Ein vielfaches Dankeschön …

… an gleich mehrere Schenker*innen, die mir per PayPal oder Amazon-Wunschzettel zur Promotion gratulierten sowie natürlich an diejenigen, die gleich Päckchen packten. Das trudelte alles in den letzten Tagen hier ein, in denen ich noch im Norden war, daher kommt das Dankeschön etwas spät, Entschuldigung!

Bettina vermutete, dass ich jetzt wieder etwas mehr Zeit zum Nähen hätte und überraschte mich mit Constanze Derhams ABC der Handarbeiten: Nähen. Das stimmt theoretisch, aber ich würde gerne mal wieder ganz altmodisch wieder in ein Geschäft gehen, um Stoffe zu fühlen, bevor ich sie kaufe, was ich im Moment schlicht nicht vorhabe. Ein paar Meter liegen hier aber noch, und ein neues Schnittmuster ist ebenfalls altmodisch per Post gekommen – das Selbstausdrucken und Zusammenkleben ist, auf meinen Stundensatz umgerechnet, deutlich teurer als gleich ein paar Euro mehr an Burda zu schicken. Daher werde ich vermutlich in den langen Wintermonaten auf das Büchlein zurückkommen. (Ich hatte schon ein schlechtes Gewissen, als ich die Nähmaschine aus dem Arbeitszimmer räumte für den dann nicht stattgefundenen 360-Grad-Rundumblick bei der Zoom-Verteidigung.)

Sonja gratulierte mit Chinua Achebes Things Fall Apart. Das stand schon länger auf dem Wunschzettel; ich hatte auf Twitter mal um Tipps zu afrikanischen Autor*innen gebeten, und das war einer davon. Ich bin sehr gespannt!

Für das Buch von Susanne fuhr ich gestern zu einer Postfiliale, die ich noch nicht kannte, und ich glaube, sie wurde als Pop-up-Station für die Adventszeit hochgezogen, wenn die Packstationen überquellen. Als ich mein Rad abschloss, sah ich ungefähr zehn Menschen brav mit Abstand vor der Tür stehen und richtete mich auf eine halbe Stunde Wartezeit ein. Überrascht stellte ich fest, dass die Menschen im Sekundentakt wieder herauskamen, worauf der nächste Wartende eintrat bzw. von drinnen reingerufen wurde: „Kann noch einer rein!“ So zückte ich schon draußen meinen Personalausweis, trat nach gefühlt nicht mal zwei Minuten Wartezeit ein, sagte mein Sprüchlein auf, „Gröner, ja? Amazon? Ah, hier“, bekam mein Päckchen, und während ich noch auf dem Weg nach draußen war, wurde schon der nächste reingerufen. Ein faszinierend unpostisches Erlebnis. Im Päckchen befand sich I Am a Filipino von Nicole Ponseca und Miguel Trinidad, das ich auf einer Liste des New Yorkers zu guten Kochbüchern gefunden hatte. Da die Gene des Herrn an meiner Seite zur Hälfte von den Philippinen stammen und er mir ab und zu von den Gerichten erzählt, die er dort bei seinen Großeltern genossen hat, schien mir das eine gute Erweiterung des Kochbuchregals zu sein.

Vielen Dank an alle Schenkenden, ich habe mich sehr gefreut! Und jetzt stempele ich alles mit einem pinkfarbenen Ballon Dog von Koons zu und trinke den Lieblingswein von Frau Casalinga, das waren nämlich auch Geschenke. Der Stempel kam von hier, das ist die Dame, bei der ich mich neulich erstmals als „Doktor“ am Telefon melden konnte.

Die launige Beilage „Die Autobahn A3 für Europa“ und was das mit meiner Dissertation zu tun hat

In der SZ und, soweit ich weiß, noch einigen anderen Zeitungen lag gestern die 32-seitige Broschüre „Die Autobahn A3 für Europa“ bei. Ich sah sie durch einen Tweet des Journalisten Lenz Jacobsen, der sich in einem kurzen Thread mit dieser Vermischung von redaktionellem und werbischem Inhalt beschäftigte. Er resümierte: „Das Ding ist also weder schlimm noch lesenswert, aber ein beeindruckendes Beispiel für die alltägliche, wirtschaftliche und publizistische Macht und Interessenvertretretung aller, die am Ausbau der Auto-Infrastruktur beteiligt sind und davon profitieren.“

Die Beilage ist online, so dass sie mir niemand zuschicken muss, aber wie ich inzwischen weiß, hebt sie mein Doktorvater sogar für mich auf, der per Mail folgenden Kommentar hatte – oder auch nicht: „Ich enthalte mich jeden Kommentars … zu einzelnen Beiträgen, Redewendungen, Bildern, Metaphern etc., denn das scheint mir doch einigermaßen offensichtlich. Ich denke, dass Sie evtl. (vielleicht sogar an verschiedenen Stellen) in der Druckfassung der Diss. darauf eingehen könnten.“

Das war natürlich auch mein erster Gedanke: Lustig, wie wenig sich Argumente und Bilder in 90 Jahren geändert haben. Damit will ich der Autobahndirektion Nordbayern und den ganzen Menschen, die an dem Ding gearbeitet haben, kein faschistisches Gedankengut unterstellen, aber die Ähnlichkeit zu Texten zum Bau der Reichsautobahn ist schon frappierend. (Edit 30.11., weil hier gerade viele Menschen vorbeischauen, die dieses Blog nicht seit drei Jahren lesen: Ich wurde vor Kurzem mit einer Arbeit über den Maler Carl Theodor Protzen (1887–1956) promoviert, der zwischen 1936 und 1940 29 Gemälde der Reichsautobahn malte. Die Dissertation ist noch unveröffentlicht.)

Gleich in der Einleitung verbietet sich Minister Scheuer jede Kritik an diesem Ausbau: „Denn Wege sind Voraussetzung dafür, dass wir vorankommen. Und das wiederum ist Voraussetzung dafür, dass Wirtschaft und Wohlstand wachsen können. Wer das nicht wahrhaben will und stattdessen ein Moratorium für den Bau von Autobahnen fordert, muss sich die Frage gefallen lassen, ob er wirklich noch nah genug dran ist an den Menschen in unserem Land – mit all ihren Gewohnheiten und Bedürfnissen.” Markus Söder begann seinen Text so: „Die A3 ist die fränkische Leidensstrecke – und sollte doch eigentlich die Lebensader sein, die ganz Franken verbindet.“ Das Wort Lebens- oder Verkehrsader wird auch von fast allen anderen Politiker:innen verwendet, die sich in der Beilage zitieren ließen. Das erinnerte mich beides unangenehm an einen Text von Otto Reismann, Pressereferent von Fritz Todt, dem Generalinspektor für das deutsche Straßenwesen, der 1937 schrieb: „Auch in der West-Ost-Richtung folgen die Autobahnen traditionsreichen Verbindungen. Es sind die gleichen Wege, auf denen die politische und kulturelle Eroberung des deutschen Ostens erfolgte, die Wege aber auch, die Osteuropa und Westeuropa verknüpfen. Reichsautobahnen sind die Pioniere neuer Siedlungen. Sie öffnen der volklichen Durchblutung in menschenarmen Gegenden und Grenzgebieten bessere Möglichkeiten, sie sichern und wahren so den Besitzstand.“[1]

In einer weiteren Einleitung schreibt der Journalist Bernhard Heck von „23 Großbrücken und zwei Tunnelabschnitte[n]“, die entstehen. Zur Reichsautobahn gehörten bis 1941 ca. 9000 Brücken, drei Prozent davon waren die Großbrücken, die meist in Gemälden festgehalten wurden; sie waren damals schon beeindruckende Aushängeschilder – und scheinen es auch heute noch zu sein.

