{"id":582,"date":"2005-01-21T08:14:07","date_gmt":"2005-01-21T07:14:07","guid":{"rendered":"http:\/\/www.ankegroener.de\/?p=582"},"modified":"2005-01-22T10:32:28","modified_gmt":"2005-01-22T09:32:28","slug":"the-aviator","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/ankegroener.de\/blog\/?p=582","title":{"rendered":"The Aviator"},"content":{"rendered":"<p><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.ankegroener.de\/Bilder\/the_aviator.jpg\" alt=\"\" \/><\/p>\n<p><em><a href=\"http:\/\/www.imdb.com\/title\/tt0338751\/maindetails\">The Aviator<\/a> (Aviator, USA\/D\/JP 2004, 170 min)<\/p>\n<p>Darsteller: Leonardo DiCaprio, Cate Blanchett, Kate Beckinsale, John C. Reilly, Alec Baldwin, Ian Holm, Alan Alda, Danny Huston, Matt Ross, Jude Law, Gwen Stefani, Willem Dafoe<br \/>\nMusik: Howard Shore<br \/>\nKamera: Robert Richardson<br \/>\nDrehbuch: John Logan<br \/>\nRegie: Martin Scorsese<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/www.apple.com\/trailers\/miramax\/the_aviator\/trailer.html\">Trailer<\/a><\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/theaviatormovie.com\/\">Offizielle Seite<\/a><\/em><\/p>\n<p>Die Sch\u00f6nheit von <em>The Aviator<\/em> ist mir nicht sofort aufgefallen. Aber ungef\u00e4hr nach einer halben Stunde gab es eine Szene, in der Leonardo DiCaprio als Howard Hughes sich von der Kamera wegdreht. In den Minuten zuvor haben wir Flugzeuge gesehen, en masse, sie h\u00f6ren gar nicht mehr auf, glitzernd \u00fcber der W\u00fcste, quer durch den blauen Himmel, majest\u00e4tisch, un\u00fcbersehbar, ein Film wird gedreht, <em>Hell\u2019s Angels<\/em>, der bis dahin teuerste Film aller Zeiten, eine Filmpremiere findet statt, Blitzlichter, Jean Harlow, schon wieder Flugzeuge, diesmal aus Pappe, die den roten Teppich s\u00e4umen, Fans, Autogramme, ein unglaublicher L\u00e4rm, ein Meer aus verbrannten Gl\u00fchbirnen, durch das DiCaprio von unten gefilmt schreitet. Alles ist laut und gro\u00df und schnell, es passiert, viel passiert, vorw\u00e4rts, gr\u00f6\u00dfer, mehr. <\/p>\n<p>Und dann kommt diese eine Szene, ich wei\u00df nicht mal mehr, in welchem Zusammenhang sich DiCaprio von der Kamera wegdreht, die bis dato so vieles eingefangen hat. Und nun g\u00f6nnt sie uns einen kurzen, aber \u00fcberdeutlichen Blick auf den Nacken und die Schultern von DiCaprio, ein wei\u00dfes Hemd, helle Haut, eine flie\u00dfende Bewegung. Und die dunklen Haare, die kurz die Bewegung mitgehen und dann einfach an den Ohren entlang liegenbleiben. Diese Haare sind mit dem Rasiermesser geschnitten worden, so exakt ist die Kante, die sie beschreiben. Ein perfektes Bild: das wei\u00dfe, gest\u00e4rkte Hemd, die glatte, helle Haut, die schlichte, flie\u00dfende Bewegung, die zu einem kurzen, aber gewollten Stillstand f\u00fchrt. Perfekte Detailgenauigkeit. Perfekte Inszenierung. Ein Bild, das ganz schlicht, aber absolut stimmig wirkt, und dadurch so sehr in Erinnerung bleibt. In diesem Moment ist mir die Gegens\u00e4tzlichkeit in <em>The Aviator<\/em> aufgefallen. Das Gro\u00dfe, Laute im Vergleich zu den kleinen Details. Und pl\u00f6tzlich passte alles zusammen, hatte mich in seinen Bann gezogen und lie\u00df mich nicht mehr los.