{"id":9737,"date":"2010-08-20T08:35:40","date_gmt":"2010-08-20T06:35:40","guid":{"rendered":"http:\/\/www.ankegroener.de\/?p=9737"},"modified":"2010-08-20T09:06:53","modified_gmt":"2010-08-20T07:06:53","slug":"fusball-gucken","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/ankegroener.de\/blog\/?p=9737","title":{"rendered":"Fu\u00dfball gucken"},"content":{"rendered":"<p>Der Kerl und ich sind seit \u00fcber sechs Jahren zusammen. In dieser Zeit haben wir so manche Stunde gemeinsam vor dem Fernseher verbracht: vor VH-1, um \u00fcber alte Videos zu l\u00e4stern und uns gegenseitig zu erz\u00e4hlen, wo wir sie zum ersten Mal gesehen haben und wie jung und unschuldig wir damals waren. Vor Premiere, um Filme zu gucken, bei denen ich keine Lust hatte, die DVD auszuleihen. Und vor gef\u00fchlt dutzenden von Sendern, auf denen Fu\u00dfball l\u00e4uft, American Football, Baseball, Leichtathletik, Wintersport (alles au\u00dfer Eiskunstlaufen), Rugby, Eishockey und was es sonst noch so alles gibt, bei dem man sich die Lunge aus dem Leib rennen kann. Aber eben haupts\u00e4chlich Fu\u00dfball.<\/p>\n<p>Unser erstes Date fand im Kino statt, unser zweites war dann schon Footballgucken beim Kerl auf dem Sofa. Ich kannte sein Blog, in dem recht h\u00e4ufig \u00fcber Sport geschrieben wurde und wusste daher, auf was ich mich einlie\u00df. Dachte ich. Football hatte ich vor der Beziehung auch schon gesehen, allerdings nicht viel mehr als den Super Bowl, aber als Amerika-Fan kannte ich mich trotzdem so ein ganz winziges bisschen mit dem Sport aus und hatte ein <a href=\"http:\/\/en.wikipedia.org\/wiki\/Brett_favre\">Brett-Favre<\/a>-Trikot im Schrank. (Okay, ich hab&#8217;s mir f\u00fcr das Date gekauft, schon gut. Aber geistig hatte ich das schon vorher im Schrank. Inzwischen trage ich <a href=\"http:\/\/en.wikipedia.org\/wiki\/Peyton_Manning\">Peyton Manning<\/a> in blau.) Auch Fu\u00dfball war nichts Neues f\u00fcr mich: Papa erz\u00e4hlt heute noch gerne die Geschichte, dass der erste Fernseher im Hause Gr\u00f6ner p\u00fcnktlich f\u00fcr die WM 1974 angeschafft wurde, der erste in Farbe dann f\u00fcr die WM 78, und mein erstes Spiel im Stadion war mit Papa die Begegnung Irland-Sowjetunion bei der EM 88 in Hannover. Die Spiele der Nationalmannschaft wurden bei uns immer angeschaut, und ich kenne bis heute mehr Namen der Mannschaft der WM 1982 in Spanien (<a href=\"http:\/\/www.esperanza-atl.com\/Esp\/wp-content\/uploads\/2010\/05\/1982_naranjito.jpg\">Naranjitoooo<\/a>!) als die der WM-Mannschaft des Sommerm\u00e4rchens 2006. <\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.ankegroener.de\/razza\/..\/Bilder\/11freunde.jpg\" alt=\"\" title=\"11freunde\" width=\"380\" height=\"285\" class=\"alignnone size-full wp-image-9818\" \/><\/p>\n<p>Aber Fu\u00dfballgucken mit dem Kerl war anders. Als Sesselathlet hatte er nat\u00fcrlich das Premiereabo mit allen Sportkan\u00e4len, und daher war Samstag heilige Bundesligazeit. Andere P\u00e4rchen sehen sich unter der Woche nicht so h\u00e4ufig, aber daf\u00fcr am Wochenende \u2013 wir haben uns von Anfang an so gut wie jeden Abend unter der Woche gesehen, aber daf\u00fcr war am Wochenende getrennt sein angesagt: Kerl guckte Fussi, ich Filme. Jeder in seiner Wohnung, und jeder war gl\u00fccklich damit.<\/p>\n<p>Bis wir zusammengezogen sind und ich auf einmal die Gelegenheit hatte, mich auch mal um 15.30 Uhr vor die sagenumwobene Konferenz zu setzen und den deutschen Vereinen bei der Arbeit zuzugucken. Anfangs bin ich regelm\u00e4\u00dfig dabei eingeschlafen \u2013\u00a0Fu\u00dfball hat so eine angenehm-eint\u00f6nige Ger\u00e4uschkulisse, au\u00dfer in S\u00fcdafrika \u2013, aber irgendwann bin ich wachgeblieben und durfte feststellen, dass Vereinsfu\u00dfball eine ganz andere Kiste ist als Nationalmannschaftsfu\u00dfball.