{"id":35581,"date":"2020-12-12T13:26:52","date_gmt":"2020-12-12T12:26:52","guid":{"rendered":"http:\/\/ankegroener.de\/blog\/?p=35581"},"modified":"2020-12-13T12:35:36","modified_gmt":"2020-12-13T11:35:36","slug":"tagebuch-donnerstag-freitag-10-11-dezember-2020-lesetage","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/ankegroener.de\/blog\/?p=35581","title":{"rendered":"Tagebuch Donnerstag\/Freitag, 10.\/11. Dezember 2020 \u2013 Lesetage"},"content":{"rendered":"<p>Ich erw\u00e4hne mal wieder <em><a target=\"_blank\" href=\"https:\/\/www.amazon.de\/gp\/product\/3549100086\/ref=as_li_tl?ie=UTF8&#038;camp=1638&#038;creative=6742&#038;creativeASIN=3549100086&#038;linkCode=as2&#038;tag=httpwwwankegr-21&#038;linkId=d5685be92a45f1e49409c856fa2d8f40\">Das Buch Alice<\/a><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"\/\/ir-de.amazon-adsystem.com\/e\/ir?t=httpwwwankegr-21&#038;l=am2&#038;o=3&#038;a=3549100086\" width=\"1\" height=\"1\" border=\"0\" alt=\"\" style=\"border:none !important; margin:0px !important;\" \/><\/em>, das ich jetzt fast durchgelesen habe. Es irritiert mich immer noch, weil es st\u00e4ndig hin- und herschwankt zwischen wissenschaftlicher Aufarbeitung und popul\u00e4rwissenschaftlicher Schreibe, ich habe immer noch kein System f\u00fcr die Endnoten erkannt (wann wird eine Quelle angegeben, wann nicht), aber inzwischen kann ich damit leben, denn ein Kapitel hat mir gereicht, um das Buch jetzt doch gro\u00dffl\u00e4chig zu empfehlen. Das Kapitel \u201eB\u00fccherdiebe\u201c beginnt auf Seite 150 und hier geht es endlich um den Punkt, den das Buch machen m\u00f6chte bzw. der im Untertitel steht: \u201eWie die Nazis das Kochbuch meiner Gro\u00dfmutter raubten.\u201c<\/p>\n<p>Ich zitiere im Folgenden sehr ausf\u00fchrlich, weil ich das korrekt wiedergeben m\u00f6chte.<\/p>\n<blockquote><p>\u201eSeit 1901 beliefen sich in Deutschland die Fristen f\u00fcr den Urheberschutz auf 30 Jahre. Ein Jahr nach der Macht\u00fcbernahme lie\u00df Hitler diese Fristen auf 50 Jahre erh\u00f6hen. Das neue Urheberrechtsgesetz, das noch bis 1966 galt, machte zwischen \u201aarischen\u2018 und \u201anichtarischen\u2018 Autoren keinen Unterschied. Theoretisch h\u00e4tte der Schutz des Urheberrechts also auch einer j\u00fcdischen Sachbuchautorin wie Alice zugutekommen k\u00f6nnen. Ihr Buch wurde 1935, ein Jahr nach Inkrafttreten des Gesetzes, in M\u00fcnchen vom Ernst Reinhardt Verlag publiziert. Trotzdem w\u00fcrde sie nach der Vorstellung der Nationalsozialisten nie von dem Gesetz profitieren, denn f\u00fcr diese waren Autoren \u201aTreuh\u00e4nder des Werks f\u00fcr die Volksgemeinschaft\u2018. Da Juden aus rassischen Gr\u00fcnden nicht Teil der \u201aVolksgemeinschaft\u2018 sein durften, konnten ihre Werke keinen Wert haben und keinen rechtlichen Schutz genie\u00dfen.\u201c (S. 151)<\/p><\/blockquote>\n<p>Ich meine, \u201eMacht\u00fcbergabe\u201c statt \u201eMacht\u00fcbernahme\u201c ist derzeit der gebr\u00e4uchlichste Begriff, aber das nur nebenbei. In diesem Absatz begann bei mir die gro\u00dfe Aufmerksamkeit, weil ich mich wieder an die vielen irrsinnigen Gesetze erinnerte, die ich im Studium kennengelernt hatte. Zum Beispiel die Legalisierung der Auspl\u00fcnderung der j\u00fcdischen Menschen, falls diese in die Konzentrationslager im Osten deportiert wurden: Auschwitz galt zwar als erobert, aber nicht als reichsdeutsch, weswegen die Juden deutschen Boden verlassen hatten, weswegen ihr Hab und Gut im \u201eAltreich\u201c nun eben diesem zufiel. (<a href=\"http:\/\/www.verfassungen.de\/de33-45\/reichsbuerger35-v11.htm\">Elfte Verordnung zum Reichsb\u00fcrgergesetz<\/a>, 25.11.1941)<\/p>\n<p>Die Auspl\u00fcnderung betraf nicht nur materiellen, sondern auch geistigen Besitz wie eben Urheberrechte.