{"id":28281,"date":"2017-12-28T12:20:49","date_gmt":"2017-12-28T11:20:49","guid":{"rendered":"http:\/\/ankegroener.de\/blog\/?p=28281"},"modified":"2022-01-20T12:35:18","modified_gmt":"2022-01-20T11:35:18","slug":"meine-groseltern","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/ankegroener.de\/blog\/?p=28281","title":{"rendered":"Meine Gro\u00dfeltern"},"content":{"rendered":"<p>Weihnachten verbringe ich seit einigen Jahren immer in der alten Heimat, also dem Wohnort meiner Eltern. So setzte ich mich auch in diesem Jahr am Heiligen Abend in M\u00fcnchen in den Flieger und lie\u00df mich vom Schwesterherz in Hannover abholen, genoss zweieinhalb ruhige und entspannte Tage und flog am sp\u00e4ten Nachmittag des 26. Dezember wieder nach Hause. Die Zeiten, in denen wir mit Kaffee, Tee und Pl\u00e4tzchen oder Pralinen, Whisky und Sekt um diverse Tische sa\u00dfen, nutzte ich, um meine Eltern nach ihren Eltern auszufragen. Ein paar Dinge wusste ich, aber <a href=\"http:\/\/www.vorspeisenplatte.de\/speisen\/2017\/12\/journal-donnerstag-7-dezember-2017-wovon-meine-grosseltern-gelebt-haben.htm\">diesen Blogeintrag der Kaltmamsell<\/a> von Anfang Dezember wollte ich doch nicht kommentieren, weil ich mir bei einigen Details nicht sicher war.<\/p>\n<p>Ich wusste, dass Opa (die Eltern meines Vaters hei\u00dfen bei uns Oma und Opa, die meiner Mutter Omi und theoretisch Opi, denn den lernte ich nie kennen) in der Wehrmacht gewesen war, wie so viele seines Geburtsjahrgangs, und ich wusste auch, dass er ein paar Auszeichnungen bekommen hatte, die Papa im Bankschlie\u00dffach aufbewahrt. Sie sind nicht sehr viel wert \u2013\u00a0ich habe bei einigen Militaria-H\u00e4ndlern gegoogelt \u2013, aber da liegen sie trotzdem gut. Aus Interesse an der NS-Zeit, mit der ich mich bekannterma\u00dfen auch in der Dissertation besch\u00e4ftigen werde, bat ich Papa, sie aus dem Schlie\u00dffach zu holen, damit ich sie mir anschauen k\u00f6nnte. Im Zuge dessen meinte Papa, er habe mir auch den Ordner rausgelegt, in dem er die Verleihungsurkunden zu den Ehrenzeichen aufbewahrte. Erster Lerneffekt \u00fcber die Feiertage: Es gibt schriftliche Unterlagen zum Blech. Wusste ich nicht.<\/p>\n<p>Ich verbrachte einen Teil des ersten Weihnachtstags damit, Schriftst\u00fccke zu scannen; im Ordner von Opa fand ich auch einiges von Oma, die vor ihm verstorben war und deren Unterlagen er scheinbar einfach zu seinen genommen hatte. Viel war es nicht, aber jetzt kann ich dr\u00fcben endlich kommentieren bzw. auf einen anst\u00e4ndigen Blogeintrag verlinken.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/ankegroener.de\/blog\/..\/Bilder\/opa.jpg\" alt=\"\" width=\"500\" height=\"724\" class=\"alignnone size-full wp-image-28285\" \/><\/p>\n<p>Mein Opa stammt aus Baden-W\u00fcrttemberg, wo er direkt nach seiner achtj\u00e4hrigen Schule eine vierj\u00e4hrige Glasschleifer-Lehre bei <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/WMF_Group\">WMF<\/a> machte; sein Gesellenst\u00fcck, eine Obstschale, besitzen wir heute noch. W\u00e4hrend der Zeit der Weltwirtschaftskrise war er als Kurzarbeiter t\u00e4tig, bevor er 1934 kurzzeitig Polizist in Ulm wurde. 