{"id":33636,"date":"2020-01-26T09:44:34","date_gmt":"2020-01-26T08:44:34","guid":{"rendered":"http:\/\/ankegroener.de\/blog\/?p=33636"},"modified":"2020-01-26T09:44:34","modified_gmt":"2020-01-26T08:44:34","slug":"tagebuch-donnerstag-bis-samstag-23-bis-25-januar-2020-zu-viel-realitat","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/ankegroener.de\/blog\/?p=33636","title":{"rendered":"Tagebuch Donnerstag bis Samstag, 23. bis 25. Januar 2020 \u2013 Zu viel Realit\u00e4t"},"content":{"rendered":"<p>Meine Tage geben derzeit wenig f\u00fcrs Blog her \u2013 also eigentlich irre viel, aber das schreibe ich gerade lieber ins Diss-Dokument. In den letzten Tagen habe ich weiterhin die Best\u00e4nde vom Haus der Deutschen Kunst durchgesehen, vor allem die Einlieferungsb\u00fccher zur Gro\u00dfen Deutschen Kunstausstellung, die noch erhalten sind. Des Weiteren bl\u00e4tterte ich durch diverse Ordner mit Anmeldeb\u00f6gen der K\u00fcnstler und K\u00fcnstlerinnen zu dieser Ausstellung; leider sind auch diese nicht mehr vollst\u00e4ndig.<\/p>\n<p>In einem Band f\u00fcr die GDK 1944 fand ich Protzen wieder, genau wie seine Frau, von der ich endlich eine Handschriftenprobe habe, da war ich mir im Nachlass nie so ganz sicher. Diese Probe ruiniert jetzt zwar eine h\u00fcbsche Theorie von mir, l\u00e4sst aber genug Raum f\u00fcr eine andere. Auf den Anmeldeb\u00f6gen gaben die K\u00fcnstler*innen ihren Wohnort an sowie die Adresse, an die die Werke nach der Ausstellung zur\u00fcckgeschickt werden sollten. Das waren nicht immer dieselben. Es fanden sich Formulierungen wie \u201eDa ich in den n\u00e4chsten Tagen ins Feld gehe, bitte Bilder an meine Frau schicken.\u201c Oder die R\u00fccksendeadresse war eine im Deutschen Reich, der derzeitige Aufenthaltsort des K\u00fcnstlers war aber nur mit \u201eRu\u00dfland\u201c, ohne weitere Ortsangabe, angezeigt.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/ankegroener.de\/blog\/?p=33588\">Wie schon bei den Dokumenten zum CCP<\/a> war ich davon angefasster als ich erwartet hatte. Keine Ahnung, warum mich das alles auf den letzten Metern noch mitnimmt; dass die Deutschen Krieg gef\u00fchrt haben, ist mir ja nicht neu. Aber das wissenschaftliche, emotionslose, akribische W\u00fchlen in Dokumenten, um Detektivarbeit f\u00fcr Bilder zu leisten, hat dann doch mehr abgelenkt als ich dachte, ich habe es dar\u00fcber fast vergessen. Und jetzt kam es mir nochmal sehr deutlich vor Augen.<\/p>\n<p>&#8212;<\/p>\n<p>Neben dem Hauptstaatsarchiv sa\u00df ich noch in der Stabi und <a href=\"https:\/\/twitter.com\/ankegroener\/status\/1220629285838491648\">meckerte<\/a> mal wieder \u00fcber die Belanglosigkeit der Werke, die im Haus der Deutschen Kunst an den W\u00e4nden gehangen haben und dass ich jetzt keine Landschaften, Rehkitze oder Bauernstuben mehr sehen kann.<\/p>\n<p>&#8212;<\/p>\n<p>Au\u00dferdem war ich in der Historicumsbibliothek, um mich besser \u00fcber <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Franz_Xaver_Schwarz\">Franz Xaver Schwarz<\/a> zu informieren, die <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Deutsche_Arbeitsfront\">DAF<\/a> und die <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Nationalsozialistische_Volkswohlfahrt\">NSV<\/a> (alles K\u00e4ufer bzw. Aussteller von Protzen). Dort las ich auch in <a href=\"https:\/\/opacplus.bsb-muenchen.de\/title\/BV010432415\">einem Band zu den NS-Geb\u00e4uden am M\u00fcnchner K\u00f6nigsplatz<\/a>. In einem Aufsatz \u00fcber das Verwaltungsgeb\u00e4ude, in dem der CCP eingerichtet wurde, stand dieser bemerkenswerte Satz zur systemkonformen Kunst des NS: \u201eIt is the feeling among art historians here that this material should not be exhibited or seen, but furter that it should not be destroyed as that act of vandalism would deprive future generations of making a full and just estimate of the Nazi character, spirit and times.