Tagebuch Montag, 20. Januar 2020 – Zwischentag

Im Archiv gewesen, schöne Sachen gefunden, am Schreibtisch gesessen, gut gearbeitet, Couscoussalat gemacht, zwei Folgen Cheerleading geguckt und überrascht okay gefunden, alles super, aber egal, weil: Ich gehe heute vier (oder mehr) Gemälde Protzens angucken. Wir sprechen uns morgen. *hibbel*

Tagebuch Sonntag, 19. Januar 2020 – Erster Schnee

Gestern war Netflix- und Lesetag. Ich beendete die zweite Staffel von Sex Education und finde die Serie, bis auf wenige Ausrutscher, immer noch großartig.

In einer Folgenpause bemerkte ich, dass sich die Welt da draußen gerade etwas veränderte, und den Gesetzen von Social Media gehorchend, fotografierte ich den ersten anständigen Schnee des Jahres, also den, der für mindestens eine kurze Zeit liegenbleibt, und postete das Bild.

Nachmittags döste ich beim Bayernspiel weg, weil es mir sehr egal war, dann las ich Dojczland von Andrzej Stasiuk zuende. Das ist kurz und schmerzhaft, das Ding. Er beschreibt seine Eindrücke des wiedervereinigten Deutschlands auf seinen diversen Lesereisen. Man kann die Hälfte vom Buch unterstreichen oder abtippen, aber ich nehme mal diesen Ausschnitt, wo der Außenblick für mich besonders spannend war.

„Auf dem Hauptbahnhof [Berlin] war ich gelandet, weil ich aus Greifswald nahe der Ostsee zurückgekommen war. Vertreter der Alternativen in Berlin hatten behauptet, das sei die Höhle der neonazistischen Löwen. Aber mir ist dort nichts passiert. Ich wohnte im Hotel Galerie und machte Spaziergänge. Hier ist Caspar David Friedrich geboren. Sein Vater war Seifenmacher, deswegen lief die Karriere des Jungen, wie man heute sagen würde, wie geschmiert. Ich hatte vorher keine Ahnung davon gehabt. Ich kenne mich in der Malerei, schon gar der deutschen, nicht aus, aber Friedrich hat mir immer gefallen. Das war so germanisch und romantisch: Wolken, Stürme, Ruinen, das dämonische Licht des Nordens und der unsichtbare Schatten der Walhalla. Ich mochte seine Gemälde, weil sie düster waren wie das Grab. Wenn man jung ist, imponiert einem so was. Und jetzt war ich hier in seiner Stadt. Ich weiß, ich hätte in die Galerie gehen sollen, um wenigstens eine annähernde Vorstellung zu bekommen, statt mich immer nur an die fünf Reproduktionen in irgendeinem Album zu halten. Ich weiß. Dennoch fuhr ich mit dem Zug nach Zinnowitz, weil ich auf die Insel Usedom wollte. Ich stellte mir vor, dort wäre Wind, aufgewühltes Meer und Dünen, mit einem Wort, Caspar David Friedrich. Aber in Zinnowitz war kein Wind. Das Meer lag glatt wie ein Tischtuch. Ein paar Personen spazierten über den Strand. Kein Caspar David, nur DDR-Kurort in der Nachsaison. Man konnte Fisch mit Fritten essen und sich eine Ansichtskarte kaufen. Ich mochte die DDR. In der DDR paßte mir außer den Skinheads alles. Abgesehen von den Skins habe ich mich in der DDR immer wohl gefühlt. Wenn ich irgendwann an Ferien in Deutschland dachte, einfach mal so nach Deutschland zu fahren, so wie man zum Vergnügen in ein fremdes Land fährt, dann kam mir Mecklenburg in den Sinn. Und Friesland. Aber das Mecklenburg der DDR an erster Stelle. Denn die DDR ist das fehlende Bindeglied zwischen Germanen und Slawen. Die DDR ist dieser verlorene Stamm – germanisch oder slawisch – niemand wird das je entscheiden. Die DDR ist der Moment, wo die Deutschen ein bißchen von ihrem Sockel runterkommen. […]

Denn eigentlich hätte die DDR die Brücke zwischen Ost und West bleiben sollen. Zwischen Rom und Byzanz. Dort habe ich wirklich Freunde gefunden. Später kamen sie uns sogar besuchen und waren keineswegs verklemmt. Wenn Leute aus dem richtigen Westen zu uns kommen, dann kontrollieren sie die ganze Zeit unauffällig, ob sie sich an irgendwas schmutzig gemacht haben. Die aus der DDR nicht. Sie benehmen sich so ein bißchen wie gehemmte Slawen. Man sieht, daß sie gern aus sich herausgehen würden, aber irgendwas hält sie zurück. Sie sind innerlich zerrissen. Wirklich tief zerrissen. Wie die Rumänen zwischen Paris und Konstantinopel. Wie die Polen, auch zwischen Paris, und leider wohl Moskau. Mindestens aber zwischen Berlin und Kiew. Aber die Zerrissenheit der DDR reicht bestimmt tiefer. Ich selbst bin zerrissen, deshalb mag ich die DDR und all ihre Namen: Gützkow, Gribow, Postlow, Pelsin und so weiter. Das Slawische, der Kommunismus, ein bißchen schlechteres Essen und billigere Kosmetika, das sind dann doch Elemente, die das Menschsein befördern.“

Andrzej Stasiuk: Dojczland, Frankfurt am Main 2016 (1. Auflage 2008), Übersetzung von Olaf Kühl, S. 47–49.

Tagebuch Samstag, 18. Januar 2020 – Fünf gute Minuten

Ausgeschlafen aka zwei Minuten vor dem Werktagswecker um 6.58 Uhr aufgewacht. Auch gut. Aufs Klo gegangen, alle Jalousien hochgezogen, damit meine Pflanzen Licht kriegen, und noch ein Stündchen verdöst.

Fürs Frühstück einen Granatapfel entkernt und die Hälfte mit Schokomüsli genossen. Gebloggt, eine Folge Sex Education, auf der virtuellen Farm rumgegammelt, dann ein neues Buch angefangen.

Um kurz vor eins zum einzigen Tagesordnungspunkt aufgebrochen: Die Bundesliga startete in ihr neues Jahr, Augsburg empfing Dortmund und wir erhofften nicht mehr als bitte nicht vom Platz geschossen zu werden.

Nach der ersten Halbzeit, die zwar etwas bemüht, aber durchaus diszipliniert war, führte Augsburg mit 1:0. Das zählte quasi nicht, denn es kamen ja noch 45 Minuten, aber wir waren gut gelaunt. Auch weil das Wetter fast genauso spannend war wie das Spiel.

Ich war mit allen Lagen bekleidet, die ich so im Stadion trage und hatte dazu noch Decke und Mütze dabei; normalerweise reicht meine Jackenkapuze, aber wenn’s richtig kalt ist, möchte ich auch noch eine Mütze. Es waren Regen und 4 Grad angesagt, aber auf dem Weg von der Tram zum Stadion strahlte ein blauer Himmel und die Sonne blendete uns. Das konnten wir nicht genießen, sondern quengelten, dass wir weder Caps noch Sonnenbrille dabei hatten, denn wer sollte denn sowas ahnen.

In den ersten 20 Minuten blendete die Sonne weiter, ich zog meine Kapuze ins Gesicht, hatte aber den Schal locker und brauchte nicht mal Handschuhe. Dann zog der Himmel gefühlt in drei Minuten komplett zu, aus dem hellen wolkenlosen Blau wurde eine einzige dunkelgraue Front, und es begann zu schneien. Das 1:0 fiel, ich zog meine Handschuhe an und die Decke tiefer über die Knie und twitterte ein Schneelied.

In der Halbzeit hörte es auf zu schneien, der Himmel wurde wieder hell, der Abend zog auf, das Flutlicht ging an, direkt nach dem Halbzeitpfiff stand es 2:0, dann plötzlich 3:1, wir wagten irrwitzigerweise zu hoffen, aber fünf Minuten später hieß es 3:3, dann ging alles seinen erwarteten Gang, Augsburg verlor mit 3:5, aber wir hatten eine gute erste Halbzeit und fünf sehr schöne Minuten in der zweiten.

Und der Himmel war toll.

Abends noch ein Viertel des Granatapfels in eine Schüssel geworfen, dazu Couscous, eine Schalotte (keine rote Zwiebel im Haus), eine Paprika, Walnüsse, Minze, Petersilie, ein bisschen Ras-el-hanout, das ich gerade über alles werfen möchte, Dressing aus Apfelessig und Olivenöl und einen dicken Klecks Jogurt obendrauf. Festessen.

Von F. dabei helfen lassen, bei der Spelling Bee wieder zu Genius zu kommen. Das hatte ich in den vergangenen Tagen immer alleine hingekriegt, aber gestern leider nicht.

Gemeinsam eingeschlafen.

Der C12 hatte am Donnerstag einen Abend mit nepalesischen Gastarbeitern in Katar organisiert, die über ihre Situation im Land sprachen. Das ist für engagierte FC-Bayern-Fans durchaus ein Thema, denn der FCB wird von Qatar Airways gesponsort und hält im Land seit einigen Jahren sein Wintertrainingslager ab. Die SZ berichtete, genau wie der Deutschlandfunk, der auch ein gutes Argument hatte für die Fans, die nicht wissen, wie sie gegen diesen Quatsch protestieren sollen: mal nicht das neue Trikot kaufen, auf dem der Sponsorenname steht. Da ansetzen, wo es den Verein interessiert: beim Geld.

Tagebuch Freitag, 17. Januar 2020 – „Die Toten“

Ich wartete weiterhin auf elf Einheiten im Staatsarchiv, aber dieses Mal war ich clever und rief im Lesesaal an, anstatt blind vertrauend hinzufahren. Nölig musste ich hören, dass nichts für mich im Fach lag, weswegen ich meine eigentlich geplante Abendbeschäftigung vorzog und erstmal ewig die Serien vom Donnerstag wegguckte, die nachts in diesem Interweb aufgelaufen waren. (The Good Place! Ich vermisse dich kurz vor Schluss schon sehr schlimm.)

