{"id":244,"date":"2003-02-28T16:28:13","date_gmt":"2003-02-28T15:28:13","guid":{"rendered":"http:\/\/www.ankegroener.de\/?p=244"},"modified":"2004-11-08T20:15:34","modified_gmt":"2004-11-08T19:15:34","slug":"gangs-of-new-york","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/ankegroener.de\/blog\/?p=244","title":{"rendered":"Gangs of New York"},"content":{"rendered":"<p><em><a href=\"http:\/\/imdb.com\/title\/tt0217505\/\">Gangs of New York<\/a> (USA, 2002)<\/p>\n<p>Darsteller: Leonardo DiCaprio, Daniel Day-Lewis, Cameron Diaz, John C. Reilly, Jim Broadbent, Liam Neeson, Brendan Gleeson, Henry Thomas<br \/>\nDrehbuch: Jay Cocks, Steve Zaillian, Kenneth Lonergan<br \/>\nKamera: Michael Ballhaus<br \/>\nMusik: Howard Shore<br \/>\nRegie: Martin Scorsese<\/em><\/p>\n<p>Billy Wilder hat mal gesagt, dass es bei einem Film nur auf eines ankommt: die Charaktere. Bring das Publikum dazu, die Charaktere zu m\u00f6gen, und sie werden dir jede noch so abstruse Handlung irgendwie verzeihen, weil sie eben diese Charaktere so lieben.<\/p>\n<p>Wenn Martin Scorsese irgendwas kann, dann ist das, Charaktere zu erschaffen. Jack La Motta in <em>Raging Bull<\/em>, Henry Hill in <em>Goodfellas<\/em>, Nicki Santoro in <em>Casino<\/em>, Travis Bickle in <em>Taxi Driver<\/em> &#8230; Jeder dieser Figuren habe ich alles abgekauft, was sie erlebt und erlitten haben. Weil sie stimmig gezeichnet waren und weil ihre Umgebung gepasst hat. Weil diese Filme sich auf ihre Hauptfiguren konzentriert haben und nicht auf die Ausstattung, die Kost\u00fcme oder was auch immer. <\/p>\n<p>Das tut <em>Gangs of New York<\/em> leider nicht.<\/p>\n<p>Die Geschichte spielt 1862, zur Zeit des B\u00fcrgerkrieges. Die Nord- und S\u00fcdstaaten k\u00e4mpfen miteinander, und die m\u00e4nnlichen Bewohner des Nordens, also auch die New Yorker, werden zum Dienst an der Waffe verpflichtet und eingezogen. <\/p>\n<p>New York ist in Viertel unterteilt, in denen sich Banden bekriegen. Sie stammen aus Irland, Deutschland, China oder Amerika \u2013 ganz gleich, woher sie kommen: Jetzt sind sie hier und wollen ein St\u00fcck vom Kuchen.<\/p>\n<p>Im Hafen von New York kommen t\u00e4glich tausende von Auswanderern aus Europa an: Sie sind nicht nur St\u00f6renfriede in den Vierteln, sondern gleichzeitig neues Kanonenfutter f\u00fcr den Krieg und au\u00dferdem W\u00e4hlerstimmen f\u00fcr korrupte Politiker. <\/p>\n<p>Allein aus diesem Hintergrund lie\u00dfen sich schon drei Filme drehen. Das tut Scorsese aber nicht, sondern nutzt dieses Gemisch nur als Teppich, als bunte Dekoration f\u00fcr seine Protagonisten, die den ganzen Film lang versuchen, gegen diese \u00fcberw\u00e4ltigende Historie anzuspielen. Denn die eigentliche Geschichte des Films ist die von Amsterdam Vallon (Leonardo DiCaprio), der seinen Vater r\u00e4chen will, der vor 16 Jahren von Bill The Butcher (Daniel Day-Lewis) beim Kampf um die Bandenvorherrschaft um Five Points ermordet wurde. Amsterdam erarbeitet sich das Vertrauen von Bill, um ihm so nahe wie m\u00f6glich zu kommen und ihn schlie\u00dflich zu t\u00f6ten. <\/p>\n<p>Die Augenblicke im Film, wo Scorsese sich auf diese zwei Hauptcharaktere konzentriert, sind wunderbar (wenn man mal von der Theatralik von Day-Lewis absieht, dessen Performance meiner Meinung nach immer ganz kurz vor der L\u00e4cherlichkeitsgrenze steht). Die Intensit\u00e4t der Beziehung von Amsterdam und Bill wird uns in tragischen Augenblicken erz\u00e4hlt, die wie geschaffen sind f\u00fcr die gro\u00dfe Leinwand: Amsterdam rettet Bill vor einem Attentat, weil er ihn selber t\u00f6ten will. Gleichzeitig stellt er aber erschrocken fest, dass er ihm gef\u00fchlsm\u00e4\u00dfig schon viel zu nahe gekommen ist, um ihn nur noch zu hassen. Der ganze Irrsinn seiner Situation wird ihm in einem stillen Moment klar \u2013 &#8220;It&#8217;s a funny feeling to be taken under the dragon&#8217;s wing: it&#8217;s warmer than you think&#8221; \u2013 und er beginnt zu weinen: gro\u00dfe Gef\u00fchle, gro\u00dfe Szene \u2013 die aber sofort unterbrochen wird, wie so viele gro\u00dfe Szenen unterbrochen werden. Ich habe mich mehrmals erwischt, wie ich innerlich zusammengezuckt bin, weil ich noch ein wenig bei einer Figur oder einem Setting bleiben wollte, aber von der Kamera oder dem Schnitt dazu keine Chance bekam. Der Film wirkt des \u00f6fteren sehr gehetzt, so als ob er w\u00fcsste, dass er noch wahnsinnig viele historische Fakten verbraten muss, um die ganze Wichtigkeit dieser Zeit in der amerikanischen Geschichte klarzumachen (mit irgendwas muss man ja das pathetische Schlussbild mit den Twin Towers rechtfertigen).