{"id":29064,"date":"2018-04-26T12:46:40","date_gmt":"2018-04-26T11:46:40","guid":{"rendered":"http:\/\/ankegroener.de\/blog\/?p=29064"},"modified":"2018-04-27T08:59:26","modified_gmt":"2018-04-27T07:59:26","slug":"tagebuch-mittwoch-25-april-2014-mittwoch-und-paletten","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/ankegroener.de\/blog\/?p=29064","title":{"rendered":"Tagebuch, Mittwoch, 25. April 2018 \u2013 MITTWOCH! Und Paletten"},"content":{"rendered":"<p>Mein Hamburg-Trip sollte eigentlich bereits am Montag mit der R\u00fcckfahrt zuende gehen, aber durch die kleine \u00dcberraschungsparty am Montagabend hatte ich den Zug f\u00fcr Dienstag umgegebucht. Mir war das auch durchaus klar, dass das Dienstag war, denn ich wimmerte innerlich ein bisschen rum, dass ich die sch\u00f6ne Fotografie-Vorlesung verpassen w\u00fcrde. Gestern sah ich dann die zweite Sitzung der Vorlesung \u00fcber die Materialien der modernen Malerei, wusste also offensichtlich, dass es Mittwoch war \u2013 aber anscheinend nur bis zum Ende der Vorlesung. Danach dachte ich, es sei Dienstag und verpeilte alle Termine, die ich f\u00fcr Mittwoch gemacht hatte, was ein paar hektische Mails und ein zweimal begonnenes Telefonat zur Folge hatte. (\u201eAch, das ist HEUTE?\u201c \u2013 \u201eSoll ich in zehn Minuten nochmal anrufen?\u201c \u2013\u00a0\u201eIn f\u00fcnf reicht auch.\u201c *wirbel, kurze Hektik*)<\/p>\n<p>Ich kann die lustige Wundert\u00fctenvorlesung gar nicht w\u00fcrdig wiedergeben, weil es so viele interessante Einzelheiten waren; ich verweise einfach auf die lange <a href=\"http:\/\/www.kunstgeschichte.uni-muenchen.de\/personen\/professoren_innen\/krueger\/publ_krueger\/index.html\">Publikationsliste<\/a> des Dozenten und werde mich im ZI wohl mal ein bisschen abseits meines Diss-Themas einlesen.<\/p>\n<p>Ich fand aber schon den Anfang der Sitzung erhellend, in der es um Paletten ging. Der Dozent zitierte <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Frank_Stella\">Frank Stella<\/a>, der den Beginn der modernen Malerei \u2013 also die Befreiung der Farbe von der Gegenst\u00e4ndlichkeit \u2013 damit verband, dass die Palette ihren Status als Werkzeug verlor und nicht die Leinwand, wie anderswo geschrieben wurde. Dann ging es um die manchmal fast intime Verbindung von Malern mit ihren Werkzeugen, die der von Musiker*innen \u00e4hnelte. Einen Buchtipp habe ich mir notiert: Karin Nohr \u2013 <em><a href=\"https:\/\/www.psychosozial-verlag.de\/2032\">Der Musiker und sein Instrument<\/a><\/em>, wobei der Dozent bem\u00e4ngelte, dass sich das Buch sehr mit zeitgen\u00f6ssischen Musiker*innen befasste und wenig historisiere; der Topos dieser Beziehung sei schon \u00e4lter. In der Malerei gebe es dagegen kaum derartige Beschreibungen; meist werde die Malerei generell als Konkurrentin zu einer realen Frau gesehen, aber nicht die Werkzeuge. Wenn \u00fcberhaupt, sei die Leinwand die Partnerin, mit der ein Sch\u00f6pfungsakt vollzogen werde, wobei der Pinsel \u2013 auch aus dem Wortstamm heraus \u2013 gerne als Penis gedeutet wird. <a href=\"https:\/\/commons.wikimedia.org\/wiki\/File:F%C3%A9lix_Bracquemond_-_Manet_et_Manebit.jpg\">Dieses Exlibris<\/a> f\u00fcr Manet von F\u00e9lix Braquemond zeigt das sehr eindr\u00fccklich. (Ich schwankte hier wie immer zwischen Augenrollen und fasziniertem Zuh\u00f6ren.)<\/p>\n<p>Dann ging es um die Palette an sich, die, wie mir neu war, nicht nur als Werkzeug zum Farbenmischen diente, sondern auch durchaus als Untergrund f\u00fcr Malerei. Ich lernte den Sammler Georges Beugniet kennen, dessen <a href=\"https:\/\/books.google.de\/books?id=kqzpBQAAQBAJ&#038;pg=PA162&#038;lpg=PA162&#038;dq=Georges+Beugniet&#038;source=bl&#038;ots=fJ_BnLPQ-L&#038;sig=V4WDGYgslISWZr4rmcmCTX0fai0&#038;hl=de&#038;sa=X&#038;ved=0ahUKEwiJ-fvr59faAhWC2CwKHSMAAo0Q6AEIKDAA#v=onepage&#038;q=Georges%20Beugniet&#038;f=false\">Palettensammlung<\/a> leider Anfang des 20. Jahrhunderts in Einzelteilen versteigert wurde; ein Auktionskatalog zeigt immerhin noch einige Exemplare. Der Link f\u00fchrt zu einem Aufsatz des Dozenten, den wir gestern in Ausz\u00fcgen vorgetragen bekamen, bitte einfach bei Google weiterlesen. Echt jetzt! Interessant! Mit Bildern! Zum Beispiel von Paletten, die als Malgrund dienten. Auch hier wurden gerne unbekleidete junge Damen aufs Holz gepinselt und ich rollte wieder mit den Augen. Jungs! Gibt&#8217;s echt nichts Spannenderes? Ich kann euch ja verstehen, wir sind super, aber meine G\u00fcte! Das 19. Jahrhundert macht mich fertig mit seinen r\u00e4kelnden, lasziv gestreckten Akten. Ich war irgendwann sehr dankbar f\u00fcr die Wald- und Landschaftsbilder, die wir auch zu sehen bekamen.