{"id":6093,"date":"2005-01-10T13:02:14","date_gmt":"2005-01-10T11:02:14","guid":{"rendered":"http:\/\/www.ankegroener.de\/?p=6093"},"modified":"2010-01-10T13:02:45","modified_gmt":"2010-01-10T11:02:45","slug":"to-karl-with-love","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/ankegroener.de\/blog\/?p=6093","title":{"rendered":"To Karl with love"},"content":{"rendered":"<p><a href=\"http:\/\/www.ankegroener.de\/?p=6087\">10.01.2010<\/a><\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.ankegroener.de\/razza\/..\/Bilder\/karlandme.jpg\" alt=\"karlandme\" title=\"karlandme\" width=\"380\" height=\"261\" class=\"alignnone size-full wp-image-6088\" srcset=\"https:\/\/ankegroener.de\/blog\/..\/Bilder\/karlandme.jpg 380w, https:\/\/ankegroener.de\/blog\/..\/Bilder\/karlandme-353x242.jpg 353w\" sizes=\"auto, (max-width: 380px) 100vw, 380px\" \/><\/p>\n<p>Karl Dewaine Glass, 10.01.1962 \u2013 02.12.1999<\/p>\n<p>Happy birthday, love. Wish you were here.<br \/>\n&#8211;<br \/>\n&#8212;<br \/>\n&#8211;<br \/>\n<a href=\"http:\/\/www.ankegroener.de\/?p=3492\">10.01.2009<\/a><\/p>\n<p>Berlin ist ein ganzganzganz winziges bisschen, kaum sp\u00fcrbar, ich will&#8217;s auch gar nicht laut sagen, meine zweite Heimat geworden. Das kommt wahrscheinlich automatisch, wenn man hier monatelang ruml\u00e4uft und arbeitet und einen normalen Tagesablauf hat und sich in Hamburg am Wochenende eher wie auf der Durchreise f\u00fchlt. Ich hatte trotzdem \u00fcberhaupt nicht damit gerechnet, weil Berlin seit knapp zehn Jahren eine Stadt ist, mit der ich erstmal Schmerz verbinde. Denn in Berlin habe ich <a href=\"http:\/\/www.ankegroener.de\/anke1\/pasdeblog\/to_karl_with_love.html\">Karl<\/a> kennengelernt, wir haben eine sehr intensive Woche zusammen verbracht, w\u00e4hrend ich (leider vergeblich) versucht habe, die Pr\u00fcfung an der <a href=\"http:\/\/www.dffb.de\/\">dffb<\/a> zu bestehen, um Drehbuch studieren zu k\u00f6nnen. <\/p>\n<p>Ein Teil der Pr\u00fcfung war es, einen dreimin\u00fctigen Super-8-Film zu drehen. Aus, soweit ich mich erinnere, f\u00fcnfzehn Titelvorschl\u00e4gen habe ich mich f\u00fcr \u201eRund um die Ged\u00e4chtniskirche\u201c entschieden. Denn als es darum ging, sich f\u00fcr ein Thema zu entscheiden, kannte ich noch niemanden in der Stadt und hatte daher weder Schauspieler noch Kulissen, mit denen ich etwas h\u00e4tte machen k\u00f6nnen, was zum Titel \u201eVorfreude\u201c (wei\u00df ich nicht mehr, ob es wirklich so einen Titel gab, aber die Richtung stimmt) gepasst h\u00e4tte. Also hatte ich nur die Wahl zwischen \u201eAm Alexanderplatz\u201c und eben der Ged\u00e4chtniskirche. Ich kannte beide Orte von der obligatorischen Berlin-Klassenfahrt und verband mit der Kirche \u201eeindrucksvoll\u201c und mit dem Alexanderplatz \u201eh\u00e4sslich, leer, Zwangsumtausch\u201c. Daher war die Wahl einfach.<\/p>\n<p>Ich trieb mich einen Tag lang an der Kirche herum, guckte mir Perspektiven an, die ganzen L\u00e4den, die vielen Touristen, die Ruine, den Neubau. Eigentlich wollte ich nur ein Stimmungsbild aufnehmen, aber dann traf ich Karl. Und hatte damit immerhin eine Person, die ich vor der Kamera rumlaufen lassen konnte. Also hat Karl f\u00fcr mich einen Touristen gemimt, der in verschiedene L\u00e4den geht und sich fiese Souvenirs kauft, zu McDonald&#8217;s, mit den Stra\u00dfenmusikanten tanzt &#8230; die kleine Idee am Film: die Kamera war ebenfalls ein Akteur, und ich reichte Karl mit deutlich sichtbarer Hand Geld oder bewegte die Kamera wie beim Kopfsch\u00fctteln, wenn das Berlin-Souvenir besonders h\u00e4sslich war. Klingt heute total banal, schien damals aber ne gute Idee zu sein, wenn ich mich an die Reaktionen meiner Mitbewerber erinnere, als wir alle zusammen alle Filme geguckt haben. (Und ich \u00e4rgere mich immer noch, dass ich nicht mal fr\u00fcher als Anfang diesen Monats bei der dffb angerufen habe, um mal nachzufragen, ob es diesen Film noch gibt. Es gibt ihn nicht mehr.)<\/p>\n<p>Ende 1999 ist Karl bei einem Autounfall ums Leben gekommen. Ich war seitdem nur dreimal in Berlin, was gr\u00f6\u00dftenteils nicht wirklich Spa\u00df gemacht hat. Ich verbinde mit der Stadt einfach einen mir sehr wichtigen Menschen, und immer, wenn ich in Berlin bin, merke ich doppelt so stark, dass er nicht mehr da ist. Es ist jetzt \u00fcber zehn Jahre her, dass ich Karl das letzte Mal gesehen habe, und es tut nicht mehr ganz so weh. Der Schmerz ist einem tiefen Bedauern gewichen, dass er nicht mehr mitgekriegt hat, wie sehr ich mich ver\u00e4ndert habe, meiner Meinung nach zum Guten. Ich h\u00e4tte ihm gerne gezeigt, dass ich stark sein kann und nicht immer so f\u00fcrchterlich nah am Wasser, so entscheidungsunfreudig, so traurig, so einsam. Ich h\u00e4tte ihm gerne erz\u00e4hlt, dass ich einen Beruf gefunden habe, der mich ausf\u00fcllt und mir Selbstvertrauen gibt. Ich h\u00e4tte ihm gerne eine aufger\u00e4umte Wohnung pr\u00e4sentiert, mein Patenkind und die vielen St\u00e4dte in Deutschland, die er nicht mehr besuchen konnte. Und ich w\u00e4re gerne mit ihm zur Ged\u00e4chtniskirche gegangen, das gute alte \u201eWei\u00dft du noch\u201c-Spiel spielen. <\/p>\n<p>Ich war vor einigen Wochen da. Ich bin nicht nur daran <a href=\"http:\/\/www.ankegroener.de\/?p=2542\">vorbeigefahren<\/a>, sondern bin hingegangen, habe mir Zeit genommen, um mehrere Male um das Geb\u00e4ude rumzulaufen. Habe die L\u00e4den gesucht, die wir damals gefilmt haben. Und habe erschreckt festgestellt, dass der Klo\u00df im Hals anscheinend immer da ist, wenn ich diese Kirche sehe oder sogar vor ihr stehe. <\/p>\n<p>Die Kirche war ge\u00f6ffnet, und ich bin kurz in den Andachtsraum gegangen, um ein Gebet f\u00fcr Karl zu sprechen und ein bisschen Kraft f\u00fcr den R\u00fcckweg zu sch\u00f6pfen. Hat nicht ganz geklappt. Ich habe es gerade noch geschafft, meine M\u00fctze vom Kopf zu nehmen und mich zu setzen, bevor ich angefangen habe zu weinen. Anscheinend ist an bestimmten Orten das Bedauern nicht genug. Hier ist es wieder Schmerz, der v\u00f6llig vergessen hat, dass er schon zehn Jahre alt ist.<\/p>\n<p>Berlin ist meine zweite Heimat. Und ich z\u00e4hle die Stunden, bis ich von hier weg kann.<\/p>\n<p>Karl Dewaine Glass, 10.01.1962 \u2013 02.12.1999<\/p>\n<p>Happy birthday, love. Wish you were here.