{"id":34916,"date":"2020-08-04T09:03:02","date_gmt":"2020-08-04T08:03:02","guid":{"rendered":"http:\/\/ankegroener.de\/blog\/?p=34916"},"modified":"2020-08-04T09:03:02","modified_gmt":"2020-08-04T08:03:02","slug":"tagebuch-sonntag-montag-2-3-august-2020-vom-vomieren-wir-mussen-hier-halt-auch-mal-uber-andere-dinge-sprechen-als-nazikunst","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/ankegroener.de\/blog\/?p=34916","title":{"rendered":"Tagebuch Sonntag\/Montag, 2.\/3. August 2020 \u2013 Vom Vomieren (wir m\u00fcssen hier halt auch mal \u00fcber andere Dinge sprechen als Nazikunst)"},"content":{"rendered":"<p>Die Nacht von Freitag auf Samstag zehrt doch mehr an mir als ich dachte. Wie ich gestern bei einigen Telefonaten merkte, ist meine Stimme fast weg, und ich habe ernsthaft Muskelkater an beiden Seiten. Wir bleiben einfach beim TMI vom letzten Blogeintrag, denn ich habe dar\u00fcber nachgedacht, wie oft ich mich wohl schon in meinem Leben \u00fcbergeben habe. <\/p>\n<p>An meine Kindheit kann ich mich nicht erinnern, an den ersten \u00fcberm\u00e4\u00dfigen Alkoholgenuss allerdings schon. Also nicht an den Genuss selbst, aber an die Folgen im Bad. Da war ich 16 oder 17, sch\u00e4tze ich. Das reichte, um mir klarzumachen, dass ich das nicht nochmal haben wollte. Es dauerte auch gute zehn Jahre, bis ich diesen Vorsatz verga\u00df, denn Mitte 20 kam ich auf die Idee, doch mal dieses Haschisch, von dem alle reden, auszuprobieren. Das endete auch im Bad und seitdem kann mir diese Droge gestohlen bleiben. Ich mochte am Kiffen \u00fcberhaupt nicht, dass ich von einer Sekunde auf die andere in einem neuen Bewusstseinszustand war, anstatt mich wie beim Alkoholgenuss langsam dahinzutrinken. Und wo ich beim Weinchen irgendwann sagen kann, in diesem Ma\u00dfe anget\u00fctert reicht, ab jetzt literweise Wasser und ein Taxi, dankesch\u00f6n, konnte ich den Zustand des Bekifftseins nur aushalten und hoffen, dass er vorbeigeht. Diese Erfahrung fand in meiner damaligen Wohnung in Hannover statt; ich bin mir gerade nicht sicher, ob ich noch bei einer Freundin in derselben Stadt \u00fcber der Klosch\u00fcssel gehangen habe, ich kann mich an viele Erdbeeren und Rumknutschen erinnern und das Gef\u00fchl, sehr sicher zu wissen, heterosexuell zu sein, aber an sonst nicht mehr viel.<\/p>\n<p>In Hamburg wohnte ich in drei unterschiedlichen Wohnungen und ich kann mich nur an ein einziges Gef\u00fchl von Fu\u00dfboden und knien und rumw\u00fcrgen erinnern, n\u00e4mlich in der letzten, gemeinsamen Wohnung mit Kai. Das war ein \u00e4u\u00dferst netter Abend in der Lieblingsweinbar mit einem eher unsch\u00f6nen Ende, aber das war&#8217;s wert. <\/p>\n<p>In meiner ersten M\u00fcnchner Wohnung ging es mir wie es mir Freitagnacht ging: Bauchschmerzen, Hilflosigkeit, kopf\u00fcber ins Bad, kein sch\u00f6ner Abend vorweg, vermutlich \u00fcberm\u00e4\u00dfiges Frustfuttern. Was das dieser Tage war, wei\u00df ich nicht, jedenfalls kein Frustfuttern oder Drogengenuss, aber ich wei\u00df, dass der Vorgang des Sich-\u00fcbergebens noch nie so lange gedauert hat. Das kam in vier Wellen \u00fcber Stunden, bis endlich nichts mehr im Magen war, w\u00e4hrend ich bei den vorherigen Malen mit ziemlicher Sicherheit sagen kann, dass der Vorgang in einem Rutsch (\u00e4hem) erledigt war. Deswegen war vermutlich auch nie die Stimme weg und meine Seiten f\u00fchlten sich an, als h\u00e4tte ich zuviel Sport gemacht. Oder wie auch immer sich das anf\u00fchlt, das habe ich noch nie hingekriegt, glaube ich.