Laut Heck wurde eine „Trasse geschaffen, die in Ausführung und Eleganz in Deutschland ihresgleichen sucht.“ Etwas weiter im Text: „Dabei sind Brücken nicht nur Ingenieurbauwerke, sondern werden so geplant und ausgeführt, dass sie hervorragende ästhetische Eigenschaften besitzen und somit eine Bereicherung der ursprünglichen Landschaft, eines Tales oder eines Flusses darstellen.“ Gerade diese angebliche Bereicherung der Landschaft war auch für die Nationalsozialisten ein wichtiges Thema; die Reichsautobahnen sollten die deutschen Gaue nicht auf möglichst schnellen, sondern auf landschaftlich reizvollen Wegen verbinden. (Im Gegensatz zu den italienischen Schnellstraßen, die kurz vorher entstanden. Dort orientierten sich die Wegführungen, wie die Schiene, am einfachsten und kürzesten Weg.) Landschaftsanwalt Alwin Seifert schrieb 1936: „Für uns ist der Straße übergeordnet die deutsche Landschaft. Wenn alles Leben auf dieser Erde nur auf der Grundlage einer unzerstörten Harmonie des Naturganzen Dauer haben kann, so hängt Verstand und Echtheit des deutschen Volkes davon ab, daß sein Lebensraum, seine Landschaften in jener kraftvollen Gesundheit und inneren Ausgeglichenheit erhalten bleiben.“ Seifert ging es aber nicht nur um die Schönheit und Geschlossenheit eines Naturraums, sondern vor allem um den Wunsch, eben diesen zu verteidigen. Damit zog Seifert eine direkte Linie vom Straßenbau bzw. der Heimat zu kriegerischen Handlungen: „In einem von rücksichtslos geführten Verkehrswegen zerschlitzten, von Leitungen aller Art verdrahteten und seiner wilden Räume und Gebüsche beraubten Land wird der Einzelne wohl noch seine Brotstelle, auf Dauer aber nicht mehr ein geliebtes Vaterland verteidigen.“[2]

Auch zur Bauzeit bzw. den Kompromissen, die beim Bau gemacht werden, schreibt Heck kurz: „Kann Deutschland noch Großprojekte? Ja, es kann, wenn die Faktoren nicht im Klein-Klein ersticken.“ Damit wiederholt er, hoffentlich unwissentlich, genau die Argumente des NS-Staats. Straßenbau war in der Weimarer Republik Ländersache. Solange die Nationalsozialisten im Reichstag in der Opposition waren, stimmten sie gegen das Projekt Autobahn, zuletzt Anfang 1931. Auch in den Arbeits- und Wirtschaftprogrammen der NSDAP von 1932 fand sich noch kein Hinweis auf den Autobahnbau. Mit der Machtübergabe nutzten die Nationalsozialisten dann die Pläne der HaFraBa – und deuteten sie in ihrem Sinne um. Die größtenteils privatwirtschaftlichen Initiativen der HaFraBa, ihre Pläne sowie ihre Finanzierungsvorschläge konnten in der Weimarer Republik aus politischen und ökonomischen Gründen nicht erfolgreich sein. Erst ein zentralistischer, totalitärer Staat, der sowohl die Organisation als auch die Finanzierung übernahm, war nun in der Lage, ein derartig umfangreiches Projekt in relativ kurzer Zeit umzusetzen. Diese Assoziation wollte auch Hitler in seiner Rede zum ersten Spatenstich erwecken, indem er sagte: „Und ehe wieder Jahre vergehen, soll ein Riesenwerk zeugen von unserem Dienst, unserem Fleiß, unserer Fähigkeit und unserer Entschlußkraft.“ [3]

Was mich außerdem amüsiert hat, waren die vielen Anzeigen der am Bau beteiligten Firmen, die sich in Textbausteinen und Bildauffassungen nicht sehr von den Anzeigen der Firmen der Reichsautobahnen unterschieden, die zum Beispiel in Die Straße in jedem Heft inserierten. (Ein, zwei Beispiele. Auch für die Landschaftseinbindung.) Auch die öffentlichen Inszenierungen, die einen Spatenstich oder die Eröffnung eines Teilabschnitts begleiten, finden sich bei den Reichsautobahnen genauso wieder. Alleine 1938 wurden 42 Teilabschnitte eröffnet,[4] immer mit Pomp and Circumstances, was zur Bekanntmachung des Bauwerks vermutlich deutlich mehr beigetragen hat als gerade 44 Werke zu diesem Thema auf den Großen Deutschen Kunstausstellungen.

In der Beilage findet sich die Überschrift „Ingenieur*innen am Puls beim Bau AK Fürth/Erlangen“. Ich ignoriere mal das schiefe Bild mit dem Puls am Bau, aber immerhin: Anscheinend gibt es heute Frauen, die irgendwas mit der Autobahn zu tun haben, unglaublich. Die Welt der Reichsautobahn war eine eindeutige Männerwelt; selbst zuarbeitende Menschen wie Köche in den Arbeiterlagern entlang der Strecke waren, soweit ich Quellen und Bildmaterial kenne, immer Männer.

Die letzte Seite der 32 wagt dann einen Blick zurück: „Knapp 100 Jahre deutsche Autobahnen im stetigen Wandel“. In einer meiner Meinung nach äußerst unangemessenen Verkürzung heißt es: „Willy Hof gründete 1926 den “Verein zur Vorbereitung einer Autostraße Hansestädte–Frankfurt am Main–Basel” (HAFRABA) und besuchte 1933 zweimal die damaligen Machthaber in Berlin und unterbreitete dort die Planungen seiner Gesellschaft. Tatsächlich hatte die Reichsführung und seine Berater den hohen Wert der HAFRABA-Arbeiten für ihre Zwecke erkannt denn am 1. Mai 1933 verkündete man in Berlin offiziell den Bau eines Straßennetzes, das nur dem Automobilverkehr vorbehalten sein sollte.“ Hübsch euphemistisch einen Namen vermieden und grammatikalisch auch leicht daneben: „die Reichsführung und seine Berater“. Die beginnenden Bauarbeiten werden erwähnt und dann, huch, ist alles vorbei, und es werden „Kriegswirren und Aufbaujahre“ erwähnt. Eine historische Einordnung sieht anders aus. Immerhin wird bei einem Bild die Wikipedia als Quelle angegeben. Ich rate mal, woher der Rest kommt.

Falls euch das Thema etwas ausführlicher interessiert, hätte ich hier ein 20-seitiges PDF: das Autobahnkapitel aus meiner Diss. Jetzt wo das Ding durch ist und ich nicht mehr die Plagiatssoftware des Prüfungsamts fürchten muss, kann ich entspannt einen Abschnitt online stellen. Nennen wir es einen Vorgeschmack auf die Druckfassung. Ihr findet darin einen kurzen Abriss zur Baugeschichte sowie jeweils einen Abschnitt zur ideologischen Überhöhung der RAB und der RAB als Motiv für Gemälde. Enjoy.


[1] Reismann, Otto: Deutschlands Autobahnen, Adolf Hitlers Straßen, Bayreuth 1937, S. 12.
[2] Beide Zitate Seifert, Alwin: „Natur, Technik und der deutsche Straßenbau“, in: Süddeutsche Monatshefte 10 (1936), S. 604–610, hier S. 607 bzw. 608.
[3] Reismann 1937, S. 3.
[4] Schütz, Erhard/Gruber, Eckhard: Mythos Reichsautobahn. Bau und Inszenierung der „Straßen des Führers“ 1933–1941, Berlin 1996, S. 59.

Tagebuch Montag/Dienstag, 23./24. November 2020 – Toll und traurig

Das Gutachten zur Dissertation ist jetzt auch von meinem Doktorvater angekommen. Nach der Note der Zweitprüferin konnte ich auch von ihm erfreut eine 1,0 entgegennehmen, auf die ich mir durchaus etwas einbilde.

Ich erwähnte im Blogeintrag zur Verteidigung, dass ich das Gefühl gehabt hätte, bei einer Antwort nochmal nachjustieren zu müssen, weil die Frage nicht nur beim Doktorandenkolloquium, sondern eben auch bei der Verteidigung kam: Sollte man einen Künstler, der sich in den Dienst des NS-Systems gestellt hat, genauso aufarbeiten wie jeden anderen? Meine Antwort war ja, solange der Kontext stets deutlich gemacht wird. Im Gegensatz zur Zweitprüferin scheint mein Doktorvater mit mir übereinzustimmen, weswegen ich nun ahne, dass er mir die Frage erneut stellte, damit auch die anderen Prüfer:innen die Antwort hören. Ich zitiere aus dem Gutachten: „Grundsätzlich kann die Arbeitsperspektive der Verf. durch Ernstnehmen charakterisiert werden; diese banale Selbstverständlichkeit ist deshalb der Erwähnung wert, weil das Oeuvre von Protzen – anders als bei Leonardo, Picasso oder Klee – eben nicht einmal ansatz- oder umrissweise als gesichert gelten kann. Das künstlerische Werk muss zunächst in extenso konfiguriert werden, in Entwicklung, Umfang und Dichte.“ Ebent. Danke.

Mein Bildfund, über den ich mich sehr gefreut habe und über den ich leider noch großflächig schweigen muss/will bis zur Veröffentlichung, wurde als „spektakulär“ bezeichnet, und die innere Kommafee errötete zufrieden bei den Sätzen „In formaler Hinsicht ist die Arbeit exzellent. Die Zahl der Tippfehler ist definitiv einstellig. Rechtschreibung und Zeichensetzung sind makellos. Die Studie ist ausgesprochen sorgfältig.“ Eine Million Korrekturgänge haben sich gelohnt!

Auch hier war natürlich Kritik zu lesen, die ich aber ebenso nachvollziehen kann wie die im anderen Gutachten. Ich freue mich auf die Überarbeitung.

Aber erstmal ist die alte Heimat wieder sehr aktuell. Aus Gründen, wie es so schön heißt, habe ich mich Sonntag in einen Zug gesetzt. Väterchen baut leider sehr ab, findet Worte nicht, kann sich nicht mitteilen, es ist, als ob die Systeme teilweise langsam runterfahren. Daher kann ich meinen neuen Titel gerade nicht ganz so genießen wie ich gerne möchte, aber, unglaublich, es gibt Wichtigeres.

