{"id":704,"date":"2005-03-15T07:50:50","date_gmt":"2005-03-15T06:50:50","guid":{"rendered":"http:\/\/www.ankegroener.de\/?p=704"},"modified":"2005-03-17T07:32:09","modified_gmt":"2005-03-17T06:32:09","slug":"blogging-on-the-edge","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/ankegroener.de\/blog\/?p=704","title":{"rendered":"Blogging on the edge"},"content":{"rendered":"<p><em>Salon<\/em>s neue Kolumnistin, die Schriftstellerin <a href=\"http:\/\/www.ayeletwaldman.com\/books_dk.html\">Ayelet Waldman<\/a>, hatte ein <a href=\"http:\/\/bad-mother.blogspot.com\/\">Weblog<\/a>, in dem sie nicht nur \u00fcber sich, sondern auch \u00fcber ihre Kinder und ihren <a href=\"http:\/\/www.michaelchabon.com\/\">Ehemann<\/a> schrieb. Bis zu dem Tag, an dem sie \u00f6ffentlich \u00fcber ihren eigenen Selbstmord nachdachte. <em><a href=\"http:\/\/www.salon.com\/mwt\/col\/waldman\/2005\/03\/14\/blog\/index.html\">Living out loud \u2013 online.<\/a><\/em><\/p>\n<blockquote><p>The entry that greeted my husband on that day was a well-researched commentary on suicide rates among people with bipolar disorder. I informed my readers, among them my husband, that what I have, the milder form of the disease, has a 24 percent suicide rate. Then I wrote, &#8220;It does not help to know that one&#8217;s mood is a mystery of neurochemistry when one is tallying the contents of the medicine cabinet and evaluating the neurotoxic effects of a Tylenol, topomax, SRRI and ambien cocktail.&#8221;<\/p>\n<p>The readers of my blog had no way to determine the intentions behind my entry. Was it some kind of public service announcement, designed to help people understand the seriousness of mental illness? My husband had an easier time realizing it was a cry for immediate and urgent assistance. He, however, felt entirely powerless, sitting in a hotel room 2,000 miles away with no way to intervene and nothing to do but wonder whether he should be cursing or blessing the phenomenon of the blog. He called, he made plans to come home, but it was my girlfriends who responded with the most confidence, perhaps because they had so much less at stake than he did in my stability. They formed themselves into a kind of telephone round robin, refusing to let up until I called my psychiatrist, who immediately diagnosed a problem with the dosage of my medication. (&#8230;)<\/p>\n<p>As <a href=\"http:\/\/www.businessweek.com\/technology\/content\/mar2005\/tc2005037_7877_tc024.htm\">debates<\/a> rage about whether bloggers are journalists, whether they need shield laws to protect sources, whether they brought down <a href=\"http:\/\/www.salon.com\/opinion\/feature\/2005\/03\/09\/rather\/index.html\">Dan Rather<\/a> and are going to take over the media world, on the other side of the blogosphere the diarists and memoirists and mothers are coping with a different set of ethical dilemmas: How much of themselves should they expose online, and how easily should they indulge their urge to confess? In my case, blogging about suicide might have crossed the line.<\/p><\/blockquote>\n<p>Ich wei\u00df nicht, ob der digitale Hilferuf jetzt eine Grenze \u00fcberschritten hat oder nicht. Ich denke, er hat vielleicht Schlimmeres verhindert. Aber nat\u00fcrlich zeigt sich daran die Problematik des pers\u00f6nlichen Bloggens. Sobald man etwas von sich preisgibt, vielleicht etwas, was man nicht unbedingt beim Party-Smalltalk sagen w\u00fcrde, sondern lieber an eine gesichtslose Masse weiterreicht, dr\u00e4ngeln sich im Kommentarfeld sehr schnell die guten Ratschl\u00e4ge, die bl\u00f6den, die \u00fcberfl\u00fcssigen. Oder auch die Vorw\u00fcrfe: wie k\u00f6nne man nur so etwas schreiben? was schnell umschl\u00e4gt in das allseits beliebte \u201eMann, bist du schei\u00dfe\u201c.