<\/p>\n<p>Bisher war ich naiv davon ausgegangen: In der Nationalmannschaft spielen die besten Kerle, also muss auch der Fu\u00dfball der beste sein. Was nat\u00fcrlich Bl\u00f6dsinn ist, weil Vereinsfu\u00dfballer den lieben langen Tag miteinander trainieren k\u00f6nnen, w\u00e4hrend die Nationalmannschaft sich weitaus seltener sieht, um Spielz\u00fcge einzustudieren. Und so habe ich gemerkt, wie spannend Vereinsfu\u00dfball sein kann und um wieviel attraktiver er anzuschauen ist. Nach und nach bin ich dann auch bei den Europapokal- und Champions-League-Spielen h\u00e4ngengeblieben, auch wenn ich dort eher auf <a href=\"http:\/\/en.wikipedia.org\/wiki\/Didier_Drogba\">Schnuckel<\/a> geachtet habe als auf gute Spiele. Aber seit der letzten Bundesligasaison hat sich auch das ge\u00e4ndert. Denn da habe ich bl\u00f6derweise gemerkt, dass ich ausgerechnet <a href=\"http:\/\/www.fcbayern.telekom.de\/de\/splash.php\">Bayern M\u00fcnchen<\/a> sehr gerne zuschaue.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.ankegroener.de\/razza\/..\/Bilder\/fourfourtwo.jpg\" alt=\"\" title=\"fourfourtwo\" width=\"380\" height=\"285\" class=\"alignnone size-full wp-image-9820\" \/><\/p>\n<p>Mein lokalpatriotisches Herz schl\u00e4gt nat\u00fcrlich f\u00fcr <a href=\"http:\/\/www.hannover96.de\/weiche.php\">Hannover 96<\/a>, aber ich habe kaum ein Spiel von ihnen gesehen \u2013 au\u00dfer wenn sie gegen den <a href=\"http:\/\/www.hsv.de\/\">HSV<\/a> spielen, dem der Rest meines Herzens geh\u00f6rt. Der Kerl sieht sich grunds\u00e4tzlich alle <a href=\"http:\/\/www.fcstpauli.com\/\">Pauli<\/a>-Spiele an, dann alle HSV-Spiele und dann alles andere. Daher kenne ich die HSV-Mannschaft einfach am besten, habe mir allm\u00e4hlich die Spielernamen merken k\u00f6nnen und gucke ein bisschen aufmerksamer zu. Und: Inzwischen achte ich nicht nur auf den Ball, sondern auch auf die Jungs, die den Ball gerade nicht haben. Ich erkenne so laaangsam die Spielsysteme, nach denen gebolzt wird, und ich erkenne ebenso langsam die Unterschiede zwischen den einzelnen Mannschaften. Ich mag inzwischen ein 0:0 lieber, wenn das Spiel taktisch faszinierend ist, als eine 8:0-Hinrichtung, bei der nur noch eine Mannschaft was vom Spiel hat. Und das ist, wie gesagt, die Schuld von Bayern M\u00fcnchen. Seit der Herr <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Van_Gaal\">van Gaal<\/a> die Jungs trainiert, gucke ich ihnen unglaublich gerne bei der Arbeit zu, weil so gut wie jedes Spiel einfach sch\u00f6n zum Zugucken ist: fl\u00fcssig, taktisch klug, kein bl\u00f6des Nachvornewerfen und <a href=\"http:\/\/en.wikipedia.org\/wiki\/Hail_Mary_pass\">Hail-Mary<\/a>-Gekicke (der Kaiser nennt es <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Kick_and_Rush\">Kick-and-Rush<\/a>), sondern gezielte Aufbauarbeit im Mittelfeld und teilweise unfassbare Abschl\u00fcsse (<a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Arjen_Robben\">Robben<\/a> und <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Ivica_Oli\u0107\">Olic<\/a>, I&#8217;m looking at you).<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.ankegroener.de\/razza\/..