{"id":36007,"date":"2021-01-26T09:09:47","date_gmt":"2021-01-26T08:09:47","guid":{"rendered":"http:\/\/ankegroener.de\/blog\/?p=36007"},"modified":"2021-01-26T09:12:19","modified_gmt":"2021-01-26T08:12:19","slug":"tagebuch-montag-25-januar-2021-taterbiografien","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/ankegroener.de\/blog\/?p=36007","title":{"rendered":"Tagebuch Montag, 25. Januar 2021 \u2013 T\u00e4terbiografien"},"content":{"rendered":"<p>Autobahnkapitel. Mittags eventuell den Franzbr\u00f6tchen in zu hohem Ma\u00dfe zugesprochen. Autobahnkapitel. Festgestellt, wie entsetzlich wenig Literatur ich zur Kunst der 1920er-Jahre besitze, denn: Es steht ja alles in den Bibliotheken, das brauche ich nicht selbst im Regal, haha. Ein bisschen Geld \u00fcber Booklooker losgeworden, da gehen im Moment eure PayPal-Spenden hin, ich hoffe, das ist in eurem Sinne. Was in meinem Sinne w\u00e4re, w\u00e4re #ZeroCovid oder auch #NoCovid, ich sehe keinen Unterschied in den beiden Ideen, aber ich h\u00e4tte gerne wieder ge\u00f6ffnete Bibliotheken.<\/p>\n<p>&#8212;<\/p>\n<p>Neue Folge <em>The Rookie<\/em> geguckt (ich mag&#8217;s), eine alte Folge <em>The Resident<\/em> (danke an die Kaltmamsell f\u00fcr den Hinweis), ein neues Buch angefangen. Keine Lust auf Sport gehabt. Stattdessen aus <a href=\"https:\/\/cooking.nytimes.com\/recipes\/9558-takeout-style-sesame-noodles\">diesem Rezept der NYT<\/a> eine Art Sesamsauce gezaubert, Mie-Nudeln mit Gem\u00fcse zubereitet, schmeckte wie erhofft wie vom Bringdienst. Ich hatte nicht alle Zutaten f\u00fcr die Sauce im Haus, aber wir merken uns mal: Sojasauce, Reisessig, dunkles Sesam\u00f6l, Erdnussbutter, Zucker, Ingwer, Knoblauch und Siracha reichen eigentlich.<\/p>\n<p>&#8212;<\/p>\n<p>Ich hatte recht lange mit der \u00dcberarbeitung der Diss gehadert, weil es doch noch deutlich mehr Arbeit bedeutet als ich bei der Abgabe dachte. Wie bereits erw\u00e4hnt: Ich k\u00f6nnte das Ding jetzt unkorrigiert als PDF auf den Uniserver laden und mir die Promotionsurkunde abholen. Ich k\u00f6nnte den Text aber auch nochmal so umarbeiten, dass andere Menschen au\u00dfer mir und der Pr\u00fcfungskommission was davon haben. Daf\u00fcr hatte ich mich entschieden, aber das zog sich trotzdem alles, vielleicht auch, weil ich nicht ins ZI konnte, um dort in den Regalen zu w\u00fchlen. Gestern war zum ersten Mal der Moment da, in dem sich das nicht mehr wie eine dusselig selbstgew\u00e4hlte Pflichtaufgabe anf\u00fchlte, sondern wo endlich erkennbar wurde, wie gut die neue Struktur funktioniert und vor allem, wieviel besser und erkenntnisreicher es sich lesen lassen wird. Das tat sehr gut.<\/p>\n<p>Ich war trotzdem latent abgelenkt, weil es gestern zum ersten Mal in diesem Winter richtig schneite. Die Stadt ist dann immer leiser und das Licht heller. In 30-Minuten-Abst\u00e4nden ging ich mit der Teetasse in der Hand vom Arbeitszimmer in die K\u00fcche, lehnte mich ans Fenster und guckte minutenlang dem Schneefall zu. Das war sch\u00f6n.<\/p>\n<p>&#8212; <\/p>\n<p>Weniger sch\u00f6n ist derzeit meine Lekt\u00fcre. Neben den ganzen Aufs\u00e4tzen, die ich mir derzeit nur aus Datenbanken als PDF holen kann, liegt gerade ein kleiner Sammelband zur Holocaust-Forschung neben mir, in dem sich zwei Aufs\u00e4tze mit der T\u00e4terforschung befassen. Mir ist sehr klar, dass es einen Unterschied macht, sich mit einem KZ-Aufseher oder einem Maler biografisch zu befassen, aber im Hinterkopf bohrt trotzdem eine Ahnung herum, die in einem der Aufs\u00e4tze angerissen wird: \u201eT\u00e4ter handelten durchweg nicht isoliert, sondern waren in arbeitsteilig ausgerichtete Netzwerke von T\u00e4terkollektiven eingebunden.