<\/p>\n<p>Ich trinke weiterhin die guten <a href=\"https:\/\/www.instagram.com\/p\/CDbcLXkKSl1\/\">Dalheimer Klostersch\u00e4tze<\/a>, habe mir gestern sogar eine halbe Portion Nudeln mit Erbsenp\u00fcree zugetraut (blieb drin) und warte nun, bis ich wieder glockenhell vor mich hinplaudern kann, nichts mehr wehtut und die Grundmattigkeit nachl\u00e4sst. Atemwege sind frei, Geschmackssinn ist da, kein Fieber, danke f\u00fcr die Aufmerksamkeit.<\/p>\n<p>&#8212;<\/p>\n<p>Ich wies bereits auf die <a href=\"https:\/\/www.arte.tv\/de\/videos\/RC-015536\/amsterdam-london-new-york\/\">arte-Doku zu Amsterdam, London und New York<\/a> hin, inzwischen habe ich alle vier Folgen gesehen. Es kam immerhin eine einzige Historikerin vor, ansonsten durfte ich mir von M\u00e4nnern die Weltgeschichte erkl\u00e4ren lassen. Auch in den atmosph\u00e4rischen Aufnahmen von heute aus den St\u00e4dten sah man eher selten Frauen; die Banker, die sich motiviert die H\u00e4nde sch\u00fcttelten oder dramatisch in gl\u00e4sernen Aufz\u00fcgen auf und ab fuhren, waren fast alle m\u00e4nnlich, zweimal sah ich eine vermutlich weibliche Person auf hohen Abs\u00e4tzen durchs Bild huschen. Ich unterstelle den Machern inzwischen ernsthaft Absicht und bin darob verstimmt.<\/p>\n<p>Aber immerhin lernte ich durch die Doku das irrwitzige <a href=\"https:\/\/en.wikipedia.org\/wiki\/Woolworth_Building\">Woolworth-Building<\/a> kennen, das im Film korrekt als \u201eKathedrale des Kommerzes\u201c bezeichnet wurde. Der wohlhabende Herr Woolworth lie\u00df sich seinen Wolkenkratzer im Stil der Gotik bauen, komplett mit Figuren, die ihn zeigen oder den Architekten, der sein eigenes Geb\u00e4ude im Arm h\u00e4lt; das Motiv findet sich auch gerne auf mittelalterlichen Gem\u00e4lden, wo Stifter das Kirchlein halten, f\u00fcr das sie gespendet haben. Ich war fasziniert und irritiert von dieser Geschmacklosigkeit, aber falls ich jemals nach New York komme, will ich das Ding dringend anschauen.<\/p>\n<p>Ich lernte auch, warum die Wolkenkratzer in New York so seltsam in die H\u00f6he gestaffelt sind: weil die Nachbargeb\u00e4ude sonst \u00fcberhaupt kein Licht mehr h\u00e4tten, wenn alle komplett ihre Grundfl\u00e4che ausnutzten und in diesen Ma\u00dfen nach oben w\u00fcchsen. Die Regel war: Das Geb\u00e4ude durfte so hoch sein wie die es umgebende Stra\u00dfe breit. Ab da durfte nur noch ein Viertel der Grundfl\u00e4che gnadenlos nach oben gehen, der Rest wurde gestaffelt.<\/p>\n<p>Und letzter Smalltalkbrocken: das Penthouse von <a href=\"https:\/\/en.wikipedia.org\/wiki\/Marjorie_Merriweather_Post\">Marjorie Merriweather Post<\/a>. Um \u00fcberhaupt Wolkenkratzer bauen zu k\u00f6nnen, mussten die Bauherren meist mehrere der kleinen, l\u00e4nglichen Grundst\u00fccke in Manhattans Rastermuster aufkaufen. Diese waren Anfang des 20. Jahrhunderts gr\u00f6\u00dftenteils bereits bebaut. Frau Post verkaufte ihr Haus mit der Auflage, im neuen Wolkenkratzer ein Penthouse zu bekommen, das bis heute vermutlich die gr\u00f6\u00dfte Wohnung war, die es je gab: 3000 Quadratmeter \u00fcber drei Stockwerke mit 54 Zimmern. <a href=\"https:\/\/www.6sqft.com\/new-yorks-first-ever-penthouse-a-54-room-upper-east-side-mansion-built-for-a-cereal-heiress\/\">Hier<\/a> steht etwas mehr dar\u00fcber.