<\/p>\n<p><em>The Aviator<\/em> erz\u00e4hlt das Leben von Howard Hughes: Flugpionier, Filmregisseur, Playboy, Multimillion\u00e4r. Aber er erz\u00e4hlt auch vom anderen, versteckten Teil seines Lebens: das eines neurotischen, obsessiven, ver\u00e4ngstigten, einsamen Mannes, der aus Furcht vor Bakterien st\u00e4ndig ein St\u00fcck schwarze Seife mit sich herumtr\u00e4gt und aus Furcht vor Vertrauensbruch seine Geliebten abhorchen l\u00e4sst. Das Komische an diesem Film ist, dass einem die Story ziemlich bald ziemlich egal ist. Sie l\u00e4uft fast nebenher ab; was wichtig ist, ist Howard Hughes selbst. Beziehungsweise Leonardo DiCaprio, der hier einfach gro\u00dfartig ist. Seine schlichte Pr\u00e4senz f\u00fcllt die gesamte Leinwand, jede Geste stimmt, jede gerunzelte Braue sieht nicht wie ein Schauspielertrick aus, um Nachdenken zu spielen, sondern man kann DiCaprio wirklich kaum noch erkennen hinter dem, was Hughes sagt, tut, stammelt. Und er ist nicht allein mit seiner Glanzleistung: Cate Blanchett haucht Katherine Hepburn wieder Leben ein, Alec Baldwin als PanAm-Chef nimmt sich sehr zur\u00fcck und ist deshalb doppelt \u00fcberzeugend, und John C. Reilly spielt Hughes\u2019 finanziellen Berater so unauff\u00e4llig, dass wir immer wieder froh sind, ihn pl\u00f6tzlich zu sehen \u2013 genau wie Hughes, dessen einziger Freund er zu sein scheint. Ian Holm, Alan Alda, Kate Beckinsale als Ava Gardner und Jude Law in einem Kurzauftritt als Errol Flynn machen die Besetzung perfekt.<\/p>\n<p>Der Film lebt, wie schon angesprochen, nicht von seiner Geschichte, obwohl die ihn nat\u00fcrlich tr\u00e4gt und vorw\u00e4rts bringt. Der Film lebt von seinen Gesichtern und Charakteren, die viel wichtiger sind als ihre Handlungen. Wenn Hughes das gr\u00f6\u00dfte Flugzeug der Welt bauen will, dann nicht, weil er als Flugpionier in die Geschichte eingehen m\u00f6chte, sondern weil er eben einfach das gr\u00f6\u00dfte Flugzeug der Welt bauen will. Die Motivation f\u00fcr sein Tun kommt nicht von au\u00dfen, niemand sagt ihm, was er zu tun hat. Sie kommt auch nicht aus dem Bem\u00fchen, unbedingt ins Rampenlicht zu wollen. Die Motivation entspringt seinen ureigenen, inneren, unsichtbaren \u00c4ngsten, wie uns eine kurze Szene zu Anfang und zum Ende des Film erz\u00e4hlt. Wahrscheinlich erscheint uns Hughes deshalb auch nicht als gr\u00f6\u00dfenwahnsinniger Irrer, der noch mehr Geld und noch mehr Frauen und noch mehr Flugzeuge haben will. Sondern er erscheint uns ganz im Gegenteil als ein kleiner, von sich selbst gehetzter Mensch. <\/p>\n<p>Auch diese Gegens\u00e4tzlichkeit im Charakter macht einen besonderen Reiz des Film aus. Die Gr\u00f6\u00dfe und Macht, die Hughes \u00e4u\u00dferlich hat, wird zunichte gemacht durch seine eigenen Neurosen. Er kann, ohne mit der Wimper zu zucken, die gr\u00f6\u00dfte Privatluftflotte der Welt zusammenkaufen, aber der T\u00fcrgriff einer \u00f6ffentlichen Toilette stellt f\u00fcr ihn