{"id":2307,"date":"2002-11-11T13:33:03","date_gmt":"2002-11-11T11:33:03","guid":{"rendered":"http:\/\/www.ankegroener.de\/?p=2307"},"modified":"2014-08-12T07:50:06","modified_gmt":"2014-08-12T05:50:06","slug":"2307","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/ankegroener.de\/blog\/?p=2307","title":{"rendered":""},"content":{"rendered":"<p>Ich war eigentlich nie ein besonders gl\u00fccklicher Mensch. Schon als Kind war ich lieber alleine, hab mir selber Geschichten erz\u00e4hlt, hatte vor allem Angst, und auf Fotos sehe ich immer aus, als w\u00fcrde mir jemand eine Knarre an den Kopf halten. <\/p>\n<p>Auch in der Pubert\u00e4t wurde das nicht anders: Ich hatte kaum Freunde, keine Clique, war immer noch lieber alleine, hab viele deprimierende Tagebucheintr\u00e4ge gemacht und fand die ganze Welt ziemlich unheimlich. Ich habe sehr viel gelesen und war lieber in der B\u00fccherei als auf dem Sportplatz oder auf Partys. Meistens bin ich da eh nie eingeladen worden, weil ich recht selten mit Leuten in der Schule geredet habe. Ich hatte so meine drei, vier Bezugspersonen, mit denen man die gro\u00dfe Pause verbringen konnte, aber das war&#8217;s dann auch. In der Schule war ich eh der Freak, weil ich immer die Klamotten meiner \u00e4lteren Cousine aufgetragen habe und so modisch immer locker drei Jahre zu sp\u00e4t dran war.<\/p>\n<p>Ich wei\u00df bis heute nicht wieso, aber mit 17 hatte ich meinen ersten Freund und mit ihm auch seinen Freundeskreis. Er war der erste, der mir irgendwann mal gesagt hat, dass ich manchmal ein bisschen komisch drauf komme. Dieses Sehr-nah-am-Wasser sein, diese Angst vor allem, der st\u00e4ndige Selbstzweifel, die mangelnde Entschlusskraft &#8230; wir hatten noch keinen Namen daf\u00fcr. Irgendwie liefen alle Ratschl\u00e4ge von Freunden und meinen Eltern immer auf \u201eDu musst nur mal den Arsch hochkriegen\u201c hinaus. Was es nat\u00fcrlich nicht einfacher macht, wenn man im Bett liegt und nicht mal die Kraft hat, aufzustehen.<\/p>\n<p>Ich hatte immer das Gef\u00fchl, dass alle anderen an mir vorbei erfolgreich werden, dass alle immer wissen, wo&#8217;s langgeht und vor allem, wie man da hinkommt. Und ich hab mich immer schlechter und kleiner und d\u00fcmmer gef\u00fchlt, weil ich es nicht wusste. Und so hab ich mein Talent jahrelang in der Kneipe verschwendet, weil ich einfach nicht glauben konnte, \u00fcberhaupt ein Talent zu haben. Meine Freunde haben mir das zwar immer wieder gesagt, aber hey, das sagen die doch nur, weil sie mir nicht weh tun wollen. In Wirklichkeit bin ich eine lausige Schreiberin, total h\u00e4sslich, doof und unbeliebt.<\/p>\n<p>So habe ich brav eine Essst\u00f6rung entwickelt, keinen Job mehr auf die Reihe gekriegt und sa\u00df schlie\u00dflich nur noch heulend in irgendwelchen Ecken. Und endlich war der Leidensdruck gro\u00df genug zu sagen: Hilfe. Ich kann nicht mehr. Ich wei\u00df \u00fcberhaupt nicht mehr, was mit mir los ist, warum ich an allem verzweifele und wie ich aus diesem tiefen, tiefen Loch wieder rauskomme, in dem ich gerade hocke.<\/p>\n<p>Es ist immer schwierig, jemandem zu erz\u00e4hlen, was Depressionen bedeuten, weil die meisten Menschen auf diesen hilflosen Unterton genauso reagieren wie meine Freunde und Eltern vor Jahren: Kopf hoch, wird schon, blablabla. Das ist ja sicher gut gemeint, aber es ist leider genau das, was man nicht h\u00f6ren will \u2013 und was man vor allen Dingen gar nicht befolgen kann. Depressionen f\u00fchlen sich an, als ob ein ganzer Lastwagen auf dich zuf\u00e4hrt, dich unter sich begr\u00e4bt und dann auf dir stehen bleibt. Du kannst in manchen Momenten kaum noch atmen vor Schmerz. Oder du