Bis Ende Januar habe ich noch Netflix, also bingte ich Grace and Frankie und freute mich darüber, dass es anscheinend noch eine weitere Staffel geben wird, für die ich dann wieder elf Euro im Monat ausgeben werde. Außerdem nahm ich noch die erste Folge der zweiten Staffel von Sex Education mit, einer der wenigen Serien, bei denen ich sehr oft lauthals lachend vor dem Laptop sitze. Hier hat es nicht mal drei Minuten bis zum ersten Lachanfall gedauert, was mich auf eine gute Staffel hoffen lässt.

Dann setzte ich mich doch brav an den Schreibtisch, hatte aber keine großen Erleuchtungen, sondern las nur Korrektur und aktualisierte meine lange To-Do- und die inzwischen ähnlich lange Done-Liste, in denen ich unter anderem vermerke, welche Archivbestände ich wo schon eingesehen habe.

Spiegelei, saure Gurken aus dem Glas, Sesambrot, Ritter Sport Vollmilch, zwei Liter Tee.

Den Rest des Tages verbrachte ich damit, Christian Krachts Die Toten in einem Rutsch durchzulesen und saß danach, wie immer bei Kracht, erstmal ein paar Stunden lang stumm rum.

„Und Nägeli, der einerseits Hugenbergs zweihunderttausend magische Dollar vor sich leuchten sieht (die leider an die Auflage gekoppelt sind, er müsse Heinz Rühmann besetzen) und andererseits die gigantische Ironie dieser Idee ganz und gar wunderbar findet, lacht, pustet Rauch deckenwärts, und es ist die ersehnte Befreiung. Er habe die ganze Zeit gedacht, der blonde Süßholzraspler komme ihm nicht vor die Kamera, und ja, das sei genau die Idee, die er seit Monaten suche; er werde einen Gruselfilm drehen, man müsse es der UFA nur auf irgendeine Weise schmackhaft machen, er werde Rühmann einfach nicht mehr erwähnen, ja, er werde nach Japan fahren und dort drehen, er sei ja, so habe er Hugenberg vorhin verstanden, dazu eingeladen, alles werde bezahlt. Und es sei doch ganz evident: der Untote im Film müsse ein gutaussehender, schlanker Asiate sein, also exakt das Gegenteil vom Heinz Rühmann.

Ja, man müsse lediglich groß denken, alles andere komme von ganz alleine, gluckst Lotte Eisner, eine weitere Flasche Champagner öffnend, und Kracauer, der zum Eierpochieren hinüber in die Küche gewandert ist, ruft herüber, Mensch, ja, es könne doch auch eine Frau die Untote geben, eine Asiatin, Anna May Wong zum Beispiel, dann sei man Rühmann endgültig los. Die Eier sind ihm mißglückt, so schlägt er ein weiteres halbes Dutzend einfach in die Bratpfanne und trägt binnen kürzester Zeit munter die Internationale pfeifend die Omelette in den Salon hinein. […]

Lotte und Siegfried steigen am späten Nachmittag am Lehrter Bahnhof in den Nachtzug nach Paris, zwei oder drei Koffer kommen mit, darin die beiden aufgerollen, kleinen Kandinskys, ein paar Bücher, das leinene lange Nachthemd von Kracauers Großmutter, getrocknete Blumen, Zigaretten, Zahnbürsten. Ein mit Gummiband umwickeltes Dollarbündel steckt in Lottes Strumpfhose.

Im sich verdunkelnden Speisewagen nehmen sie Abschied von ihrem Deutschland und trinken Süßmost und sprechen nicht über die gerade zerfetzende Erinnerung. […] Am Tisch gegenüber, jenseits des Ganges, sitzt nun plötzlich: Fritz Lang, der mit einer Kopie von Das Testament des Dr. Mabuse im Gepäck ebenfalls ins Pariser Exil unterwegs ist, als habe sich das ein müder Halbgott genauso ausgedacht – da sitzt also Lang gelbbeschalt im selben Zug, im selben Speisewagen sogar, und alles scheint wie ein Neuanfang ob dieser Fügung. Man setzt sich sogleich zueinander, steckt die Köpfe zusammen, raucht, ruft nach zwei Flaschen Rotwein, nach Salzgebäck, Gürkchen, Silberzwiebeln, wenn sie welche da hätten. […]

Lotte und Siegfried rutschen während dieser trunkenen Flammenrede auf den Stühlen hin und her, es ist fast nicht auszuhalten. Sie ahnen nichts davon, daß Lang noch ein ganzes folgendes Jahr hin- und herkutschieren wird zwischen Paris und Berlin, ein vorsichtiges Austarieren, ob da nicht vielleicht doch noch etwas zu machen sei mit der UFA.

Also lächeln sie Lang tapfer und mitfühlend an, es gibt ja weiß Gott Schlimmeres als diese vorübergehende, der übereilten Flucht geschuldete geistige Zerrüttung. Der Speisewagenkellner hat sich irgendwo versteckt, es gibt keinen Wein mehr, und nach einer Weile weiteren Geplänkels, in der sicher nicht über Opportunismus gesprochen wird, erreichen sie ruckelnd die ersten trüb erhellten Vororte von Paris, drei Deutsche ohne Deutschland.“

(Christian Kracht: Die Toten, Frankfurt am Main 2018, S. 121, 134/135 und 139.)

Tagebuch Donnerstag, 16. Januar 2020 – Jetzt bloß nicht im Lesesaal heulen

Gemeinsam aufgewacht, getrennt voneinander den Tag begonnen, wie so oft. Während der Herr noch wach wird, habe ich schon geduscht, Kaffee gemacht, das Geschirr von gestern abend verräumt und gebloggt. Danach fuhr ich mal wieder ins Hauptstaatsarchiv, wo ich eigentlich auf 15 Einheiten hoffte, aber es lagen nur lausige vier für mich bereit.

Ich wühlte mich also seufzend durch die Bestände der Bayerischen Staatsgemäldesammlungen. Zunächst blätterte ich einen Order mit Nachlässen durch, wo ich noch wenige, aber spannende Details zu einigen von Protzens Werken fand – unter anderem, dass einige von ihnen bewusst vernichtet wurden. Leider nicht welche oder wieviele. Gna. Das ist auch noch einer meiner Knackpunkte – ich weiß von ungefähr der Hälfte seiner mir bekannten Werke nicht, wo sie heute sind. Auch nicht, wo alle Autobahnen sind. Immerhin habe ich mich gestern selbst davon überzeugt, dass es 28 Gemälde sind und nicht 29. Könnt ihr (hoffentlich) nächstes Jahr selbst nachlesen, warum das so ist.

Dann blätterte ich in Korrespondenz zu Ausstellungen, die 1976 stattgefunden hatten. Dabei stieß ich auf eine zum grafischen Werk von Marino Marini, für die die Gemäldesammlung 14 Leute zu einem kleinen Dinner im Hotel Vier Jahreszeiten eingeladen hatte, und dafür übersandte das Hotel jetzt drei Seiten Menüvorschläge. Ich hatte spontan Lust auf die Avocado norwegische Art, was auch immer das gewesen ist, sowie die Kalbsmedaillons Marie Chantal. Den dritten Ordner habe ich schon wieder vergessen, da war nichts für mich drin. Und dann kam Ordner Nummer 4.

Den hatte ich mir nur zum Vergnügen, haha, rauslegen lassen, denn in ihm ging es um die Bestände der Staatsgemäldesammlungen am Central Collecting Point in München. Ich hoffte ein bisschen auf Zufall und miese Ablage und daher etwas zu Protzen, aber wenn man auf Schlampigkeit hofft, haben natürlich alle wieder vernünftig gearbeitet. Jedenfalls lagen in diesem alten Ding gefühlt hundert hauchdünne Durchschlagspapiere, auf denen die jeweiligen deutschen Konservatoren der US Army bestätigten, welches Kunstwerk sie gerade entgegen genommen hatten, um es im weitgehend unzerstörten Haus der Kunst fotografieren zu lassen.

Die Archivalien durfte ich nicht fotografieren (andere schon), aber eine Seite habe ich mir mal abgeschrieben:

„Office of Military Government for Bavaria
Economics Division
Munich, Germany. APO 407, US Army

Receipt

25 March 1948

I have received this date from the custody of the Central Collection Point Munich the following listed paintings:

– Mun. No. 18181 Dürer Paumgartner Altar
– Mun. No. 18148 Holbein d. Ä. Verkündigung an Maria
– Mun. No. 28006 Cranach d. Ä. Christus am Kreuz

Items will be returned after photographs have been made in the Haus der Kunst.

Dr. K. Röthel
Konservator an den Bayerischen Staatsgemäldesammlungen“

Das war jetzt weder ein Teil des äußeren Restitutionsprozesses, wo aus anderen Ländern geraubte Kunst zurückgegeben wurde, noch einer des inneren, wo „an Personen, die ‚aus Gründen der Rasse, Religion, Nationalität, Weltanschauung oder politischer Gegnerschaft gegen den Nationalsozialismus‘ beraubt worden waren, Kunstgegenstände zurückgegeben wurden, Zitat aus dem obigen Link, der nicht zur Wikipedia geht. Es war einfach nur ein Vorgang, wo wegen der Kriegsumstände ausgelagerte Besitztümer der Staatsgemäldesammlungen aus den süddeutschen und österreichischen Stollen oder provisorischen Lagerstätten zurück nach München kamen und registriert wurden, um irgendwann erneut in der wieder aufgebauten Alten Pinakothek zu hängen.

Daher weiß ich nicht genau, warum mich diese Schreiben so angefasst haben. Vielleicht weil ich schlicht zum ersten Mal Originaldokumente aus dem CCP in der Hand hatte, von dem ich vor dem Studium nie gehört hatte, aber der seitdem dauernd in meinem Hinterkopf ist, denn das Zentralinstitut für Kunstgeschichte ist heute in einem der beiden Gebäude untergebracht. Die Bibliothek, die ich so liebe, sieht heute noch fast genauso aus wie auf den Fotos im verlinkten Artikel. Mir ist bei jedem Besuch klar, in welchem Haus ich sitze. Meistens denke ich allerdings eher daran, dass ich in einem ehemaligen Nazibau arbeite, weil ich das natürlich noch mehr im Hinterkopf habe.