\u201c (Bajohr 2015, S. 170) Oder auch die generelle Frage nach der Sinnhaftigkeit einer Individualbiografie: \u201eIm Gegensatz zu dem f\u00fcr die Forschung bis in die 1980er Jahre so typischen Begriff des \u201aFunktion\u00e4rs\u2018 impliziert die heute allgemein verbreitete Bezeichung \u201aT\u00e4ter\u2018, dass \u2013 anders als fr\u00fcher angenommen \u2013 eine viel gr\u00f6\u00dfere Gruppe von Einzelpersonen von ihrem Tun auch innerlich \u00fcberzeugt gewesen ist. Nachdem T\u00e4terforschung sich tats\u00e4chlich [&#8230;] zu einer selbst\u00e4ndigen Subdisziplin entwickelt hatte, r\u00fcckten Eigeninitiative, pers\u00f6nliche Energie und vor allem individuelle Handlungsspielr\u00e4ume der T\u00e4ter in den Mittelpunkt, die bis zur alleruntersten Hierarchieebene reichten.\u201c (Roseman 2015, S. 188) Der letzte Satz erl\u00e4utert auch die Abkehr von der Idee der bis dahin postulierten Menge an schlichten Befehlsempf\u00e4ngern; damit versuchte sich zum Beispiel Eichmann zu verteidigen. <\/p>\n<p>Rosemann schreibt weiter:<\/p>\n<blockquote><p>\u201eWas biographische Ann\u00e4herungen tats\u00e4chlich erhellen k\u00f6nnen, sind einige der Mechanismen innerhalb von Partei und Regime, die gemeinsames Handeln anregten und erm\u00f6glichten. Das betrifft nicht zuletzt den Konkurrenzdruck, der eine so wichtige Rolle in den \u00e4lteren strukturalistischen Analysen spielte. [&#8230;] In dieser Hinsicht bilden Biographien ein wertvolles Korrektiv gegen den derzeitigen Trend, die Mitwirkung der gesamten Gesellschaft in den Vordergrund zu r\u00fccken. Sie erinnern uns an die zentrale Bedeutung von Partei- und Herrschaftsstrukturen, aber auch an die Mischung aus Loyalit\u00e4t und Eigenst\u00e4ndigkeit, die das Regime von seinen Dienern verlangte.\u201c<\/p><\/blockquote>\n<p>(Rosemann 2015, S. 202\/203)<\/p>\n<p>Noch einmal: Ich wei\u00df, dass ich hier \u00fcber einen Landschaftsmaler schreibe und nicht \u00fcber jemanden, der Gaskammern bediente. Aber unser Fach hat sich so ewig darum gedr\u00fcckt, sich \u00fcberhaupt mit der Frage der Verantwortung von Kunst und den Menschen, die sie schufen, zu befassen, dass es schlicht noch kein grundlegendes Werk gibt, das diesen Komplex aufschl\u00fcsselt. Bisher pendelt die Forschungsliteratur zwischen der Meinung, dass Kunst \u00fcberhaupt keine Wirkung hatte und der meist vertretenen, dass Kunst in hohem Ma\u00dfe dazu beitrug, nationalsozialistisches Gedankengut unter die Ausstellungsbesucher zu bringen. Ich weise zum hundertsten Mal auf <a href=\"https:\/\/opacplus.bsb-muenchen.de\/title\/BV041234423\">Aufs\u00e4tze<\/a> hin, die zum Beispiel die GDK untersuchten und dabei feststellten, dass selbst auf der gr\u00f6\u00dften GDK 1941 nur gut drei Prozent aller Kunstwerke einen klar ideologischen Charakter hatten. Und damit sind wir in der wachsweichen Zone, in der ich seit drei Jahren herumwabere: Inwiefern sind Gem\u00e4lde von Autobahnen, deren Bau von Anfang an propagandistisch f\u00fcr das Regime ausgewertet wurden, ideologische Kunst? Sind sie eine Art Dokumentation? Sind sie eine Spielart des Landschaftsbildes? Ich habe die Diss schon abgegeben, herrgott, und bin immer noch nicht mit dem Durchdenken fertig. Meine Schlussfolgerung in K\u00fcrze: Es kommt darauf an.<\/p>\n<p>Ich habe in der \u00dcberarbeitung die biografischen Details sehr gek\u00fcrzt, auch um nicht zu positivistisch zu werden. Das war auch eine Frage, die Roseman in seinem Aufsatz stellt: Darf man mit T\u00e4tern empathisch sein? Ich meine, man muss zumindest ein gewisses Interesse an einer Person und ihren Intentionen haben, um \u00fcberhaupt biografisch arbeiten zu k\u00f6nnen. Aber auch das war ein Problem, das mich drei Jahre lang besch\u00e4ftigt hat: Wie sympathisch darf mir der Mann werden? Da der Nachlass in dieser Hinsicht recht wenig bietet, lief ich nicht in Gefahr, mich zu sehr mit ihm gemein zu machen, aber ab und zu ist mir da doch ein Halbsatz durchgerutscht. Auch deswegen ist das fast alles rausgeflogen, aber