Donnerstag/Freitag, 26./27. Januar 2023 – Kaufbeuren

F. und ich besuchten am Donnerstag abend die Eröffnung der Ausstellung „Nippon Mania“ im Kunsthaus Kaufbeuren. Ich fand die Hängung sehr gut; im ersten Stock wird man vorsichtig reingeholt mit eher gegenständlichen Werken, bevor man dann ein bisschen im Minimalismus rumhängt, sich an wenigen Skulpturen erfreut sowie den Altmeistern, die ja immer gehen. Im zweiten Stock kommen die Kunstwerke, mit denen man sich in Optik und Aussage vielleicht erst anfreunden muss.

Viele der Künstler und Künstlerinnen werden von der Münchner Micheko-Galerie vertreten, auf deren Artsy-Website man auch diverse Werke anschauen kann. Ich persönlich habe mich in die Keramik von Kayoko Mizumoto verliebt (Monster Kawaii 3 Herzchen-Emoji oder wie ich es nenne: HÖRNCHEN!), die fein gebastelten Papierwerke von Katsumi Hayakawa sowie die Holzschnitte bzw. deren Schablonen von Kenichi Yokono.

Sehr empfehlenswert für einen ersten Einblick in japanische Gegenwartskunst – und nur ein Stündchen Zugfahrt von München entfernt.

Dann wollten wir nur noch ein Bierchen trinken gehen, aber der Dicke Hund war so gemütlich, dass es ein paar mehr wurden. Und wer mir nach Ladenschluss auf die vorsichtige Frage, ob vielleicht noch ein Absacker ginge, antwortet „Na, ein kleines Bier kann ich euch noch machen“ und mir dann 0,3 vor die Nase stellt (aka ein normales Bier in Hamburg), hat eh gewonnen.

Am Freitag morgen erfreuten wir uns an einem guten Frühstücksbuffet im Hotel quasi direkt neben dem Kunsthaus. Vor allem das perfekt gekochte weiche Ei begeisterte; die kleinen Dinge halt. Ich merkte erst, als ich den heißen Dotter im Mund hatte, dass das jetzt genau das richtige war nach den ein, zwei kleinen Bierchen vom Vorabend.


Zwei Kirchen hatten wir am Donnerstagabend schon im Dunkeln angeschaut, und ich freute mich über noch nicht abgebaute Weihnachtsbäume. In die katholische gingen wir im Hellen noch einmal, um die Fenster zu würdigen. Dann spazierten wir ein bisschen durch die malerische Altstadt und verbrachten anschließend sehr aufschlussreiche Stunden im Stadtmuseum Kaufbeuren.

Wir begannen in der Krippenausstellung, bei der ich beim Reingehen sagte: „Im Vorbeigehen lernen“, was bei uns Code ist für „Wir rennen durch, bleiben notfalls mal stehen, aber eigentlich erledigen wir das nur pflichtschuldig.“ Das klappte so gar nicht, denn F. faszinierten sofort ein paar Holzschnitte, während ich an einer Madonnenskulptur hängenblieb, dann lernten wir, was Fatschenkinder sind, dass es die Heiligen Drei Könige von Playmobil gibt, dass es Jahreskrippen gibt, die nicht nur zu Weihnachten aufgestellt werden, dass man Krippen auch aus Papierbögen basteln kann und dass einige der vielen liebevollen Details von Krippen wie Musikinstrumente wie von einer aus dem Bayerischen Nationalmuseum auch für Musikwissenschaftler*innen interessant sind, weil sie so detailreich nachgebildet und damit eine wertvolle Quelle sind.

Nach der Sonderausstellung, die nur noch wenige Tage zu sehen ist, schnell noch vorbei, lohnt sich, begannen wir im Erdgeschoss mit der ständigen Ausstellung, wo ich mich erstmal bei einem Jesus in der Datierung um ein paar Jahrhunderte vertippte. Ich sah ihn nur aus den Augenwinkeln beim Reinkommen, fand ihn absolut expressionistisch und dachte daher, logisch, erstes Viertel 20. Jahrhundert. War dann aber von 1350.

Vermutlich mag ich auch deshalb das ähnlich einfach gestaltete, aber hochdramatische Gerokreuz im Kölner Dom so gern. Sieht ähnlich modern aus, ist aber ewig alt. (Wir hätten den barocken Firlefanz einfach überspringen sollen.)

Wir mochten am Museum die recht konzentriert zusammengetragenen Stücke, man wurde nicht sinnlos zugeballert mit allem, was vermutlich im Depot rumsteht. Die Texte haben mir ausnehmend gut gefallen in Tonfall, Informationstiefe und Länge. Und: Es gab immer was zum Anfassen, Rausziehen, Hochklappen, man musste für manche Infos arbeiten anstatt Vitrinen leerzulesen, aber das tat sehr gut. Im Teil zur Hutmode über die Jahrhunderte konnte man nicht nur Exponate sehen, sondern auch Gemälde bzw. Fotos von Menschen, die diese Hüte trugen. So einfach, so eindrucksvoll. Generell kam mir alles sehr nahbar vor, die Ausstellungsstücke wurden immer gut in einen historischen, aber vor allem menschlichen Kontext gesetzt. Wie auch das Kunsthaus äußerst empfehlenswert.

Im Café nebenan bestellten wir zum späten Mittagessen Prinzregententorte und ein Stück mit spanischer Vanille. Oder wie der Kellner zur Dame an der Kuchentheke meinte: „Einmal Prinz, einmal spanisch, bitte.“ Wie alles in Kaufbeuren toll. Da fahren wir sehr vermutlich noch mal hin. Und schon ist der kleine Urlaub wieder zu Ende.

Mittwoch, 25. Januar 2023 – Visitor’s Journey

Für den neuen Job sollte ich – quasi als Außenblick – doch bitte nochmal durchs Haus gehen und gucken, ob ich alles kapiere, wie die Texte sind, ob Infos ankommen usw. Ich las also Wandtexte mal nicht nur im Hinblick darauf, was inhaltlich in ihnen zu finden ist, sondern auch, wie dieser Inhalt bei mir ankommt. Das war ganz nett, weil ich Museumstexte meist nur überfliege. Im Lenbachhaus gibt es in einigen Abteilungen schon Texte in einfacher Sprache, zusätzlich zu den … äh … nicht-einfachen, die auch auf Englisch an der Wand stehen. Ich muss zugeben, dass ich irgendwann nur noch die einfachen gelesen habe: steht das gleiche drin und das kürzer.

Das blaue Pferd vertwittert, weil blaues Pferd halt.

Drei Minuten in einem leeren Raum rumgelaufen und einem Soundloop von Ceal Floyer zugehört, und wenn ich nicht für den Job dagewesen wäre, wäre ich vielleicht noch länger geblieben. War lustig, leere Wände anzuschauen. (Teil dieser empfehlenswerten Ausstellung, in der ich vorher noch nicht war.)

Abends in der Schreiberei sehr guten Blumenkohl gegessen, viel zu viel Brot, Käse, diverse Dipping-Saucen, viel Fisch, nicht ganz so viel Wein, und mir noch Tipps für meinen zweiten Job abgeholt, der vermutlich im April startet.

