„Gehört das Ihnen?“

Das Team vom Oberhausmuseum Passau (also auch ich) stellte im letzten September einen Stapel aus Kunsttransportkisten auf den zentralen Ludwigsplatz. Darauf bis November im Wechsel plakatiert: sechs Werke aus unserem Depot, von denen ich der Meinung bin, dass sie Raubkunst sind. Ein einleitendes Plakat, das immer zu sehen war, fragte provokant: „Gehört das Ihnen?“ und wies damit darauf hin, dass sich heute noch Raubkunst nicht nur in Museen, sondern auch an den Wohnzimmerwänden von Frau Hinz und Herrn Kunz befindet. Eine kurze Copy erklärte, dass auch das Oberhausmuseum Werke verwahrt, von denen wir nicht wissen, wem sie gehören. „Helfen Sie uns, diese Menschen zu finden!“

Ein QR-Code auf den Plakaten schubste interessierte Betrachter:innen auf unsere Website, wo alle Plakate und, viel wichtiger, alle Werke und Informationen zu ihnen zum Download bereitstehen. Die Idee dahinter: Schwarmintelligenz nutzen. Was ich nicht weiß, weiß vielleicht jemand anders?

Wir bekamen Hinweise auf zwei Künstler, von denen ich einen schon bestätigen kann, beim zweiten knabbere ich noch. Außerdem weiß jetzt ganz Passau, was Provenienzforschung ist, was ich für einen ebenso großen Erfolg halte.

Zur Aktion schrieb ich für die Passauer Neue Presse mehrere Artikel, die sich mit den plakatierten Werken befassten. Zusätzlich hoffte ich, damit auch generell über den NS-Kunstraub und seine Mechaniken zu informieren.

Netterweise darf ich diese Texte nun auch in meinem Blog veröffentlichen. Ich habe sie teilweise etwas gekürzt, damit ich mich nicht zu oft wiederhole. Die Links habe ich erstmals hinzugefügt, die waren nicht Teil der Ursprungstexte. (Die geschlechtergerechte Sprache auch nicht.) Please enjoy.

(Alle Werkaufnahmen © Pedagrafie, die anderen beiden Fotos sind von mir.)

Teil 1: „Sitzende Diana und ihre Gefährtinnen“: Von Passau nach München und zurück

Anfang Mai 1945. Die US-Armee eroberte Passau und damit auch die Veste Oberhaus. Das damalige Ostmarkmuseum hatte seine wertvollsten Bestände bereits 1942 ins Kloster Vornbach ausgelagert, um sie vor möglichen Kriegsschäden zu schützen. Statt Bomben der Alliierten sorgten nun aber vor allem Passauer Bürger und Bürgerinnen dafür, dass die restlichen Bestände in Unordnung gerieten und sogar vielfach geplündert wurden. Vor allem Textilien und alltägliche Gegenstände wie Geschirr, Schnupftabakdosen, Bestecke und Pfeifen wurden geraubt. Im Stadtarchiv Passau wird die sogenannte Plünderungsliste von 1949 verwahrt, auf der knapp 600 Inventarnummern als nicht mehr vorhanden notiert sind.

Nach den Plünderungen musste aufgeräumt werden. Dabei fanden Mitarbeiter:innen Kunstwerke, die nicht zum Museumsbestand gehörten; die US-Soldaten hatten teilweise ihre Quartiere mit den Gemälden und Drucken geschmückt. Die Künstlerin Gretli Fuchs legte, möglicherweise schon 1945, spätestens aber im März 1946 eine erste Übersichtsliste an, auf der 74 Werke verzeichnet waren, deren Herkunft unbekannt war. Weitere Werke wurden nach und nach aufgefunden, die der Burgverwalter Wilhelm Ritzler stets an die Militärbehörden meldete. Im April 1946 besichtigte schließlich ein Leutnant der Militärregierung in Begleitung eines Experten (sehr wahrscheinlich Walter Boll) die inzwischen 82 aufgefundenen Werke. Beide gingen davon aus, dass es sich um Werke aus Frankreich und Belgien handelte, also sehr wahrscheinlich Raubkunst. Es wurde beschlossen, sie nach München an den sogenannten Central Collecting Point zu bringen.

