Tagebuch Dienstag, 11. August 2020 – Autos und Käse

Beim Aktualisieren des Lebenslaufs fiel mir auf, dass ich mich mit der Diss über die Malerei zur Reichsautobahn gar nicht so weit wegbewegt habe von dem, was ich vorher gemacht habe: werbetexten für diverse Autokonzerne.

Vorgestern retweetete ich den Prado mit einem kleinen Clip, den das Museum zur Neuhängung ihrer Meisterwerke produziert hatte. Ich mochte schon den Anfang, als man vor allem Hände sah, die mich daran erinnerten, dass wir uns alle gerade nicht berühren können. Danach kamen Ausschnitte, in denen wir von Bildern angeschaut werden, die uns gleichzeitig auf Distanz halten. Sehr clever gemacht und ein bisschen schmerzhaft. (Hier gibt’s noch einen Clip mit ein bisschen Beethoven dazu.)

Meinen Blogeintrag von vor vier Jahren (ist das schon wieder so lange her?) zum Prado-Besuch verlinkte ich ebenfalls. In diesem Beitrag versteckt sich ein Link zum Eintrag über meinen Besuch in der Reina Sofia, wo Picassos Guernica hängt. Und erst jetzt fiel mir eine Gleichzeitigkeit auf, die mich seitdem wahnsinnig macht: 1937 hing Guernica im spanischen Pavillon auf der Pariser Weltausstellung. Und ein paar Meter weiter im deutschen Pavillon hingen mindestens zwei Autobahngemälde. Ganz toll, deutsches Reich, du ewige Nervensäge.

Tagesablauf derzeit: vor dem Wecker wachwerden, Wohnung durchlüften, Wohnung verdunkeln, lesen.

Gestern abend gab’s immerhin etwas Abwechslung: F. kam von einem winzigen Winzurlaub wieder, brachte, natürlich, kiloweise Käse mit, den wir mit einem Fläschchen Champagner auf dem Balkon verzehrten. Und danach noch mit einer Flasche Wein. Wir hatten uns immerhin vier Tage nicht gesehen, es gab total viel zu erzählen. Also wie ich momentan meine Wohnung verdunkele und lese und so.

Die NYT hatte schon einen Abriss über Trumps Versagen während der Corona-Krise. Slate legt nach mit gefühlt hunderten von Links: „Trump didn’t just get in the way. He made things worse.“

The Trump Pandemic

„Trump collaborated with Xi, concealed the threat, impeded the U.S. government’s response, silenced those who sought to warn the public, and pushed states to take risks that escalated the tragedy. He’s personally responsible for tens of thousands of deaths.

This isn’t speculation. All the evidence is in the public record. But the truth, unlike Trump’s false narrative, is scattered in different places. It’s in emails, leaks, interviews, hearings, scientific reports, and the president’s stray remarks. This article puts those fragments together. It documents Trump’s interference or negligence in every stage of the government’s failure: preparation, mobilization, public communication, testing, mitigation, and reopening.

Trump has always been malignant and incompetent. As president, he has coasted on economic growth, narrowly averted crises of his own making, and corrupted the government in ways that many Americans could ignore. But in the pandemic, his vices—venality, dishonesty, self-absorption, dereliction, heedlessness—turned deadly. They produced lies, misjudgments, and destructive interventions that multiplied the carnage. The coronavirus debacle isn’t, as Trump protests, an “artificial problem” that spoiled his presidency. It’s the fulfillment of everything he is.“

Tagebuch Montag, 10. August 2020 – Corona-Test

Keine Panik, keine Symptome (wenn man das Übergeben von letzter Woche ignoriert), ich wollte es nur mal abklären lassen, bevor ich wieder in den Norden fahre, um für das Mütterlein kiloweise Rouladen, Saucen und Gemüsepäckchen anzufertigen und dafür zu sorgen, dass sie ausschlafen kann.

Der Arzt, bei dem ich einen Termin hatte, bietet die Tests nur am Ende der regulären Sprechstunde an. Ich betrat also um 17.45 Uhr die Praxis, sagte mein „Hello, my name is“-Sprüchlein auf – und wurde sofort wieder rausgeworfen: „Bitte draußen warten!“ Direkt hinter mir kam noch jemand für einen Test, der wurde auch ins Treppenhaus geschickt. Immerhin war hier ein leichter Luftzug vom Fahrstuhl oder vom Ventilator in der Praxis ein Stockwerk drüber zu spüren. Wir füllten unsere Aufnahmezettelchen aus und warteten. Und warteten.

Im Haus befinden sich Wohnungen und Praxen gemischt. Eigentlich sind Praxen ja super als Nachbar: immer jemand in der Nähe, falls man sich mal böse verschluckt oder die Kochmesser unerwartet scharf sind und nach 18 Uhr ist Ruhe. Dass man sich irgendwann an potenziell infektiösen Menschen, die im Treppenhaus rumlungern, vorbeiquetschen muss, hat vermutlich auch niemand vorausgesehen.

Gegen 18.30 Uhr kam ich dran, ich hatte gerade eine Leseprobe von Amazon auf dem iPhone durchgelesen, perfekt. Der Arzt entschuldigte sich für die Wartezeit, fragte nach Symptomen – nö –, nach möglichen Kontakten – Corona-App says no – und steckte mir dann vorsichtig ein Wattestäbchen in die Nase. Ich konnte gerade noch sagen, dass das andere Nasenloch vielleicht besser wär, da ist kein Piercing im Weg, dann ging das Stäbchen durchs ungepiercte Nasenloch, ich dachte noch, das fühlt sich an, als ob das Stäbchen im Nichts verschwindet, als es plötzlich hinten am Rachen kurz kratzte, und dann war schon alles vorbei. Das Gefühl konnte ich auch nach längerem Überlegen nicht in Worte fassen, das war ganz neu. (Kommt direkt auf den Jahresendfragebogen.) Es tat nicht weh, es war nicht mal wirklich unangenehm, nur sehr seltsam. Ich musste sinnloserweise an einen Dialog aus Broadcast News denken, wo Holly Hunter die Stimme im Ohr vom Anchorman William Hurt ist, die wiederholt, was Albert Brooks ihr sagt, der wiederum vor dem Fernseher steht, alles mit ansieht und vor sich hinmurmelt: „I say it here – it comes out there.“ So ein ähnliches, fast körperloses Gefühl war das, weil, soweit ich weiß, mir noch nie jemand da hinten im Rachen rumgekitzelt hat.

Der Rest vom Tag war Orgakram und Bürozeug und Dings. Und zu warm zum Kochen war’s auch. Aber für einen Salat und mal wieder die FAZ hat’s gereicht.

Das Tellerchen mit den Steinen darin ist die Wasserquelle für Insekten, wenn ich dieses Jahr schon keine Blümchen auf dem Balkon habe, um Bienen und Hummeln zu beglücken (kein Auto, Corona, alles doof). Ich sehe blöderweise immer nur Wespen am Wasser anstatt der flauschigen Viecher, aber man will ja nicht diskriminieren.

Links von Montag, 10. August 2020

Auf arte concert kann man gerade Igor Levits Beethovenzyklus aus Salzburg nachhören, soweit ich das verstanden habe, jeden Abend live und dann 30 Tage zum Abruf. Ein paar andere Aufführungen aus Salzburg stehen auch online, bitte mal selbst wühlen.

„Was hat Tourismus mit gutem Leben zu tun?“

Ein Gespräch zwischen Nils Markwardt und Valentin Groebner, der gerade ein kleines Buch zum Thema herausgebracht hat.