<\/p>\n<p>Das Dumme am pers\u00f6nlichen Bloggen, wie ich es mal nennen m\u00f6chte im Unterschied zum Technikbloggen oder \u00e4hnlichem, ist, dass fast jeder Eintrag eine relativ intime Information erh\u00e4lt. Wenn ich zum Beispiel einen Film rezensiere, flie\u00dft grunds\u00e4tzlich etwas von mir mit in die Zeilen ein, etwas von meinen Moralvorstellungen, meinen Erfahrungen, meinen W\u00fcnschen und Tr\u00e4umen. Deswegen kann ich mir nicht mal bei den Filmkritiken sicher sein, dass nicht die \u00fcblichen Deppenmails oder -kommentare auflaufen, die einem ein unwertes Leben bescheinigen, nur weil man vielleicht einen Film nicht ganz so gern mochte.<\/p>\n<p>Stellt sich die Frage, warum man \u00fcberhaupt in aller \u00d6ffentlichkeit weiterschreibt. Ich f\u00fcr meinen Teil muss die Frage zweiteilen: Warum schreibe ich und warum schreibe ich \u00f6ffentlich. Warum ich schreibe, l\u00e4sst sich einfacher beantworten: weil ich es gern tue. Ich habe schon immer gerne geschrieben, bin froh, dass ich alles und jeden Schnipsel von meinen pubert\u00e4ren Gehversuchen aufgehoben habe, lese heute noch die Songtexte, die ich mit 15 f\u00fcr ganz gro\u00dfe Kunst hielt und bl\u00e4ttere an schlechten Tagen in meinen Tageb\u00fcchern, um mir vorzuhalten, dass es schon fr\u00fcher schlechte Tage gab und dass sie sich irgendwann in gute verwandelt haben. Au\u00dferdem schreibe ich beruflich; dort allerdings eher \u00fcber Dinge, \u00fcber die ich sonst nicht unbedingt viele Worte verlieren w\u00fcrde. Daher ist das private Schreiben ganz schlicht ein Ventil. Andere Leute <strike>t\u00f6pfern<\/strike> gehen ins Fitness-Studio, ich schreibe.<\/p>\n<p>Aber warum \u00f6ffentlich? Der Schritt zum Weblog war damals eher ein unbewusster. Alles fing mit den Filmkritiken an, die ich per Mail an Freunde und Kollegen schickte, bis mir einfiel, dass ich mir vor Ewigkeiten mal diese Domain gesichert hatte. Und um nicht weiterhin jede Woche Hinz und Kunz mit einer Mail zu bel\u00e4stigen, habe ich fortan die Kritiken auf die Seite gestellt, die ich \u00fcbrigens liebevoll mit dem Netscape Composer \u201egestaltet\u201c hatte. Ich hoffe, der Google-Cache hat sie inzwischen verschluckt. Ehrlich gesagt, habe ich mir damals \u00fcberhaupt keine Gedanken dar\u00fcber gemacht, dass irgendjemand den Kram lesen k\u00f6nnte au\u00dfer den Leuten, die die URL kannten. Das Internet war f\u00fcr mich ein Arbeitsger\u00e4t, eine Suchmaschine und eine M\u00f6glichkeit, umsonst \u201eZeitung\u201c zu lesen, mehr nicht. Ich las ein paar Weblogs aus den USA, aber das war&#8217;s. Ich hatte ernsthaft keine Sekunde daran gedacht, dass meine Zeilen mit dem Hochladen des Textes theoretisch ab jetzt von sechs Milliarden Leuten gelesen werden konnten. Bis sich pl\u00f6tzlich irgendwelche Leute auf meine Seite verirrten und mir Mails schickten und eine Kommentarfunktion vermissten und ich einen Counter installierte und der ganz langsam, aber stetig vor sich hinzutickern begann. Pl\u00f6tzlich hatte ich zum ersten Mal die M\u00f6glichkeit, Feedback auf meine Texte zu bekommen, die \u00fcber das \u00fcbliche Ma\u00df dessen hinausgingen, was meine Freunde oder Kollegen mir gaben. Und das war nicht nur sehr spannend, sondern, ja, logisch, sehr, sehr befriedigend. Nat\u00fcrlich ist es etwas anderes zu schreiben, wenn man wei\u00df, dass jemand mitliest. Nat\u00fcrlich ist es klasse, Zustimmung zu bekommen. Und nat\u00fcrlich hat es richtig reingehauen, als die ersten negativen, beleidigenden, verletzenden Stimmen aufliefen. <\/p>\n<p>Das tut es auch heute noch, was die ganzen Evil-Twin-Leser sicherlich freuen wird. Im Laufe der Jahre (Omma erz\u00e4hlt vom Krieg) hat sich meine Art zu schreiben gewandelt, vor allem, weil ich inzwischen verstanden habe, dass die Blogosph\u00e4re genauso begriffsstutzig, doof, eitel, spannend, lustig und faszinierend ist wie es Menschen im wahren Leben auch sind. Es hat sich meine Art ge\u00e4ndert, mit Bloggern zu kommunizieren. Wo ich mich fr\u00fcher \u00fcber jeden unpassenden Kommentar aufgedotzt habe, warte ich heute