{"id":42140,"date":"2026-02-11T07:21:47","date_gmt":"2026-02-11T06:21:47","guid":{"rendered":"https:\/\/ankegroener.de\/blog\/?p=42140"},"modified":"2026-02-11T07:47:12","modified_gmt":"2026-02-11T06:47:12","slug":"dienstag-10-februar-2026-fusnoten-feiern","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/ankegroener.de\/blog\/?p=42140","title":{"rendered":"Dienstag, 10. Februar 2026 \u2013 Fu\u00dfnoten feiern"},"content":{"rendered":"\n<p>Vorgestern wartete im Archiv die dickste <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Spruchkammerverfahren\">Spruchkammerakte<\/a>, die ich je in der Hand hatte. Es ging um einen Hauptschuldigen, genauer gesagt, <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Max_Moosbauer\">Max Moosbauer<\/a>, Oberb\u00fcrgermeister Passaus von 1933 bis 1945. Mehr hauptschuldig geht ja kaum. Aber wie so oft in den Verfahren wurde auch sein erstes Urteil abgemildert, er musste seine zehn Jahre Lagerhaft, zu denen er zun\u00e4chst verurteilt wurde, nicht komplett absitzen.<\/p>\n\n\n\n<p>Vorgestern hatte ich \u201enur&#8221; die erste Akte vor mir, also das erste Verfahren, noch nicht das Berufungsverfahren; die Akte liegt n\u00e4mlich in M\u00fcnchen, w\u00e4hrend ich im Staatsarchiv Landshut war, wo sich die Akten der Spruchkammer Passau befinden. Aber auch diese Akte bestand schon aus f\u00fcnf einzelnen Bergen an Papier, durch die ich mich w\u00fchlte, auf der Suche nach ganz bestimmten Informationen. Nebenbei fiel nat\u00fcrlich auch noch etwas anderes ab, was ich verwerten konnte, wie immer bei dieser Art Schriftst\u00fcck, aber wor\u00fcber ich seit der Lekt\u00fcre nachdenke, ist das unterschiedliche Verhalten von Zeugen. W\u00e4hrend 1946\/47 noch gen\u00fcgend Menschen bereit waren, gegen Moosbauer auszusagen \u2013 auch schriftlich, die vielen Belege im der Akte zeigen es \u2013, waren es 1949, als sein Berufungsverfahren eingeleitet wurde, weitaus weniger. Die \u00f6ffentliche Meinung zu den Spruchkammern hatte sich ge\u00e4ndert; soweit ich das ganz unwissenschaftlich beurteilen kann, wollten einfach alle nur noch ihre Ruhe haben, die NS-Zeit war ewig lange her, ist gut jetzt. Wenn ich mich an die Lekt\u00fcre zur Diss erinnere, war 1948 das erste Mal davon die Rede, einen Schlussstrich zu ziehen.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich verlinkte oben den Wikipedia-Artikel, in dem Moosbauers angebliche SPD-Mitgliedschaft erw\u00e4hnt wird; das \u201eangeblich\u201c habe ich gestern selbst eingef\u00fcgt. Die wird in der sehr wenigen Literatur, die es zu dem Mann gibt, erw\u00e4hnt, aber ohne eine Quellenangabe. Ich konnte sie bisher noch nicht nachweisen, und ich glaube auch nicht, dass sie existiert.