{"id":40072,"date":"2023-08-30T07:52:49","date_gmt":"2023-08-30T06:52:49","guid":{"rendered":"https:\/\/ankegroener.de\/blog\/?p=40072"},"modified":"2023-08-30T08:56:18","modified_gmt":"2023-08-30T07:56:18","slug":"tagebuch-dienstag-29-august-2023-am-schreibtisch-knurrend","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/ankegroener.de\/blog\/?p=40072","title":{"rendered":"Tagebuch Dienstag, 29. August 2023 \u2013 Am Schreibtisch, knurrend"},"content":{"rendered":"<p>Den ganzen Tag zum Themenkomplex NS gelesen, was ich halt so mache. Dabei \u00fcber diese S\u00e4tze gestolpert und l\u00e4nger nicht aus dem Hinterkopf bekommen, auch im Hinblick auf unsere heute politische Landschaft:<\/p>\n<blockquote><p>\u201eM\u00fcnchen ist der Ort, an dem sich die NSDAP als politisch wirkungsvolle Kraft formuieren, konsolidieren und weiterentwickeln konnte. [&#8230;] Damit sich die NSDAP als politische Kraft etablieren und erfolgreich entwickeln konnte, waren gesellschaftliche Rahmenbedingungen und mentale Grundhaltungen erforderlich, wie sie in der bayerischen Hauptstadt offensichtlich st\u00e4rker verankert, vorhanden und nutzbar waren als in anderen St\u00e4dten. M\u00fcnchen lag in den 1920er Jahren nicht an der Peripherie der Reaktion, sondern bildeten deren eigentliches Zentrum.\u201c <\/p><\/blockquote>\n<p>Elisabeth Angermeier, Andreas Heusler: \u201eM\u00fcnchner Kulturpolitik im Nationalsozialismus\u201c, in: Henning Rader, Vanessa-Maria Voigt (Hrsg.): <em>\u201eEhemals j\u00fcdischer Besitz.\u201c Erwerbungen des M\u00fcnchner Stadtmuseums im Nationalsozialismus<\/em>, M\u00fcnchen 2018., S. 78\u201385, hier S. 79.<\/p>\n<p>Der Begriff \u201ementale Grundhaltung\u201c hat mich kurz innehalten lassen. Ich hadere quasi seit den ersten politischen Erfolgen der AfD damit, dass derartige Wahlergebnisse in diesem Land \u00fcberhaupt (wieder) m\u00f6glich sind. Wo nach den Erfolgen der NPD Ende der 1960er Jahre noch ein breiter gesellschaftlicher Konsens dar\u00fcber herrschte, dass diese Ergebnisse eine Schande sind und gef\u00e4lligst abzustellen, br\u00f6ckelte diese Front in den 1990ern erneut, als die Republikaner pl\u00f6tzlich in Bayern Stimmen bekamen. Oder in Hamburg der beknackte Richter, dessen Namen ich nicht googeln will (edit: Ronald Schill). Aber auch dort folgten auf das Entsetzen deutliche Ansagen, dass mit diesen Parteien keine gemeinsame Sache gemacht wird, weswegen sie bei den n\u00e4chsten Wahlen wieder nichts mehr zu sagen hatten.<\/p>\n<p>Anders ist es mit der AfD. Ich will nicht zu viel auf die be\u00e4ngstigenden Umfragen geben, die derzeit durch alle Medien gereicht werden, denn in Umfragen rumzubl\u00f6ken ist immer noch etwas anderes als zur Wahl zu gehen und abzustimmen. Trotzdem hat sich die AfD als politische Kraft etabliert und das sogar im Bundestag, was mich weiterhin fassungslos macht. Von den Reaktionen und Appeasements der CDU\/CSU will ich gar nicht anfangen, und auch Aiwangers Flugblatt lasse ich hier unkommentiert, ihr wisst das alle.<\/p>\n<p>Aber seit gestern hat sich meine Aufmerksamkeit etwas verschoben. Wo ich bisher immer darauf gehofft hatte, dass der Teil der Bev\u00f6lkerung mit einer gesichert rechtsextremen Einstellung klein bleibt, macht mich die oben angesprochene \u201ementale Grundhaltung\u201c jetzt sehr nerv\u00f6s. Die Abgrenzung zur AfD ist nicht deutlich genug, die Vertreter*innen dieser Partei, f\u00fcr die ich besonders gern ein Gendersternchen benutze, k\u00f6nnen relativ ungest\u00f6rt ihr Gedankengut verbreiten und damit den Boden bereiten