<\/p>\n<p>&#8211;<br \/>\n&#8212;<br \/>\n&#8211;<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/www.ankegroener.de\/?p=2327\">10.01.2008<\/a><\/p>\n<p>Ich spreche weniger mit dir. Vielleicht, weil du schon so lange weg bist. Vielleicht auch, weil ich jetzt mit vielen anderen \u00fcber die Dinge reden kann, \u00fcber die ich mit dir geredet habe. Vielleicht auch, weil es seit einiger Zeit jemanden in meinem Leben gibt, der mir ein \u00e4hnlich gutes Selbstwertgef\u00fchl vermittelt, wie du es gr\u00f6\u00dftenteils getan hast. <\/p>\n<p>Ach ja, \u201egr\u00f6\u00dftenteils\u201c. Ich verkl\u00e4re dich weniger; ich gestatte mir, auch an die Ereignisse zu denken, bei denen du mir ganz f\u00fcrchterlich auf die Nerven gegangen bist \u2013 und ich habe kein schlechtes Gewissen mehr deswegen, weil ich nicht mehr denke, dass ich damit dein Andenken irgendwie kaputtmachen w\u00fcrde. Daf\u00fcr habe ich ein schlechtes Gewissen, weil ich weniger mit dir spreche. <\/p>\n<p>Ich glaube daran, dass wir nie ganz weggehen, solange es noch jemanden gibt, der an einen denkt. Ich denke an meine Gro\u00dfm\u00fctter und meinen Opa, wenn sie Geburtstag haben. An dich denke ich jeden Tag, wenn ich an unserem Foto verbeikomme, das gerahmt bei mir im Wohnzimmer steht. <\/p>\n<p>Geh nicht weg.<\/p>\n<p>Karl Dewaine Glass, 10.01.1962 \u2013 02.12.1999<\/p>\n<p>&#8211;<br \/>\n&#8212;<br \/>\n&#8211;<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/www.ankegroener.de\/?p=1827\">10.01.2007<\/a><\/p>\n<p>Manchmal rede ich noch mit dir. Nicht mehr so oft wie fr\u00fcher. Scheint also zu stimmen, Zeit heilt. Hoffentlicht l\u00e4sst sie mich nicht vergessen. Oder verstummen. <\/p>\n<p>Ich rede mit dir, wenn mir etwas auff\u00e4llt, was mir sehr deutsch vorkommt. Vor ein paar Tagen sind mir in der Mittagspause zwei Handwerker entgegengekommen, in ihren klassischen Monturen, wie man sie auf der <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Wanderjahre\">Walz<\/a> tr\u00e4gt. Und sofort habe ich \u00fcberlegt, wie man dir jetzt erkl\u00e4ren kann, was die Walz ist, warum die Jungs das machen und wieso sie so seltsame Klamotten tragen. Und das alles auf Englisch. Im Kopf habe ich schon angefangen, nach Vokabeln zu suchen, bis mir mal wieder einfiel: Die brauche ich ja gar nicht. Ich muss dir nichts mehr \u00fcber Deutschland erz\u00e4hlen. Ich kann dir nichts mehr \u00fcber Deutschland erz\u00e4hlen. <\/p>\n<p>Diese Gedankenkette von \u201eEtwas sehen \u2013 Vokabeln suchen \u2013 sich erinnern, dass es Bl\u00f6dsinn ist\u201c dauert nur wenige Augenblicke. Ganz unmittelbar sto\u00dfen Dinge, die ich sehe, und Dinge, die ich f\u00fchle, zusammen. Und es tut jedesmal weh. Nicht mehr so weh wie fr\u00fcher. Scheint also zu stimmen, Zeit heilt.<\/p>\n<p>Aber trotzdem nie ganz.<\/p>\n<p>Karl Dewaine Glass, 10.01.1962 \u2013 02.12.1999<\/p>\n<p>Happy birthday, love. Wish you were here.<\/p>\n<p>&#8211;<br \/>\n&#8212;<br \/>\n&#8211;<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/www.ankegroener.de\/?p=1297\">10.01.2006<\/a><\/p>\n<p><strong>Famous last words<\/strong><\/p>\n<blockquote><p>Thema: Re: BACK!!!!!<br \/>\nDatum: 30.11.99 01:46:11 (MEZ)<br \/>\nVon: Shay D KD<br \/>\nAn: GroenerA<\/p>\n<p>Anke!<\/p>\n<p>I loved hearing from you! I am so proud of you! You should be my inspiration to go in pursuit of my dream. One problem, I am not sure what that is. The wedding sounded very nice, do you have a tape of you singing? I can&#8217;t wait to crowd into your little apartment when I visit. I liked Hamburg a lot, but didn&#8217;t see much of it. The Venice of the North! I would like to see several concerts there and bootleg them and then have TA offer them online for sale. That way I could recoup my travel costs. He made over $1300 off his Elvis bootleg! I wanted to call over the Thanksgiving holiday, but didn&#8217;t know how to contact you. Expect a call this weekend. I am glad you had help moving, if I could have I would have. Are your parents happy or sad? Tell them I said Hi!<\/p>\n<p>Love,<\/p>\n<p>Karl<\/p><\/blockquote>\n<p>Karl Dewaine Glass, 10.01.1962 \u2013 02.12.1999<\/p>\n<p>Happy birthday, love. You still owe me that call.<\/p>\n<p>&#8211;<br \/>\n&#8212;<br \/>\n&#8211;<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/www.ankegroener.de\/?p=387\">10.01.2005<\/a><\/p>\n<p><strong>And then he said &#8230;<\/strong><\/p>\n<p>&#8220;Do you speak English?&#8221;<\/p>\n<p>&#8220;This is my first smile in weeks.&#8221;<\/p>\n<p>&#8220;I&#8217;ve never met anyone like you.&#8221;<\/p>\n<p>&#8220;You are a great person, but you are in the wrong package. And that made me think: Do I really look just for the right package?&#8221;<\/p>\n<p>&#8220;You make me question my taste.&#8221;<\/p>\n<p>&#8220;Whenever I listen to you, I hear myself.&#8221;<\/p>\n<p>&#8220;I&#8217;m not afraid of going home because this world is not so dark anymore.&#8221;<\/p>\n<p>&#8212;<\/p>\n<p>&#8220;I don&#8217;t even have milk or bread at my place. I waited for you to arrive. Now we can go SHOPPING AT TWO IN THE MORNING.&#8221;<\/p>\n<p>&#8212;<\/p>\n<p>Karl Dewaine Glass, 10.01.1962 \u2013 02.12.1999<\/p>\n<p>Happy birthday, love. Wish you were here.<\/p>\n<p>&#8211;<br \/>\n&#8212;<br \/>\n&#8211;<\/p>\n<p>13.09.2004<\/p>\n<p>Small things, perfect moments.<\/p>\n<p>Der Augenblick im Denny&#8217;s in Fort Wayne, irgendwann Mai 1999. Ich war seit ein paar Tagen in den USA, bei Karl, bei Tom, bei Ron, bei meiner Zweitfamilie, beim Golfen, beim Filmegucken, beim Pokern, Biertrinken, Rauchen. Ich habe versucht, Rons Papagei deutsche Schimpfw\u00f6rter beizubringen. Ich habe Tom zur Arbeit gefahren, um dann mit seinem Auto \u00fcber den Highway zu kurven, die Sonne zu genie\u00dfen und Rush Limbaugh im Radio zu verfluchen. Ich habe an einer Baustelle gehalten und mich dar\u00fcber gewundert, dass es hier jemanden gibt, der ein Schild h\u00e4lt, das den Autofahren sagt, dass sie jetzt weiterfahren d\u00fcrfen anstatt dass eine Ampel das tut. Ich war bei Wendy&#8217;s und habe die braune Papiert\u00fcte, in der der Burger verpackt war, behalten, weil ich den Kontrast zwischen dem altmodischen Logo und der aufgedruckten Internet-Adresse so h\u00fcbsch fand. Ich habe Livin&#8217; la vida loca hundertmillionenmal geh\u00f6rt und mich dar\u00fcber gefreut, dass die first come, first serve-Regel an Kreuzungen wirklich funktioniert. Ich bin mit Karl stundenlang durch die Mall geschlendert, ohne irgendwas zu kaufen. Ich habe mir von Karls Gro\u00dfvater von seiner Zeit als Soldat in Deutschland erz\u00e4hlen lassen und mich gefragt, ob das stimmt, dass die K\u00fcrbisse bei uns anders schmecken als hier. Ich habe jeden Augenblick genossen, aber dieses ganz bestimmte Gef\u00fchl hatte sich noch nicht eingestellt. Dieses Gef\u00fchl, das ich letztes Mal bereits beim Anflug auf Chicago hatte. Das Gef\u00fchl, das mir sagt: This is home. You&#8217;re safe. And it&#8217;s not the movies, it&#8217;s real. Mein ganz pers\u00f6nliches Amerika-Gef\u00fchl eben. Es lie\u00df noch auf sich warten, obwohl ich alles tat, um mich davon zu \u00fcberzeugen, dass doch alles klasse war.