Aber die Arbeit der „Monuments Men“ (und Women) und des Alliierten Kunstschutzes beeindruckt mich dann doch immer wieder. Gerade die US-Armee hätte das Deutsche Reich locker zu Klump bomben können, aber stattdessen haben die Air-Force-Piloten Listen mitgenommen, auf denen steht, welche Kirche und welches Schloss sie bitte verschonen sollen, die wären kunsthistorisch wichtig, möglichst dran vorbeiwerfen, please. Jedesmal, wenn ich auf die USA pissig bin, denke ich an diese Leistung, und bin ein bisschen weniger pissig. Und gestern hatte ich halt zum ersten Mal ein Dokument in den Händen, auf denen was von US Army stand, hielt einfach mal inne und ließ mich ein bisschen vom Hauch der Geschichte umwehen. Mache ich ja eigentlich mit jeder Akte, die ich in jedem Archiv in der Hand habe, weswegen ich auch noch nicht so genau weiß, warum mich das gestern etwas mehr beeindruckt hat als all die anderen staubigen Unterlagen, die ich schon durchgewühlt habe. Vielleicht weil ich ganz simpel mindestens ein Kunstwerk vor Augen hatte, an dem ich schon hundertmal in der Alten Pinakothek vorbeigelaufen bin. Das steht da einfach rum. Das ist, und das muss man sich vielleicht ab und zu mal in jedem Museum sagen, keine Selbstverständlichkeit.

Viel zu früh Feierabend gemacht, daher zuhause weiter am Schreibtisch gesessen. Aber erstmal eine Riesenportion Möhrensalat gegessen mit einem wilden Dressing aus Honig, Ingwer, Knoblauch, Sojasauce, Reisweinessig, dunklem Sesamöl und Olivenöl. Hervorragend! Die Schüssel wurde leer, Dressing blieb übrig – also gab’s abends einfach nochmal Möhren und Gurken darin. Außerdem eine Runde Käse mit Quittengelee und einem Scheibchen meines derzeitigen Lieblingsbrots (da ist Sesam drin, Sesam ist immer gut). Eigentlich hätte ich Lust auf einen Rotwein gehabt, aber alleine wollte ich keine Flasche öffnen.

Nachmittags diverse Archive wegen Zeug angemailt. Langsam nähere ich mich dem Ende des Werkverzeichnisses, und es sind immer noch Wissenslücken da, die ich nicht füllen kann. Außerdem Quellen und Forschungsstand mal wieder umformuliert nach den neuen Erkenntnissen aus dem Staatsarchiv. Mir ist wieder einmal bewusst geworden, dass das Wichtigste, was ich im Studium gelernt habe, das sogenannte „ergebnisoffene Forschen“ ist. Momentan bin ich in der Position, genau das Gegenteil von dem zu behaupten, mit dem ich die Diss angefangen habe. Aber jetzt kann ich diese Position begründen.

Tagebuch Mittwoch, 15. Januar 2020 – Bildbeschreibungen

Home Office gemacht, weil ich endlich zu Grundlegendem gekommen bin. In meiner Diss wühle ich mich chronologisch durch das Werkverzeichnis des Künstlers, beschreibe aber um Gottes Willen nicht jedes Bild, sondern nur die, die ich für wichtig halte. Oder die eben sein müssen wie die 28 oder 29 Autobahnbilder, denn die stehen im Fokus der Arbeit.

Mir geht es eher um eine historische Einordnung Protzens, sein künstlerisches Œuvre bleibt ein wenig zurück. Das ist mir auch schon bei unserem Rosenheim-Katalog aufgefallen, dass meine Mitkommiliton*innen mehr Bildbeschreibungen in ihren Texten hatten, aber ich dafür 800 Archivfußnoten. Auch in der Diss habe ich mich erst um das historische Gerüst gekümmert und die Bilder einen Hauch vernachlässigt. Ich habe sie da beschrieben, wo es sein musste, mich aber um gerade die Autobahnen ein bisschen gedrückt, weil ich wusste, wie viel das ist. Und ehe ich sie beschreibe, wollte ich sie vernünftig einordnen können. Ich behaupte, dass ich das jetzt in Ansätzen kann, und daher saß ich gestern den ganzen Tag zuhause und beschrieb Autobahnbilder. Irgendwann war ich dann am Punkt angekommen, in jeden Absatz reinschreiben zu wollen: „Wenn sich der Maler hier einen Hauch zusammengerissen oder mehr Talent gehabt hätte, hätte das ein okayes Bild werden können.“ Hat er aber nicht und deswegen gucke ich auf 28 oder 29 mittelmäßige Kunstwerke. Aber das wusste ich ja vorher.

Zwischendurch ein bisschen Gemüse gekauft und auf ein Backblech geworfen.

Ich lasse mal ein paar Links hier, die ich alle noch nicht durchgehört oder -gelesen habe, aber sonst vergammeln sie in meinen Twitter-Herzchen.

– Der Klang der NS-Zeit – Originaltöne aus München 1933–1945

Ein Hinweis einer Leserin, man dankt.

– Die vergessenen Drei

Ein Audible-Podcast über Menschen in der Geschichte, die anscheinend nicht in jedem Geschichtsbuch stehen.

– Ian McKellens Blog über die Dreharbeiten zu „Lord of the Rings“

Was da steht.

Was schön war, Dienstag, 14. Januar 2020 – Meilensteinchen und Möhren

Gestern war Stabi-Tag. Leider per Bus und nicht per Fahrrad, denn das hatte überraschend einen platten Vorderreifen, ich keine Lust zum Aufpumpen und daher fuhr ich per Bus ins Paradies. In meinem Lesesaalfach warteten alle Kataloge der Großen Deutschen Kunstausstellung auf mich, die irritierenderweise nicht im Zentralinstitut für Kunstgeschichte stehen. Die kann man natürlich auch online durchblättern, aber wenn mich etwas wahnsinnig macht, dann Bücher zum digitalen Durchblättern, bei denen das Blättern viel länger dauert als das in Papierform, wo man deutlich komfortabler mal eben zum Buchstaben P wie Protzen kommt.

Kleine Anmerkung zu den Ergänzungsbänden im Link: Die Kunstwerke der GDK wurden nach einigen Monaten ausgetauscht bzw. einige wurden entnommen und durch andere ersetzt. Das Ganze war eine Verkaufsschau, und daher war neue Ware immer super. Deswegen gab es Ergänzungskataloge. Und noch eine Anmerkung zum Wikipedia-Artikel, an den ich mich irgendwann mal ransetzen werde: Die drei Zeilen zu von Hitler angekauften Werken kann man total knicken. Hitler bzw. NS-Organisationen waren die größten Käufer der Ausstellung und machten dafür auch richtig Geld locker, deswegen wollten die Künstler dort ja ausstellen – die Chance zu verkaufen, war recht hoch, und da die Künstler die Preise selbst festlegen durften, waren die Erlöse auch deutlich höher als auf anderen Ausstellungen. Nochmal zum Wiki-Eintrag: Sätze wie „Der ‚Führer‘ und Reichskanzler kaufte mehrere Werke während der Ausstellung an“ sind eher albern, weil sie die Größenordnung verkennen. Hitler hatte Vorkaufsrecht vor Ausstellungsbeginn und kaufte zwischen 1937 und 1944 1324 Exponate im Wert von 6,8 Millionen RM. (Quelle: Brantl, Sabine: Haus der Kunst, München. Ein Ort und seine Geschichte im Nationalsozialismus, München 2015, 2. vollständig überarbeitete und verbesserte Auflage, S. 102.)

Zurück in die Stabi und zu den Originalkatalogen, in denen ich jetzt guckte, wer denn in welchem Jahr zwischen 1937 und 1944 was zum Thema Autobahn gemalt hatte. Das kann ich natürlich auch online machen – Stichwortsuche „Autobahn“ –, aber ich gucke halt lieber nochmal selbst. Und ich fand auch eine Lücke in meiner liebsten Datenbank. Ausgerechnet das Bild „Limburg“ von Oskar Graf, das neben Protzens „Straßen des Führers“ in Frankfurt 1974 hing, in der ersten großen Ausstellung von sogenannter NS-Kunst in der Bundesrepublik, war nicht mit „Autobahn“ getaggt. Und für sowas blättert man halt Kataloge durch.

Das dauerte alles ewig lange, totale Überraschung, und ich jammerte F. per DM voll, mimimi, lange, viel, worauf der kleine Schlaumeier kommentierte: „Sonst hätte sie ja Kleine Deutsche Kunstausstellung geheißen.“ Mpf.

(Mimimi: 1941 – 1889 Kunstwerke! MI! MI! MI!)

Genau wegen Katalogen mit eintausendachthundertneunundachtzig Kunstwerken (PLUS ERGÄNZUNGSKATALOG!) hatte ich mich bis jetzt um die GDK gedrückt. Die arbeitete ich jetzt aber ab, machte gegen 14 Uhr Mittagspause und fuhr nach Hause.

Dort kochte ich dieses Rezept von Julia nach, allerdings ohne Granatapfel und Minze und noch irgendwas fehlte auch, also im Prinzip gab es bei mir Linsen, mit Thymian und Lorbeerblatt gekocht und mit Apfelessig und Zitronensaft abgeschmeckt, und dazu herrliche Ofenkarotten, die ich in Ras-el-Hanout gewälzt hatte. Die schmorte ich aus Versehen deutlich länger als ich sonst Möhren im Ofen lasse, denn eigentlich mag ich sie bissfest, aber so mummelig weich und toll gewürzt werde ich sie jetzt öfter machen. Das Foto, was ich gestern auf Insta postete, finde ich heute doof, und deswegen steht es hier auch nicht.