„M: Schon während der „Grand Tour“ im 18. Jahrhundert führten die jungen Adligen Zeichenblöcke bei sich, um besonders schöne Orte festhalten zu können. Später hatten manche Urlauber dann Fotoapparate dabei und verschickten Postkarten. Heute jedoch hat jeder ein Smartphone in der Tasche und kann seine Eindrücke sofort via Social Media teilen. Hat sich die touristische Erfahrung dadurch noch einmal grundsätzlich gewandelt?

G: Ich werde den Verdacht nicht los, dass sich viel weniger verändert hat, als man auf den ersten Blick hätte erwarten können. Denn auch schon vor dem 18. Jahrhundert gab es Reisende, die sich an ihren Besuchsorten verewigten. In der Grabeskirche in Jerusalem finden sich etwa eingekratzte Namen und Wappen von Pilgern aus dem 14. und 15. Jahrhundert – so viele, dass Reiseberichte aus dieser Zeit sich über diese eitlen Kerle beklagen. Adlige ließen ihr Wappen auch an die Fensterläden jener Wirtshäuser malen, in denen sie übernachtet hatten. Es ging also, ein bisschen wie bei Trip Advisor, darum, zu zeigen, wer hier schon abgestiegen ist. Und Fotografie entsteht dann ja auch nicht zufällig zur selben Zeit wie die Eisenbahn, das Dampfschiff und das Grand Hotel. In den frühen Touristenzielen waren überall Fotoateliers. Die wohlhabenden Besucher von Luzern, Paris oder Florenz wollten vor Ort sofort Fotos von sich – vor standardisierten Hintergründen, aber auch als Joke-Bilder, so wie etwa das berühmte Foto von Friedrich Nietzsche, Lou Andreas-Salomé und Paul Rée, in Luzern in einem Fotostudio geknipst. Das flüchtige Medium Reisen verlangt nach einem stillgestellten Bildbeweis. Zumal noch etwas Zweites dazukommt: Bei Vergnügungsreisen verwandelt man sich, wenn auch nur im eigenen Kopf, in eine reiche Person. Denn man ist ja nicht zum Arbeiten gekommen, sondern um Spaß zu haben. Und den will man anderen zeigen. Das heißt, man schlüpft in eine möglichst amüsante Pose, so wie Nietzsche, Andreas-Salomé und Rée. Wir führen unser eigenes Urlaubstheater auf. Sehr viel anders funktionieren die Selfies, die wir heute verschicken, auch nicht. Nur haben wir das Fotostudio eben in der eigenen Hosentasche.

M: Oft bedeutet Urlaub auch eine Reise in die Vergangenheit. Wir pilgern zu Denkmälern, Museen und historischen Sehenswürdigkeiten. Woher kommt es, dass wir in den Ferien die Geschichte aufsuchen?

G: Unsere Vorstellung vom sehenswerten „Echten“ ist gewöhnlich vorindustriell. Das 19. Jahrhundert machte die Erfahrung, dass sich die eigene Umwelt durch das beschleunigte Wachstum des Industrie- und Fabriksystems rasant veränderte. Die mittelalterlichen Stadtmauern verschwanden fast überall in Europa innerhalb derselben zehn Jahre. Die standen fünf, sechs Jahrhunderte – und wurden dann zwischen 1840 und 1850 abgerissen. Industriestädte dagegen wuchsen innerhalb von 20 Jahren auf die doppelte Einwohnerzahl an. Menschen des 19. Jahrhunderts erlebten Veränderungen in einem Ausmaß, das wir uns kaum vorstellen können. Im 18. Jahrhundert stand noch so viel Altes herum, dass es als nichts Besonderes galt, wenn es nicht antik war. Im 19. Jahrhundert wurden mittelalterliche Überreste dann zur Sehenswürdigkeit, weil sie so rasch knapp wurden. Deswegen musste man sie im Zweifelsfall auch neu bauen. Wenn heute etwas sehr mittelalterlich aussieht, stammt es im Zweifelsfall aus dem 19. Jahrhundert.“

Neuerdings ist die Spelling Bee bei der NYT fies schwer, weswegen ich jetzt kreuzworträtselsüchtig bin. Als Abonnentin kann ich auch das ganze Archiv leerlösen. Ha!

Zwei lange Stücke über die USA und ihren zumindest derzeit so wahrgenommenen Niedergang, einmal aus dem Atlantic, einmal aus dem Rolling Stone.

How the Pandemic Defeated America

In diesem Artikel geht es hauptsächlich um das Gesundheitssystem der USA, das durch COVID-19 übermäßig in Anspruch genommen wird. (Der Artikel ist nicht hinter einer Paywall wie alle zu Corona bei unter anderem dem Atlantic, der NYT, der Washington Post oder dem New Yorker. Ich runzele die Stirn zum Beispiel in Richtung Süddeutsche, bei der ich erst durch den Uni-Zugang einen Artikel über die (eher geringe) Ansteckungsgefahr in Zügen lesen konnte, danke auch. Hmpf.)

„But the COVID‑19 debacle has also touched—and implicated—nearly every other facet of American society: its shortsighted leadership, its disregard for expertise, its racial inequities, its social-media culture, and its fealty to a dangerous strain of individualism. […] Despite its epochal effects, COVID‑19 is merely a harbinger of worse plagues to come. The U.S. cannot prepare for these inevitable crises if it returns to normal, as many of its people ache to do. Normal led to this. Normal was a world ever more prone to a pandemic but ever less ready for one. To avert another catastrophe, the U.S. needs to grapple with all the ways normal failed us. It needs a full accounting of every recent misstep and foundational sin, every unattended weakness and unheeded warning, every festering wound and reopened scar. […]

At the end of the 20th century, public-health improvements meant that Americans were living an average of 30 years longer than they were at the start of it. Maternal mortality had fallen by 99 percent; infant mortality by 90 percent. Fortified foods all but eliminated rickets and goiters. Vaccines eradicated smallpox and polio, and brought measles, diphtheria, and rubella to heel. These measures, coupled with antibiotics and better sanitation, curbed infectious diseases to such a degree that some scientists predicted they would soon pass into history. But instead, these achievements brought complacency. “As public health did its job, it became a target” of budget cuts, says Lori Freeman, the CEO of the National Association of County and City Health Officials.

Today, the U.S. spends just 2.5 percent of its gigantic health-care budget on public health. Underfunded health departments were already struggling to deal with opioid addiction, climbing obesity rates, contaminated water, and easily preventable diseases. Last year saw the most measles cases since 1992. In 2018, the U.S. had 115,000 cases of syphilis and 580,000 cases of gonorrhea—numbers not seen in almost three decades. It has 1.7 million cases of chlamydia, the highest number ever recorded.“

Der Rolling Stone schreibt über die Rolle der USA als Weltmacht, die keine mehr ist.

The Unraveling of America

„In a dark season of pestilence, COVID has reduced to tatters the illusion of American exceptionalism. At the height of the crisis, with more than 2,000 dying each day, Americans found themselves members of a failed state, ruled by a dysfunctional and incompetent government largely responsible for death rates that added a tragic coda to America’s claim to supremacy in the world. […]

In the wake of the war, with Europe and Japan in ashes, the United States with but 6 percent of the world’s population accounted for half of the global economy, including the production of 93 percent of all automobiles. Such economic dominance birthed a vibrant middle class, a trade union movement that allowed a single breadwinner with limited education to own a home and a car, support a family, and send his kids to good schools. It was not by any means a perfect world but affluence allowed for a truce between capital and labor, a reciprocity of opportunity in a time of rapid growth and declining income inequality, marked by high tax rates for the wealthy, who were by no means the only beneficiaries of a golden age of American capitalism.