<\/p>\n<p>Und dann sa\u00dfen Karl und ich eines Abends bei Denny&#8217;s. Er knabberte an seinen Pommes, ich schl\u00fcrfte ger\u00e4uschvoll einen Schoko-Shake, und drau\u00dfen ging die Sonne unter. Ich fragte die Bedienung, ob ich eine Speisekarte kaufen k\u00f6nne als Andenken f\u00fcr einen Freund zuhause. Sie fragte, wo ich herk\u00e4me, ich sagte Deutschland, und wir plauderten ein wenig. W\u00e4hrenddessen wurde der Himmel dunkelrot, dann dunkelblau, die Stra\u00dfenlaternen und neon signs flackerten auf, Karl hatte seine Pommes vernichtet, und mein Schoko-Shake war zu schn\u00f6dem Kakao geworden. Ich guckte nach drau\u00dfen, besah mir die Autos, die Wolken, die Menschen, die Lichter, guckte zu Karl, der davon fasziniert war, dass ich von allem in Amerika fasziniert war, und dann kam die Bedienung wieder an den Tisch. Sie gab mir eine Speisekarte und meinte, sie w\u00e4re ein Geschenk. &#8220;Something to remember us by.\u201c<\/p>\n<p>Und da war es. Das Gef\u00fchl, auf das ich gewartet hatte. Mein Gef\u00fchl. Dass ich alles hinter mir gelassen hatte, was mich belastete: meine unsichere Jobsituation, meine nicht vorhandenen Zukunftspl\u00e4ne, meine unaufger\u00e4umte Wohnung, mein Genervtsein von mir selbst, meine Traurigkeit, meine Einsamkeit. Ich hatte nur mich mitgebracht, und das reichte, um mich sicher zu f\u00fchlen. Und alles, was noch z\u00e4hlte, war hier an diesem Tisch: mein Seelenverwandter, ein Geschenk einer Fremden und eine kleine freundliche Geste. Und die Aufforderung, sich an all das zu erinnern.<\/p>\n<p>I&#8217;ll do that. It hurts a little. But it&#8217;s worth it.<\/p>\n<p>&#8211;<br \/>\n&#8212;<br \/>\n&#8211;<\/p>\n<p>19.05.2004<\/p>\n<p>Schon komisch, wie schnell man von Hamburg nach Indiana kommt. Jedenfalls per Geruch, Ger\u00e4usch oder Gef\u00fchl.<\/p>\n<p>Manchmal reicht der Geruch von Chlor, und ich muss an Karls K\u00fcche denken und daran, dass ich mich immer vor einer Gasexplosion gef\u00fcrchtet habe, sobald er den Herd angemacht hat. Das Ger\u00e4usch von Pokerchips l\u00e4sst mich an die fiesen Abende denken, die wir mit seinem Freund Tom und seinem Bruder und viel zu viel Budweiser verbracht haben und an denen ich wirrste Varianten von <em>stud poker<\/em> gelernt und bis heute behalten habe. Und bei jedem Becher eiskaltem Ben &#038; Jerry&#8217;s in meiner Hand denke ich an meinen ersten Besuch in einem amerikanischen Supermarkt, bei dem ich fast in die K\u00fchlschr\u00e4nke gekrochen bin, so sehr hat mich die Gr\u00f6\u00dfe der Teile beeindruckt.<\/p>\n<p>Und manchmal bekommt man sogar alles auf einmal. Einen Geruch, ein Ger\u00e4usch, ein Gef\u00fchl.<\/p>\n<p>Wir hatten gestern in der Agentur unsere so genannte Unitrunde. Dabei wurde unser Team von den Cheffes an einen uns vorher nicht bekannten Ort gef\u00fchrt, wo wir dann uns vorher nicht bekannte Dinge tun w\u00fcrden. Wir trabten also gespannt durch die Hamburger Innenstadt \u2013 Thalia Theater? M\u00fcssen wir Text lernen? Kunsthalle? Malen? Oder gucken wir uns blo\u00df die Baustelle der Europa-Passage an? \u2013, bis wir vor einer unscheinbaren T\u00fcr stehenblieben, die, glaube ich, niemandem von uns jemals aufgefallen war. Aber die Aufschrift an der T\u00fcr war deutlich: <a href=\"http:\/\/www.hanseatic-gun-club.de\/deutsch.phtml\">Hanseatic Gun Club<\/a>. <\/p>\n<p>Wir w\u00fcrden in der Gegend rumballern d\u00fcrfen. Mit echten Knarren und scharfer Munition. Der Alptraum jedes Zivildienstleistenden.<\/p>\n<p>Sobald ich das T\u00fcrschild gelesen hatte, hatte ich ein Grinsen im Gesicht, das den ganzen Nachmittag nicht wieder wegging. Und als ich die automatische Pistole in der Hand hatte, war alles wieder da: die Erinnerung an die Nachmittage mit Karl und Tom auf einer <em>shooting range<\/em>, drei Sandbahnen, die wie selbst geschaufelt aussahen und sich malerisch direkt hinter einen Campingplatz mitten in der Pampa schmiegten. Meine anf\u00e4ngliche Angst vor den Knarren, die Tom zu dutzenden aus seinem Waffenkoffer holte (stilecht mit NRA-Aufkleber und &#8220;Guns don&#8217;t kill people. People kill people&#8221;-Gl\u00fcckskeksweisheit). Meinen Respekt, den mir die beiden vermittelten, indem sie mir jeden Hebel an jeder Waffe erkl\u00e4rten, bevor ich sie \u00fcberhaupt anfassen geschweige denn laden durfte. Und dieses unglaubliche Gef\u00fchl, als ich zum ersten Mal eine Waffe abgefeuert habe.<\/p>\n<p>Als der Plan aufkam, mal auf die <em>shooting range<\/em> zu fahren, um mir das ultimative Touri-Erlebnis zu bescheren, hatte ich mich mit H\u00e4nden und F\u00fc\u00dfen gewehrt. Ich war wirklich nicht wild darauf, mit echter Munition in der Gegend rumzuknallen und hatte, ehrlich gesagt, auch ein bisschen Schiss. Die beiden haben locker gesagt, wenn du nicht willst, dann musst du nicht. Guck erstmal zu, und wenn du doch Bock hast, sag Bescheid.<\/p>\n<p>Also habe ich zugeguckt, wie die beiden Toms Arsenal scharf gemacht haben. Als ich fragte, worauf sie denn \u00fcberhaupt schie\u00dfen w\u00fcrden, grinste Tom nur, \u00f6ffnete den Kofferraum seines Autos und zerrte drei M\u00fclls\u00e4cke voll leerer Bierdosen heraus: &#8220;Real Americans aim at real American targets \u2013 Budweiser cans.