Tagebuch Mittwoch, 18. September 2019 – Dachau

Nach dem Schreiben des gestrigen Blogeintrags hatte ich schlechte Laune. Dieser ganze verdammte Nazidreck frisst mich an manchen Tagen mehr an als an anderen; mir ist schon klar, dass ich das Thema meiner Dissertation selbst gewählt habe und damit auch in der Konsequenz eine Beschäftigung mit dem „Dritten Reich“, die weitaus intensiver ist als im bisherigen Studium. Ich kann heute nicht mehr nachvollziehen, wie ich auf die nun folgende Tagesgestaltung gekommen bin, um meine schlechte Laune loszuwerden, aber immerhin habe ich damit einen Punkt abhaken können, den ich seit sieben Jahren, seitdem ich in München wohne, vor mir herschiebe: einen Besuch in der KZ-Gedenkstätte Dachau.

Dabei fiel mir natürlich auch wieder ein, dass ich fünfzehn Jahre lang in Hamburg gewohnt habe und niemals in Neuengamme war. Überhaupt ist es, wer hätte es gedacht, für so ziemlich jede*n Deutsche*n recht einfach, zu NS-Gedenkstätten zu kommen – es gibt, aus Gründen, recht viele davon.

Als Schülerin aus der Nähe von Hannover besuchte ich mit unserer Klasse Bergen-Belsen, und im Rahmen einer Klassenfahrt nach Prag waren wir in Theresienstadt. Im Zuge dreier Fahrten in den Süden der damaligen DDR habe ich dreimal Buchenwald gesehen. Die Ausstellung im Museum hörte damals mit roten Fahnen, einem Honecker-Bild und einer Nachbildung des antifaschistischen Schutzwalls auf, mit dem ja bekanntlich alles gut geworden ist. Das scheint sich glücklicherweise inzwischen geändert zu haben. Um Auschwitz habe ich mich bisher gedrückt bzw. aus diesem Grund vor einer Reise nach Polen, wo ich eigentlich gerne mal hinmöchte (Danzig! Krakau! Breslau! Und nebenan Kaliningrad (Königsberg)! Und das Geburtsörtchen meiner Mutter), aber dann doch nicht hinfahre, denn wenn ich da bin, müsste ich nach Auschwitz. Das sagt mir mein Kopf jedenfalls, mein Bauch will davon nichts hören. Wir diskutieren noch.

Weil ich mich den ganzen Tag mit dem Nazischeiß beschäftige, versuche ich ihn ab und zu von mir wegzuschieben – indem ich zum Beispiel über die Blumenstillleben im Haus der Deutschen Kunst rede und den harmlosen Landschaften wie gestern im Blogeintrag. Indem ich die Harmlosigkeit der Bilder hervorhebe, von denen keine propagandistische Gefahr ausgeht, wenn man sie betrachtet, weswegen man sie meiner Meinung nach ruhig an Museumswände hängen dürfte, wenn auch als schlechtes Beispiel, mache ich sie aber gleichzeitig kleiner als sie sind. Sie sind immer noch Bausteine eines unmenschlichen Systems, und um nicht jeden Tag schlechte Laune zu haben, denke ich bei Autobahnbildern eben an Landschaften mit Straßen drin und nicht an Zwangsarbeiter, die dafür Steine klopfen mussten. Dieses schizophrene Arbeiten vereint übrigens die meisten Doktorand*innen, mit denen ich im Kolloquium gesprochen habe. Einer meinte ganz ehrlich, er wüsste nicht, wie man Holocaustforschung betreiben könnte, ohne wahnsinnig zu werden, denn den kann man nicht so schön von sich wegschieben wie wir unsere Blümchenbilder. Oder ich in meinem Fall Bilder von allen bayerischen Seen und Bergen, die es gibt. Gefühlt hat Protzen das ganze Land einmal abgemalt.

Und so holte ich mich selber wieder aus der Drückebergerecke heraus und setzte mich in einen Regionalzug nach Dachau, der lächerliche elf Minuten brauchte. Mir war wirklich nicht klar, wie nah das Dörfchen an München dran ist. Nebenbei: Ich stolpere immer noch über die Dachauer Straße in meiner Nachbarschaft, weil Dachau für mich eben nicht das Dörfchen ist, sondern das KZ. F. erzählte mir die Story eines FC-Bayern-Fanclubs aus Dachau, die ihr Banner, auf dem der Ortsname stand, nicht bei einem internationalen Spiel über die Brüstung des Sitzranges hängen durften – für andere ist dieser Name nämlich auch eher Synonym für Naziterror anstatt nur eine Ortsbezeichnung.

