{"id":25072,"date":"2016-08-20T09:18:07","date_gmt":"2016-08-20T07:18:07","guid":{"rendered":"http:\/\/www.ankegroener.de\/?p=25072"},"modified":"2016-08-20T11:40:57","modified_gmt":"2016-08-20T09:40:57","slug":"was-schon-war-donnerstagfreitag-18-19-august-2016-wuhlen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/ankegroener.de\/blog\/?p=25072","title":{"rendered":"Was sch\u00f6n war, Donnerstag\/Freitag, 18.\/19. August 2016 \u2013\u00a0W\u00fchlen"},"content":{"rendered":"<p>Am Donnerstag radelte ich gegen halb 11 (zu lange im Internet gedaddelt) ins Zentralinstitut f\u00fcr Kunstgeschichte. Die am Mittwoch geschriebene Einleitung zur Hausarbeit gefiel mir, mein Plan war, mich nun mit der akademischen Ausbildung von Weldens zu befassen, genauer gesagt, mit der <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Acad%C3%A9mie_Julian\">Acad\u00e9mie Julian<\/a> und der <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Akademie_der_Bildenden_K%C3%BCnste_M%C3%BCnchen\">Akademie der Bildenden K\u00fcnste<\/a> in M\u00fcnchen. Nat\u00fcrlich fand ich zu beiden Themen wieder h\u00fcbsche Aufs\u00e4tze in der Bibliothek, schleppte Buch um Buch an meinen Arbeitsplatz und versank am Anfang des 20. Jahrhunderts.<\/p>\n<p>Bisher ist meine Hausarbeit in drei Zeitabschnitte geteilt (mal sehen, ob ich das noch \u00fcber den Haufen werfe): 1914 bis 1933 (Ausbildungs- und Zwischenkriegszeit), 1933 bis 1945 (knickknack), 1945 bis 1967, von Weldens Todesjahr. Zu jedem Abschnitt beschreibe ich ein Bild, das f\u00fcr mich stellvertretend f\u00fcr diese Zeit steht, sofern das m\u00f6glich ist, denn 1943 wurde von Weldens Atelier durch eine Bombe zerst\u00f6rt, was die Zeit davor etwas schwierig macht. Aber einige seiner Werke befinden sich in M\u00fcnchner Sammlungen wie dem Lenbachhaus, andere durfte ich gerade erst vor ein paar Tagen sichten und wiederum andere sind in den wenigen Publikationen abgedruckt, die es \u00fcber ihn gibt.<\/p>\n<p>Ich beschrieb eine Radierung, hatte dann aber keine Lust auf den Abschluss des ersten Kapitels, in dem ich dieses Bild in den Zeitkontext einordnen wollte, sondern griff mir ein Buch, das uns unser Dozent empfohlen hatte. In <a href=\"http:\/\/aleph.mpg.de\/F?func=direct&#038;doc_number=000645496&#038;local_base=kub01\">diesem Buch<\/a> stehen alle, alle, alle Ausstellungen von 1933 bis 1945 in Deutschland, in denen damalige Gegenwartskunst ausgestellt wurde, sch\u00f6n geordnet nach St\u00e4dten und K\u00fcnstler*innen. In der, ich erw\u00e4hne das dauernd, ich wei\u00df, wenigen Literatur \u00fcber von Welden wurden gerade mal zwei Einzelausstellungen in Berlin und Stuttgart in dieser Zeit erw\u00e4hnt und die Gemeinschaftausstellung <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Gro%C3%9Fe_Deutsche_Kunstausstellung\">GDK<\/a> ignoriert. Nachdem ich das tolle Buch durchgearbeitet hatte, konnte ich in der Hausarbeit zus\u00e4tzliche sieben Gemeinschaftsausstellungen in M\u00fcnchen auff\u00fchren und jeweils eine in Berlin, K\u00f6ln und Hamburg, die zwischen 1937 und 1943 stattfanden. Das Tolle: bis auf die Hamburger Ausstellung hatten wir f\u00fcr alle weiteren die Kataloge im ZI stehen, und so konnte ich sogar zu jeder Ausstellung angeben, welche Werke in welchem Material von Welden ausgestellt hatte. F\u00fcr den Hamburger Katalog bat ich eine Twitterbekanntschaft um Hilfe, n\u00e4mlich den Herrn <a href=\"https:\/\/twitter.com\/textundblog\">@textundblog<\/a>, der an der dortigen Stabi arbeitet. Der betreffende Katalog schien nur dort vorr\u00e4tig zu sein, also fragte ich ihn vorsichtig, ob er mir die betreffende Seite fotografieren k\u00f6nnte, bevor ich eine olle Fernleihbestellung aufgebe und eine Woche warten m\u00fcsste, wo doch digital alles viel schneller ging. Ging es auch, denn am gestrigen Freitag hatte Markus den Katalog schon vorliegen, DMte mir die n\u00f6tigen Infos als Bild und ich konnte die Arbeit erg\u00e4nzen. Nochmals vielen Dank! (Internet, ey!)