Dienstag, 24. Januar 2023 – Zwei Bibs und ein Archiv

Morgens wurde ich in einem der kleinen Lesesäle der Stabi folgendermaßen begrüßt: „Ach, Frau Gröner! Man erkennt die Leute ohne Maske ja gar nicht mehr!“ Den ganzen Tag darüber amüsiert.

In der Stabi blätterte ich satte 1500 Seiten Propagandascheiß durch, wofür ich wieder den üblichen Zettel ausfüllen musste, dass ich mit dem Nazirotz nichts Böses anstelle. Mir fiel zum ersten Mal neben der Checkbox „Wissenschaft“ die Box „Kunst“ auf. Das darf man also auch aus Adolfs Fotos machen, sehr schön.

Ich fand genau eine Autobahn, die angeblich auf „Die Straßen Adolf Hitlers in der Kunst“ gezeigt wurde und dachte, oh cool, immerhin ein Werk einer der wenigen Malerinnen, Rose Walter. Beim Durchklicken des Katalogs auf meinem Rechner stellte ich aber fest, dass es ein Herr Walter Rose war, der eine unaufregende, aber formschöne moderne Brücke bei Rosenheim abgebildet hatte. (Nein, ich kann immer noch nicht alle 300 Künstler*innen auswendig, die im Katalog versammelt sind.)

Nach diesen vielen Seiten mit vielen, vielen Hakenkreuzen musste ich nicht nur die Hände, sondern auch mein Hirn waschen.

Eine U- und S-Bahn-Fahrt weiter wartete die Bibliothek des Deutschen Museums auf mich, wo ich für einen Bamberger Kollegen (there, I said it) etwas nachschauen wollte. Der mir bis vor wenigen Tagen noch nicht bekannte Reichsausschuss für Fremdenverkehr gab ein Werbeblättchen namens „Deutschland“ heraus, das auf 30 Seiten pro Monat hübsche Fotos versammelte, um Reisende ins Land zu holen. Angeblich sollte auf einer Ausgabe von 1935 eine Autobahn von Fritz Bayerlein auf dem Titel sein. Ich suchte in der Stabi nach der Zeitschrift, fand sie aber nur auf Englisch (da heißt sie „Germany“), aber in der unerschöpflichen und immer wieder überraschenden Bib des Deutschen Museum war sie auf Deutsch und es stand sogar der Jahrgang 1935 rum, den die Stabi leider nicht hatte. Und, ja, Autobahn.

Ich kam ausgerechnet zur Mittagspause ins Deutsche Museum, weil es in der Stabi doch länger gedauert hatte als ich dachte; ich hatte nicht geahnt, wie dick der Jahrgang Zeitschriften war. Zwischen 12 und 13 Uhr kann man im DM keine Bücher abholen, aber ich konnte mich natürlich beschäftigen, indem ich am Protzen-Aufsatz für unseren Konferenz-Sammelband weiterschrieb. Auch bei dem hätte ich gedacht, längst damit fertig zu sein, aber ich alte Streberin will halt nicht nur die Kurzfassung meiner Diss copypasten, sondern noch etwas Neues anfügen, die Diss ist schließlich schon vor einem Jahr veröffentlicht worden. Also sammele ich immer noch anstatt das Ding endlich runterzuschreiben, denn es muss bis Ende Februar abgegeben werden. Ein paar Dinge hatte ich schon für den Artikel in „Unser Bayern“ verwurstet, aber das ist natürlich keine wissenschaftliche Veröffentlichung. (Der Artikel steht jetzt auch als Print-Version auf meiner Website.)

Gegen 14 Uhr verließ ich die Bib, ging zur Bushaltestelle und sah, dass der Bus noch sieben Minuten auf sich warten ließ. Daher stapfte ich einfach die zwei Stationen zu Fuß an der Isar entlang, obwohl ich in einem Anfall von sinnloser Eitelkeit die Stiefeletten mit den Absätzen angezogen hatte, in denen ich eigentlich keine Alltagserledigungen mache. Die fühlten sich aber gut an und damit fühlte ich mich gut und überhaupt war alles wieder gut.

Schnelle Mittagspause zuhause, dann ging ich ins Stadtarchiv, wo ein winziger, noch unverzeichneter Nachlass von Henny Protzen-Kundmüller auf mich wartete, ich erwähnte es bereits. Dort sollte sich auch ein Werkverzeichnis von Herrn Protzen befinden, auf das ich mich irre gefreut hatte, aber: Es waren stattdessen zwei Verzeichnisse von ihr; die Handschriften der beiden kenne ich gut aus dem Nachlass in Nürnberg. Ich war kurz enttäuscht (okay, länger), aber hey: Zwei noch nicht für die Forschung ausgewertete Werkverzeichnisse! Einmal ihre Ölgemälde, einmal die Aquarelle, und zwar im Original und nicht nur als blöden Scan, den ich von Protzen habe, weil ich nicht herausfinden konnte, ob hier das Original noch existiert, weil keiner der Menschen, die als Erben in Frage kommen, auf meine Post reagiert haben.

Durch meine Arbeit zu Protzen hatte ich diverse Ausstellungskataloge als Digitalisat auf dem Rechner, netterweise haben die beiden sehr oft gemeinsam ausgestellt, und so konnte ich einfach mal in ihren Verzeichnissen nach Werken suchen, die ich aus seinen Katalogen kannte. Ihre Verzeichnisse sind weitaus weniger penibel geführt als das von Herrn Protzen. Ich habe ewig gemeckert, dass ich nur so wenig Material hatte für die Diss und 1000 Spuren versandeten, aber ich merke immer mehr, dass ich mit dem Werkverzeichnis einen absoluten Schatz hatte, den ich erst jetzt zu würdigen weiß. Einige Werke von ihr konnte ich identifizieren und so immerhin die Jahre ahnen, in denen sie verzeichnet wurden, denn selbst diese simple Angabe fehlt bei ihr – im Gegensatz zum Verzeichnis von ihm, wo teilweise taggenaue Daten stehen, wenn auch nicht oft. Aber die Jahre sind seit 1927 brav aufgeschrieben, was die Arbeit sehr erleichterte.

Was bei ihr spannend ist und für Protzen fehlt: die längere Nachkriegszeit. Protzens Verzeichnis geht bis Ende der 1940er Jahre, warum er das Verzeichnis nicht weiterführte, ist nicht klar. Bei ihr wechseln irgendwann die (erhofften) Verkaufspreise zu „DM“ (deutlich notiert), daher gehe ich davon aus, dass ihr Verzeichnis bis mindestens Ende der 1950er Jahre geht (sie starb 1967, Protzen bereits 1956). Ich hatte gestern nicht genug Zeit, um mich wirklich vertieft mit den Verzeichnissen zu beschäftigen, werde aber natürlich noch einmal reingucken.