But freedom and affluence came with a price. The United States, virtually a demilitarized nation on the eve of the Second World War, never stood down in the wake of victory. To this day, American troops are deployed in 150 countries. Since the 1970s, China has not once gone to war; the U.S. has not spent a day at peace. President Jimmy Carter recently noted that in its 242-year history, America has enjoyed only 16 years of peace, making it, as he wrote, “the most warlike nation in the history of the world.” Since 2001, the U.S. has spent over $6 trillion on military operations and war, money that might have been invested in the infrastructure of home. China, meanwhile, built its nation, pouring more cement every three years than America did in the entire 20th century.

As America policed the world, the violence came home. On D-Day, June 6th, 1944, the Allied death toll was 4,414; in 2019, domestic gun violence had killed that many American men and women by the end of April. By June of that year, guns in the hands of ordinary Americans had caused more casualties than the Allies suffered in Normandy in the first month of a campaign that consumed the military strength of five nations.“

Für den Satz, dass heutige Jugendliche bis zu ihrem 18. Lebensjahr zwei Jahre vor Bildschirmen verbringen und damit zur sogenannten obesity epidemic beitragen – ein extradoofes Wort inmitten einer echten Pandemie – möchte ich dem Autor allerdings kurz was hinter die Ohren geben.

Kartoffeltaschen mit Zucchinifüllung und Schnittlauchdip

Wieder ein Rezept aus der Vegetarischen Sommerküche von Paul Ivic. Bei den Zutaten dachte ich zunächst, naja, Kartoffeln und Zucchini halt, aber das schmeckte unerwartet gut und gefiel mir auch von den Texturen her sehr.

Für vier bis sechs Personen, die Dinger machen irre satt.

600 g mehlig kochende Kartoffeln kochen und passieren oder zerstampfen, wir brauchen Kartoffelbrei.

Währenddessen die Zucchini vorbereiten.
3 mittelgroße Zucchini 3 Millimeter dick abschälen, wir brauchen für die Füllung nur die Schale. Den Rest erstmal zur Seite stellen, die Schale in kleine Würfel schneiden.

100 g Butter (was mir viel zu viel vorkam) aufschäumen und leicht bräunen. Die Schalenwürfel darin knackig braten. Auf einen großen Teller oder eine Platte geben, mit
Salz, Pfeffer und Muskat würzen und circa eine Minute ziehen lassen. Danach noch
3 EL Semmelbrösel unterrühren. Die Masse sollte leicht klebrig sein. Im Rezept werden noch 2 Eigelb erwähnt, das kam mir aber seltsam vor, die darunter zu heben, daher habe ich sie weggelassen.

Nun den noch warmen Kartoffelbrei mit
240 g Mehl, Type 405,
30 g Butter und
2-3 Eigelb verkneten, mit
Salz und Muskat würzen. Auf der bemehlten Arbeitsfläche sofort 3 Millimeter dick ausrollen, mit Eigelb bestreichen (habe ich weggelassen) und Kreise ausstechen, ca. 6 Zentimeter im Durchmesser.

Mit einem Löffel ein bisschen Füllung auf jeden Teigkreis setzen, die Kreise zusammenfalten und die Enden gut zusammendrücken. Das sah bei mir ein bisschen wie eine Mischung aus Dim Sum und Ravioli aus, aber die lustigen Dinosaurierrückenplattenkanten, die ich produzierte, verschwanden beim Kochen von alleine. Die gefüllten Taschen mit den Enden nach oben auf Backpapier setzen, die kleben sonst an allem fest.

Die geschälten Zucchini nun in Scheiben, Stücke oder was auch immer ihr wollt schneiden und in wenig Butter andünsten.

Für die Schnittlauchsauce
125 ml saure Sahne mit
1 EL Mayonnaise,
1 zerdrückten Knoblauchzehe,
1 kleinen Bund Schnittlauch, fein gehackt,
1–2 EL Zitronensaft sowie
Salz und Pfeffer mischen. Kalt stellen.

Einen großen Topf mit Salzwasser aufsetzen. Die Taschen bei leicht köchelndem Wasser hineingeben. Wenn sie an die Oberfläche kommen, noch zwei Minuten köcheln lassen. Herausnehmen und in
heißer, brauner Butter anschwenken. Auf dem Zucchinigemüse servieren, dabei darf gerne noch Butter dabeisein, und den Dip dazureichen.

Ich fand die Füllung überraschend knusprig, wobei das eventuell am fehlenden Eigelb gelegen haben könnte. Es ist schon sehr viel Butter im Gericht, aber mei, Butter ist super, gerne wieder. Vor allem die braune, nussig schmeckende macht den Teller sehr mummelig, wogegen der Dip gut hilft. Und falls ihr nicht den ganzen Teig verarbeitet – aus dem kann man auch am nächsten Tag noch ohne Füllung latent zähe Schupfnudeln machen.

Tagebuch Freitag, 7. August 2020 – Tote Blaubeeren

Ich ahne, dass meine Krankheitssymptome der letzten Woche eher eine launige Lebensmittelvergiftung waren oder was auch immer und nicht das C-Wort, aber ich habe trotzdem mal einen Test für Montag vereinbart. Passt auch gut, weil ich Ende nächster Woche wieder in den Norden fahre, um das Mütterlein zu unterstützen. Herr Bielinski berichtete vom Test seiner Familie, der seit Anfang Juli in Bayern kostenlos für alle zu haben ist. Wer wissen möchte, wo in seiner Nähe eine Ärztin ist, die diese Tests durchführt, geht auf die Seite der Kassenärztlichen Vereinigung Bayerns und sucht seine Postleitzahl. So habe ich einen HNO-Arzt gefunden, der 200 Meter von meiner Haustür entfernt praktiziert und freue mich jetzt total darauf, nochmal Würgereiz zu spüren, wenn der Rachenabstrich genommen wird.

Den Tag über mit Dingen beschäftigt, die nicht ins Blog gehören. Und gekocht und gebacken, jetzt wo der Magen wieder Ruhe gibt. Dabei reproduzierte ich Böcklins Toteninsel als Blaubeerkuchen.

Und ich beim Rausnehmen des Kuchens aus dem Ofen noch: „Der fühlt sich aber schwer an, ist der echt schon durch? Aber der war jetzt 10 Minuten länger im Ofen als im Rezept angegeben. Wird schon passen.“ Mmmh. Aber hey, mit ein bisschen Guss drüber merkt das niemand.

Apropos Toteninsel: Der BR zeigt noch bis Anfang September online den Jahrhundert-Ring von Chéreau. Ich habe das Ding natürlich auf DVD, aber da diese gerade auf dem Dachboden meiner Eltern zwischengelagert wird, werde ich wohl 16 Stunden vor dem Laptop hängen. Kein Problem, das habe ich gerade mit den Serien Unorthodox und Unbelievable durchgespielt, beide übrigens große Empfehlungen. (Und Selling Sunset, aber das muss als Ausgleich echt sein!)

Ein standardwerkiges Dankeschön …

… an Bettina, die mich mit einem Amazon-Geschenkgutschein überraschte. Den nutzte ich für einen Kauf von Victor Klemperers LTI. Mit diesem Buch hatte ich auf dem Wunschzettel immer Schwierigkeiten, weil viele Verkäufer nicht an Packstationen verschicken. Jetzt konnte ich ein Exemplar raussuchen, das auf diese Art versendet wird und habe es nächste Woche in der Heimbibliothek und nicht mehr in zerfledderter Version in der Uni-Bib. Vielen Dank für das Geschenk, ich habe mich sehr gefreut.

Karotten-Kokos-Dip mit Sesam/Sauer-pikanter Paprikadip

Beide Rezepte stammen aus dem Kochbuch Vegetarische Sommerküche von Paul Ivic, der für das Tian in Wien und München verantwortlich ist. Der Paprikadip wird eigentlich mit roten Paprika hergestellt und sieht im Buch verführerisch orange aus; ich hatte gelbe Paprika und … äh … werde das Bild vermutlich noch austauschen müssen. Schmeckt aber auch so prima.

