{"id":699,"date":"2005-03-13T09:16:44","date_gmt":"2005-03-13T08:16:44","guid":{"rendered":"http:\/\/www.ankegroener.de\/?p=699"},"modified":"2005-03-13T09:22:34","modified_gmt":"2005-03-13T08:22:34","slug":"mar-adentro","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/ankegroener.de\/blog\/?p=699","title":{"rendered":"Mar adentro"},"content":{"rendered":"<p><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.ankegroener.de\/Bilder\/meer_in_mir.jpg\" alt=\"\" \/><\/p>\n<p><em>Mar adentro (Das Meer in mir, E\/I\/F 2004, 126 min)<\/p>\n<p>Darsteller: Javier Bardem, Bel\u00e9n Rueda, Lola Due\u00f1as, Mabel Rivera, Celso Bugallo, Tamar Novas<br \/>\nMusik: Alejandro Amen\u00e1bar<br \/>\nKamera: Javier Aguirresaro<br \/>\nDrehbuch: Alejandro Amen\u00e1bar, Mateo Gil<br \/>\nRegie: Alejandro Amen\u00e1bar<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/www.tobis.de\/home\/site_scripts\/filmseite.php?id=76\">Trailer<\/a> (deutsch)<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/www.mar-adentro.com\/\">Offizielle Seite<\/a> (spanisch)<\/em><\/p>\n<p>Ramon Sampedro hatte mit 19 bereits als Matrose die Welt umsegelt und f\u00fchrte ein normales, unbek\u00fcmmertes Leben, bis er an einem Augusttag 1968 kopf\u00fcber in zu flaches Wasser sprang, sich dabei das Genick brach und fortan vom Hals abw\u00e4rts gel\u00e4hmt war. Sein Bruder, dessen Frau und Sohn und sein Vater k\u00fcmmern sich um ihn, aber nach fast 30 Jahren hat Ramon genug. Er h\u00e4lt sein Leben f\u00fcr unw\u00fcrdig, will so einfach nicht mehr weitermachen und bittet daher vor Gericht um Sterbehilfe. Diese wird ihm allerdings mehrfach verwehrt. Ramon findet dennoch Freunde, die ihm helfen, und so stirbt er 1998 an einer Dosis Zyankali. <em>Das Meer in mir<\/em> erz\u00e4hlt seine \u2013 wahre \u2013 Geschichte.<\/p>\n<p>Wie schon bei vielen anderen Filmen vorher habe ich mich auch hier gefragt, wie mir eine Story unterhaltsam verkauft werden kann, deren Ende ich bereits kenne. Und wie schon bei vielen Filmen vorher durfte ich miterleben, dass es die Charaktere waren, die mich gefesselt haben. Ramon wird mit einer melancholischen Leichtigkeit von Javier Bardem verk\u00f6rpert, falls das Wort in diesem Zusammenhang \u00fcberhaupt passt. Denn sonst ist Bardem auf der Leinwand sehr pr\u00e4sent und kraftvoll \u2013 und das meist durch seine Gestik, seine Postur, seine K\u00f6rperlichkeit. Diesmal ist das einzige, mit dem er arbeiten kann, um Ramon wieder lebendig werden zu lassen, sein Gesicht: seine Mimik, seine Augen, sein L\u00e4cheln. Aber es funktioniert \u2013 Ramon erscheint nie als ein hilfloser Kr\u00fcppel, der sich davonmachen will, ganz im Gegenteil. Er ist ein sehr einnehmender Mensch, der anscheinend seit Jahren nichts anderes tut als dar\u00fcber nachzudenken, wie er seinem Schicksal enkommen kann. Und stark und intelligent wie er nun einmal ist, wei\u00df er f\u00fcr sich, dass nur der Tod etwas an seinem Zustand \u00e4ndern kann.<\/p>\n<p>Ihm zur Seite steht Bel\u00e9n Rueda als die Anw\u00e4ltin Julia, die Ramon vor Gericht zum Tod verhelfen m\u00f6chte \u2013 nicht ganz uneigenn\u00fctzig, denn auch sie leidet an einer Krankheit, die sie fr\u00fcher oder sp\u00e4ter zum Pflegefall werden l\u00e4sst. Die beiden haben von Anfang an eine besondere Beziehung, die \u00fcber das schlichte Begehren hinweggeht. Ramon erz\u00e4hlt Julia, dass er sich gerne ans Meer tr\u00e4umt, weil das trotz allem sein Lieblingsplatz sei. Und jetzt, wo sie da ist, kommt sie pl\u00f6tzlich in seinen Tr\u00e4umen vor. Die Szene, in denen er ihr am Strand begegnet, geh\u00f6rt zu den schmerzhaftesten im ganzen Film. Seit einer Film-Stunde haben wir Ramon zugesehen, wie er h\u00f6chstens den Kopf dreht, mit dem Mund schreibt oder das Telefon bedient, wie er gef\u00fcttert und gewendet wird. Und pl\u00f6tzlich, fast unmerklich, bewegt sich Ramons Hand \u00fcber seine Bettdecke. Die Decke wird beiseite geschoben, die Beine im Schlafanzug strecken sich pl\u00f6tzlich, die F\u00fc\u00dfe stehen auf dem Fu\u00dfboden, Ramon erhebt sich \u2013 und steht mitten in seinem Zimmer, als ob es das normalste der Welt w\u00e4re. Er schiebt das Bett vom Fenster weg, vor dem eine h\u00fcgelige Landschaft lockt, geht in den Flur, dreht sich um, nimmt Anlauf und springt durch das Fenster in seine Traumwelt, durch die er unbeschwert, k\u00f6rperlos, hindurchfliegt, um Julia am Strand zu k\u00fcssen.