Tagebuch Mittwoch, 23. September 2020 – Bissniss und Mundharmonika

Vormittags hatte ich einen Termin im uralten Heimatstädtchen. Eigentlich wollte ich die S-Bahn nehmen, die aber ausfiel; netterweise stand die Nachbarin meiner Eltern mit mir am Bahnsteig und fragte, ob sie mich mit dem Auto in die Stadt mitnehmen solle. (Mir fällt gerade der Ausdruck „in die Stadt“ auf. Wir haben nie gesagt: „Ich fahr mal nach Hannover“, egal ob per Auto oder Bahn, sondern immer „ich fahr in die Stadt“. Alternativ „Warst du grad in der Stadt?“)

Die Dame setzte mich am Kröpcke ab und ich fand blind den Weg zur U-Bahn-Station, was mich selbst erstaunte. Die Station mit ihren drei Stockwerken erschien mir nicht mehr so einschüchtern wie früher als Kind, wo ich dachte, dass die Rolltreppen nie aufhören. Von dort ging’s zum Aegi, dann zum Braunschweiger Platz. Ich hatte dort früher in der Nähe gewohnt und fragte mich jetzt, zwanzig Jahre zu spät, wieso ich immer bis zur U-Bahn-Station Marienstraße gegangen bin, wo doch Braunschweiger Platz viel näher liegt. Das war allerdings eine Zeit, in der ich auch die 200 Meter bis zum Bäcker mit dem Auto zurückgelegt habe. Vermutlich wusste ich nicht mal, dass da hinten eine U-Bahn-Station war, ich Depp.

Bissnisstermin wahrgenommen, wieder mit U- und S-Bahnen nach Hause gefahren, das Mütterlein holte mich sogar vom Bahnhof ab.

Nach der Mittagspause lungerte ich ein wenig bei Papa im Zimmer rum, er beschwerte sich über seine Socken, ich fragte, ob ich ihm neue anziehen solle, was er bejahte. Papas Zimmer war früher das Esszimmer, es liegt im Erdgeschoss, nach oben kommt er ja leider nicht mehr. Der Esstisch steht jetzt in der Diele, wo früher Papas repräsentativer Schreibtisch stand. Der steht jetzt in seinem Zimmer und beinhaltet keine Akten mehr, sondern seine Kleidung und die vielen Dinge, die das Pflegepersonal braucht. In der einzigen Schublade liegen seine Socken – und wie ich gestern feststellte, auch seine Mundharmonika, die er schon als Kind gehabt hatte, leicht rostig. Ich fragte Papa, ob er noch spielen könne und reichte ihm das Instrument. Ohne zu zögern spielte Papa eine Melodie, die ich nicht erkannte, aber es war eindeutig eine Melodie mit erkennbarem Takt und kein sinnloses Rumtröten. Das freute mich sehr. Nach einem Lied hatte er aber keine Lust mehr, noch ein zweites zu spielen.

Er fragte mich, wo ich die Mundharmonika denn her hätte, woraufhin ich meinte, die lag im Schreibtisch. Woraufhin er sagte, er hätte auch mal eine Mundharmonika gehabt, die hätte auch immer in seinem Schreibtisch gelegen. Als ich meinte, das sei genau die, hat er mir nicht geglaubt.

Nachmittags war die Ergotherapeutin da, was das Mütterlein und ich nutzten, einkaufen zu fahren. Dieses Mal durfte ich ans Steuer des neuen Autos und war ziemlich begeistert. Hoher Einstieg for the win! Ich habe in meiner Autofahrerinnenkarriere stets gebrauchte und gerne mal sehr alte Karren gefahren (still missing Rocky), weil ich nie verstanden habe, warum man so viel Geld für eine neue Schüssel ausgeben soll. Deswegen bin ich bei modernen Autos auch immer davon überfordert, wie schnell man schnell fährt. Ich habe mehr auf die Geschwindigkeitsanzeige als auf die Straße geachtet, glaube ich. Schönes Auto, das Auto.

Abends war Papa ausnahmsweise direkt nach Ende des üblichen Naturfilms müde und rief auch nicht mehr eine Stunde lang nach einem, weil er wieder vergessen hatte, wo er ist. Daher sprachen das Mütterlein und ich dem Rosésekt vielleicht etwas zu enthusiastisch zu, wie ich heute merkte, als der Wecker klingelte. Das war aber ein schöner Abend, weil wir einfach klönen konnten. Beim letzten Besuch hatte sie jeden Tag Termine, weswegen sie lieber nichts trinken wollte und nicht ausschlafen konnte, und ich habe doch erstaunt festgestellt, das mir das gefehlt hat, mit ihr zu quatschen.

(Bist ne alte Kuh, lernst immer noch dazu.)

Tagebuch Dienstag, 22. September 2020 – Zugfahren

Das war mein Tag. Zugfahren. Maskendisziplin zumindest in der 1. Klasse top. Die Fahrgastbefragungsdame kam mir allerdings persönlich etwas zu nahe, aber nun gut. Auf die Frage, ob ich privat oder geschäftlich reise, meinte ich: „Teils, teils“, worauf sie den interessanten Satz sagte: „Ich schreib geschäftlich, geht ja auch keinen was an.“ Den hörte ich im Laufe der Fahrt noch öfter und frage mich seitdem, wozu ich gefragt werde, wenn meine Reise niemanden etwas angeht. Hat sie aber locker wettgemacht mit sehr ausführlichen Wünschen für einen guten Tag und viel Gesundheit, auch für die Angehörigen.

Papa geht’s gut, hustet ein bisschen viel, weil er nicht genug trinkt. Mist. Schwester und Schwager machen seit gestern irgendeine komische Diät, weswegen Mütterchen und ich ihren Kühlschrank plündern mussten. Soll mir recht sein, endlich mal guter Käse hier im Haus. Ebenfalls erbeutet: Käse-Sahne-Mandarinentorte. Die war dann gestern mein Mittag- und gleichzeitiges Abendessen war, weil ich erst gegen 17 Uhr im Elternhaus ankam und im Zug nichts gegessen hatte, bis auf die zwei Lieblingsgast-Kekse. Die haben wir uns auch redlich erarbeitet: Der Zug wurde bereit zu spät eingesetzt und dann gab’s noch eine kurzfristige Streckensperrung zwischen München und Ingolstadt. Hat aber alles nur eine halbe Stunde gedauert.

Ein kleines Video vom New Yorker, das mich doch noch verblüffen konnte. In How Wagner shaped the sound of Hollywood blockbusters geht es neben vielen weiteren kleinen Ausschnitten – natürlich – um den Walkürenritt in Apocalpyse Now. (Zuerst darf man aber herzlich über einen Ausschnitt aus den Simpsons lachen, den ich noch nicht kannte.) Der Cutter Walter Murch von Apocalpyse Now ist derselbe, der auch Jarhead schnitt, und in diesem Film schauen sich die Soldaten genau diese Szene aus dem ersten Film an, um sich auf den Kampf vorzubereiten. Inzwischen spielt das amerikanische Militär wirklich auf Einsätzen dieses Stückchen Oper, was ich immer noch nicht so recht glauben möchte. Es ist alles absurd.

Tagebuch Montag, 21. September 2020 – Ein Krönchen nur für mich

Den Vormittag verbrachte ich auf dem Behandlungsstuhl meines Zahnarztes. Nach Handdesinfektion, zwei Minuten Wartezeit (unter dem Zeitschriftenregal wohnt eine Spinne) und den üblichen Floskeln der Mitarbeitenden („Alles gut bei Ihnen?“) durfte ich meinen MNS abnehmen und bekam das übliche Lätzchen. Wo ich für meine Kronen jetzt den blöden Abdruck über mich ergehen lassen hätte müssen mit dem gefühlt stets zu großem Löffel und gefühlt stets zuviel Knetmasse oder was immer das auch ist, in das der Abdruck zurückbleibt, griff der zahnmedizinische Fachangestellte (gerade ergoogelt, dass das schon länger nicht mehr „Helfer:in“ heißt) zu einem länglichen Scanner, mit dem er meine Zähne entlangfuhr, schnell und schmerzlos. Dann kam die übliche Spritze, die mein Zahnarzt aber so in das vorbetäubte Zahnfleisch setzen kann, dass ich sehr selten etwas davon merke, so wie gestern auch. Als ich nichts mehr spürte und die Twitter-Timeline leergelesen hatte, kam der einzige anstrengende Teil: die halb abgebrochene alte Krone musste vom Zahnstumpf entfernt werden. Das klang fürchterlich, war aber okay. Danach wurde erneut gescannt, und als die Bilder auf dem Monitor erschienen, setzte ich meine Brille auf und sah interessiert zu, wie der Zahnarzt der Fachangestellten das Gerät erklärte, was er tat und warum. Dann durfte ich wieder warten, guckte aus dem Fenster, wartete, und nach 15 Minuten hatten kleine Elfen aus einem Stück Keramik mit digitaler Unterstützung meine Krone gefräst. Die passte sofort, auch beim Zusammenbeißen fühlte sich alles top an, und auch heute morgen bin ich noch sehr zufrieden. Nix mehr mit Provisorium und nächste Woche wiederkommen, alles gleich erledigt. Toll. Jetzt habe ich wieder hübsche Keramik im Mund, nur für mich, weil den letzten Backenzahn sowieso nie jemand sieht.