Ebenfalls noch nicht ausgewertet: zwei Tagebücher von ihr, von denen ich mir ein bisschen Infos zum Kennenlernen und der gemeinsamen Zeit an der Kunstakademie erhofft hatte oder wenigstens ein paar Einträge zu ihrem Werk, aber die Tagebücher sind aus ihrer Jugendzeit und waren mir damit eher egal. Aber wer sich länger mit Henny beschäftigen möchte – tolles Zeug!

Sehr hungrig nach Hause gekommen, aber für mehr als einen riesigen Salat und ein ebenso riesiges Käsebrot hat es nicht gereicht. Fußball geguckt und dabei eingeschlafen.

Montag, 23. Januar 2023 – Lesung

Tagsüber getippt, wie immer, aber eher ohne Konzentration. Nachmittags ein Kaffee-Date mit einem ehemaligen Kommilitonen gehabt, der in einem ähnlichen Job arbeitet, den ich nächste Woche antreten werde. Erstmal ein bisschen Bestärkung für meine Fähigkeiten abbekommen, das hat mich gefreut.

Und abends ging’s dann mit F. und 100 anderen Fußballmenschen ins Stadion an der Schleißheimer Straße, wo ich noch nie war und erstmal eine halbe Stunde lang Schals und Trikots an den Wänden gelesen habe. Die Lesung von Max zum Hoeneß-Buch war sehr unterhaltsam, was, ich traue es mich kaum zu sagen, weniger am Buch lag und mehr an Max, der kleinen Rampensau. Es gibt noch weitere Termine, falls ihr meine Behauptung überprüfen wollt.

Zum Schluss stand ich mit meinem mitgebrachten Buch recht weit vorne in der Schlange und holte mir eine Unterschrift ab. Ich hatte Max am Wochenende schon per Twitter-DM mitgeteilt, wie gut mir das Buch gefallen hatte und, weil wir mal über das Korrekturlesen meiner Diss und seines Buchs gesprochen hatten, fügte ich launig an, dass ich bisher nur drei Fehler gefunden hätte.

Dafür rächte sich Max total und ich kann das Buch jetzt nie wieder aufschlagen:

Aber gelernt: Fußballkneipen haben Vorteile – endlich war die Schlange am Klo mal bei den Frauen kürzer als bei den Männern.

Sonntag, 22. Januar 2023 – „Aus Liebe zum Spiel“

Morgens das Brot in den Ofen geschoben, an dem ich seit Freitag gearbeitet hatte (Sauerteig auffrischen, Teig ansetzen, Stockgare, Formen, ab in den Kühlschrank über Nacht). Das bestand aus Weizensauerteig, Weizenmehl 550 und ein bisschen Weizenvollkornmehl und ist fast genau so geworden wie ich es haben wollte. Die Kruste ist fest, aber zerreißt einem nicht den Gaumen, das Innere ist weich und zäh. Ich hätte es gerne noch einen Hauch zäher gehabt und muss nun googeln, wie ich das wohl hinbekomme – oder im gewohnten Blog bzw. Buch dazu nachschlagen.

Ich hatte mal wieder vergessen, das Brot einzuschneiden, daher ist es nur so halb hübsch geworden. Schmeckte aber perfekt, weswegen ich es gestern gleich halb aufaß, meist mit Hummus, einmal mit Frischkäse und Erdbeermarmelade. Ansonsten gab es den restlichen Grünkohl vom Samstag.

Ich hatte nicht viel Zeit und Lust zum Kochen, weil ich ein Buch durchlesen wollte. Eigentlich wollte ich es nur anlesen, bevor ich es mir heute abend live vorlesen lasse, aber „Aus Liebe zum Spiel. Uli Hoeneß, das Geld und der deutsche Fußball“ war so gut und spannend geschrieben, dass ich die 400 Seiten halt in zwei Tagen runterriss. Leseempfehlung, auch wer sich null für Hoeneß interessiert wie ich. Ich habe viel zur Geschichte und Entwicklung der Bundesliga gelernt, auch im Hinblick auf das Personal hinter den Kulissen wie die medizinische Abteilung bzw. das Fehlen derselben in den ersten Jahrzehnten, zu Fernsehgeldern, Sportvermarktung, zum Stand der Vereine aus der ehemaligen DDR nach 1989 (darüber möchte ich jetzt ein ganzes Buch lesen) und natürlich zum Steuerprozess, der aber netterweise nicht überwiegend viel Raum einnimmt. Ein Absatz hat mich aber doch etwas fassungslos zurückgelassen:

„‚Das war einer der größten, der wichtigsten, der medienwirksamsten Prozesse, die ich je erlebt habe‘, sagt SZ-Gerichtsreporterin Ramelsberger rückblickend, die unter anderem den NSU-Prozess ausführlich begleitet hat. Im Vergleich zu diesem seien deutlich mehr Berichterstattende vor Ort gewesen.“ (S. 337)

Auch schön, mal die Prioritäten so klar vor Augen geführt zu bekommen. Aber eigentlich wusste ich das ja schon vorher.

Was ich nicht wusste: Die Tradition der Einlaufkinder hat Willi Lemke in der Bundesliga eingeführt, „die hat er von einer Reise nach Brasilien mitgebracht.“ (S. 121) Oder wie stark Jürgen Klinsmann als Bundestrainer der Männer Dinge verändert hat:

„Mit Klinsmann verändern sich nicht nur Personal und Außendarstellung, sondern vor allem Training und Spielphilosophie der Mannschaft. Auch wenn sich einige über die Koordinationsübungen mit Gummibändern lustig machen, der Unterschied zum Training unter Rudi Völler könnte krasser nicht sein. Mit einem breit aufgestellten Team aus Experten verwissenschaftlicht Klinsmann die Einheiten und richtet seine Übungen sowohl auf die neue Taktik als auch auf Fitness aus.

Was heute banal klingt, ist damals revolutionär, wenn man zum Beispiel das liest, was Philipp Lahm in seinem Buch ‚Der feine Unterschied‘ Jahre später über das Training in der Zeit von Völler geschrieben hat. Ihm sei das vorgekommen, ‚als würden ein paar Kumpels miteinander in die Ferien fahren, um Fußball zu spielen.‘

Jenseit aller personellen Veränderungen stellt das den Kern der Revolution dar, die Klinsmann bei DFB einleitet: Er bringt Training, Analyse und Spielphilosophie auf einen modernen Stand. Hoeneß registriert das genau. Aber wie das mit Revolutionen so ist: Nicht jeder ist Fan davon. Als die Nationalmannschaft sportlich wackelt, wird Kritik an Klinsmann laut. Vermutlich auch, weil seine Arbeit viele Vereinstrainer nicht gut aussehen lässt. Bei einem Fitnesstest der Nationalspieler sollen ihre Werte hinter den Ergebnissen des Frauenfußballteams der USA gelegen haben. Klinsmann wiederum fordert die Spieler so sehr, dass sie zum Teil mit Muskelkater zu ihren Vereinen zurückreisen.“ (S. 277/278)

Oder diese Stelle, die gut zeigt, wie pointiert das ganze Buch geschrieben ist:

