{"id":29854,"date":"2018-08-30T11:42:59","date_gmt":"2018-08-30T10:42:59","guid":{"rendered":"http:\/\/ankegroener.de\/blog\/?p=29854"},"modified":"2018-09-02T08:54:33","modified_gmt":"2018-09-02T07:54:33","slug":"leserinnenpost","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/ankegroener.de\/blog\/?p=29854","title":{"rendered":"Leserinnenpost"},"content":{"rendered":"<p>Ich verlinkte <a href=\"http:\/\/ankegroener.de\/blog\/?p=29842\">gestern<\/a> den Zeit-Artikel \u00fcber Sigmund J\u00e4hn und erw\u00e4hnte, dass die DDR ein fremdes Land f\u00fcr mich war und vielleicht geblieben ist. Daraufhin bekam ich eine lange Mail, die ich mit Zustimmung der <a href=\"https:\/\/schreiberei.eu\/\">Verfasserin<\/a> ver\u00f6ffentlichen darf. Wir kennen uns ein wenig \u2013 die Dame hat ein Portr\u00e4t \u00fcber mich geschrieben \u2013 und wir telefonierten noch, nachdem ich per Mail fragte, ob ich ihre Zeilen bloggen durfte. Danach glaube ich: Wir sollten mehr miteinander reden. Nicht die AfD-Anh\u00e4nger mit ihren Gegnern, das halte ich inzwischen f\u00fcr rausgeschmissene Zeit, aber: BRD-B\u00fcrger*innen mit DDR-B\u00fcrger*innen. Schreibt DDR-Blogs! Erz\u00e4hlt mir von eurem Land und von euren Biografien!<\/p>\n<p>Mir ist au\u00dferdem aufgefallen, dass ich, wenn ich die DDR als Ausland z\u00e4hle, was sie ja war, sie \u00f6fter besucht habe als jedes andere Land au\u00dferhalb meines eigenen. Ich war \u00f6fter in der DDR als in Frankreich, den USA oder D\u00e4nemark. Ich verlinke mal einen <a href=\"http:\/\/ankegroener.de\/blog\/?p=2194\">Uralt-Blogpost<\/a>, der das etwas illustriert.<\/p>\n<p>Aber jetzt zur Leserpost, die ich sehr spannend fand. Darin wird auch die Landflucht beschrieben, die mir in diesem Ausma\u00df nicht klar war. Im letzten Spiegel stand dazu ein aufschlussreicher Artikel, leider momentan nur als <a href=\"http:\/\/www.spiegel.de\/plus\/deutschland-wo-wohnen-nicht-viel-kostet-a-00000000-0002-0001-0000-000158955171\">Spiegel-Plus lesbar<\/a>.<\/p>\n<p>&#8212;<\/p>\n<p>Liebe Frau Gr\u00f6ner,<\/p>\n<p>ich habe wie Sie den Text von Jana Hensel in der ZEIT gelesen. Sigmund J\u00e4hn: das war ein Begriff in meiner Schulzeit. Wahrscheinlich auch deshalb, weil er quasi aus der Region stammt. (Meine Schule trug den Namen \u201eJuri Gagarin\u201c. Der Musiklehrer hatte ihm zu Ehren ein Lied komponiert, das zu den Appellen gesungen wurde. Es begann so: \u201e13. April des Jahres \u201a61, die ganze Erde schaut auf\u2026) Zur\u00fcck zu Morgenr\u00f6the-Rautenkranz (J\u00e4hns Geburtsort) \u2013 damit verbinden viele Ostdeutsche Raumfahrt, Weltall, unerreichte Weiten. (Dass das Dorf ein K\u00e4lteloch ist und in the middle of nowhere liegt, ist unerheblich.) <\/p>\n<p>Sie schreiben, die DDR war ein fremdes Land f\u00fcr Sie. Vielleicht ist es das auch geblieben. Mir war die Bundesrepublik nicht ganz so fremd \u2013 hatte ich doch Westverwandtschaft und eine Brieffreundin. Eine Zahnarzttochter, deren Eltern Schweden waren. Schon allein diese Kombi war etwas ganz Besonderes. Leute, die sich einfach so in einem anderen Land ihre Existenz aufbauen konnten, gut Geld verdienten, in der Welt umher reisten und interessehalber uns besuchten. Der erste Besuch fiel genau mit dem Ungl\u00fcck in Tschernobyl zusammen. Irre, wie unterschiedlich die Angst vor Verstrahlung war. Lundbergs waren informiert; wir nicht. (Wir waren recht unbek\u00fcmmert. Schlie\u00dflich holte mein Vater t\u00e4glich Uran aus dem Berg. Ihm fielen weder die Z\u00e4hne noch die Haare aus, noch hatte er Leuk\u00e4mie oder Lungenkrankheiten. Damals zumindest.)