Mein Zahnfleisch und mein Kreislauf fanden das allerdings nicht ganz so toll. Ich musste noch zur Uni-Bib und ein paar Bücher abholen, wofür ich mir einen Bustransport gönnte anstatt das Fahrrad zu nehmen. Im Sitzen merkte ich dann auch, dass das eine gute Idee gewesen war. Auf der Rückfahrt sah ich, dass im vor Kurzem geschlossenen Antiquariat Hauser nun eine Bäckerei residiert. Netterweise haben sie die schicke Eisenfassade und sogar den alten Schriftzug übernommen, ich hoffe, nicht nur vorläufig.

Eine Schüssel Müsli zum Mittag, Kreislauf wieder hochkriegen, Kreuzworträtsel der NYT lösen – Montag ist immer der einfachste Tag, das ging gut –, und um 14 Uhr war ich dann wieder fit genug, um zum ZI zu radeln.

Dort blätterte ich in ein paar Bestands- und Ausstellungskatalogen, scannte mir ein paar Seiten ein, die ich in der Wedemark weiterlesen werde, machte mir Notizen und war mit der Ausbeute zufrieden.

Abendbrot: Reste des Currys, das mich die halbe Krone gekostet hatte, mit frischem Zitronenreis. Zwei alte Folgen Top Chef geguckt, und dann kam auch schon F. vorbei, auf den ich jetzt eine Woche verzichten muss. Ich alter Backfisch bin darob etwas verstimmt.

Tagebuch Sonntag, 20. September 2020 – Can’t adult today

So schrieb es F., als es um ein Treffen ging: I can’t adult today. Ging mir ähnlich, daher: Auszeit von allem genommen. Nicht am Schreibtisch gewesen, Ablage ignoriert, Vorhaben verschoben. Alle sechs Folgen von Das letzte Wort mit Anke Engelke auf Netflix geschaut und sehr gemocht. Sport getrieben, Croissants aufgetaut und genossen, mich über Himbeermarmelade gefreut und ewig am NYT-Kreuzworträtsel gebastelt, bei dem ich mir von der Autocheck-Funktion sehr helfen lassen musste, die einem auf Wunsch sofort anzeigt, ob ein eingetragener Buchstabe stimmt. Abends die Eagles nebenbei laufen lassen, um mich F. geistig ein bisschen näher zu fühlen, aber dauernd dabei weggenickt und halbwegs früh ins Bett gegangen.

Immerhin noch einen schönen Text von Alex Ross (2011) gelesen, den mir der Newsletter des New Yorkers vorgeschlagen hatte. Dort geht es vordergründig um zehn Takte Musik aus der Walküre, aber dann doch um das große Ganze.

„When I first tried to listen to Wagner, in my teens, I took a sullen adolescent satisfaction in the brassy highlights of the “Ring,” but I thought that noise was all there was. Only when I saw the entire cycle at the Met, in the mustily evocative old production by Otto Schenk, did I realize how many strands of human tension Wagner contains, and I began coming to terms with him, following a well-worn intellectual path. The usual way to write about Wagner is to proceed from the world-historical level, musing on some combination of Aeschylus, the Icelandic sagas, Shakespeare, “Faust,” Beethoven’s Ninth, Schopenhauer, Nietzsche, George Bernard Shaw, Theodor Herzl, Adolf Hitler, “Apocalypse Now,” and Bugs Bunny. It is an absorbing game, although at the end of the day it leaves little space for the music, which is the ultimate source of the spell that Wagner continues to cast upon the world. […]

Recently, I decided to look closely at one of those miniaturist moments: a short passage in “Walküre,” at the end of the first scene of Act II. It comes at a crucial juncture in the “Ring.” At the outset of the act, with the Valkyrie motif blaring in the orchestra, Wotan is plotting to regain the all-powerful ring that the dwarf lord Alberich forged from magic gold in “Das Rheingold.” In the final scene of that work, Wotan took the ring from Alberich and then reluctantly surrendered it to a pair of giants, as compensation for the building of Valhalla. The treaties etched on Wotan’s spear prevent him from reneging on the deal, but he believes that he has found a loophole: with a mortal woman, he has sired Siegmund, who, acting independently of his father’s will, can win back the ring. Enter the goddess Fricka, Wotan’s embittered wife. She picks apart his scheme […]

I’ve loved the passage as long as I’ve known the “Ring.” Each time I hear the opera, I wait for it, and try to grasp it as it unfurls. It seems to communicate some essential wisdom that the characters cannot put into words. So I dug into those ten bars—studying the score, reading the literature, talking to musicians—in the hope of gaining a perspective that might elude me if I started with Antigone or Colonel Kilgore. There are, of course, no final answers in the “Ring,” a behemoth that whispers a different secret into every listener’s ear. But I suspect that Willa Cather, in her operatic novel “The Song of the Lark,” was onto something when she had her heroine say, “Fricka knows.” […]

Wagner’s music is marked by a constant tension between a will to power and a willingness to surrender. The contradiction is not one that we should seek to resolve; rather, it is integral to the survival of the composer’s work. Because we can no longer idealize Wagner, he is more involving than ever. […] “All things, all things, all things I know,” Brünnhilde says in her final monologue, without quite divulging what she has learned. The perennial trouble with Wagner is that he creates ambiguity and certitude in equal measure. His music somehow instills a sense of knowing all, each listener utterly sure of his or her response. No artist is more fanatically loved or more fanatically hated; few people think that Wagner is merely pretty good. Ultimately, the bond that he forms with his listeners is one of pure, wordless emotion, and his gift for capturing the nuances of human feeling constantly complicates our response—as when that great rising melody for Fricka darkens at the top and then vanishes from the world.“

Ich mag Ross sehr und lese so ziemlich alles von ihm im New Yorker. Sein neues Buch WAGNERISM: Art and Politics in the Shadow of Music erscheint übrigens am 17. November auf Deutsch.

Tagebuch Samstag, 19. September 2020 – Oktoberfestchen

Gestern wäre eigentlich die Wiesn eröffnet worden, ab 12 Uhr hätte man auf der seit Monaten vom Aufbau belegten Theresienwiese ein kleines Bierchen gezapft bekommen und so ein, zwei Leute wären vielleicht mitgebummelt. Das fällt dieses Jahr alles aus, was einige Münchner:innen und vermutlich noch mehr Zugezogene (hier!) bedauern.

Daher hatten F. und ich uns zu einer Winzwiesn verabredet. Um halb zwölf stand ich bei ihm auf der Matte mit vom Lieblingsmetzger frisch belegten Leberkässemmeln, er hatte zwei Augustiner-Wiesenbiere kalt gestellt und um 12 zapften wir an bzw. ließen die Kronkorken ploppen. Auf eine friedliche Nicht-Wiesn.

Danach bummelten wir zum Ballabeni, unserer Lieblingseisdiele, um uns Nachtisch abzuholen. Für uns beide gab’s die neue Sorte „Vier Nüsse“, die nur nach Walnuss schmeckt, aber ich mag Walnuss, wie praktisch, dazu für mich eine Kugel Chai Latte, für den Herrn Amarena-Kirsch.

Wo wir schon mal bei den Pinakothen waren, schauten wir kurz in der Pinakothek der Moderne vor (die ich immer im ersten Anlauf „Modernde“ schreibe, es tut mir leid!). Dort empfängt einen eigentlich ein helle Rotunde, in die von oben Licht fällt. Jetzt gerade nicht, denn Anish Kapoor hat den kompletten Eingangsbau mit einer riesigen schwarzen Gummikugel namens Howl zugeballert. Es ist ein bisschen spooky, sich mitten unter die Kugel zu stellen, und ich bedauerte das Kassen- und Servicepersonal, dass ihnen nun ein bisschen Licht fehlt, aber ich mochte diesen Blob recht gerne.


(Nur aus der Hüfte geknipst. Gehen Sie mal vorbei, kostet nix. Hier sind eindeutig bessere Fotos.)