„Zudem gibt es [Mitte der 1980er Jahre] ein neues Feld zum Geldverdienen, das Hoeneß als erster Manager mit voller Konsequenz beackert. Markus Hörwick berichtet: ‚Er hat sich einmal für eine Woche lang verabschiedet, ist nach Amerika geflogen, kam zurück und hat gesagt: ‚Ich hab was Neues, was wir unbedingt machen müssen. Merchandising!‘ Merchandising? Wir hatten alle keine Ahnung. Und wie es bei Hoeneß üblich war: Er war am Montag in der Früh um 9 Uhr im Büro und schon um 10 Uhr hatten wir eine Merchandising-Abteilung. Er hat die Poststelle im Erdgeschoss ausräumen lassen, einen Tisch und Stuhl reingestellt mit ein paar Trikots, Schals und Mützen und hat einer seiner beiden Sekretärinnen gesagt: ‚Sie sind ab sofort da unten und verkaufen die Sachen.‘ Ich werde nie vergessen, wie sie am ersten Abend um halb fünf nachmittags hoch in den ersten Stock gekommen ist und gesagt hat: ‚Herr Hoeneß, Herr Hoeneß, wir haben verkauft! Wir haben 27,50 Mark eingenommen.‘ Das war der erste Tag des Merchandising vom FC Bayern München. Heute nimmt diese Abteilung 100 Millionen Euro ein.“ (S. 115/116)

Samstag, 21. Januar 2023 – Neues Video

Mein Wecker klingelte um 7, UM SIEBEN, wo ich doch seit drei Jahren kaum jemals vor 7.30 Uhr aufstehen musste, weil mein Schreibtisch nur fünf Meter vom Bett weg ist und daher mein Arbeitsbeginn um 9 elegant zu schaffen ist, aber gestern hatte ich mir einen Platz im Lesesaal der Stabi reserviert, die um 8 öffnete. Ich war immerhin um halb neun da, stellte fest, dass mein Lieblingsfahrstuhl am Wochenende nicht erreichbar ist (ich bin sehr selten am Wochenende in Bibliotheken), musste daher zurück in die zugige Eingangshalle und von dort nach oben fahren. Ja, das Treppenhaus der Stabi ist super, aber für mich Klumpfuß ist jede Treppe toll, die ich vermeiden kann.

Ich bekam sogar noch einen Fensterplatz, was mich sehr freute, weil ich so in den leise fallenden Schnee gucken konnte. Den man im Bild irgendwie überhaupt nicht sieht.

Bisher hatte ich nur einmal am Fenster gesessen, weil dort die Rechner standen, auf denen ich damals das FAZ-Bibliotheksportal erreichte (für diese alte Hausarbeit). Heute kann man das Portal auch schön von zuhause anwählen, das ging damals nicht, ich pendelte für die Hausarbeit zwischen Stabi und Historicum hin- und her – die Stühle und die Atmosphäre sind im Historicum besser, aber dort standen weitaus weniger freie Rechner rum. Also war ich meist in der Stabi, und ich erinnere mich an einen Wintermorgen, wo ich es ernsthaft nicht mehr aushielt vor Kälte. Der Lesesaal ist ein Anbau aus den 1960er Jahren von unter anderem dem geschätzten Sep Ruf, der quasi nur aus Glas besteht. Ist hübsch, klar, aber im Sommer immer zu warm und im Winter, Sie ahnen es. Wobei es im Winter auf Plätzen, die weit von den Fenstern weg sind, durchaus auszuhalten ist. Am Fenster stellt sich aber ein Lagerfeuerfeeling ein: Füße und Beine werden mummelig von der Heizung unterhalb der Fenster erwärmt, während der Oberkörper wimmernd vor sich hinfriert, denn zwischen Heizungsluft und Oberkörper ist halt der Tisch, an dem man sitzt.

Gestern sah ich zum ersten Mal einen großen Wagen mit Decken am Eingang des Lesesaals, die zur Benutzung bereitlagen. Ich war kurz versucht, eine mitzunehmen, aber ich wusste, ich hatte nicht so irre viel zu tun, daher ließ ich die für andere liegen. Meine zwei Jahrgänge einer Zeitschrift hatte ich auch nach ungefähr zwei Stunden durchgearbeitet. Dabei fand ich – natürlich! – noch eine weitere Autobahn von Protzen, die ich bisher von ihm in zweifacher Ausfertigung als Ölgemälde kenne. Diese Abbildung ähnelt den Ölgemälden, hat aber doch deutlich Unterschiede, was bedeutet, dass der Herr diese blöde Brücke anscheinend ein weiteres Mal auf Papier und nicht auf Leinwand gemalt hat, wovon ich nichts wusste, weil ich sein zweites Werkverzeichnis noch nicht hatte. Dieser Job wird nie aufhören und ich werde nie alles wissen und das hat mich – natürlich! – wieder irre gemacht.

Ich bastelte noch ein wenig am zu schreibenden Konferenzbandbeitrag rum, bis mir endlich die Grundstruktur gefiel und machte mich dann auf den Weg nach Hause. Nicht durchgefroren!

Ich nahm nicht den Bus, den ich mir morgens gegönnt hatte, sondern spazierte zu Fuß nach Hause. Der Weg führte mich am Alten Nordfriedhof vorbei, und mir fiel ein, dass ich vor genau einem Jahr dort mein erstes Video gedreht hatte (Videokurs mit Casey Neistat, Videolink ist dort ganz unten zu finden). Ich hatte im letzten Jahr noch ein weiteres Video gemacht und zwei kurze Fingerübungen, aber ansonsten war das Jahr nicht zum Filmen gedacht. Bei beiden Wien-Aufenthalten von F. und mir filmte ich ein bisschen rum, aber ich merkte sehr schnell, dass ich nicht durchs iPhone gucken, sondern persönlich präsent und aufmerksam sein wollte. Auch von Papa machte ich keine weiteren Aufnahmen, das wäre mir falsch vorgekommen (ein paar Fotos habe ich gemacht, hauptsächlich von seinen Händen). Kurz: Ich nutzte meine teure Videosoftware quasi gar nicht. Aber gestern hatte ich Lust, einfach ohne Ziel und Plan über den Friedhof zu spazieren, um zu gucken, ob die vielen Porträtbüsten und Statuen lustige Schneemützchen hätten.

Hatten sie, und daraus wurde dieser winzige Film ohne jeden Anspruch. Das hat Spaß gemacht, wieder über Musik und Schnitt und Tempo nachzudenken.

Mittags und abends gab’s Grünkohl, der war in der Biokiste vom Freitag und machte mich sehr glücklich.

Freitag, 20. Januar 2023 – Drei Jahre

Mit einer Doktorandin telefoniert, deren Thema an meine Diss andockt, weswegen sie ein paar Fragen hatte. Sie sucht noch nach der genauen Fragestellung, und ich gab den Tipp weiter, den mir mein Doktorvater am Anfang – in etwas anderen Worten – mitgegeben hatte, denn ich halte ihn für sehr wichtig: „Du wirst mindestens drei Jahre sehr schlechte Laune haben. Alle vier Wochen willst du zu viel trinken oder einen Kurzurlaub einlegen oder vielleicht doch die Diss über [jedes andere Thema] machen, die zu zugunsten des NS-Themas verworfen hast. Du bist von allem genervt, aber du weißt, dass es wichtig ist, was du tust. Das macht es aber auch nicht immer einfacher.“

Sie meinte, die schlechte Laune hätte sie jetzt schon nach wenigen Monaten Quellenstudium, und ich musste ihr leider sagen, dass das nicht besser wird.