<\/p>\n<p>Die Beziehung zu ihr entwickelt sich anders als geplant; genauso \u00fcberrascht haben mich die weiteren Protagonisten: die Schw\u00e4gerin, die nicht nur den Haushalt f\u00fcr ihre Familie f\u00fchrt, sondern sich auch um Ramon k\u00fcmmert und ihn trotzdem nie als Belastung sieht; sein Neffe, der Ramons Gedichte abtippt und ihm Dinge bastelt, die ihm das Leben etwas erleichtern; der Bruder, der ihn trotzig zurechtweist, dass sich in seinem Haus gef\u00e4lligst niemand umzubringen habe; der Vater, der senil durch den Film greist, nur um zum Schluss ganz schlicht und ergreifend zu sagen, dass nur eins schlimmer sei, als wenn ein Kind vor den Eltern stirbt \u2013 n\u00e4mlich, wenn ein Kind vor den Eltern sterben <em>will<\/em>. <\/p>\n<p>Und dann ist da noch Rosa, eine junge Frau, die Ramon bei einer seiner \u00f6ffentlichen Bitten um Sterbehilfe im Fernsehen gesehen hat und nun ganz allm\u00e4hlich eine Freundin wird. Zum Schluss wird sie es sein, die ihm das Zyankali besorgt. Aber erst, nachdem sie erfolglos versucht hat, Ramon dazu zu bewegen, leben zu wollen. Sie erkennt, dass es der gr\u00f6\u00dfte Liebesbeweis ist, ihn gehen zu lassen. <\/p>\n<p><em>Das Meer in mir<\/em> macht beide Positionen sehr deutlich: die der Menschen, die Ramon lieben und nicht m\u00f6chten, dass er stirbt und diejenigen, die ihn ebenso lieben und genau deshalb m\u00f6chten, dass er stirbt. Der Film bleibt dabei stets sehr behutsam und zur\u00fcckhaltend. Die Dialoge sind keine gro\u00dfen philosophischen Auseinandersetzungen, sondern schlichte Gespr\u00e4che voll Ehrlichkeit und Sehnsucht; die Gerichtsszenen zeigen keine geschwungenen Reden und Aufruhr im Publikum, sie sind fast nicht existent. Wozu auch. Sie verwehren Ramon das, was er sich w\u00fcnscht, daher wird ihnen kaum Platz einger\u00e4umt. Viel ausf\u00fchrlicher erz\u00e4hlt der Film vom allt\u00e4glichen Leben seiner Figuren, von Ramon, von seinen Freunden, in deren Leben Kinder zur Welt kommen, Menschen erkranken, sich streiten, sich vers\u00f6hnen. Das Leben Ramons kommt einem dabei fast ereignislos vor, aber nicht umsonst oder banal. Ganz im Gegenteil: Er scheint umgeben von so viel Z\u00e4rtlichkeit und Liebe, dass man ihn genausowenig gehen lassen m\u00f6chte wie seine Familie. <\/p>\n<p>Der Film ergreift keine Partei, er macht aus dem Leben nichts Heiliges und aus dem Tod nichts Begehrenswertes. Er zeigt nur, dass f\u00fcr manche Menschen der Tod schlicht eine Alternative zum Leben ist. Ramon sagt es selbst: \u201eWir haben das Recht zu leben. Aber nicht die Pflicht.\u201c Und so entl\u00e4sst uns <em>Das Meer in mir<\/em> in unser eigenes Leben mit einer vielleicht neuen Wertsch\u00e4tzung f\u00fcr uns, f\u00fcr unsere Zerbrechlichkeit, aber auch unsere St\u00e4rke. F\u00fcr Respekt uns selbst gegen\u00fcber und unseren Freunden. Und f\u00fcr unsere Entscheidungen. Wie immer sie auch ausfallen m\u00f6gen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Mar adentro (Das Meer in mir, E\/I\/F 2004, 126 min) Darsteller: Javier Bardem, Bel\u00e9n Rueda, Lola Due\u00f1as, Mabel Rivera, Celso Bugallo, Tamar Novas Musik: Alejandro Amen\u00e1bar Kamera: Javier Aguirresaro Drehbuch: Alejandro Amen\u00e1bar, Mateo Gil Regie: Alejandro Amen\u00e1bar Trailer (deutsch) Offizielle Seite (spanisch) Ramon Sampedro hatte mit 19 bereits als Matrose die Welt umsegelt und f\u00fchrte [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":10,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[],"class_list":["post-699","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-weblog"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/ankegroener.de\/blog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/699","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/ankegroener.de\/blog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/ankegroener.de\/blog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/ankegroener.de\/blog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/10"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/ankegroener.de\/blog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=699"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/ankegroener.de\/blog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/699\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/ankegroener.de\/blog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=699"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/ankegroener.de\/blog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=699"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/ankegroener.de\/blog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=699"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}