Vom Bahnhof fährt ein Bus direkt zur Gedenkstätte, der sehr voll war. Um mich herum fast nur englischsprachige Menschen. Im Besucherzentrum holte ich mir einen Lageplan, denn ich wollte vor allem ein Kunstwerk sehen: die Skulptur von Nandor Glid, die 1968 enthüllt wurde und vorne auf dem Flyer abgebildet ist. Leider ist sie gerade zur Sanierung eingerüstet, was ich nicht mitbekommen hatte.

Man betritt das Lager durch das sogenannte Jourhaus, im Lagertor steht „Arbeit macht frei“. Es ist eine Nachbildung, das Original wurde 2014 gestohlen, ist inzwischen aber im Museum zu besichtigen. (Alle irre.) Das Museum befindet sich im ehemaligen Wirtschaftsgebäude am Kopfende des langgestreckten Areals, dahinter ist noch das Lagergefängnis zu besichtigen. Ich ging erstmal auf den Platz vor dem Wirtschaftsgebäude, wo die eingerüstete Skulptur steht. Man geht in eine Art Senke und schaut dann nach oben, was ich in dieser Einfachheit sehr bewegend fand. Selbst wenn man auf eine Bauplane guckt, auf der das Werk abgebildet ist. Man kann es dahinter aber noch erkennen, und ich wusste nicht, wie groß es ist.

Ich schaute mir die Sicherungsanlage mit Wachturm und Außenmauern an, mit den Lampen und dem Stacheldraht, ich ging in eine rekonstruierte Baracke, wo gerade mehrere Schulklassen ihren Führungen lauschten, und dann ging ich das ganze Gelände ab, das nur noch aus Betoneinfassungen besteht, wo früher einmal die anderen 32 Baracken gestanden hatten. Am Fußende des Geländes liegen mehrere Gedenkstätten verschiedener Konfessionen; ich ging nur in die jüdische und die katholische. Am dortigen Ende liegt auch der ehemalige Krematoriumsbereich, den ich ausließ. Nach den Öfen und den Seziertischen in Buchenwald möchte ich derartiges nicht mehr sehen.

Im Museum stand ich sehr lange vor den Stationen mit der Berichterstattung über das Lager. Dass sich diese wilde Ausrede – „wir haben ja nichts gewusst“ – überhaupt so lange halten konnte, macht mich immer fassungsloser, je länger ich mich mit dem Thema beschäftige. An den ausgestellten Zeitungsartikeln war netterweise die Quelle angegeben, und jetzt weiß ich, dass ich mir im Stadtarchiv München eine vermutlich recht umfangreiche Sammlung an Zeitungsausschnitten über das Lager ausheben lassen kann. Auf das KZ bin ich nämlich auch bei Recherchen zu Protzen gestoßen, der angeblich „mit Dachau bedroht“ wurde. Hier der bisherige Ausschnitt aus meiner Diss dazu, von dem ich noch nicht weiß, ob er drin bleibt:

„Das Wissen über Konzentrationslager war, entgegen der Aussagen vieler Deutscher nach 1945, durchaus vorhanden, auch schon 1933. Janosch Steuwer erwähnt in „Ein Drittes Reich, wie ich es auffasse.“ Politik, Gesellschaft und privates Leben in Tagebüchern 1933–1939 diverse Tagebucheinträge von Personen unterschiedlicher sozialer und politischer Hintergründe, die zeigen, dass von Beginn der NS-Herrschaft an Konzentrationslager und mindestens ihre Funktion als Arbeitslager bekannt waren. Ein Gelegenheitsarbeiter besichtigte laut seiner Tagebuchaufzeichnung das Konzentrationslager Dachau „im Rahmen einer Radtour am Ostersonntag [1933]“. [1] Im Jahresbericht 1933 eines Landwirts erwähnt dieser: „Im benachbarten Sachsenburg ist ein derartiges Lager“, wo die Insassen „allerhand Arbeiten unter polizeilicher Bewachung“ erledigen müssten. [2] Am 15. Oktober 1933 notierte ein Schuldirektor in Bezug auf die bevorstehende Reichstagswahl im November: „Die Zeit des Parlamentarismus soll doch endgültig vorbei sein. […] die Führer [der Parteien], soweit sie nicht in Gefängnissen oder Konzentrationslagern sitzen, haben sich zurückgezogen.“ [3]

[1] Steuwer 2017, S. 64.
[2] Ebd., S. 93.
[3] Ebd., S. 356.