Donnerstag, 19. Januar 2023 – Den Boosterbooster geboostert

Meine fünfte Impfung gegen Corona – eigentlich schon Routine, aber diese Impfung war die erste, die nicht in einem der Impfzentren von München stattfand, denn die schlossen alle zum Jahresende 2022.

Meine ersten drei Impfungen hatte ich mir im extra hochgezogenen Impfzentrum auf dem Messegelände abgeholt, ich berichtete über die Erstimpfung, die mich überaus gefreut hatte, damals im April 2021, Sie erinnern sich noch an die große Angst, die inzwischen überwiegend einem „Muss halt weitergehen, ach, Maske nervt ja auch eigentlich“ gewichen ist, wovon ich mich selbst so ganz langsam auch nicht mehr freisprechen kann. Ende Mai 2021 bekam ich die zweite Impfung und damit die einzige, die mich etwas schädelte, ich lag einen halben Tag lang erschöpft flach. Alle anderen Impfungen hatten mir nichts ausgemacht, nur die Einstichstelle schmerzte manchmal, und auch heute habe ich einen kleinen blauen Fleck auf dem Oberarm.

Meine dritte Impfung, also den ersten Booster, von dem wir damals noch nicht wussten, dass es nicht der letzte sein würde, bekam ich zwei Wochen vor den eigentlich vorgeschriebenen sechs Monaten Abstand, denn es war November 2021, die Winterwelle baute sich auf, aber ich musste doch in den Norden, also fuhr ich ein drittes Mal aufs Messegelände, wurde natürlich geimpft, musste darüber ein bisschen aus Dankbarkeit weinen und setzte mich beruhigt in volle Züge.

Viertgeimpft wurde ich dann schon in einem anderen Impfzentrum, nämlich dem im Gasteig, das Messegelände gehörte schon wieder anderen Fachbesuchern. Das erledigte ich im Juli 2022, also nach über sechs Monaten, denn eigentlich hatte ich auf den Impfstoff warten wollen, der auf Omikron angepasst war. Der sollte, laut meines damaligen Blogeintrags, „im März erhältlich sein, dann im Juni, jetzt angeblich irgendwann im Herbst“, aber ich konnte und wollte nicht mehr warten. Uns war seit Ende Mai, Anfang Juni klar, dass Papas Reise nun in ihre letzte Phase getreten war, die schwarzen Klamotten lagen griffbereit, ich hätte jederzeit in den Norden fahren können müssen und dann auch ohne Angst, andere anzustecken, ins Heim gehen wollen. Also wartete ich nicht mehr auf den Omikronbooster, sondern ließ mich am 5. Juli 2022 viertimpfen. Papa starb Ende August – er hatte nie Corona bekommen, während um ihn herum das halbe Heim mal mehr, mal weniger stark infiziert war, teilweise waren ganze Stockwerke gesperrt, aber ihn hat der Virus nie erwischt.

Daher war ich bis gestern nur gegen Delta und all das andere Kroppzeug geschützt, aber eben nicht gegen Omikron. Ich merke an mir selbst, wie maskenmüde ich inzwischen leider auch bin. In Bus und Bahn trage ich sie noch, aber in der Stabi saß ich letzte Woche komplett ohne, in der Isarphilharmonie dann wieder komplett mit, es ergibt nicht mehr wirklich Sinn, vor allem, wenn man selbst in der vollen U-Bahn nur noch sehr vereinzelt Masken sieht. Dort ist mein Plan, noch bis mindestens Ende Februar Maske zu tragen, wenn hoffentlich alle ihre Erkältungen durchhaben, aber mich dann auch dort mal wieder, nach drei Jahren, ohne Mundschutz aufzuhalten. Wir werden sehen.

Jedenfalls war ich gestern bei meinem Hausarzt, wurde über die Risiken, aber vor allem die Vorteile einer Impfung aufgeklärt, ich nickte brav, dann fragte mich die medizinische Fachangestellte, ob sie mich im Stehen impfen dürfe, das ging leichter, ich nickte erneut – und kapierte dann erst, dass ich dabei auch stehen sollte. Haben wir das auch mal so erledigt. Keine Nebenwirkungen, mir geht’s gut, danke, Wissenschaft. Ich trauere noch ein wenig um die Impfzentren – das hat sich immer so wichtig und richtig angefühlt. Jetzt fühlt sich’s halt an wie die übliche Grippeimpfung, die ich mir schon im Oktober abgeholt hatte. Vermutlich werde ich das Ende diesen Jahres in einem Aufwasch erledigen können.

Mittwoch, 18. Januar 2023 – Radeln und Rauschen

Fahrrad vom Schrauber abgeholt. Mein Hinterreifen hat jetzt ein Dunlop-Ventil, weil ich für die blöden Sclaverands zu grobmotorisch bin (habe mir das Ventil beim letzten Aufpumpen total verbogen). Außerdem kann meine Klingel jetzt wieder klingeln. Bezahlt habe ich für diese guten Dienste 21 Euro, und wenn ich das auf meinen eigenen Stundenumsatz umrechne, die Kosten für Schlauch und Klingel, die ich anscheinend zum Einkaufspreis bekommen habe, und mein Talent für schlechte Laune bei DIY-Projekten, bin ich damit extrem zufrieden. Dinge, die nerven, auslagern zu können, ist ein großer Luxus.

Ich muss auf dem Fahrrad auch sehr oft an diesen Tweet von 2008 denken, als ich gerade in Berlin gebucht war:

Ich lese gerade „White Noise“ von Don DeLillo, weil ich durch die Verfilmung daran erinnert wurde, dass das Buch noch ungelesen in meinem Regal steht. Ich dachte so, na, das wirst du wohl vor zehn Jahren gekauft haben. Meine Amazon-Historie sagte mir aber: 2001. Upsi. So gelblich sieht es leider auch schon aus, aber egal, dann macht es nichts, wenn es im Rucksack ein paar Schrammen abbekommt. Ich transportiere meine Bücher immer in einer kleinen Plastiktüte im Rucksack, aber so irre viel hilft das auch nicht.

Jedenfalls: Bis jetzt lese ich es recht gerne, auch wenn ich mich die ersten 100 Seiten gefragt habe, wo das wohl alles hingehen soll. Einen Abschnitt fand ich sehr schön; dort wartet die Hauptperson, ein Familienvater, am Flughafen auf seine Tochter, als eine Gruppe Menschen auftaucht, die keinen guten Flug hatten. Ihr Flugzeug sackte kilometerweit ab, alle dachten, sie müssten sterben, Chaos an Bord, aber der Pilot konnte die Maschine noch herumreißen, sie überlebten und landeten quasi wie geplant, und nun erzählt einer der Passagiere dem Vater, was an Bord passiert ist. Um ihn herum stehen die anderen Passagiere.