<\/p>\n<p>&#8212;<\/p>\n<p>Wo wir gerade beim Thema sind:<\/p>\n<blockquote class=\"twitter-tweet\">\n<p lang=\"en\" dir=\"ltr\">246 E. 4th St. at Avenue B is looking especially colorful this evening. <a href=\"https:\/\/t.co\/Q71Ryqqu2W\">pic.twitter.com\/Q71Ryqqu2W<\/a><\/p>\n<p>&mdash; evgrieve (@evgrieve) <a href=\"https:\/\/twitter.com\/evgrieve\/status\/1290067774140628993?ref_src=twsrc%5Etfw\">August 2, 2020<\/a><\/p><\/blockquote>\n<p> <script async src=\"https:\/\/platform.twitter.com\/widgets.js\" charset=\"utf-8\"><\/script><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.villagevoice.com\/2016\/09\/21\/the-story-behind-the-most-colorful-apartment-building-in-nyc\/\">The Story Behind the Most Colorful Apartment Building in NYC<\/a>. (Via @<a href=\"https:\/\/twitter.com\/hellojed\">hellojed<\/a>)<\/p>\n<p>&#8212;<\/p>\n<p><strong><a href=\"https:\/\/www.faz.net\/aktuell\/wissen\/leben-gene\/forschung-mit-kunstwerken-meinte-der-roemer-wirklich-die-pastinake-16869594.html?printPagedArticle=true#pageIndex_2\">Meinte der R\u00f6mer wirklich die Pastinake?<\/a><\/strong><\/p>\n<p>Ein Pflanzengenetiker und ein Kunsthistoriker gucken auf alte Gem\u00e4lde. Traumjob. (Via @<a href=\"https:\/\/twitter.com\/ineshaeufler\">ineshaeufler<\/a>)<\/p>\n<blockquote><p>\u201eAlle heutigen Nahrungspflanzen sind irgendwann aus unscheinbaren Wildformen hergegangen, die unsere Vorfahren durch Z\u00fcchtung an ihre Bed\u00fcrfnisse angepasst haben. De Smet und Vergauwen treibt die Frage um, wie diese Entwicklung von ihren bescheidenen Anf\u00e4ngen in der Jungsteinzeit bis heute verlaufen ist. Arch\u00e4ologische Funde von Samen und Pflanzenresten erlauben zwar, das Erbgut fr\u00fcherer Sorten zu bestimmen, aber die genetische Sequenz sagt zun\u00e4chst nichts dar\u00fcber aus, wie die Feldfr\u00fcchte aussahen. Wie gro\u00df oder klein waren sie? Wie intensiv war ihre F\u00e4rbung, und besa\u00dfen sie noch Besonderheiten, die heutigen Sorten fehlen? Diese Fragen k\u00f6nnen letztlich nur anhand von zeitgen\u00f6ssischen Darstellungen beantwortet werden.<\/p>\n<p>Die beiden Freunde sehen daher in den unz\u00e4hligen Abbildungen von Feldfr\u00fcchten auf Gem\u00e4lden, Zeichnungen und Wandmalereien einen ungeheuren Fundus, den die Pflanzenforschung noch nicht angemessen ausgewertet hat. Sie wollen mit dem Bildmaterial kl\u00e4ren, ab wann gewisse Feldfr\u00fcchte verwendet wurden, wie sie damals ausgesehen haben, wie beliebt sie zu den jeweiligen Zeiten waren und ob sich aus den Darstellungen auch etwas \u00fcber die Handelsrouten oder die m\u00f6glichen Urspr\u00fcnge herauslesen l\u00e4sst.\u201c<\/p><\/blockquote>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Nacht von Freitag auf Samstag zehrt doch mehr an mir als ich dachte. Wie ich gestern bei einigen Telefonaten merkte, ist meine Stimme fast weg, und ich habe ernsthaft Muskelkater an beiden Seiten. 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