{"id":32640,"date":"2019-08-24T10:06:47","date_gmt":"2019-08-24T09:06:47","guid":{"rendered":"http:\/\/ankegroener.de\/blog\/?p=32640"},"modified":"2019-08-25T05:00:48","modified_gmt":"2019-08-25T04:00:48","slug":"was-schon-war-donnerstag-freitag-22-23-august-2019-rumgucken-in-ramersdorf","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/ankegroener.de\/blog\/?p=32640","title":{"rendered":"Was sch\u00f6n war, Donnerstag\/Freitag, 22.\/23. August 2019 \u2013 Rumgucken in Ramersdorf"},"content":{"rendered":"<p>Donnerstag sa\u00df ich mal wieder im Stadtarchiv, wohin ich mir weitere Akten zur <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Mustersiedlung_Ramersdorf\">Mustersiedlung Ramersdorf<\/a> hatte ausheben lassen, weil ich immer noch nach einem anderen Beleg f\u00fcr Protzens Fresken als nur seine eigenen Fotos im Nachlass suche (denn wir wissen ja: zwei Quellen sind besser als eine). Der Aufsatz, den er f\u00fcr den <em>Baumeister<\/em> im Dezember 1934 geschrieben hatte, war mit einem Fresko von Albert Burkart illustriert gewesen (<a href=\"https:\/\/ankegroener.de\/blog\/?p=32552\">ich schrieb dar\u00fcber<\/a>), daher gehe ich davon aus, dass sein Fresko zu dieser Zeit vielleicht noch nicht fertig gewesen war. Andererseits sehen seine Bilder jetzt nicht so aus, als h\u00e4tte er im Novemberregen oder Dezemberschnee auf dem Ger\u00fcst gestanden.<\/p>\n<p>Aus den Best\u00e4nden des Archivs erhoffte ich mir Auftragsbest\u00e4tigungen oder wenigstens fotografische Belege, dass seine Fresken in Ramersdorf zu sehen waren. Also bl\u00e4tterte ich 500 Fotos durch, die vermutlich kurz vor oder nach der Er\u00f6ffnung der Siedlung gemacht wurden, also im Juni 1934. 500 Fotos \u2013 kein Fresko. Als gar keins, auch nicht das von Burkart, nur lauter wei\u00dfe W\u00e4nde. Hm. Da die Siedlungsh\u00e4user alle zum Verkauf standen, gehe ich jetzt davon aus, dass die Fresken Auftragsarbeiten von den neuen Besitzern waren. So irre, jetzt nachzugucken, wer die ersten H\u00e4user gekauft hat und ob jemand davon mir in Protzens Umfeld schon mal aufgefallen ist, bin ich aber auch (noch) nicht.<\/p>\n<p>Dann versank ich noch kurz in einem riesigen Konvolut, das ich mir auf Verdacht hatte ausheben lassen: Oberb\u00fcrgermeister Fiehler wollte 1934 eine Brosch\u00fcre \u201eM\u00fcnchen baut auf\u201c ver\u00f6ffentlichen und bat daher diverse \u00c4mter um Unterlagen, um zu belegen, wie erfolgreich die nationalsozialistische Politik gewesen war. <a href=\"https:\/\/www.zvab.com\/buch-suchen\/titel\/m%FCnchen-baut-auf\/\">Das Buch erschien 1937<\/a>, ich habe noch nicht reingeguckt, aber \u00fcber Ramersdorf d\u00fcrfte nur eventuell was zu finden sein; in den Akten, die ich hatte, wurde es kaum erw\u00e4hnt. Daf\u00fcr verlor ich mich kurz und sinnlos, aber gut unterhalten, in der Wasserbewirtschaftung der Jahre 1933 und 1934. Wenn es da ist, les ich&#8217;s durch. (If you build it, they will come.)<\/p>\n<p>Mein Mini-Sieg aus dieser Archivsitzung war also nur: Vermutlich sind die Fresken nach Juni 1934 und vor Dezember 1934 entstanden, aber das war&#8217;s dann auch mit meinen Erkenntnissen.<\/p>\n<p>&#8212;<\/p>\n<p>Gestern morgen musste ich zu meiner Haus\u00e4rztin, bummelte danach wieder zum Sendlinger Tor, hatte laut Mailcheck auf dem iPhone jobm\u00e4\u00dfig nichts zu tun und dachte daher spontan, f\u00e4hrste doch einfach mal nach Ramersdorf raus. Sechs Stationen mit der U2 und eine kurze Busfahrt sp\u00e4ter stand ich an der Kirche, die mir schon von diversen Fotos bekannt war und deren Lage ich im Bezug zur Siedlung auch kannte. Weil ich aber ich bin, rannte ich trotzdem erstmal in die falsche Himmelsrichtung, bis ich bei Google Maps nachschaute.