Für den Karotten-Kokos-Dip
500 g Karotten schälen, in Scheiben oder Stücke schneiden und in
2 EL Kokosfett kurz anrösten. Mit
200 ml Kokosmilch und
200 ml Gemüsefond aufgießen und weich kochen. Pürieren und mit
1 EL dunklem Sesamöl,
1/2 TL Sesamsamen,
Meersalz und
Pfeffer abschmecken. Bei mir sind noch dekorative Schwarzkümmelsamen oben drauf, weil ich keinen dunklen Sesam im Haus hatte, sondern nur unfotogenen hellen.

Für den Paprikadip
750 g rote Paprika (ca. 3 bis 4) halbieren, Kerne und Fruchtfleisch entfernen und in 5 mm kleine Würfel schneiden.
1 große rote Zwiebel und
1/2 Knoblauchzehe ähnlich fein würfeln.
2 EL Olivenöl in einem Topf erhitzen und das Gemüse darin bei mittlerer Hitze weich garen.
80 g braunen Zucker mit
50 ml Sojasauce,
100 ml Rotweinessig und
1 Spritzer Tabasco mischen und über das Gemüse geben. Alles bei geringer Hitze sämig einkochen und abkühlen lassen. Notfalls pürieren, ich habe es stückig gelassen.

Beide Dipps passen ganz simpel auf Brot, sind für wilde Gemüsestickschlachten geeignet und schmecken, zumindest mir, sowohl warm als auch kalt.

Schnelle Schoko-Cookies

Nennt man die Teigklumpen, die im Ofen zu Keksen auseinanderlaufen, immer noch „Cookies“ oder hat sich das inzwischen eingedeutscht? Ich stolpere selbst über die Überschrift, aber „Kekse“ heißt für mich immer noch Mürbeteig zum Ausstechen. Ich denke weiter darüber nach. Bis dahin gibt’s was zu essen.

Das Rezept von Herbs & Chocolate ist eine Abwandlung eines veganen Rezepts, falls ihr da mal hinklicken wollt. Es reicht für zehn Cookies (oder Kekse).

Den Ofen auf 180° Ober- und Unterhitze vorheizen.

60 g zimmerwarme Butter mit
100 g Zucker sowie
etwas Vanillezucker schaumig rühren.
30 ml Milch unterühren.

90 g Weizenmehl, Type 405 (laut Herbs & Chocolate geht auch Dinkelmehl 630) mit
30 g ungesüßtem Kakaopulver,
1 TL Speisestärke,
4 g Backpulver,
4 g Natron und
1 Prise Salz gut vermischen. Die trockenen Zutaten zu den feuchten geben, kurz verrühren und noch
75 g Zartbitterschokolade, grob gehackt, unterheben.

Aus dem Teig nun zehn tischtennisballgroße Kugeln formen und auf ein mit Backpapier ausgelegtes Backblech geben. Plattdrücken nicht nötig, die Cookies laufen auseinander. Daher möglichst nicht mehr als die zehn auf ein Blech legen. Für 13 bis 17 Minuten backen, bei 15 Minuten bleibt der Kern noch etwas klietschig, außen sind die Cookies aber knusprig. Mein Ofen scheint gestern etwas übereifrig gewesen zu sein, da war auch die Mitte bei 15 Minuten schon fast durch. Die Kekse auf dem Blech auskühlen lassen, damit sie noch etwas aushärten können. (Das ist das Schwierigste am Rezept.)

Laut Herbs & Chocolate könnt ihr noch 50 g gehackte Zartbitterschokolade auf die Cookies geben, wenn sie ganz frisch aus dem Ofen kommen und die Schokolade so noch zerlaufen kann, aber den Schritt habe ich mir gespart, die Dinger sind auch so schokoladig genug. Und vor allem nicht so irre süß. Schönes Rezept, gefällt mir sehr.

Tagebuch Sonntag/Montag, 2./3. August 2020 – Vom Vomieren (wir müssen hier halt auch mal über andere Dinge sprechen als Nazikunst)

Die Nacht von Freitag auf Samstag zehrt doch mehr an mir als ich dachte. Wie ich gestern bei einigen Telefonaten merkte, ist meine Stimme fast weg, und ich habe ernsthaft Muskelkater an beiden Seiten. Wir bleiben einfach beim TMI vom letzten Blogeintrag, denn ich habe darüber nachgedacht, wie oft ich mich wohl schon in meinem Leben übergeben habe.

An meine Kindheit kann ich mich nicht erinnern, an den ersten übermäßigen Alkoholgenuss allerdings schon. Also nicht an den Genuss selbst, aber an die Folgen im Bad. Da war ich 16 oder 17, schätze ich. Das reichte, um mir klarzumachen, dass ich das nicht nochmal haben wollte. Es dauerte auch gute zehn Jahre, bis ich diesen Vorsatz vergaß, denn Mitte 20 kam ich auf die Idee, doch mal dieses Haschisch, von dem alle reden, auszuprobieren. Das endete auch im Bad und seitdem kann mir diese Droge gestohlen bleiben. Ich mochte am Kiffen überhaupt nicht, dass ich von einer Sekunde auf die andere in einem neuen Bewusstseinszustand war, anstatt mich wie beim Alkoholgenuss langsam dahinzutrinken. Und wo ich beim Weinchen irgendwann sagen kann, in diesem Maße angetütert reicht, ab jetzt literweise Wasser und ein Taxi, dankeschön, konnte ich den Zustand des Bekifftseins nur aushalten und hoffen, dass er vorbeigeht. Diese Erfahrung fand in meiner damaligen Wohnung in Hannover statt; ich bin mir gerade nicht sicher, ob ich noch bei einer Freundin in derselben Stadt über der Kloschüssel gehangen habe, ich kann mich an viele Erdbeeren und Rumknutschen erinnern und das Gefühl, sehr sicher zu wissen, heterosexuell zu sein, aber an sonst nicht mehr viel.

In Hamburg wohnte ich in drei unterschiedlichen Wohnungen und ich kann mich nur an ein einziges Gefühl von Fußboden und knien und rumwürgen erinnern, nämlich in der letzten, gemeinsamen Wohnung mit Kai. Das war ein äußerst netter Abend in der Lieblingsweinbar mit einem eher unschönen Ende, aber das war’s wert.

In meiner ersten Münchner Wohnung ging es mir wie es mir Freitagnacht ging: Bauchschmerzen, Hilflosigkeit, kopfüber ins Bad, kein schöner Abend vorweg, vermutlich übermäßiges Frustfuttern. Was das dieser Tage war, weiß ich nicht, jedenfalls kein Frustfuttern oder Drogengenuss, aber ich weiß, dass der Vorgang des Sich-übergebens noch nie so lange gedauert hat. Das kam in vier Wellen über Stunden, bis endlich nichts mehr im Magen war, während ich bei den vorherigen Malen mit ziemlicher Sicherheit sagen kann, dass der Vorgang in einem Rutsch (ähem) erledigt war. Deswegen war vermutlich auch nie die Stimme weg und meine Seiten fühlten sich an, als hätte ich zuviel Sport gemacht. Oder wie auch immer sich das anfühlt, das habe ich noch nie hingekriegt, glaube ich.

Ich trinke weiterhin die guten Dalheimer Klosterschätze, habe mir gestern sogar eine halbe Portion Nudeln mit Erbsenpüree zugetraut (blieb drin) und warte nun, bis ich wieder glockenhell vor mich hinplaudern kann, nichts mehr wehtut und die Grundmattigkeit nachlässt. Atemwege sind frei, Geschmackssinn ist da, kein Fieber, danke für die Aufmerksamkeit.