&#8221;<br \/>\nKarl und Tom best\u00fcckten die Sandd\u00fcne der 25 Yards-Bahn (die 50er und 100er waren zu meinem Blindfisch-Gl\u00fcck besetzt), stellten sich in Positur und begannen, die Dosen abzuschie\u00dfen. Nat\u00fcrlich dauerte es nur ungef\u00e4hr 30 Sekunden, bis ich es auch mal versuchen wollte. Und so habe ich meine erste Waffe in die Hand genommen: eine halbautomatische <a href=\"http:\/\/www.taurususa.com\/pistols.cfm?model=99SS5&#038;category=Pistol\">.40er<\/a>. Sie war schwerer als ich erwartet hatte, obwohl sie noch nicht geladen war. Ich muss gestehen, ich war von der Optik ziemlich beeindruckt. Innerhalb einer Sekunde war das Unbehagen, eine t\u00f6dliche Waffe in der Hand zu haben, der Faszination gewichen, ein St\u00fcck absolut pr\u00e4zise, k\u00fchle Mechanik zu erleben.<\/p>\n<p>Ich habe das Magazin mit den Kugeln best\u00fcckt, habe mir nochmal das Zielen erkl\u00e4ren lassen, das Entsichern, den Abzug, das Schie\u00dfen. Tom und Karl hatten mir auch erz\u00e4hlt, dass der R\u00fccksto\u00df sehr stark sei und dass ich mich nicht erschrecken solle. Hab ich nat\u00fcrlich trotzdem, denn auf dieses Gef\u00fchl, dass mir gleichzeitig beide H\u00e4nde hochgerissen und die Schultern zur\u00fcckgedr\u00fcckt wurden und es gleichzeitig trotz Ohrst\u00f6pseln noch h\u00f6llisch laut knallte, war ich trotz aller Erl\u00e4uterungen nicht vorbereitet. Aber nach dem ersten Schreck war ich angefixt. Ich habe wie Dirty Harry breitbeinig im Sand gestanden und wie bl\u00f6de Bierdosen weggeknallt. Und meine Fresse, hat das einen Heidenspa\u00df gemacht.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.ankegroener.de\/razza\/..\/Bilder\/budweiser_can.jpg\" alt=\"budweiser_can\" title=\"budweiser_can\" width=\"360\" height=\"480\" class=\"alignnone size-full wp-image-6098\" srcset=\"https:\/\/ankegroener.de\/blog\/..\/Bilder\/budweiser_can.jpg 360w, https:\/\/ankegroener.de\/blog\/..\/Bilder\/budweiser_can-353x470.jpg 353w\" sizes=\"auto, (max-width: 360px) 100vw, 360px\" \/><\/p>\n<p>Im Laufe meines Urlaubs waren wir noch mehrmals auf der range, teils mit noch mehr Bierdosen (selbst geleert, selbst abgeschossen), teils mit Zielscheiben, die wir in einem Anglerladen beim Campingplatz gekauft haben. Ich bin der .40er treu geblieben, habe aber auch noch mit einem <a href=\"http:\/\/www.smith-wesson.com\/\">.38er Revolver<\/a> rumgeballert und der <a href=\"http:\/\/www.magnumresearch.com\/Desert_Eagle.asp\">Desert Eagle<\/a>, eine .44er, die so schwer war, dass ich nach jedem Schuss die Arme runternehmen musste. Dieses Erlebnis und das Gef\u00fchl, das ich mitgenommen habe, waren einmalig: sehr intensiv, sehr besonders und sehr amerikanisch.<\/p>\n<p>Ich h\u00e4tte nicht gedacht, dass ich dieses Gef\u00fchl nochmal erleben w\u00fcrde, jetzt, wo Karl nicht mehr mit mir auf Bierdosen schie\u00dfen kann. Aber komischerweise hat es sich fast so angef\u00fchlt, als w\u00e4re er gestern dabei gewesen. Ich habe ihn gesp\u00fcrt, als ich zum ersten Mal die Pistole und danach den Revolver in die Hand genommen und erstaunt festgestellt habe, dass sich meine H\u00e4nde an das Gef\u00fchl sofort erinnern, eine Waffe zu halten. Ich hatte keine Angst mehr vor dem R\u00fccksto\u00df und dem Knall, weil ich wusste, was kommt. Und ich habe mich sofort wieder an den seltsamen metallischen Geruch erinnert, der danach an den H\u00e4nden klebt.<\/p>\n<p>Es war sch\u00f6n, mal wieder nach Indiana zu kommen, auch wenn der Klo\u00df im Hals im Laufe des Abends immer dicker wurde.<\/p>\n<p>Hab mir ne gute Agentur ausgesucht.<\/p>\n<p>&#8211;<br \/>\n&#8212;<br \/>\n&#8211;<\/p>\n<p>10.01.2004<\/p>\n<p>Ich wollte das Gedicht <em><a href=\"http:\/\/www.wowzone.com\/death.htm\">Death Is Nothing At All<\/a><\/em> von Henry Scott Holland posten. Aber ich finde, es wird dir nicht gerecht. Du warst eher ein Freund von langen, fiesen S\u00e4tzen mit ner Menge spannender Vokabeln. Die Botschaft mag stimmen; die Form tut es nicht.<\/p>\n<p>Dann wollte ich den Klassiker <em><a href=\"http:\/\/www.poetryconnection.net\/poets\/Dylan_Thomas\/1097\">And Death Shall Have No Dominion<\/a><\/em> von Dylan Thomas nehmen. Aber der ist mir einfach zu martialisch, zu schwer, zu ochnee. Ich sehe dich fast vor mir, wie du die Augen verdrehst und mir sagst, das postest du nur, weil da ne Menge langer, fieser S\u00e4tze mit ner Menge spannender Vokabeln drin sind.<\/p>\n<p>Dann dachte ich an das Zitat von Alfred Lord Tennyson: &#8220;&#8216;Tis better to have loved and lost than never to have loved at all.&#8221; Aber auch hier habe ich dich vor meinem inneren Auge, wie du mir von der Couch her \u00fcber die Schulter guckst, w\u00e4hrend ich den Kram in mein Tagebuch schreibe und erstens n\u00f6lst, dass du es nicht lesen darfst, und wenn ich es dir dann sage, dich zweitens beschwerst, dass ich dir so einen Bl\u00fcmchentext widmen will.<\/p>\n<p>Also habe ich mich deinem absoluten Lieblingss\u00e4nger zugewandt: <a href=\"http:\/\/www.elviscostello.com\/\">Elvis Costello<\/a>. Ich wei\u00df noch, wie du mich hysterisch angerufen hast, als er dir nach seinem Auftritt in Indianapolis ein Autogramm gegeben hat. <\/p>\n<p>Also hoffe ich, dass dir dieser Text zusagt.<br \/>\nEigentlich bin ich mir sogar ziemlich sicher, dass er das tut.<\/p>\n<p>&#8220;It&#8217;s strange to finally find myself so tongue-tied<br \/>\nA change has come over me<br \/>\nI&#8217;m powerless to express<br \/>\nEvery thing I know but cannot speak<br \/>\nAnd if I try my voice will break<br \/>\nSomeone took the words away<br \/>\nSomeone took the words away.&#8221;<\/p>\n<p>Karl Dewaine Glass, 10.01.1962 \u2013 02.12.1999<\/p>\n<p>Happy birthday, love. Wish you were here.