{"id":8210,"date":"2010-05-06T07:28:31","date_gmt":"2010-05-06T05:28:31","guid":{"rendered":"http:\/\/www.ankegroener.de\/?p=8210"},"modified":"2011-04-17T19:53:34","modified_gmt":"2011-04-17T17:53:34","slug":"free-your-mind-and-your-fat-ass-will-follow","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/ankegroener.de\/blog\/?p=8210","title":{"rendered":"Free your mind (and your fat ass will follow)"},"content":{"rendered":"<p>Ich habe zwei Fotos von mir in der wunderbaren Facebook-Gruppe \u201e<a href=\"http:\/\/www.facebook.com\/group.php?gid=123196191024789\">How to look like your shirt print<\/a>\u201c hochgeladen (<a href=\"http:\/\/www.facebook.com\/photo.php?fbid=125157187494413&#038;set=o.123196191024789\">1<\/a>, <a href=\"http:\/\/www.facebook.com\/photo.php?fbid=125157194161079&#038;set=o.123196191024789\">2<\/a>). Das mag f\u00fcr viele von euch jetzt nicht so die Heldentat sein, aber f\u00fcr mich war es ein ziemlich gro\u00dfer Schritt. Der ziemlich gute Laune gemacht hat.<\/p>\n<p>Ich bin dick. Und das \u00e4ndert sich auch nicht mehr. Ich habe durch mein Foodcoaching zwar (zum hundertsten Mal) gelernt, wie ich wohl abnehmen k\u00f6nnte, aber das wusste ich auch schon vorher. Ich habe die Weight Watchers hinter mir, die omin\u00f6se Max-Planck-Di\u00e4t, bei der man sich wochenlang von Steak und saurer Sahne und Orangensaft ern\u00e4hrt, ich habe Kalorien gez\u00e4hlt und Fett, habe Kohlsuppen gegessen, Gem\u00fcsebr\u00fchen, \u00fcberteuerte P\u00fclverchen und Trennkost, habe vegetarisch gelebt, weil ich gehofft hatte, dass das was bringt, habe angefangen zu rauchen, weil das ja angeblich den Hunger bek\u00e4mpft, kurz, ich habe 25 Jahre lang einen Kampf gegen mich und meinen K\u00f6rper gef\u00fchrt, weil ich fett war. Bin. Bleiben werde. Und das ist schlie\u00dflich das Schlimmste, was man sich selber antun kann. K\u00f6nnte man ja \u00e4ndern. Man m\u00fcsste ja nur weniger essen und sich mehr bewegen und schon ist man schlank und gl\u00fccklich. Lustig, dass \u201eschlank\u201c immer gleichgesetzt wird mit \u201egl\u00fccklich\u201c. Lustig auch, dass uns Dicken immer und \u00fcberall eingeredet wird, wir seien so derma\u00dfen unliebenswert und unsexy, dass sich niemand mit uns abgeben k\u00f6nnte. Wenn diese Schei\u00dftheorie stimmt, m\u00fcssten alle d\u00fcnnen Menschen in tollen Beziehungen leben und wir Dicken w\u00fcrden einsam und alleine sterben, um von Ameisen aufgefressen zu werden, in unseren anonymen 1-Zimmer-Wohnungen, die wir mit niemandem teilen, weil wir h\u00e4sslich und doof sind. Merkt ihr was?<\/p>\n<p>Es gab bei der BBC mal eine faszinierende Sendung, bei der zehn schlanke Menschen an einem Versuch teilgenommen haben. Sie mussten vier Wochen lang t\u00e4glich 10.000 Kalorien zu sich nehmen (googelt bitte selber, wieviele BigMacs das sind. Ne Menge.), durften keinen Sport mehr treiben und wurden danach wieder gewogen. Einige haben richtig sch\u00f6n zugelegt, andere hingegen sind trotz dieser Mast kaum ein oder zwei Kilo schwerer gewesen. Jeder Mensch ist eben anders. Jeder Mensch verarbeitet Nahrung anders. Deswegen kennt auch jeder einen schlanken Freund oder eine schlanke Freundin, die t\u00e4glich eine Sahnetorte essen kann, ohne zuzunehmen, w\u00e4hrend andere nur an ein Bild einer Sahnetorte denken m\u00fcssen, und schon sind f\u00fcnf Kilo auf den Rippen.