\u201c Er stammt von <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Herbert_Stewart_Leonard\">Herbert S. Leonard<\/a>, Leiter des CCP M\u00fcnchen, 17.9.1947 in einem Schreiben an das Office of the Military Government for Germany. <\/p>\n<p>Er sagt meiner Meinung nach sehr viel in sehr wenigen Worten, unter anderem, dass diese Werke Zeitzeugen sind, historische Dokumente, die \u00fcber den Charakter und die Geisteshaltung der Nationalsozialisten berichten k\u00f6nnen und zus\u00e4tzlich einen Eindruck der Zeit vermitteln, in der sie entstanden und ausgestellt wurden. Diese Ansicht wurde in den Jahrzehnten danach durchaus kontrovers diskutiert: Sollte man das Zeug nicht doch vernichten? M\u00fcssen wir das nicht sogar? <\/p>\n<p>Mein Fach ist sich bis heute nicht einig. Die Pinakothek der Moderne hat anscheinend ihren Saal 13, hier <a href=\"https:\/\/ankegroener.de\/blog\/?p=26177\">mein Blogeintrag von 2017<\/a> dazu, zum dritten Mal umgeh\u00e4ngt. Den muss ich mir dringend nochmal anschauen, denn der kommt auch in der Diss vor. Der BR <a href=\"https:\/\/twitter.com\/Pinakotheken\/status\/1220722422091079680\">berichtete kurz<\/a>, und mein Doktorvater darf, in der Bibliothek des ZI stehend, mal wieder die <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/NS-Frauen-Warte\">NS-Frauen-Warte<\/a> erw\u00e4hnen, das macht er neuerdings dauernd. (Neues Buch?) Im Filmchen k\u00f6nnt ihr neben Zieglers ollen <em>Vier Elementen<\/em> zwei Protzens sehen. Mehr scheint dort nicht mehr als systemkonforme Kunst zu h\u00e4ngen. Ich muss wirklich mit der Diss fertig werden.<\/p>\n<p>&#8212;<\/p>\n<p>Gestern abend machte ich mich um 23 Uhr zum Schlafengehen im Bad fertig und h\u00f6rte dabei wie immer Radio, zuf\u00e4llig war es der Deutschlandfunk. W\u00e4hrend der Nachrichten putzte ich die Z\u00e4hne und h\u00f6rte nichts, danach war ich mitten in einer Reportage \u00fcber die Gedenkst\u00e4tte Auschwitz. Ich sa\u00df noch zwanzig Minuten in Schlafklamotten auf dem Badewannenrand und h\u00f6rte zu, bis mir eine musikalische Einlage die Gelegenheit gab, mein Handy zu holen, dort den Livestream zu suchen und mit ihm ins bequemere Bett zu gehen. <\/p>\n<p>Die ARD-Kulturkorrespondentin <a href=\"https:\/\/twitter.com\/ossowski_maria\">Maria Ossowski<\/a> lie\u00df sich unter anderem von einer Konservatorin der Gedenkst\u00e4tte \u00fcber die Habseligkeiten der Toten erz\u00e4hlen, \u00fcber die M\u00fche, die es kostet, ein Bauwerk zu erhalten, das nie f\u00fcr die Ewigkeit gedacht war. Es ging um das <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Kanada_(KZ_Auschwitz)\">Effektenlager \u201eKanada\u201c<\/a>, in dem H\u00e4ftlinge die tausendenfachen Schuhe, M\u00e4ntel, Koffer sortieren mussten und die sich heute noch im Lager befinden.