<\/p>\n<p>&#8211;<br \/>\n&#8212;<br \/>\n&#8211;<\/p>\n<p>11.07.2003<\/p>\n<p>\u201eThere was a time I was happy in my life<br \/>\nThere was a time I believed I&#8217;d live forever\u201c<\/p>\n<p>Manchmal glaubt man, der Job sei der Grund daf\u00fcr, dass man so nah am Wasser ist und kaum die Mundwinkel zu einem L\u00e4cheln hochkriegt und man sich nicht konzentrieren kann und man einfach nur nach Hause unter die Bettdecke will. Der Job. Oder der ungeliebte, weil nicht voll funktionsf\u00e4hige K\u00f6rper. Oder auch nur die Tatsache, dass der Lieblingsjogurt ausverkauft ist. Und erst wenn man abends im Bett liegt und bei einer Songzeile von Madonna auf einmal hemmungslos zu weinen anf\u00e4ngt, wird einem klar, dass man nicht so schlecht drauf ist, weil JobK\u00f6rperJogurt. Sondern weil Karl. Weil man geliebt und verloren hat. Weil einem an manchen Tagen mit aller Macht bewusst wird, dass man bestimmte Menschen nie wieder sehen, nie wieder eine E-Mail von ihnen bekommen, nie wieder mit ihnen \u00fcber schlechte Witze lachen und nie wieder eine Diskussion \u00fcber Pro und Contra Diet Coke f\u00fchren wird. Nie wieder. An normalen Tagen tut es weh. An anderen ein bisschen mehr. Und an manchen will man eben einfach nur noch unter die Decke, auf den Arm, ganz weit weg und dabei zerflie\u00dfen. Aus Schmerz, verloren zu haben. Aus Angst, so etwas nie wieder zu finden. Aus Verzweiflung, weil man gar nicht wei\u00df, wo man suchen sollte.<\/p>\n<p>Aber wenn man dann leergeheult ist, erinnert man sich pl\u00f6tzlich daran, wie gro\u00dfartig sich die Liebe angef\u00fchlt hat. Wie wundervoll die Vertrautheit und die Geborgenheit und die Sicherheit.<\/p>\n<p>Ich hatte all das. Und irgendwo sp\u00fcre ich noch, wie es war, so besch\u00fctzt zu werden; das Gef\u00fchl vermittelt zu bekommen, etwas ganz Besonderes zu sein. Dieses Gef\u00fchl geht nicht weg. Auch wenn ich alleine im Bett liege und an manchen Tagen bei Madonna anfange zu weinen.<\/p>\n<p>Wer wei\u00df? Wenn ich noch ein bisschen durchhalte und jeden Tag einen kleinen Schritt weitergehe &#8230; vielleicht werde ich dann irgendwann wieder ewig leben.<\/p>\n<p>Ich geh einfach mal los. Aber ich glaube, ich brauche noch ein paar Taschent\u00fccher f\u00fcr den Weg. Und ein paar f\u00fcr den Job. Und ein paar f\u00fcr den K\u00f6rper.<\/p>\n<p>Das mit dem Jogurt kriege ich, glaube ich, auch so hin.<\/p>\n<p>&#8211;<br \/>\n&#8212;<br \/>\n&#8211;<\/p>\n<p>18.05.2003<\/p>\n<p>&#8220;Maybe we are under the tyranny of cultural conventions and biological instincts, these forces lead us to feel out of sync with the world at large, and therefore we feel as if we are not part of the bigger picture.<br \/>\nHey, maybe we are the lucky ones, everyone else are the dull witted unfortunate ones that got caught. I have been brainwashed to believe that my happiness is found in others; wrong, happiness is now, happiness is in accepting who we are, not wondering what others are thinking about us. I don&#8217;t need someone else&#8217;s personal appraisal of my self worth, who&#8217;s to say that they can judge me? And why should I care if anyone finds me special? That concern just weighs me down. I am not saying that everyone else is unimportant, just their opinions of me.<\/p>\n<p>We all have perceptions and cognitions of this infinite place in which we exist, and no one sees the same pieces or experiences the same places, so we must grow strong in our own experiences, and glorify everyone&#8217;s claim at existence. <\/p>\n<p>Anke, you are a unique talent, stand by your viewpoint, sell it to the world, and you will when you believe in it with all of your might. No fear. It is so hard to love ourselves, because we are so aware of all of our supposed shortcomings, but those shortcomings only come through our idiotic attempts at comparisons of self with others. We must stop trying to measure up to illusory standards that have no objective reality.<br \/>\nWe are perfect in our imperfections.&#8221;<\/p>\n<p>On some days, I miss your words of wisdom even more. And I&#8217;d give the world for just one last conversation.<\/p>\n<p>&#8211;<br \/>\n&#8212;<br \/>\n&#8211;<\/p>\n<p>10.01.2003<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.ankegroener.de\/razza\/..\/Bilder\/Karl.jpg\" alt=\"Karl\" title=\"Karl\" width=\"269\" height=\"300\" class=\"alignnone size-full wp-image-6096\" \/><\/p>\n<p>Ich will dir sagen &#8230;<\/p>\n<p>&#8230; dass du ein sehr warmherziger, liebevoller, sensibler Mensch bist.<br \/>\n&#8230; dass du ebenso durchgeknallt und \u00fcberdreht sein kannst.<br \/>\n&#8230; dass ich beide Seiten an dir mag. Und sie mich gleichzeitig wahnsinnig machen.<br \/>\n&#8230; dass ich mit dir einige der sch\u00f6nsten Momente meines Lebens erfahren durfte.<br \/>\n&#8230; dass es mir viel bedeutet, dass du mir immer die Wahrheit gesagt hast. Auch, wenn&#8217;s manchmal weh getan hat.<br \/>\n&#8230; dass ich immer wusste, du bist da, auch wenn du so weit weg warst.<br \/>\n&#8230; dass du der mieseste Verlierer bei Risiko bist, den ich je gesehen habe.<br \/>\n&#8230; dass ich es ziemlich niedlich fand, dass du im Bad immer l\u00e4nger gebraucht hast als ich.<br \/>\n&#8230; dass es mich sehr gefreut hat, dass du irgendwann das Prinzip der Zeitverschiebung zwischen Amerika und Deutschland begriffen und mich nicht mehr um 5 Uhr morgens aus dem Bett geklingelt hast.<br \/>\n&#8230; dass ich es sehr sympathisch fand, dass du das deutsche Kino so eifrig verteidigt hast wie ich das amerikanische.<br \/>\n&#8230; dass es vor <em>Voyager<\/em> KEINE schwarzen Vulkanier gab.<br \/>\n&#8230; dass ich geschmolzen bin, als du in einer Regennacht in Berlin fast akzentfrei Goethe rezitiert hast.<br \/>\n&#8230; dass ich mich noch heute an viele deiner Worte genau erinnere und Kraft aus ihnen sch\u00f6pfe.<br \/>\n&#8230; dass ich sehr dankbar daf\u00fcr bin, dich kennengelernt zu haben.<br \/>\n&#8230; dass du mein Leben ver\u00e4ndert hast.<\/p>\n<p>Ich bin froh &#8230;<\/p>\n<p>&#8230; dass ich dir das alles noch sagen konnte, bevor du gegangen bist.<\/p>\n<p>Karl Dewaine Glass, 10.01.1962 \u2013 02.12.1999<\/p>\n<p>Happy birthday, love. Wish you were here.<\/p>\n<p>&#8211;<br \/>\n&#8212;<br \/>\n&#8211;<\/p>\n<p>15.11.2002<\/p>\n<p>Hab ich schon erw\u00e4hnt, dass ich James Deans Grabstein in Fairmount, Indiana, gek\u00fcsst habe? Nein. Dann hab ich&#8217;s jetzt. <\/p>\n<p>Ich bin ja immer noch der Meinung, dass es Schicksal war, dass ich Karl getroffen habe, der von allen 50 Staaten der USA ausgerechnet aus Indiana kam, dem Heimatstaat von James Dean. Ich als eingefleischter Fan habe ihn nat\u00fcrlich totgequatscht, als ich Karl das erste Mal besucht habe: Let&#8217;s go there can we go there how far is it have you been there why not it&#8217;s just around the corner what kind of freak ARE you anyway?