Es gibt noch einen Fußweg zum Bahnhof, den sogenannten Weg des Erinnerns, den ich vielleicht beim nächsten Mal abgehen werde. Gestern war ich nach dem Besuch, wer hätte es gedacht, noch schlechter gelaunt als vorher. Könnte auch an den üblichen Schulklassen gelegen haben, die gerade auf der Rückfahrt im Bus lautstark möglichst cool und unbeteiligt wirken wollten. Pubertät ist so eine anstrengende Zeit, und allmählich glaube ich, für die Umstehenden eher als für die hormongeplagten Teenager. Generell fand ich es aber schon interessant zu sehen, dass die Gedenkstätte recht gut besucht war und eben nicht nur von Schulklassen, sondern auch von Einzelpersonen wie mir oder kleineren Gruppen und Paaren. Einige schienen individuelle Führungen gebucht zu haben, ich hörte mehrere Fremdsprachen, aber vor allem Deutsch.

Ich fuhr erneut elf Minuten nach München zurück und gönnte mir vom Lieblingsmetzger eine Leberkässemmel, das Heilmittel für alles, auch für anstrengende Tage. Das ahnt man als Norddeutsche ja gar nicht, wie gut dieses Zeug tut. Den Rest des Tages war ich eher stumm und las dringend Kram, der nichts mit der Diss zu tun hat. Ich brauche mal eine Pause von dem ganzen Rotz, glaube ich.

Tagebuch Dienstag, 17. September 2019 – Au-to-baaaaahn

(Es hilft nix, man hat es immer im Kopf.)

Gestern vertiefte ich mich mal wieder in den Bau der Autobahnen bzw. zunächst dem ersten großen Projekt für eine reine Autostraße, die sogenannte „Hafraba-Straße“, dann der AVUS von 1921 und der ersten auch so bezeichneten Autobahnstrecke zwischen Köln und Bonn 1932, die später nicht ins Reichsautobahnnetz eingegliedert wurde, weil kein trennender Mittelstreifen zwischen den Spuren vorhanden war. Mir geht es gerade ganz simpel um die politischen Vorgaben und die reine Entstehung des Bauwerks bzw. den Plänen für die spätere Reichsautobahn oder noch bzwiger, welche schon vorhandenen Pläne die Nationalsozialisten als ihre eigenen ausgaben.

Damit war ich dann den ganzen Tag beschäftigt. Das von mir angelegte Stoffsammlungsdokument zu diesem Thema stammt übrigens, wie mir gestern wieder auffiel, vom November 2017. Ich werde mich nie wieder fragen, warum Dissertationen so lange dauern.

A Nazi Design Show Draws Criticism. Its Curator’s Comments Didn’t Help.

Die NYT berichtet über die Ausstellung des Design Museum Den Bosch, das sich mit der grafischen und architektonischen Gestaltung des „Dritten Reichs“ auseinandersetzt. Ich habe die Ausstellung selbst nicht gesehen und bin mir auch nicht sicher, ob ich das noch tun werde. Nicht weil ich die Idee doof finde, sondern weil ich nicht weiß, ob sie mir viel Neues zeigen wird.

Kurator de Rijk lehnte sich zunächst mit arg dämlichen Statements zum Wesen des Museums an sich sehr weit aus dem Fenster der Idiotie:

„Controversy has been brewing around the exhibition since February 2018, when Mr. de Rijk gave the interview to De Volkskrant to announce the show. He began by characterizing Dutch design in museums generally as “too feminine.” “Apparently, more women work in the design departments, and homosexuals, by the way,” the Volkskrant quoted Mr. de Rijk as saying. “That is of course a cliché, but the museum world seems to repeat those clichés,” he added.“

Zur Ausstellung selbst hat er allerdings Schlaues zu sagen:

„“All our art history books run from 1890, when modernism started, to 1939 or 1940, and begin again in 1945,” Timo de Rijk, the museum’s director and the curator of the exhibition, said in an interview last week. “We’ve skipped something: A large part of what existed there, which is crucial to understanding what happened afterward — and also what came before — is not understood. I want to change that.”

Das ist genau das Argument, was Menschen, die in meinem Bereich forschen – systemkonforme Kunst des NS – seit Jahren runterleiern. Unser Verständnis einer Zeit wird nicht besser, wenn wir Dinge daraus wegschließen oder vernichten, damit sich bloß niemand mit ihnen konfrontieren muss. Mein liebstes Zitat, dessen Quelle leider nicht frei zugänglich online ist, stammt von Julia Voss in der FAZ, die über die damals (2011) neue Website GDK-Research schrieb, an der mein Doktorvater maßgeblich beteiligt war und ist. Sie meinte zur systemkonformen Kunst, die jahrzehntelang unter Verschluss geblieben war und nun erstmals in ihre gesamten Breite sichtbar gemacht wurde, dass man eben durch diese jahrzehntelange Unkenntnis auf eine Höhle voller Drachen warte – und stattdessen auf Molche und Lurche treffe. Eben die schnarchigen Blumenstillleben und eine banale Landschaft nach der anderen. In diesem Zusammenhang meine ewige Lieblingszahl: Eindeutig ideologische Kunst (Hitlerbüsten, Kriegsszenen, Soldaten etc.) stellten stets nur einen winzigen Teil der Kunst im Haus der Deutschen Kunst dar; ihr höchster prozentualer Anteil betrug nie mehr als vier lausige Prozent (GDK 1941, Quelle: Aufsatz „Die ‚Große Deutsche Kunstausstellung‘ 1938. Relektüre und Neubewertung“ in diesem Buch).