„By the time the narrator reached this point in his account, many people were crowded around, not only people who’d just emerged from the tunnel [in the airport] but also those who’d been among the first to disembark. They’d come back to listen. They were not yet ready to disperse, to reinhabit their earthbound bodies, but wanted to linger with their terror, keep it separate and intact for just a while longer. More people drifted toward us, milled about, close to the entire planeload. They were content to let the capped and vested man speak on their behalf. No one disputed his account or tried to add individual testimony. It was as though they were being told of an event they hadn’t personally been involved in. They were interested in what he said, even curious, but also clearly detached. They trusted him to tell them what they’d said and felt. […]

I’d been pushed away from the narrator by people crowding in to listen, well over a hundred of them, dragging their shoulder bags and garment bags across the dusty floor. Just as I realized I was almost out of hearing range, I saw [my daughter] Bee standing next to me, her small face smooth and white in a mass of kinky hair. She jumped into my embrace, smelling of jet exhaust.

“Where’s the media?“ she said.
“There is no media in Iron City.”
“They went through all that for nothing?”“

Don DeLillo: „White Noise“, New York 1999, S. 91/92.

Dienstag, 17. Januar 2023 – Weiterhin getting things done

Der Job, von dem ich gestern erzählte, wurde mir drei Tage vor Weihnachten in den Schoß gelegt. Außerdem kam zur gleichen Zeit noch ein zweiter dazu, der noch nicht hundertpro spruchreif ist, aber der mich ähnlich beschäftigen wird, vermutlich ab spätestens Februar. Genau da geht aber nun der erste Job los, und alle Planungen, die ich müde und vom letzten Jahr erschöpft mal großzügig auf „Januar bis März“ gelegt hatte, müssen jetzt im Januar erledigt werden. Deswegen bin ich latent hektisch unterwegs, aber komischerweise bekomme ich mehr Zeug gebacken, wenn ich viel zu tun habe als wenn ich theoretisch halbtags auf dem Sofa liegen könnte.

Trotzdem merke ich, dass mein Kopf gerade über zu viele Dinge nachdenkt, weswegen ich eine Taktik anwende, die mir schon öfter geholfen hat, abends besser schlafen und morgens konzentrierter anfangen zu können. Kein großes Geheimnis, und ihr macht das wahrscheinlich alle schon, aber ich halt nicht so oft: Ich schreibe abends schlicht auf, was alles erledigt ist und womit ich mich morgen, übermorgen, in einer Woche beschäftigen muss. Termine stehen eh im Kalender auf dem Laptop – auch solche Dinge wie „Biokiste“, die am Freitag kommt, einfach damit ich es auf dem Schirm habe. Aber Kleinkram wie „Fahrrad zur Reparatur bringen“, wovor ich mich seit Wochen drücke und mir deswegen ewig Vorwürfe mache, stand eben gestern auf dem Notizzettel, den ich Montagabend angelegt hatte, und deswegen brachte ich gestern endlich mein Fahrrad in Joes Garage (Empfehlung).

Jetzt wo mein Vertrag mit der Stadt da ist, kann ich auch endlich die Künstlersozialkasse anrufen, über die ich als Freie krankenversichert bin. Ob ich die Mitgliedschaft dort für wenige Monate aussetzen kann, habe ich auf der Website nicht ganz kapiert, und deswegen muss ich leider nachfragen. Vor diesem Anruf graut es mir seit Dezember, aber watt mutt, datt mutt.

Mittags bereitete ich erneut den Korianderdip zu, den ich schon Montag auf mein Mittagessen gegeben hatte. Gestern gab es zur Handvoll Koriander neben Knoblauch, Chili und Tahini noch eine halbe grüne Paprika, die wegmusste. Ebenso mussten Pastinaken weg, aus denen ich Püree machte. Die rohen Möhren (Team Rohe Möhren forever!) konnte ich so gleich in zwei schlotzige Sachen dippen, auf denen noch eingelegte Zwiebeln lagen und, natürlich, zwei Esslöffel Crispy Chili. Dazu Tofu. Hervorragendes Essen.

Zur Belohnung für all die Dinge, die ich hingekriegt habe und die hier nicht stehen, und zur Feier des Vertragsabschlusses gingen F. und ich abends in die Schreiberei, wo wir uns fies mit dem Sommelier verquatschten, zwei Flaschen schönen deutschen Weißwein tranken, ich mit einer Auster haderte, aber sehr zufrieden ins Bett fiel. Zu spät und zu betrunken. Das wird ein interessanter Arbeitstag heute.

(Edit: F. reichte die Weine nach: Riesling Schwarzer Herrgott Großes Gewächs 2016 – mehr Frucht als Kieselsteine, bleibt lange, verändert sich quasi alle fünf Minuten im Glas. Desser- und Absackwein: Riesling Bernkasteler Badstube Auslese 2010, ordentlich Restsüße, aber nicht so viel, dass es sich wie Zuckerwatte anfühlt. Der ließ sich überraschend gut auch ohne Süßkram trinken.)

Montag, 16. Januar 2023 – Unterschrift und Werkverzeichnis

Morgens hatte ich einen Termin bei der Stadt München, die ich grundsätzlich norddeutsch S-tadt aus-spreche; Herr Buddenbohm erwähnte das gerade wieder und nannte es spitzes Hamburger S, ich kenne es von meiner Oma aus Oldenburg, dass man nicht „Schtatt“ sagt, sondern „Ss-tatt“.

Beim Termin unterschrieb ich dann diverse Dinge, die ich schon als PDF vorab bekommen und durchgelesen hatte, nämlich dass ich keinerlei extremistischen Organisationen angehöre (doch gut, dass ich damals mit 16 nicht der SDAJ beigetreten bin, die steht nämlich auf der Liste), dass ich kein Mitglied von Scientology bin, es gab Merkblätter zu Drogen, Gleichbehandlung und vermögenswirksamen Leistungen, und schließlich einen Arbeitsvertrag, wo ich folgenden Satz abnickte: „Die Beschäftigte muss sich durch ihr gesamtes Verhalten zur freiheitlich demokratischen Grundordnung im Sinne des Grundgesetzes bekennen.“ Das mache ich doch gern.

Ich übernehme ab Ende Januar eine Elternzeitvertretung in der Abteilung für Kommunikation im, ta-daa, Lenbachhaus, der städtischen Galerie. Dementsprechend ist der Job nur befristet, aber ich habe damit den ersten Festanstellungsvertrag seit 2006 unterschrieben. Der ist auch nur halbtags, das heißt, ich kann weiterhin launig Werbung für alle anderen machen oder tolle Vorträge zu Autobahnen halten. Bucht mich gerne weiter. Aber heute abend stoßen F. und ich erstmal auf diesen Vertrag an und auf den Job, auf den ich mich irre freue.

