{"id":28680,"date":"2018-03-11T11:13:45","date_gmt":"2018-03-11T10:13:45","guid":{"rendered":"http:\/\/ankegroener.de\/blog\/?p=28680"},"modified":"2018-03-11T13:14:43","modified_gmt":"2018-03-11T12:14:43","slug":"was-schon-war-freitag-samstag-9-10-marz-2018-doktorandinnen-kolloquium","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/ankegroener.de\/blog\/?p=28680","title":{"rendered":"Was sch\u00f6n war, Freitag\/Samstag, 9.\/10. M\u00e4rz 2018 &#8211; Doktorand*innen-Kolloquium"},"content":{"rendered":"<p>Die Betreuung von Doktorand*innen an der LMU oder sogar nur am kunsthistorischen Institut ist unterschiedlich, was schon bei der Form der <a href=\"http:\/\/www.kunstgeschichte.uni-muenchen.de\/studium\/prom_stu\/promotion\/index.html\">Promotion<\/a> beginnt: Wenn man sich f\u00fcr eine Promotion am Institut entscheidet, ist man in den Lehrstuhl eingebunden, lehrt meist in geringem Umfang und ist halt wissenschaftliche Angestellte. Der andere Weg ist die klassische Individualpromotion, bei der man nicht an der Uni lehrt oder forscht, sondern irgendwo anders; die meisten meiner Mitstreiter*innen, die ich Freitag erstmals alle in einem Raum kennenlernen konnte, arbeiten bei Museen, Archiven oder kunsthistorischen Einrichtungen wie dem <a href=\"http:\/\/www.zikg.eu\/\">ZI<\/a>. Einige wenige so wie ich machen etwas ganz anderes und promovieren gezwungenerma\u00dfen nebenbei, was dazu f\u00fchrt, dass wir ziemlich raus sind, was fachliche Diskussionen angeht oder auch nur den Austausch mit anderen Menschen, die ein \u00e4hnliches Projekt betreuen. Damit auch wir eine Art Anlaufstelle haben, hat mein Doktorvater einfach mal ein Kolloquium ins Leben gerufen, in dem alle seine Sch\u00fctzlinge ihr Thema kurz vortragen und wir dann dar\u00fcber diskutieren. Nicht jede*r musste vortragen \u2013 ich h\u00e4tte auch noch gar nichts sagen k\u00f6nnen \u2013, aber es war trotzdem spannend, den anderen zuzuh\u00f6ren. Die Wahl des Doktorvaters bedingte auch eine gewisse thematische und\/oder zeitliche Eingrenzung, denn der Mann hat nat\u00fcrlich seine Spezial- und Interessensgebiete, weswegen wir mit ihm arbeiten wollen. Daher hatte ich bei vielen Vortr\u00e4gen das Gef\u00fchl, schon zu wissen, worum es ging, was ziemlich toll war.<\/p>\n<p>Ich kann nat\u00fcrlich die meisten Themen jetzt nicht genauer ausplaudern, aber mir hat jeder Vortrag etwas gebracht. Ich muss gestehen, dass ich sowohl Freitag als auch Samstag den jeweils letzten Vortrag (oder sogar die zwei letzten) geschw\u00e4nzt habe (Hunger, Arbeit), aber daf\u00fcr ist man ja erwachsen. Hat das wenigstens einen Vorteil.<\/p>\n<p>Was ich aus den diversen Themen und Methodikdiskussionen f\u00fcr mich mitgenommen habe und hoffentlich nicht wieder vergessen werde: Ich muss keine Enzyklop\u00e4die schreiben. Das glaube ich nat\u00fcrlich bei jeder Hausarbeit und meine, versagt zu haben, wenn ich genau das eben nicht erledigt habe, und nat\u00fcrlich wei\u00df ich auch, dass das Quatsch ist, aber ich habe bei mir schon wieder die ungute Tendenz festgestellt, Themen gleich zu verwerfen, weil ich wei\u00df, dass ich sie nicht komplett (was auch immer das hei\u00dft) behandeln werde k\u00f6nnen. Mir haben viele der Vortr\u00e4ge mal wieder vor Augen gef\u00fchrt, dass das auch nicht mein Job ist. Ich muss ein Thema schlaglichtartig beleuchten, kann ein paar lustige Exkurse machen und einiges vertiefend abhandeln, aber ich muss nicht jeden Fetzen Papier oder Leinwand behandeln, der zu diesem Thema existiert. Das soll eine Diss werden und kein zwanzigb\u00e4ndiges Lexikon.