Ich finde es außerdem gerechtfertigt, auf den Designaspekt des „Dritten Reichs“ hinzuweisen und auf seine verführerische Kraft, gerade in diesen Zeiten, in denen die Rechten sich wieder aus ihren Löchern trauen. Denn das war eine Kritik an der Ausstellung, die auch in den Kommentaren zum Artikel zum Ausdruck kommt: Sollte man sowas gerade jetzt eben gerade nicht zeigen? Ich meine: genau jetzt.

Das Ausmaß, mit dem das „Dritte Reich“ die deutsche Bevölkerung umfasste, kann durchaus immer wieder betont werden. Selbst mir war nicht klar, wie sehr die Ideologie jeden noch so kleinen Anteil des persönlichen Lebens betraf, da hat mir die Dauerausstellung im NS-Dokuzentrum hier in München sehr viel beigebracht. Gerade weil sich heute wieder Widerlichkeiten wie „völkisch“ und „entartet“ in den Sprachgebrauch schleichen, man in jedem dritten Facebook-Artikel darüber diskutieren muss, warum „Jedem das Seine“ kein gutes Zitat ist, egal wo es ursprünglich herkommt (wir malen ja auch keine Hakenkreuze mehr irgendwo hin und sagen, guck mal, altindisch) und anscheinend auch niemand mehr darüber stolpert, wenn man sich einen Telefontarif „selektieren“ soll, sollte man daran erinnern, wie diese Dinge und Worte missbraucht, umgedeutet oder erfunden wurden.

Eine Kritik, die jede Ausstellung abkriegt, die Dinge aus der NS-Zeit ausstellt, ist der angeblich fehlende Kontext: Müsste man nicht Fotos aus KZs zeigen, damit niemand vergisst, was das hübsche Design angerichtet hat? Ich halte das, wie in der Ausstellungsbesprechung zu „Artige Kunst“ in Regensburg erwähnt, für Quatsch und Didaktik für Doofe. Ich kann mir schlicht nicht vorstellen, dass jemand, der sich eine Ausstellung zum Nationalsozialismus anschaut, nicht weiß, was diese Ideologie angerichtet hat. Und ich glaube auch, dass die (meist) Jungs, siehe NPD- und AfD-Wähler und -Mitgliederhäufung, die das alte Design so schick finden und heute wieder rote Fahnen mit schwarzen Fantasiesymbolen auf weißem Grund gestalten, um bewusst eine optische Verwandschaft herzustellen, das ebenfalls genau wissen. Deswegen finden sie den Kram ja so toll: weil sie ihre kleingeistigen, größenwahnsinnigen Fantasien ausleben können. Keiner von denen sagt, hey, der Albert Speer, der hat aber echt schön die klassischen griechischen Vorbilder umgesetzt und konsequent monumentalisiert, gut gemacht, Junge – die sagen, hey, geil, Platz für 200.000 jubelnde Deppen und ich vorne auf der Tribüne. Der Leiter der Bayerischen Staatsgemäldesammlungen, die ja bekanntlich im Saal 13 systemkonforme Kunst (und meinen Herrn Protzen) ausstellen, meinte in einem Interview, der Raum sei so gar nicht zur Sammlungsstätte von Alt-Nazis geworden, was im Vorfeld durchaus diskutiert und befürchtet werde. Den Alt- und Neu-Nazis sind Zieglers Vier Elemente oder Protzens Baustelle bei Leipheim nämlich egal, die finden nur die Idee super, dass endlich mal wieder jemand sagt, was Kunst ist und was weg kann.

In diesem Zusammenhang empfehle ich euch erneut Albert Speer: Eine deutsche Karriere von Magnus Brechtken, das ich mit großem Gewinn gelesen habe, vor allem den Teil nach 1945, der sich auch mit dem Umgang der Bundesdeutschen mit ihrer Nazivergangenheit befasst.

