{"id":25167,"date":"2016-09-06T09:39:12","date_gmt":"2016-09-06T07:39:12","guid":{"rendered":"http:\/\/www.ankegroener.de\/?p=25167"},"modified":"2016-09-10T11:46:21","modified_gmt":"2016-09-10T09:46:21","slug":"was-schon-war-samstag-bis-montag-3-bis-5-september-2016-menschen-und-papier","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/ankegroener.de\/blog\/?p=25167","title":{"rendered":"Was sch\u00f6n war, Montag, 5. September 2016 \u2013 Originale"},"content":{"rendered":"<p>Am gestrigen Montag fuhr ich ein weiteres Mal zur Tochter Leo von Weldens, denn ich hatte vergessen, eine Radierung anst\u00e4ndig abzumessen und so richtig gl\u00fccklich war ich mit dem Foto davon auch nicht. Au\u00dferdem waren mir w\u00e4hrend der Arbeit noch ein paar Sachen eingefallen, die ich fragen konnte, und ich bat die Dame am Telefon schon, mir bestimmte Dokumente rauszulegen, die sie mal erw\u00e4hnt hatte.<\/p>\n<p>Dieses Mal erwischte ich den Zug, kam p\u00fcnktlich an und wurde wieder mit Wasser und Obst empfangen. Mein \u201eAber bitte machen Sie sich keine Umst\u00e4nde!\u201c wurde konsequent \u00fcberh\u00f6rt. Die Dokumente lagen bereit, ich fotografierte, verma\u00df Bilder, guckte noch weitere Bilder durch, ich erz\u00e4hlte, was ich bisher so rausgefunden hatte, und dann meinte die Tochter, sie h\u00e4tte da noch einen Ordner mit Unterlagen, vielleicht w\u00e4re der von Interesse?<\/p>\n<p>Ich bl\u00e4tterte kurz rein und fing innerlich an zu schwitzen. Ich hatte vor Wochen an das Bundesarchiv in Berlin (ehemals <a href=\"https:\/\/www.bundesarchiv.de\/fachinformationen\/01001\/index.html.de\">Berlin Document Center<\/a>) geschrieben und nachgefragt, ob man nachvollziehen k\u00f6nne, ob von Welden Mitglied in der Reichskammer der bildenden K\u00fcnste gewesen war; in der Forschungsliteratur steht n\u00e4mlich, dass man ihm die Mitgliedschaft verweigerte. Aus dem Aktenbestand ist herauszulesen, dass von Welden immerhin bekannt war (ich <a href=\"http:\/\/www.ankegroener.de\/?p=25072\">schrieb<\/a> schon mal \u00fcber die Karteikarte, die ihn als BeKA = besondere Kulturaufgaben einstufte), eine Mitgliedschaft war aber nicht zu belegen. Au\u00dferdem wird in der Literatur st\u00e4ndig ein Brief des Kunstvereins Freiburg zitiert, der ihn im M\u00e4rz 1937 nicht ausstellen wollte, weil er sich nicht sicher war, ob von Welden \u201eUntermenschen\u201c zeichnet; diese Ablehnung soll erstens begr\u00fcnden, dass von Welden keine regimekonforme Kunst produzierte (ein Katalog verstieg sich zur Einsch\u00e4tzung, dass seine Kunst als \u201eentartet\u201c galt), zweitens belegt sie die inkonsequente NS-Kunstpolitik, bei der die rechte Hand manchmal nicht wusste, was die linke tat, denn von Welden durfte immerhin (laut Literatur) 1943 in Berlin und 1944 in Stuttgart ausstellen. Berlin konnte ich nachweisen, Stuttgart nicht. Ach ja, das Wirtschaftsarchiv Baden-W\u00fcrttemberg hat sich inzwischen gemeldet (dankesch\u00f6n!): nichts von Leo zu finden aus dem Kunsthaus Schaller\/Stuttgart; auch nicht, ob diese Austellung \u00fcberhaupt stattgefunden hat. Der einzige Beleg in der Literatur ist, ich zitiere z\u00e4hneknirschend, \u201eErwin Bareis in einem unbezeichneten Stuttgarter Zeitungsartikel vom Februar 1944\u201c. Ich meine, dass Bareis zu diesem Zeitpunkt f\u00fcr den <em><a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Stuttgarter_Neues_Tagblatt\">NS-Kurier<\/a><\/em> geschrieben hat, der netterweise in der Bayerischen Staatsbibliothek liegt. Ich habe den kompletten Februar mehrfach durchgebl\u00e4ttert und dann noch Januar und M\u00e4rz, aber ich habe den Artikel nicht gefunden. Das schaffe ich f\u00fcr diese Arbeit nicht mehr, aber aus purer Neugier werde ich wohl mal die Landesbibliothek Baden-W\u00fcrttemberg bel\u00e4stigen, ob sie eine Ahnung hat, wo Herr Bareis sonst noch ver\u00f6ffentlicht haben k\u00f6nnte.<\/p>\n<p>Aber zur\u00fcck zu Leo: dass ich ihm inzwischen einen Riesenschwung Ausstellungen, Buch- und Zeitschriftenillustrationen nachweisen kann \u2013 geschenkt. Aber was unter anderem in diesem unschuldigen Aktenordner zu finden war: ein Anmeldeschein \u00fcber Bilder, die von Welden an den Kunstverein Freiburg schickte f\u00fcr eine Ausstellung, die im Juli 1937 stattfinden sollte, lausige vier Monate nach der Ablehnung. Kleines Detail am Rande: der Ablehnungsbrief ist mit \u201eMit besten Gr\u00fc\u00dfen\u201c unterzeichnet, die mehrfache Korrespondenz zur Ausstellung mit \u201eHeil Hitler\u201c, jeweils vom gleichen Herrn. Da will ich nicht zuviel reinlesen, aber anscheinend war der Kunstverein jetzt auf Linie, nachdem er im M\u00e4rz 1937 noch vom Wechsel in der Kreisleitung geschrieben hatte, der das dementsprechende Z\u00f6gern ausgel\u00f6st hatte, was denn jetzt (noch?) ginge an Ausstellungen.