{"id":937,"date":"2005-06-29T08:11:04","date_gmt":"2005-06-29T06:11:04","guid":{"rendered":"http:\/\/www.ankegroener.de\/?p=937"},"modified":"2005-06-29T08:18:23","modified_gmt":"2005-06-29T06:18:23","slug":"krachz","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/ankegroener.de\/blog\/?p=937","title":{"rendered":"Kr\u00e4chz"},"content":{"rendered":"<p>Wenn mir das mal vorher jemand h\u00e4tte sagen k\u00f6nnen, dass ich nach einer guten Stunde Singen ab und zu aussehe wie nach einer Stunde Fitnessstudio &#8230; dann w\u00e4re das zwar nett gewesen, aber ich h\u00e4tte es nicht geglaubt. Ich vergesse es auch immer gerne wieder. Bis zu den Stunden, die so ablaufen wie die am Montag, als mich Tony listig fragte, was ich denn gerne singen w\u00fcrde, worauf ich leichtsinnigerweise die Arie aus <em>The Ballad of Baby Doe<\/em> w\u00e4hlte, denn die mag ich sehr gerne \u2013 und \u00fcbe sie zuhause immer f\u00fcnf T\u00f6ne zu tief. Und ich wei\u00df auch, warum.<\/p>\n<p>Das Lied liegt am allerh\u00f6chsten Ende meines gesanglichen Spektrums und kostet H\u00f6lle viel Kraft. Wir haben nur die erste Seite der insgesamt f\u00fcnf bearbeitet, denn die reicht schon, um mir den Schwei\u00df den Nacken runterlaufen zu lassen. Zuerst habe ich den Text mal Text sein lassen d\u00fcrfen und die Melodie nur auf A gesungen. M\u00f6glichst ohne das A abzusetzen, einfach einen Bogen singen. (Wenn ich \u201eeinfach\u201c sage, meine ich damit Mund aufrei\u00dfen, nicht bei den h\u00f6chsten T\u00f6nen anfangen zu kieksen oder lauter werden, bei den tieferen T\u00f6nen dementsprechend nicht leiser und ab und zu mal ans Atmen denken.)<\/p>\n<p>Nachdem die T\u00f6ne irgendwie im Kopf waren und sich mein Mund an den Raum gew\u00f6hnt hatte, den das A geschaffen hat, kam ein Konsonant dazu. Das doofe N, das den Mund sofort wieder winzig klein macht. Jetzt singe ich also na-na-na. Ich muss mich bei jeder Note daran erinnern, dass ich GROSS bleibe, offen, weit und das ganze nat\u00fcrlich total entspannt und \u00fc-ber-haupt nicht angestrengt, kein Thema, logisch, dann mal los. (\u00c4chz.) <\/p>\n<p>Wenn Tonfolgen schwierig zu singen sind, bin ich inzwischen dazu \u00fcbergegangen, mit den H\u00e4nden Bewegungen zu beschreiben, die ich gesanglich ausdr\u00fccken will. Beispiel: Wenn ich eine Tonfolge singe, die nach oben geht, neige ich automatisch dazu, den h\u00f6chsten Ton lauter zu singen als die anderen. Das will ich aber nicht, und so beschreiben meine H\u00e4nde eine ebene Linie, um meinen Kopf daran zu erinnern, dass ich \u201eeben\u201c singe und keine Welle beschreibe. Komischerweise funktioniert das wirklich. Ich hebe auch ab und zu meine H\u00e4nde \u00fcber den Kopf und dr\u00fccke eine imagin\u00e4re Wand nach oben, um den Raum zu erweitern, den ich stimmlich habe. Funktioniert auch. Ich sehe zwar meist extrem bescheuert aus, wenn ich singe, weil ich dabei wild in der Gegend rumgestikuliere, aber was soll&#8217;s. Noch guckt mir dabei ja keiner zu. Au\u00dfer Tony, und von dem habe ich schlie\u00dflich diese Ideen.<\/p>\n<p>Als ich das Na-na-na einigerma\u00dfen drin hatte, durfte ich die richtigen Konsonanten singen, aber noch nicht die richtigen Vokale. Quasi die drei Chinesen mit dem Kontrabass. Der Text lautet im Original so: &#8220;Always through the changing of sun and shadow, time and space &#8230;&#8221; Aber was ich gesungen habe war: &#8220;Alwas thra tha changang af san and shadaw, tame and space &#8230;&#8221; Zu dieser Zeit war ich bereits eine halbe Stunde damit besch\u00e4ftigt, meine Stimmb\u00e4nder zu qu\u00e4len. Ich war so gut wie durchgeschwitzt, und meine Stimme wurde allm\u00e4hlich kieksiger. Als ich schlie\u00dflich die richtigen Vokale singen durfte, ist die Stimme irgendwann einfach weggekippt. Ich hatte nicht mehr die Kraft, die oberen T\u00f6ne zu halten, nicht mal eine halbe Sekunde lang. Sobald Tony das gemerkt hat, hat er das Lied f\u00fcr heute zu den Akten gelegt, und wir haben zur Erholung mal wieder <em>Ich hab getr\u00e4umt vor langer Zeit<\/em> aus <em>Les Mis\u00e9rables<\/em> gesungen. Das ist ungef\u00e4hr eine Oktave tiefer, aber selbst das habe ich nicht mehr ganz gebacken gekriegt. Meine Stimme war so darauf gedrillt, irgendwo da oben rumzugurken, dass es mir wirklich schwer fiel, sie wieder auf \u201enormales\u201c Niveau runterzubremsen und nicht bei jeder Note klanglich \u00fcbers Ziel hinauszuschie\u00dfen. <\/p>\n<p>Am Ende der Stunde habe ich mich etwas heiser gef\u00fchlt, aber auch ziemlich stolz, dass ich \u00fcberhaupt so lange durchgehalten habe. Tony meinte, dass ich die H\u00f6he auf jeden Fall drin h\u00e4tte, nur die Kondition eben noch nicht, um l\u00e4nger dort oben zu verweilen. Ich habe noch nie dar\u00fcber nachgedacht, dass man Kondition braucht, dass man sich quasi Muskeln antrainieren muss, um l\u00e4nger in unbequemen H\u00f6hen singen zu k\u00f6nnen. Je l\u00e4nger ich Unterricht nehme, desto gr\u00f6\u00dfer wird mein Respekt vor Berufss\u00e4ngern. Gerade vor denen, die sechs Stunden Wagner singen. <\/p>\n<p>Wer wissen will, wie das Lied klingt, an dem ich mich vergehe, der darf mal <a href=\"http:\/\/www.ankegroener.de\/babydoe.mp3\">hier<\/a> klicken. Da h\u00f6rt ihr aber gottlob nicht die gestern etwas kr\u00e4chzig klingende Anke, sondern Beverly Sills mit dem New York City Opera Orchestra aus der <a href=\"http:\/\/www.amazon.de\/exec\/obidos\/ASIN\/B00000IPTU\/\">Gesamtaufnahme<\/a> von 1959.<\/p>\n<p>Ach ja, und die eine Stelle im Mittelteil, die so <em>richtig<\/em> fies nach oben geht, darf ich netterweise eine Oktave tiefer singen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wenn mir das mal vorher jemand h\u00e4tte sagen k\u00f6nnen, dass ich nach einer guten Stunde Singen ab und zu aussehe wie nach einer Stunde Fitnessstudio &#8230; dann w\u00e4re das zwar nett gewesen, aber ich h\u00e4tte es nicht geglaubt. Ich vergesse es auch immer gerne wieder. 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