<\/p>\n<blockquote><p>\u201eBis heute ist die \u201aArisierung\u2018 [Anf\u00fchrungszeichen von mir] von B\u00fcchern nicht untersucht worden. Es gibt nicht einmal eine einheitliche Bezeichnung f\u00fcr den Vorgang. Der Begriff \u201aarisierte B\u00fccher\u2018 wird bisher f\u00fcr ein anderes Verbrechen der Nationalsozialisten benutzt \u2013 man beschreibt damit die Pl\u00fcnderung j\u00fcdischer Bibliotheken. [1] Mit dem \u2013 sehr viel schwerer wiegenden \u2013 geistigen Diebstahl von Leistungen j\u00fcdischer Autoren und Herausgeber hat sich niemand besch\u00e4ftigt. Es existiert noch keine Statistik \u00fcber die ungef\u00e4hre Zahl der Betroffenen. Das Thema kommt in der Forschung einfach nicht vor.\u201c (S. 151\/152)<\/p><\/blockquote>\n<p>Auf den folgenden Seiten bespricht die Autorin die unterschiedlichen M\u00f6glichkeiten der Verlage, sich dem NS-System anzudienen, irgendwie um es herumzulavieren oder sich oppositionell zu positionieren, was eher selten vorkam. Genau diese M\u00f6glichkeiten sind mir auch in der Aufarbeitung von Teilbereichen des Betriebssystems Kunst im NS schon aufgefallen: Die <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Reichskulturkammer\">Reichskulturkammer<\/a> hatte zwar auf dem Papier gro\u00dfe Macht, aber auch hier stritten sich verschiedene Unterorganisationen um Zust\u00e4ndigkeiten, weswegen es durchaus m\u00f6glich war, durch die Maschen des Systems zu schl\u00fcpfen. Bei meiner Bearbeitung des K\u00fcnstlers Leo von Welden stellte ich die These auf, dass dessen RKK-Mitgliedsnummer, die sich auf Bildr\u00fcckseiten und Anmeldeformularen f\u00fcr Ausstellungen fand, schlicht ausgedacht war, weil er als Nicht-Deutscher bzw. Staatenloser gar nicht Mitglied dieser Kammer werden konnte. Im Zuge meiner Dissertation stie\u00df ich im Hauptstaatsarchiv M\u00fcnchen in den Unterlagen zur Gro\u00dfen Deutschen Kunstausstellung 1944 auf diverse Anmeldeformulare, auf denen keine Mitgliedschaft angegeben wurde sowie Bitten um Ausnahmeregelungen, deren Gew\u00e4hrung teilweise als Telegramm oder Brief erhalten sind (auf der GDK durften nur Kammermitglieder ausstellen). Es gab also anscheinend K\u00fcnstler und K\u00fcnstlerinnen, die es bis 1944 nicht f\u00fcr n\u00f6tig gehalten hatten, in die RKK einzutreten.<\/p>\n<p>Urbach zitiert diverse Studien und Monografien, die ich alle auf meine \u201eLese ich irgendwann\u201c-Liste gepackt habe, zum Beispiel <em><a href=\"https:\/\/www.hsozkult.de\/publicationreview\/id\/reb-19875\">Verlage im Dritten Reich<\/a><\/em> von Klaus G. Saur (Hrsg., Frankfurt am Main 2013) oder <em><a href=\"https:\/\/www.hsozkult.de\/publicationreview\/id\/reb-24451\">Walter de Gruyter. Ein Wissenschaftsverlag im Nationalsozialismus<\/a><\/em> von Angelika K\u00f6nigseder, T\u00fcbingen 2016. Schon etwas \u00e4lter, aber vermutlich ebenso wichtig: Heinz Sarkowskis <em><a href=\"https:\/\/www.springer.com\/de\/book\/9783540552215\">Der Springer-Verlag: Stationen seiner Geschichte<\/a> Teil 1: 1842\u20131945<\/em>, Berlin 1992. (<a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Julius_Springer\">Julius Springer<\/a>, nicht Axel.) Oder auch Volker Dahm, <em><a href=\"http:\/\/bvbr.bib-bvb.de:8991\/exlibris\/aleph\/a22_1\/apache_media\/MSJRIYI2X35RTFI3DD4H2VAJ91QHFN.pdf\">Das