<\/p>\n<p>Das beste Detail an diesem Anmeldeschein ist aber: Auf ihm hat von Welden eine Mitgliedsnummer der Reichskammer aufgef\u00fchrt. Und nicht nur auf diesem: Mir liegen noch zwei weitere Einreichformulare f\u00fcr Hamburg und die GDK 1941 (!) vor, auf denen die gleiche Nummer auftaucht. Die Dokumente scannte ich gestern ein und schickte sie an meinen Kumpel im Berliner Archiv, der mich gebeten hatte, mich nochmal zu melden, falls ich noch was finde. Ich denke, das habe ich.<\/p>\n<p>Aber das war noch nicht alles.<\/p>\n<p>Von Welden verlor 1943 bei einem Bombentreffer sein Atelier, weswegen die bisherige Forschungsliteratur sagen konnte, wir wissen nicht genau, was der Mann vorher gemalt hat. Seit gestern habe ich eine Aufstellung, die vermutlich f\u00fcr das Kriegssch\u00e4denamt ausgef\u00fcllt wurde, in der der Atelierinhalt beschrieben wird \u2013 mit Bildtitel, Technik und Abmessungen. Eine Seite der vier fehlt, aber viele seiner Werke vor 1943 kann ich jetzt benennen. Das ist f\u00fcr mich so spannend, weil es mich ja wahnsinnig macht, dass der Mann extra f\u00fcr die GDK Nazischei\u00df produziert hat, w\u00e4hrend er sonst nur lustige Bauern und Kokotten malte. Auch eine pers\u00f6nliche Auseinandersetzung mit seiner Umwelt habe ich bisher nicht gekannt. Jetzt habe ich Bilder, auf denen seine Frau und seine Tochter zu sehen sind sowie weitere Landschafts- und Menschendarstellungen. Kein Nazischei\u00df, wo-hoo!<\/p>\n<p>Ich habe Verlagskorrespondenz f\u00fcr weitere Buchillustrationen, die ich noch nicht kannte, ich habe noch weitere Ausstellungsbeteiligungen gefunden, ich habe seinen Fremdenpass, der bis September 1945 galt und damit belegt, dass er sich nicht so recht um die deutsche Staatsb\u00fcrgerschaft bem\u00fcht hatte, die eigentlich eine Grundvoraussetzung f\u00fcr die Reichskammermitgliedschaft war. Deswegen wei\u00df ich immer noch nicht, was ich von dieser Nummer halten soll \u2013 geh\u00f6rte die jemand anders? War er Mitglied und wurde im Zuge von versch\u00e4rften Bedingungen wieder rausgeschmissen? Wieso sollte sich die Gauleitung M\u00fcnchen-Oberbayern Ende 1938 bei der NSDAP-Ortsgruppe Schwabing nach ihm erkundigen, um ihn in die Kammer aufnehmen zu k\u00f6nnen, wenn er schon drin war? <\/p>\n<p>Weiterhin habe ich jetzt Belege zum Reichsarbeitsdienst, von dem er als Kriegsmaler Ende 1941 an die russische Front geschickt wurde; das konnte ich bisher nur durch Literatur belegen, aber nicht durch Originaldokumente. Und da ist noch mehr Zeug, aber das breche ich hier jetzt mal ab.<\/p>\n<p>Ich war gestern sehr lange mit Scannen und Lesen und Tiefdurchatmen besch\u00e4ftigt, denn einiges in meiner Arbeit muss nun mal wieder umgeschrieben werden, aber das mache ich mit Freuden. Mir ging es gestern wie bei meinen Archivbesuchen \u2013 dieses herrliche Gef\u00fchl, in Originalen zu bl\u00e4ttern anstatt in Sekund\u00e4rliteratur. Klar liebe ich meine ganzen dicken B\u00fccher, aus denen ich so viel lernen durfte, aber wie toll das ist, mit Quellen zu arbeiten, habe ich erst in diesem Semester verstanden. Zun\u00e4chst in der Geschichtshausarbeit, f\u00fcr die ich Lebenserinnerungen aus dem 19. Jahrhundert las, und dann in dieser Hausarbeit, f\u00fcr die ich in einem Nachlass w\u00fchlen darf und durch ein halbes Leben in Korrespondenz bl\u00e4ttere. Das ist so viel direkter und nachvollziehbarer als wenn man es in einem Buch pr\u00e4sentiert bekommt. Ich habe die Chance, selber Schl\u00fcsse zu ziehen, mir selber ein Bild von Dingen zu machen \u2013 eigentlich genau das, was ich auch mit Kunstwerken tue. Ich bastele mir ein Bild eines Malers zusammen, das nicht ganz dem entspricht, was ich durch die Literatur von ihm bekommen habe bzw. es um entscheidende Facetten erweitert. Das ist ziemlich gro\u00dfartig.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Am gestrigen Montag fuhr ich ein weiteres Mal zur Tochter Leo von Weldens, denn ich hatte vergessen, eine Radierung anst\u00e4ndig abzumessen und so richtig gl\u00fccklich war ich mit dem Foto davon auch nicht. 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