<\/p>\n<p>N\u00f6rgeln n\u00fctzt, wie wir wissen, und so sa\u00dfen Karl und ich eines sch\u00f6nen Tages, genauer gesagt, am 1. Oktober 1996, in seinem fies t\u00fcrkisfarbenen Honda mit dem wundersch\u00f6nen Nummernschild, das alle Wagen aus Indiana ziert: <em>Amber Waves of Grain<\/em>, und fuhren nach Fairmount, eine gute Stunde von Fort Wayne weg, Karls Wohnort. Ich habe den totalen Touri raush\u00e4ngen lassen, alles fotografiert, was irgendwie entfernt einen Hauch an James Dean erinnert (Highway Signs! Ganz wichtig! Unglaublich biografisch!) und war so nerv\u00f6s wie vor einem ersten Date. <\/p>\n<p>Fairmount selber ist ein typisches, verschlafenes D\u00f6rfchen im Mittleren Westen \u2013 3000 Einwohner, sauber, ordentlich, langweilig. Ich hab mich wie im Paradies gef\u00fchlt. Mit der auswendig gelernten Biografie von James (oder Jimmy, wie ich ihn z\u00e4rtlich nenne) im Kopf habe ich das Gef\u00fchl gehabt, den Ort zu kennen: die Farm der Winslows, auf der er aufgewachsen ist, die Stra\u00dfen, durch die er geschlendert sein muss, einfach das Gef\u00fchl, in diesem kleinen \u00d6rtchen am Arsch der Welt zu sein und hier wegzuwollen, in eine andere, gr\u00f6\u00dfere Stadt, die Potenzial erkennt und f\u00f6rdert. <\/p>\n<p>Nach kurzem Suchen hatten wir den Friedhof gefunden und auch das Grab. Nat\u00fcrlich gab es Wegweiser, und au\u00dferdem war der Tag vor unserem Besuch, der 30. September, James&#8217; Todestag gewesen. Sein Grab war \u00fcbers\u00e4t mit Blumen. Ich konnte kaum den Stein entdecken \u2013 er ist \u00fcbrigens der dritte, denn sowohl der Originalgrabstein als auch die zweite Version sind geklaut worden. <\/p>\n<p>Ich hatte wirklich einen Klo\u00df im Hals \u2013 denn, auch wenn es peinlich ist und meine doofen Freunde noch heute Witze \u00fcber meine James-Dean-Jacke in der 10. Klasse Witze machen \u2013 er war, glaube ich, der erste Filmstar, f\u00fcr den ich mich richtig begeistern konnte. Kein Wunder, bei so sch\u00f6nen pubert\u00e4ren Problemfilmen wie <em>Rebel without a cause<\/em> und <em>East of Eden<\/em>. <em>Giant<\/em> war mir ja schon fast einen Tick zu erwachsen. Egal. Ich liebe sie alle. Hr\u00f6m. Alle drei.<\/p>\n<p>Jedenfalls habe ich versucht, ein bisschen in Trauer- und Abschiedsstimmung zu kommen, was mir nicht richtig gelungen ist, weil Karl die ganze Zeit schlechte Witze \u00fcber das Sexualverhalten und die Gr\u00f6\u00dfe meines Idols gemacht hat. Irgendwann hab ich dann auch nur noch gegackert, die obligatorischen Fotos gemacht und gut war. <\/p>\n<p>Wir sind danach ins Fairmount Historical Museum gefahren \u2013 <em>quite a stretch<\/em>, wenn man sich \u00fcberlegt, dass die Stadt gerade mal popelige 200 Jahre existiert. Wenn \u00fcberhaupt. Der Hauptteil des Museums ist nat\u00fcrlich auch James Dean gewidmet. Ein Exponat hat mich wirklich begeistert: das Originalscript zu <em>Giant<\/em>, mit seinen handschriftlichen Anmerkungen. Hach :-) Seine Cowboystiefel vom Set in Gr\u00f6\u00dfe h\u00f6chstens 41 haben die Ehrfurcht dann zwar wieder etwas ruiniert, aber egal.<\/p>\n<p>Zum Abschluss des Tages waren wir noch auf einer Shooting Range, wo ich gem\u00fctlich mit ner netten .38er rumgeballert habe, aber das ist eine andere Geschichte.<\/p>\n<p>&#8211;<br \/>\n&#8212;<br \/>\n&#8211;<\/p>\n<p>04.08.2002<\/p>\n<p>Kurz vor eins. Wieder im Zug. Diesmal ein popeliger EuroCity, der mich von Berlin Zoo wieder ins sch\u00f6ne Hamburg-Altona bringt. Bin immer noch verheult, daf\u00fcr aber pappsatt und voller Eindr\u00fccke.<\/p>\n<p>Verheult, weil ich echt nicht damit gerechnet habe, wie sehr mich der Karl-Flash erwischen w\u00fcrde. Berlin ist einfach nicht mehr meine Stadt, seit ich ihn hier kennengelernt habe. Alles, was ich sehe, erinnert mich an irgendwas, was wir zusammen gemacht haben. Die wenigen Tage, die ich mit ihm in Berlin verbracht habe, waren so intensiv, dass ich mich an soviele Kleinigkeiten erinnere. Dinge, die ich normalerweise sofort vergesse. Was wir beim Kaiser&#8217;s um die Ecke der Wohnung eingekauft haben. Auf welcher Bank genau wir an der Ged\u00e4chtniskirche gesessen haben. Welche U-Bahn-Linie wir zur Filmhochschule genommen haben. Welche Filme wir in welchem Kino gesehen und wieviel die Karten gekostet haben. Egal, wo ich in Berlin hingekommen bin \u2013 irgendwas war immer so oder so \u00e4hnlich, wie ich es mit ihm erlebt habe. Oder es hat mich einfach bei dem Gedanken zerrissen, dass er bei der Hochzeit ne Menge Spa\u00df gehabt h\u00e4tte. Berlin war immer seine Lieblingsstadt in Deutschland, und er hat mir ewig davon vorgeschw\u00e4rmt, dass er hier auf jeden Fall noch einmal hinwollte. Und ich musste bei der ganzen Feierei nur daran denken, wie gut ihn das alles gefallen h\u00e4tte.<\/p>\n<p>Die Hochzeit selber war n\u00e4mlich total kitschig, m\u00e4rchenhaft, romantisch, wundersch\u00f6n. Angefangen hat alles in einer kleinen, heimeligen Kirche \u2013 mit einem am\u00fcsant nicht-englischsprachigem Gospelchor, der aber trotzdem unbedingt Englisch singen musste und einer Organistin, die, glaube ich, aus Prinzip die Fuge von Bach gespielt hat, nach dem Motto: Ist eh das einzige St\u00fcck, was jeder auf der Orgel kennt, also spiel ich&#8217;s. Mir doch egal, ob&#8217;s zu einem hei\u00dfen Sommertag passt und ich vor allen Dingen die T\u00f6ne treffe oder nicht.<\/p>\n<p>Im Anschluss an den Gottesdienst fuhr die gesamte Kolonne nach Teupitz, circa eine Stunde au\u00dferhalb von Berlin (tiefste Zone, sozusagen). Dort haben wir in einem ehemaligen Stasi-Schloss gefeiert. Zuerst gab&#8217;s gut gek\u00fchlte Torte im Garten, dann sind wir auf einen Ausflugsdampfer geklettert, der uns \u00fcber den Teupitzer See chauffiert hat \u2013 mit einer Band, die die Standard-Kuschel-Classics \u00e0 la <em>Killing me softly<\/em> intoniert hat. Ich hab mich an die Reling geh\u00e4ngt und \u201eIch bin der K\u00f6nig der Welt!\u201c gebr\u00fcllt. Das war schon sch\u00f6n. Und wenn die Ossis nicht soviel FKK machen w\u00fcrden, w\u00e4hrend Touris vorbeischippern, w\u00e4r&#8217;s noch sch\u00f6ner gewesen.