Ich durfte wieder das schicke Auto der Eltern fahren und vor allem mal schneller als 30. Jetzt weiß ich auch, wie sich eine automatische Lenkkorrektur anfühlt; verdammtes modernes Zeug! Wenn ich zu weit rechts fahren will, dann will ich zu weit rechts fahren! (Ich scherze.) Und: Ich durfte nach 30 Jahren wieder erfahren, im wahrsten Sinne des Wortes, was es heißt, auf den Land zu wohnen: Man hängt ewig hinter Treckern.

Papa ist eingeschlafen, während ich ihm die Haare schnitt. Falls das mit der Wissenschaft nichts wird, eröffne ich einen Salon: „Kein Gequatsche, nur Geschnippel.“ Ich sehe eine Marktlücke.

Tagebuch Sonntag, 22. November 2020 – Doch noch ein Doktorhut

Meine Schwester hat mir einen gebastelt. Oder eher: dem nächsten Lindt-Schokobär, den ich nicht essen kann.

Für die Notizen: Den gestrigen Zug von München nach Hannover buchte ich erst am Samstag. Ich konnte noch relativ viele Plätze anwählen (1. Klasse), beim Einsteigen sah ich, dass geschätzt ein Viertel der Plätze reserviert war. Losgefahren sind wir dann mit drei Leuten im Großraumwagen, bis Hannover waren es, wenn ich richtig gezählt habe, nie mehr als acht. Ich trug zum ersten Mal eine FFP2-Maske und fand es absolut erträglich. Oder besser: Schade, dass ich nicht dauernd snacken kann, aber wenn man nur rumsitzt und liest und Podcasts hört, stört die Maske quasi null.

Ein kriselndes Dankeschön …

… an Christine, die mich mit Detlev Peukerts Die Weimarer Republik: Krisenjahre der Klassischen Moderne überraschte. Der Herr lief mir neulich beim Abstractschreiben wieder über den Weg und da dachte ich mir, wenigstens einen Standardtext von ihm könntest du auch mal im Regal haben. Habe ich jetzt. Vielen Dank für das Geschenk und die Glückwünsche, ich habe mich sehr gefreut.

Nebenbei, nee, nicht nebenbei: Vielen Dank an die vielen Menschen, die mir per Mail, Twitter, Insta, PayPal und eben per Wunschzettel zur bestandenen Prüfung gratuliert haben. Auch darüber habe ich mich sehr gefreut! (Da muss ein Ausrufezeichen hin.)

Was schön war, Freitag, 20. November 2020 – Nachfeiern und Yodas backen

F. hatte sich Urlaub genommen, also schliefen wir beide sehr lange aus. Nachdem der Herr zu sich spaziert war, begann ich meinen langen Blogeintrag von gestern zu den erfreulichen Ereignissen vorgestern. (Vorgestern? Fühlt sich an wie ne Woche her.) Gerade als ich ihn veröffentlichen wollte, klingelte mein Handy, eine alte Freundin war dran, was ich am Display sah, und so meldete ich mich nur halb-ironisch mit „Frau Dr. des. Gröner, guten Tag?“, woraufhin es aus dem Handy kreischte: „ICH HAB NUR ANGERUFEN, DAMIT DU DICH SO MELDEN KANNST!“ (Herzchen-Emoji!)

Den Wocheneinkauf erledigt, wobei ich wieder merkte, dass es manchen sehr bewusst ist, dass Pandemie ist – ausweichen auf dem Gehweg, am Eingang des Supermarkts gucken, ob einem jemand entgegenkommt – oder egal, so wie dem Herrn, der sich ernsthaft ohne jeden Abstand an mir vorbeidrängelte, um in einen bestimmten Gang zu kommen. Okay, vielleicht ist der immer ein Arsch.

Sehr lange mit Mütterchen und Schwesterherz telefoniert aus Gründen.

Anschließend startete ich den ersten weihnachtlichen Backvorgang in diesem Jahr. Es sollte eine Runde schlichte Mürbeteigkekse werden, weil ich ein paar von ihnen besonders ausstechen und dekorieren wollte. Die zwei schönsten aßen F. und ich gestern abend blöderweise schon auf, bevor ich ein Einzelfoto von einem machen konnte. Kenner:innen sehen natürlich das Star-Trek-Emblem beim undekorierten und viel zu dunkel gewordenen Yoda. Eat this, komisches Universum.

Den Trick mit dem Engelausstecher ohne Kopf hatte mir natürlich das Internet und seine vielen seltsamen Foren verraten. Auch gelernt: einen Braunton mit Lebensmittelfarbe anzumischen, der nicht völlig unappetitlich aussieht, ist gar nicht so einfach.

Das Festessen holte F. vom Broeding ab, das für Freitag- und Samstagabend ein Menü to go plus Weinbegleitung anbietet. Ich kann das sehr empfehlen. Ich vergaß allerdings leider, die gut gepackte Tüte zu fotografieren, in der sich Brot, Salat, ein Hauptgang und ein Dessert für zwei verbargen.

Zunächst buk ich das kleine Kürbiskernbrot im Ofen auf und wir genossen dazu den Ziegenfrischkäse, der in einem kleinen Gläschen mitgeliefert wurde. Der Salat bestand aus gegrilltem Rosenkohl (wir waren skeptisch), der mit Zitrusfilets, Erdnüssen, gegrillten Zwiebeln und ordentlich Koriander serviert wurde (wir waren erfreut) und der hübsch angerichtet in runden Pappboxen kam. Ich schaufelte es trotzdem auf einen Teller, weswegen es dann nicht mehr ganz so hübsch angerichtet war.

Während wir den Salat aßen, wärmte ich den Hauptgang im Ofen auf: Es gab Ragout vom Bio-Kalb, Perigord-Trüffel, Kartoffel-Käse-Püree und Zuckerhut aus eigenem Anbau. Letzter kam in einem extra Weckgläschen, alles andere kam geschichtet in einem weiteren Glas.

Zum Abschluss erfreuten wir uns an Schokokuchen Grand crû de Terroir und jeweils einer halben leicht gekochten Birne. Dazu gab’s – natürlich – österreichischen Rot- und Schaumwein, den weißen, der zum Salat möglich gewesen wäre, ließen wir allerdings aus, das schien uns für zwei ein bisschen Overkill zu sein.

Das jeweilige Wochen-Menü steht auf der Website vom Broeding und muss bis Donnerstag vorbestellt und dann am bestellten Tag in einem großzügigen Zeitfenster von, wenn ich mich an F.s Beschreibung richtig erinnere, 90 Minuten abgeholt werden. Es ist alles vorverpackt, man muss nicht nach Hause hetzen, damit nichts kalt wird, weil es eh zuhause nochmal in den Ofen kommt. Eine genaue Anleitung liegt bei. Gerne wieder!

Apropos essen: Samin Nosrat, Köchin und Kochbuchautorin, schrieb gestern auf Instagram, dass sie in diesem Jahr weitaus weniger Fotos von ihren Mahlzeiten gepostet hatte:

„If people were like trees and after I die you were to cut me open and examine me, my 2020 ring would consist mainly of whole grain peanut butter toast. This is one of the main reasons why I haven’t posted many photos of my cooking this year — there honestly hasn’t been much. Lots of peanut butter toast, lots of rice and beans, lots of rice and broccoli. And when I have had the energy or good fortune to cook something lovely, it’s often felt wrong to post a picture of it when I know so many other people have nothing to eat, or are just struggling so hard to keep it together right now. I don’t know. This year is just such a pile of dung. This week has been particularly hard. I hope everyone is staying safe and taking care of yourselves and your loved ones.“

Das passte in meine schon länger vertretene Grundaussage, dass wir bitte alle etwas netter zu uns selbst sein sollten. Niemand muss im Lockdown zwei Fremdsprachen und Jonglieren lernen, man darf auch in seinem Job etwas weniger produktiv sein, es ist verdammt nochmal Pandemie und Ausnahmesituation.

Der Post passte aber auch zu einem anderen Post, nämlich von Vinoroma, der bei einer Mahlzeit die Tränen kamen. Ich musste an meinen durchgeflennten zweiten Gang im Tantris denken, wo der Wein mich schlicht nicht aufhören ließ zu weinen. Manchmal reichen auch die kleinen Dinge, um uns daran zu erinnern, dass wir noch hier sind.

„I still can’t tell you what exactly happened to me as i was eating this. It was October 8th, during a relative lull in the pandemic numbers in our area, when restaurants were allowed to be open and we enjoyed the still warm weather sitting outside on the makeshift patio of our favorite restaurant. ⁣

I took my first forkful and it just hit me. I couldn’t hold back the tears. I ate the whole plate while tears were streaming down my face, that had never happened to me before. I had found dishes amazing and orgasmic and unforgettable and even proposed marriage to a cook once or twice…. but had never cried before. ⁣[…]

And that might be the best way to describe why i love SantoPalato so much. Other than the tangible superiority in product quality, the finest palate in combining and balancing flavors, the surest hand in executing elevated techniques for seemingly simple dishes, it is the love and passion of the whole team led by Sarah, evident in everything even during this time of uncertainty as to safety, lacking social interactions and failing businesses. It is how they still say: “We love you. We will keep on cooking and serving as long as we can. This is what we do.”⁣“

Was schön war, Donnerstag, 19. November 2020 – Erfolgreich verteidigt, Pizza und Champagner (Und dann noch einen) ((Ach, weil’s grad so nett ist))

Die Mail vom Doktorvater kam vorgestern abend noch: Bitte um 9.45 Uhr zur lauschigen Zoom-Konferenz einwählen, damit wir notfalls noch an der Technik rumzuppeln und dann um 10 starten können. Sine tempore! Das dürfte der einzige Termin in acht Jahren Uni sein, der nicht c. t. losging. Gut, dass wir darüber gesprochen haben.

