u00fctend bin und jetzt keine Pinguinbilder brauchen kann, weil ich dann nicht mehr weinen und w\u00fctend sein kann. Und dann denke ich, wieso ist es erst 13 Uhr und ich sitze hier mit Tee am Schreibtisch, wieso ist es nicht zehn Uhr abends, wo ich Pizza bestellen k\u00f6nnte, damit der Wein im Magen nicht so alleine ist?<\/p>\n<p>Und dann schreibe ich das alles auf und putze mir die Nase und lese weiter \u00fcber Wagner. Bis mich wieder eine Kleinigkeit umhaut.<\/p>\n<p>Das wird ein tolles Jahr.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Einer dieser Tage, wo mich eine Kleinigkeit auf dem falschen Fu\u00df erwischt und die ganze sch\u00f6ne gut gelaunte Fassade den Abgang macht. 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