Die Alliierten fanden nach ihrem Sieg über 1.400 Kunstdepots im ehemaligen Deutschen Reich, in denen fast vier Millionen Objekte eingelagert waren. Um diese Unmenge an Gegenständen wieder in die Ursprungslänger verteilen zu können, wurden in jeder Besatzungszone Collecting Points, also Kunstsammelstellen, eingerichtet; die größten lagen in München, Wiesbaden und Offenbach. Dort kamen lastwagenweise Kunstwerke aus den Depots an, die bereits ab dem späten Frühjahr 1945 wieder in die Herkunftsländer restituiert werden konnten.

Aus Passau gelangten im Oktober 1946 schließlich 89 Kunstwerke nach München. Jedes einzelne Werk wurde auf mehreren sogenannten Property Cards inventarisiert. Auf diesen Karten wurde das Objekt kurz beschrieben, falls erkennbar, wurden Maler oder Malerin genannt, und es wurden „identifying marks“, also besondere Merkmale, notiert. Diese sollten es leichter machen, die Eigentümer:innen zu identifizieren.

Das Gemälde „Sitzende Diana und ihre Gefährtinnen“ war den Kunsthistoriker:innen vor Ort anscheinend nicht bekannt. Auf den drei erhaltenen Property Cards wurde es auf die 1. Hälfte des 17. Jahrhunderts oder aber das 19. Jahrhundert datiert. Die Signatur konnte niemand entziffern. Als einziges besonderes Merkmal wurde ein Stempel notiert, der von der Wiener Zentralstelle für Denkmalschutz stammte. Diese Stempel wurden zwischen 1934 und 1940 genutzt und dienten dazu, für die Ausfuhr genehmigte Kunst zu kennzeichnen. Dass es ausgeführt werden durfte, legt nahe, dass es sich eher nicht um jüdische Besitzer oder Besitzerinnen handelte, deren Eigentum zur illegalen Verwertung im Land verbleiben sollte.

Bis 1958 erhob niemand Anspruch auf dieses Werk, weswegen es schließlich mit 87 weiteren Werken wieder nach Passau zurückgeschickt wurde.

Teil 2: „Porträt eines Soldaten mit Mütze“: Unbekannter Mann aus unbekanntem Land

600.000 Kunstwerke. Das ist die geschätzte Anzahl von Gemälden, grafischen Arbeiten und Skulpturen, die der NS-Staat seinen Eigentümern raubte. Neben Kunstwerken stahlen die Nationalsozialisten unzählige Bücher, Akten und Schriftstücke aus Bibliotheken, Archiven, öffentlichen und Privatsammlungen in allen von Deutschland besetzten Gebieten. Vieles ist bis heute nicht zurückgegeben worden – unter anderem deshalb, weil die damaligen Eigentümer:innen nicht (mehr) bekannt sind.

1998 verpflichteten sich diverse Staaten und nicht-staatliche Organisationen auf einer Konferenz in Washington, NS-Raubgut aufzufinden. Diese Verpflichtung ist unter dem Begriff „Washingtoner Prinzipien“ bekannt geworden. In Deutschland verpflichteten sich die Bundesregierung, die Länder und kommunale Verbände 1999, in eigenen Beständen NS-verfolgungsbedingt entzogenes Kulturgut (so die offizielle Bezeichnung) zu suchen und proaktiv an Erbberechtigte zurückzugeben.

Die Schwierigkeit dieser Forschung liegt darin, erst einmal in Museumssammlungen oder Bibliotheken diejenigen Objekte herauszufiltern, die womöglich nicht legal an die jeweiligen Häuser gekommen sind. Dafür engagiert man sogenannte Provenienzforschende, also Kunsthistoriker bzw. Kunsthistorikerinnen, die sich mit der Herkunft von Objekten befassen. „Provenienz“ bedeutet Herkunft. Sie durchsuchen hauseigene Inventare, gehen in örtlichen Archiven auf die Suche nach möglichen Unterlagen wie Rechnungen, Ankaufsanweisungen oder Korrespondenz, die sich mit den Objekten befassen, und überprüfen weitere Quellen wie Auktions- und Ausstellungskataloge, um den Weg eines Objekts ins Museumsdepot nachzuzeichnen.

