{"id":586,"date":"2005-01-24T07:58:37","date_gmt":"2005-01-24T06:58:37","guid":{"rendered":"http:\/\/www.ankegroener.de\/?p=586"},"modified":"2005-01-24T08:11:38","modified_gmt":"2005-01-24T07:11:38","slug":"ray","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/ankegroener.de\/blog\/?p=586","title":{"rendered":"Ray"},"content":{"rendered":"<p><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.ankegroener.de\/Bilder\/ray.jpg\" alt=\"\" \/><\/p>\n<p><em><a href=\"http:\/\/www.imdb.com\/title\/tt0350258\/\">Ray<\/a> (Ray, USA 2004, 152 min)<\/p>\n<p>Darsteller: Jamie Foxx, Kerry Washington, Regina King, Clifton Powell, Harry J. Lennix, Bokeem Woodbine, Aunjanue Ellis<br \/>\nMusik: Craig Armstrong, Ray Charles<br \/>\nKamera: Pawel Edelman<br \/>\nDrehbuch: James L. White &#038; Taylor Hackford<br \/>\nRegie: Taylor Hackford<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/www.apple.com\/trailers\/universal\/ray\/\">Trailer<\/a><\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/www.raymovie.com\/index.php\">Offizielle Seite<\/a><\/em><\/p>\n<p>Die Musik von Ray Charles ist nicht nur unwiderstehlich und einfach gro\u00dfartig, sondern hat durch ihre Einzigartigkeit die amerikanische Musikszene revolutioniert. Sein Leben mit allen Hindernissen und Schwierigkeiten, denen ein blinder Schwarzer im Amerika der 50er und 60er Jahre begegnen kann, war wie daf\u00fcr gemacht, verfilmt zu werden. Jamie Foxx verk\u00f6rpert den Musiker so authentisch und \u00fcberzeugend, dass man sich niemand anderes in dieser Rolle vorstellen kann. Was konnte also bei <em>Ray<\/em>, dem Film \u00fcber das Leben Ray Charles&#8217;, schiefgehen? Bis auf eben Jamie Foxx leider so ziemlich alles.<\/p>\n<p>Die Zutaten f\u00fcr <em>Ray<\/em> lesen sich wie aus dem Setzbaukasten f\u00fcr Drehbuchautoren: Nimm ein paar r\u00fchrende Kindheitsszenen aus dem tiefen S\u00fcden der USA. Bebildere diese farbenpr\u00e4chtig, lasse den Gospelchor sch\u00f6n laut singen und zoome ungef\u00e4hr dreihundertmal auf die glitzernden, klimpernden Glasflaschen in den B\u00e4umen, die so sch\u00f6n musikalisch und geheimnisvoll sind. Dann sorg f\u00fcr ein tragisches Erlebnis, das Ray sein ganzes Leben lang verfolgen wird, so dass du als Regisseur dutzende Male zur\u00fcckblenden kannst, ganz egal, um was es in der Gegenwart gerade geht. Wenn man (f\u00e4lschlicherweise) davon ausgeht, dass <em>Ray<\/em> ein genaues Abbild des echten Ray Charles&#8217; ist, dann war anscheinend dessen einzige Motivation, vor den immer wiederkehrenden Bildern vom Ertrinkungstod seines kleinen Bruders davonzurennen und sich mit Musik, Drogen oder Frauen davon abzulenken, dass er angeblich schuld daran war.<\/p>\n<p>Die Story von <em>Ray<\/em> wird im Prinzip sehr stringent erz\u00e4hlt: Wir sehen ihn als Kind, bei seinem ersten Gig, in seiner ersten Band, seine erste Platte, seine zweite, sein gro\u00dfer Plattenvertrag, die Groupies, die ersten Kontakte zu Drogen, seine Heirat, seine Kinder, dann darf er nach 20 Jahren wieder in Georgia auftreten, und dann ist der Film vorbei. Nach gef\u00fchlten acht Stunden. Zwischen diese Stationen schneidet Regisseur Taylor Hackford immer wieder in die Vergangenheit und zeigt uns Szenen mit Rays Mutter, wie sie sich um den langsam erblindenden Jungen k\u00fcmmert. Stichwort: tough love. Wir sehen den kleinen Ray, wie er seine Welt langsam in T\u00f6ne einteilt und nicht mehr in Bilder. Und wir sehen den Tod des kleinen Bruders, an dem Ray nicht schuld ist, der aber nat\u00fcrlich trotzdem ein traumatisches Erlebnis war. <\/p>\n<p>Und genau diese R\u00fcckblenden haben mich so elend gelangweilt. Einerseits zerteilen sie den Film in sch\u00f6ne, kleine thematische H\u00e4ppchen, andererseits springt man als Zuschauer st\u00e4ndig von einer Stimmung in die n\u00e4chste, ohne wirklich mal irgendwo stehenzubleiben. Mal abgesehen davon, dass ich es einfach unglaubw\u00fcrdig fand, f\u00fcr jede Aktion in der Gegenwart die Vergangenheit als Ausl\u00f6ser oder Entschuldigung zu nutzen. Diese Ruhelosigkeit mag ja Ray Charles&#8217; Charakter widerspiegeln, aber ich glaube, darauf hatte es Hackford gar nicht abgesehen. Ich hatte die ganze Zeit das Gef\u00fchl, dass er einfach nicht wusste, was er aus dem vielen Material, das Charles&#8217; Leben nun mal ausgemacht hat, letztendlich nutzen sollte. Der Film konzentriert sich weder richtig auf die Musik noch auf die Blindheit noch auf sein Dasein als Schwarzer noch auf seine Frauen noch auf seine Drogenkarriere. Alles wird kurz angerissen, dann springt man wieder woanders hin, und wenn es zuf\u00e4llig mal passt, kommt man wieder auf eins der Themen zur\u00fcck. Am liebsten per R\u00fcckblende.