<\/p>\n\n\n\n<p>In seinem ersten, 1946 ausgef\u00fcllten Spruchkammerbogen erw\u00e4hnt Moosbauer diese Mitgliedschaft nicht,<sup data-fn=\"e3a3281b-632d-4539-a129-a0d2430a3457\" class=\"fn\"><a href=\"#e3a3281b-632d-4539-a129-a0d2430a3457\" id=\"e3a3281b-632d-4539-a129-a0d2430a3457-link\">1<\/a><\/sup> obwohl gerade der Spruchkammerbogen perfekt dazu geeignet gewesen w\u00e4re, um sich besser darzustellen, als man vielleicht war. Ich empfehle zu diesem Thema immer gerne folgendes Buch, das netterweise schon in der Wikipedia steht, sonst h\u00e4tte ich es nachgetragen: Hanne Le\u00dfau:&nbsp;<em>Entnazifizierungsgeschichten. Die Auseinandersetzung mit der eigenen NS-Vergangenheit in der fr\u00fchen Nachkriegszeit<\/em>. Wallstein, G\u00f6ttingen 2020, <a href=\"https:\/\/www.hsozkult.de\/publicationreview\/id\/reb-29575\">hier eine Rezension<\/a>.<\/p>\n\n\n\n<p>Erst 1948, in einem im Internierungslager Regensburg verfassten Lebenslauf, behauptete Moosbauer, kurz vor dem Ersten Weltkrieg in die Partei eingetreten zu sein.<sup data-fn=\"443ac99e-4b5c-4916-bb1b-f4713da10375\" class=\"fn\"><a href=\"#443ac99e-4b5c-4916-bb1b-f4713da10375\" id=\"443ac99e-4b5c-4916-bb1b-f4713da10375-link\">2<\/a><\/sup> In einer weiteren Aussage einen Monat sp\u00e4ter nennt er die Zeit direkt nach dem Ersten Weltkrieg.<sup data-fn=\"7a6db367-6d39-4a5c-8010-7b31b356f06f\" class=\"fn\"><a href=\"#7a6db367-6d39-4a5c-8010-7b31b356f06f\" id=\"7a6db367-6d39-4a5c-8010-7b31b356f06f-link\">3<\/a><\/sup> Ich stolpere nicht \u00fcber die unterschiedlichen Zeiten; doofer Vergleich, aber: Auch ich war mal Mitglied einer Partei und k\u00f6nnte gerade noch das Jahrzehnt nennen, nicht das genaue Jahr meines Ein- oder Austritts. Ich stolpere aber dar\u00fcber, dass ihm diese Mitgliedschaft erst 1948 ganz pl\u00f6tzlich eingefallen ist.<\/p>\n\n\n\n<p>Nachdem ich partout keine Quelle finden konnte au\u00dfer Selbstzeugnissen, fragte ich beim <a href=\"https:\/\/www.fes.de\/archiv-der-sozialen-demokratie\">Archiv der Friedrich-Ebert-Stiftung<\/a> nach, die mir aber auch nur das sagen konnte, was ich schon in der Literatur gelernt hatte: Es ist kaum m\u00f6glich, eine SPD-Mitgliedschaft vor 1933 zweifelsfrei nachzuweisen, wenn es sich nicht gerade um bekannte Pers\u00f6nlichkeiten handelt. Viele, gerade kleinere Ortsvereine, vernichteten ihre Unterlagen zu Parteimitgliedern nach der Macht\u00fcbernahme der NSDAP selbst, um die Genoss:innen nicht zu gef\u00e4hrden. Viele andere Unterlagen wurden vom NS-Regime vernichtet. <\/p>\n\n\n\n<p>In der Literatur hei\u00dft es, Moosbauer seit bis 1923 SPD-Mitglied gewesen \u2013 das w\u00e4re gleichzeitig mit seiner Mitgliedschaft im <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Freikorps_Oberland\">Freikorps Oberland<\/a>, was mir doch sehr unwahrscheinlich scheint. Die bestand seit eigener Aussage bereits seit 1922.<sup data-fn=\"d72fa06d-5638-4a56-9efc-67156f653d05\" class=\"fn\"><a href=\"#d72fa06d-5638-4a56-9efc-67156f653d05\" id=\"d72fa06d-5638-4a56-9efc-67156f653d05-link\">4<\/a><\/sup> Gerade gestern las ich in der von Moosbauer selbst verfassten Chronik der Passauer NSDAP (1933), dass er schon im Februar 1923 in die Partei eingetreten sein will.<sup data-fn=\"1f990f56-5caa-4571-8f73-a7140afc6c57\" class=\"fn\"><a href=\"#1f990f56-5caa-4571-8f73-a7140afc6c57\" id=\"1f990f56-5caa-4571-8f73-a7140afc6c57-link\">5<\/a><\/sup> (Auch hier die etwas vage Formulierung, weil Selbstzeugnis.) Ich kann daher leider kein abschlie\u00dfendes Urteil f\u00e4llen, aber ich neige sehr stark dazu, Moosbauer eine SPD-Mitgliedschaft abzusprechen.