Den restlichen Nachmittag verbrachte ich wieder am Schreibtisch, nutzte nun die digitalen Ergänzungskataloge, denn die hatten wir leider nicht auf Papier in der Stabi, und schaffte es bis gegen 20 Uhr bis ins Jahr 1944.

Mir fehlen jetzt noch ein paar Ausstellungen, zu denen ich in München keine Kataloge gefunden habe, daher kommt nun eine Fernleihebestellung, die ich bewusst bis zum Ende aufgehoben hatte. Die landet nämlich im Lesesaal der Uni-Bibliothek, der von allen Lesesälen am langweiligsten, altmodischsten sowie luft- und akustikunfreundlichsten ist und daher meide ich ihn, wo ich kann.

Dann fehlen mir noch Informationen zu einigen Anmerkungen Protzens im Werkverzeichnis – ich weiß immer noch nicht, welche Ausstellung er mit „38 Wien“ gemeint hat zum Beispiel. Darüber grübele ich noch ein bisschen, aber wenn diese Lücken auch geschlossen sind, habe ich endlich alle Ausstellungen bis zum Ende der NS-Zeit aufgearbeitet, also nicht nur notiert, sondern eingeordnet, Kontext geschaffen, das Werk erläutert, und das ist ein kleines Meilensteinchen. Die Ausstellungen von 1945 bis 1956, seinem Todesjahr, sind mir weitaus egaler und die werde ich auch etwas stiefmütterlicher – aka kürzer – behandeln als die von vor 1945.

Abends zwei Folgen „Chef’s Table“ geguckt und dabei einen Metzger aus Italien kennengelernt, der from nose to tail arbeitet. Das ist ja eine gute und richtige Idee, auch dass der Mann in seinem kleinen Restaurant den Leuten nicht nur Steaks serviert, sondern gegessen wird, was auf den Tisch kommt, und das sind dann eben auch Kopf und Arsch vom Rind, aber bei mir blieb nach der Folge eher hängen: Ehe ich das esse, esse ich lieber Linsen mit Möhren.

Was schön war, Montag, 13. Januar 2020 – Repertorium

Erstmal gegoogelt, was überhaupt ein Repertorium ist.

Morgens konnte ich nicht gleich ins Archiv fahren, weil die freundlichen Heizungsableser für zwei Minuten durch meine Wohnung mussten. Die Wartezeit bis zu ihrem Erscheinen vertrieb ich mir in der Findmitteldatenbank des Bayerischen Hauptstaatsarchivs, wo ich mir gnadenlose 43 Aktenbestände raussuchte, in die ich reingucken möchte. Es stand nirgends, wieviele ich auf einmal anfordern durfte, daher schickte ich die Mail mit der langen Liste noch nicht ab.

Die Heizungsjungs waren da, checkten Heizkörper und Rauchmelder, schönen Tach noch, Abfahrt zum Archiv.

Dort ging ich erstmal nach nebenan ins Staatsarchiv München, wo auch noch zwei Akten für mich lagen. Die gaben Stoff für vier Sätze her, leider nicht mehr, aber beim Rausgehen traf ich den Archivar, der mich nächste Woche zur Autobahndirektion begleitet, wo angeblich vier Protzens rumliegen. Dachte ich jedenfalls. „Frau Gröner – da liegen nicht nur vier, sondern sechs Protzens. Und die Behörde [irgendwas, verdammtes Bairisch] hat auch noch einen. Ach, und eine Dame von der Zeitung begleitet uns. Pfüati!“

Ja gut dann.

Sehr beschwingt ging ich zu den Nachbarn, schloss Rucksack und Jacke ein und ging ins Repertorienzimmer, von dem ich ja nun endlich wusste, was das überhaupt ist. Bisher hatte ich da nur meinen Ausweis ausgestellt bekommen, aber ich ahnte, dass die vielen, vielen Bände in den vielen, vielen Regalen wohl auch noch irgendeine Funktion hatten.

Hatten sie, und ich kam genau ins richtige Zimmer. Man drückte mir auf Nachfrage einen dicken Ordner in die Hand, der das Findmittelbuch zu den Beständen der Bayerischen Staatsgemäldesammlungen war. Online war ich nämlich nicht so recht fündig geworden, also dachte ich, gehste halt hin und stellst dich dumm. Als ich das Findmittelbuch in der Hand hatte, ahnte ich auch, warum ich online nicht das gefunden hatte, nach dem ich per Stichwort gesucht hatte; es versteckt sich vermutlich in einem anderen Bestand, den ich mal auf gut Glück bestellte. Wie schon bei den Beständen vom ehemaligen Haus der Deutschen Kunst fällt es mir leichter, einen Papierstapel durchzugucken und jede Position anzuschauen, denn dabei entdecke ich persönlich oft Dinge, von denen ich gar nicht wusste, dass sie da sind. Daher verstehe ich nicht, wieso dieses Findmittel nicht einfach als PDF online steht und so noch eine zweite Methode des Suchens ermöglicht. In einigen Archiven habe ich das schon gesehen. (Oder es steht online und ich war zu doof, es zu finden. Auch eine Möglichkeit.)

Diese Bestände der Staatsgemäldesammlung sind für mich wichtig, weil ich noch mehr über die Gedächtnisausstellung von Protzen und seiner Gattin 1976 herausfinden will, was vielleicht nicht im Archiv des Lenbachhauses gelegen hat, das ich ja schon im vorletzten Jahr durchwühlen durfte. (Time flies when you’re having fun.) Ich blätterte gefühlt 30 Minuten, so viel gab es da, was man theoretisch einfach so angucken darf. Von Personalakten über, da muss ich dringend reingucken, „Wünsche des Aufsichtspersonals“ von 1918 zu Akten über Kunstfälschungen und übler Nachrede, zu stattgefundenen Ausstellungen (a-HA!), zu nicht stattgefundenen Ausstellungen (totale Neugierde!), man kann Bewerbungsschreiben durchblättern und Korrespondenz, und natürlich finden sich einige Akten zum Umgang mit Kunst im „Dritten Reich“, zu den Beständen der Häuser zu Kriegszeiten (die teilweise eingelagert waren) und auch ein bisschen was zum Central Collecting Point in München. Von einigen Werken Protzens weiß ich, dass sie da waren, und jetzt gucke ich mal, ob ich noch mehr finde.

Ich füllte einen Bestellschein über bescheidene vier Einheiten aus, gab ihn ab und fragte dann nach den 43 online ausgeguckten Beständen. Mir wurde gesagt, dass man pro Tag nicht mehr als 15 Einheiten bestellen könnte, daher bestellte ich zuhause einfach noch elf nach, dann passt das für morgen oder übermorgen.

(PS: Ein Bestand von 1946 bei den Gemäldesammlungen trug den Titel „Belegung von Räumen durch Flüchtlinge.“ Ich lasse das mal so stehen.)

Am 7. März ist Tag der Archive, wie ich gestern per Twitter erfuhr; vielleicht doch ganz gut, dass ich der Plattform noch nicht ganz entsagt habe. Das Programm der Münchner Archive sieht sehr vielversprechend aus.

Vorgestern hatte ich mal wieder ein, zwei Folgen Chef’s Table auf Netflix geguckt, weswegen ich gestern keine Lust auf Nudeln oder Käsebrot hatte, sondern dringend was Anständiges kochen wollte. Verdammt, ist diese Sendung beflügelnd! Ich konnte mich nicht entscheiden, welche der jeweils unterschiedlichen Titelsequenzen ich verlinke; hier die zur fünften Staffel, alleine für das Schlussbild. Wobei: Dafür könnte ich auch die der zweiten Staffel nehmen.

Ich ließ mich zum Elisabethmarkt fahren, wo ich am Biostand zwei dicke Handvoll bunte Karotten kaufte, Thymian, Spitzpaprika und eine Gurke. Im Supermarkt holte ich dann noch Kalbsfond, und damit konnte ich dieses schöne Rezept mal wieder machen (und dort zwei Bilder ergänzen).

Das Licht gestern in der Küche gegen halb zwei war der Kracher. #nofilter #iPhone6

Den restlichen Nachmittag am Schreibtisch verbracht und mich nebenbei über Feedback auf unseren Podcast/meinen Blogeintrag gefreut. Abendbrot: der übriggebliebene Walnussschaum mit leckerem Brot aufgestippt und zwei Äpfel. Guter Tag.

Fehlfarben 25: Die Fäden der Moderne / Innenleben

Felix und Florian meinten nach der Aufnahme, dass sie sich alle Kalauer verkniffen hätten. Dann haue ich die jetzt raus: „Willkommen zum Inneneinrichtungspodast Fehlfarben. Bitte verlieren Sie nicht den Faden!“


Podcast herunterladen (MP3-Direktlink, 85 MB, 105 min), abonnieren (RSS-Feed für den Podcatcher eurer Wahl), via iTunes anhören.

00.00:00. Begrüßung und Vorstellung.

00.00:45. Blindverkostung Wein 1. Heute haben wir drei hundertprozentige Monastrells im Glas, die uns alle schon vom Duft betrunken machen.

00.03:30. Die erste Ausstellung: Die Fäden der Moderne in der Hypo-Kunsthalle. In der Ausstellung gibt es Wandteppiche und ein paar ausgesuchte Möbel mit gewebten Polstern zu sehen, was sich erstmal total langweilig anhört. Überraschung: ist es aber nicht, ganz im Gegenteil.

Ich hatte das Pech, bei meinem Besuch anfangs zwischen zwei Führungen zerrieben zu werden: Als ich reinkam, war gerade im ersten Raum ein leutseliger älterer Herr, der eine ebenso leutselige Gruppe herumführte. Das war nicht so richtig Frontalunterricht, mehr ein lustiger Dialog, wie man ihn bei Kegelgruppen in Fernreisezügen antrifft; es hätte mich nicht gewundert, wenn ein paar Kleine Feiglinge rumgegangen wären. Der Bilderklärer meinte auch jedesmal, wenn ich ihn wieder im Ohr hatte, dass er ein bisschen leiser sprechen müsse, sonst würde sich wieder jemand beschweren. ZU RECHT, HASE!