Ich war seit fünf Uhr wach, keine Ahnung, warum, haha, kochte Kaffee, verbrachte nutzlos viel Zeit im Bad, warf mich in anständige Klamotten anstatt der üblichen Leggings und bestaunte mein sehr leergeräumtes Arbeitszimmer. Die Uni hatte mir mitgeteilt, dass man bei Zoom-Konferenzen erstmal seinen Ausweis in die Kamera halten müsse, man weiß ja nie, wer da einen Doktortitel haben will, und dann sollte man der Kommission einen 360-Grad-Rundumblick seiner Umgebung gönnen, damit da niemand unter dem Schreibtisch hockt, der mir Spickzettel zusteckt. Glaube ich jedenfalls, dass das der Grund ist, mir fällt sonst keiner ein außer alle Uni-Menschen gucken sich wie ich gerne fremde Wohnungen an, aber dafür gibt es ja Instagram.

Ich hatte vorgestern also brav nicht nur in allen Ecken staubgesaugt und -gewischt, sondern auch die Yogamatte ins Schlafzimmer getragen, die plüschigen Simpsons-Schuhe nach nebenan gebracht, das Stofftier vom Sofa genommen und, vermutlich in einer irren Übersprungshandlung, das deutlich am Rücken zu erkennende Buch des Drittprüfers hinter mir aus dem Regal gezogen und es in meine Nicht-Arbeits-Bibliothek nebenan gebracht, damit nicht der Eindruck einstehen könnte, ich würde mich irgendwie einschleimen wollen.

Donnerstag morgen tigerte ich dann sinnlos in der Gegend rum, ging nochmal meine Karteikarten durch, schlug noch eine Sache in der Diss nach, die mir im Bad eingefallen war, und natürlich kam quasi nichts von dem dran, was ich gelernt hatte. Fast nichts, ein paar Statistiken und Fun Facts konnte ich unterbringen, aber vermutlich dienten diese Karten eh nur dazu, meine eigene Nervosität zu bekämpfen. Ich habe noch nie eine Dissertation verteidigt, ich wusste schlicht nicht, was auf mich zukommt.

Um 9.44 Uhr saß ich aufgehübscht am Rechner, LMU-Studiausweis und Perso neben mir, ich hatte gerade noch das Post-it auf dem Schreibtisch befolgt – „Handy in Flugmodus, alle Programme außer Mail aus“ und das dann bei beginnender Prüfung auch, weil Mails bei mir sichtbar auf dem Bildschirm aufploppen und ich nicht wollte, dass bei freigegebenem Bildschirm blöder Spam auftauchte, den mein Filter nicht erwischt hatte. Vergaß ich natürlich, aber so sah ich immerhin mitten in der Prüfung (ohne freigegebenen Bildschirm) eine freundliche PayPal-Spende, dankeschön!

Ich loggte mich um 9.46 ein, man will ja nicht übereifrig erscheinen, Papi war schon da, der Rest ließ sich noch etwas Zeit, was meinem Doktorvater die Gelegenheit gab, mir noch einen Tipp mitzugeben. Seine Doktormutter hätte ihm nach der Prüfung gesagt, er habe wie ein Tagesschausprecher gewirkt – ich könne ruhig so locker sprechen wie immer. Gut, dass ich das nur halb beherzigt habe, denn auch durch das Blog habe ich mir in den letzten Jahren einen gewissen Plauderton angewöhnt, wenn es um schlimme Nazikunst geht. Dem versuchte ich bewusst in den letzten Tagen gegenzusteuern und redete selbst mit mir, als ob ich vor einem Uni-Seminar stände und ich meine, das war eine gute Idee. Ein paar Flapsismen sind mir durchgerutscht, aber das schien die Note nicht beeinträchtigt zu haben.

Wir warteten zu fünft (drei Prüfer:innen, die Protokollantin, icke), bis es Punkt 10 war, dann sollte ich mit meinem Vortrag anfangen. Ich fragte, ob ich nicht noch den Ausweis zeigen und den Schwenk machen … aber alle winkten nur amüsiert ab, nee, Quatsch, geht los jetzt. UMSONST STAUBGEWISCHT!

Ich überzog meine 15 Minuten etwas, was aber auch daran lag, dass sich das Internet bei einem Prüfer verabschiedete und dann auch kurz bei mir, supi, war aber alles kein Beinbruch. Generell war es eine äußerst entspannte Geprächssituation, aber ein paar Fragen brachte mich dann doch ins Schwitzen. Schon beim Doktorandenkolloquium wurde ich gefragt, ob man einen Künstler, der sich in den Dienst des NS-Systems gestellt hätte, genauso wissenschaftlich aufarbeiten sollte, dürfte, müsste wie jeden anderen. Vor vier Wochen bejahte ich das, aber als die Frage gestern noch einmal kam, ahnte ich, dass es noch eine andere Antwortmöglichkeit geben müsste, die mir blöderweise nicht einfiel. Ich begründete meine Antwort damit, dass die Damen und Herren auf der GDK größtenteils ausgebildete Künstler:innen gewesen seien (auch Protzen hat hier in München studiert), die Werke wurden als Kunst produziert und als Kunst gehandelt – dass Teile meines Fachs sie als „Unkunst“ bezeichnen, zum Beispiel Max Imdahl, halte ich für falsch. Dementsprechend würde ich auch die Handelnden nicht anders aufarbeiten als Künstler:innen aus anderen Epochen. Es muss allerdings immer der Kontext gegeben werden, in dem ihre Werke entstanden; deswegen sind die Werke zur Reichsautobahn auch keine Industrieabbildung oder eine Landschaftsdarstellung, sondern Teil einer politischen Inszenierung. Aber da die Frage bereits zum zweiten Mal kam, werde ich über diese Aussage bis zur Drucklegung der Diss noch weiter nachdenken.

Auch andere Fragen ließen mich ahnen, an welchen Stellen ich noch nacharbeiten muss – oder sollte: Ich kann das Ding jetzt sofort auf den Uniserver stellen und dann darf ich mich „Doktor“ nennen, ich nehme die Pointe des Eintrags mal total vorweg. Ich kann das ganze aber auch noch überarbeiten und erst dann veröffentlichen, bis dahin darf ich mich laut meiner Prüfungsordnung Dr. des. nennen. (Ich habe gerade aus dem verlinkten Artikel gelernt, dass die weibliche Form dieses Titels „Doctrix designata“ lautet, was für mich wie eine finnische Heavy-Metal-Band klingt and I think that’s beautiful.)

Mein Vortrag war übrigens abgelesen. Acht Uni-Jahre lang habe ich immer bequengelt, wenn Leute vorlesen und nicht frei sprechen, aber ich wollte meine Punkte exakt und sauber rüberbringen und das ging am besten mit Ablesen. Ich ahne, dass ich so sogar langsamer spreche als normal, was nie ein Fehler ist.

Weitere Fragen bezogen sich auf meine inhaltliche Anordnung – ob ich auch über eine andere als über die chronologische nachgedacht hatte? (Ja, sogar ausprobiert.) Es wurde nach einer speziellen Einordnung gefragt, über die ich lustigerweise gerade einen Abstract für einen Vortrag geschrieben hatte, das schien also eine gute Idee gewesen zu sein. Es ging um bildwissenschaftliche Fragen, bei denen ich immer glaube, keine Ahnung zu haben, weil ich mich eher als Kunst*historikerin* sehe anstatt als Bildwissenschaftlerin. Generell gaben mir die Fragen eine Ahnung davon, was der Arbeit gefehlt hatte bzw. welche Gedanken sie noch besser machen könnten, was ich sehr hilfreich fand. Auch wenn ich mir innerlich ständig an die Stirn schlug, so nach dem Motto „Da hättest du auch selbst drauf kommen können.“

Natürlich hatte ich die 45 Minuten nach dem Vortrag das Gefühl, nur Quatsch zu reden, aber es schien okay gewesen zu sein. Nach gut einer Stunde wurde ich per Zoom in den Warteraum geschubst, saß sinnlos vor dem Rechner, wagte es nicht, aufs Klo zu gehen und wurde schließlich nach 15 Minuten wieder reingebeten. „Frau Gröner, die gute Nachricht vorneweg: Sie haben bestanden.“ Ich machte anscheinend ein Idiotengesicht, alle freuten sich mit mir. „Die Diss haben wir mit magna cum laude bewertet, die Verteidigung ebenso, daher ergibt sich eine Gesamtnote von … “ Schon klar, aber schön, es zu hören. Ich machte weiter mein Idiotengesicht, bemühte mich, total professionell nicht zu heulen, weil dann doch arg viel Spannung abfiel, es ging noch um ein paar Formalitäten und dann war ich Doktor (des.).