einige Ereignisse sind eben noch drin. Und genau bei denen denke ich \u00fcber Handlungsspielr\u00e4ume nach. Ich kann inzwischen belegbar behaupten, dass Protzens Malweise sich zwar nicht gro\u00df ver\u00e4nderte, aber sich doch inhaltlich den nie eindeutigen Vorgaben des Regimes an die neue deutsche Kunst anpasste. Was mich zur T\u00e4terfrage bringt: Inwiefern sind Gem\u00e4lde von Autobahnen bzw. die Menschen, die sie malten (nicht nur M\u00e4nner), regimestabilisierend gewesen? Das ist jetzt bewusst hoch aufgeh\u00e4ngt, aber das ist schon eine zentrale Frage, sonst m\u00fcsste ich mich mit dem Kram ja gar nicht befassen. Auch deswegen wollte ich etwas mehr zur T\u00e4terforschung wissen, um die \u00fcblichen Fallen zu vermeiden, in die ich bei der Erstfassung der Diss anscheinend gestolpert bin.<\/p>\n<p>(Zitierte Literatur: Bajohr, Frank: \u201eT\u00e4terforschung, Probleme und Perspektiven eines Forschungsansatzes\u201c, in: Ders.\/L\u00f6w, Andrea (Hrsg.): <em>Der Holocaust. Ergebnisse und neue Fragen der Forschung<\/em>, Frankfurt am Main 2015, S. 167\u2013185 bzw. Roseman, Mark: \u201eLebensf\u00e4lle: Biographische Ann\u00e4herungen an NS-T\u00e4ter\u201c, im selben Band, S. 186\u2013209.)<\/p>\n<p>&#8212;<\/p>\n<blockquote><p>\u201eEinmal, als die Kinder in der Pause besonders laut tobten, beschimpfte uns der Lehrer, nat\u00fcrlich selbst Jude, da\u00df es hier wie in einer Judenschule zugehe. Aber wir <em>waren<\/em> ja eine Judenschule. Warum uns im engen j\u00fcdischen Kreis noch weiter erniedrigen, wenn die arische Umwelt es tagt\u00e4glich mit Erfolg tat? (\u00dcbrigens schreibe ich dieses Wort \u201aarisch\u2018 absichtlich nicht in Anf\u00fchrungszeichen. Es wurde damals nur selten ironisch ausgesprochen.)\u201c<\/p><\/blockquote>\n<p>Ruth Kl\u00fcger: <em>weiter leben<\/em>, M\u00fcnchen 2019 (Erstauflage 1994), S. 16.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Autobahnkapitel. Mittags eventuell den Franzbr\u00f6tchen in zu hohem Ma\u00dfe zugesprochen. Autobahnkapitel. Festgestellt, wie entsetzlich wenig Literatur ich zur Kunst der 1920er-Jahre besitze, denn: Es steht ja alles in den Bibliotheken, das brauche ich nicht selbst im Regal, haha. Ein bisschen Geld \u00fcber Booklooker losgeworden, da gehen im Moment eure PayPal-Spenden hin, ich hoffe, das ist [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":10,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[],"class_list":["post-36007","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-weblog"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/ankegroener.de\/blog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/36007","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/ankegroener.de\/blog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/ankegroener.de\/blog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/ankegroener.de\/blog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/10"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/ankegroener.de\/blog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=36007"}],"version-history":[{"count":6,"href":"https:\/\/ankegroener.de\/blog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/36007\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":36013,"href":"https:\/\/ankegroener.de\/blog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/36007\/revisions\/36013"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/ankegroener.de\/blog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=36007"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/ankegroener.de\/blog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=36007"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/ankegroener.de\/blog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=36007"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}