Ich wies bereits auf die arte-Doku zu Amsterdam, London und New York hin, inzwischen habe ich alle vier Folgen gesehen. Es kam immerhin eine einzige Historikerin vor, ansonsten durfte ich mir von Männern die Weltgeschichte erklären lassen. Auch in den atmosphärischen Aufnahmen von heute aus den Städten sah man eher selten Frauen; die Banker, die sich motiviert die Hände schüttelten oder dramatisch in gläsernen Aufzügen auf und ab fuhren, waren fast alle männlich, zweimal sah ich eine vermutlich weibliche Person auf hohen Absätzen durchs Bild huschen. Ich unterstelle den Machern inzwischen ernsthaft Absicht und bin darob verstimmt.

Aber immerhin lernte ich durch die Doku das irrwitzige Woolworth-Building kennen, das im Film korrekt als „Kathedrale des Kommerzes“ bezeichnet wurde. Der wohlhabende Herr Woolworth ließ sich seinen Wolkenkratzer im Stil der Gotik bauen, komplett mit Figuren, die ihn zeigen oder den Architekten, der sein eigenes Gebäude im Arm hält; das Motiv findet sich auch gerne auf mittelalterlichen Gemälden, wo Stifter das Kirchlein halten, für das sie gespendet haben. Ich war fasziniert und irritiert von dieser Geschmacklosigkeit, aber falls ich jemals nach New York komme, will ich das Ding dringend anschauen.

Ich lernte auch, warum die Wolkenkratzer in New York so seltsam in die Höhe gestaffelt sind: weil die Nachbargebäude sonst überhaupt kein Licht mehr hätten, wenn alle komplett ihre Grundfläche ausnutzten und in diesen Maßen nach oben wüchsen. Die Regel war: Das Gebäude durfte so hoch sein wie die es umgebende Straße breit. Ab da durfte nur noch ein Viertel der Grundfläche gnadenlos nach oben gehen, der Rest wurde gestaffelt.

Und letzter Smalltalkbrocken: das Penthouse von Marjorie Merriweather Post. Um überhaupt Wolkenkratzer bauen zu können, mussten die Bauherren meist mehrere der kleinen, länglichen Grundstücke in Manhattans Rastermuster aufkaufen. Diese waren Anfang des 20. Jahrhunderts größtenteils bereits bebaut. Frau Post verkaufte ihr Haus mit der Auflage, im neuen Wolkenkratzer ein Penthouse zu bekommen, das bis heute vermutlich die größte Wohnung war, die es je gab: 3000 Quadratmeter über drei Stockwerke mit 54 Zimmern. Hier steht etwas mehr darüber.

Wo wir gerade beim Thema sind:

The Story Behind the Most Colorful Apartment Building in NYC. (Via @hellojed)

Meinte der Römer wirklich die Pastinake?

Ein Pflanzengenetiker und ein Kunsthistoriker gucken auf alte Gemälde. Traumjob. (Via @ineshaeufler)

„Alle heutigen Nahrungspflanzen sind irgendwann aus unscheinbaren Wildformen hergegangen, die unsere Vorfahren durch Züchtung an ihre Bedürfnisse angepasst haben. De Smet und Vergauwen treibt die Frage um, wie diese Entwicklung von ihren bescheidenen Anfängen in der Jungsteinzeit bis heute verlaufen ist. Archäologische Funde von Samen und Pflanzenresten erlauben zwar, das Erbgut früherer Sorten zu bestimmen, aber die genetische Sequenz sagt zunächst nichts darüber aus, wie die Feldfrüchte aussahen. Wie groß oder klein waren sie? Wie intensiv war ihre Färbung, und besaßen sie noch Besonderheiten, die heutigen Sorten fehlen? Diese Fragen können letztlich nur anhand von zeitgenössischen Darstellungen beantwortet werden.

Die beiden Freunde sehen daher in den unzähligen Abbildungen von Feldfrüchten auf Gemälden, Zeichnungen und Wandmalereien einen ungeheuren Fundus, den die Pflanzenforschung noch nicht angemessen ausgewertet hat. Sie wollen mit dem Bildmaterial klären, ab wann gewisse Feldfrüchte verwendet wurden, wie sie damals ausgesehen haben, wie beliebt sie zu den jeweiligen Zeiten waren und ob sich aus den Darstellungen auch etwas über die Handelsrouten oder die möglichen Ursprünge herauslesen lässt.“

Tagebuch Samstag, 1. August 2020 – Wärmflasche bei 32 Grad

Sofatag, verdöst, viel Kräutertee getrunken. Immerhin einen guten, nämlich ein Andenken an Frauenchiemsee, wo ich aus dem Klosterladen eine wilde Mischung aus Fenchel, Minze, Koriander und noch mehr Zeug mitnahm. Eiserne Regel: Wo ein Klosterladen ist, wird auch eingekauft. Vorletztes Mal gab’s Likör, der steht hier immer noch unangebrochen rum, aber der Tee war eine gute Idee. Dazu sorgte eine Wärmflasche für noch mehr Hitze, zumindest auf dem Oberbauch, der noch ein bisschen wehtat, und mein Ventilator sorgte dafür, dass ich nicht wahnsinnig wurde.

Abends versuche ich mich an Schonkost, hatte aber nach fünf Bissen keinen Appetit mehr. Bouillonkartoffel, ein kleines Rührei, Karottensuppe. Alles so gut wie ungesalzen und ohne Fett und überhaupt.

Die Zeit bis zum Schlafengehen vertrieb ich mir mit einer tollen Doku, von der ich nur die ersten zwei Teile von vieren schaffte, aber ich lege sie euch schon ans Herz: „Amsterdam, London, New York – Geschichte dreier Weltstädte.“ Gibt’s noch bis zum 22. September bei arte oder bei Orbanism bzw. Doku-Liebe, durch deren Twitter-Account ich darauf aufmerksam gemacht wurde.

Die erste Folge beschäftigt sich mit der Zeit bis ca. 1650. Die Niederländische Ostindien-Kompanie wird gegründet, in Amsterdam entsteht die erste Börse der Welt, auf dem amerikanischen Kontinent wird die kleine Kolonie Neu-Amsterdam errichtet, die wenige Jahre später New York heißen wird. Vergesse ich auch immer wieder: dass Neu-Amsterdam kein Zufluchtsort für Europäer:innen war, die vor Freiheitsbeschränkungen flohen, sondern schlicht ein Ort, um Profit zu machen. In dieser ersten Folge gucken wir quasi dem Kapitalismus beim Entstehen zu.

Die zweite Folge muss ich heute noch mal schauen, da war ich schon im Halbschlaf, aber ich erinnere mich daran, dass gerade am Ende viel über Kunst gesprochen wird. Das Goldene Zeitalter neigte sich dem Ende entgegen, es wurden nun nicht mehr nur Adelige und Herrscher:innen porträtiert, sondern auch Menschen aus den unteren und mittleren Bevölkerungsschichten: Milchmädchen zum Beispiel. Und zum Schluss wird erklärt, warum heute viele europäische Werke in den USA zu finden sind: weil dort inzwischen das Geld war. Wohlhabende Menschen mit niederländischen Vorfahren erwarben Gemälde aus der alten Heimat und stifteten sie schließlich ortsansässigen Museen bzw. gründeten diese überhaupt.

Nochmal zur ersten Folge: Die passte gerade gut in meine Hamilton-Lektüre bzw. zum Musical, denn dort wurde ich daran erinnert, dass New York mal Hauptstadt der Vereinigten Staaten war. Hatte ich auch schon wieder vergessen.