Nach dem Hochgefühl des „Yay, neuer, spannender Job“ ließ ich mich im Bus zur Stabi schaukeln, wo ich mir die gute Laune sofort wieder verdarb, indem ich fünf Jahrgänge der „Nationalsozialistischen Monatshefte“ durchblätterte, um Autobahnbilder zu finden, die ich dort vermutete. Richtig geraten.

Mal wieder die „Mangfallbrücke“ von Wilhelm Heise, was sonst, aus dem, wo sonst, Lenbachhaus. Ich fand auch noch andere, aber ich mag diese Brücke so gern.

Völlig ausgehungert kam ich gegen 14.30 Uhr wieder zuhause an und wollte mich gerade an den Herd fürs Mittagessen stellen, als ich angerufen wurde: das Stadtarchiv, dem ich mich innerlich als nun städtische Angestellte gleich noch mehr verbunden fühlte als eh schon. Ich wurde im Dezember (von jemandem aus dem Lenbachhaus, wie sich das alles fügt!) auf ein kleines, unverzeichnetes Konvolut im Archiv aufmerksam gemacht: da befände sich anscheinend noch etwas zu Henny Protzen-Kundmüller. Ein paar Inhalte wurden mir auch schon mitgeteilt, einen davon – ihr online einsehbares Hochzeitsfoto – verlinkte ich gleich mal im Wiki-Artikel.

Den Rest wollte ich natürlich persönlich einsehen und bat genau darum, und gestern rief mich die betreffende Person aus dem Archiv an, wir vereinbarten einen Termin und ich bekam schon mal etwas genauer gesagt, was ich denn einsehen werde – unter anderem ein, ACHTUNG, ich habe sehr laut gequietscht, Werkverzeichnis von Protzen, das aus dem Diözesanmuseum im Archiv gelandet war. Ich wusste nicht, dass da irgendwas gelegen hatte und freute mich sehr lautstark (Lachen am anderen Ende) über dieses Verzeichnis, denn ich hatte in meiner Diss die Theorie aufgestellt, dass es noch ein zweites Verzeichnis geben müsse zusätzlich zu dem, das ich von den Bayerischen Staatsgemäldesammlungen kannte (S. 19 unter „Weitere Quellen“). Dort scheint Protzen seine Werke auf Papier verzeichnet zu haben, und ich kann nächste Woche schön abgleichen, ob alle meine wilden Ideen in der Diss stimmen. YEAH!

Gut gegessen, weil ich gleich zwei neue Rezepte von Nisha nachkochte. Zum Mittag gab’s zwei Scheibchen meines Sauerteigbrots vom Wochenende mit einem Dip aus Edamame, frischem Koriander und Zeug (ich hatte keine Avocado, schmeckte trotzdem), dazu ein kleines Omelette aus den zwei Eigelb, die vom Mandelhörnchen-Backen übrig geblieben waren sowie einem frischen ganzen Ei, dazu eingelegte rote Zwiebeln (neuerdings immer im Kühlschrank, haue ich auf alles, ähnlich wie Crispy Chilis). Abends kochte ich Vollkornnudeln mit einer Mandelcreme und Brokkoli und vergaß es zu fotografieren. Beide Rezepte kann ich absolut weiterempfehlen, wie eigentlich alles von Nisha.

Sonntag, 15. Januar 2023 – Staub und Mandelhörnchen

Meine uralte Anlage knarzt manchmal, wenn ich den Lautstärkeregler betätige. Erste Idee war: Die ebenfalls uralten Kabel, die jahrelang um die Boxen gewickelt waren in Umzugskartons, könnten etwas mitbekommen haben. Schlauberger F. meinte aber, wenn es nur knarzt, wenn ich am Regler rumschiebe, könnte da der Fehler sein – mal aufschrauben und nach Staub gucken?

Man ahnt es: Wir mussten nicht lange nach Staub suchen. Ähem. Faszinierend, was sich so in 40 Jahren ansammeln kann. Ich saugte liebevoll, so gut es ging, dann puschelten wir noch mit Q-Tips und Zahnstochern in den Eingeweiden des Sony-Klotzes rum, und dann war das Knarzen weg. Toll.

Mein einziger Neujahrsvorsatz: endlich meine Schränke und Vorratsgläser leerkochen. Wenn es nicht absolut lebensnotwendig ist, werden kein neuer Reis, keine Nudeln, keine Linsen, keine Kichererbsen und vor allem keine Konserven mehr gekauft, sondern es wird endlich mal alles weggefuttert, was bei mir rumsteht. Frische Lebensmittel kaufe ich weiter, sonst sterbe ich an Skorbut.

Zu den Vorräten gehören auch diverse Mehle, die beim letzten Anfall von „Ich backe mein Brot selbst, das wär ja gelacht“ angeschafft wurden. Seit ich Brantner quasi vor der Nase habe, war der Anfall aber sehr schnell vorbei, denn dort schmeckt mir einfach so viel, was ich nicht mal ansatzweise in ähnlicher Qualität produzieren kann. Aber so fürchterlich schlecht waren meine Brote nun auch nicht. Also gab ich mir vorläufiges Brantnerverbot, setzte vor einer Woche einen Roggensauerteig an, aus dem teilweise gerade auch noch ein Weizensauerteig wird, und begann wieder zu backen. Das erste Hefetopfbrot ist schon aufgegessen, das erste Vollkornbrot noch in Arbeit und gestern buk ich das erste Sauerteigmischbrot.

Das postete ich auch auf Insta, wo mir ein Beitrag von @bilsandbytes auffiel, die Mandelhörnchen gebacken hatte. Beim Aufräumen meines Backschrankfaches vor Kurzem war mir die Marzipanrohmasse aufgefallen, die ich beim letzten Umzug aus dem Stockwerk über mir in diese Wohnung schon in der Hand hatte. Die musste jetzt weg, ich googelte nach Rezepten, fand ein nettes auf Chefkoch und verarbeitete die Rohmasse (haltbar bis 2017), eine Tüte gehobelte Mandeln und eine Tüte gemahlene. Statt Kuvertüre, die ich natürlich im Haus habe, gab ich zwei angebrochene Packungen Raspelschokolade in die Schüssel über dem Wasserbad, die ich vermutlich mal in zwei Jahren angeschafft und geöffnet hatte, als ich mir zum Geburtstag meine geliebte kleine Schwarzwälder Kirsch gebacken hatte. Beim Schmelzen merkte ich: Das schmilzt ja gar nicht, blödes Zeug. Mit ein bisschen Öl wurde der Billokram immerhin streichfähig, und so verzierte ich meine Mandelhörnchen halt mit dem Messer anstatt sie elegant zu tunken.

Beim Aufräumen ist mir auch dieser Umschlag aufgefallen, in dem ich seit 2003 meine Eintrittskarten sammele, die im Jahresendbeitrag fotografiert (oder damals eingescannt) auftauchen. Sobald der Berg verbloggt ist, kommt alles in eine große Sichthülle, damit der Umschlag wieder ein Jahr gefüllt werden kann. #behindthescenes

Donnerstag bis Samstag, 12. bis 14. Januar 2023 – Zeug erledigen und Sojalack

*tippeditipp* Das war’s quasi.