j\u00fcdische Buch im Dritten Reich<\/a><\/em>, M\u00fcnchen 1993. <\/p>\n<p>Urbach gibt anschlie\u00dfend ihre erfolglose Bitte um Einblick in die Verlagunterlagen wider, das Buch ihrer Gro\u00dfmutter betreffend, das 1938 einen neuen Verfassernamen bekam und teilweise umgeschrieben wurde. Der Verlag behauptete, keine Akten mehr \u00fcber diesen Vorgang und vor allem aus dieser Zeit zu besitzen. Urbach: \u201eUm das einordnen zu k\u00f6nnen, muss man wissen, dass der Ernst Reinhardt Verlag 1974 und 1999 zwei Festschriften ver\u00f6ffentlichte, die auf Archivmaterial aus der Vorkriegs- und Kriegszeit beruhten.\u201c (S. 154)<\/p>\n<p>Im Folgenden beschreibt Urbach, wie andere Verlage mit Anfragen umgingen und skizziert weitere \u201eArisierungen\u201c von j\u00fcdischem geistigen Besitz nach. Dieses Kapitel vers\u00f6hnt mich sehr mit dem Rest des Buchs, das f\u00fcr meinen Geschmack zu oft und zu weit vom eigentlichen Kern wegf\u00fchrt. Ich mochte die nachvollziehbare Aufarbeitung des Vorgangs und seine historische und politische Einordnung sehr, denn es hat mein Wissen \u00fcber die Kulturpolitik des NS sehr erweitert. Alleine dass es zu diesem Thema noch \u00fcberhaupt keinen Forschungsstand gibt, war f\u00fcr mich sehr aufschlussreich.<\/p>\n<p>[1] Jahn, Thomas: \u201e<a href=\"https:\/\/archiv.ub.uni-heidelberg.de\/artdok\/398\/\">Suche nach \u201aarisierten\u2018 B\u00fcchern in den Best\u00e4nden der Bayerischen Staatsbibliothek. Forschungsstand \u2013 Methode \u2013 Ergebnisse<\/a>\u201c, in: AKMB-news 11 (2005), Nr. 2, S. 7\u201312.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ich erw\u00e4hne mal wieder Das Buch Alice, das ich jetzt fast durchgelesen habe. Es irritiert mich immer noch, weil es st\u00e4ndig hin- und herschwankt zwischen wissenschaftlicher Aufarbeitung und popul\u00e4rwissenschaftlicher Schreibe, ich habe immer noch kein System f\u00fcr die Endnoten erkannt (wann wird eine Quelle angegeben, wann nicht), aber inzwischen kann ich damit leben, denn ein [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":10,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[],"class_list":["post-35581","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-weblog"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/ankegroener.de\/blog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/35581","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/ankegroener.de\/blog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/ankegroener.de\/blog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/ankegroener.de\/blog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/10"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/ankegroener.de\/blog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=35581"}],"version-history":[{"count":5,"href":"https:\/\/ankegroener.de\/blog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/35581\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":35586,"href":"https:\/\/ankegroener.de\/blog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/35581\/revisions\/35586"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/ankegroener.de\/blog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=35581"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/ankegroener.de\/blog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=35581"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/ankegroener.de\/blog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=35581"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}