<\/p>\n<p>Zehn Minuten sp\u00e4ter schlenderte ich durch Ramersdorf und guckte. Und guckte. Und guckte. Und wartete immer darauf, dass mich irgendjemand ansprechen w\u00fcrde, was mir denn einfiele, so offensiv \u00fcber Z\u00e4une und durch Hecken durchzugucken. Die B\u00e4ume sind seit 1934 aber auch echt gewachsen, Natur, du Feind der Kunstgeschichte! Einige H\u00e4user sahen sehr renoviert oder sogar nach Neubauten aus, obwohl das Ensemble insgesamt inzwischen unter Denkmalschutz steht, ich glaube, seit den 1970er Jahren schon. Aber vermutlich sind Protzens Fresken schon vorher \u00fcberstrichen oder abgeschlagen worden oder unter Efeu verschwunden oder ich habe sie schlicht nicht entdecken k\u00f6nnen, weil sie nicht von der Stra\u00dfenseite aus einsichtig sind. Im Nachlass sind keine Stra\u00dfennamen angegeben, bei denen ich direkt h\u00e4tte gucken k\u00f6nnen, also bummelte ich fast zwei Stunden durch die Siedlung. Irgendwann sprach mich wirklich jemand an, wen oder was ich denn suche, ich erkl\u00e4rte, der Herr wies mich auf zwei andere Fresken in seiner Stra\u00dfe hin, eins davon hatte ich auch schon fotografiert, man wei\u00df ja nie, vielleicht war da mal ein Protzen drunter (Adresse unkenntlich gemacht), aber zuhause, nach der nochmaligen Durchsicht der Bilder, glaube ich, dass die Lage des Bildes nicht zu einem der H\u00e4user passt, die mir bekannt sind.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/ankegroener.de\/blog\/..\/Bilder\/IMG_5512.jpg\" alt=\"\" width=\"500\" height=\"667\" class=\"alignnone size-full wp-image-32645\" \/><\/p>\n<p>Die Bilder, die ich ihm beschrieb, kannte der Herr auch nicht: \u201eEin Mann, eine Frau, ein dickes Kind, ein frisch gepflanztes Apfelb\u00e4umchen? Ein Heuwagen? Skifahrende Menschen? Ein Paar, das \u00c4pfel erntet? Nein? Hmpf.\u201c<\/p>\n<p>So bummelte ich sinnlos weiter, fand die Siedlung aber \u00fcberraschend angenehm als Wohnviertel \u2013 und grinste innerlich \u00fcber die vielen angebauten Garagen. Dar\u00fcber gab es auch Schriftwechsel im Stadtarchiv: Bei der Anlage der Siedlung war, soweit ich mich erinnere, nur eine Art Sammel-Carport vorgesehen, einfach weil noch nicht so viele Menschen ein Kraftfahrzeug besa\u00dfen. Das \u00e4nderte sich recht schnell, auch durch Entwicklungen wie den <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/KdF-Wagen\">KdF-Wagen<\/a>, so dass auch in Ramersdorf Menschen pl\u00f6tzlich Garagen wollten. Zun\u00e4chst wurden diese Bauanfragen alle negativ beschieden \u2013 \u201edas Ensemble! die armen Architekten!\u201c \u2013, aber irgendwann durfte dann doch ein bisschen gebaut werden. Es gibt immer noch H\u00e4user, die keine Garagen habe, zum Beispiel die Reihenh\u00e4user, aber die freistehenden Einfamilienh\u00e4user sind vielfach auch deshalb nicht mehr gut von der Stra\u00dfe aus einzusehen, weil, genau, eine bl\u00f6de Garage vor ihnen steht. Garage, du Feind der Kunstgeschichte!<\/p>\n<p>Ein einziges Haus fiel aus der gut gepflegten Ecke M\u00fcnchens raus, das sah so aus, als gammelte es seit zehn Jahren unbewohnt vor sich hin. Oder als ob jemand darin da seit zehn Jahren vor sich hingammelt OMG. Das wunderte mich schon, dass es noch vor sich hinrottende Immobilien gibt in einer Stadt, in der gef\u00fchlt jeder eine Wohnung sucht. Ich w\u00fcrde das nehmen! Eine Busstation und sechs mit der U2 bis zur Innenstadt \u2013\u00a0count me in!<\/p>\n<p>Kurz vor Schluss fand ich immerhin noch ein Fresko, das ich kannte, n\u00e4mlich genau das von Burkart, mit dem Protzens <em>Baumeister<\/em>-Artikel bebildert gewesen war, seufz. Das war die beste Perspektive, die ich finden konnte:<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/ankegroener.de\/blog\/..\/Bilder\/IMG_5513.jpg\" alt=\"\" width=\"500\" height=\"667\" class=\"alignnone size-full wp-image-32647\" \/><\/p>\n<p>Und so sah das 1934 aus (Screenshot aus dem <em>Baumeister<\/em> 12 (1934), Beilage, S. B 157):<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/ankegroener.de\/blog\/..\/Bilder\/Bildschirmfoto-2019-08-24-um-10.57.03.png\" alt=\"\" width=\"500\" height=\"399\" class=\"alignnone size-full wp-image-32646\" \/><\/p>\n<p>Nix gefunden also. Aber immerhin an der frischen Luft gewesen, wie meine Oma immer so sch\u00f6n sagte. Ein bisschen n\u00f6lig wieder nach Hause gefahren. Ich lege Ramersdorf jetzt vorerst zu den Akten. Und irgendwann werfe ich jedem Einwohner der Siedlung einen Brief in den Kasten: \u201eKENNEN SIE DIESES HAUS? HABEN SIE DIESES BILD SCHON MAL GESEHEN? RUFEN SIE MICH AN!\u201c<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Donnerstag sa\u00df ich mal wieder im Stadtarchiv, wohin ich mir weitere Akten zur Mustersiedlung Ramersdorf hatte ausheben lassen, weil ich immer noch nach einem anderen Beleg f\u00fcr Protzens Fresken als nur seine eigenen Fotos im Nachlass suche (denn wir wissen ja: zwei Quellen sind besser als eine). 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