<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.ankegroener.de\/razza\/..\/Bilder\/IMG_0204.jpg\" alt=\"IMG_0204\" width=\"500\" height=\"500\" class=\"alignnone size-full wp-image-25075\" srcset=\"https:\/\/ankegroener.de\/blog\/..\/Bilder\/IMG_0204.jpg 500w, https:\/\/ankegroener.de\/blog\/..\/Bilder\/IMG_0204-150x150.jpg 150w\" sizes=\"auto, (max-width: 500px) 100vw, 500px\" \/><\/p>\n<p>Das ganze begeisterte Rumw\u00fchlen hatte mich v\u00f6llig die Zeit vergessen lassen. Wo ich sonst meist nach vier, f\u00fcnf Stunden nichts mehr lesen kann, stellte ich hier irgendwann anhand meines nicht mehr zu ignorierenden Magenknurrens fest, dass ich seit \u00fcber sieben Stunden im ZI sa\u00df. In dem Moment, in dem ich den Rechner zuklappen wollte, kam allerdings eine Mail des Bundesarchivs in Berlin, die ich erstmal lesen musste. Dort hatte ich nachgefragt, ob sich kl\u00e4ren lie\u00dfe, ob von Welden Mitglied in der <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Reichskammer_der_bildenden_K%C3%BCnste\">Reichskammer der bildenden K\u00fcnste<\/a> gewesen war; in der WENIGEN LITERATUR wird n\u00e4mlich der Eindruck erweckt, von Welden w\u00e4re wegen seiner Kunst nicht zugelassen worden. Meine Vermutung war eher, dass es daran lag, dass er staatenlos war; seine Eltern waren Deutsche und damit war auch er deutsch, obwohl er in Paris geboren wurde. 1915 wurde die Familie aus Frankreich ausgewiesen, sie zog nach M\u00fcnchen, war nun aber staatenlos (warum sie nicht Deutsche waren, erschlie\u00dft sich mir immer noch nicht, da muss ich noch rumlesen). In die Reichskulturkammer oder ihre Unterkammern durften aber nur Deutsche aufgenommen werden; also fragte ich nach, ob es einen Aufnahmeantrag oder \u00e4hnliches gab. Gab es nicht, sondern etwas viel Spannenderes, wie ich aus den der Mail anh\u00e4ngenden Scans erfahren durfte. In den Best\u00e4nden der Reichskulturkammer fand sich eine Karteikarte, auf der er als BeKA bezeichnet wurde \u2013 \u201ebesondere Kulturaufgaben\u201c. Ich zitiere mal die Mail, deren Ausf\u00fchrlichkeit mich sehr positiv \u00fcberrascht hat: \u201eDie Abteilung BeKA bildete die Nachfolgerin der Abteilung IIA (\u00dcberwachung der kulturellen Bet\u00e4tigung von Nichtariern) im <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Reichsministerium_f%C3%BCr_Volksaufkl%C3%A4rung_und_Propaganda\">RMVP<\/a>. Ariernachweise bzw. -best\u00e4tigungen oder gegenteiliges sind ebenfalls nicht in der Akteneinheit.\u201c Die Karte scheint vom August 1939 zu stammen; bereits 1938 hing ein <a href=\"http:\/\/www.gdk-research.de\/de\/obj19401990.html\">Bild<\/a> von Weldens mit eindeutig nationalsozialistischem Bildinhalt auf der GDK. (Einschub: Die <a href=\"https:\/\/books.google.de\/books?id=43eNx5qa78AC&#038;pg=PA54&#038;lpg=PA54&#038;dq=besondere+kulturaufgaben&#038;source=bl&#038;ots=ScP2qN82J3&#038;sig=5h_HvBNki2GdBNKAaulsV23iNw4&#038;hl=de&#038;sa=X&#038;sqi=2&#038;ved=0ahUKEwis_cqCt8_OAhUEAsAKHUMBA3QQ6AEIKDAD#v=onepage&#038;q=besondere%20kulturaufgaben&#038;f=false\">Abteilung<\/a> wurde von <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Hans_Hinkel\">Hans Hinkel<\/a> geleitet, dessen Name mich sehr hat <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Der_gro%C3%9Fe_Diktator#Adenoid_Hynkel\">lachen<\/a> lassen.)