Normalerweise hätte ich dann den Raum in der Uni oder im Zentralinstitut für Kunstgeschichte verlassen, F. und vielleicht noch ein paar andere Menschen hätten draußen auf mich gewartet, möglicherweise mit Sekt und einem gebastelten Doktorhut, aber das fiel gestern leider alles aus. Ich klappte den Rechner zu und guckte, wie ich mich so als Doktor fühlte und dann fing ich endlich an zu heulen.

Nachdem die Tränen getrocknet waren, wurde das Mütterchen angerufen, dann bekam F. eine DM, wir verabredeten, wann er rumkommen sollte, danach empfingen die beiden Hamburger Damen gleichzeitig eine WhatsApp mit dem Doktorhut-Emoji, woraufhin ich mit gifs überschüttet wurde, anschließend bekam Schwesterherz eine WhatsApp und dann twitterte ich.

Und dann stand ich weiter sinnlos im Arbeitszimmer rum und wusste nichts mit mir anzufangen. Das war doch ein arg antiklimaktisches (vorläufiges) Ende von drei Jahren Promotion. Ich schlüpfte in die Bequemklamotten, aber das kam mir sofort falsch vor, also zog ich das Verteidigungs-Outfit wieder an und behielt es auch bis nach der letzten Flasche Champagner an, wie sich das am Tag der Disputation gehört.

F. kam netterweise recht schnell vorbei und überreichte mir das passendste Geschenk aller Geschenke:

Dann öffneten wir die erste von drei Flaschen Champagner bzw. Schaumwein und ließen es uns gutgehen. Mittendrin trudelte das Gutachten der Zweitprüferin ein, das mich sehr freute und an dem ich auch sehen konnte, wo meine eigenen Zweifel an der Arbeit (leider) berechtigt gewesen waren. Sehr gute Denkanstöße, die ich vermutlich alle umsetzen werde. Außerdem stand da auch die Note von 1,0 für die Diss, was mich außerordentlich freute. (Gutachten von Vati ist noch nicht da.) Edit: Auch vom Doktorvater gab’s eine 1,0, auf die ich mir durchaus etwas einbilde.

Irgendwann wurde Pizza bestellt, ich sah die vielen, vielen Glückwünsche auf Twitter (DANKESCHÖN!) und begann mich so langsam zu freuen. Das fehlte nämlich irgendwie, ich war so angespannt, dass ich mich erst allmählich an den Titel gewöhnte. Seit Jahren hatte ich ihn haben wollen und jetzt, wo er quasi da ist, war es eher so „Okay then. Next!“

Da wir bereits um 13 Uhr mit dem lustigen Trinken begonnen hatten, lagen wir um 22 Uhr äußerst erschöpft im Bett. Eine Reservierung im Lieblingsrestaurant zum Feiern war, genau wie die Prüfung vor Ort an der Uni, aus bekannten Gründen nicht möglich, aber das holen wir heute so halbwegs nach: Das Broeding bietet Menüs to go an, die F. uns heute abend anschleppen wird.

2020 mag ein richtiges Scheißjahr sein, aber es ist jetzt auch das, in dem ich meinen Doktortitel bekam. Frau Dr. des. ruht sich nun erstmal ein paar Tage aus.

Tagebuch seit irgendwann, ich zähle nur noch die Tage runter

Morgen wird die Dissertation verteidigt. Montag war ich noch einmal im ZI und las ein paar grundlegende Texte durch, die ich zwar alle kenne, aber man weiß ja nie. Weiß ich übrigens wirklich nicht, ich habe keine Ahnung, wie eine Verteidigung abläuft. Die Promotionsordnung sagt folgendes:

„Die Disputation ist hochschulöffentlich und soll mindestens 60 Minuten und höchstens 90 Minuten dauern. Die Doktorandin oder der Doktorand hält ein 15-minütiges Referat zu Thesen, die überwiegend ihre oder seine Dissertation betreffen. Die anschließende Fachdiskussion geht vorwiegend auf Themen und Fragen ein, die sachlich oder methodisch mit der Dissertation zusammenhängen, und soll sich auch auf das Fach der Promotion erstrecken.“

(Ich meine ja, dass der Begriff „Doktorand:innen“ diesen Block viel lesbarer gemacht hätten, aber das ist eine andere Baustelle.)

Mein 15-minütiges Referat dauert nach dem gestrigen Durchgang 16 Minuten, das nehme ich so. Ich habe nicht alle Thesen und Fragestellungen meiner Diss drin, aber dann würden auch 30 Minuten nicht reichen. Vor den Themen und Fragen, die sich sachlich und methodisch auf meine Diss beziehen, fürchte ich mich nicht, denn ich glaube, über NS-Kunst habe ich in den letzten Jahren oft genug gebloggt, das habe ich drauf. Außerdem: yes, please, fragt mich nach meinen Methoden! Ich plaudere so gerne aus Archiven.

Was mich nervös macht, sind die Fragen zum Fach allgemein. Was fragt man denn da? „Frau Gröner, wie halten Sie’s denn mit der Kunst?“ „Hm? Was?“ Keine Ahnung. Ich habe in den letzten Tagen neben der Diss und den Texten zur NS-Kunst nochmal die Autobahngeschichte aufgefrischt, obwohl dazu vermutlich nichts kommen wird, was total schade ist, weil ich jetzt NOCH MEHR weiß als das, was schon in der Diss steht. Ich bin nicht wegen der Prüfung nervös, sondern weil ich auf kaum etwas vernünftig lernen kann. Lernen beruhigt mich immer.

Stattdessen ein paar Folgen „The Crown“ geguckt und nicht Fußball. War wohl eine gute Entscheidung.

Gestern außerdem den Kopf durch einen Spaziergang zur Bibliothek freigemacht. Normalerweise radele ich zum Buchabgeben nur flink hin, aber dieses Mal nahm ich den für mich beschwerlicheren Fußweg auf mich. Das war schön. Beim Überqueren des Alten Nordfriedhofs sah ich drei Menschen, die Fitnessübungen vollführten, auf einer Decke mit Gerätschaften. Ich weiß selber nicht, warum mich das deutlich mehr störte als die joggenden Menschen zwischen den Gräbern. War der englische Garten zu voll?

Vorgestern holte ich ein Päckchen aus dem Briefkasten, in dem sich zwei Masken von FaceIt befanden. Die hätten eigentlich schon vor zwei Wochen hier sein sollen, aber ich Depp hatte mich bei der Postnummer für die Packstation verschrieben. Also schrieb ich eine Mail und bat um erneute Zusendung, falls das Päckchen (aka der dickere Briefumschlag, der auch in meinen Briefkasten passt, worüber ich auch nicht nachgedacht hatte) schon per Retoure wieder in Berlin wäre. Fünf Minuten nach der Mail klingelte mein Handy, FaceIt war dran und bedauerte die Umstände, obwohl das ja alles meine Schuld gewesen ist. Ich hoffte darauf, dass die Sendung noch retour ging, denn wenn man sieben Tage nichts aus der Station holt, geht es ja zurück. Mir wurde zugesichert, dass man das nochmal verschicken würde, so passierte es auch, und so sah das vorgestern aus:

Das fand ich sehr nett. Und die Maske trägt sich auch gut: Der höhere Nasensteg ist für mich als Brillenträgerin praktisch, einen Alu-Bügel zum Zurechtklemmen gibt’s auch, die Ohrschlaufen kann man in der Weite verstellen und überhaupt gibt es verschiedene Größen für die Masken, was ich auch gut finde mit meinen dicken Bäckchen. Außerdem kann man die Weite zusätzlich mit einer Perlenschnur am Hinterkopf feststellen. Und wenn man die Maske nicht auf der Nase trägt, baumelt sie an dieser Schnur um den Hals. Top! Der Tipp für die Maske kam vom @frequenzfisch, dem ich als Brillenträger gleich geglaubt habe.

Ein säuerliches Dankeschön …

… an Jakob, der mich mit meinem zweiten Brotbackbuch überraschte, nämlich Brot backen in Perfektion mit Sauerteig von Lutz Geißler, den wir alle vom Plötzblog kennen und schätzen. Sein Hefebackbuch wird hier brav durchgebacken, gerade vor einigen Wochen standen mal wieder Baguettes auf dem Speiseplan. Jetzt habe ich auch eine idiotensichere Anleitung für verschiedene Sauerteige.