ein paar Stunden, bevor ich antworte, wenn ich \u00fcberhaupt antworte. Wo ich fr\u00fcher mal eben launig einen Kommentar in Fremdblogs rausgehauen habe, lese ich inzwischen erstmal eine Woche Content nach, um zu wissen, wo ich mich \u00fcberhaupt bewege. Wo ich fr\u00fcher freudig auf jede Mail geantwortet habe, beantworte ich heute kaum noch Post, weil ich nicht wei\u00df, ob hinter den freundlichen Zeilen nicht doch ein Spinner lauert, der ein nettes Wort mit einem Heiratsantrag verwechselt. Und wo ich fr\u00fcher in Diskussionen meine Position standhaft vertreten habe, schenke ich heute meist nach zwei-, dreimaligem Ballwechsel ab, weil die wenigsten Streitgespr\u00e4che online funktionieren. Man kann alles so wunderbar pers\u00f6nlich nehmen (ich grunds\u00e4tzlich eingeschlossen), man kann in jede Zeile 30 Fehlinformationen reinlesen, man kann soviele Smileys malen wie die Tastatur hergibt, es klappt trotzdem meistens nicht, den Gespr\u00e4chspartner davon zu \u00fcberzeugen, dass man nichts B\u00f6ses im Schilde f\u00fchrt und dass man ihn nicht von vornherein f\u00fcr einen hirnlosen Idioten h\u00e4lt, auch wenn sein Nick m\u00e4nnlich\/weiblich\/Diddelmaus87 ist.<\/p>\n<p>Ich habe in den Blogjahren (ein Blogjahr z\u00e4hlt als sieben Offline-Jahre) mein Schutzschild des \u00d6fteren \u00fcberpr\u00fcfen m\u00fcssen. Manchmal gibt es Tage, an denen ich die ganze Rotte teeren und federn m\u00f6chte. Dann gibt es Tage, an denen ich sehr dankbar bin, einen Austauschpunkt gefunden zu haben. Und meistens bin ich einfach froh dar\u00fcber, schreiben zu k\u00f6nnen und Feedback zu bekommen, sei es positiv oder negativ. Jede Reaktion hilft mir, mich und meine Worte zu \u00fcberpr\u00fcfen. Und deswegen schreibe ich fast alles \u00f6ffentlich und kaum noch in mein Papiertagebuch. Es ist manchmal anstrengend, st\u00e4ndig dar\u00fcber nachdenken zu m\u00fcssen, dass hier Menschen mitlesen und alles irgendwie falsch verstehen k\u00f6nnen und\/oder wollen. Es ist aber gleichzeitig ein einzigartiger Umgang mit dem, was ich schreibe. Es ist ein st\u00e4ndiges Adaptieren, ein Korrigieren der ersten Entw\u00fcrfe, ein Zur\u00fccknehmen, aber auch ein Sch\u00f6ner-Machen, \u00dcberdenken, \u00dcberspitzen, Rauskotzen, Vor-die-W\u00f6lfe-Werfen. Manchmal wei\u00df ich, dass ich b\u00f6se Post kriege, noch bevor ich einen Eintrag online stelle. Manchmal lasse ich es deswegen. Manchmal stelle ich ihn dann erst recht online. Manchmal wei\u00df ich, dass ein Eintrag gern gemocht werden wird. Manchmal wei\u00df ich, von wem Kommentare kommen werden. Manchmal wei\u00df ich, wer mich zitieren oder verlinken wird. Manchmal wei\u00df ich, wer genau das nicht tun wird. Und meistens liege ich voll daneben mit dem, was ich zu wissen glaube.<\/p>\n<p>Bloggen ist eine einmalige M\u00f6glichkeit des Schreibens und Publizierens. Es hat mich in den letzten Jahren ver\u00e4ndert; ich bin an dieser M\u00f6glichkeit gewachsen und gereift, genau wie meine Schreibe. Deswegen m\u00f6chte ich es nicht missen. Trotz mancher Tage, an denen ich genervt bin, an denen ich eigentlich nichts zu sagen habe und es gerade dann eine Herausforderung ist, doch etwas zu sagen. Pers\u00f6nliches Bloggen ist sicherlich immer eine Gratwanderung, wenn man ehrlich ist und sich keine Online-Pers\u00f6nlichkeit zulegt. Aber f\u00fcr mich hat es sich gelohnt, manchmal nah an der Klippe herumgelaufen zu sein. Und ich hoffe, f\u00fcr ein paar Leser und Mitblogger auch.<\/p>\n<p>(Abspann, Geigen, Taschent\u00fccher.)<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Salons neue Kolumnistin, die Schriftstellerin Ayelet Waldman, hatte ein Weblog, in dem sie nicht nur \u00fcber sich, sondern auch \u00fcber ihre Kinder und ihren Ehemann schrieb. Bis zu dem Tag, an dem sie \u00f6ffentlich \u00fcber ihren eigenen Selbstmord nachdachte. Living out loud \u2013 online. 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