1935 trat Opa in die <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Wehrmacht\">Wehrmacht<\/a> ein. Er war bei der Luftwaffe, lie\u00df sich im Laufe der Zeit zum Bordmechaniker ausbilden und verlie\u00df das Heer als Oberfeldwebel. In seinen Unterlagen finden sich zwei Verpflichtungserkl\u00e4rungen, eine von 1935, eine von 1938, von denen die letzte theoretisch bis September 1946 gegolten h\u00e4tte. Ich fand auch die Unterlagen der Alliierten \u00fcber seine Entlassung aus den Streitkr\u00e4ften (\u201eCertificate of Discharge\u201c) vom 25. Juni 1945. Nach seiner Kriegsgefangenschaft, von der ich nicht wei\u00df, wo er sie verlebt hat und wie lange sie dauerte, erlernte er das Zimmermannshandwerk, das er bis zu seinem Tod aus\u00fcbte. 1957 bewarb er sich f\u00fcr einen Posten in der inzwischen gegr\u00fcndeten <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Bundeswehr\">Bundeswehr<\/a>, scheint aber abgelehnt worden zu sein. In seinen Unterlagen finden sich zwei von ihm handgeschriebene Lebensl\u00e4ufe, einer von August 1945, in dem seine Gefangenschaft noch nicht erw\u00e4hnt wird, und einer von 1957, der f\u00fcr die Bewerbung zur Bundeswehr erstellt wurde. Wof\u00fcr der erste war, wei\u00df ich leider nicht.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/ankegroener.de\/blog\/..\/Bilder\/Oma.jpg\" alt=\"\" width=\"500\" height=\"726\" class=\"alignnone size-full wp-image-28284\" \/><\/p>\n<p>W\u00e4hrend seiner Wehrmachtszeit wurde Opa nach Norddeutschland versetzt, wo er meine Oma kennenlernte. Sie stammte aus Oldenburg und war nach ihrer Schulzeit als K\u00fcchenhilfe t\u00e4tig. Ich fand Unterlagen bzw. Zeugnisse von verschiedenen Orten, zum Beispiel einer Heil- und Pflegeanstalt sowie von einem Gasthof auf Wangerooge. Ich erinnere mich, dass Oma manchmal von ihrer Zeit \u201eauf der Insel\u201c erz\u00e4hlt hatte. Eine berufliche Ausbildung hat sie anscheinend nicht gemacht, sie ging, wie es f\u00fcr viele Frauen ihrer Zeit \u00fcblich war, nach der Schule \u201ein Stellung\u201c. W\u00e4hrend des Kriegs arbeitete sie als K\u00f6chin, unter anderem in einem Gefangenenlager f\u00fcr franz\u00f6sische Soldaten. Mit mindestens einem von ihnen hatte sie noch jahrzehntelang brieflichen Kontakt, aber Genaueres wusste mein Vater auch nicht. Ich habe auch keine Briefe gefunden. Ich kannte Oma als immer besch\u00e4ftigte Frau, auch wenn sie, soweit ich das verstanden habe, nach 1945 keinen Beruf mehr aus\u00fcbte, sondern sich um Haus, Familie, Garten und Kleinvieh k\u00fcmmerte; ich kenne noch den H\u00fchnerhof bei Oma und Opa, aber auf alten Fotos sind auch noch Ziegen, Schweine und Schafe zu sehen. Sie engagierte sich beim <a href=\"https:\/\/twitter.com\/ankegroener\/status\/944928408114515968\">Aufbau des DRK in ihrem Wohnort<\/a> und wurde daf\u00fcr mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet; ich wei\u00df peinlicherweise gerade das Jahr nicht, aber <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Ernst_Albrecht\">Ernst Albrecht<\/a> war Ministerpr\u00e4sident, es m\u00fcsste also irgendwann in den 1980er Jahren gewesen sein. Sie ist 1989 gestorben.