<\/p>\n<p>Dazu gab&#8217;s noch einen Brief an die Schwabinger Ortsgruppe der NSDAP, in der die politische Zuverl\u00e4ssigkeit von Weldens beurteilt werden sollte, damit man ihn eventuell doch in die Kammer aufnehmen k\u00f6nnte. Die Anfrage ist vom 21. November 1938, bearbeitet wurde sie am 16. Dezember. Einen Satz fand ich spannend: \u201eIn Anbetracht der Dringlichkeit der Angelegenheit ersuche ich um Einhaltung des gestellten Termins.\u201c Da von Welden zum Zeitpunkt des Briefes schon in Gemeinschaftsausstellungen vertreten war, meine ich, dass es hier um die GDK geht, wo man eben nicht jeden Hans und Franz an die Wand h\u00e4ngt. Dass die Kameradschaft M\u00fcnchner K\u00fcnstler vielleicht noch wen mitschleppt, der nicht Mitglied in der Kammer ist, okay. Aber dass so jemand in <em>der<\/em> Ausstellung f\u00fcr deutsche Kunst vertreten ist \u2013 das geht halt nicht.<\/p>\n<p>Anscheinend ging es doch, denn der Archivar tippt auf \u201ekeine Mitgliedschaft\u201c, auch wenn er es nicht nachweisen kann. Ich hatte bei von Weldens Tochter auch schon seinen franz\u00f6sischen Geburtsschein gesehen, den er 1936 beim Standesamt M\u00fcnchen vorlegen musste, um zu heiraten. Das ging anscheinend auch ohne Ariernachweis oder \u00e4hnliches, was mich verwundert, aber nun gut. Das hat alles nur wenig mit meiner stilkritischen Hausarbeit zu tun, aber f\u00fcr mich pers\u00f6nlich sind die ganzen historischen Details ungemein interessant.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.ankegroener.de\/razza\/..\/Bilder\/IMG_0193.jpg\" alt=\"IMG_0193\" width=\"500\" height=\"385\" class=\"alignnone size-full wp-image-25076\" \/><\/p>\n<p>Ich mochte auch den franz\u00f6sischen Stempel des Dokuments gern. Stempeln die Franzosen heute immer noch mit Freiheit, Gleichheit, Br\u00fcderlichkeit? (Und schreiben sie endlich ihre Zahlen als Ziffern? Das halbe Dokument besteht aus ausgeschriebenen Zahlen, was auf Franz\u00f6sisch ja immer ewig dauert. \u201eMil huit cent quatre-vingt-Dix-neuf.\u201c [sic!])<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.ankegroener.de\/razza\/..\/Bilder\/IMG_0193a.jpg\" alt=\"IMG_0193a\" width=\"500\" height=\"251\" class=\"alignnone size-full wp-image-25080\" \/><\/p>\n<p>Am gestrigen Freitag hatte ich die Gelegenheit, mit dem Archivar zu telefonieren und fragte noch ein bisschen nach. Das schreibe ich jetzt nicht alles auf, aber ich fand es sehr hilfreich (und ziemlich toll), dass sich da jemand eine halbe Stunde Zeit f\u00fcr mich nimmt, mir Verwaltungsvorg\u00e4nge des Dritten Reichs erkl\u00e4rt und wo ich welche Akte finden k\u00f6nnte (oder auch nicht). Er hatte auch noch einen sch\u00f6nen Tipp: die Entnazifizierungsakte, in der von Welden angeben musste, in welchen NS-Verb\u00e4nden er Mitglied war. Die liegt, wie sich&#8217;s geh\u00f6rt, im Hauptstaatsarchiv in M\u00fcnchen \u2013 merke: Entnazifizierungsakten liegen immer am Wohnort und nicht in Berlin \u2013 und da gehe ich n\u00e4chste Woche mal vorbei. Vielleicht erwische ich dann auch endlich mal jemand im Haus der Kunst, wo eine Mail seit zwei Wochen nicht beantwortet wurde und ich die ganze letzte Woche niemanden aus dem Archiv ans Telefon gekriegt habe. Das w\u00e4re f\u00fcr mich auch deutlich wichtiger als jedes andere Archiv, aber ich ahne, dass ich da nicht ganz so einfach Zugang bekomme.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Am Donnerstag radelte ich gegen halb 11 (zu lange im Internet gedaddelt) ins Zentralinstitut f\u00fcr Kunstgeschichte. Die am Mittwoch geschriebene Einleitung zur Hausarbeit gefiel mir, mein Plan war, mich nun mit der akademischen Ausbildung von Weldens zu befassen, genauer gesagt, mit der Acad\u00e9mie Julian und der Akademie der Bildenden K\u00fcnste in M\u00fcnchen. 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