Tagebuch Freitag, 31. Juli 2020 – TMI

(Achtung, das ist einer dieser Einträge, bei denen ich mich frage, ob sie sein müssen, wenn gerade Bewerbungen unterwegs sind, in denen dieses Blog erwähnt wird, aber mei. Wie schrieb Herr Malo schon vor Jahren so schön, als davor gewarnt wurde, zu privat zu werden in diesem Internetz: „Endlich keine langweiligen Jobs mehr bekommen!“)

Den ganzen Tag bei 31 Grad die Wärmflasche auf dem Bauch gehabt. Dieses schmerzhafte Nachtreten einer meiner Körperteile beim Abschied ist eine für den Rest von mir recht uncharakteristische Neigung, aber vielleicht kommt die Gebärmutter gerade in ihre Midlife-Crisis mit … *rechnet* … 38 Jahren, in denen sie ihre aufopferungsvolle Arbeit verrichtet hat, ein heimeliges Klima für eventuellen Nachwuchs zu schaffen, was ich ihr mit allen mir zur Verfügung stehenden Hilfsmitteln verwehrt habe. Gestern hielt sich mein Mitleid mit diesem Organ allerdings sehr in Grenzen.

Zum nicht gelungenen Tagesabschluss bekam ich noch eine weitere Art Schmerzen, dieses Mal im Magen, die dazu führten, dass ich bis vier Uhr morgens zwischen Sessel (aufrecht sitzen) und Toilette (übergeben) pendelte. Kleiner Tipp für Menschen, die sich freiwillig den Finger in den Hals stecken: vielleicht nicht unbedingt am Tag vorher ausgerechnet Knoblauchbrötchen backen bzw. essen. Das ist auf dem Rückweg alles andere als ein Vergnügen. Aber immerhin konnte ich mir die ganze Zeit sagen: kein Corona, Geruchssinn funktioniert hervorragend.

Ächz.

Wieder ins Bett. Heute sollen es 32 Grad werden. Wird super.

Was schön war, Donnerstag, 30. Juli 2020 – Lesen und reden

Dinge erledigt, die nicht ins Blog gehören. Durch die Gegend geradelt, mich über das Radeln gefreut und die Sonnenbrille auf der Nase. Gutes Brot genossen. Himbeermarmelade gekauft (immer ein Grund zur Freude). Den Tomaten beim Wachsen zugeguckt. Eine ältere Hasselblad in der Hand gehabt und ehrfurchtsvoll das Wort „Lichtschacht“ gelernt.

Weiter „Hamilton“ gelesen und ein zweites Buch nebenbei, das F. in einem Antiquariat gefunden hatte: Paul Westheims Karton mit Säulen. Antifaschistische Kunstkritik, in dem sich Aufsätze und Essays aus den 1930er- und 1940er-Jahren befinden. Trotz des ernsten Themas sehr darüber gelacht, dass Westheim die Damen aus den Vier Elementen „die Gudruns“ nannte. Mal wieder Sinnkrisen wegen der Diss gehabt, was sinnlos ist, weil sie ja abgegeben ist, aber: Habe ich mich genug von dem Zeug distanziert? Habe ich das ernst genug genommen? Habe ich klargemacht, wie wichtig die Beschäftigung mit dieser Kunst ist, aber dass man sie trotzdem gerne Nazischeiß nennen darf? (Jedenfalls im Blog, nicht in der Diss.) Mir fehlt Feedback.

Nach 114 Tagen wieder meine Tage bekommen. Dämlicher Uterus. Wir hatten doch einen Deal! Aber immerhin weiß ich jetzt wieder, dass meine Rückenschmerzen der letzten Woche keine Rückenschmerzen waren und warum ich viel zu viel Fleisch essen wollte. Dafür ist die Periode dann doch gut: den Ausnahmezustand des Körpers markieren und mir signalisieren, geht gleich wieder, beruhig dich, Bandscheibe ist in Ordnung.

Abends drei Stunden lang mit einer der Hamburger Damen telefoniert, was sehr gut getan hat. Zu später Stunde stolperte F. noch nach einem Cocktailabend vorbei. Nochmal länger geredet und gemeinsam eingeschlafen. Das hat auch gut getan.

(Will auch Cocktails.)

Fotos: Arbeitslose Sport-Maskottchen in leeren Stadien.

Das Archiv-Info 1 (2020) vom Archiv des Deutschen Museums weist auf den Sammelband „Koloniale Spuren in den Archiven der Leibniz-Gemeinschaft“, hrsg. von Heinz Peter Brogiato und Matthias Röschner, hin. Im eben verlinkten Artikel wird der Leitfaden zum Umgang mit Sammlungsgut aus kolonialen Kontexten des Deutschen Museumsbunds erwähnt.

„Aufgrund der komplexen und polarisierenden Problemkreise erhöht sich die Notwendigkeit einer weiteren wissenschaftlichen Auseinandersetzung mit der deutschen Kolonialgeschichte. Als dringend notwendig erachtet werden beispielsweise die transparente Erforschung der Provenienz kolonialer Sammlungen und die Auslotung möglicher Restituierung. Gefordert wird zudem die stärker quellenbasierte Aufarbeitung des kolonialen Erbes.“

Im Vorwort des Hefts wird auf die Auswirkungen von Corona auf Archivarbeit hingewiesen und eine wichtige Frage aufgeworfen, die mich bei Abbildungen auch seit Längerem umtreibt:

„Archive leben von ihren Quellenbeständen und diese sind bei Weitem nicht alle digitalisiert. Covid-19 hat gelehrt, dass die Digitalisierung in den Archiven noch verstärkt werden muss. Zu fragen bleibt aber auch, ob nicht gesetzliche Vorgaben verändert werden müssen, um Forschungen in Extremsituationen wie in diesem Jahr weiterhin möglich zu machen. Gerade das Urheberrecht setzt den Archiven bei modernen Beständen des 20. Jahrhunderts hinsichtlich der digitalen Bereitstellung von Dokumenten enge Grenzen.“

Ein schwer entflammbares Dankeschön …

… an Dorit, die mich mit Stoff und Faden von Constanze Derham (auch auf Twitter und mit Blog) überraschte. Ich hatte bei meinem blauen Stoff mit dem Material gehadert und mich gefragt, was für ein nerviges Material das wohl sein könnte. Ich behaupte nach der schnellen Lektüre des kleinen Stofflexikons, dass es schlicht Wolle sein könnte. Das Lexikon beginnt nämlich mit der aufregenden Brennprobe, und so stand ich gestern vor meiner Spüle, in der ich eine Kerze platziert hatte, hielt ein paar mit der Pinzette aus dem Stoff gezogene Fäden an die Flamme und guckte, was passierte. Die Fäden veränderten sich in der Nähe der Flamme noch nicht – das wären dann Kunstfasern gewesen, die schmelzen –, sondern entzündete sich erst direkt im Feuer, brannte mit kleiner Flamme und roch deutlich nach verbranntem Haar. Das passte alles zu Wolle. Im hinteren Teil des Büchleins lernte ich, dass man Wolle totbügeln kann – kein Dampf, nur Hitze, genau das mache ich, weil ich ein sehr, sehr, sehr altes Bügeleisen besitze. Dann kann man sie nicht mehr in Form bringen, und das passt auch zu meinen Beobachtungen am Stoff. So ganz überzeugt bin ich noch nicht: Ich kenne Wolle nur als kratziges, warmes Zeug, und dieser Stoff trägt sich sehr leicht und angenehm auf der Haut. Vielleicht noch ein Kunstfaserchen drin? Oder sollte sich die Wollverarbeitung seit meiner Kindheit vor 100 Jahren verändert haben? Schockschwerenot, mein Riechsalz! Ich werde den Stoff demnächst anfeuchten und bügeln, mal sehen, was dann passiert. Es bleibt weiterhin aufregend. (Und man darf kokeln!) Vielen Dank für das hilfreiche Geschenk, ich habe mich sehr gefreut.