Gesättigt, bierbeschwingt und kunstbeflügelt schlenderten wir zum Königsplatz, auf dem seit Monaten der sogenannte „Sommer in der Stadt“ stattfindet. Weil den ganzen Fressbüdchen und Fahrgeschäften das Geld wegbricht, durften sie anstatt auf der Theresienwiese in der ganzen Stadt ihre Häuschen und Karussells aufbauen, unter anderem am Königsplatz. Meine geliebten Propyläen haben jetzt ein Riesenrad als Vorbau, den vermutlich jede Münchner Instagrammerin bereits abgelichtet hat – ich aber noch nicht. Ich habe auf extra-matschiges Mittagslicht gewartet. F. hat dafür mit Stativ tolle bunte Bilder vom sich bei Nacht drehenden Rad gemacht, die ich mir irgendwann als Fototapete auf den Flur hängen werde.

Eigentlich habe ich Höhenangst, aber ich erinnerte mich, schon mal auf dem Oktoberfest Riesenrad gefahren zu sein. Da war ich allerdings vermutlich ein winziges bisschen angeheitert und es war dunkel, so dass ich außer der buntblitzenden Fressgasse eh nichts sehen konnte. Nun war es hell – und es ging sehr hoch. Mir wurde sofort etwas kodderig, aber ich hielt mich einfach an allem fest, was ging, atmete in mich rein (das Sport-Übungsprogramm der letzten Wochen hatte diesen netten Nebeneffekt) und konzentrierte mich auf Dinge, die in der Ferne lagen und nicht 800 Millionen Meter direkt unter mir. (48 Meter.)

So bestaunte ich das Zeltdacht des Olympiastadions, das am Horizont aufragte und machte ein nicht-vorzeigbares Foto. Die Türme der Frauenkirche ohne Gerüst, auch mal schön. Das goldgelbe Lenbachhaus von oben war dann wieder unter meinen Füßen, aber allmählich gewöhnte ich mich an die Höhe; das Rad fuhr uns insgesamt viermal über die Stadt. Einmal blieben wir stehen und zwar fast ganz oben, das nutzte ich, um endlich mal mein geliebtes Bällebad mit seinen drei Oberlichtern von oben zu begutachten. Zwei davon sind über den Lichthöfen, eins über meinem Lieblingslesesaal. Erst von oben fielen mir die doch recht üppigen Ausmaße des ZIs und der danebenliegenden Musikhochschule auf (langjährige Mitleser:innen wissen: Das waren mal das NS-Verwaltungsgebäude und der sogenannte „Führerbau“, in dem das Münchner Abkommen unterzeichnet wurde). Das NS-Dokumentationszentrum wirkte von oben sehr schmal zwischen den beiden Klötzen.

Was ich besonders toll fand, nachdem ich mich damit abgefunden hatte, aus unglaublicher Höhe in den Tod zu stürzen, war, auf Augenhöhe mit den Propyläen zu sein. Da wäre ich gerne mal stehengeblieben, aber ich ahne, dass ich die einzige der wenigen Mitfahrenden gewesen wäre, die gerne ein Steinfries vor Augen gehabt hätte. Den Tauben geht’s auf dem Klotz übrigens super, überall wo keine Netze die 160 Jahre alten Reliefs schützen, machen die kleinen Racker es sich gemütlich. Würd ich auch.


Meine traditionelle Handlung auf dem Oktoberfest: gebrannte Mandeln kaufen. Auch das wurde erledigt und dann gingen wir für den Rest des Tages getrennte Wege. Ich freute mich über das 3:1 von Augschburg gegen Union und wunderte mich bei der Übertragung, dass das Stadion an der Alten Försterei recht voll aussah, aber total leer klang. Trotzdem war es wirklich schön, wieder Fans im Stadion zu hören und keine dusselige Tonspur mit alten Aufnahmen oder die umheimliche Stille wie Freitag in der Allianz-Arena, an die ich mich schon fast gewöhnt habe.

Ruth Bader Ginsburg, Supreme Court’s Feminist Icon, Is Dead at 87

Langer und lesenswerter Nachruf auf Bader Ginsburg in der NYT. Unter anderem wegen Absätzen wie diesem hier, der sehr simpel verdeutlicht, worum es geht – nicht um ein Gleichmachen, sondern ein Gleichbehandeln.

„In this majority opinion, the most important of her tenure, Justice Ginsburg took pains to make clear that the Constitution did not require ignoring all differences between the sexes. “Inherent differences between men and women, we have come to appreciate, remain cause for celebration,” she wrote, “but not for denigration of the members of either sex or for artificial constraints on an individual’s opportunity.” Any differential treatment, she emphasized, must not “create or perpetuate the legal, social, and economic inferiority of women.”

Oder diesem hier, der daran erinnert, dass Sexismus keine Relikt aus längst vergangenen Zeiten ist, sondern von vorgestern und – leider – von heute.

„[Her mother] Celia Bader was an intellectually ambitious woman who graduated from high school at 15 but had not been able to go to college; her family sent her to work in Manhattan’s garment district so her brother could attend Cornell University. She had high ambitions for her daughter but did not live to see them fulfilled. She was found to have cervical cancer when Ruth was a freshman at James Madison High School, and she died at the age of 47 in 1950, on the day before her daughter’s high school graduation. After the graduation ceremony that Ruth was unable to attend, her teachers brought her many medals and awards to the house.

On June 14, 1993, when Judge Ginsburg stood with Mr. Clinton in the Rose Garden for the announcement of her Supreme Court nomination, she brought tears to the president’s eyes with a tribute to her mother. “I pray that I may be all that she would have been had she lived in an age when women could aspire and achieve and daughters are cherished as much as sons,” she said. […]

Harvard Law School was a challenge for women even in the best of times. There were no women on the faculty. During Ms. Ginsburg’s first year, the dean, Erwin Griswold, invited the nine women in the class to dinner and interrogated each one, asking why she felt entitled to be in the class, taking the place of a man. Ruth stammered her answer: that because her husband was going to be a lawyer, she wanted to be able to understand his work.”

Tagebuch Freitag, 18. September 2020 – Zahnzusatzversicherungs-App

Eher mies geschlafen, habe gerade sehr viel auf dem Teller, von dem im Blog nichts steht. Unruhig rumgewälzt; ich wäre gerne noch mal länger eingeschlafen, aber ich wollte um 8 meinen Zahnarzt anrufen, um einen Termin zu bekommen. Also nölig halbwach gewesen, über Quatsch und Eventualitäten nachgedacht, um 8 dann geduscht und mit Kaffee intus ans Telefon gekrochen – „ich wohne fünf Minuten weg, ich könnte gleich da sein“ –, nur um festzustellen, dass er erst um 9 öffnet. Gna.

Um 9 angerufen, um 10.15 in der Praxis gewesen, Bescheid bekommen, dass das fehlende Stück Backendings Teil einer Krone war und nicht mehr Zahn, neue Krone abgenickt, hilft ja nichts. Auf meinen Hinweis, dass ich ab Dienstag für eine Woche nicht in München sei, ob das bis dahin ginge mit dem Zahn, meinte der Doc, ich könnte mit dem frisch ausgedruckten Heil- und Kostenplan auch direkt zur Krankenkasse fahren, ihn dort abnicken lassen und ihn dann Montag wieder mitbringen, da wäre gerade ein Termin freigeworden. Gesagt, getan. Ich weiß dann jetzt auch, wo meine Krankenkasse residiert (mit dem Fahrrad acht Minuten, sehr nett) und bemerkte interessiert, dass man dort nicht mehr einfach reingehen kann, sondern ein Wachmann einen abholt. Ich wurde gefragt, ob ich in den letzten drei Wochen in einem Risikogebiet war, ich vermeinte – zählt München schon dazu bei seit gestern nachmittag über 50 Neu-Infizierten pro 100.000, herrgottnochmal –, musste mir die Hände desinfizieren, und erst als ich im Raum war, der sehr leergeräumt und mit Plastikscheiben unterteilt war, kam auch ein Berater auf mich zu. Der konnte dann auch gleich am Telefon was mit der Praxis klären, die sich anscheinend bei irgendeiner kryptischen Nummer vertippt hatte, ich bekam die Unterschrift und kriege nun also Montag angeblich gleich eine neue schicke Krone und nicht nur ein Provisorium. Wir werden sehen.

Zuhause wollte ich den Kostenplan an meine Zahnzusatzversicherung schicken. Die hatte ich aber schon so ewig nicht mehr nutzen müssen, dass ich nicht mehr wusste, wie das ging. Ich hatte mir irgendwann aus Lust und Laune mal einen Zugang zur Online-Bearbeitung schicken lassen, den gab ich nun erstmals ein und stellte fest, dass es inzwischen eine App gibt, mit der man Dokumente scannen und sie damit an die Versicherung weiterleiten kann. Nichts mehr mit Antrag händisch ausfüllen und in einen Briefumschlag stecken, wie ich mich dunkel an den letzten Vorgang erinnerte; der war noch in Hamburg und ist mindestens zehn Jahre her. Ich scannte, schickte, bekam eine Empfangsbestätigung und kurze Zeit später den Vermerk „wird bearbeitet“ und warte jetzt gespannt.