80 Jahre nach Kriegsende existieren allerdings oftmals nicht mehr alle Schriftstücke, die zu einer exakten Provenienzbestimmung nötig sind. So geht es auch dem Oberhausmuseum mit der abgebildeten Zeichnung. Sie zeigt einen jungen Soldaten, sehr wahrscheinlich in einer Uniform des Ersten Weltkriegs. Vermutlich kämpfte der junge Mann für Österreich-Ungarn, aber die Uniform könnte auch eine französische sein. Das kleine Werk ist weder datiert noch signiert, und es befinden sich keine besonderen Merkmale auf ihm, die einen Hinweis auf die Identität des Abgebildeten oder den Künstler zulassen.

Die Zeichnung stammt aus einem Bestand von 89 Werken, von denen bisher nur vier den ehemaligen Eigentümer:innen zugeordnet werden konnten. Diese vier Werke wurden 1942 aus zwei unterschiedlichen kommerziellen Möbellagern in Paris gestohlen, wo ihre Besitzer:innen sie verwahrten. Daher liegt die Vermutung nahe, dass auch diese Zeichnung in Paris entwendet wurde. Können Sie den jungen Mann identifizieren?

Teil 3: „Landschaft mit Fabrik“: Geraubt aus einem Pariser Möbellager?

Das kleine Ölgemälde „Landschaft mit Fabrik“ ist ungerahmt. Es zeigt eine Landschaft, in deren Mitte sich eine Baumreihe durch das Bild zieht. Rechts unten verschließt ein Tor aus Latten einen hellen Weg, der zu einer Fabrik mit vier markanten Schornsteinen zu führen scheint. Das Bild ist nicht signiert, so dass es nicht möglich ist, durch die Suche nach dem Künstler oder der Künstlerin auf den Käufer zu schließen. Falls man wüsste, wo diese Fabrik steht, könnte man immerhin das Land einkreisen, in dem es vielleicht gemalt wurde. Frankreich? Die Niederlande?

Auf der Rückseite des Bilds finden sich Reste eines Stempels. 1946 wurde das Werk am sogenannten Central Collecting Point in München katalogisiert. Dort wurde notiert, dass sich ein Stempel von „G. Delaunay“ aus Paris auf der Rückseite befindet; er ist heute nicht mehr lesbar. Der Stempel weist vermutlich auf ein kommerzielles Möbellager („garde-meuble“) hin, in dem das Werk eingelagert wurde. Viele Menschen, die vor den Nationalsozialisten flüchten mussten, lagerten ihren Besitz ein, weil sie ihn meist nicht mitnehmen konnten. Von diesen Lagern existieren nur äußerst selten noch Unterlagen, die auf ehemalige Kund:innen hinweisen. Auch in diesem Falle war der Stempel eine Sackgasse.

Im Bundesarchiv Berlin sind Akten überliefert, in denen sich Anschreiben der deutschen Besatzungsmacht in Frankreich finden, die den Dachverband der französischen Möbellager um Auskunft darüber bittet, ob die Lager jüdische Kunden hätten: Wenn ja, wo befände sich deren Eigentum? Viele Lagerbetreiber antworteten mehr oder weniger freiwillig, woraufhin deutsche Einheiten gezielt Lager ansteuerten. Die dort auch aufgefundenen Kunstgegenstände waren eigentlich nur eine Art Beifang: Es ging dem NS-Staat eher um Möbel, Textilien und Gebrauchsgegenstände für den Alltag. Denn während des Kriegs wurden viele Deutsche durch Bombenangriffe obdachlos oder verloren ihr Hab und Gut. Deutsche konnten daher verbilligt Möbel, Kleidung und Hausrat erwerben – der zuvor meist jüdischen Menschen vor allem aus Frankreich, den Niederlanden und Belgien geraubt wurde. Gerade in Norddeutschland wurden nachweislich sogenannte „Holland-Möbel“ öffentlich in Auktionen versteigert; die Kaufenden wussten durchaus, woher diese Güter stammten.