Was toll war, Dienstag, 28. Juli 2020 – Thierry Mugler

Klamotten gucke ich grundsätzlich lieber in Museen an anstatt in Läden; in London genoss ich vor ewigen Zeiten Armani, in der Münchner Kunsthalle sah ich bereits Gaultier, und in meinem Regal stehen ein paar Bildbände zu Yamamoto und Saint Laurent. Gestern schmachtete ich die Kreationen von Thierry Mugler an, erneut in der Kunsthalle. Die Ausstellung wurde bis Februar 2021 verlängert, und bis dahin solltet ihr sie alle gesehen haben, denn sie ist großartig.

Dass niemand in engen Räumen mehr weiß, was Abstand bedeutet, hat hingegen genervt, aber vielleicht lag das an unserer im Nachhinein doch eher doofen Idee, gleich morgens um 10 an der Kunsthalle zu sein. Als wir um 11 gingen, stand unten niemand mehr an der Kasse und auch oben vor den Austellungsräumen war keine Schlange, während man drinnen dauernd navigieren und die Luft anhalten musste, auch wenn die Anzahl der Besucher:innen natürlich begrenzt war.

Gleich im ersten Raum – die Räume hießen „Akt I, Akt II“ usw., naja – standen die Damen in den Blechgewändern, die ich von Mugler kannte. Ihr auch, falls ihr George Michaels Too Funky noch im Hinterkopf habt, da laufen alle in Mugler rum.

Im Video ist das auch großartige Bustier zu sehen, das aus Motorradteilen besteht und handbemalt wurde. Darauf war ich vor allem gespannt, und es sieht im Original noch toller aus als auf Video. (Oder auf meinem eher müden Foto.)

Im Nebenraum lief dann das eben erwähnte Video, und das rote Cowgirl-Kostümchen sowie das schwarze Spitzenkleid daraus sind zu sehen, das Nadia Auermann trug. Wobei: Die Spitze besteht nicht aus Stoff, sondern aus Gummi, was mich völlig fasziniert hat. Gerade bei den metallenen Kreationen hatte ich zum ersten Mal Respekt vor Models – das muss so irre unbequem sein, die Dinger zu tragen. Aber in ein hochgeschlossenes, langärmeliges Gummikleid zu schlüpfen, dürfte auch mehr Koordination erfordern als ich mir vorstellen kann.


Mugler war einer der ersten Designer, der Fetischassoziationen völlig selbstverständlich in die Haute Couture integrierte: eben das Gummikleid bzw. weitere Materialien wie Latex. Durch Korsetts sowie einer Mischung aus maskulinen Attributen wie breiten Schultern und gleichzeitig feminin konnotierten Zügen wie schmalen Taillen und der Betonung von Brust und Po schuf er eine einzigartige Ausstrahlung für die Trägerinnen seiner Mode. Eine meiner Säulenheiligen, die Kunsthistorikern Linda Nochlin, sprach über diese Art Kleidung mit Mugler (1994) und meinte:

„NOCHLIN: Grandiosity and generosity, at the same time. That I find politically extremely interesting, because it shakes up our ideas of femininity altogether. It’s so extreme.

MUGLER: Thank you!

NOCHLIN: It’s so extreme that these women aren’t sex objects, they’re sex subjects.“

Der letzte Satz steht auch stolz (und gerechtfertigt) im Wandtext meines Lieblingsraums. Dort ist zum Beispiel das Venuskleid von 1995 zu sehen, das Cardi B. als Archivstück 2019 zu den Grammys trug; hier ein achtminütiger Film dazu, hier ein Großteil der Kollektion aus diesem Jahr. Aber vor allem sind dort die Kleider zu sehen, die ich am eindringlichsten mit Mugler verbinde, neben den Metalldingern. Zum Beispiel dieses Kleid, das ich seit 25 Jahren im Hinterkopf habe, weil ich es so grandios finde:

Falls man es nicht erkennen kann: Das Kleid hat keine Träger, der Stoff ist an Brustwarzenpiercings befestigt. Sex Subject. Andere Kostüme hatten Aussparungen, wo Haut durch schwarzen Chiffon schimmerte, wo Stoffteile an hauchdünnen Fäden hingen, so dass alles aussah wie auf den Körper geworfener Stoff, der ganz kurz davor ist, wieder zu verrutschen, was aber nie billig oder nach male gaze aussah. Selbst das oben seitlich zu sehende Kostüm, das die obere Hälfte des Pos freilässt, über dem Perlen hängen, so dass es aussieht wie ein Dekollete, wirkt nicht albern, sondern stilvoll. Und dass unter dem Kostüm im unteren Bild, das deutliche Anklänge an den Fin de Siècle hat, bevor Frauen in losen Hängerkleidchen die 1920er-Jahre revolutionierten, und unter dem weiten Hut aus den 1950er-Jahren ein Ganzkörperanzug aus Latex getragen wird, ist nur konsequent in seiner wilden Mischung aus Zitaten, Neuem, Öffentlichkeit und Privatsphäre.

Dieses auf der Haut getragene Selbstbewusstsein wurde besonders im letzten Raum deutlich, wo Fotos von Helmut Newton hingen, auf denen Models Mugler trugen – bzw. seine Kleidung über sich oder neben sich drapierten, um weiterhin Haut zeigen zu können, Herrgottnochmal. Ich kann mit Newton wirklich überhaupt nichts anfangen, ich finde seine Ästhetik langweilig, und unterstelle ihm, vielleicht zu Unrecht, dass er nur Fotos machte, damit er nackte Frauen anstarren konnte. Jedenfalls sehen seine Bilder so aus. Ich sehe auf ihnen nie die angeblich selbstbestimmte Frau in seinen jüngeren Models, die unbedingt unbedeckt vor dem alten Mann rumstehen müssen, gerne auf hohen Absätzen. Die sehe ich aber in Muglers Kreationen.

Hier noch ein Zitat aus dem oben verlinkten Gespräch zwischen Mugler und Nochlin:

„Nochlin turned up for their meeting in a West Side apartment wearing red socks patterned with black Scotties. Mugler reacted with mock horror. The photographer taking their picture told him not to wrinkle his brow. “I’m supposed to be the aging intellectual,” Nochlin joked. They went on to talk about images of women, about femininity as an enterprise, about the uses of fashion, which Mugler calls “a trick and a game.” If fashion is in fact “a trick and a game,” what does the game tell us about the women who play it?

MUGLER: So many things. A lot, I think.

NOCHLIN: Well, that’s if you think there’s such a thing as women. I’m more inclined to agree with somebody like Joan Riviere, who was a student of Freud and said that femininity is a condition of disguise. I mean, there may be women, but femininity you dress up for. You learn how to be feminine — it’s not something natural, ever. So I would say that the great designer of clothing is always providing additional disguises to create new forms of the feminine. And I would say that clothes tell you something about the choice of the woman who’s wearing them, but they don’t tell you anything about the quote-unquote real woman, because I don’t think there is a real woman. There’s a real person, but I don’t think it’s a woman.

MUGLER: Very true. There is only the person who chooses to play the feminine role, to experience different aspects of femininity. […]

Linda, it sounds to me as if your theory is not so much that the woman is natural but that the person is natural and the woman artificial.

MUGLER: Not only the woman but the whole mythology of femininity.