<\/p>\n<p>Die stillen Momente, in denen die Hauptfiguren die Handlung vorantreiben und nicht die amerikanische Historie, sind die einzigen, bei denen ich das Gef\u00fchl hatte, Scorseses Handschrift zu erkennen und damit auch seine Liebe zu seinen Protagonisten. Wenn er Bill einen langen Monolog \u00fcber Amsterdams toten Vater g\u00f6nnt, der sein einziges Opfer ist, an das er sich immer erinnern wird; wenn Amsterdam ihm dabei zuh\u00f6rt und sich nicht zu erkennen geben darf, wenn sein Gesicht dabei gleichzeitig schmerzverzerrt und gezwungenerma\u00dfen beherrscht ist \u2013 das sind Momente, die episch sind, die den ganzen Aufwand w\u00fcrdigen, den <em>Gangs of New York<\/em> betreibt. Sie sind allerdings viel zu selten und werden v\u00f6llig \u00fcbersp\u00fclt mit dem ganzen Lokalkolorit, den Kost\u00fcmen, den Kulissen. Man hat leider konstant das Gef\u00fchl, dass mehr Wert auf die Ausstattung als auf die Figuren gelegt wurde. Und daher verl\u00e4sst man das Kino auch mit dem Gef\u00fchl, eine sehr lange Geschichtsstunde hinter sich zu haben. Die eigentliche Story selber aber wirkt viel zu klein, um sich gegen die Historie durchzusetzen, obwohl sie es doch sein sollte, an die wir uns erinnern wollen.<\/p>\n<p>Leider k\u00f6nnen auch die Schauspieler die Sache nicht retten. DiCaprio m\u00fcht sich redlich ab, seine breitschultigen Hemden auszuf\u00fcllen und den verletzten R\u00e4cher zu geben, aber es gelingt ihm nicht ganz. Er sieht zwar nicht mehr so <em>Titanic<\/em>-unschuldig aus, aber den fiesen Stra\u00dfenk\u00e4mpfer nimmt man ihm nicht ganz ab. Seine St\u00e4rke liegt eben in den leiseren Momenten, und von denen gibt es in <em>Gangs of New York<\/em> leider zu wenige. Cameron Diaz, die Bills Protege und Amsterdams Geliebte spielt, hat mich zwar positiv \u00fcberrascht, aber auch sie wirkt mit ihrer femininen Fragilit\u00e4t etwas deplatziert zwischen den ganzen herben Sch\u00f6nheiten der Bordelle und der Stra\u00dfe.<\/p>\n<p>So bleibt <em>Gangs of New York<\/em> ein Fragment. Zuviel Hintergrund, anstatt sich auf ein Ereignis zu konzentrieren (wie z.B. das Drafting) und gleichzeitig nicht genug Charakerzeichnung, um ein Drama von den Ausma\u00dfen Shakespeares zu schaffen (und die Parallelen gerade zu <em>Hamlet<\/em> sind wirklich sehr offensichtlich). Der Film wirkt unentschlossen und fahrig, und obwohl er fast drei Stunden dauert, hat man danach das Gef\u00fchl, man m\u00fcsste nochmal drei Stunden sehen, um alle Storys vern\u00fcnftig erz\u00e4hlt zu bekommen. Und gleichzeitig will man diese Storys gar nicht mehr h\u00f6ren, weil einen die Figuren seltsam unber\u00fchrt gelassen haben. Leider.<\/p>\n<p>Und dass in meiner Kritik das Wort \u201eleider\u201c ziemlich oft vorkommt, hat seinen Grund: Denn trotz seiner M\u00e4ngel und Zerstreutheit merkt man dem Film an, wieviel er h\u00e4tte sein k\u00f6nnen, wenn er mehr Zeit gehabt h\u00e4tte, wenn er weniger Hintergrund h\u00e4tte mitteilen wollen, wenn die Figuren mehr Raum f\u00fcr sich und ihre Eigenschaften bekommen h\u00e4tten. Dann h\u00e4tte n\u00e4mlich wirklich ein gro\u00dfes Drama daraus werden k\u00f6nnen: \u00fcber Rache, Ehre, Verrat und Liebe. Gro\u00dfes Kino eben. Hat nicht ganz geklappt. Daf\u00fcr nochmal ein \u201eleider\u201c.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Gangs of New York (USA, 2002) Darsteller: Leonardo DiCaprio, Daniel Day-Lewis, Cameron Diaz, John C. 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