Einen hatte ich zu Beginn der Pandemie schon mal nach Ratschlägen aus dem Interweb angesetzt, merkte aber, dass ich doch nicht so oft Brot backe wie mit Hefe, was möglicherweise auch am damals eingeschränkten Mehlangebot lag. Nebenbei ließ die Triebkraft des Ansatzes doch ziemlich nach, vermutlich hatte ich irgendwas falsch gemacht, so dass ich irgendwann Hefe beimischte und mich schließlich fragte, warum ich dann nicht gleich nur mit Hefe backe. Weil ich aber weiß, wie gut Sauerteigbrot schmeckt, starte ich gleich mal ein neues Gläschen im Kühlschrank anstatt wie in der letzten Zeit dauernd zum tollsten Bäcker Münchens zu rennen. Vor allem, weil jetzt, im Gegensatz zum Beginn der Pandemie, auch anscheinend genug Mehl im Handel ist, so dass ich lustige Dinge wie Roggenvollkorn Type 1150 einkaufen kann, das ich bisher noch nicht im Schrank hatte. Vielen Dank für das Geschenk (und die vielen anderen vorher sowie die PayPal-Spenden, much appreciated gerade!), ich habe mich wie immer sehr gefreut.

Tagebuch Samstag, 14. November 2020 – Schreibtischtag

Die Diss fertig gelesen, viele Notizen gemacht. Einiges auf Karteikarten übertragen, die ich jetzt auswendig lerne. Das meiste weiß ich eh, aber dann habe ich das Gefühl, mich anständig vorzubereiten. Das Skript für den Vortrag präzisiert und gekürzt, die Präsentation finalisiert.

In meiner Diss zitiere ich den aus Österreich stammenden Komponisten Ernst Krenek (1900–1991), der 1938 in die USA emigrierte, mit folgendem Satz von 1935: „Man könne mit dem Nationalsozialismus nicht teilweise sympathisieren, denn er strebe danach, ein allumfassendes totalitäres System zu sein, und er sei es auch schon.“ Das wird auch in der Dauerausstellung des NS-Dokumentationszentrums hier in München sehr deutlich, wenn es wieder geöffnet hat, empfehle ich immer einen Besuch.

Gestern musste ich an diesen Satz denken, als ich folgenden Artikel las:

Wie die Nazis ein Kochbuch stahlen

„Im Sommer 1949, elf Jahre nach ihrer Flucht vor den Nazis, kehrte die jüdische Wienerin Alice Urbach erstmals in ihre Heimatstadt zurück. Sie streifte durch Wiens Gassen, stand weinend vor einem Haus, das einst eine Synagoge gewesen war, in der sie viele Jahre zuvor Hochzeiten gefeiert hatte, und kam irgendwann an einem Buchladen vorbei. Im Schaufenster lag ein Buch: „So kocht man in Wien!“ Es sprang ihr sofort ins Auge. Der Grund: Sie hatte das Buch verfasst. Doch auf dem Umschlag stand ein anderer Name: Rudolf Rösch. Wie konnte das sein?

Diese Frage stellte sich die Köchin bis zu ihrem Tod im Jahr 1983. Und noch heute fragt es sich ihre Enkelin Karina Urbach. Die Historikerin forscht in Princeton und lehrt in London, im Streit um das Vermögen der Hohenzollern förderte sie wichtige Quellen zutage. Nun hat sie die Geschichte ihrer Großmutter aufgeschrieben. Dafür durchforstete sie alte Tagebücher und Briefe, und in Archiven in Wien, London und Washington fand sie längst verloren geglaubte Schriften, Tonbänder und Filme. Aus den Recherchen ergibt sich das Bild einer Frau, die es ihr Leben lang nicht übers Herz brachte, über das Schicksal ihrer drei Schwestern zu sprechen, die im Getto von Lodz und im Konzentrationslager von Treblinka ermordet wurden, aber bis ins hohe Alter immer wieder ihr Kochbuch zurückforderte. „Dahinter steckte wohl die Hoffnung, wieder Kontrolle über ihr Leben zu erlangen“, sagt Karina Urbach, „als eine Art Wiedergutmachung.“ Alice Urbach war diese Kompensation Zeit ihres Lebens nicht gegönnt. Ihre Enkelin hat sie nun doch noch erreicht, fast 40 Jahre später.“

Tagebuch Donnerstag/Freitag, 12./13. November 2020 – Lesen, schwitzen, lesen und ein kleiner Schokobär

Donnerstag wühlte ich mich durch die längsten Kapitel meiner Diss, notierte lauter schicke Dinge und wurde wieder etwas besser gelaunt, weil die Arbeit stimmiger wurde und mir weitaus weniger Fehler oder Ungenauigkeiten auffielen.

Nach neun Stunden am Schreibtisch (minus einer Mittagspause mit Brokkoli im Backteig) wollte ich, für mich sehr ungewohnt, nicht aufs Sofa, sondern mich dringend bewegen. Im Programm war erneut Shotokan vorgesehen, also das weniger schweißtreibende, wenn auch angenehme Halten von Positionen. Das erledigte ich brav und konzentriert und klickte dann irgendein neues Workout an, das nach Cardio und Schweiß aussah. Das war es dann auch, ich schwitzte nach dieser halben Stunde an Stellen, an denen ich noch nie geschwitzt hatte. Die hyperaktive Trainerin hatte ihren Ehemann dabei, der alles mitturnte und netterweise danach genauso fertig aussah wie ich. Ich sehe das gern, dass austrainierte, schlanke Menschen genauso schwitzen wie ich.

Die einfache Methode dieser Einheit: Wir machen eine Übung eine Minute lang, dann kurz Pause, dann dieselbe Übung nochmal und ohne Pause eine weitere hintendran, dann Pause, dann alles von vorne und noch eine dritte Übung hinterher und so weiter. Das waren insgesamt fünf Übungen, also eigentlich nur fünfzehn Minuten richtige Arbeit, aber die reichten dann auch. Eine der Übungen war, schnell auf der Stelle zu joggen (eigentlich auf der Stelle zu hüpfen, aber das kann ich mit meinem Matschfuß nicht) und dabei in ordentlichem Tempo mit beiden Armen nach vorne zu boxen. Die fitte Animierdame musste sich also fünfmal Dinge überlegen, die sie dir zur Anfeuerung durch den Rechner ruft, und sie begann mit dem üblichen „mal alle Agressionen rauslassen“ und ähnlichem, was mich eher nervt, denn ich will ja gar keine Aggressionen abbauen, sondern gut gelaunt schwitzen. Irgendwann schwenkte sie um auf „Stellt euch vor, vor euch hängt eine Piñata, die ihr zertrümmern müsst“ und das fand ich gut. Schon taten die Ärmchen nicht mehr weh.

Geschlafen wie ein Stein. Ein zufriedener, durchgeschwitzter Stein.

Gestern radelte ich morgens mal wieder ins ZI. Im Laufe des Neu-Lesens kamen mir doch noch ein paar Fragen, von denen einige möglicherweise auch nächste Woche an mich gerichtet werden könnten, weswegen ich noch ein bisschen Literatur auffrischen wollte. Ich zog die üblichen Kataloge und Tagungsbände aus den Regalen, las und las und las und merkte irgendwann, dass ich bei den meisten Texten innerlich dauernd dachte „weiß ich, weiß ich, weiß ich auch“. Das war ziemlich schön zu merken, dass man anscheinend doch was gelernt hat bei diesem Studierendingsda.

Die meisten Bibliotheken schließen, soweit ich das sehe, nicht mehr über die Mittagszeit, Schmierinfektionen scheinen also eher kein Thema mehr zu sein, so dass man durcharbeiten kann. Das ZI nicht, da ist um 13 Uhr Schluss, aber so lange brauchte ich eh nicht für meinen Stapel.

Ich holte mir ein schönes Päckchen aus der Packstation, danke, Rowohlt! und freue mich sehr auf Lesen. Rezension gefällig?

Gestern guckte ich nur kurz rein und weiß jetzt, dass Wagner an seinem Todestag einen rosafarbenen Morgenrock trug. Das bringe ich in der nächsten „Wagner und die maskulinen Hypernazis“-Diskussion sofort an.

Abends war Date Night. Seit dem neuerlichen Runterfahren des öffentlichen Lebens halten auch F. und ich wieder mehr Abstand und treffen uns meist nur einmal die Woche und zwar Freitagabend zur Date Night. Ich koche, der Herr bringt Wein und es wird meist lang und schön.

Gestern brachte der Herr noch einen kleinen Lindt-Schokoteddy mit, der mich verzweifeln ließ, weil ich schon einen großen Lindt-Schokoteddy vom letzten Jahr hier rumstehen habe, den ich partout nicht essen kann.

„Ich dachte, den kannst du nicht essen, weil du den Pulli so schön findest? Der kleine hat nämlich keinen.“
„Ich kann den nicht essen, weil er ein Teddybär ist. Jetzt kann ich ZWEI nicht essen!“

Gut, dass der Mann mir noch eine von diesen kleinen Eulen mitbrachte, die kann ich prima essen.

(Im Bild neben den zwei Schokobären der Bruegelbär aus dem Kunsthistorischen Museum in Wien und der Mandelblütenbär aus dem Van-Gogh-Museum in Amsterdam.)

