{"id":40070,"date":"2023-08-29T08:13:07","date_gmt":"2023-08-29T07:13:07","guid":{"rendered":"https:\/\/ankegroener.de\/blog\/?p=40070"},"modified":"2023-08-29T08:13:07","modified_gmt":"2023-08-29T07:13:07","slug":"tagebuch-montag-28-august-2023-wiechert","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/ankegroener.de\/blog\/?p=40070","title":{"rendered":"Tagebuch Montag, 28. August 2023 \u2013 Wiechert"},"content":{"rendered":"<p>\u201eEr machte sein Buch fertig, ohne rechte Freude. Es schien ihm ein Fehler darin zu liegen, da\u00df er danach trachtete, seine Gedanken der Welt darzubieten. Die Welt konnte von Gedanken bewegt werden, aber war es nicht wie mit einem Pendel, das man mit der Hand \u00fcber die beiden Ruhepunkte hinaustrieb? Die Uhr wurde doch nicht von dem bewegt, was jenseits der Punkte lag, sondern nur von dem, was zwischen ihnen schwang.<\/p>\n<p>Und nun gar die Gedanken \u00fcber Gott. Wer hatte ein Recht zu sagen: \u00bbDies ist mein Gott, und ihr m\u00fc\u00dft wissen, was ich von ihm halte?\u00ab Alle Religionen waren so entstanden, aber aus allen war Blut geflossen, weil sie so entstanden waren. Gott sollte nicht gepredigt werden, ebensowenig wie Leben, Arbeit und Liebe. Sie sollten getan werden. Sie strahlten schon von selbst, wenn Strahlendes an ihnen war. Das Wort konnte ein Fluch sein. Es war der Klang, der die Lawinen l\u00f6ste. Es verdarb den Gang des Lebens. Das Brot, die Schlacht, die Zeugung, der Tod: sie entzogen sich dem Wort. Das Wort entheiligte sie. Die redenden G\u00f6tter waren so verd\u00e4chtig wie ein redender Stein. Die Gottheit war stumm wie die Sterne.<\/p>\n<p>Er wu\u00dfte so wenig. Er wollte arbeiten, vielleicht noch zehn Jahre, bis der K\u00f6rper leise mahnte, da\u00df dieser Teil seines Lebens sich schon neige. Und dann wollte er lesen. Sein Geist w\u00fcrde noch frisch sein, hungrig nach allen Erkenntnissen, die der Mensch jemals gewonnen hatte. Und nach seinen Irrt\u00fcmern ebenso. Er sah es wie einen Dom vor sich stehen, den Bau des Menschengeistes, und es schwindelte ihn, wenn er hinaufblickte. Da war die Kunde von den Sternen und die von den Mikroben. Da waren Entdeckungen und Eroberungen, Pflanzen und Steine, Sagen und M\u00e4rchen, Philosophen und Religionen. Fernrohre und Mikroskope standen da, Phiolen und Retorten, Liebesschw\u00fcre und Totenmasken, und dahinter die krausen Zeichen der Nekromanten, die niemals Ges\u00e4ttigten, die wie ein Gott bewegen und beschw\u00f6ren wollten.<\/p>\n<p>Einmal sollte ihm nichts fremd sein auf dieser Erde. Er wollte es ohne Zweck wissen, die \u00bbWunder des Universums\u00ab. Sie trugen ihren Zweck in sich, die Kraft, die Sch\u00f6nheit oder eben das Gesetz. Es hungerte ihn auf eine manchmal verzehrende Weise nach Erkenntnis. Er w\u00fcrde sie nicht mi\u00dfbrauchen, er gewi\u00dflich nicht. Wie ein alter Zauberer w\u00fcrde er hier sitzen, eingesponnen in das Gewebe der Welten, und so lange lauschen, bis die Sph\u00e4ren ihm zu t\u00f6nen beg\u00e4nnen. Um ihn herum w\u00fcrden sie aufwachsen, begehren und hassen, lieben und vergeben. Er wu\u00dfte, wie dies alles war, zeitlich und fragw\u00fcrdig, sch\u00f6n und traurig. Er w\u00fcrde alt werden wie der Fischer Petrus und sich an den gro\u00dfen Krieg erinnern, wenn er nur noch eine Sage war, wie jener sich an die Zeiten der Beresina erinnert hatte. Das Laub w\u00fcrde fallen und wieder gr\u00fcn werden, die Gr\u00e4ber w\u00fcrden einsinken und die Kinder nach der goldenen Krone suchen. Aber er w\u00fcrde vielleicht einmal die Sph\u00e4ren t\u00f6nen h\u00f6ren, den leisen Klang, mit dem die Achse des gro\u00dfen Gesetzes sich drehte. Er w\u00fcrde nicht Gott schauen wollen oder das Jenseits, nicht das Paradies und nicht die H\u00f6lle. Er w\u00fcrde nur einmal das Ganze sehen wollen, den Makrokosmos der Alten, dieses Eherne, Gro\u00dfartige und Gewaltige, in dem die Menschen wie Staub auf der Tenne waren.\u201c<\/p>\n<p>Ernst Wiechert: \u201e<a href=\"https:\/\/www.projekt-gutenberg.org\/wiechert\/einleben\/chap012.html\">Das einfache Leben<\/a>\u201c, M\u00fcnchen 1939, S. 298\u2013300.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u201eEr machte sein Buch fertig, ohne rechte Freude. Es schien ihm ein Fehler darin zu liegen, da\u00df er danach trachtete, seine Gedanken der Welt darzubieten. Die Welt konnte von Gedanken bewegt werden, aber war es nicht wie mit einem Pendel, das man mit der Hand \u00fcber die beiden Ruhepunkte hinaustrieb? 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