Ich ging also zuerst in den zweiten Raum, staunte sehr, dann in den dritten, staunte noch mehr, und dann hatten die Redseligen mich eingeholt, weswegen ich wieder in den ersten Raum ging. Dort wartete allerdings schon die zweite Führung, die immerhin leiser und deutlich kunsthistorischer war. Trotzdem konnte ich mich weder auf Wandtexte noch auf die Teppiche konzentrieren, war kurz davor, einen Kaffee trinken zu gehen und 30 Minuten später wiederzukommen, war dann aber bockig. Lerneffekt für den nächsten Ausstellungsbesuch: Noise-Cancelling-Kopfhörer einstecken!

Die Ausstellung hatte mich eh schon im ersten Raum. Neben einigen Stücken in älterem Design hing dort ein Teppich, der in der Zeit zwischen 2005 und 2015 hergestellt wurde. Ich weiß leider nicht mehr, ob das die Webzeit war oder Entwurfszeitpunkt und Ende der Arbeiten, aber schon das konnte mir klarmachen, wie irre lange es dauerte, ein derartiges Stück anzufertigen. Der Teppich von Michel Aubry zeigte den Hartmannswillerkopf im Elsass, eins der Schlachtfelder des Ersten Weltkriegs – teils als gewebte, grüngelbliche Satellitenaufsicht, teils als wieder nutzbare Fläche in blau, teils als immer noch zerstörtes Erdreich in rot. Das fand ich sehr spannend: ein politisches, immer noch aktuelles Thema mit einer derart alten Kunsttechnik darzustellen.

In Raum 3 hing ein Zyklus von Jean Lurçat, der die vier Jahreszeiten abbildete. Die Entwürfe stammten von 1940, und gerade im Kontrast mit dem detailreichen Jugendstil im Raum vorher, erstaunte mich hier die Schlichtheit der Darstellung. Dort blieb ich ewig sitzen, bis die Rentner an mir vorbeiwaren. Die andere Führung rückte nicht nach, also besichtigte ich im Schnelldurchgang den nächsten Raum, der ausgerechnet Nazikram zeigte, übersprang dann einen kompletten Raum und hatte danach endlich Ruhe.

Der Nazikram stammte von Werner Peiner, der zwei seiner Entwürfe als Wandteppich für Görings Carinhall ausführen ließ. Die Teppiche in der Ausstellung stammen alle aus der vom französischen Staat geförderten Pariser Manufacture des Gobelins. Im besetzten Frankreich arbeitete sie notgedrungen auch für deutsche Auftraggeber, ließ die Protzteppiche aber liegen, sobald die Deutschen wieder wegwaren. Ich erwähne im Podcast, dass Peiner nicht immer ganz so grobschlächtig malte, ohne damit eine Lanze für seine Kunst brechen zu wollen. In der German Art Gallery kann man unter anderem sein Bild „Deutsche Erde“ in Farbe sehen, das zu seinen bekanntesten gehört. Dort sind auch die beiden Wandteppiche zu sehen, die jetzt gerade in München sind.

Wie gesagt, über den Raum danach kann ich nichts sagen; im Podcast wird aber dankenswerterweise ein Matisse erwähnt, der dort hängt. Aber danach kam eh der tollste Raum, denn der war mal richtig groß. Endlich hatte man Platz, ein paar Meter zurückzugehen, denn die großformatigen Tapisserien wirken natürlich auch, wenn man zehn Meter weit weg steht. Hier verliebte ich mich in Miró, mit dem ich auf Papier oder Leinwand überhaupt nichts anfangen kann, entdeckte Le Corbusier neu, den ich bisher nur als Architekten auf dem Schirm hatte, und war begeistert von einem Werk Légers. Ich kam im Podcast gar nicht dazu, es zu beschreiben, weil wir so irre viel zu sagen hatten.

Der zweittollste Raum zeigte dann unter anderem ein Werk von Alicia Penalba, die mir vorher kein Begriff war. Was für ein Versäumnis! Von der Dame muss ich jetzt alles durchblättern, was bei uns im Zentralinstitut für Kunstgeschichte rumsteht. Ihr Teppich war ein Triptychon, bei dem schwarze, grob gewebte Stoffbahnen verknautscht und gewellt und gleichzeitig zackig von drei beigefarbenen Leinwänden in den Raum ragten. Das gefiel mir auch deshalb so gut, weil es das alte Format der Teppiche – einmal an der Wand lang – erweiterte. Der Wandtext wusste aber zu berichten, dass die Gobelin-Manufaktur diese Idee nicht so super fand, sie arbeitete lieber weiter traditionell. Mpf. Auch die weiteren Werke in diesem Raum von Eduardo Chillida und Louise Bourgeois, die ich beide sehr mag, gefielen mir gut.

00.38:20. Wir nippen an Wein 2.

00.52:45. Fazit der ersten Ausstellung: Alle begeistert, bitte reingehen, läuft noch bis zum 8. März. Montag ist in der Kunsthalle übrigens der Tag, wo der Eintritt etwas günstiger ist.

00.55:25. Und gleich noch Wein 3 hinterher, nach dem wir spontan und verfrüht Wein 1 zum klaren Sieger am Tisch erklärten. Wein 2 und 3 waren nett, Wein 1 war großartig. Und wie Flo und ich schon vermutet hatten, logischerweise auch der teuerste.

00.58:35. Die zweite Ausstellung: Innenleben im Haus der Kunst. Die Schau versammelt vier Künstlerinnen unter einem etwas beliebig hingedengelten Thema, aber das war uns irgendwann egal, denn uns gefiel alles, was wir sahen.

Wir huschen etwas stiefmütterlich über Leonor Antunes hinweg – ihr erstes Werk ist schon im Treppenhaus nach oben zu sehen, an dem sowohl Flo als auch ich blind vorbeilatschten.

Dann befassen wir uns etwas länger mit Njideka Akunyili Crosby, die in Nigeria geboren wurde und nun in den USA lebt. Von diesem Gegensatz handeln auch ihre großformatigen Gemälde auf Papier. Sie zeigen fast ausnahmslos Menschen, alleine oder in Gesellschaft, die sich mit diesen zwei Welten auseinandersetzen müssen. Ich brachte noch die Ebene der Hautfarbe ins Gespräch und beschrieb vor allem das Werk „Something split and new“ (2013), das für mich der Schlüssel zu allen anderen Bildern war. Erst nach der Aufnahme erinnerte ich mich daran, dass ich eigentlich noch „I still face you“ als Teil eines Triptychons als Gegensatz hatte beschreiben wollen. In „Something split and new“ hatte ich das Gefühl, dass der einzige weiße Mensch im Bild die Gesprächsführung an sich gerissen habe, während er in „I still face you“ eher hilflos suchend umherschaut. Felix interpretierte das erste Werk anders; er sah auch dort eher eine unsichere Minderheit, die von der Mehrheit beäugt wird – die hier, anders als für uns weiße Deutsche gewohnt, aus schwarzen Menschen besteht. Hey, Idee: Geht doch einfach mal rein und überprüft das für uns.

Der zweite große Raum gehört Henrike Naumann, die Felix und ich gerade in Wien gesehen hatten. Sie arbeitet mit Möbeln, die eine Geschichte erzählen. Ruinenwert (2019 für das Haus der Kunst angefertigt) stellt Hitlers Räume auf dem Berghof am Obersalzberg nach, vermischt dortige architektonische Gegebenheiten unter anderem mit Möbeln aus der Münchner Kunsthandwerksausstellung von 1937, deren Katalog ich lustigerweise gerade erst vor ein paar Wochen in der Hand hatte. Diese Möbel werden kombiniert mit Möbeln aus den 1990er Jahren, mit denen Naumann an die Nachwendezeit erinnert. In ihren Arbeiten geht es um das Wiedererstarken der Neuen Rechten, um die ungebrochene Faszination mit dem Nationalsozialismus und um den Umgang mit diesen Relikten. Den Titel Ruinenwert fand ich daher sehr spannend. Ihm liegt die sogenannte Ruinenwerttheorie zugrunde, die sich Albert Speer nach 1945 einfach mal ausdachte und die jahrzehntelang unhinterfragt weiter kolportiert wurde. Nach ihr sollten NS-Bauten selbst im verfallenen Zustand noch deutlich erkennbar sein. Ich zitiere im Podcast die sehr lesenswerte Speer-Biografie von Magnus Brechtken (S. 543, falls ihr mitlesen wollt).

Zum Werk Naumanns gaben wir alle zu, dass man ohne den Wandtext doch vermutlich eher aufgeschmissen ist, falls man mit ihrer Arbeit nicht vertraut ist. Vielleicht lohnt sich hier auch der Audioguide – den haben wir alle nicht benutzt, aber falls ihr reingeht, könnte der hilfreich sein.

Die letzte Künstlerin Adriana Varejão nutzt das Motiv der Wandfliesen, um sich mit der Kolonialgeschichte Brasiliens auseinanderzusetzen. Das war mir manchmal ein bisschen zu weit hergeholt, aber ich mochte die Ästhetik der gemalten Fliesen sehr gern. Auch die, bei denen blutiges Fleisch (aus Acryl, keine Bange) unter der eleganten weißen Oberfläche hervorkommt.

01.41:00. Fazit der zweiten Ausstellung: auch hier alle Daumen hoch, läuft noch bis zum 29. März. Wenn man sich die großen Säle spart und nur in diese Ausstellung geht, kostet sie nur 8 Euro (6 Euro ermäßigt).

Wir lösen die Weine auf:

Wein 1 von Felix: Weingut Enrique Mendoza, Estrecho, Monastrell 2016, 14%, für 24,90 Euro bei vinos.de.

Wein 2 von mir: Weingut De Moya, Gloria, Monastrell 2016, 14%, für 9,50 Euro bei belvini.de.

Wein 3 von Florian: Weingut Enrique Mendoza, La Tremenda, Monastrell 2017, 14%, für 9,95 Euro bei vinos.de.