Tagebuch Mittwoch, 11. November 2020 – 1000 doofe Fehler und 4 Eier

Je länger ich in meiner Diss lese, desto mehr Fehler und leider auch gedankliche Trugschlüsse fallen mir auf, was sehr schlechte Laune macht. Da war noch nichts dabei, was die grundsätzlichen Punkte meiner Arbeit kaputtmacht, aber da ist mir doch einiges durchgerutscht trotz 80 Korrekturgängen. Fuck. Meine innere Notenskala geht immer weiter runter.

Ich überlegte gestern, ob ich doch am ursprünglichen Plan hätte festhalten sollen – Abgabe im Oktober, Verteidigung im Februar 2021. Also quasi zum erstmöglichen Zeitpunkt im Juni fertigwerden, was ich ja auch geschafft habe, aber dann nicht abgeben, alles mindestens vier Wochen rumliegen lassen und nicht anfassen, und dann nochmal anständig über alles rübergehen. Netter Plan, aber ich ahne, dass ich das nicht umgesetzt hätte. Ich neige sehr dazu, in noch ein Archiv zu gehen und noch einen Text unterzubringen, und daher meine ich immer noch, dass es in Ordnung war, die Arbeit im Juni abgegeben zu haben, denn inhaltlich habe ich alles gesagt, was ich sagen wollte. Nur diese ganze Flüchtigkeitsscheiße macht mich jetzt wirklich irre. Meine Prüfungsordnung gesteht mir zu, die Arbeit zu korrigieren, bevor ich sie in die Welt entlasse – erst dann darf ich den hoffentlich errungenen Titel tragen –, aber Herr Doktorvater muss dann nochmal drüberlesen. Sorry, Vati!

Einzige Ablenkung gestern waren zwei Versuche, dieses irre Omelette zu reproduzieren, was dazu führte, dass ich sowohl als Mittag- auch auch als Abendessen Omelette aß. Leider nicht so schick aufgetürmt.

Beim ersten Versuch merkte ich, dass ich zuviel Öl und vermutlich auch zuviel Ei in der Pfanne hatte (2 Stück, hübsch verquirlt und gewürzt). Das Ei stockte erwartungsgemäß und ich konnte es auch mit den Stäbchen etwas verzerren, aber es war bereits zu dick, um so eingezwirbelt zu werden wie im Video.

Beim zweiten Versuch mit weniger Öl, aber derselben Menge Ei – ich hatte Angst, es würde sonst reißen – merkte ich, dass ich die Stäbchen nicht weit genug drehen konnte, um den Wirbeleffekt zu erzielen – das Ei in der Pfanne drehte sich mit den Stäbchen. Ich meine inzwischen im Video gesehen zu haben, dass die Pfanne in die entgegengesetzte Richtung gedreht wird, aber das habe ich noch nicht ausprobiert. Vier Eier haben gestern gereicht. Ich übe weiter.

Die @Wortpiratin podcastet jetzt auf Sport1: „Es geht um Menschen mit einer besonderen Fußballvita, einer besonderen Geschichte – und einer eigenen Botschaft. Zu Gast sind Aktivist*innen, Podcaster*innen, Blogger*innen und Spielerinnen, die ungewöhnliche und spannende Geschichten erzählen können und wollen.“ Gleich mal die erste Folge mit Frau @rudelbildung anhören.

Tagebuch Dienstag, 10. November 2020 – Bauch und Brokkoli

Schreibtischtag, das wird hier die nächsten Tage nicht interessanter. Also für mich schon, weil ich einerseits feststelle, dass ich eine schöne Diss geschrieben habe, die ich gerade sehr … sehr … langsam noch einmal durchlese. Andererseits auch nicht, weil mir Flüchtigkeits-, Bezugs- und Rechtschreibfehler auffallen. Memo to me: bei der nächsten Diss Geld für ein Lektorat in die Hand nehmen.

Mittags stand ich vor dem Kühlschrank und wusste nicht so recht, was ich machen soll, bis mir einfiel, dass ich beim letzten Asiamarkt-Besuch eine Tüte Kichererbsenmehl mitgebracht hatte. Daraus wurde Pakorateig mit Kurkuma und Chili, durch den ich Brokkoliröschen zog. Dazu gab’s kein Raita, wie sich’s gehört, sondern gnadenlos Tsatsiki, weil ich Lust auf Knoblauch hatte. Hauptsache Jogurt und Gurke.

Das abendliche Sportprogramm war gestern mal wieder die Bauch- und Rückenmuskeleinheit, auf die ich immer am wenigsten Lust habe, aber gestern konnte ich zum ersten Mal die komplette geforderte Zeit meine olle Plank halten, was mich motivierte, mich beim Restprogramm ähnlich fies anzustrengen, weswegen ich danach sehr erschöpft auf dem Sofa rumlag. Um die hart angegriffenen Energiereserven wieder aufzufüllen, kochte ich eine kleine Portion Milchreis. Nun sind die Kirschen, die ich neulich für den Plunderversuch brauchte, auch fast alle.

F. schickte mir gestern einen Artikel, nach dessen Lektüre ich gleichzeitig Fernweg und Hunger hatte. Also klickt den am besten gar nicht an, vielleicht so im Juli 2021, wenn wir wieder reisen können, ganz eventuell?

Auch F.: „Friedhofshonig … mehr Wien geht echt nicht.“

Schnitzel, Schnecken, Schanigarten: Die Wiener und ihr Essen

„Das Schnitzel ist so etwas wie das Logo der Wiener Küche. Jeder Wiener weiß, wo es das ultimativ beste gibt, ob Kalb oder Schwein, ob mit Erdäpfelsalat oder Pedasü-Erdäpfeln, ob mit oder ohne Preiselbeer. Das Wiener Saftgulasch ist das zweite Standbein der klassischen Wiener Fleischgerichte, dann kommt noch der Tafelspitz, dann kommt lange nix. Um halb eins in der Früh vielleicht noch eine Käsekrainer am Würstelstand oder ein Paarl Frankfurter. Die überall sonst auf der Welt “Wiener” heißen, wohlgemerkt.

Fleisch ist im kulinarischen Bewusstsein der Wiener immer noch “die Hauptspeis”: Wohl weil gerade die klassischen Fleischgerichte lange ein Privileg der Reichen waren, erst in den letzten Jahrzehnten ist Fleisch leistbar, sogar billig geworden.

Auf wessen Kosten, steht auf einem anderen Kaszettl: Billiges Fleisch bedeutet Tierleid und Ausbeutung – und ist der guten Wiener Küche nicht würdig. Die wenigen verbliebenen Wiener Fleischhauer sind sich der Verantwortung bewusst – allen voran die Fleischerei Leopold Hödl in Liesing, der letzte Wiener Fleischer, der noch selbst schlachtet. […]

Wien ist, man sagt es gerne, weltweit eine der Großstädte mit dem höchsten Grünlandanteil. Für Milchwirtschaft oder Getreideproduktion reicht das zwar immer noch nicht, aber es ist faszinierend, wie viele landwirtschaftliche Produkte innerhalb der Wiener Stadtgrenzen hergestellt werden. […]

“Kaum eine Millionenstadt hat so viele Umbrüche und Neustarts erlebt wie Wien, und doch gilt sie heute als lebenswerteste Stadt der Welt”, meint die Wiener Foodbloggerin Alexandra Palla. Das lässt sich auch schmecken: “Es gibt hier moderne Landwirtschaft, kreative Lebensmittelproduzenten und innovative Konzepte.”

Je mehr das Wiener Schnitzel zum ultraflachen Touristikkonzept verbraten wird, desto mehr regionale Produzenten sorgen für einen Relaunch der Wiener kulinarischen Identität von innen. […]

Apropos Kaffee: Das Grundnahrungsmittel der Wiener Identität gibt’s natürlich auch aus lokaler Produktion. Der Meinl und der Naber sind wohl die bekanntesten, Aficionados pilgern lieber zur Kaffeerösterei Alt Wien in die Schleifmühlgasse, zur Kaffeefabrik oder zu den Hipstern von Jonas Reindl. Der Nostalgiker mag das als “Bobo-Schas” bezeichnen – aber genau so wird Kaffeekultur am Leben gehalten. Denn so schön das Kaffeehaussitzen, das es nirgendwo sonst in dieser Ausführlichkeit gibt, auch ist: Ohne an gscheidn Kaffee geht das halt net.

Der Wiener ist prinzipiell Experte für eh alles: Fußball, Kindererziehung, Hundehaltung oder kulinarisches Fachwissen. Deshalb gibts in Wien u. a. das beste Brot (Gragger vs. Joseph Brot, das ist Brutalität!), den besten Schinken (vom Thum), den besten Essig (vom Gegenbauer), die beste Marmalad (vom Staud), den besten Senf (vom Ramsa), den lustigsten Honig (der Friedhofshonig von der Bestattung Wien) … und, natürlich, das beste Sauerkraut.