Drei bestellte Bücher in der Bib waren noch nicht da, da muss ich leider Montag noch hin, obwohl ich sie gerne am Wochenende schon gehabt hätte, meh. Daher verdödelte ich den Resttag mehr oder weniger, gab mir sport-frei, guckte Serien und las weiter die Hamilton-Biografie. Ich bin jetzt im Jahr 1790, Hamilton ist der erste Finanzminister der Vereinigten Staaten und etabliert eine Organisation, die später Coast Guard genannt wird. Als Finanzminister wollte er nämlich sicherstellen, dass dem Staat keine Steuereinnahmen durch Schmuggler entgingen. Also sorgte er dafür, dass Leuchttürme errichtet – und gewartet – wurden und dass es Boote gab, die andere Boote abfingen.

„In constructing the Coast Guard, Hamilton insisted on rigorous professionalism and irreproachable conduct. He knew that if revenue-cutter captains searched vessels in an overbearing fashion, this high-handed behavior might sap public support, so he urged firmness tempered with restraint. He reminded skippers to ‚always keep in mind that their countrymen are free men and as such are impatient of everything that bears the least mark of domineering spirit. [You] will therefore refrain … from whatever has the semblence of haughtiness, rudeness, or insult.‘ So masterly was Hamilton’s directive about boarding foreign vessels that it was still being applied during the 1962 Cuban missile crisis.“ (S. 340)

Ich staunte mal wieder, oder auch nicht, über die Geistesleistung, Schwarzen Menschen diesen „domineering spirit“ als anscheinend nicht wahrnehmbar zu unterstellen. Dass dieses selektive Denken aber auch heute noch funktioniert, merkte ich bei einem Tweet, den ich heute morgen las. Gestern nacht verstarb Ruth Bader Ginsburg, die 1980 als erst zweite Frau an den amerikanischen Supreme Court berufen wurde. Auf die Frage, bei wievielen Frauen es denn genug sei, meinte sie: neun. Das erstaunte Menschen immer, meinte sie, dabei waren es jahrhundertelang neun Männer und das habe nie jemanden gestört.

Abends mit F. zusammen die Saisoneröffnung der Bundesliga geschaut, für die F. als Dauerkarteninhaber theoretisch hätte Karten bestellen können, was er natürlich nicht tat. Die wurden aber zugeteilt, wie ich meiner Twitter-Timeline entnehmen konnte. Wegen der derzeitigen Infektionszahlen mussten die Zuschauer:innen dann aber doch draußen bleiben. Bayern gewann gegen Schalke, das quasi nicht auf dem Platz war, mit 8:0. Heute ist Augsburg bei Union Berlin, wo, glaube ich, Zuschauer:innen anwesend sein werden. Ich erwarte Tweets wegen Wettbewerbsverzerrung ab 15.30 Uhr.

Tagebuch Donnerstag, 17. September 2020 – Neues Curry

Gemeinsam aufgewacht, das war schön. Den Vormittag am Schreibtisch verbracht und kunsthistorisch rumgedacht, das war auch schön. Sport gemacht, ganz hervorragend. Noch in Sportklamotten in die Küche gegangen, denn wenn ich eh schon schwitze, kann ich auch gleich mal lauter lustige Zutaten mit viel Muskelkraft und Ausdauer im Mörser zermatschen.

Zitronengras, Schalotten, Knoblauch, Galangal und Korianderwurzeln fein gehackt und zermörsert. Meine Handkaffeemühle dazu missbraucht, zehn getrocknete Chilischoten zu mahlen, was aber nicht so richtig funktioniert hat, die musste ich doch mit dem Messer kleinfitzeln. Koriander- und Kreuzkümmelsamen geröstet, und die konnte ich dann auch prima mit weißen Pfefferkörnern gemeinsam zermahlen. Alles zusammen mit Zimt, Nelken, Salz, Kardamom und ein bisschen Belachan zu einer Currypaste (Massaman) zermörsert.

Kokosmilch köcheln lassen, bis sie eindickt, Currypaste dazu, alles aufkochen, mit Fischsauce, einem Lorbeerblatt und Palmzucker würzen, ich habe Kartoffeln, Zwiebeln und Karotten als Einlage genutzt und nebenbei ein bisschen Jasminreis zubereitet, in dem ich den Rest der angefangenen Zitronengrasstange mitdämpfen ließ. Dieser Duft!

Als alles fertig war, gab ich noch frischen Koriander sowie Möhrenstreifen dazu, die ich kurz in Limettensaft hatte rumliegen lassen, machte es mir mit dem Teller auf dem Sofa gemütlich, dachte beim zweiten oder dritten Bissen, oh, da war kurz was Hartes im Mund, wird wohl ein Reiskorn nicht ganz gar gewesen sein, speiste zufrieden – und stellte am Ende der Mahlzeit fest, dass das Harte ein Stückchen Backenzahn gewesen war, der nun scharfkantig in meinen Mund ragte. Sehr nölig gewesen und den bisher so schönen Tag auf einmal sehr scheiße gefunden.

Ich habe in den nächsten zehn Tagen mehrere wichtige Termine, die alle nicht in München stattfinden – ein Zahnarztbesuch war jetzt so gar nicht geplant. Ich stellte gestern beim Anrufen auch fest, dass mein Zahnarzt seine Öffnungszeiten sehr eingeschränkt hat, vermutlich lohnt es sich zu Coronazeiten nicht, die Praxis so herrlich lang geöffnet zu haben wie üblich. Daher konnte ich gestern schon nicht mehr vorbeigehen und hoffe daher, dass das heute vormittag geht – nachmittags ist die Praxis bereits geschlossen. Sehr doof, denn heute wollte ich eigentlich nochmal ins ZI. Hmpf. Da isst man schon so weiches Alte-Leute-Zeug und dann kostet einen das trotzdem wichtige Körperteile, herrgott. Wenigstens tut es nicht weh. Vielleicht war es kein Backenzahn, sondern ein Stück arschteure Krone, ich weiß selbst nicht, was ich eigentlich im Mund habe. (Bin beim Tippen schon wieder nölig.)

Tagebuch Mittwoch, 16. September 2020 – Philippinisch kochen

Den Vormittag verbrachte ich im ZI, wo sonst, mal ein paar Bestandskataloge durchblättern, die allerdings schon aus den 1980er-Jahren waren, aber mei, die waren halt da. Ein paar Aufsätze gelesen und mich über Dinge gefreut. Wie immer im Lesesaal.

Wie es in meinem Bällebad aussieht, instagrammte das ZI neulich im schlimmen Zeitraffer.

Am Sonntag zeigte die Corona-App bei mir erstmals zwei Risiko-Begegnungen mit niedrigem Risiko an (macht sie derzeit immer noch). Das war neu, bisher hatte ich keine Kontakte mit irgendwas. Das Display blieb weiterhin grün, aber ich wurde von einer Sekunde zur anderen panisch, und anstatt erstmal in Ruhe zu googeln, plärrte ich auf Twitter rum. Ich bin anscheinend nun eine von diesen Personen. Mist. Dort wurde ich beruhigt: so lange das Ding grün ist und immer noch oben drüber „Niedriges Risiko“ steht, keine Panik. Bei einem roten Display dürfte ich hingegen panisch werden. Im eben verlinkten PDF ist zu erkennen, dass dort auch angegeben wird, wann die Risikobegnung stattgefunden hat; das fehlt bei der grünen Anzeige.

Seitdem überlege ich, wann ich wo war; ich glaube ja immer, ich notiere alles im Blog, wo ich doch selbst am besten weiß, dass ich gnadenlos nicht alles im Blog notiere. Ich habe auf meinen Macbook-Schreibtisch auch ein Word-Dokument, das „Kontakttagebuch“ heißt, aber das habe ich anscheinend nur zwei Tage lang geführt. Das mache ich dann jetzt wohl besser mal regelmäßiger.

In den letzten Tagen musste ich Rind- und Entenfleisch verarbeiten, aber gleichzeitig hatte ich Tofu im Hinterkopf. Das liegt an F., dem niedlichen Halb-Philippino, der mir von einer Sauce seiner Oma (Tante?) erzählte, an die er sich aus Kindheitstagen erinnert: eine Essig-Soja-Mischung, in die frittierter Tofu gedippt wird. (Ich sabbere schon beim Aufschreiben.) Die Sauce orientierte sich an Tokwa’t Baboy, in das eigentlich noch Schweineohren kommen, auf die ich mal verzichtete.