Was schön war, Sonntag/Montag, 15./16. September 2019

Lange ausgeschlafen. Während F. sich auf dem Heimweg machte, kochte ich natürlich meinen geliebten Flat White, der manchmal aussieht wie ein Cappuccino, und anstatt ihn am Rechner zu trinken, stellte ich mal wieder einen Stuhl auf den Balkon und schleppte Tasse und Handy danach ebenfalls an die frische Luft. Dieses Mal dachte ich auch daran, nicht im Sitzen zu fotografieren, sondern noch im Stehen, von hinter meinem Stuhl aus gesehen. Das war schön, da spätmorgens zu sitzen und still ins Blaugrüne zu gucken.

Danach gearbeitet.

Am frühen Nachmittag machte ich mich so langsam zum Fußballgucken fertig. Am Sonntag hatte ich noch darüber gebloggt, wie ich am Samstag den ganzen Kram aus meinen Hosentaschen wieder in meinen Rucksack umräumte, was mir wenige Stunden später als total idiotisch auffiel, denn jetzt musste ich es vom Rucksack wieder in die Hosentaschen räumen.

Die FCB-Damen spielten ausnahmsweise nicht im seelenlosen Campus, sondern im guten alten Stadion an der Grünwalder Straße. Daher brauchte ich kein Cap und keine Sonnenbrille und damit auch kein Täschchen, weil ich mich auf die Tribünenseite setzen konnte, wo Schatten war. Da saßen leider weitaus weniger Leute als auf der anderen Seite, aber egal, irre viele Leute waren eh nicht da. Frauenfußball halt. Leider.

Ich finde die Sitze im Grünwalder total unbequem, aber die Akustik macht weitaus mehr Spaß als auf dem Campus. Obwohl es deutlich größer ist, hört man sowohl die Kommandos der spielenden Damen als auch die Reaktionen von den Rängen viel lauter; es fühlt sich halt wie ein richtiges Stadion an und nicht wie ein Trainingsgelände. Vermutlich weil es ein richtiges Stadion ist, duh.

In der Halbzeitpause gesellte sich kurz der Herr @el_loko74 zu mir, der dem Herrenfuppes ziemlich abgeschworen hat und nun als akkreditierter Fotograf für die Damen unterwegs ist. Ich muss mir mal sein Gwinn-Foto klauen, ich entwickele da einen sehr unerwarteten Crush.

Das Spiel gegen Leverkusen ging mit 1:2 verloren, und Sven gratulierte Wolfsburg per Twitter schon zur Meisterschaft. Die Damen haben eine deutlich kürzere Saison als die Herren, weil es schlicht weniger Vereine gibt, daher ist jede Niederlage etwas gefährlicher als bei den Jungs.

Nach dem Spiel ging ich zwei U-Bahn-Stationen zu Fuß, weil ich ausnahmsweise nichts mit mir rumschleppte, was beim Gehen nervt: kein Plastikrucksack, der mich am Rücken schwitzen lässt, kein blödes Täschchen, das mir auf der Hüfte rumwippt, weil eben alles in die Hosentaschen passte. Ich konnte sehr unbeschwert gehen und ärgerte mich im Nachhinein, nur zwei Stationen gelaufen zu sein. Ich wollte eigentlich nur den Giesinger Berg runtergehen, weil ich nicht so ganz ins Schwitzen geraten wollte, denn abends hatte ich noch was vor und ich musste noch arbeiten, aber wie gesagt, sobald ich in der U-Bahn saß, ärgerte ich mich über mich selbst, nicht einfach noch eine Station gegangen zu sein. Nächstes Mal.

Gearbeitet.

Abends saß ich in netter Gesellschaft in der Philharmonie am Gasteig, wo John Cleese zu Gast war: “Last chance to see me before I die.” Auf der Bühne ein Hocker, ein Tisch mit einem Stoff-Lemuren drauf, dann kam ein älterer Herr, ließ sich beklatschen, zeigte lustige Monty-Python-Clips und erzählte ein bisschen was vom Krieg. Das war alles sehr nett und sein Timing ist wirklich perfekt, aber manchmal blitzte eben doch das gute alte white male privilege auf, wenn er Witze über andere Völker riss und auch darauf bestand, sie reißen zu müssen, denn über was solle man denn sonst noch lachen. Hm. Ich weiß nicht, ob wir unbedingt noch mehr Witze über angeblich geldgeile Juden brauchen oder vertrottelte Schotten, Iren, Franzosen und Deutsche, aber ich gebe zu, ich habe über vieles gelacht (immerhin über den sexistischen Clip aus Fawlty Towers nicht). Der Mann ist fieserweise wirklich sehr lustig, aber seine Begründung, man müsse über alles Witze machen dürfen, ist trotzdem doof.

Den Abend zu dritt an meinem Küchentisch ausklingen lassen bei Wasser, Bier oder Gin Tonic.