<\/p>\n<p>Und genauso ist es mit dem Abnehmen. Ja, ich kenne immerhin einen Menschen, der mal 15 Kilo abgenommen hat und bei dem sie auch seit 20 Jahren nicht wiedergekommen sind. Ich kenne allerdings auch mindestens zehn Leute, die sich seit Jahren mit der einen oder anderen Methode qu\u00e4len, ein bisschen d\u00fcnner zu werden und stattdessen immer mehr in die Breite gehen. Oder die ihr Leben lang ihr Essen rationieren und\/oder jeden Tag Sport treiben <em>m\u00fcssen<\/em>, um nicht wieder zuzunehmen. Das mag f\u00fcr einige okay sein, f\u00fcr mich klingt das nach einem Schei\u00dfleben. Jedenfalls schei\u00dfiger als dick zu sein.<\/p>\n<p>Ich habe durch das Foodcoaching etwas viel wichtiges gelernt als abzunehmen: Essen zu genie\u00dfen. <\/p>\n<p>Essen war f\u00fcr mich immer das B\u00f6se, das Verbotene, eine S\u00fcnde (dieses verfickte Schei\u00dfdreckswort will ich nie wieder im Zusammenhang mit Essen h\u00f6ren). Essen war immer etwas, was sein musste, was ich aber nie wollte. Schokolade war b\u00f6se, weil sie dick macht und dick war ich ja schon, und ohgottjetztessichschonwiederschokolade, ohgott ich werde noch fetter ohgott keiner hat mich lieb ohgott dagegen hilft nur Schokolade, die hat mich lieb. Und so weiter. Ganz vereinfacht gesagt. Mein Kopf ist noch etwas komplizierter gestrickt, aber Essen war nie einfach. Oder genussvoll. In wenigen <a href=\"http:\/\/www.ankegroener.de\/?p=2509\">Momenten<\/a>, ja. Wenn ich es zelebriert habe. Wenn ich das Gef\u00fchl hatte, mir etwas Gutes tun zu wollen. Aber diese Momente waren selten, denn ich habe es ja nicht verdient, dass ich mir etwas Gutes tue, denn ich bin schlie\u00dflich fett und damit doof und undiszipliniert und schei\u00dfe. <\/p>\n<p>Inzwischen ist Essen ein t\u00e4glicher Genuss geworden. Ich habe bis heute keine Ahnung, was <a href=\"http:\/\/silkenolden.de\/\">Lu<\/a> mit mir gemacht hat au\u00dfer mich an die Hand zu nehmen und mir zu sagen: \u201eDu darfst alles essen, was du willst.\u201c Weil n\u00e4mlich alles schmeckt und alles gut tut, vor allem mir. Und seitdem zelebriere ich Essen so gut wie jeden Abend und genie\u00dfe und freue mich dar\u00fcber. Und ich habe kein Gramm abgenommen, obwohl ich ges\u00fcnder esse und bewusster und mich einen Hauch mehr bewege. Und wisst ihr was? Es ist egal. Weil es mir so wichtig geworden ist, nicht mehr gegen meinen Stoffwechsel, meine Eigenarten und meinen Hunger anzugehen, sondern stattdessen mich zu m\u00f6gen, mich um mich zu k\u00fcmmern, mich nicht mehr zu verstecken, obwohl ich doch dick bin und damit ganz schlimm f\u00fcr anderer Leute Augen. <\/p>\n<p>Ich