Da im Moment im Kühlschrank aber noch eine Menge Thai-Zutaten liegen, wurde das gestern ein kleines Crossover. Ich gab drei Teile Weißweinessig auf einen Teil Sojasauce, schnitt zwei Chilis klein (eine halbe zuviel, wie ich beim Essen merkte, keuch), gab eine Schalotte und eine Frühlingszwiebel in Ringen dazu, pfefferte alles ordentlich und vergaß den Zucker. Da die Schweineohren in einer Brühe mit Zitronengras gekocht werden, diese Komponente also anscheinend zum Gericht gehört, schnitt ich eine halbe Stange Zitronengras in feine Ringe und gab sie ebenfalls in die Sauce. Währenddessen frittierte ein halber Block fester Tofu vor sich hin; in mein übliches Sonnenblumenöl hatte ich ein paar Löffel Chiliöl gegeben, das noch von meinen geliebten Dan-Dan-Nudeln übrig gewesen war. Und weil Koriander ja quasi zu allem passt, gab’s den zu einer Paprika als Beilage.

Das war ziemlich super, das mache ich heute mit dem restlichen Tofu gleich nochmal. Mit Zucker.

Laab Ped – Salat mit scharfem Entenhackfleisch

Das zweite Rezept aus Hot Thai Kitchen: Demystifying Thai Cuisine with Authentic Recipes to Make at Home von Pailin Chongchitnant, erneut mit Fleisch. Nach diesem werde ich mich wieder den vegetarischen Varianten zuwenden, aber dieses Gericht lachte mich beim Durchblättern halt an. Beim Rumgoogeln nach der richtigen Schreibweise stieß ich auf diese kommerzielle Seite, die noch ein bisschen was zu Laab/Larb erzählt. Ein Rezept mit sehr ähnlichen Zutaten, aber einer leicht anderen Zubereitungsart steht auch hier (ebenfalls eine kommerzielle Seite).

Mein Bild sind eigentlich die Reste vom Vortag mit neuem Grünzeug dazu, aber das Bild gefiel mir besser als das vom Montag, wo noch der Reis zu sehen ist, der zum Gericht gehört.

Für zwei Personen als komplette Mahlzeit oder für vier als Vorspeise.

Klebreis zubereiten, Menge bleibt euch überlassen (bei mir Jasminreis). Während er kocht, ein bisschen Mis en place machen:

2 Schalotten in feine Ringe schneiden.
1/2 Stange Zitronengras von ihrer äußeren Hülle befreien und in feine Ringe schneiden.
1,5 EL Galangal reiben (optional, muss auch nicht durch Ingwer ersetzt werden).
2–3 frische Thai-Limettenblätter in feine Streifen schneiden (optional).
2–3 Vogelaugenchilis entkernen (oder auch nicht, je nachdem wie scharf es sein soll) und fein hacken.
1–2 Frühlingszwiebeln in Ringe schneiden.
1/2 Cup Minzblätter grob hacken, kleine Blätter ganz lassen.
1/4 Cup Korianderblätter abzupfen.

In einer kleinen Pfanne ohne Fett
2 EL ungekochten Jasminreis anrösten, bis die Körner goldbraun sind. Abkühlen lassen. Danach in einer Gewürzmühle zu feinem Puder zermahlen. Ich habe dazu auch noch drei getrocknete Thai-Limettenblätter gegeben und hatte so einen nussigen Zitronenpuder.

2 Entenbrüste, je ca. 250 g (das war mir ein bisschen zu viel), von der Haut befreien. Diese in mundgerechte Stücke schneiden und ohne Fett bei mittlerer Hitze ca. 10 Minuten braten, so dass das Fett austritt. Dabei salzen. Wenn die Hautstücke nicht mehr blubbern, ist die Flüssigkeit in ihnen ausgebraten und alles sollte schön knusprig sein. Beiseite stellen.

Die Entenbrüste in sehr feine Streifen schneiden oder zu Hackfleisch verarbeiten.

2 EL Wasser (oder Hühnerbrühe) in einem Topf zum Kochen bringen, das Entenfleisch dazugeben und bei großer Hitze braten. Vom Herd nehmen, die Schalotten, das Zitronengras, die Chilis und, falls verwendet, Galangal und Thai-Limettenblätter unterrühren. Zusätzlich mit
2 EL Fischsauce und
3 EL frischem Limettensaft verrühren.

Zum Servieren Frühlingszwiebeln, Minze und Koriander unterrühren, mit dem Reispuder bestreuen und die kross gebratene Haut darübergeben. Dazu frisches Gemüse nach Wahl, bei mir gab’s Paprika, Gurke, grünen Salat und noch einen Schwung Koriander.

Tagebuch Montag, 14. September 2020 – Lesesaal und Entenhack (Überschriften, die sonst nirgends durchgehen)

Kurz vor Schluss lernte ich noch einen neuen Ort kennen, wo Bücher für mich liegen: den Lesesaal Altes Buch in der Unibibliothek. Die Dissertation der Dame, deren Name auf dem Foto meiner Oma von 1935 stand, durfte ich natürlich nicht nach Hause entleihen, sondern musste sie vor Ort einsehen. War okay, denn der winzige Lesesaal mit nur noch vier Plätzen (von sonst 16, schätze ich) war deutlich angenehmer zum Arbeiten als der große Uni-Bib-Lesesaal, den ich als einzigen nicht wirklich vermissen werde. Am Platz lagen schon die Schaumstoffkeile und die Bleischnur für mich bereit, damit ich das dicke Buch nicht ganz aufschlagen musste und etwas zum Seitenfesthalten hatte.

Der Titel der Dissertation von 1940 sagt schon alles: „Das Lichtbild in Aufklärung und Propaganda der Deutschen Arbeitsfront. Ein Beispiel für die Verwendung des Lichtbildes in der nationalsozialistischen Werbung“. Die Autorin setzte sich nicht ernsthaft kritisch mit dem Foto als Medium auseinander, was ich aber auch nicht erwartet hatte; stattdessen verfasste sie einen 300 Seiten langen Ratgeber, wie man Fotografie als Werbemittel einsetzen kann, um der NS-Ideologie Verbreitung bis in jeden kleinen Betrieb zu verschaffen. Im Anhang waren Ausschnitte aus einschlägigen Zeitungen eingeklebt (Arbeitertum, Der Angriff, Der Aufbau etc.) – und einige Originalfotos, weswegen ich inzwischen davon ausgehe, dass die Dame die Fotografin war. Sie kam, laut Diss-Titelblatt, auch aus demselben Ort wie meine Großmutter. Ich werde spaßeshalber mal ein paar Jahrgänge der Zeitschriften durchblättern – vielleicht taucht sie da als Fotografin auf, denn leider nannte sie in der Diss nie die Namen der Fotograf:innen der Bilder.

Ich fand neben einigen Zitaten, die ich für meinen Abstract brauche, auch noch ein paar Dinge zu den Autobahnen, das schadet ja nie. Der letzte Satz der Diss nach dem Lebenslauf machte dann wieder mal schlechte Laune, aber was an diesem Thema macht keine schlechte Laune: „Zur Vorbereitung der schriftlichen Arbeit und der mündlichen Prüfung, die am 14. März 1940 stattfand, nahm ich keinerlei Dienste eines jüdischen Repetitors in Anspruch.“

Bei einem Zitat zum Thema Abbildung von Frauen bei der Arbeit musste ich an die heutige Insta-Ästhetik denken bzw. die Tatsache, dass soziale Medien traditionelle Geschlechterbilder eher verstärken – Frauen posten eher Inneneinrichtung, Beautykram und Nähzeug, Jungs eher … keine Ahnung, ich folge kaum Kerlen, die nicht auch Essen posten und kriege das nur am Rande bei Infoluencer mit. Jedenfalls: „Die Motive werden so gewählt, dass sie weniger die technische Seite der hausfraulichen Betätigung herausstellen als vielmehr die gefühlsmässige, weil sie wirksamer ist. Die Freude am ästhetisch schönen Darstellungsgegenstand, am „Lebendigen“, an den Gesichtern der dargestellten Personen, am fröhlich-gemütlichen Beisammensein im Nähkurs oder am Kochtopf muss durch das Bild in der Frau geweckt werden.“ (S. 118) Generell wurde oft betont, dass Fotos, die sich an Frauen richten, bitteschön das Gefühl anzusprechen hätten – also noch eine Schippe mehr als eh schon: „Bestimmend für die Propaganda ist ihre Allgemeinverständlichkeit; denn ihre Aufgabe ist es, auch den letzten Volksgenossen zu erfassen. Sie darf deshalb nicht in gelehrte Abhandlungen ausarten. Sie soll sich an das breite Volk nach grossen, allgemeinverständlichen Richtlinien wenden. Der Propagandist muss immer bedenken, dass das Volk am stärksten und wirksamsten gefühlsmässig ergriffen wird. Die Propagandamitttel müssen also in erster Linie auf Gefühlswirkung abgestimmt sein. Hinter diesem volksverbindenden Element hat das Wissenmässige in ihnen zurückzutreten.“ (S. 10) Bitte schlagen Sie selbst einen geistigen Bogen zu den ganzen AfD-Posts auf Facebook.