Tagebuch Donnerstag, 9. Januar 2020 – Genius

Der Pförtner vom Bayerischen Hauptstaatsarchiv hatte sich schon nach meinem ersten Besuch meinen Namen gemerkt. „Guten Morgen, Frau Gröner!“ Ich bin verliebt.

Im Archiv einen Platz ganz hinten gesucht, weil da noch was frei war. Dumme Entscheidung, denn direkt neben mich setzte sich eine Dame, die anscheinend in ihren Parfumflakon gefallen war. Gefühlt zehn Minuten atmete ich durch den Mund, aber dann setzte ich mich um, weil ich es schlicht nicht ausgehalten habe. Ich behaupte, mir kribbelte danach noch die ganze Zeit die Oberlippe, weil ich sie auch zwei Plätze weiter noch roch. Ich lenkte mich durch einen schönen dicken Papierstapel ab.

Stundenlang Zeitungsartikel gelesen. Ich weiß inzwischen, dass man über die Ausstellung „Die Straßen Adolf Hitlers in der Kunst“ (1936) eine richtig schöne Masterarbeit hätte schreiben können. Oder vielleicht sogar eine Diss. Wieder viel gelernt, erfahren, ergänzen können. Tippeditipp.

Kleine Anmerkung zur Liste in der Wikipedia: Gabriele Münter hing mit zwei Bildern nur in Berlin und in München; in Breslau, der anderen Station der Ausstellung, hing sie nicht. Ihre Werke hießen Bagger und Blauer Bagger (Kat. Ausst. Die Straßen Adolf Hitlers in der Kunst, durchgeführt von der Forschungsgesellschaft für das Straßenwesen e.V., Berlin, im Auftrage des Generalinspektors für das deutsche Straßenwesen und der Reichskammer der bildenden Künste, Schloss Schönhausen Berlin, Oktober/November 1936, München 1936, S. 19), und wenn ich mich richtig erinnere, habe ich mindestens eins davon auf der Münter-Ausstellung 2018 im Lenbachhaus gesehen. Ihre Werke sind wieder ein schönes Beispiel dafür, dass es zwischen dem Schwarz und Weiß der NS-Kulturpolitik eine Menge Grautöne gab.

Nach Feierabend eingekauft, Kuchen gebacken, ein gutes Telefonat geführt.

Dann wieder Spelling Bee bei der NY Times gespielt und erstmals die höchste Stufe beim Wörterfinden erklommen. Die Biene kriegt dann einen Doktorhut! Die wissen genau, wie sie mich ködern, die Racker.

Abends beim Fertigmachen im Bad Deutschlandfunk gehört, der gerade ein sinfonisches Werk spielte, was mir sehr gefiel. Ich riet wild in der Gegend rum: 50er Jahre? Im Bett guckte ich am Handy nach: Es war Aaron Coplands 3. Sinfonie von 1946 (Wikipedia-Eintrag). Fast richtig geraten.

Asimov’s Empire, Asimos’s Wall

Gibt es noch irgendeinen Herren, dessen Bücher man lesen, dessen Filme man gucken, dessen Kunstwerke man sich ansehen oder anhören kann, ohne daran zu denken, dass er ein Mistkerl ist? Asimov ist dann also auch raus.

„When you consider Asimov’s treatment of women, you find an identical pattern. As a young man, he was shy and romantically inexperienced, which was reflected in the overwhelming absence of female characters in his fiction. He openly stated that his relationship with his first wife was sexually unfulfilling, and it was shortly after his marriage that his fingers began to rove more freely. While working as a chemist at the Philadelphia Navy Yard during World War II, he liked to snap women’s bras through their blouses—“a very bad habit I sometimes can’t resist to this day,” he recalled in 1979—and on at least one occasion, he broke the strap. […]

After his celebrity increased, his behavior at conventions became more egregious, as the editor Edward L. Ferman reminisced of a fan gathering in the late 1950s: “Asimov … instead of shaking my date’s hand, shook her left breast.” Asimov was open about his practices: “I kiss each young woman who wants an autograph and have found, to my delight, that they tend to cooperate enthusiastically in that particular activity.” He defended himself by saying that he was universally seen as “harmless,” and the implication that it was all just an act culminated in his satirical book The Sensuous Dirty Old Man (1971), in which he wrote, “The question then is not whether or not a girl should be touched. The question is merely where, when, and how she should be touched.”“

(via @dogfood)

Tagebuch Mittwoch, 8. Januar 2020 – Letztes Semester

Gemeinsam aufgewacht. Bzw. vom Terror-iPhone-Klingeln von F. geweckt worden, der gerne vergisst, seine rabiate Lautstärke an meine zarten Ohren anzupassen. Eben lungerte ich noch mit George Clooney an einer Bar rum und zack! brach gefühlt Krieg aus. Ich werde fieserweise von seinem Weckton auch nicht wirklich wach, ich erschrecke mich nur, verfluche ihn und döse dann wieder weg, denn: Das ist ja nicht mein Klingelton. Der kommt erst in zehn Minuten.

Ein paar Stündchen im Archiv gesessen. Dieses Mal dauerte das Ausheben ungeplant lange, aber es ist ja nicht so, dass ich mich mit meiner Diss nicht auch ohne weitere Quellen beschäftigen kann, nein, nein. Es sind ja nur noch ungefähr acht Millionen Baustellen offen, an denen ich rumbuddeln kann. *wimmer*

Als dann eine Runde Quellen vor mir lag, las ich unter anderem latent nölig einen Berg Zeitungsartikel bzw. Besprechungen von Ausstellungen. Ab Ende 1936 gab es keine Rezensionen oder Kunstkritiken mehr, die ihren Namen verdienten. Sie wurden ersetzt durch die „Kunstberichterstattung“. Und dementsprechend liest sich dann auch alles: banales beschreibendes Aneinanderreihen von Dingen, die so vermutlich nicht mal passiert sind. Der Stil ist einschläfernd, aber man muss trotzdem immer wach bleiben, um den ganzen Lügen und Auslassungen nicht auf den Leim zu gehen bzw. um bei manchen Zeitungen noch zwischen den Zeilen lesen zu können. Bei den ganzen rechtsnationalen nicht, da gibt’s keine zweite Ebene, die kann ich augenrollend querlesen. Daher dauerte meine Arbeit deutlich länger als gedacht, und ich schaffte nicht alle Akten, die ich mir hatte ausheben lassen.

Ich fand zu meinem Thema nur Weniges, aber: Ich las zum ersten Mal direkt etwas über den Umgang der Nationalsozialisten mit unerwünschter Kunst. Generell ist mir das Konzept der sogenannten, immer schön in Anführungszeichen, auch beim Sprechen, damit sich dieses Dreckswort nicht einschleicht, „entarteten“ Kunst klar, aber gestern stolperte ich über ein paar Artikel, die mir die Arbeit des Systems – und die Berichterstattung darüber – verdeutlichten.

Protzen war im Mai/Juni 1935 in einer Ausstellung von Münchner Künstlern in Berlin vertreten; wenige Wochen zuvor hatten Berliner Künstler in München ausgestellt. Die beiden dortigen Ausstellungsleitungen hatten zusammen gearbeitet, die Künstler wurden allerdings getrennt voneinander ausgewählt. Ich hatte schon gelesen, dass vor der Eröffnung der Münchner Ausstellung von Gauleiter Adolf Wagner 26 Bilder abgehängt worden waren, wusste aber nicht genau, um welche es sich handelte. Er konnte auch in Berlin durchsetzen, ein paar der Münchner Werke zu entfernen. Es ist für meine Arbeit auch, so fies das klingt, nicht ganz so wichtig, weil Protzen davon nicht betroffen war, aber gestern las ich dann doch alles durch, was zufällig vor mir lag. Ich zitiere mich mal wieder selbst, hallo, Plagiatsprüfungsprogamm der Uni:

„Die Münchner Zeitung schrieb fast hämisch vor der Eröffnung der Ausstellung in München: „Übrigens darf auch festgestellt werden, daß eine ganze Reihe der vordem recht ungebärdigten wilden Männer der linken Seite auffallend zahm geworden sind; sie bewiesen damit – vielleicht nicht ganz freiwillig –, daß es auch so geht. Ohne Nolde, Schmidt-Rottluff, Hofer, Beckmann, Pechstein, Werner Scholz, Heckel wäre eine Berliner Ausstellung allerdings auch mehr als lückenhaft.“ [1] Die Münchener Neuesten Nachrichten meldeten: „Von etwa 108 Künstlern sind zirka 389 Werke ausgestellt. Vertreten sind auch Künstler, die in der letzten Zeit vielfach bekämpft worden sind. Die Werke, welche wir von ihnen zeigen, können wir mit unserem künstlerischen Gewissen verantworten.“ [2]“

Zur Erinnerung: Bis zu dieser Zeit 1935 hatten sich die kulturpolitischen Kräfte im NS noch nicht entschieden, ob zum Beispiel der Expressionismus „deutsche Kunst“ und damit genehm sei. Erst Ende des Jahres galt er als verfemt, und damit war auch Nationalsozialist Emil Nolde nicht mehr erwünscht.

Ich las auch einen Artikel, in dem genauer erwähnt wurde, welche Bilder entfernt wurden, und auf einmal fühlte sich alles sehr real an. Ich ahne, dass das total beknackt klingt, denn mit diesem Thema befasse ich mich schließlich seit Jahren, aber bisher hatte ich, gerade zum Umgang mit unerwünschter Kunst, nur Sekundärliteratur gelesen, nur Ausstellungskataloge, die 80 Jahre später geschrieben wurden. Jetzt war ich quasi dabei und fand es äußerst unangenehm. Ich haderte mal wieder mit meiner Entscheidung, mich mit einem systemkonformen Maler zu befassen, aber ich weiß natürlich auch, dass diese Entscheidung richtig war, denn irgendwer muss ja mal durch diesen Sumpf waten. (Und ja, es macht Spaß, auch wenn ich dauernd hadere.)