Teil 4: „Sitzende Dame mit drei Herren“: Wer ist diese Frau?

Im letzten Teil unserer Serie wurden die kommerziellen Möbellager in Paris beschrieben, aus denen vermutlich ein Großteil der 89 Werke gestohlen wurde, die 1945 nach der Eroberung der Veste Oberhaus aufgefunden wurden und die nicht zum Museumsbestand gehören. Ein kleiner Teil dieser Werke könnte aber auch aus Berlin nach Passau gelangt sein.

Im Bestand befinden sich vier Werke, bei denen eine Herkunft aus Berlin wahrscheinlich ist. Eine fotografische Reproduktion eines Raffael-Gemäldes wurde von der Photographischen Gesellschaft Berlin hergestellt, die zwischen 1862 und 1927 existierte. Sie gab als erste Firma Fotografien nach alten Gemälden heraus, die damit zum erschwinglichen Wandschmuck wurden. Diese Photogravüre – wir würden heute Kunstdruck dazu sagen – trägt keine Merkmale, an denen man ehemalige Eigentümer identifizieren könnte.

Zwei weitere Werke können durch die herstellenden Künstler nach Berlin verorten werden: Eins ist die „Dame im Oval“, die im nächsten Teil unserer Serie besprochen wird. Das zweite Gemälde ist ebenfalls ein Frauenporträt und stammt sehr wahrscheinlich von Werner Heidenreich, über den in kunsthistorischen Datenbanken kaum etwas zu finden ist. In Willy Oskar Dresslers „Kunsthandbuch“ von 1930, einem Lexikon der damaligen deutschen Künstler, ist er in der Rönnebergstraße in Berlin-Friedenau zu finden; das ist der derzeit einzig gesicherte Ort, der für Heidenreich belegbar ist; seine Lebensdaten sind unbekannt. Da so wenig über ihn bekannt ist, kann man davon ausgehen, dass sich sein Wirken wahrscheinlich auf Berlin beschränkt hat.

Das vierte Werk dieses Bestands ist die abgebildete Zeichnung von Theo Matejko. Matejko war ein vielbeschäftigter Zeichner und Illustrator im Berlin der 1920er Jahre. Er schuf diverse Filmplakate für die damalige Produktionsfirma Universum Film AG, besser bekannt als Ufa. Die Ufa war neben den Studios in Hollywood in den 1920er Jahren der weltgrößte Anbieter von Kinofilmen: Die Ufa drehte und produzierte Filme in eigenen Studios und zeigte sie in Kinos, die ebenfalls der AG gehörten bzw. verlieh sie an andere Kinobetriebe. Matejko war bei der „Berliner Illustrierten Zeitung“ als Zeichner beschäftigt und bebilderte zum Beispiel Fortsetzungsromane. Gleichzeitig entwarf er aber auch Werbematerial für Filme, zum Beispiel für „Dr. Mabuse“ (1921/22) oder „Die Nibelungen“ (1924) von Fritz Lang. Zur NS-Zeit stellte sich Matejko in den Dienst des Systems, indem er für die NS-Zeitschrift „Die Wehrmacht“ Illustrationen schuf. Er floh kurz vor Kriegsende aus Berlin und starb im September 1946 in Österreich.

Die Zeichnung von 1925 zeigt eine elegant gekleidete Dame mit auffälligem Schmuck, die entspannt in einem Sessel sitzt und mit zwei ihr zugewandten Herren plaudert, während ein dritter die Szene beobachtet. Matejko widmete das Bild vermutlich der abgebildeten Frau. Die Zeichnung trägt eine Widmung, von der allerdings der Name der Dame nicht lesbar ist: „Frau [unles.], der leider allzu tüchtigen Chefin der Ufa-Propaganda in Freundschaft gewidmet / Theo Matejko / 6.IX.1925“.