Ich hatte im Lesesaal nur drei Stunden Zeit, die haben aber gereicht, um das Werk einmal durch- bzw. teilweise arg querzulesen. Nach Hause geradelt, Sport gemacht und erneut erstaunt festgestellt, wieviel Wasser ich nach einer lustigen Cardio-Einheit so wegtrinken kann.

Dann trieb es mich an den Herd, denn allmählich war ich hungrig. Es gab erneut ein Rezept aus meinem neuen Thai-Kochbuch, nämlich den anscheinend klassischen, ich habe ja keine Ahnung, Salat mit Entenhack (Larb Pet, Laab Pped, tausend Schreibweisen beim Googeln gefunden). Ich trennte die Haut vom Fleisch, um daraus knusprige Nuggets zu braten; im übriggebliebenen Entenfett werde ich heute vermutlich ein paar Kartoffeln schwenken. Dann bereitete ich die üblichen Zutaten vor: Korianderblättchen zupfen, Minze schneiden, Zitronengras und Schalotten in feine Ringe verwandeln, Frühlingszwiebeln in gröbere, ein bisschen Galangal reiben, drei Chilis zerkleinern, siebzehnmal Hände waschen. Außerdem toastete ich ein paar Esslöffel Jasminreis, um ihn danach mit zwei getrockneten Thai-Limettenblättern zu Pulver zu verarbeiteten. Mein nächster Kaffee schmeckt jetzt wahrscheinlich etwas nach Nuss und Zitrone, aber für derartige Noten gebe ich ja sonst sogar Geld aus.

Und schließlich musste ich die Entenbrust noch irgendwie zu Hackfleisch verwandeln. Ich begann mit dem Messer, bis mir einfiel, dass ich mir neulich aus der alten Heimat doch ein Werkzeug meiner Omi mitgebracht hatte. Und das wurde dann sehr zufrieden benutzt. Wenn das mit der Wissenschaft nicht klappt, gehe ich vielleicht doch in eine Metzgerei.

Das Endprodukt habe ich dann äußerst unemotional abgelichtet, als hätte ich vormittags nichts gelernt, schlimm! Aber dafür war es ganz hervorragend.

Tagebuch, Samstag/Sonntag, 12./13. September 2020 – Draußen und drinnen

Seit ich am Freitag abend das Thai-Kochbuch aus der Packstation geholt hatte, wollte ich einkaufen; das erledigte ich am Samstagmorgen. Beim Aufsteigen aufs Fahrrad zerrte ich mir irgendwas im Rücken zwischen den Schulterblättern und jammere seitdem in mich hinein, dass mir das beim Rumliegen auf der Couch nicht passiert wäre. Limetten, Zitronengras, Galangal und ein Armvoll Koriander konnten mich aber gut ablenken. Ich bereitete eine sehr enthusiastische Portion Rindfleischsalat zu, probierte ein paar Gabeln und stellte ihn dann in den Kühlschrank, denn auf mich und F. wartete nachmittags Kuchen.

Verwandte von F. hatten ihren Sohn, den F. seit Kindertagen und ich seit ungefähr zwei Jahren kennen, und uns auf einen Plausch auf der Terrasse eingeladen. Der Weg war per Fahrrad etwas zu weit für mich, daher nutzten wir U-Bahn, S-Bahn und Bus, um dorthin zu gelangen. Das war mit etwas Genervtheit verbunden, denn ausgerechnet Samstag trafen sich die ganzen Coronaleugner und Pandemiebekämpfungsgegnerinnen in München. Die Versammlung auf dem Odeonsplatz und damit vor der historisch vorbelasteten Feldherrnhalle war ihnen netterweise untersagt worden, aber sie durften von dort ihren Demonstrationszug in Richtung Theresienwiese starten. Da Abstände vermutlich bewusst ignoriert und Masken eher sporadisch getragen wurden, schafften die Damen und Herren es ganze 500 Meter weit, bis die Polizei den Zug zwischen der Alten Pinakothek und dem Ägyptischen Museum stoppte und ihn nach langen Diskussionen auflöste. Die Teilnehmer:innen machten sich daher individuell auf den Weg zur Kundgebung, und das war genau unser Problem: Wir wollten wirklich nicht mit ihnen in der U-Bahn sitzen. Wir mussten netterweise in die andere Richtung, aber so ganz wohl war mir nicht.

Am Ziel angekommen, wurde ich für meine Ängste mit Käse- und Himbeerkuchen vertröstet, es gab Kaffee, ich durfte mal wieder von der Autobahnmalerei erzählen und dann wurden diverse Kameras ausgepackt. F.s Onkel interessiert sich für Fotografie, und so zeigte F. seine gerade von einem Künstlerfreund ausgeliehene Hasselblad rum, seine eigene Kamera, der Sohnemann holte seine Digiknipse raus, F. demonstrierte an Bienen auf Blumen sein Makroobjektiv, und ich checkte während des Rumgenerdes, wie’s den seltsamen Menschen auf der Theresienwiese erging.


(Die beiden unteren Bilder © Felix Mendoza 2020)

Nach Rotwein und Käsebroten, die wir uns auf der inzwischen dunklen Terrasse mit einer Horde Mücken teilten, brachen wir auf; F. und ich verbrachten den Restabend bei mir und quatschten auch im Bett noch weiter. Das war schön: mal wieder vor die Tür gekommen und mit anderen Menschen geredet. (Und Kuchen!)

Gestern wollte ich den restlichen Salat zum sehr späten Frühstück genießen und stellte fest, dass die komplette Schärfe weg war. Also produzierte ich flugs eine neue Portion Dressing, mischte es mit dem Rest – und verstehe immer noch nicht, wieso auch hier nichts von der Chili (bzw. den Chilis) zu schmecken war. Hm. Neutralisiert Limette irgendwann Schärfe? Muss ich nachher mal googeln. Lerneffekt: diesen Salat besser nicht ewig vor dem Verzehr vorbereiten.

Den Rest des Tages verbrachte ich mit Sport – gestern waren wieder langsame und vorsichtige Bauchübungen angesagt, das ging auch mit dem jammernden Rücken – und Sport: erstmal den Bayern-Damen beim Sieg gegen Bremen zugeguckt und abends den Philadelphia Eagles bei der Niederlage gegen Washington, das sich in der Saisonpause von ihrem rassistischen Namen getrennt hatte.

Pla Neua – Rinderfleisch-„Ceviche“ mit Zitronengras

Das erste Rezept aus Hot Thai Kitchen: Demystifying Thai Cuisine with Authentic Recipes to Make at Home von Pailin Chongchitnant und das war gleich ein Volltreffer. Ja, äußerst fleischhaltig für einen angeblichen Salat, aber die Mischung aus Limette, Chili, Koriander und Zitronengras ist genau die Geschmacksrichtung, die ich liebe.

Für vier Personen als Vorspeise oder für zwei als Hauptgang.

250 g zartes Rindfleisch im Stück in einer sehr heißen Pfanne in wenig
Öl ganz kurz von beiden Seiten anbraten, ca. 20 bis 30 Sekunden reichen. Das Fleisch soll innen roh bleiben. Mithilfe einer Zange auch die Ränder anbraten. Aus der Pfanne nehmen und mindestens fünf Minuten ruhen lassen. Dann in feine Streifen schneiden und für ebenfalls mindestens fünf Minuten in
3 EL frischem Limettensaft marinieren bzw. „kochen“. Deswegen steht da oben Ceviche in Anführungszeichen.

Für das Dressing
3–4 Knoblauchzehen,
1–3 frische Bird’s-Eye-Chilis,
5 Stengel Koriander (die Stengel, nicht die Blätter) fein hacken und mit
2 TL Palmzucker (Rohrzucker als Ersatz) zu einer Paste zerstampfen. Mit
2 EL Fischsauce mischen. Wenn ihr keinen Mörser habt – sehr fein hacken tut’s auch. Wer es richtig scharf mag, lässt die Kerne in den Chilis, ich habe sie entfernt und fand den Schärfegrad genau richtig.

Für den Salat
die untere Hälfte einer Stange Zitronengras von den äußeren Hüllen befreien und in sehr feine Scheiben schneiden.
2 EL Schalotten in ebenso feine Ringe schneiden.
1/4 Cup (eine Kinderhand voll) Minzblätter in feine Streifen schneiden.
2–3 frische Thai-Limettenblätter in feine Streifen schneiden. Hatte ich nicht, ich habe die abgeriebene Schale einer Limette ins Dressing geworfen.
Die Blätter von 5 Zweigen Koriander abstreifen.
2 EL Kürbiskerne rösten. Hatte ich nicht, ich habe ein paar Cashewkerne im Fett vom Fleisch geröstet.
1 rote Paprika in feine Streifen schneiden. Hatte ich nicht; ich dachte, ich hätte noch eine, aber meh, dann eben Salat ohne Paprika.

Alle Zutaten mit dem Dressing mischen.