„Kurz vor der Ausstellungseröffnung wurden allerdings auf Anweisung von Gauleiter Wagner 26 Werke entfernt, darunter alle Gemälde Beckmanns sowie einige von Otto-Andreas Schreiber, Ernst Nolde, Max Pechstein und Lyonel Feiniger.“ [3] Wagner rechtfertigte diese Abhängung damit, dass „in jedem Handwerk […] ein Stück Künstlertum stecken [muss]. Man müsse aber darauf achten, daß in der Kunst überwunden werde, was hinter uns liegt.“ [4] Die Zeitung Germania meinte befriedigt: „Das Geschmacksniveau erhält damit nicht unwesentliche Retouchen; etliche Namen sind in der Stille wieder nach Berlin gereist, ohne in eine schärfere und vielleicht nicht absehbare Erörterung hineingezogen worden zu sein.“ [5] Die Rheinisch-Westfälische Zeitung aus Essen ließ zwischen den Zeilen erahnen, wie die Ausstellungseröffnung verlief: „Lebhafter Protest nach der Eröffnungsfeier seitens der Unzufriedenen und Geschädigten wurde nur durch das kluge Verhalten Oswald Poetzelbergers, des Leiters der Landesstelle Bayern der Reichskammer der Bildenden Künste, im Keime unterbunden. Walter von Ruckteschell, Vorsitzender der Ausstellungsleitung München, trat mit bewußtem Stolz und gütigem Verstehen für die bildenden Künstler in allgemeinen Grundsätzen ein, der Künstler muß voraussetzungslos arbeiten ,ohne zu fragen, wie er gefalle.“ [6] Die Basler Nachrichten wurden deutlicher; laut ihr hielt von Ruckteschell „eine tapfere Rede, […] in der er sich in gemäßigtem Tone, aber mit großer Bestimmung gegen die kurz vor der Eröffnung erfolgte Herausnahme von 26 Kunstwerken wandte.“ [7]

Der Völkische Beobachter hatte weit weniger Verständnis und forderte, „diejenigen, die vor allem dafür verantwortlich sind, daß sich die vom Führer in seiner Rede bezeichneten Kreaturen der Verfallszeit doch wieder ans Tageslicht trauten, zur Rechenschaft zu ziehen bzw. vom Einfluß in Dingen der Kunstverwaltung auszuschließen. Alle diejenigen ‚Künstler‘, die in den Zeiten des Verfalls durch Juden und Judengenossen zu Ruhm und Ehren gelangten, haben das Recht verwirkt, ihre Machwerke der Öffentlichkeit vorzuführen.“ [8]“

Poetzelberger und von Ruckteschell wurden wenige Wochen später von ihren Posten entbunden, konnten aber trotzdem weiter arbeiten.

[1] BayHStA, Haus der Deutschen Kunst 81, GJW: „Berliner Kunst in München (Vorbericht)“, in: Münchner Zeitung, 15.3.1935.
[2] BayHStA, Haus der Deutschen Kunst 81, Heilmeyer, Alexander: „Berliner Kunst in München. Ausstellung in der Neuen Pinakothek“, in: Münchener Neueste Nachrichten, 15.3.1935.
[3] BayHStA, Haus der Deutschen Kunst 81, Schnell, Hugo: „Berliner Kunst in der Neuen Pinakothek“, in: Neues Münchener Tagblatt, 21.3.1935.
[4] BayHStA, Haus der Deutschen Kunst 81, unbezeichneter Artikel: „Bilderbeschlagnahme in München“, in: 8-Uhr-Blatt, 19.3.1935.
[5] BayHStA, Haus der Deutschen Kunst 81, H.H.: „Berliner Kunst auswärts. In der Neuen Pinakothek“, in: Germania, 20.3.1935.
[6] BayHStA, Haus der Deutschen Kunst 81, Scharrer, Eduard: „Berliner Kunst in München“, in: Rheinisch-Westfälische Zeitung Essen, 18.3.1935.
[7| Unbezeichneter und undatierter Artikel der Basler Nachrichten, 1934, aus dem Nachlass Walter von Ruckteschells, zitiert bei Unger-Richter, Birgitta: „Walter von Ruckteschell (1882–1941)“, in: Kat. Ausst. Walter von Ruckteschell, Zweckverband Dachauer Galerien und Museen, 18.11.1993–15.1.1994, Dachau 1993, S. 9–74, hier S. 62 sowie 73.
[8] BayHStA, Haus der Deutschen Kunst 81, Buch, Walter: „Gegen Entartung, für nationalsozialistische Kunst. Soll und Haben“, in: Völkischer Beobachter, 20.3.1935.

Feierabend gegen 15 Uhr, weil der Flat White vom Frühstück jetzt alle Energie an mich abgegeben hatte. Frisches Brot gekauft und mit Salami bzw. Lauchfrischkäse (from the Allgäu!) genussvoll verspeist. (Essen gegen Nazischeiß.)

Davor an dem Platz vorbeigegangen, an dem ich gestern mein kleines Bäumchen abgelegt hatte. Er war ungefähr der fünfte Baum oder so. Und da stand noch kein Schild. Aber gut, dass da jetzt eins steht, wir wüssten ja sonst nicht, was das ist OMG!

Abends noch ein bisschen an den Schreibtisch gegangen, Baustellenbuddeln. Schweren Herzens mein Hauptkapitel – Arbeitstitel „1934 bis 1941 – Die Zeit der Gemälde zur Reichsautobahn“ – in einzelne Jahre gehackt, denn dieses eine Kapitel ist jetzt 81 Seiten lang, und ich werde langsam wahnsinnig, ständig 50 Seiten scrollen zu müssen, um irgendwo noch eine Ergänzung unterzubringen, auf die ich im Archiv stoße.

Außerdem zum letzten Promotionssemester zurückgemeldet.

Ich lass das mal so stehen. *weiterhin wimmernd ab*

Tagebuch Dienstag, 7. Januar 2020 – Archivhumor

Wie gestern im Blogeintrag prophezeit: Ich kann gar keine Blogpause machen, weil ich in Archiven immer was Tolles finde.

Gestern shuttelte ich zum Bayerischen Hauptstaatsarchiv. Dort war ich für die erste Hausarbeit zu Leo von Welden schon einmal gewesen und hatte mich durch die Einreichbücher zur GDK gewühlt, um zu prüfen, ob Leo neben den Werken, die im Ausstellungskatalog auftauchen, noch weitere eingereicht hatte. Damals musste man nur fünf Minuten warten und bekam dann alles in dem Raum vorgelegt, in dem man das Findmittelbuch durchgeblättert hatte.

Ich erwartete also dasselbe Prozedere, klopfte an irgendeine Tür, um mich anzumelden, da war niemand, aber jemand auf dem Gang fragte nach meinem Begehr und brachte mich nach meinem inzwischen achthundertmal an vielen Orten aufgesagten Sprüchlein „Ich bin Doktorandin der Kunstgeschichte und promoviere zum Maler Carl Theodor Protzen achtzehnsiebenundachtzig bis neunzehnsechsundfünfzig“ zum richtigen Ansprechpartner. Der freundliche Herr führte mich in eben den kleinen Lesesaal, den ich kannte, ich blätterte zum Spaß das Findmittelbuch durch, denn ich hatte online ja schon rausgesucht, was ich haben wollte, füllte nach seinen Anweisungen den Bestellschein aus, und er bat mich zu warten.

Wenige Minuten später kam er wieder und meinte: „Das können Sie dann in drei Wochen einsehen.“

Ich so:

Er so:

„Haha, nur Spaß. Legen wir gleich drüben für Sie im Lesesaal raus. Haha.“

Ich musste mitlachen, weil er sich so freute, mich fies drangekriegt zu haben, diese leichtgläubigen Archivbesucherinnen, haha.

Aber: Ich musste aus der Abteilung V nun rüber in den Lesesaal, den ich noch gar nicht kannte. Ich umschiffte gekonnt die Klippe, in die falsche Tür zum Staatsarchiv München zu gehen, sondern nahm die eine weiter in Bayerische Hauptstaatsarchiv. Ich weiß nicht, wie lange der riesige Wegweiser mit den beiden Namen da schon steht – ich meine, ich bin 2016 noch ins falsche Archiv gelatscht, weil ich nicht wusste, wo jetzt was ist.

Im Staatsarchiv war ich gerade erst vor ein paar Wochen, und dort hatte ich gelernt: Wenn man schon mal da war, auch wenn es drei Jahre her ist und man den kleinen Benutzerausweis längst weggeschmissen hat, ist man noch im System. Das lernte ich, indem ich dort am Empfang sagte, ich hätte keinen Ausweis, dann durfte ich an einem Rechner alles ausfüllen (immerhin nicht mehr per Hand auf einem Bogen, den dann irgendwer abtippen muss), dann bekam ich die Fehlermeldung, dass es mich schon gibt, der Empfangsmensch korrigierte Dinge, druckte alles aus und erstellte meinen neuen Ausweis aus, auf dem nun nicht mehr „Leo von Welden“ steht, sondern „Carl Theodor Protzen“. Bis er den Ausweis ausfüllen konnte, musste er mir aber die Eingabemaske nochmal öffnen, denn wie ich auch gelernt habe: Mit dem Apple-Klammergriff für das @ setzt man die Windows-Maske wieder auf Null.

Daher war ich jetzt bei den Nachbarn im Hauptstaatsarchiv vorbereitet und sagte brav, ich sei schon im System. Wie zu erwarten war, fand man mich hier nicht mehr wieder und ich durfte ein zweites Mal alles eingeben. Dieses Mal ließ ich mir aber vorher zeigen, wie man das @ tippt und bekam ohne Umwege einen zweiten neuen Ausweis. Damit durfte ich dann endlich in den Lesesaal, wo die fünf ausgehobenen Akten schon auf mich warteten, wie nett!