<\/p>\n<p>Nach dem Boot gabs Gruppenfoto, ein wenig Freizeit (lang genug f\u00fcr mich, um zu duschen und aus meinem roten Anzug zu klettern, rein in die Jeans und das blaue Hemd \u2013 nur die Baseballkappe hab ich mir verkniffen). Abends kam dann das obligatorische Buffet (ausnehmend lecker, guter Service, mit Grill im Garten und meinem pers\u00f6nlichen Highlight: Amaretto-Erdbeeren auf Mascarpone-Schaum). Die Reden der Eltern etc waren angenehm kurz und lustig, die Ansprache des Paares sowieso (Werbetexter halt), mein Tisch voll mit netten Menschen, die Musik sehr passend, das Feuerwerk als kr\u00f6nender Abschluss des offiziellen Teils wundersch\u00f6n, und alle haben die Hochzeitszeitung geliebt. Und ich konnte alles immer nur f\u00fcr ungef\u00e4hr zehn Minuten genie\u00dfen, bis ich wieder Tr\u00e4nen in den Augen hatte.<\/p>\n<p>Ich musste immer an einen meiner Besuche in den USA denken. Karl, seine Familie und ich waren in Kendallville und haben uns auf einem Volksfest rumgetrieben. Dazu geh\u00f6rte eine Vorf\u00fchrung der \u00f6rtlichen High School: <em>Raise a ruckus<\/em>. In bunte Kost\u00fcme gewandete Teenager tanzten die \u00fcblichen, schwungvollen, Country-angehauchten Weisen des Mittleren Westens. Total kitschig, wie im Film, wenn ich sowas auf deutschen Sch\u00fctzenfesten sehe, kotze ich. Aber dr\u00fcben ist eben alles anders. Ich f\u00fchle mich emotional so sehr zugeh\u00f6rig, dass mich sowas einfach gl\u00fccklich macht. Und so habe ich auch ausgesehen. Freudentr\u00e4nen in den Augen, weil ich endlich in Amerika bin, weil mein bester Freund neben mir sitzt und das mit mir zusammen genie\u00dft, und vor allem, weil er wei\u00df, wie es mir geht und es ernst nimmt und sich nicht dar\u00fcber lustig macht. Ich habe kurz zu ihm r\u00fcbergeguckt und gesehen, dass auch er Tr\u00e4nen in den Augen hatte. Und er meinte nur: &#8220;I just saw all this through your eyes, and it made me very happy.&#8221;<\/p>\n<p>Und genauso h\u00e4tte ich ihn gestern gerne die ganze Hochzeit, die ganze Freude und die ganze wundersch\u00f6ne Stimmung durch meine Augen sehen lassen. And it FUCKING hurts that I wasn&#8217;t able to do that.<\/p>\n<p>&#8211;<br \/>\n&#8212;<br \/>\n&#8211;<\/p>\n<p>22.07.2002<\/p>\n<p>Die Gro\u00dfmutter meines besten Freundes ist Montag abend gestorben. Er tr\u00e4gt es mit Fassung, denn es war abzusehen. Und sie war schlie\u00dflich &#8230; 93, glaube ich. Auf jeden Fall uralt. Aber es ist immer wieder seltsam, sich verabschieden zu m\u00fcssen. Realisieren zu m\u00fcssen, dass man bestimmt Dinge nie wieder tut, bestimmt Worte nie wieder sagt und bestimmte Menschen nie wieder sieht.<\/p>\n<p>Als Karl gestorben ist, war es am Anfang noch surrealer als ein Abschied f\u00fcr immer sowieso schon ist. Ich habe es zuerst gar nicht im Kopf klar gekriegt, dass er mich nie wieder anrufen wird, dass ich nie wieder eine Antwort auf meine E-Mails kriege und dass er nie mehr nach Deutschland kommen wird. Und das nicht, weil er keine Lust hat oder mich nicht mehr sehen will, sondern weil er nicht mehr kann. Weil er nicht mehr da ist. Und eben dieses Nicht-mehr-da-Sein zu verstehen, hat bei mir etwas l\u00e4nger gedauert.<br \/>\nEr war schlie\u00dflich in Amerika und damit nicht in meiner direkten Umgebung. Ich war gerade umgezogen und lebte in einer Wohnung, die er nie betreten hatte. Ich konnte mich nicht daran erinnern, wie sein After Shave in diesem Badezimmer gerochen hat, weil er eben nie in diesem Badezimmer war. Ich habe nie mit ihm in dieser K\u00fcche gesessen und gefr\u00fchst\u00fcckt, und ich habe nie mit ihm in diesem Wohnzimmer vor dem Fernseher rumgelungert und <em>Star Trek<\/em> geguckt. <\/p>\n<p>Aber sobald ich Erdnussbutter esse, f\u00e4llt mir ein, wie er mir mein erstes Sandwich nach dem langen Flug nach Chicago und der langen Fahrt nach Fort Wayne kredenzt hat, in seiner K\u00fcche, die immer irgendwie nach Chlor gerochen hat. Ich erinnere mich daran, dass ich ihm gesagt habe, er solle seinen bl\u00f6den <em>landlord<\/em> anrufen und die K\u00fcche mal auf Gas checken lassen. Und er hat nur gelacht und gesagt, Hier, probier mal, <em>real American food<\/em>. Und ich habe in mein Sandwich gebissen und Erdnussbutter mit Apfelmus auf Weizentoast geschmeckt. Bis heute habe ich diesen Geschmack nie wieder hingekriegt.<\/p>\n<p>Ich muss an ihn denken, wenn ich durch Hamburg fahre. In einer seiner letzten Mails hatte er geschrieben: Hamburg! The Venice of the North. I can&#8217;t wait to come over and crowd your little apartment. Eigentlich ein v\u00f6llig belangloser Satz. Aber egal, wo ich in Hamburg bin, egal, was ich sehe, ob es der Kiez ist oder der Michel oder das Feuerwerk beim Hafengeburtstag oder wenn ich einfach nur die Ost-West-Stra\u00dfe runterfahre \u2013 ich muss immer daran denken, dass er eben nicht mehr mein kleines Appartement mit seiner Pr\u00e4senz \u00fcberf\u00fcllen und das Venedig des Nordens sehen wird.<\/p>\n<p>Ich erz\u00e4hle ihm trotzdem, wie Hamburg ist. Ich fahre durch die Stadt und rede mit ihm, als ob er da w\u00e4re. Als ob er gerade aus dem Flugzeug gestiegen w\u00e4re und ich ihm jetzt meine neue Heimat zeige. Ich ahne fast, dass er als erstes auf die Reeperbahn will. Und dann ins Kino, schlechte deutsche \u00dcbersetzungen h\u00f6ren und mich die ganze Zeit volltexten, dass das Original viel besser w\u00e4re. Und dann w\u00fcrden wir essen gehen \u2013 ins Cox wahrscheinlich. Er w\u00fcrde v\u00f6llig verz\u00fcckt alles probieren, was auf der Karte steht, und mir den ganzen Abend lang erz\u00e4hlen, wie gut unser Essen w\u00e4re und dass ich mir das nochmal \u00fcberlegen sollte mit dem Nach-Amerika-ziehen. Dann w\u00fcrde er sich wieder dar\u00fcber aufregen, dass man hier kein Wasser umsonst kriegt. Und dann w\u00fcrden wir nach Hause fahren, und er w\u00fcrde ganz still im Auto sitzen und sich Hamburg bei Nacht angucken.<\/p>\n<p>Genauso still wie ich immer alleine im Auto sitze und an ihn denke, wenn ich durch Hamburg fahre.<\/p>\n<p>&#8211;<br \/>\n&#8212;<br \/>\n&#8211;<\/p>\n<p>12.07.2002<\/p>\n<p>(&#8230;) Und der <a href=\"http:\/\/www.elviscostello.info\/pic\/991016.indianapolis.html\">Elvis-Costello-Link<\/a> ist schon ein bisschen spooky. Ich habe einfach mal Karls Namen bei Google eingegeben. Und da tauchen seine Elvis Costello-Fotos vom Konzert in Indianapolis auf, von denen er mir stolz stundenlang am Telefon erz\u00e4hlt hatte.