f\u00fcr eine Haltung und ein gesellschaftliches Klima, die sich immer mehr nach rechts neigen k\u00f6nnten. <\/p>\n<p>Die Versuche, diese Partei zu bezwingen und ihren Fans zu sagen, dass ihr Gedankengut nicht b\u00fcrgerlich oder freiheitsliebend, sondern im Gegenteil faschistisch ist, m\u00fcssen deutlicher und konsequenter werden. Auch das ist uns, die wir diese Partei niemals w\u00e4hlen w\u00fcrden, sehr klar. Ich w\u00fcrde mich freuen, wenn es auch allen anderen klar werden w\u00fcrde. Br\u00f6ckelnde Brandmauern bringen uns nicht weiter, genauso wenig, wie mit Rechten zu reden, hallo, Sommerinterview und DLF. Keinen Fu\u00dfbreit weiter.<\/p>\n<p>&#8212;<\/p>\n<p>Und dass Holocaustverharmlosung wieder en vogue wird, macht mich nicht weniger nerv\u00f6s. (Aus der FAZ von <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Stephan_Malinowski\">Stephan Malinowski<\/a>, dank archive.ph auch ohne Paywall lesbar.)<\/p>\n<p><strong><a href=\"https:\/\/archive.ph\/2023.08.29-103230\/https:\/\/www.faz.net\/aktuell\/feuilleton\/debatten\/wie-a-dirk-moses-eine-umwertung-der-holocaust-erinnerung-betreibt-19125232.html\">Die Logik der T\u00e4ter<\/a><\/strong><\/p>\n<blockquote><p>\u201eBereits vor Jahren hatte <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/A._Dirk_Moses\">Moses<\/a> die Deutung des Holocaust als \u201esubaltern genocide\u201c, also ein Genozid der Unterworfenen gegen die Herrscher, entworfen. Diese besagt, die Deutschen h\u00e4tten sich in einer \u201ekolonialen\u201c Unterjochung durch die Juden geglaubt. So wird die Ermordung der europ\u00e4ischen Juden zum imaginierten Teil eines antikolonialen Befreiungskampfs. Breite Pinselstriche und freie Assoziationen dieser Art lassen Formulierungen erbl\u00fchen, die methodisch und stilistisch an <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Ernst_Nolte\">Ernst Noltes<\/a> perfide Sprachspiele der Achtzigerjahre erinnern \u2013 hier erscheint die Schoa als der \u201eradikalste Fall pr\u00e4emptiver Gegenwehr der Weltgeschichte\u201c. F\u00fcr erkl\u00e4rungsstark h\u00e4lt Moses zudem die Figur der \u201ever\u00e4ngstigten Patrioten\u201c, die \u2013 in ihrem \u201eparanoiden\u201c Selbstverst\u00e4ndnis \u2013 im Namen der Sicherheit agiert h\u00e4tten.<\/p>\n<p>Viele dieser Formulierungen muss man mehrfach lesen, bis man glaubt, dass sie dort wirklich gedruckt stehen: \u201eDie Einsatzgruppen verk\u00f6rperten den Sicherheitsimperativ im Feld.\u201c Die Behauptung, T\u00e4ter h\u00e4tten sich vor allem in einer Art Gefahrenabwehr gesehen, m\u00fcsste noch gegen den Forschungsstand durchgesetzt werden. Die Krankenmorde im Rahmen der T4-Aktion, die Ermordung der Sinti und Roma, die Jagd auf j\u00fcdische Kleinkinder auf Rhodos, in Amsterdam oder Bordeaux, ihr Transport quer durch Europa an Orte, deren einziger Zweck in der Ermordung der gr\u00f6\u00dftm\u00f6glichen Zahl einzelner Menschengruppen bestand, die Entkoppelung der Mordprozesse von milit\u00e4rischer und \u00f6konomischer Logik \u2013 all das l\u00e4sst sich damit nicht verbinden.\u201c<\/p><\/blockquote>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Den ganzen Tag zum Themenkomplex NS gelesen, was ich halt so mache. Dabei \u00fcber diese S\u00e4tze gestolpert und l\u00e4nger nicht aus dem Hinterkopf bekommen, auch im Hinblick auf unsere heute politische Landschaft: \u201eM\u00fcnchen ist der Ort, an dem sich die NSDAP als politisch wirkungsvolle Kraft formuieren, konsolidieren und weiterentwickeln konnte. 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