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/ankegroener.de\/blog\/..\/Bilder\/omi.jpg\" alt=\"\" width=\"500\" height=\"440\" class=\"alignnone size-full wp-image-28286\" \/><\/p>\n<p>Auch meine Omi ging nach ihrer Schulzeit \u201ein Stellung\u201c; sie kam aus der N\u00e4he von <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Landkreis_Bartenstein_(Ostpr.)\">Bartenstein<\/a>, dem heutigen <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Bartoszyce\">Bartoszyce<\/a>. Soweit ich wei\u00df, war sie als Hausm\u00e4dchen bzw. Hauswirtschafterin t\u00e4tig. Auf dem Foto ist sie links zu sehen, recht von ihr steht ihre Schwester, deren Mann 1944 fiel (glaube ich). Mein Gro\u00dfvater fiel bereits 1943 bei Leningrad. Die Schwestern blieben f\u00fcr den Rest ihres Lebens zusammen und heiraten beide nicht mehr. Meine Mutter erz\u00e4hlte, dass Omi eigentlich ihren Schwager h\u00e4tte heiraten sollen, was sie aber nicht wollte. Sie hatte danach auch keinen Kontakt mehr zur Familie ihres Mannes; meine Mutter konnte sich auch nicht wirklich an ihre Gro\u00dfeltern erinnern. Ihr Gro\u00dfvater floh irgendwann in den Westen. 1948 flohen auch Omi, ihre Schwester und ihre insgesamt vier Kleinkinder in die damalige sowjetisch besetzte Zone, bevor sie 1951 (1953?) nach Westdeutschland zu einer Verwandten \u00fcbersiedeln konnten. Meine Mutter erz\u00e4hlte mir, dass sie anfangs zu neunt auf zwei Zimmern gewohnt hatten. Meine Omi war danach als Hauswirtschafterin bei einer Familie im Ort angestellt, die ein f\u00fcr mich irrwitzig gro\u00dfes Haus mit ebenso irrwitzig gro\u00dfem Garten besa\u00dfen. Meine Schwester und ich durften manchmal dort vorbeischauen, wenn unsere Schule vorbei war und Mama noch arbeitete. Ich war immer sehr vom Klavier beeindruckt, an das ich mich aber nur selten rantraute, und ich wei\u00df noch, wie sehr ich den bl\u00f6den Boxer gehasst habe, der immer sabbernd auf einen zusprang.<\/p>\n<p>Meine Mutter erz\u00e4hlte, dass sie bereits nach der Volksschule in die Lehre gehen musste, weil das Schulgeld f\u00fcr eine weiterf\u00fchrende Schule nicht zu bezahlen war. Auch deswegen habe sie sehr darauf geachtet, dass meine Schwester und ich die bestm\u00f6gliche Bildung bekamen. Wir sind beide auf dem Gymnasium gewesen, meine Schwester hat neben ihrer Angestelltent\u00e4tigkeit noch ein Abendstudium gemacht und ich bin die erste Doktorandin unserer Familie.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/ankegroener.de\/blog\/..\/Bilder\/opi.jpg\" alt=\"\" width=\"500\" height=\"486\" class=\"alignnone size-full wp-image-28283\" \/><\/p>\n<p>\u00dcber meinen Opi, wenn ich ihn denn h\u00e4tte so nennen d\u00fcrfen, wei\u00df ich leider gar nichts.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Weihnachten verbringe ich seit einigen Jahren immer in der alten Heimat, also dem Wohnort meiner Eltern. So setzte ich mich auch in diesem Jahr am Heiligen Abend in M\u00fcnchen in den Flieger und lie\u00df mich vom Schwesterherz in Hannover abholen, genoss zweieinhalb ruhige und entspannte Tage und flog am sp\u00e4ten Nachmittag des 26. 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