Zum Anrichten
frische Salatblätter nach Lust und Laune, bei mir Romana, auf einem Teller ausbreiten, die Fleisch-Kräuter-Gemüsemischung darübergeben und mit weiteren Minz- und Korianderblättern garnieren. Bei mir hat ganz zum Schluss ein Hauch Salz nicht geschadet, um die Geschmäcker noch mehr zur Geltung zu bringen. Ansonsten bringt die Fischsauce genug Salz mit.

Ein heißes Dankeschön …

… an Alexandra, die mich mit Hot Thai Kitchen: Demystifying Thai Cuisine with Authentic Recipes to Make at Home von Pailin Chongchitnant überraschte. Nicht nur die Thai-Küche selbst, sondern schon der Buchtitel macht Appetit: sieht genauso gut aus wie alle Gerichte, die ich bisher kenne oder sogar selbst schon mal hingedengelt habe. Daher begann ich gestern gleich, im Buch zu lesen und empfehle es jetzt schon gnadenlos weiter, obwohl ich noch nichts daraus gekocht habe.

Das Buch besteht aus zwei Teilen: Im ersten bringt uns Chongchitnant bei, wie traditionell (und im modernen Thailand) überhaupt gegessen wird, welche Unterschiede es in den Regionalküchen gibt, welche Werkzeuge man in der Küche wirklich braucht und welche nett, aber nicht notwendig sind, und, für mich bisher der beste Teil, wie die Zutaten aussehen, die man immer braucht, wie man sie kauft (was muss ich beachten, um frische Ware zu bekommen, was sind Alternativen), verarbeitet (nur als aromatisches Beiwerk? Wie schneiden? Als Paste?) und wie man sie aufbewahrt (kann ich das einfrieren? Wenn ja, wie?). Dass Thai-Küche gerne mit den Noten scharf, süß, sauer, salzig arbeitet, hatte ich schon kapiert, aber dass man nicht immer Palmzucker braucht, um süß hinzukriegen und die Krabbenpaste, wenn halt keine da ist, auch durch Sojasauce ersetzen kann, wusste ich noch nicht.

Generell mag ich den Tonfall und die Ausrichtung des Buchs, die auch in Chongchitnants Videos rüberkommt: Es gibt für jede Speise achthundertmillionen Zubereitungen – halte dich nicht sklavisch an Rezepte, koch, damit es dir schmeckt, und wenn du nur drei Chilis in deinem Curry magst und keine 30, ist das auch okay. Was ich bisher mitgenommen habe, ähnelt dem Lerneffekt aus Salz. Fett. Säure. Hitze von Samin Nosrat: Verstehe generell, wie ein gutes Gericht (oder in diesem Fall Thai-Küche) funktioniert, und dann koch mit dem, was du an Zutaten bekommst, eine Mahlzeit, die dir schmeckt. Eigentlich ganz einfach.

„Having read hundreds of emails from Hot Thai Kitchen Fans, I’ve discovered that there are two main reasons why people are reluctant, or even scared, to cook Thai or any ethnic cuisine. The first is that they don’t know where to start. This is an issue of knowledge, which is easily fixed. Reading this book is a great start.

The second, and most important, reason is the fear of making it “wrong.” This isn’t as simple a fix, as it’s not a technical issue but rather a matter of mindset. People are afraid that, after all their efforts, they’re not making “real Thai food.” So, they postpone it until they feel “confident enough,” or they decide to “leave it to the experts.”

I get it. I remember feeling the same way when I startet cooking Western food. I wanted to make the most authentic Bolognese sauce, so I searched for recipes written in Italian because, after all, they MUST be more authentic!

Maybe it’s out of respect for the culture or from a belief that the “right” way tastes better, but whatever the reason, it’s holding us back from taking that leap into the exciting world of an ethnic cuisine. […]

Our pantries and fridges determine our dinner. […] Thai people are constantly creating new dishes, adding new twists to old classics, or simply throwing random stuff together … but can you call that “real Thai food” or even “authentic Thai food”? Or course you can. If what Thai people regularly eat at home isn’t authentic, then I don’t know what is. The thing is, most of what we eat isn’t what you find in restaurants, isn’t half as complicated, and may not even have a name.“ (S. 22/23)

Ich überlegte kurz, wie ich sonst koche, wenn ich nicht nach Rezept koche – nämlich genau so. Ich habe keine wirkliche Ahnung, wie norddeutsche Küche funktioniert und erst recht nicht, wie bayerische geht, aber ich weiß, welche Zutaten zusammenpassen, wie ich eine Sauce herstellen kann und wie ich generell gerne esse: mit Kontrasten im Essen (heiß, kalt, weich, knusprig). Diese Kontraste bekomme ich ohne Nachdenken hin: Zu warmem, schnuffigweichem Kartoffelbrei (für mich eine hervorragende Mahlzeit) gibt’s einen knackigen Salat (kalt) aus dem, was halt an Vorräten rumliegt, und wenn ich Zeit habe für Schmelzzwiebeln, kann ich nebenbei auch noch Tofu scharf anbraten (knusprig). Darüber denke ich nicht mal nach und ich ahne, dass es kein Rezept für Tofu mit Kartoffelbrei und Salat gibt; ich weiß aber, dass es mir schmeckt. Hot Thai Kitchen klingt bis jetzt so, als würde mir auch so ziemlich alles schmecken, was im zweiten Teil des Buchs steht: Da kommen nämlich wenige Grundrezepte, die man lustig abwandeln kann, je nachdem, was man gerade in der Küche hat oder beim Asiamarkt vorrätig ist.

Und nach diesem Satz hatte das Buch eh gewonnen: „When people ask me, “What kind of wine pairs well with Thai food?” I semi-facetiously reply: “Beer.”“

Vielen Dank für das Geschenk, ich habe mich sehr gefreut. Und jetzt muss ich los, einkaufen, sorry!

Tagebuch Mittwoch/Donnerstag, 9./10. September 2020 – Schwitzen und rumpiepsen

Einen Doodle-Link an meine dreiköpfige Prüfungskommission geschickt, um einen Termin für die Verteidigung der Diss im November auszuklüngeln. Das ging gut und schnell, den Termin melde ich heute dem Prüfungsamt. Mein Doktorvater und die Zweitprüferin haben bis zum 21. September Zeit, ihre Gutachten dort einzureichen, und dann müsste ich sie in nicht allzulanger Zeit einsehen können. Endlich Feedback. Je länger das Ding weg ist, desto nervöser werde ich natürlich, dass ich 400 Seiten Quatsch eingereicht habe. War ja klar.

Entscheidungen bezüglich Zukunft getroffen, mit denen ich jetzt seit der Abgabe schwanger gegangen war. Jetzt müssen nur noch andere mitspielen, das kann ich nicht mehr ganz alleine machen wie mein geliebtes Studium. Meh.

Weiter mein lustiges Online-Sportprogramm mitgemacht und mich gefreut, dass vieles geht, von dem ich nicht dachte, es ich es könnte. Und nach den ersten vier, fünf Tagen, an denen ich jeden Abend dachte, ich sterbe an Muskelkater, tut jetzt quasi nichts mehr weh. Das ging schnell.

Ich vermisse weiterhin dickere Menschen, denen ich beim Turnen zugucken kann und die nicht nur in der „True Beginner“-Sektion vorkommen, aber dass in bis jetzt jeder Übungseinheit, auch bei den ganz Fitten, irgendwann der Hinweis kam, hey, wenn du Hilfe brauchst, halt dich am Stuhl fest, geh nicht ganz in die Hocke, mach nur was dir gut tut, du kennst deinen Körper besser als jede andere, finde ich einen guten Anfang. Was total nervt, sind Sätze wie „Imagine yourself in skinny jeans“, aber irgendwas ist ja immer.

Nebenbei danke für die Patreon-Abos und das PayPal-Trinkgeld – damit ist mein Sportprogramm quasi finanziert. Ihr tut also meiner Gesundheit gut, yay!

In acht Jahren war ich immer nett zu meinen Bibliotheken und sie zu mir, aber jetzt habe ich es doch auf der Schlussgerade geschafft, mir einen Rüffel abzuholen.