Montag morgen einen Text abgegeben und dann das Wochenende nachgeholt, an dem ich gearbeitet hatte bzw. für typische Wochenenddinge keine Zeit gehabt hatte. Erstmal Post erledigt und weggebracht, eingekauft, dann Zeitung gelesen, dann Wohnung geputzt. Was Anständiges gekocht, dann in Serien versackt, was die beste Wochenendbeschäftigung ist.


Zunächst fiel ich in zwei Folgen einer neuen Reality-Serie auf Netflix: Styling Hollywood über die zwei Herren hinter JSN Studio.

An mir ist Mode leider völlig verloren, ich kann damit nichts anfangen, gucke aber sehr gerne andere Menschen in tollen Klamotten an. Insofern mochte ich die Segmente, wo Stylist Jason sich um seine weibliche und meist schwarze Kundschaft kümmert, um sie für Emmy, Grammy und Oscar schick zu machen, schon sehr. Auch weil es wieder die kleinen Details waren, die ein Outfit perfekt machten. Ich musste an den Film Gerhard Richter Painting denken, wo Richter mit seiner Rakel über abstrakte Werke geht, und ich jedesmal dachte, reicht doch, sieht doch super aus – aber einen Strich später sah es besser aus. In Styling Hollywood ging es mir mit einem Paar Smaragdohrringe so – Klunker gucke ich auch gerne! –, die meiner naiven Meinung nach hervorragend zu einem strahlend weißen Kleid ausgesehen hätten, aber: Die Ohrringe, in denen zusätzlich zu den Smaragden auch Diamanten verarbeitet waren und die so einen farblichen Bezug zwischen Kleid und Schmuck herstellten, waren der Kracher.

Was ich außerdem spannend fand: den Einblick in schwarze Kultur, von der ich auch keine Ahnung habe. In einer Szene wirft Jason seinem (kubanischen? puertoricanischen?) Assistenten vor, niemals Mahogany gesehen zu haben: “You have a black boss and you’ve never seen Mahogany? Lady Sings the Blues? … That’s like you’re telling me that you’ve never seen Breakfast at Tiffany’s.“ – „Oh, I’ve seen Breakfast at Tiffany’s!“ – „Of course you have.“

Die beiden Filme musste ich auch googeln. Wieder was gelernt. Vom Trashgucken auf Netflix. So geht das nämlich. (Oh, look!)

Und abends gab ich meinem nächsten Crush nach und guckte ein paar Folgen Rise mit Josh Radnor, die schon nach einer Staffel bzw. zehn Folgen wieder abgesetzt wurde. Zu Recht. Egal, Schnuckelgucken.

Aus der Serie lernte ich, dass es ein Musical nach Frank Wedekinds Frühlings Erwachen gibt und musste das erstmal auf Spotify laufen lassen, bis F. vorbeikam und wir gemeinsam einschliefen. Das war schön.

Was schön war, Samstag, 14. September 2019 – Heimsieg

Ausgeschlafen, also so bis acht, glaube ich. Entspannt in den Tag gekommen, viel Zeit gelassen beim morgendlichen Kaffeeritual. So sehr, dass ich ein wackeliges Video davon machen musste. Es wird Zeit für eins dieser lustigen Handystative, die die Bewegungen der eigenen Hand ausgleichen. Ich nehme per Twitter gerne Tipps entgegen.

Ich erwähnte es vermutlich schon einmal im Blog, aber was man als Kind oder Jugendliche total doof fand – praktische Geschenke –, ist als Erwachsene super. Ich denke bei jeder Benutzung meiner tollen Mühle an die großzügigen Schenker*innen und das schöne Fest, zu dem alle da waren. Und diesen kleinen Tagesflausch habe ich bei diversen Küchengeräten oder Dingen, die ich gerne benutze. Schenkt Praktisches!

(Handystative zum Beispiel. *hust*)

Ein bisschen gearbeitet. Ich muss Montag die nächste Runde Text abgeben, der aber kein zusammenhängender ist, sondern aus lauter Einzelmeistern besteht, weswegen ich mich da stundenweise ransetzen kann. Und da ich am Wochenende noch was anderes vorhabe als am Schreibtisch zu sitzen, mache ich genau das.