<\/p>\n<p>Ich fand die Gegen\u00fcberstellung von zwei Paletten und ihren Nutzern dann bildlich sehr sch\u00f6n. Wir sahen Selbstportr\u00e4ts von <a href=\"https:\/\/www.wikiart.org\/en\/paul-cezanne\/self-portrait-with-palette\">C\u00e9zanne<\/a> und <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Liste_der_Selbstbildnisse_Vincent_van_Goghs#\/media\/File:Selbstportr%C3%A4t_Van_Gogh_Museum_04.jpg\">Van Gogh<\/a> mit ihren Paletten, und auf der Folie befanden sich auch zwei Abbildungen ihrer Paletten, deren Farbigkeit sich in den Werken wiederfindet. Ich lernte au\u00dferdem <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/James_McNeill_Whistler\">James McNeill Whistler<\/a> kennen, dessen <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Arrangement_in_Grau_und_Schwarz:_Portr%C3%A4t_der_Mutter_des_K%C3%BCnstlers\">Portr\u00e4t seiner Mutter<\/a> ich kannte, dessen Namen ich mir aber nie gemerkt hatte. <\/p>\n<p>Au\u00dferdem mochte ich die vielen Bilder der <a href=\"https:\/\/www.louvre.fr\/en\/oeuvre-notices\/palette-once-belonging-delacroix\">Paletten von Delacroix<\/a>, der angeblich teilweise monatelang an der richtigen Farbmischung f\u00fcr seine Werke t\u00fcftelte, bevor er den ersten Pinselstrich ausf\u00fchrte. Ich musste an heutige <a href=\"https:\/\/store.pantone.com\/de\/de\/system\/grafik.html?filter_format=172\">Pantonef\u00e4cher<\/a> denken und die Farbkarten, mit denen man sich im Baumarkt Wandfarben anmischen kann. Mir fielen auch auf einmal die vielen Paletten ein, die ich auf Bildern von Anselm Kiefer (zum Beispiel <em><a href=\"http:\/\/www.tate.org.uk\/art\/artworks\/kiefer-palette-ar00613\">Palette<\/a><\/em>, 1981) oder Markus L\u00fcpertz (zum Beispiel <em><a href=\"https:\/\/www.artsy.net\/artwork\/markus-lupertz-palette-dithyrambisch-iii\">Palette \u2013 dithyrambisch III<\/a><\/em>, 1974) gesehen hatte. Bei Kiefer hatte ich die immer als vagen Hinweis auf Malerei verstanden, musste mich aber nie mit einem bestimmten Werk befassen. F\u00fcr meine Masterarbeit schrieb ich immerhin \u00fcber ein Bild von L\u00fcpertz, in dem eine Palette zu sehen war, f\u00fchrte diese aber als Referenz an alte Stillleben an. \u00dcber die Palette als Werkzeug, als intimer Gegenstand, als Vorbereitung f\u00fcr ein Gem\u00e4lde habe ich noch nie nachgedacht.<\/p>\n<p>Auch so nebenbei gelernt: das franz\u00f6sische Wort f\u00fcr Steckenpferd bzw. Hobby: <em>violon d&#8217;Ingres<\/em>. Ich wei\u00df nicht mehr, wie der Dozent darauf kam, vermutlich waren wir wieder bei Linie versus Farbe bzw. Ingres versus Delacroix (ich <a href=\"http:\/\/ankegroener.de\/blog\/?p=29011\">schrieb<\/a> dar\u00fcber). Jedenfalls spielte Ingres gerne Violine und warum auch immer hat sich dieser Begriff im Franz\u00f6sischen f\u00fcr Hobby durchgesetzt. F\u00fcr mich hat das bekannte <a href=\"http:\/\/www.getty.edu\/art\/collection\/objects\/54733\/man-ray-le-violon-d'ingres-ingres's-violin-american-1924\/\">Bild<\/a> von Man Ray mit diesem Titel jetzt noch mehr einen seltsamen Unterton. Hier konnte ich aber wieder eine sch\u00f6ne Querverbindung ziehen: Das Model, das im Text vom Getty Museum nur als \u201eKiki\u201c bezeichnet wird, war <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Alice_Prin\">Kiki de Montparnasse<\/a>, \u00fcber die ich gerade bei Philipp Blom in seinen <em>Zerrissenen Jahren<\/em> gelesen hatte.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Mein Hamburg-Trip sollte eigentlich bereits am Montag mit der R\u00fcckfahrt zuende gehen, aber durch die kleine \u00dcberraschungsparty am Montagabend hatte ich den Zug f\u00fcr Dienstag umgegebucht. Mir war das auch durchaus klar, dass das Dienstag war, denn ich wimmerte innerlich ein bisschen rum, dass ich die sch\u00f6ne Fotografie-Vorlesung verpassen w\u00fcrde. 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