<\/p>\n<p>Danach berichtete jemand, der f\u00fcr die Kunstwerke aus Auschwitz zust\u00e4ndig war, was mein Gehirn gerade so gar nicht mit dem Diss-Thema zusammenbringen wollte. Es ging auch um eine K\u00fcnstlerin, die f\u00fcr Mengele Aquarelle anfertigte von den Menschen, an denen er seine Experimente durchf\u00fchrte; sie waren f\u00fcr ihn besser geeignet als Fotografien, weil sie die Farben der Geschw\u00fcre und Nekrosen besser wiedergeben konnten. Sp\u00e4testens hier wollte ich mal wieder mit Dingen werfen und alles anz\u00fcnden, denn genau dieses Argument fehlte mir ein bisschen f\u00fcr die Diss: Wieso wurden die bl\u00f6den Autobahnbaustellen gemalt anstatt sie zu fotografieren? Genau wegen der h\u00fcbschen Farbigkeit, die damals mit fotografischen Verfahren noch nicht perfekt wiedergegeben werden konnte.<\/p>\n<p>Die Sendung h\u00f6rte f\u00fcr mich etwas unbefriedigend mit dem Satz \u201eKunst gegen den Tod\u201c auf \u2013 und dann kam wie immer zum Programmschluss um Mitternacht die deutsche Nationalhymne, die mir selten so gegen den Strich ging wie nach dem eben Geh\u00f6rten. Ich h\u00f6rte die danach gespielte Europahymne auch noch an, das war wichtig, Beethoven hilft.<\/p>\n<p>Ich stellte eben erst beim Linksuchen fest, dass die Sendung \u201e<a href=\"https:\/\/www.deutschlandfunkkultur.de\/eine-lange-nacht-ueber-die-habseligkeiten-von-auschwitz.1024.de.html?dram:article_id=468531\">Zeugen sterben, Dinge erinnern<\/a>\u201c noch gar nicht zu Ende gewesen war, sie ging noch zwei Stunden weiter. Damit habe ich heute noch etwas zu tun. Macht am Sonntag vermutlich nicht so richtig Spa\u00df, aber zumindest die erste Stunde kann ich euch sehr zum Nachh\u00f6ren ans Herz legen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Meine Tage geben derzeit wenig f\u00fcrs Blog her \u2013 also eigentlich irre viel, aber das schreibe ich gerade lieber ins Diss-Dokument. In den letzten Tagen habe ich weiterhin die Best\u00e4nde vom Haus der Deutschen Kunst durchgesehen, vor allem die Einlieferungsb\u00fccher zur Gro\u00dfen Deutschen Kunstausstellung, die noch erhalten sind. Des Weiteren bl\u00e4tterte ich durch diverse Ordner [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":10,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[],"class_list":["post-33636","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-weblog"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/ankegroener.de\/blog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/33636","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/ankegroener.de\/blog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/ankegroener.de\/blog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/ankegroener.de\/blog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/10"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/ankegroener.de\/blog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=33636"}],"version-history":[{"count":4,"href":"https:\/\/ankegroener.de\/blog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/33636\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":33640,"href":"https:\/\/ankegroener.de\/blog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/33636\/revisions\/33640"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/ankegroener.de\/blog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=33636"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/ankegroener.de\/blog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=33636"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/ankegroener.de\/blog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=33636"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}