Um halb eins auf den Weg zum Bahnhof gemacht, das nächste Heimspiel in Augsburg stand an. Weil die Münchner Löwen aber blöderweise auch ein Heimspiel hatten und man ihren Fans deshalb immer am Bahnhof begegnet, verzichtete ich auf Trikot oder Schal. 1860 hat irgendeinen mir nicht nachvollziehbaren Beef mit Augschburg, und ich habe bis jetzt bei so ziemlich jeder Begegnung mit Fans dieses Vereins einen blöden Spruch abbekommen bzw. einmal hat ein Trottel versucht, mir den Schal zu klauen, aber ich hatte netterweise breitschultrige Verstärkung neben mir. Ich weiß bis heute nicht, was dieser Scheiß soll, aber nun gut. Und ich weiß auch, dass das eigentlich nicht mein Problem ist, dass andere Leute doof sind, aber ich verzichte halt gerne auf Stress. Also neutral im Lieblingsshirt. F. so: „IN BLAU?“ (Die Farbe der 1860er ist blau. Aber eher himmelblau, daher fand ich mich in dunkelblau völlig okay! Es ist kompliziert.)

Eine Wegspezi im Regionalzug, im Stadion dann die übliche Apfelschorle. Ausnahmsweise waren alle Fraueneingänge besetzt, das heißt, in jeder Schlange standen nur ungefähr fünf Damen, während es bei den Herren länger dauerte. Um mich herum alle Mädels und ich innerlich eh: „Geil, endlich müssen die Jungs mal länger warten, high five!“ Im Gegensatz zum letzten Heimspiel besorgte ich also dieses Mal die Stadionwurst für uns beide, während F. noch draußen war.

Dann sahen wir eine unerwartet gute erste Halbzeit gegen Frankfurt, in der Augsburg dreimal traf, einmal müssen wir leider abziehen, das war Abseits. Ich lerne langsam die neuen Spielernamen und freute mich über die gute Verstärkung für Max, der nun Vargas mit auf seiner Seite hat, was gestern optisch einen sehr guten Eindruck hinterließ.

Frankfurt war offensiv stärker, brachte den Ball aber nicht ins Tor, und so staunte ich über den 2:0-Halbzeitstand. Das war Grund genug für ein Bierchen, was ich normalerweise im Stadion nicht trinke, lieber nachher. Frankfurt kam noch auf 2:1 heran, aber das wurde der Endstand und das auch verdient. Das sahen so ziemlich alle Kommentatoren aus Frankfurt unter dem Hashtag #FCASGE auf Twitter und Instagram anders, und ich löschte ein bisschen dummes Zeug unter meinem Stadionbild.

Was mich aber wieder gefreut hat, weil es mich immer freut: Wenn Kinder des Gastvereins bei der Ehrenrunde des Kids Club vor dem Spiel mitlaufen, denn dann winkt auch der Gästeblock brav. Was beim fiesen, schwarzen, vollgepackten Frankfurter Block halt niedlich aussah. Bei Union Berlin war ich ein wenig verstimmt gewesen, denn die hatten nicht gewunken, aber ich nehme an, die hatten genug damit zu tun, das erste Erstliga-Auswärtsspiel ihres Vereins abzufeiern. Na gut.

Ein Siegbierchen für die Rückfahrt, dann trennten sich F.s und meine Wege kurz, damit wir beide aus den Stadionplünnen rauskamen. Ich verräumte wieder alle ÖPNV-Tickets, den Studiausweis, Eintritts- und Fresskarten sowie den Notfallgeldschein, Labello und Asthmaspray aus den Hosentaschen in den Rucksack bzw. den dafür vorgesehen Ablageort, verstaute mein rotes Basecap (die gute alte Indiana-Hoosiers-Cap von ca. 1996, vor Ort erworben, Heiligtum) an der Garderobe und die Sonnenbrille ebenfalls wieder im Rucksack.

Ein paar selbstgebastelte Pommes mit selbstgebasteltem Dipp und Salätchen später war F. dann bei mir, wir köpften die ersten beiden Flaschen Oktoberfestbier und begannen somit das Training.

Gemeinsam eingeschlafen.

Was schön war, Freitag, 13. September 2019 – Tsundoku

Für Geld gearbeitet, eingekauft, viel zu viele Serienfolgen geguckt, als ich mit der Arbeit fertig war.

Aus rein wissenschaftlichem Interesse habe ich nochmal alle neun Staffeln How I Met Your Mother durchgesehen, und wenn man die alle irre schnell und zum wiederholten Male hintereinander anschaut, ist das Ende nicht mehr so scheiße! Denn beim fünften Anschauen kennt man die Figur der Mutter ja schon, sie kommt einem nicht mehr so plötzlich reingewuchtet vor, und daher kann man sich auch darüber freuen, dass Ted endlich jemanden hat, der seine Münzkollektion genauso toll findet wie er. Ich glaube, das Ende bzw. die komplette letzte Staffel mit ihrem irrwitzig lang herausgezögerten Punkt, an dem wir ankommen sollten – der Hochzeit zwischen Barney und Robin –, hat nicht funktioniert, weil immer eine Woche zwischen den einzelnen Folgen lag. Im Zeitalter von Netflix kann man das alles an einem Tag wegbingen, und auf einmal passt es. Was natürlich immer noch kein Siegel meiner Zustimmung ist, wenn eine Serienstaffel nur funktioniert, wenn man sie in wenigen Tagen anstatt in einem halben Jahr anschaut und das auch zum dritten oder vierten oder achten Mal (ich weiß es gerade selbst nicht).