<br \/>\nSeit ich diese Site gefunden habe, bin ich versucht, seine E-Mail-Adresse, die neben den Fotos steht, anzuklicken, um ihm eine Mail zu schreiben. Mein Gehirn ist doof. Ich muss ihm wirklich alle zehn Minuten sagen, dass das Bl\u00f6dsinn w\u00e4re.<br \/>\nSchon komisch, wo wir alle Spuren hinterlassen. Auf Fotos, in Briefen, in der Erinnerung vieler Menschen. Und neuerdings eben auch im Internet, auf irgendwelchen Seiten, auf denen eine E-Mail-Adresse steht, die seit fast drei Jahren nicht mehr g\u00fcltig ist. <\/p>\n<p>&#8211;<br \/>\n&#8212;<br \/>\n&#8211;<\/p>\n<p>29.04.2002<\/p>\n<p>Ich hatte einen Freund. Karl. Er starb Ende 1999 und wurde 37 Jahre alt. Er war mir so \u00e4hnlich wie niemand sonst auf der Welt. Wenn es Seelenverwandte gibt, dann war Karl meiner.<\/p>\n<p>Wir haben uns in Berlin kennengelernt, als ich mich um einen Studienplatz an der Filmhochschule beworben habe und er gerade sein ganzes Konto in Amerika leer ger\u00e4umt hatte, um zwei Monate nach Deutschland zu fahren. Wir sind zuf\u00e4lligerweise durch die Mitwohnzentrale in derselben Berliner Wohnung gelandet. Wir trafen uns in der K\u00fcche, ich fragte ihn: Do you speak German? und alles war klar.<\/p>\n<p>Karl und ich haben immer dieselben Filme geliebt. Sobald ein guter Film in Amerika anlief, rief er mich an, um mir zu erz\u00e4hlen, wie er war. Er rief an, wenn meine Lieblingsschauspieler bei Jay Leno oder Letterman waren, weil er wusste, dass ich jedes Wort wissen wollte. Manchmal sogar w\u00e4hrend der Show, um mich mith\u00f6ren zu lassen. Daf\u00fcr meldete ich mich, wenn Elvis Costello im deutschen Fernsehen auftrat. Und er h\u00f6rte die erste in Deutschland ausgestahlte Folge von <em>South Park<\/em> und lachte \u00fcber die deutschen Stimmen.<\/p>\n<p>Wir haben zusammen die Oscars geguckt; er in Indiana zur Prime Time, ich in Deutschland zu nachtschlafender Zeit. Beim besten fremdsprachigen Film habe ich ihn angerufen, um mit ihm diesen Moment zu genie\u00dfen, beim besten Film rief er an. Wir haben zusammen gesehen, wie <em>The English Patient, Titanic<\/em> und <em>Shakespeare in Love<\/em> ausgezeichnet wurden.<\/p>\n<p>Der letzte Film, von dem Karl mir begeistert erz\u00e4hlte, war <em>American Beauty<\/em>. Ein Film, in dem Lester Burnham (Kevin Spacey) entdeckt, dass sein Leben kein Leben mehr ist, sondern dass er innerlich schon tot ist. Er beschlie\u00dft, sein Leben zu \u00e4ndern. Er erf\u00fcllt sich W\u00fcnsche, die v\u00f6llig unvern\u00fcnftig sind, er k\u00fcndigt seinen sicheren Job, um in einer Imbissbude zu arbeiten \u2013 einfach, weil es Spa\u00df macht, und nicht, weil es prestigetr\u00e4chtig ist. Er tut pl\u00f6tzlich nur noch das, was er will. Und pl\u00f6tzlich merkt er, wie gl\u00fccklich er ist, wie gut sein Leben eigentlich ist. Er wird pl\u00f6tzlich von einer tiefen, ehrlichen Dankbarkeit erf\u00fcllt, weil er so ein gro\u00dfartiges Leben haben darf. Und in diesem Moment stirbt er.<\/p>\n<p>Mein Telefon klingelte mitten in der Nacht, und ich wusste, es waren keine guten Nachrichten. Karl war bei einem Autounfall ums Leben gekommen. Wir hatten gerade zwei Tage vorher noch im Internet gechattet, und er wollte mich eigentlich am Wochenende anrufen, um mich ausf\u00fchrlich zu fragen, wie mein neuer Job als Werbetexter in Hamburg w\u00e4re. Ich hatte ihm im Internet nur die kurze Fassung gegeben: Es ist gro\u00dfartig, nicht mehr kellnern zu gehen und sich zu w\u00fcnschen, jemand anders zu sein. Es ist gro\u00dfartig, endlich etwas aus meinem Talent zu machen. Mein Leben ist gro\u00dfartig. Ich bin gl\u00fccklich.<\/p>\n<p>Und er sagte nur: I am so proud of you. And I am so happy to see you happy.<\/p>\n<p>Drei Monate nach Karls Tod wurde <em>American Beauty<\/em> mit dem Oscar als bester Film ausgezeichnet. Ich habe die Verleihung alleine geguckt. Zu nachtschlafender Zeit. Niemand rief mich an. Aber ich wusste, Karl guckt zu. Die Show hat er sich bestimmt nicht entgehen lassen.<\/p>\n<p>Ich bin dankbar daf\u00fcr, ihn kennengelernt zu haben. Ich bin dankbar daf\u00fcr, dass wir uns alles gesagt haben, was zu sagen war. Ich habe mein Leben ge\u00e4ndert, um mich selber gl\u00fccklich zu machen. Und ich hatte noch die Chance, den wichtigsten Menschen auf der Welt an meinem Gl\u00fcck teilhaben zu lassen.<\/p>\n<p>Mein Leben ist gro\u00dfartig. Und manche Filme schaffen es, genau dieses Gef\u00fchl festzuhalten.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>10.01.2010 Karl Dewaine Glass, 10.01.1962 \u2013 02.12.1999 Happy birthday, love. Wish you were here. &#8211; &#8212; &#8211; 10.01.2009 Berlin ist ein ganzganzganz winziges bisschen, kaum sp\u00fcrbar, ich will&#8217;s auch gar nicht laut sagen, meine zweite Heimat geworden. Das kommt wahrscheinlich automatisch, wenn man hier monatelang ruml\u00e4uft und arbeitet und einen normalen Tagesablauf hat und sich [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":10,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[],"class_list":["post-6093","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-weblog"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/ankegroener.de\/blog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/6093","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/ankegroener.de\/blog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/ankegroener.de\/blog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/ankegroener.de\/blog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/10"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/ankegroener.de\/blog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=6093"}],"version-history":[{"count":7,"href":"https:\/\/ankegroener.de\/blog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/6093\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":6102,"href":"https:\/\/ankegroener.de\/blog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/6093\/revisions\/6102"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/ankegroener.de\/blog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=6093"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/ankegroener.de\/blog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=6093"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/ankegroener.de\/blog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=6093"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}