<\/p>\n<p>Eine davon hat mich wirklich fast dazu gebracht, jetzt doch aus dem Kino zu gehen, wor\u00fcber ich l\u00e4ngere Zeit nachgedacht hatte, weil mir langweilig war, aber meistens kam dann eine h\u00fcbsche Musikeinlage. Egal. R\u00fcckblende: Als Ray sich nach jahrelanger Heroinabh\u00e4ngigkeit dazu entschlie\u00dft, einen Entzug zu machen, werden wir Zeuge des schmalzigsten Flashbacks ever. Ray steht seiner Mutter gegen\u00fcber, die ihm sagt, wie stolz sie auf ihn sei. Ray nimmt seine Brille ab, kann sehen, f\u00e4ngt an zu weinen (Moment, Moment, das reicht noch nicht), und pl\u00f6tzlich steht auch sein kleiner Bruder da und sagt, dass Ray nicht schuld an seinem Tod sei. Alle drei weinen und fallen sich in die Arme. Und Anke sa\u00df fassungslos im Kino und ahnte, dass sie diesen Ausschnitt wom\u00f6glich nochmal w\u00e4hrend der Oscar-Verleihung erdulden muss.<\/p>\n<p>Die Dialoge haben mir endg\u00fcltig den Rest gegeben. Kaum einer hat mich \u00fcberrascht, kaum einer ist mir im Ged\u00e4chtnis geblieben. Rays Mutter gibt einen guten Ratschlag nach dem n\u00e4chsten ab, die man sich alle aufs Kissen sticken k\u00f6nnte (&#8220;Don&#8217;t let anyone make you a cripple&#8221;), seine Frau wiederholt Ermahnungen wie eine springende Platte (H\u00f6r auf mit den Drogen, komm nach Hause, k\u00fcmmer dich um deine Kinder yada yada yada), die Fans verk\u00fcnden unentwegt, wie gro\u00dfartig Ray sei, und selbst seine Produzenten sagen nichts anders au\u00dfer: Das ist ja nen Ding, Mensch, tolle Sache, dieses Lied da, spiel&#8217;s noch einmal, Ray. Lang-wei-lig.<\/p>\n<p>Die guten Seiten von <em>Ray<\/em> musste ich mir nach Ende des Films rational selbst erz\u00e4hlen, weil ich sie nicht gesp\u00fcrt habe: Das Ensemble ist klasse. Die Farben sind fast zu flirrend, aber irgendwie passt die verschwitzte Atmosph\u00e4re ziemlich gut. Und nat\u00fcrlich erz\u00e4hlt der Film viel \u00fcber ein Amerika, das angeblich vergangen ist, das dem heutigen aber doch nicht so un\u00e4hnlich ist. Die Fasziniation f\u00fcr Musiker ist geblieben, deren Umgang mit ihren Fans und diversen illegalen Rauschmitteln sicherlich auch, und die \u201eRassenfrage\u201c ist noch nicht so weit gekl\u00e4rt, wie man das vielleicht gerne h\u00e4tte. Trotzdem hat mich der Film v\u00f6llig kalt gelassen; keiner der Darsteller hat mich emotional erreicht, nicht mal Jamie Foxx, der wirklich gro\u00dfartig ist, aber dem ich trotzdem die ganze Zeit einfach bei seiner Arbeit als Schauspieler zugesehen habe. Wann immer man seine H\u00e4nde sah, habe ich mich gefragt, ob er selbst spielt, und wann immer er die eigenartige Haltung von Ray Charles nachgemacht hat, habe ich mich gefragt, wie lange er daf\u00fcr vor dem Spiegel ge\u00fcbt hat, bis es nicht mehr albern, sondern echt aussah.<\/p>\n<p>Vielleicht habe ich <em>Ray<\/em> deswegen auch nicht gemocht, weil ich erst vor wenigen Tagen einen anderen, biografischen Film gesehen hatte, der mir unerwarteterweise sehr gut gefallen hat: <em><a href=\"http:\/\/www.ankegroener.de\/index.php?p=582\">The Aviator<\/a><\/em>. Regisseur Martin Scorsese zerteilt den Film ebenfalls in kleine Abschnitte, aber aus ihnen entsteht ein Fluss, der einen mitnimmt, im Gegensatz zu <em>Ray<\/em>, wo man jede Trennung merkt. Auch in <em>The Aviator<\/em> haben wir einen Helden, der gegen seine D\u00e4monen k\u00e4mpft, aber diese kommen organisch daher und nicht so gebetsm\u00fchlenartig aufgesetzt. Und auch in <em>The Aviator<\/em> haben wir eine Unmenge an biografischen Details. Der Unterschied zu <em>Ray<\/em> ist, dass sich Scorsese f\u00fcr die seiner Meinung nach wichtigsten entschieden hat, w\u00e4hrend Hackford irgendwie alles mitnehmen wollte. Und deshalb ist <em>Ray<\/em> eine komische, unausgegorene Mischung geworden und leider kein Film, bei dem ich staunend auf die Leinwand geschaut habe. Sondern leider nur gequ\u00e4lt auf die Uhr.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ray (Ray, USA 2004, 152 min) Darsteller: Jamie Foxx, Kerry Washington, Regina King, Clifton Powell, Harry J. Lennix, Bokeem Woodbine, Aunjanue Ellis Musik: Craig Armstrong, Ray Charles Kamera: Pawel Edelman Drehbuch: James L. 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