NOCHLIN: Exactly. But I would also tie it in to certain postmodernist ideas about the self — that there is no self, even. That the self is a condition of disguise and that we can move back and forth in terms of sexualities, in terms of social being, in terms of all kinds of senses of who we are. And I think fashion helps us wonderfully in this. That’s why, in a sense, I would say that fashion is the postmodern art, because it helps to destabilize the self in such a wonderful way.“

Durch meine aktuelle Faszination mit Selbernähen weiß ich inzwischen, wie anstrengend das ist, zwei Stoffstücke mit geraden Nähten zusammenzubekommen. Daher warfen mich die unglaublichen Nahtbilder in der Ausstellung komplett in eine Sinnkrise. Zu sehen, wie perfekt gefühlt 80 Teile pro Jäckchen zusammengefügt wurden, um die unnachahmlichen Wellen, Kanten und dreidimensionalen Elemente, die in den Raum stoßen, herzustellen, war großartig. Kann man erneut auf meinem unteren Foto nur erahnen, dass die weißen Elemente nicht nur Flächen sind, sondern Formen. Ich war sehr früh entschlossen, den Katalog zu kaufen, solange er halbwegs bezahlbar war, um diese Werke noch länger studieren zu können, aber er kostete 79 Euro und war nur ein großes Bilderbuch ohne Detailaufnahmen oder auch nur unterschiedlichen Ansichten eines Stücks. Dann eben nicht.

Auch Kostüme waren zu sehen, die mir eher egal waren; auf einer Bühne kann man sich austoben, auf dem Laufsteg gibt es wenigstens ein paar Grenzen, denn irgendwer muss Haute Couture in Prêt-à-porter übersetzen. Trotzdem freute ich mich sehr über das einzige Plus-Size-Kostüm, das es zu sehen gab. Auch das war durchaus eine Erfahrung für mich, die es seit Jahren vermeidet, sich allzusehr Kleidergrößen um die 34 auszusetzen, um nicht ständig mit der eigenen Nicht-34 konfrontiert zu werden und in alte, selbstfeindliche Denkspiralen geworfen zu werden. Das ging überraschend gut, vielleicht hat meine derzeitige Social-Media-Nutzung von diversen Haute-Couture-Accounts diese Körperform wieder für mich normalisieren können, ohne sie erneut irreal und für mich unterreichbar zu idealisieren.

Der letzte große Raum zeigte Muglers Insects-Kollektion, bei der er sich von, genau, Insekten und ihren schillernden Oberflächen inspirieren ließ. Die Chimäre, die auf jedem Ausstellungsfoto und natürlich der Website groß zu sehen ist, war toll, aber ich fand diesen Hosenanzug viel toller: Das Wabenmuster im Blazer ist nur auf einer Hälfte zu sehen und dreidimensional gestaltet, die dunklen Linien sind keine Linien, sondern wirklich Einbuchtungen, kleine Zerklüftungen im Stoff. Wie macht man sowas? Das fragte ich mich eh die ganze Zeit und mein Mund stand wahrscheinlich dauernd undamenhaft offen. Aber das sieht unter der Maske ja niemand, ha! Nebenbei wäre diese Ausstellung eine Steilvorlage für Mund-Nasen-Schutz-Verkäufe in Rekordhöhe gewesen, aber darauf ist keiner im Shop gekommen, der in der Kunsthalle eh seltsam ist. Bling und Bleistifte, nichts dazwischen. Bitte nehmen Sie sich alle ein Beispiel an der Albertina oder dem Kunsthistorischen Museum in Wien.

Probleme hatte ich allerdings mit einigen Fotos von Mugler selbst, der seine Modelle gerne an beeindruckender Architektur inszenierte. Mit der Pariser Oper oder dem Chrysler Building kann ich arbeiten, aber zwei gut gelaunte Modepuppen vor die faschistischen Statuen Roms zu stellen, war mir ein bisschen zu wenig nachgedacht. Und auf die erwähnten Newtons hätte ich verzichten können. Dafür hätte ich vom Rest gerne mehr gesehen; in Montreal, einer der anderen Stationen der Schau, stand anscheinend ein bisschen mehr rum. Sei’s drum: große Anschauempfehlung. Vielleicht nicht gleich morgens um 10.

Tagebuch Montag, 27. Juli 2020 – Urlaub

Eiskaffee genossen, meine Tomätchen gezählt, das letzte Brot aufgetaut, weil ich nicht vor die Tür wollte, gejammert, dass ich nur blödes aufgetautes Toastbrot habe, Erdbeeren und Kirschen, mehr Eiskaffee. Hamilton geguckt (schon gut, schon gut, “I’ll do whatever it takes / I’ll make a million mistakes“, Lieblingszeile du jour, mal wieder gedacht, der Burr ist viel spannender als Hamilton). Hamilton gelesen und bei jeder Erwähnung eines Namens, einer Jahreszahl oder eines Ereignisses den Soundtrack im Ohr gehabt, sehr nerviges Leseerlebnis, selber schuld. Mein blaues Top teilweise aufgetrennt und mit der Hand nachgenäht, aber gefühlt eher verschlimmbessert. Muss ich nochmal auftrennen. Abends mit F. ein kleines Radler bei Funzellicht und Kerzen auf dem Balkon. Gemeinsam eingeschlafen. Guter Tag.

The Invention of the Police

Diesen Artikel teilte ich gestern schon auf Twitter; er beschreibt die historische Entwicklung der US-amerikanischen Polizei, die, Überraschung, sich heute noch auf Taktiken von Sklavenjägern und dem Militär beruft. Über die Idee, dass die Bevölkerung, die du schützen sollst, dein Feind ist, habe ich noch nie nachgedacht, weil sie mir so fremd erscheint. Den Artikel könnte man komplett zitieren, ich lege ihn euch ans Herz, weil ich ihn historisch sehr aufschlussreich fand.

„The crisis in policing is the culmination of a thousand other failures—failures of education, social services, public health, gun regulation, criminal justice, and economic development. Police have a lot in common with firefighters, E.M.T.s, and paramedics: they’re there to help, often at great sacrifice, and by placing themselves in harm’s way. To say that this doesn’t always work out, however, does not begin to cover the size of the problem. The killing of George Floyd, in Minneapolis, cannot be wished away as an outlier. In each of the past five years, police in the United States have killed roughly a thousand people. (During each of those same years, about a hundred police officers were killed in the line of duty.) One study suggests that, among American men between the ages of fifteen and thirty-four, the number who were treated in emergency rooms as a result of injuries inflicted by police and security guards was almost as great as the number who, as pedestrians, were injured by motor vehicles. Urban police forces are nearly always whiter than the communities they patrol. The victims of police brutality are disproportionately Black teen-age boys: children. To say that many good and admirable people are police officers, dedicated and brave public servants, which is, of course, true, is to fail to address both the nature and the scale of the crisis and the legacy of centuries of racial injustice. The best people, with the best of intentions, doing their utmost, cannot fix this system from within.

There are nearly seven hundred thousand police officers in the United States, about two for every thousand people, a rate that is lower than the European average. The difference is guns. Police in Finland fired six bullets in all of 2013; in an encounter on a single day in the year 2015, in Pasco, Washington, three policemen fired seventeen bullets when they shot and killed an unarmed thirty-five-year-old orchard worker from Mexico. Five years ago, when the Guardian counted police killings, it reported that, “in the first 24 days of 2015, police in the US fatally shot more people than police did in England and Wales, combined, over the past 24 years.” American police are armed to the teeth, with more than seven billion dollars’ worth of surplus military equipment off-loaded by the Pentagon to eight thousand law-enforcement agencies since 1997. At the same time, they face the most heavily armed civilian population in the world: one in three Americans owns a gun, typically more than one. Gun violence undermines civilian life and debases everyone. A study found that, given the ravages of stress, white male police officers in Buffalo have a life expectancy twenty-two years shorter than that of the average American male. The debate about policing also has to do with all the money that’s spent paying heavily armed agents of the state to do things that they aren’t trained to do and that other institutions would do better. History haunts this debate like a bullet-riddled ghost.“