Ich hatte mir Sitzungsprotokolle der Münchner Künstlergenossenschaft ausheben lassen, dazu Korrespondenz bzw. Briefentwürfe zur Ausstellung „Die Straßen Adolf Hitlers in der Kunst“ (1936) und noch ein bisschen Kleinkram. Und weil Archive ja immer super sind, fand ich einiges, das ich eigentlich in Berlin vermutet hatte und noch mehr Dinge, die ich nicht ahnen konnte. Gaaaanz langsam verdichtet sich mein Bild, was den Künstler, sein Engagement im Münchner Kunstleben und die ersten beauftragten Bilder der ollen Autobahnen angeht, und das war ein ganz hervorragender Arbeitstag.

Feierabend um 15 Uhr, weil alles durchgearbeitet.

(Ich bin mir gerade selbst nicht sicher, ob die Minions in einen Blogeintrag gehören, in dem auch Hitler erwähnt wird. Ich hatte das erste Gif nur so dermaßen vor Augen, als ich fassungslos vor dem Archivar rummemmte.)

Kekspaket zur Post gebracht und nur zehn Minuten in der Warteschlange gestanden. Kein Buch dabeigehabt, daher die Kindle-App auf dem Handy angeworfen.

Mit leichterem Rucksack nach Hause spaziert, dort alles abgeworfen, die dicke Wolljacke gegen mein geliebtes, bequemeres, leichteres Frühlings- und Herbsthoodie getauscht – wir hatten schließlich satte fünf Grad – und den vertrockneten Weihnachtsbaum 300 Meter weit zur Abgabestelle getragen.

Abends kam F. von seinem Kurzurlaub zurück und brachte kiloweise Käse mit, wie man das halt macht, wenn man im Allgäu war. Außerdem zwei Bücher des klassischen Kanons, die ich noch nicht gelesen hatte. Gestern abend noch erledigt.

Tagebuch Montag, 6. Januar 2020 – Feiertag

Bis 2 Uhr nachts nicht einschlafen gekonnt, dafür erst um 10 wach geworden. Nöliger Vosatz: diesen Rhythmus spätestens heute ändern. Vorsatz erfüllt, gestern nacht zwar auch erst um 1 müde gewesen, aber bis kurz vor dem Wecker um 7 durchgeschlafen. Win!

Wenn die Archive noch nicht geöffnet sind, lungere ich halt weiter in ihren Suchmasken rum. Okay, das Bundesarchiv in Berlin hatte gestern vermutlich geöffnet, aber der spontane Anfahrweg wäre etwas weit gewesen. Aber in dir wühle ich noch, keine Bange, Hase. Vor allem, seit ich gestern mal wieder etwas gefunden habe, nach dem ich länger latent gesucht habe. Nur eben noch nicht in deinen Findmitteln, sondern in denen in München.

Außerdem Mails vorbereitet, die ich heute abschicken werde, wenn wieder alle am Schreibtisch sind.

Kekse gebacken als Dankeschön für jemanden, der mir im Dezember sehr spontan und ohne groß nachzufragen bei einer blöden Sache ausgeholfen hat. Wenn ich sie nicht alle aufesse, gehen sie diese Woche noch auf die postalische Reise.

Netflix gekündigt, New Yorker gekündigt, FAZ war bereits zum Jahresende abbestellt, die NY Times nur deshalb nicht gekündigt, weil man dafür irgendwo anrufen muss, was ich vehement ablehne, und ich außerdem ahne, dass mir ihre Rätsel- und Kochseite fehlen würden.

Twitter mal wieder vom Handy geschmissen, aber das hält eh nie lange vor. Gerade keine Geduld mehr für gar nichts. Über Blogpausen nachgedacht, aber auch die halten nie lange vor, daher blubbere ich hier vorerst weiter rum. Spätestens nach dem nächsten Archivbesuch muss ich ja wieder dringend was erzählen.

Mich innerlich für das neue Jahr gestählt, das quasi erst heute für mich richtig losgeht. Please like me, 2020.

Tagebuch Sonntag, 5. Januar 2020 – Aufräumen

Die Bilderrahmen und -aufhängen-Aktion von Freitag und Samstag beendet. In der Bibliothek hängt jetzt ein Foto von Christian, genauer gesagt, das hier. Kann man in untenstehendem Bild schlecht erkennen, weil der Billorahmen spiegelt und ich gerade kein Geld für Museumsglas habe, daher der Link.

Im Flur, in den ich vom Sofa in der Bibliothek immer gucke, hängt eine Gouche von Katia, nämlich diese hier. Ist völlig unfotografierbar, diese Ecke der Wohnung, spiegelt quasi alles von überall. Aber wenn ich direkt vor dem Bild stehe, ist es super. Also bleibe ich da jetzt öfter stehen.

Steuer gemacht, schlechte Laune bekommen. Selbst belohnt, indem ich den blöden „Jobs“-Ordner auf dem Rechner zuklickte und den „Text“-Ordner öffnete, der im Ordner „Promotion“ liegt. An der Einleitung rumgefeilt, die sich nach der neuen Stoßrichtung der Arbeit logischerweise sehr ändern wird. Auf einen neuen Titel gekommen bzw. einen älteren leicht verändert und für gut befunden, wenigstens für die nächsten acht Wochen und drei Archivbesuche. Ich ahne, dass der noch lange nicht in Stein gemeißelt ist. Das Team „Ergebnisoffenes Forschen“ buddelt weiter.

Mich beim Ident-Verfahren mit einem sonntäglich genervten Mitarbeiter am Handy zum Affen gemacht. „Wie, anders hochkant?“

Gerne gelesen: Kais Blogeintrag über seine Fahrt am Heiligabend. Um die Mittagszeit des 24. bekam ich eine SMS mit einem Selfie des Herrn vor einem Edeka und Grüßen, auch an die Familie, von seinem „kleinen Weihnachtsspaziergang“. Und ich so: Den Supermarkt kenne ich, aber – der ist nicht in Hamburg. „Bist du … AUF SYLT?“ Well played, Kerl.

Late Lunch: Reis gekocht, Schalotten, Chili, Ingwer und Knoblauch angedünstet, Pak Choi dazugeworfen, mit Hühnerbrühe und Sojasauce abgelöscht, in einer anderen Pfanne Tofu knusprig werden gelassen, Sesamsamen drüber, Essen in 20 Minuten fertig. Auf dem Sofa gelungert, Teller auf dem Bauch, zwei tolle Bilder im Blick.

Die werktäglichen zwei Liter Tee getrunken, der Urlaub neigt sich anscheinend dem Ende entgegen. Nur noch einen doofen Feiertag aushalten, dann haben alle Bibliotheken und Archive wieder geöffnet, wo-hoo! Abends die latent nölige Laune endgültig vertrieben, indem ich mich in Online-Findmittelbüchern rumtrieb. Da liegt noch so viel schönes Zeug für mich!

Tagebuch, 31. Dezember 2019 bis 4. Januar 2020 – Emo-Kater

Da wir bis zum frühen Abend des 30. Dezembers in Wien oder auf dem Rückweg nach München waren, blieb in diesem Jahr keine Zeit für ein opulentes Festmahl, das ich zubereiten konnte. Das fand ich etwas schade, denn das hatte mir im letzten Jahr sehr viel Freude gemacht. Aber aus Zeit- und Geldgründen wurde es dann ein fast klassisches Raclette bei mir, für das F. drei Flaschen herrlichen Champagner anschleppte, der auch pflichtschuldig geleert wurde.

Wann, wenn nicht heute, die Bruegel-Servietten.

Das neue Jahr, das im Großen und Ganzen nur besser werden kann als das blöde alte, begann mit Waffeln. Möge es voller Apfelmus und Puderzucker sein.

Die ersten Januartage verbringt F. traditionell außerhalb von München, weswegen ich mich alleine vom letzten Jahr erholen konnte/musste. Ich schlief ewig aus, lag dafür nachts sorgenvoll wach, fand die Kombi eher doof, konnte aber auch nichts dagegen machen.

Die Diss darf noch bis heute oder morgen rumliegen.

Am Freitag hatte ich die tolle Idee, für drei Einrichtungsgegenstände, nach denen ich diverse Bau- und Schnickschnackmärkte sowie Kaufhäuser vergeblich online durchwühlt hatte, zu Ikea zu fahren. Mit mir war ungefähr die halbe Stadt auf diese Idee gekommen, aber so waren immerhin fast alle Kassen geöffnet und: Ich musste nicht mal eine Minute auf den Bus warten, der direkt vor Ikea abfährt und mich zur S-Bahn bringt, die mich zur U-Bahn bringt. Auto! Pffft. Okay, abends ein bisschen Rückenschmerzen vom Schleppen der unförmigen Gegenstände gehabt.

Den Restfreitag und gestern damit zugebracht, Bilder zu rahmen (große Rahmen waren zwei der Gegenstände) und aufzuhängen sowie eine Bilderschiene (das war der dritte) anzudübeln. Eigentlich wollte ich ein altes schmales Regal aus meinem Keller, das schon in drei Wohnungen hing, anbringen, aber Wände und Dübel fanden sich scheiße, und im Moment habe ich nicht mal Lust, fünf Euro für neue Schrauben und Dübel in Größen, die nicht in meiner Werkzeugkiste liegen, auszugeben, weswegen ich die Bilderschiene dort andübelte, wo sie eigentlich gar nicht hinsollte, um die blöden Bohrlöcher zu verdecken, aber jetzt gefällt sie mir da sogar besser. Der für sie eigentlich vorgesehene Platz ist noch leer und ich glaube, der bleibt dann auch so.

Weiterhin Grundkaterstimmung gemischt mit „Ich kann nicht mal ne Wand vernünftig dekorieren“.

Vielleicht sollte ich doch heute schon mit der Diss weitermachen, da kriege ich wenigstens gute Laune.

Immerhin gestern noch eine gute Idee gehabt: die Sahnebutter aus dem Mast in Wien nachzubauen. Einfach wenig Sahne und Butter gemeinsam zur gewünschten fluffigen Konsistenz aufschlagen und ordentlich salzen. Dazu hatte ich schönes dunkles Brot von meiner Lieblingsverkäuferin meiner Lieblingsbäckerei.

Einziger Neujahrsvorsatz: mich endlich an Sauerteig rantrauen.

Und die grauenhaft gemusterte Arbeitsplatte einbetonieren oder so.