<\/p>\n<p>Was mir von diesen Stippvisiten in Erinnerung blieb, ist der Minderwertigkeitskomplex. Wir konnten nix vorweisen \u2013 weder Haus, Auto noch Reisen. Ich habe mich manchmal gesch\u00e4mt. Drei Jahre sp\u00e4ter kam alles anders. Der Mauerfall ist nach wie vor eines der gr\u00f6\u00dften Ereignisse meines Lebens. Dass das alles friedlich und ohne Blutvergie\u00dfen ablief \u2013 das halte ich pers\u00f6nlich f\u00fcr ein Wunder. Selbst nach fast drei\u00dfig Jahren zieht es mir die G\u00e4nsehaut auf. <\/p>\n<p>Allerdings hat keiner mit dem Affentempo der Wiedervereinigung und ihren Folgen gerechnet. Vom Herbst 1989 bis 1991 f\u00fchlte sich das Leben wie ein Schleudergang an. Nix war mehr sicher. Unsere Generation wurde blitzartig erwachsen. Wir regelten teilweise das Leben unserer Eltern: manchen Leuten fehlte einfach der Schneid (weil Arbeit weg etc.). Woher sollten sie den so fix herhaben? Der Gro\u00dfteil lief in der Masse mit. Alles war vorherbestimmt: Schulabschluss, Lehre, wenn es hoch kam Studium, Heirat mit 18,19,20 wegen Wohnung und Familienkredit, Arbeitsplatz ohne gro\u00dfartige Pendelei.) Um die Basics hat sich der Staat gek\u00fcmmert; wollte man mehr, musste man Mittel und Wege finden. Vieles ging \u00fcber Dritte; Menschen, die Beziehungen hatten oder wieder Leute an entscheidender Stelle kannten.<\/p>\n<p>Die Kommunikation \u00fcber Dritte, die Hoffnung, dass jemand von oben das regelt \u2013 das eitert einfach nicht heraus. (Die Generation unserer Eltern versucht das immer noch.) Vielleicht kann das helfen, sich der Ostdeutschen Denke anzun\u00e4hern. <\/p>\n<p>Seit den ersten Pegida-Demos in Dresden (das geht schon seit 2015), frage ich mich, warum hier solche Gedanken Humus finden. Die Masse hat Arbeit. Haben beide Eltern Jobs, ist ein Urlaub im Jahr mindestens drin. Die Bildung stimmt \u2013 auch wenn uns hinten und vorn die Lehrer fehlen. Der Spagat Familie-Beruf ist \u2013 zumindest auf dem Land \u2013 machbar. Auf dem Land: da leben die, die da geblieben sind. Leute, die ziemlich gebrochene Erwerbsbiografien haben, die nicht weggehen wollten, die keinen Schneid hatten, die ihre Wurzeln nicht kappen wollten oder konnten. Die jungen, gut ausgebildeten haben die Flucht ergriffen und tun es noch. Ich wei\u00df, das ist kein typisch ostdeutsches Problem. Die Dimension der Landflucht allerding schon. Was nahezu komplett fehlt, ist meine Generation. Dreiviertel meiner ehemaligen Klasse (Oberschule) weg, dreiviertel meiner Seminargruppe (Fachschule) arbeitet in westdeutschen Kliniken, mehr als die H\u00e4lfte meines Abiturjahrgangs weg. Diese L\u00fccke f\u00fchlen wir tagt\u00e4glich. Umgeben von Senior*innen in beigefarbenen Westen, die auf ihre Jugend zur\u00fcck blicken, den Wert von Heimat ganz anders definieren als wir und sich nicht als Teil der Gesellschaft sehen, braucht man ein breites Kreuz. Ein sehr breites. <\/p>\n<p>Blitzgescheite, reflektierte Menschen haben es mitunter sehr schwer. Dinge zu hinterfragen, dass das eigene Tun Folgen hat, jeder f\u00fcr sich verantwortlich ist oder Demokratie auszuhalten \u2013 das z\u00e4hlt nicht unseren Kernkompetenzen. Die Generation unserer Eltern tut sich damit sehr schwer. Wir, die Mitte der 1970er geborenen, \u00fcben uns darin. T\u00e4glich. <\/p>\n<p>Vielleicht ist das der Vorsprung, den man in den alten Bundesl\u00e4ndern uns gegen\u00fcber hat. Nach dem