<\/p>\n\n\n\n<p>Leider kann ich das alles nicht in der Wikipedia anlegen, denn die Wikipedia bildet ver\u00f6ffentlichte Literatur ab und soll kein Sammelbecken f\u00fcr Forschungsdesiderate sein. Meinen Abschlussbericht f\u00fcr mein <a href=\"https:\/\/www.proveana.de\/de\/projekt\/die-systematische-untersuchung-der-provenienzen-der-objektzugaenge-zwischen-1933-und-1945\">Passauer Projekt<\/a> reiche ich im Juli diesen Jahres ein, aber bis der ver\u00f6ffentlicht ist, wird noch eine gewisse Zeit vergehen; momentan ist noch nicht mal der Zwischenbericht online, den ich im letzten Juli eingereicht habe. Jetzt habe ich es immerhin schon mal hier \u00f6ffentlich gemacht.<\/p>\n\n\n\n<p>. . .<\/p>\n\n\n\n<p>Vielleicht ist Ihnen was aufgefallen: Ich habe jetzt Fu\u00dfnoten im Blog! Gleich hier unten! Es ist so toll! Aber der Text hat jetzt so komische Zeilenabst\u00e4nde, daran knabbere ich noch. Ist es aber total wert!<\/p>\n\n\n<ol class=\"wp-block-footnotes\"><li id=\"e3a3281b-632d-4539-a129-a0d2430a3457\">Staatsarchiv Landshut, Spruchkammer Passau (Rep. 241\/14), 3877, Max Moosbauer 1\/5: Military Government of Germany, Fragebogen, ausgef\u00fcllt am 19.10.1946. <a href=\"#e3a3281b-632d-4539-a129-a0d2430a3457-link\" aria-label=\"Jump to footnote reference 1\">\u21a9\ufe0e<\/a><\/li><li id=\"443ac99e-4b5c-4916-bb1b-f4713da10375\">Staatsarchiv Landshut, Spruchkammer Passau (Rep. 241\/14), 3877, Max Moosbauer, 2\/5: selbst verfasster Lebenslauf, 21.6.1948. <a href=\"#443ac99e-4b5c-4916-bb1b-f4713da10375-link\" aria-label=\"Jump to footnote reference 2\">\u21a9\ufe0e<\/a><\/li><li id=\"7a6db367-6d39-4a5c-8010-7b31b356f06f\">Staatsarchiv Landshut, Spruchkammer Passau (Rep. 241\/14), 3877, Max Moosbauer, 3\/5: Protokoll der \u00f6ffentlichen Sitzung am 19. bis 23. Juli 1948. <a href=\"#7a6db367-6d39-4a5c-8010-7b31b356f06f-link\" aria-label=\"Jump to footnote reference 3\">\u21a9\ufe0e<\/a><\/li><li id=\"d72fa06d-5638-4a56-9efc-67156f653d05\">Bundesarchiv Berlin, R 9361-III\/544057, Sammlung Berlin Document Center (BDC), Personenbezogene Unterlagen der SS und SA: Max Moosbauer, Fragebogen zur Erg\u00e4nzung bzw. Berichtigung der F\u00fchrerkartei und der Dienstaltersliste, 6.8.1937. <a href=\"#d72fa06d-5638-4a56-9efc-67156f653d05-link\" aria-label=\"Jump to footnote reference 4\">\u21a9\ufe0e<\/a><\/li><li id=\"1f990f56-5caa-4571-8f73-a7140afc6c57\">Stadtarchiv Passau, C 197: Max Moosbauer: <em>Die nationalsozialistische Bewegung in Passau 1920\u20131933<\/em>, undatiert, S. 9. <a href=\"#1f990f56-5caa-4571-8f73-a7140afc6c57-link\" aria-label=\"Jump to footnote reference 5\">\u21a9\ufe0e<\/a><\/li><\/ol>\n\n\n<p><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Vorgestern wartete im Archiv die dickste Spruchkammerakte, die ich je in der Hand hatte. Es ging um einen Hauptschuldigen, genauer gesagt, Max Moosbauer, Oberb\u00fcrgermeister Passaus von 1933 bis 1945. Mehr hauptschuldig geht ja kaum. 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