Hande fragte netterweise für mich auf Insta bei den Münchner Philharmonikern nach, was denn die Zugabe am Mittwochabend gewesen war, nach der ich mir das Hirn zerrauft hatte. Auf die Idee hätte ich natürlich auch kommen können, aber wahrscheinlich hätte ich mich nicht getraut. Ich wusste, das Ding ist bekannt, ich wusste, ich kannte es aus einem Film, aber ich kam halt nicht drauf. Gefühlt war es spätestens Mozart, eher früher, wohl kein Bach, aber die zeitliche Ecke.

Inzwischen weiß ich: a) zeitlich richtig geraten und b) es war „Lascia ch’io pianga“ von Händel, das ich (vermutlich) erstmals in „Farinelli“ hörte. Das steht auch in der Online-Konzertbesprechung der SZ, aber Insta war in meinem Fall schneller.

Freitag war wie immer Date Night, und wir holten einen Gang des ausgefallenen Silvestermenüs nach. Es gab Wachteln mit Sojalack aus dem Kochbuch von Tohru Nakamura. Den dazu geplanten grünen Spargel hatte ich längst verzehrt, also kochte ich Bohnen und ganz kurz Brokkoli. Die Wachteln waren nur ausgelöst, also vom Skelett befreit worden, die Haut war noch dran, die ich nach kurzem Vorgrillen mit dem Lack bestrich. Sie wurde leider nicht knusprig, weil ich Honk vergessen hatte, sie mit Sesamöl zu bestreichen, aber der Lack war super.

Daher bereitete ich gestern das Essen zu, auf das ich beim Vögelchenverzehr deutlich mehr Lust bekommen hatte, nämlich festen Tofu mit Sojalack. Dieses Mal kochte ich die grünen Bohnen (und ein paar Edamames) nur kurz, gab sie aber nicht mit aufs Blech, wo sie Freitag deutlich zu matschig geworden waren. Auf dem Blech lag stattdessen der Brokkoli, ohne Öl oder irgendwas, der wurde auch so herrlich knackig und bekam die erhofften Röstaromen.

Um den Lack herzustellen,

4 EL braunen Zucker in einem kleinen Topf karamellisieren lassen. Mit
50 ml Reisessig,
100 ml Sake und
50 ml Mirin ablöschen, alles weiter köcheln lassen, damit der nun schlagartig feste Karamell wieder flüssig wird.
150 ml Koikuchi Shoyu einrühren.

In einem Schüsselchen
1 EL Speisestärke mit
wenig Wasser anrühren, beides in die Sojasauce geben und aufkochen, bis sie bindet.

Die Wachteln lagen bei mir „spatchcock“, also einfach platt auf dem Blech. Sie grillen, mit Sesamöl eingestrichen, bei 250° für ca. fünf Minuten, dann nimmt man sie raus, bestreicht sie mit dem Lack und grillt sie weitere drei bis vier Minuten. Mir haben drei gereicht, da zeigten sich schon die ersten sehr schwarzen Stellen. Das Fleisch war perfekt durch, fast schon einen Hauch drüber.

Auch den Tofu habe ich bei diesen Temperaturen gebacken. Er wird leider nicht so knusprig wie ich erhofft hatte, aber mir reicht bei Tofu auch das nicht-knusprige Mundgefühl, damit es mir schmeckt. Ich werde ihn trotzdem nächstes Mal einfach in der Pfanne braten und mit dem Lack servieren.

Die spezielle Sojasauce, die im Buch verlangt wird, unterzogen F. und ich am Samstagmorgen gleich mal einem geschmacklichen Vergleichstest mit der in meiner Küche üblichen Kikkoman; für philippinische Rezepte habe ich eine Sauce von Silver Swan und außerdem Ketjap Manis, nicht nur für indonesische Küche. Koikuchi Shoyu ist ein winziges bisschen viskoser als Kikkoman, schmeckt weitaus weniger sauer und bleibt deutlich länger am Gaumen. Feines Zeug.

„Alter Stil für neue Bauwerke“

Ich durfte für „Unser Bayern“, die Beilage der „Bayerischen Staatszeitung“, etwas zu den Gemälden zur Reichsautobahn schreiben. Wer gerade keine Zeit für meine 400-Seiten-Diss hat, hier entlang: Alter Stil für neue Bauwerke.

Im Artikel abgebildet sind auch die zwei Gemälde, die derzeit im Lenbachhaus in der Ausstellung „Kunst und Leben 1918–1955“ zu sehen sind: Heises „Mangfallbrücke“ (1935) und Protzens „Brücke bei Limburg“ (1938).

Christoph Bachmann vom Staatsarchiv München hat außerdem etwas zu RAB-Zeichnungen von Josef Ruep geschrieben, die mir vorher nicht bekannt waren: Im Vogelflug über die A8.

Mittwoch, 11. Januar 2023 – Solooboe
(das wollte ich einfach mal getippt sehen)

F. und ich waren mal wieder in der Isarphilharmonie. Ich freute mich auf Webern, Strauss und Sibelius, vor allem auf Strauss, weil es ein Oboenkonzert mit Solist war. Ich glaube, ich habe Oboe noch nie als Soloinstrument wahrgenommen.

Der Abend rauschte leider ein bisschen an mir vorbei. Weberns „Sechs Stücke für Orchester“ riefen bei der Uraufführung 1913 in Wien laut des netterweise online stehenden Programmhefts zwar Tumulte hervor, aber heute nickt man das halt nur noch ab, da hat man schon Sperrigeres gehört. Für mich interessant zu sehen: dass sich selbst Orchestermitglieder, die gerade nicht spielen, die Ohren zuhalten, weil sie direkt neben den lärmenden Percussionisten sitzen. Gerade zum Ende des 4. Satzes (?) war es schön laut. Also schön für mich in Reihe 17.

Auch Strauss’ „Konzert für Oboe und kleines Orchester“ war bemerkenswert arm an Höhepunkten, aber ich fand es spannend, einem Oboisten mal genauer bei der Arbeit zuschauen zu können. Solist Andrey Godik, in Russland geboren, widmete seine Zugabe sichtbar bewegt den Menschen in der Ukraine. Und ich überlege seitdem, was zum Henker diese Zugabe war und googele seit gestern „bekanntes Streichquartett“ mit allen mir einfallenden Komponisten. Mag die SZ bitte mal die Konzertbesprechung veröffentlichen, damit ich wieder schlafen kann?

Zu Sibelius’ „Lemminkäinen Suite“ kann ich auch nur Unqualifiziertes sagen, daher lasse ich das mal. Vielleicht noch als Anmerkung: Mit Susanna Mälkki stand eine Frau am Pult, was ja leider immer noch eher ungewöhnlich ist.

Es ist grunsätzlich schön, im Konzert zu sitzen und neue Musik zu hören, aber gestern konnte mich leider nichts so recht mitnehmen. Muss es ja auch nicht. Ich höre mir das alles nochmal entspannt auf YouTube an, vielleicht sogar in meinem Barbie-pinken Blazer, den ich gestern endlich mal länger ausführen konnte.