<\/p>\n<p>Ebenfalls spannend waren f\u00fcr mich die Diskussionen zur Datenerhebung. Ich meine zwar, davor gefeit zu sein, stapelweise Archivgut digitalisieren oder sogar verschlagworten zu m\u00fcssen, aber ich fand es trotzdem interessant zu sehen, welche M\u00f6glichkeiten es \u00fcberhaupt gibt, Daten zu erheben und zu klassifizieren. Ich habe lustige Programme kennengelernt, die ich vermutlich nie brauche, aber ich wei\u00df jetzt, dass es sie gibt. Was vielleicht interessant f\u00fcr mich wird, wenn ich vor meinem Datenberg sitze und mir selbst \u00fcberlegen muss, nach was ich den Kram denn \u00fcberhaupt ordnen will. Bisher hat das ernsthaft mit diversen Word-Dokumenten bei mir funktioniert, weil ich durch meine Arbeit als Katalogtexterin gew\u00f6hnt bin, den \u00dcberblick \u00fcber lange Texte zu behalten. Ich ahne aber auch, dass eine Masterarbeit etwas anderes ist als eine Diss und daher sollte ich mir vielleicht jetzt schon Gedanken dar\u00fcber machen, ob es noch etwas Sinnvolleres gibt als meine Word-Sammlungen.<\/p>\n<p>Ein kleiner Nebenaspekt wurde in diesem Zusammenhang auch angesprochen: die \u00f6sseligen Lizenzierungsmodelle von Software. Wenn man Gl\u00fcck hat, \u00fcbernimmt eine Institution wie Uni oder Forschungsstelle die Geb\u00fchr f\u00fcr ein Programm, mit dem man dann ewig arbeiten kann. Wenn man Pech hat, beginnt man mit einem Programm zu arbeiten, das mittendrin sein Lizensierungsmodell \u00e4ndert und nur noch Lizenzen auf Zeit verkauft. Dann tippt man lustig zwei Jahre Daten ein \u2013 und kann sich danach eventuell das Programm nicht mehr leisten, weil es pl\u00f6tzlich irre teuer geworden ist. Das ist netterweise niemandem von uns passiert, aber dar\u00fcber habe ich auch noch nie nachgedacht.<\/p>\n<p>Ich fand es auch mal wieder gut f\u00fcr mich und meine eigene wimmerige Konstitution zu h\u00f6ren, dass eben noch nicht alles ausgeforscht ist. Ich glaube auch nach zehn Semestern, die mir das Gegenteil bewiesen haben, dass alle guten Themen schon weg sind und immer, wenn ich \u00fcber eins nachdenke, haben schon tausend andere das auch gemacht. Ich wei\u00df, dass das Quatsch ist, aber manchmal falle ich doch wieder in dieses Loch. Am Freitag wurden zwei Dissertationen vorgetragen zu Themen, bei denen ich mir sicher war, dass dazu schon alles gesagt wurde. Ich glaube nicht, dass ich hier Geheimnisse verrate, daher: Sie gingen um <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Heinrich_Hoffmann_(Fotograf)\">Heinrich Hoffmann<\/a> und den <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Monuments,_Fine_Arts,_and_Archives_Section\">US-Kunstschutz<\/a> w\u00e4hrend des Zweiten Weltkriegs. Da h\u00e4tte ich Wetten angenommen, dass da schon alle Archive leergelesen sind, aber die Wette h\u00e4tte ich sehr deutlich verloren, wie ich jetzt wei\u00df. Zu h\u00f6ren, dass ein Doktorand im <a href=\"https:\/\/www.gnm.de\/museum\/abteilungen-anlaufstellen\/deutsches-kunstarchiv\/\">Kunstarchiv N\u00fcrnberg<\/a> noch Kisten \u00f6ffnen konnte, in die nie jemand reingeguckt hatte, nachdem der Nachlassverwalter den Deckel draufgemacht hatte, fand ich sehr spannend.<\/p>\n<p>Auch wieder wichtig f\u00fcr mich und meinen Hinterkopf: vielleicht mal nicht mit einer festen Frage in die Archive gehen, sondern die Quellen entscheiden lassen, wo es hingehen soll. Das habe ich ja eigentlich bei <a href=\"http:\/\/ankegroener.de\/_pdf\/171028_leovonwelden.pdf\">meiner Arbeit zu Leo von Welden<\/a> schon gelernt, dass es sehr aufschlussreich sein kann, einfach mal alles durchzuw\u00fchlen, was einem freundliche Archiv-Mitarbeiterinnen oder Heimatmuseumsmenschen vor die Nase legen. und dann zu gucken, was man daraus machen kann. Im Kolloquium berichtete eine Doktorandin, dass es ihr bei ihrem Thema genauso ging: Eine Stadtarchiv-Mitarbeiterin aus (Stadt behalte ich mal f\u00fcr mich) meinte so nebenbei zu ihr, dass da ein gro\u00dfes Aktenkonvolut w\u00e4re, das sich vielleicht f\u00fcr sie lohnen w\u00fcrde. Und dann stellte die Dame fest, dass dieses Konvolut eine ziemliche Rarit\u00e4t war, was NS-Unterlagen angeht, denn genau diese Art von Akten hatte die betreffende NS-Organisation sehr gro\u00dffl\u00e4chig vernichtet \u2013 bis auf diesen Berg und noch ein paar kleine weitere in sehr wenigen anderen St\u00e4dten. Aber sowas erf\u00e4hrt man nat\u00fcrlich nicht, wenn man mit einer festen Frage ins Archiv kommt.