ein un\u00fcberwindbares Hindernis dar. Und diese Gegens\u00e4tzlichkeit bringt den Film meiner Meinung nach eher voran als die eigentliche Story. Immer, wenn wir teilhaben d\u00fcrfen an einem Erfolgserlebnis, machen die psychischen Probleme Hughes\u2019 alles wieder zunichte. Man wird st\u00e4ndig mitgenommen in ein Leben mit unglaublichen H\u00f6hen und viel zu dunklen Tiefen. <\/p>\n<p>Und dieses Leben wird bebildert in schlicht wundersch\u00f6nen Aufnahmen. Die Flugsequenzen lassen ahnen, warum Hughes so begeistert vom Fliegen war. Die fast tanzende Kamera f\u00e4ngt das atemlose Staunen ein, das wir wahrscheinlich schon verlernt haben, weil Fliegen eine allt\u00e4gliche Fortbewegungsart geworden ist. Die Schwenks durch Montagehallen, Nachtclubs und Villen zeichnen ein \u00fcppiges, farbenpr\u00e4chtiges Bild von einer Zeit, die uns schon so f\u00fcrchterlich lang vergangen erscheint, die aber doch erst 60 Jahre her ist. Und die Gro\u00dfaufnahmen der Darsteller erwecken den alten Zauber von Hollywood, wo Schauspieler noch verg\u00f6ttert wurden.<\/p>\n<p>Regisseur Martin Scorsese nimmt sich ungewohnterweise sehr zur\u00fcck. In vielen seiner Filme habe ich das Gef\u00fchl, dass er sehr verliebt ist in bestimmte Einstellungen, Manierismen, Gesten. In <em>The Aviator<\/em> ist seine manchmal zu deutliche Handschrift kaum zu sp\u00fcren, und das tut dem Film sehr gut. Die Bilder scheinen einfach losgelassen worden zu sein, die Figuren agieren, ohne dass man eine Absicht dahinter vermutet, alles f\u00fchlt sich sehr wahrhaftig an und nicht wie ein St\u00fcck Fiktion. Denn obwohl der Film eine wahre Geschichte erz\u00e4hlt, ist er eben nicht diese Geschichte, sondern nur deren Erz\u00e4hlung. Und gerade so f\u00fchlt sich <em>The Aviator<\/em> nicht an. Er f\u00fchlt sich wie die urspr\u00fcngliche, eindringliche, mitrei\u00dfende Geschichte an.<\/p>\n<p><em>The Aviator<\/em> ist in seiner Erz\u00e4hlweise ein angenehm altmodischer Film: Der Mensch steht im Vordergrund, keine Special Effects, kein \u00fcberlautes Dolby Digital, nicht mal ein rei\u00dferisches Drehbuch. <em>The Aviator<\/em> will uns einfach an einem Leben teilhaben lassen, das zuf\u00e4llig au\u00dfergew\u00f6hnlich war. Dieses Leben h\u00e4tte jeden von uns treffen k\u00f6nnen. Wer wei\u00df, wie wir damit umgegangen w\u00e4ren. Wer wei\u00df, ob wir nicht auch daran zerbrochen w\u00e4ren wie Howard Hughes. Vielleicht w\u00e4ren dann Filme \u00fcber uns gedreht worden. Wenn, dann w\u00fcrde ich mir ebenfalls Martin Scorsese als Regisseur w\u00fcnschen und hoffen, dass er ein genauso menschliches und anteilnehmendes Bild von uns zeichnet. Mit allen H\u00f6hen und Tiefen. Und mit der gleichen respektvollen Faszination und dem perfekten Auge, mit denen er den Aviator Howard Hughes portr\u00e4tiert hat, in einem respektvollen, perfekten Film.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>The Aviator (Aviator, USA\/D\/JP 2004, 170 min) Darsteller: Leonardo DiCaprio, Cate Blanchett, Kate Beckinsale, John C. 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