“Noch vor 50 Jahren gab’s in Wien über 70 Sauerkrautproduzenten!”, erzählt Naschmarkt-Grandseigneur Leo Strmiska, besser bekannt als “Gurkerl-Leo”. Heute gibts nur noch zwei. Leo selbst ist schon in Pension, sein Stand am Naschmarkt wird aber weitergeführt, das legendäre Champagnerkraut und die Salzgurken (Katerwundermittel!) gibt’s nach wie vor in bewährter Qualität, da ist Leo selbst dahinter.“

Tagebuch Montag, 9. November 2020 – Slurry and slurp

Morgens in die Stabi geradelt, um einen Stapel Bücher abzugeben und einen kleineren Stapel wieder zum Rad zu schleppen. Mich mal wieder über diese herrliche Einrichtung gefreut, die mir umsonst Lesestoff gibt, so oft ich will. Vergessen, die gestrige FAZ über den Bibliothekszugang zu lesen, wie ich das in der vergangenen Woche gemacht habe, aber das kann ich ja nachholen. Auch das umsonst. Große Freude.

Es war erneut Schreibtischtag angesetzt wie immer bis nächste Woche, wo eifrig verteidigt wird. Mein Skript steht (vorerst), die Präsentation ist schnell gebastelt (mache ich heute), und ich bin gerade dabei, meine eigene Diss noch mal brav Satz für Satz von vorne nach hinten durchzulesen und mir die Hauptstichpunkte, die wichtigste Literatur, die cleversten Einfälle zu notieren und die als Nebenbei-Skript auswendig zu lernen. Das weiß ich zwar im Prinzip alles, ich habe das schließlich selbst aufgeschrieben, aber von meinen 1000 tollen Fakten habe ich garantiert 500 schon wieder in den Hinterkopf geschoben, von wo ich sie jetzt hervorschaufele.

Beim erneuten Nachdenken über das Thema ist mir aufgefallen, dass ein Schluss, den ich in der Diss zog, auch genau gegenteilig gezogen werden könnte. Ich überlege seitdem, ob das total oder nur ein bisschen bescheuert ist, das bei der Verteidigung anzubringen. Momentane Taktik: Klappe halten und gucken, ob es wer anspricht. Ich kann meinen Schluss hervorragend verargumentieren (siehe Diss), aber seit gestern fallen mir blöderweise auch Argumente für die Gegenseite ein. Stupid Wissenschaft, nie ist irgendwas fix und final.

In einer langen Mittagspause die ersten zwei Folgen der neuen Staffel der Baby-Yoda-Show angeguckt. Anscheinend haben die Macher:innen gemerkt, wie toll wir alle den Säugling finden und lassen ihn jetzt deutlich mehr rumfiepsen und niedlich sein. Mir fehlt noch ein bisschen der Beeindruckungseffekt, den die kleine Knutschkugel in der ersten Staffel hatte; im Moment ist The Child nur lustig oder knuffig. Bisschen dünn. Aber über die letzte Szene der zweiten Folge – slurp –, lache ich immer noch. (Das ist nicht die letzte Szene, das wäre ja ein fieser Spoiler.)

Apropos Essen: Ich ließ mir außerdem in der Mittagspause von der NYT erklären, wie man Ofenkartoffeln macht. Ja-haa! Die mache ich zwar seit Jahrhunderten, aber ich werde die Zubereitung jetzt leicht abwandeln.

Bisher lautete meine Vorgehensweise: Kartoffeln schälen oder auch nicht, die mundgerechten Stücke in Öl mit Gewürzen wälzen, roh aufs Blech, Stunde backen, fertig. Gestern probierte ich aber die Idee, die Kartoffeln vorher zu kochen bzw. immerhin anzukochen, wozu ich ein bisschen Natron ins Wasser gab. Während alles kochte, erwärmte ich einen Zweig Rosmarin, einen Zweig Thymian und drei gepresste Knoblauchzehen in Olivenöl, goss es ab und hob die leicht gebräunten Knoblauchkrümel auf. Als die Kartoffeln latent gekocht waren, goß ich das Wasser ab, gab das Öl in den Topf und schüttelte alles sehr kräftig zwei-, dreimal durch. Die Kartoffeln brachen an der Oberfläche etwas auf, es sah ein bisschen wie Kartoffelbrei aus – slurry eben, so nannte es das Rezept der Times, die auch noch Parmesan wollte, aber den habe ich mir gespart. Dann kam alles aufs Blech wie gewohnt und briet eine gute halbe Stunde vor sich hin. Zum Servieren gab’s die Knoblauchkrümel, ein bisschen frische Petersilie und einen kleinen Jogurtdip. Toll. Die Oberfläche ist knuspriger und das Innere flauschiger aka alles ist zehnmal besser als roh aufs Blech. Wieder was gelernt.

Tagebuch Sonntag, 8. November 2020 – Always online

Gemeinsam aufgewacht, aber für meinen Geschmack natürlich viel zu kurz noch rumgelungert. F. wollte zu Fuß zu seinen Eltern in einem Vorort gehen, was so um die vier Stunden dauert, weswegen er sich irgendwann auf den Weg machen musste, um nicht erst in der Dämmerung dort anzukommen.

Ich puschelte in der Wohnung rum, guckte eine Serienfolge, hing aber dann doch eher wieder den ganzen Tag auf Twitter rum, um bloß kein Meme zu verpassen. Twitter fühlt sich seit zwei Tagen deutlich besser gelaunt als vorher. Wenn man alle Tweets zur Leipziger Idiotendemo ignoriert. Mpf.

Nachmittags saß ich wieder am Schreibtisch und korrigierte meinen First Draft zur Verteidigung, der mir ziemlich gut gefiel. Mal sehen, wie er sich spricht.

United States presidential pets

Aus der Wikipedia-Liste zu präsidialen Haustieren lernte ich, dass „Fido“ heute ein gebräuchlicher Hundename ist, weil der Hund von Abraham Lincoln so geheißen hatte. Generell fand ich den historischen Kontext wie immer spannend: dass George Washington und Ulysses S. Grant sowie weitere Präsidenten ihre Pferde behielten, mit denen sie in den Unabhängigkeits- bzw. den Bürgerkrieg gezogen waren. Dass First Lady Louisa Adams Seidenraupen besaß, um selbst Seide zu spinnen. Dass Rutherford B. Hayes die erste Siamkatze der USA besaß. Dass William Howard Taft seiner Tochter einen Hund schenkte, den er von Enrico Caruso bekam, die aber anscheinend lieber mit Kühen gespielt hätte. Dass die Wolle der Schafe auf dem Rasen des Weißen Hauses von Woodrow Wilson verkauft und der Erlös dem Roten Kreuz gespendet wurde.

The Trump Presidency Is Ending. So Is Maggie Haberman’s Wild Ride.

Habermans Name ist einer der wenigen, die ich von der NYT kenne, weil sie gefühlt täglich in ihr veröffentlicht. Sie kam eher zufällig zu diesem Job: Sie begann bereits 2001, über Trump zu schreiben, lange bevor er Kandidat wurde. Nach der Wahl 2016 brieften sie und ihre Kollegin das eher ungläubige Washingtoner Büro der Times über das, was ihnen nun mindestens vier Jahre bevorstehen sollte.

„Ms. Haberman has been, for the last four years, the source of a remarkably large share of what we know about Donald Trump and his White House, from the Mueller investigation to his personal battle with the coronavirus to his refusal to accept defeat. She’s done more than a story a day, on average, and stories with her byline have accounted for hundreds of millions of page views this year alone. That’s more than anyone else at The Times. She has consistently painted a portrait of a man who is both smarter and less competent than his enemies believe […]

I learned to report from Maggie — and to fear her — in City Hall in New York, where she was a reporter for The New York Post, and where she first covered Donald Trump. […] Ms. Haberman and I finally got to work together at Politico, where she threw me a byline on a 2011 story about Mr. Trump, in which she got at what would become a familiar theme: “The widespread assumption that Trump’s flirtation with the presidency is a publicity stunt is no doubt at least partly true. But that’s merely the point of departure for a man for whom almost every public move over the past 30 years has been a publicity stunt.” […]

She arrived at The Times in February 2015, the sort of midsenior hire who can easily get lost at a big institution, with the nominal mandate of writing a newsletter. […] Everyone wanted to cover the likely Republican nominee, Mr. Bush, and journalists at the time had “this impulse to just not cover” Mr. Trump, she recalled, which she thought was a mistake. So she became the Trump reporter more or less by default, and covered both the campaign’s rolling leadership crisis and the candidate’s divisive words.

When Mr. Trump stunned the country by winning, The Times’s Washington bureau chief, Elisabeth Bumiller, invited Ms. Haberman and another reporter on the Trump beat, Ashley Parker, to brief the Washington bureau on what was to come. In a meeting that has become Times lore, they told a room full of seasoned journalists what to expect. “Always assume you’re being recorded, assume anything you put in an email is going to be tweeted about by him or read aloud, that his aides lie to each other,” she recalled saying.

Ms. Bumiller and much of her team were skeptical. “I remember thinking that the president-elect she was describing — impulsive, unaware of the workings of government, with no real ideology — was exaggerated, and that the office would change him,” Ms. Bumiller said. “I was completely wrong and Maggie was completely right.”