Recherchen zur damaligen Ufa brachten keine Erkenntnisse über die Identität der Abgebildeten. Daher fragt das Oberhausmuseum: Können Sie den Namen der Dame entziffern?

[Edit: Dieses Werk macht mich wahnsinnig. Der Name der Besitzerin steht verdammt nochmal drauf, und niemand kann ihn lesen. Ihr ahnt nicht, wieviele Dokumente, Literatur und Quellen zur Ufa ich inzwischen durchgelesen habe, nur um auf irgendeinen Namen zu stoßen, der vielleicht zu ihr passen könnte. Ergebnislos. Momentan ist meine Theorie, dass die Dame keine „Chefin“ war, das war 1925 für eine Frau vermutlich doch ungewöhnlich, sondern eher die Sekretärin des wirklichen Chefs, dessen Namen ich aber auch nicht rausbekommen habe. Das Blatt war vielleicht nur ein launiger Scherz, keine Ahnung. Wie gesagt, es macht mich irre. Bitte ergoogelt mir den Namen des Chefs der Ufa-Reklame 1925! Hello, Redditors, wo seid ihr? Hier ist das Bild in groß, Unterschrift nochmal extra.]

Teil 5: „Dame im Oval“: Jede Herkunftsrecherche beginnt mit dem Werk selbst

Schaut man sich in Museen die Gemälde und Grafiken an, die an den Wänden hängen, findet man oft Signaturen, also die Unterschriften der Künstler und Künstlerinnen. So auch auf dem hier abgebildeten Werk, sogar noch mit einer Zahl dahinter: „Schulz Bromberg 24“. Der Künstler heißt also Schulz-Bromberg und das Werk stammt von 1924? Das war jedenfalls die Vermutung der Kunsthistoriker:innen am Central Collecting Point in München, die das Werk 1946 katalogisierten, als es mit 88 weiteren aus Passau ankam. Einer der amerikanischen Wissenschaftler las die Signatur sogar als „School of Bromberg“, also Schule des Malers Bromberg, was ihm aber selbst als Irrtum auffiel; er strich seine dementsprechende Notiz auf der sogenannten Property Card, die heute im Bundesarchiv verwahrt wird, vermutlich eigenhändig durch.

Auf der Suche nach Künstlernamen konnte man jahrzehntelang das „Allgemeine Künstlerlexikon“ benutzen, das zwischen 1983 und 2023 veröffentlicht wurde. Es umfasst ganze 119 Bände, in denen man Maler, Grafikerinnen und Skulptierende vom Mittelalter bis zur Neuzeit findet. Das sogenannte AKL beruhte auf früheren Lexika, die von Ulrich Thieme und Felix Becker schon ab 1907 veröffentlicht wurden. Googelt man nach „Thieme Becker“, kann man die alten Bände komplett im Internet finden. Sie sind auch heute noch wichtige Forschungsinstrumente.

In der Provenienz-, also Herkunftsforschung greift man oft auf ältere Quellen zurück, denn dort findet man eher zeitgenössische Daten als in heutigen Veröffentlichungen. Aus dem Allgemeinen Künstlerlexikon ist inzwischen die digitale Datenbank „Artists of the World“ geworden, in der fast 1,3 Millionen Kunstschaffende versammelt sind. Aber: Dort findet sich kein Schulz-Bromberg. Eingetragen ist hingegen ein Karl Heinrich Schulz, der 1884 in Bromberg, dem heutigen Bydgoszcz in Polen, geboren wurde. Sein Todesdatum ist nicht bekannt. In einem Künstlexikon von 1930 wird Schulz ebenfalls erwähnt: Dort ist zu lesen, dass er zu dieser Zeit in Berlin-Lichterfelde in der Curtiusstraße wohnte. Im Thieme-Becker von 1936 ist er nicht mehr verzeichnet, was darauf hinweist, dass er entweder nicht mehr künstlerisch arbeitete oder in zu kleinem Umfang, um in ein so wichtiges Lexikon aufgenommen zu werden. Dass er aber immerhin 1930 in einem Überblickswerk verzeichnet wurde, lässt die Zahl als Jahreszahl (1924) sinnvoll erscheinen.