\/Bilder\/inverting_pyramid.jpg\" alt=\"\" title=\"inverting_pyramid\" width=\"380\" height=\"285\" class=\"alignnone size-full wp-image-9821\" \/><\/p>\n<p>Die lustige Wortkombination \u201eAufbauarbeit im Mittelfeld\u201c kommt mir inzwischen ziemlich fl\u00fcssig \u00fcber die Lippen, denn mich hat es immer genervt, dass der Kerl so launig von \u201e<a href=\"http:\/\/www.spox.com\/de\/sport\/fussball\/0907\/Artikel\/fussball-taktik-aktuell-mittelfeld-raute-flache-vier-fc-bayern-hsv-louis-van-gaal-franck-ribery.html\">Rauten<\/a>\u201c fabulierte, von der \u201e<a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Doppelsechs\">Doppelsechs<\/a>\u201c oder der \u201eflachen Vier\u201c, dass ich angefangen habe, mich auch theoretisch mit Fu\u00dfball zu besch\u00e4ftigen. Seit der WM ist <a href=\"http:\/\/www.zonalmarking.net\/\">Zonal Marking<\/a> meine zweite Heimat, auch wenn ich mich sehr konzentrieren muss, um einen Eintrag zuende zu lesen; es f\u00fchlt sich fast an wie fr\u00fcher an der Uni Fachliteratur zu studieren, das kann man nicht mal eben so \u00fcberfliegen. Und vor wenigen Tagen habe ich mein neues Lieblingsbuch beendet: <em><a href=\"http:\/\/www.amazon.de\/Inverting-Pyramid-History-Football-Tactics\/dp\/1409102041\/\">Inverting the Pyramid<\/a><\/em> vom Sportjournalisten <a href=\"http:\/\/www.guardian.co.uk\/profile\/jonathanwilson\">Jonathan Wilson<\/a>. Es beschreibt die Ver\u00e4nderung von Fu\u00dfballtaktiken seit Beginn des Spiels bis heute. Der Titel kommt vom ersten System, das jemals gespielt wurde, einem 2-3-5, also zwei Verteidiger, drei Mittelfeldspieler und f\u00fcnf St\u00fcrmer. Heute ist die Gewichtung genau umgekehrt; es stehen grunds\u00e4tzlich mehr Verteidiger als St\u00fcrmer auf dem Platz, und die deutsche Mannschaft hat w\u00e4hrend der WM meist in der Formation 4-2-3-1 gespielt. <\/p>\n<p>Seitdem ich mich mit Spielsystemen besch\u00e4ftige, gucke ich Fu\u00dfballspiele ganz anders. Auf einmal ist es gar nicht mehr so wichtig, ob ein Tor f\u00e4llt oder nicht, es ist viel spannender, dem Fluss des Balls zuzuschauen, den Bewegungen der Spieler bzw. einer Linie \u2013 der Verteidigungslinie, wie sie die Abseitsfalle vorbereitet oder dem offensiven Mittelfeld, wie es sich gemeinsam nach vorne schiebt und die St\u00fcrmer f\u00fcttert \u2013, wie gut das Zusammenspiel funktioniert (Hallo, FCB) oder eben nicht (Hallo, HSV). Es ist auf einmal \u00e4sthetischer, Fu\u00dfball zu gucken, wenn man wei\u00df, warum die Jungs auf dem Feld so und nicht anders rumwuseln. Und als der Kerl und ich vor kurzem <a href=\"http:\/\/www.zonalmarking.net\/2010\/08\/15\/liverpool-arsenal-reina-error\/\">Liverpool gegen Arsenal<\/a> geguckt haben und ICH DIE SYSTEME RICHTIG ERKANNT HABE UND DER KERL NICHT, war das wie Weihnachten. (Ich bin sehr einfach gl\u00fccklich zu machen.)<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.ankegroener.de\/razza\/..\/Bilder\/ball_ist_rund.jpg\" alt=\"\" title=\"ball_ist_rund\" width=\"380\" height=\"285\" class=\"alignnone size-full wp-image-9819\" \/><\/p>\n<p>Mit diesem theoretischen R\u00fcstzeug bin ich sehr gespannt auf die neue Bundesligasaison, die heute startet, weil ich zum ersten Mal von Anfang an ganz anders dabei sein werde. Ich werde immer noch 96 die Daumen dr\u00fccken, egal wie schei\u00dfe sie spielen, ich werde bei HSV gegen Pauli dem HSV alles Gute w\u00fcnschen, w\u00e4hrend der Kerl f\u00fcr Pauli sein wird, und ich freue mich auf dutzende von europ\u00e4ischen Begegnungen, weil das wieder ein ganz anderer Schnack ist. Das einzige, was mich ein bisschen wehm\u00fctig macht: Ich gucke Spiele der Nationalmannschaft nicht mehr ganz so gerne, weil ich inzwischen wei\u00df, wie gro\u00dfartig Vereinsfu\u00dfball sein kann. Aber immerhin kann man bei denen Fahnen schwenken und hupend durch die Gegend fahren. Ist ja auch was.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der Kerl und ich sind seit \u00fcber sechs Jahren zusammen. In dieser Zeit haben wir so manche Stunde gemeinsam vor dem Fernseher verbracht: vor VH-1, um \u00fcber alte Videos zu l\u00e4stern und uns gegenseitig zu erz\u00e4hlen, wo wir sie zum ersten Mal gesehen haben und wie jung und unschuldig wir damals waren. 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