zweiten Weltkrieg zogen in den drei westlichen Besatzungszonen demokratische Verh\u00e4ltnisse ein. Die russischen Besatzer kannten nichts anderes als Diktatur. W\u00e4hrend man in der BRD vierzig Jahre Demokratie ausprobieren durfte, sie erlernen konnten, stolperten wir \u2013 gewollt \u2013 hinein. Ruhiggestellt von DM-Mark und Reisefreiheit hat sich keiner so richtig f\u00fcr die Demokratie interessiert. Abgelenkt von Massenarbeitslosigkeit k\u00fcmmerte man sich um sich. Nur um sich. <\/p>\n<p>Jetzt, wo wir nahezu Vollbesch\u00e4ftigung haben, ist das immer noch so. Viele sind sich selbst der N\u00e4chste. Gesellschaftliches Engagement findet im Fu\u00dfballverein, der Feuerwehr oder im Schulf\u00f6rderverein aber kaum in der Fl\u00fcchtlingshilfe statt. Hauptsache, uns geht es gut und wir k\u00f6nnen den Wohlstand halten. Globales Denken oder gar Verantwortung \u2013 Fehlanzeige. <\/p>\n<p>Dass etwas im gro\u00dfen Ganzen nicht stimmt, merken die Leute seit der Fl\u00fcchtlingskrise. Auseinandersetzen will man sich damit nicht. \u201eDas sollen die da oben regeln.\u201c Merken Sie, da ist er wieder der Ruf nach einer dritten Person. Wie sich aber die Ereignisse \u00fcberschlugen, die Kommunen mit der Unterbringung \u00fcberfordert waren, auf einmal Leute da waren, die eine geballte Ladung Testosteron mitbrachten bzw. manche deutsche Verhaltensregeln nicht kannten oder ignorierten, wuchs der Frust. \u201eWarum soll ich im Bus bezahlen und der Ausl\u00e4nder nicht?\u201c F\u00fcnf Euro f\u00fcr ein Ticket sind f\u00fcr mich kein Thema; f\u00fcr manch \u00e4ltere Dame mit Mindestrente schon. Das sei nur als Beispiel genannt. Aber das Aussitzen unserer S\u00e4chsischen Staatsregierung trug dazu wesentlich bei. Es entschuldigt nicht das Verhalten der Sachsen\/ S\u00e4chsinnen, die wieder mitlaufen und simple L\u00f6sungen f\u00fcr ein komplexes Problem haben wollen.<\/p>\n<p>Ich pers\u00f6nlich ziehe vor dem jetzigen Ministerpr\u00e4sidenten Kretschmer den Hut. Er soll binnen eines reichlichen Jahres die Kohlen aus dem Feuer holen, die Tillich, Milbradt und Konsorten verursacht haben. Er ist authentisch; logisch, dass ihm Fehler passieren. Die Beharrlichkeit des Dialogs ist anerkennenswert. Es muss aber sein. Ohne diesen Draht erfahren wir nichts voneinander. <\/p>\n<p>Was mich immer wieder den Kopf sch\u00fctteln l\u00e4sst, ist die Tatsache, dass drei\u00dfig Jahre f\u00fcr zur Ausbildung eines demokratischen Selbstverst\u00e4ndnisses nicht ausreichen. Eine letzte \u00dcberlegung dazu: Mit dem Abriss von Kirchen (siehe Paulinum Leipzig; St\u00e4dtebaupolitik Walther Ulbricht) fielen auch die christlichen Werte. Was den Leuten heilig ist, wissen sie oft selbst nicht. Trotzdem rennen sie den Verk\u00fcndern solcher Werte nach. Klingt an den Haaren herbeigezogen; sollte aber mitbedacht werden. <\/p>\n<p>Die W\u00fcrde des Menschen unantastbar. Das schmier\u2018 ich den Leuten aufs Brot \u2013 ob sie es h\u00f6ren wollen oder nicht. Denn \u00e4ndern l\u00e4sst sich die Misere nur, wenn wir miteinander und nicht \u00fcbereinander reden.<\/p>\n<p>Herzlichst!<\/p>\n<p>Beatrix <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ich verlinkte gestern den Zeit-Artikel \u00fcber Sigmund J\u00e4hn und erw\u00e4hnte, dass die DDR ein fremdes Land f\u00fcr mich war und vielleicht geblieben ist. Daraufhin bekam ich eine lange Mail, die ich mit Zustimmung der Verfasserin ver\u00f6ffentlichen darf. 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