Mehr ist über diesen Künstler oder über dieses Werk nicht bekannt. Derzeit wird vermutet, dass die „Dame im Oval“ einem Berliner Sammler oder einer Sammlerin gehört haben könnte. Vielleicht sogar der Abgebildeten? Daher fragt das Oberhausmuseum: Kennen Sie diese Frau? Oder wissen Sie mehr über den Maler?

Teil 6: „Sitzende Dame bei der Toilette“: Ein kleines Werk, eine große Verpflichtung

Woran denken Sie, wenn Sie das Wort „Provenienzforschung“ oder „Restitution“ hören? Möglicherweise an wertvolle Gemälde, die von großen Museen an Erbberechtigte zurückgegeben oder von ihnen gegen viel Geld für das Haus angekauft werden. Es geht beim Thema Raubkunst aber nicht immer um millionenschwere Werke von weltbekannten Malern oder Malerinnen. Raubkunst kann auch ein Werk wie das hier abgebildete sein: Eine schlichte Zeichnung, etwas größer als das DIN-A2-Format, simples Papier, nicht grundiert oder ähnlich vorbereitet. Wir sehen eine junge Frau in der Rückansicht, die sich selbst in einem Handspiegel betrachtet. Sie sitzt auf einem gepolsterten Sessel. Sie ist modern frisiert und trägt einen auffälligen roten Lippenstift. An diesem Werk hat vermutlich niemand lange gearbeitet; möglicherweise entstand es bei einem launigen Abend, der dazu einlud, halbbekleidete Frauen zu zeichnen und diese Zeichnung dann an einen guten Freund zu verschenken. So steht es jedenfalls in der französischen Widmung: „Pour Armand Leon, en signe de bonne amitié“ (Für Armand Leon als Zeichen guter Freundschaft). Das Bild ist sogar signiert, aber: Die Unterschrift war bis vor Kurzem nicht zu entziffern. Durch die Aktion „Gehört das Ihnen?“, bei der ein Kistenstapel auf dem Ludwigsplatz zu sehen ist, der auf kritische Werke im Oberhaus hinweist, konnte der Künstler gefunden werden: Es ist der französische Maler und Illustrator André Dignimont (1891–1965).

Die Nationalsozialisten raubten nicht nur große und bekannte Sammlungen, zum Beispiel für das geplante „Führermuseum“ in Linz, sondern auch kommerzielle Lager oder Wohnungen von Menschen aus, die Deutschland verlassen mussten. Nach dem Einmarsch in Frankreich flohen auch hier viele Menschen und lagerten ihr Hab und Gut ein. So vermutlich auch Armand Leon. Sein ihm gewidmetes Werk wurde 1945 in Passau aufgefunden; bisher ist es nicht gelungen, ihn zu identifizieren.

Auch wenn das Bild keine Millionen kostet, hat dieses Werk einen persönlichen Wert. Armand Leon war es wichtig genug, um es aufzuheben oder sogar einzulagern. Es wurde ihm geraubt und wahrscheinlich von Frankreich nach Deutschland gebracht, wo es seit 1958 im Oberhausmuseum verwahrt wird. Provenienzforschung bedeutet nicht nur, Spuren zu suchen und Quellen einzusehen. Es heißt auch, sich immer wieder daran zu erinnern, dass im NS-Regime im großen Stil Unrecht begangen wurde. Falls das Werk an Erbberechtigte zurückgegeben werden könnte, wäre hier immerhin ein kleiner Ausgleich möglich.

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Das waren die sechs Artikel zu den Gemälden bzw. Zeichnungen. Der siebte Artikel befasste sich mit einem Silberbecher, ich schrieb bereits darüber.

Ihr dürft weiterhin gerne mithelfen, mögliche Spuren aufzudecken. Sämtliche Bilder sind hochauflösend auf unserer Website zu finden, zusammen mit den Datenblättern.