Sie erinnern sich an das gerahmte Foto meiner Oma von 1935, das inzwischen an meiner Küchenwand hängt? Weil es gerahmt ist, habe ich nie auf die Rückseite schauen können, um weitere Infos zu finden (der handgeschriebene Name auf der Vorderseite ist unleserlich). Beim letzten Aufenthalt im Norden stolperte ich aber über eine kleinere Ausgabe des Fotos, auf dem hinten ein Name stand. Gegoogelt bzw. in akademische Suchmaschinen geworfen – und als einzigen Treffer die Dissertation der betreffenden Dame gefunden, die ausgerechnet hier in München 1940 promovierte (war ja klar): zum Thema Fotos als Propagandamittel der Deutschen Arbeitsfront. Netterweise steht die Diss in der Unibibliothek, wo ich sie ausleihen wollte, aber feststellen musste, dass die Schaltfläche „bestellen“ bei der Buchanzeige fehlte. Hin und her gesucht, schließlich das Recherche-Kontaktformular genutzt, um das Ding zu ordern, was natürlich Quatsch war, wie ich im Nachhinein auch merkte. Denn damit schreibt mir die Bib nur zurück, dass das Buch im Bestand vorhanden ist. Auf eben diese Mail antwortete ich, dass mir klar ist, dass das Buch vorhanden sei, ich es aber nicht bestellen könne, Screenshot anbei. Woraufhin eine höflich formulierte Mail zurückkam, dass ich diesen Sachverhalt gerne schon in der ersten Mail hätte mitteilen können, womit die Schreiberin natürlich völlig recht hätte. Ein piepsiges „Dankeschön für die schnelle Bearbeitung“ an die Entschuldigung gehängt, und jetzt kann ich es angeblich, laut Anzeige, sogar nächste Woche zuhause lesen anstatt im ungeliebten Uni-Bib-Lesesaal.

Was schön war, Dienstag, 8. September 2020 – Einfach ein guter Tag

Okay, die Nacht war nicht ganz so gut, wieder hielt mich irgendwas ab 4 Uhr morgens wach, und gestern konnte ich auch nicht einfach in den Tag hineinschlafen, weil ich einen Platz in der Stabi ergattert hatte. Normalerweise bin ich dort um 9 vor Ort, dieses Mal wankte ich erst um 9 unter die Dusche und versuchte danach, mit viel Espresso den Kreislauf fahrradtüchtig zu kriegen. Das gelang, ich radelte, schon ging es mir besser, wie immer auf dem Rad.

In der Stabi holte ich sechs Bücher aus meinem Fach, zwei davon hatte ich letzte Woche schon im Deutschen Museum durchgelesen. Drei kannte ich noch nicht, und wie immer bei Literatur, die möglicherweise für die Diss sinnvoll gewesen wäre, ergab ich mich drei Sekunden lang Selbstvorwürfen, wieso ich die damals nicht gefunden hatte uswusfundsoalbern. Mitten in die Selbstvorwürfe pingte aber eine Mail: Mein Wunsch-Drittprüfer hatte zugesagt, dem ich erst zwei Stunden zuvor eine Anfrage mit der betreffenden Bitte geschickt hatte. Große Freude – und jetzt noch mehr Nervosität. (Der Vollständigkeit halber: Doktorvater, Zweitprüferin.)

Vermutlich wird die Disputatio im November per Zoom stattfinden müssen und nicht vor Ort, worüber ich betrübter bin als erwartet. Gestern radelte ich wie immer auf dem Weg zur Stabi am Hauptgebäude der Uni mit den beiden Springbrunnen davor vorbei, und obwohl ich seit Monaten schon nicht mehr in einem Hörsaal gesessen hatte, war ich auf einmal traurig darüber, dass ich mich nicht stilgerecht vom Gebäude verabschieden konnte. Hauptsache, ich darf mit der Urkunde irgendwann zum Speerträger, das ist der Standard-Foto-Point für Absolvent:innen.

Nach erledigter Arbeit und dem ersten vernünftig ausformulierten Abstract, den ich jetzt, wie immer bei meinen schriftlichen Dingen, achtzigmal überarbeiten werde, radelte ich nach Hause, wo ich einen sehr schönen Brief bzw. drei Postkarten mit einem Geschenk vorfand. Vielen Dank, auch und vor allem für die netten Zeilen, ich habe mich sehr gefreut.

Vorgestern hatte ich auch schon ein Geschenk vom DPD-Auslieferungspunkt geholt, als dessen Schenker sich gestern jemand auf Twitter zu erkennen gab. Die letzten 23 Tage der Plüm von meiner liebsten Comic-Autorin Katharina Greve, brachte mich verlässlich zum Lachen. Die Einstellung der Plüm zur Kunst ist für mich auch sehr gut nachvollziehbar, ich zitiere:

„Zur Blütezeit der plümschen Kultur wurde die bildende Kunst hochgeschätzt. Die Künstler arbeiteten jedoch ausschließlich mit Lebensmitteln: Sie malten Bilder mit Sum-Beeren-Mus und bauten Skulpturen aus Lübosen-Würmern. Bei Ausstellungseröffnungen wurde die Kunst kurz bewundert – und dann gegessen. Ein Werk war nur gelungen, wenn nicht nur die Aussage, sondern auch der Geschmack stimmte.“ (S. 66)

Vielen Dank auch für dieses Geschenk – sogar mit Widmung! –, über das ich mich ebenfalls sehr gefreut habe.

Beim Sport sehr wohlgefühlt. Dazu auch noch hervorragend gespeist: Erst einen Salat und nach dem Turnen eine Portion Ofenpommes mit der restlichen Köttbullar-Sauce von vorgestern. Ausgewogene Ernährung, so wichtig. Und abends nach mehreren Tagen, in denen F. und ich Abstand hielten, wieder gemeinsam eingeschlafen. Das war schön.

Egg Clock Baroque

Herr Formschub hat eine Spotify-Playliste erstellt, mit der man das perfekte Ei kocht. Ich liebe das Internet für sowas.

Toller Thread mit noch tolleren Fotos über chinesische Tattoos. Via @dogfood.

Der Herr hat übrigens auch noch einen Comictipp parat: Eddy Current.

Und in seinem neuesten Blogeintrag fand ich ein Zitat, das gerade sehr zu meiner Jobsuche passt: „You don’t have a problem, you have a solution you don’t like.” (Aus dem Dense-Discovery-Newsletter 104.)

„Straßen Namen Leuchten“

Am Salvatorplatz ensteht ein Denkmal für die Familie Mann. Ich durfte vor einigen Monaten, als man noch Menschen besuchte, das Modell dafür bewundern und den Künstler kennenlernen und bin sehr gespannt auf die Umsetzung.

Is America a Myth?

Hoffentlich zu dramatisch, aber ein interessanter historischer Abriss über verschiedene Sezessionsbewegungen in den USA, wovon die wirkmächtigste im Bürgerkrieg von 1861–65 endete.

„The crisis today reflects the nation’s history. Not much, it turns out, has changed. The country was settled by diverse cultures—the Puritans in New England, the Dutch around New York City, the Scots-Irish dominating Appalachia, and English slave lords from Barbados and the West Indies in the Deep South. They were often rivals, Woodard noted: “They were by no means thinking of themselves belonging to a protean American country-in-waiting.” The United States was “an accident of history,” he said, largely because distinct cultures shared an external threat from the British. They formed the Continental Army to stage a revolution and form the Continental Congress, with delegates from thirteen colonies. Almost two hundred and fifty years later, a country six times its original size claims to be a melting pot that has produced an “American” culture and a political system that vows to provide “life, liberty and the pursuit of happiness.” Too often, it hasn’t.

Centuries later, the cultural divide and cleavages are still deep. Three hundred and thirty million people may identify as Americans, but they define what that means—and what rights and responsibilities are involved—in vastly different ways. The American promise has not delivered for many Blacks, Jews, Latinos, Asian-Americans, myriad immigrant groups, and even some whites as well. Hate crimes—acts of violence against people or property based on race, religion, disability, sexual orientation, ethnicity, or gender identity—are a growing problem. A bipartisan group in the House warned in August that, “as uncertainty rises, we have seen hatred unleashed.”

When Athens and Sparta went to war, in the fifth century B.C., the Greek general and historian Thucydides observed, “The Greeks did not understand each other any longer, though they spoke the same language.” In the twenty-first century, the same thing is happening among Americans.“

Ebenso hoffentlich zu dramatisch:

Is America in the Early Stages of Armed Insurgency?

„Armed militias are nothing new in the United States. A decade ago, Kilcullen counted about 380 right-wing groups and 50 left-wing ones, many of them armed. In the early 1990s, the faceoff between the FBI and the Branch Davidians, outside Waco, Texas, left 80 people dead—and inspired Timothy McVeigh and his gang of extremists to blow up a federal building in Oklahoma City, killing 168 people. In the late 1960s and early ’70s, left-wing groups such as the Weather Underground set off bombs all over the country; police waged deadly shootouts with the Black Panthers in Oakland, California, and Chicago; and marchers for and against the Vietnam War—mainly students and hard-hat workers—clashed in violent street battles.

But except for the last set of clashes (which didn’t involve organized groups, much less insurgencies), those earlier incidents rarely corresponded with the divides between the nation’s political parties. This is one way in which the current conflicts are different—and, potentially, more dangerous.

Another difference and danger is the prevalence of cable TV networks and social media, which amplify and spread the shock waves. Incidents that in the past might have stayed local now quickly go viral, nationwide or worldwide, inspiring others to join in.“