<\/p>\n<p>Dann ging es auch um Begrifflichkeiten und Definitionen. Was mich an vielen Diskussionen, gerade online und auf Twitter, inzwischen wahnsinig macht, ist, dass kaum noch definiert wird, wor\u00fcber eigentlich gesprochen wird. Jeder hat einen schwammigen Begriff im Kopf, aber anstatt erstmal klar zu fassen, worum es geht, p\u00f6beln alle auf unterschiedlichen Ebenen herum und kommen so nat\u00fcrlich nie auf einen Nenner. In unserem Fall ging es um eine Diss, die sich mit, auch das ist kein Geheimnis, die Diss kannte ich schon von der <a href=\"http:\/\/ankegroener.de\/blog\/?p=25791\">Herbsttagung des Arbeitskreises Provenienzforschung<\/a>, sogenannten (hier werde ich schon vorsichtig) j\u00fcdischen Kunsthandlungen in M\u00fcnchen befasst, die zur NS-Zeit \u201earisiert\u201c wurden. Wir sprachen dar\u00fcber, dass schon diese Klassifizierung \u2013 j\u00fcdische Kunsthandlung \u2013 ein Unding ist, denn damit machen wir uns die NS-Vorgabe zu eigen. Man kann davon ausgehen, dass viele oder sogar alle Kunsth\u00e4ndler*innen j\u00fcdischen Glaubens diese Tatsache \u2013 ihre Religionszugeh\u00f6rigkeit \u2013 nicht als ihren Hauptcharakterzug wahrgenommen haben, vor allem nicht in Bezug auf ihre berufliche T\u00e4tigkeit (au\u00dfer sie handelten exklusiv mit Judaica, aber ich meine mich daran zu erinnern, dass es so ein Gesch\u00e4ft nicht gab). Wir \u00fcbernehmen hier also als Grundlage der Forschung eine Einteilung aus rassistischen Gr\u00fcnden. Das muss in der Arbeit nat\u00fcrlich dargelegt werden, warum man ausgerechnet eine derartige Abgrenzung nun weiterf\u00fchrt. Unser Doktorvater erinnerte an <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Ernst_Gombrich\">Ernst Gombrich<\/a>, der 1996 auf einem Kongress genau zu diesem Thema streitbar <a href=\"http:\/\/www.faz.net\/aktuell\/feuilleton\/buecher\/rezension-sachbuch-hinweis-11318012.html\">sagte<\/a>: \u201e[]ch bin der Meinung, dass der Begriff der j\u00fcdischen Kultur von Hitler und seinen Vor- und Nachl\u00e4ufern erfunden wurde.\u201c (<a href=\"http:\/\/www.passagen.at\/cms\/index.php?id=62&#038;isbn=9783851659702&#038;L=0\">Quelle<\/a>)<\/p>\n<p>Insgesamt mochte ich es sehr, mal wieder mit Menschen in einem Raum zu sitzen, die \u00fcber \u00e4hnliche Dinge wie ich nachdenken, wenn auch nicht genau in der gleichen Ecke wie ich. Es war sch\u00f6n, sich mal wieder mit Themen zu besch\u00e4ftigen, die an meines angrenzen, und es war sehr befriedigend zu merken, wieviel ich dann doch in den letzten Jahren gelernt und gelesen und erfahren habe, wenn es um das Betriebssystem Kunst im Nationalsozialismus geht. Es hat mich sehr motiviert, mich wieder in die Arbeit zu schmei\u00dfen, die in den letzten Monaten sehr kurz gekommen ist, weil ich schlicht mit Geldverdienen besch\u00e4ftigt war. Ich freue mich schon auf unseren n\u00e4chsten Termin, der vermutlich im Herbst stattfinden wird. Vielleicht kann ich dann immerhin schon grob sagen, was ich eigentlich so mache.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Betreuung von Doktorand*innen an der LMU oder sogar nur am kunsthistorischen Institut ist unterschiedlich, was schon bei der Form der Promotion beginnt: Wenn man sich f\u00fcr eine Promotion am Institut entscheidet, ist man in den Lehrstuhl eingebunden, lehrt meist in geringem Umfang und ist halt wissenschaftliche Angestellte. 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