habe wunderbare Gelegenheiten ausgelassen wie zum Beispiel einen Bericht im ZDF \u00fcber die <a href=\"http:\/\/www.ankegroener.de\/?p=2479\">Tagebuchh\u00f6lzer<\/a> meines Opas, weil ich dick bin und nicht vor eine Kamera wollte, um Hasspost zu bekommen. Ich habe jahrelang Einladungen zu Bloggertreffen abgelehnt, weil mich da ja jemand sehen k\u00f6nnte, der bisher durch mein Blog eine gute Meinung von mir hatte \u2013 die sich nat\u00fcrlich sofort \u00e4ndert, wenn er oder sie mich sieht. Ich habe so viele Dinge nicht gemacht, die ich h\u00e4tte machen k\u00f6nnen \u2013 nicht, weil mich mein Dicksein daran gehindert hat, sondern das soziale Stigma, das Dicksein mit sich bringt, die ganzen Vorurteile und Arschlochbemerkungen, die ich nach 40 Jahren brav verinnerlicht habe.<\/p>\n<p>Aber die sind auf einmal nicht mehr so wichtig.<\/p>\n<p>Ich habe meinen Kleidungsstil ver\u00e4ndert, von den sackartigen Hosen und Jungsshirts zur taillierten Jacke und den Ohrringen. Ich schminke mich wieder jeden Tag und ich freue mich darauf, unter Menschen zu gehen bzw. Menschen zu mir einzuladen. Weil ich mich endlich, endlich, endlich in meinem K\u00f6rper wohlf\u00fchle. Oder zumindest Frieden mit ihm geschlossen habe. Ich bek\u00e4mpfe ihn nicht mehr, ich beschimpfe ihn nicht mehr, ich hasse ihn nicht mehr. Ich k\u00fcmmere mich um ihn und f\u00fcttere ihn mit gutem Zeug. Und Schokolade, denn das ist auch gutes Zeug.<\/p>\n<p>Und dieses neue K\u00f6rpergef\u00fchl hat dazu gef\u00fchrt, dass ich dieses Jahr auf die re:publica gefahren bin, von der ich wusste, dass mich dort viele Leute sehen, die nur mein winziges Profilfoto auf Twitter kennen, auf dem ich irgendwie d\u00fcnner aussehe als ich bin. Aber zum ersten Mal seit Jahren habe ich keine Angst mehr davor, unter Leute zu gehen, weil ich fett bin, weil ich wei\u00df, dass es okay ist. Ich bin okay. Mein K\u00f6rper ist okay. Und wer meinen K\u00f6rper nicht okay findet, kann mir egal sein. Diese Souver\u00e4nit\u00e4t klappt zwar noch nicht immer, aber es reicht, um alberne Fotos f\u00fcr eine Facebookgruppe zu machen, auf denen man mein Doppelkinn sieht. Weil es zu mir geh\u00f6rt. Weil ich das bin. Weil ich okay bin.<\/p>\n<p>Um bei diesem Satz: \u201eWeil ich okay bin\u201c anzukommen, habe ich 30 Jahre gebraucht. Und deswegen f\u00fchlen sich die Facebookfotos f\u00fcr mich wie eine Heldentat an. <\/p>\n<p>&#8212;<\/p>\n<p>Wer mehr \u00fcber Fat Acceptance lesen will, kann das zum Beispiel bei <a href=\"http:\/\/kateharding.net\/faq\/\">Kate Harding<\/a> tun, einem meiner liebsten FA-Blogs. <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ich habe zwei Fotos von mir in der wunderbaren Facebook-Gruppe \u201eHow to look like your shirt print\u201c hochgeladen (1, 2). Das mag f\u00fcr viele von euch jetzt nicht so die Heldentat sein, aber f\u00fcr mich war es ein ziemlich gro\u00dfer Schritt. Der ziemlich gute Laune gemacht hat. Ich bin dick. 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