wirst pl\u00f6tzlich umgeben von einer Welle von Traurigkeit, die ohne jede Vorwarnung und vor allem ohne jeden Grund einfach so pl\u00f6tzlich da ist und dich \u00fcbersp\u00fclt. Du bist diesen Gef\u00fchlen, dieser Angst, dieser L\u00e4hmung v\u00f6llig hilflos ausgeliefert. Und kein sinnvolles Argument wie \u201eDu hast doch schon mal was Gutes getextet, dann kannst du das auch noch mal\u201c wird dich davon \u00fcberzeugen, jemals wieder einen sinnvollen Satz schreiben zu k\u00f6nnen. In diesen Momenten glaubst du, ganz klein und wertlos zu sein und auch keine Chance zu haben, es \u00e4ndern zu k\u00f6nnen. Du zweifelst jede deiner Entscheidungen an, bist aber auch nicht f\u00e4hig, eine andere zu treffen.<\/p>\n<p>Es gab Tage, an denen ich in meinem Wohnzimmer auf dem Fu\u00dfboden gelegen habe, leergeweint an die Decke geguckt und gewartet habe, dass die Welt einfach aufh\u00f6rt, damit auch der Schmerz und diese \u00fcberm\u00e4chtige Verzweiflung in mir aufh\u00f6ren. Und in solchen Momenten hat man nicht mal die Kraft, sich die Tr\u00e4nen abzuwischen. Geschweige denn, den Arsch hochzukriegen.<\/p>\n<p>Ich habe vor knapp zwei Jahren eine Psychotherapie begonnen, die am Anfang ziemlich schmerzhaft war. Eigentlich bin ich aus jedem Gespr\u00e4ch sehr ersch\u00f6pft und total ausgeheult rausgegangen. Aber gleichzeitig hat mir meine Therapeutin immer etwas mitgegeben. Einen Satz, eine Technik, eine Eselsbr\u00fccke, an die ich mich erinnern sollte. Und je l\u00e4nger ich bei ihr war, desto mehr war ich pl\u00f6tzlich davon \u00fcberzeugt: Ja, klar bin ich nicht doof. Nat\u00fcrlich kann ich etwas. Ich bin nicht nutzlos. Ich muss diesen Schmerz nicht in Kauf nehmen \u2013 ich kann etwas dagegen tun. Und allm\u00e4hlich ging es mir besser, und ganz pl\u00f6tzlich ging es mir gut. So gut, wie noch nie in meinem Leben. Auf einmal hat alles funktioniert, ich hatte gute Laune, war motiviert, hab meine Ern\u00e4hrung in den Griff gekriegt &#8230; Wahnsinn. Ich hab mich selbst kaum wiedererkannt. Aber es hat sich GROSSARTIG angef\u00fchlt.<\/p>\n<p>Und dann kam der Bandscheibenvorfall. Die lange Krankheitsphase, die OP, die Reha, der ganze Schei\u00df, der noch nicht wieder weg ist und vielleicht nie wieder weggehen wird. Und erst seit ein paar Wochen \u2013 eigentlich erst seit ein paar Tagen, an denen ich mich wieder jeden Abend in den Schlaf geweint hab und an denen ich meist v\u00f6llig bl\u00f6d an meinem Rechner sitze und keine einzige gute Zeile rauskriege \u2013 erst jetzt merke ich, dass sich die alten Gewohnheiten, der alte Zweifel, die alte Anke wieder ganz heimlich und leise an mich rangeschlichen haben. Auf einmal kostet alles wieder f\u00fcrchterlich viel Kraft. Auf einmal tut alles wieder f\u00fcrchterlich weh. Und auf einmal m\u00f6chte ich wieder unter meiner Bettdecke bleiben, bis alles da drau\u00dfen nichts mehr von mir will.<\/p>\n<p>Ich habe gestern ein wenig mit jemandem telefoniert, der meine Situation kennt und sich vor allem selber in einer \u00e4hnlichen befindet. Ich denke, ich werde auf seinen Rat h\u00f6ren und mal wieder um Hilfe bitten. Ich habe zu hart gearbeitet, als dass mir diese Schei\u00dfkrankheit jetzt alles versaut. Ich will zur Autorenschule. Ich will an meinem Job wieder Spa\u00df haben. Und ich will vor allem nicht wieder dieses \u00e4ngstliche, verzweifelte Etwas sein, das ich einmal war.<\/p>\n<p>Ich kann einfach nicht schnell genug vor mir wegrennen.<br \/>\nIch hole mich immer wieder ein.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ich war eigentlich nie ein besonders gl\u00fccklicher Mensch. 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