Auf dem Weg zum Einkaufen begegnete ich einer Bücherkiste, an der ein Schild „Zu verschenken :-)“ klebte. Ich kann also wirklich nichts dafür, dass ich mal wieder Nachwuchs für die Bibliothek bekommen habe.

Beim Einkaufen stellte ich interessiert fest, dass die Displays mit dem frischen Oktoberfestbier direkt neben den Displays mit den Dominosteinen stehen und musste diese Beobachtung natürlich vertwittern. Die schönste Antwort kam von Frau Kaltmamsell bzw. Herrn Polt.

Beim gestrigen Blogeintrag zwei schöne Dinge vergessen, daher als Nachtrag: Am Donnerstag lag die bestellte CD im Briefkasten, auf der sich genau ein gescanntes Foto aus dem Stadtarchiv befand, auf dem man die Fresken von Protzen in Ramersdorf erkennen kann. Zweite Quelle – check! Damit für die Diss gesichert.

Außerdem lag ein Buchgeschenk im Briefkasten, auf das ich sehr gespannt bin: Charlotte Jahnz und Anke Hilbrenner haben sich den 9. November in der deutschen Geschichte des 20. Jahrhunderts mal etwas genauer angeschaut. Ein paar Daten hatte ich natürlich parat, aber eben nicht alle. Danke für das Leseexemplar!

Bester Tweet gestern. Peak Munich.

Das Haus der Kunst bekleckert sich seit einiger Zeit nicht unbedingt mit Ruhm. Erst die Scientology-Sache, dann das gefühlte Nachtreten auf Okwui Enwezor – weswegen es mich nochmal gefreut hat, dass seine letzte, von ihm mitkuratierte Ausstellung von El Anatsui die erfolgreichste der letzten zehn Jahre im Haus war –, und jetzt drohen große Entlassungen. Nebenbei hat man zwei geplante Ausstellungen mit zeitgenössischen Künstlerinnen kurzfristig abgesagt, aber dafür Altmeister Lüpertz aus der Versenkung geholt. Ich gucke mir die Ausstellung natürlich an, weil da ein paar Werke hängen, über die ich in der Masterarbeit geschrieben habe und die ich noch nie im Original gesehen habe, aber besonders glücklich bin ich nicht über diese Schau.

Gegen die drohenden Entlassungen gibt es Proteste, auch mit prominenter Unterstützung: Gestern war Ai Weiwei zum Kartenabreißen da – und wurde vom Haus der Kunst, das ihm einen weiteren großen Erfolg verdankt, des Hauses verwiesen. (via @Kia_Vahland)

Tagebuch Mittwoch/Donnerstag, 11./12. September 2019 – Mukschichgut

Der Mittwoch war ein ziemlicher Totalausfall, was die geistige Leistung anging. Ich wuselte ein bisschen in der Diss und meinem Berg an Autobahnlektüre herum, brachte aber vermutlich nur zwei gute Sätze zu Papier, haderte mal wieder, sorry, es wird langweilig, mit der Struktur, aber dieses Mal immerhin nur mit der im Autobahnkapitel. Es lief die ganze Zeit die Klassik-für-jeden-Tag-Liste, die zwar überwiegend aus Greatest Hits besteht, wo ich aber doch zwischendurch noch Dinge entdecke, die mir neu sind. So lernte ich Josef Suk kennen, dessen Adagio in der Serenade für Streicher ich noch nicht kannte, und beschloss, jetzt mal die ganze tschechische Klassik des 19. Jahrhunderts durchzuhören – es gibt da ja anscheinend kaum jemand, dessen Arbeit mir nicht gefällt. (Bohuslav Martinů, Antonín Dvořák, Bedřich Smetana.)

Abends kam immerhin F. vorbei, das rettet ja viel. Wir lungerten nebeneinander auf dem Sofa herum, ich las drei Ausgaben der FAZ nach, er sein derzeitiges Buch, das ziemlich spannend klingt: Zeitenwende 1979: Als die Welt von heute begann.

Gestern saß ich den halben Tag in der Stabi, wo ich einen Berg Bücher aus meinem Lesesaalfach zerrte. Bin ich eigentlich seit sieben Jahren blind oder gibt es dort wirklich keine Körbe, in denen man seine Beute unterbringen kann, anstatt den heiligen Laptop hilflos auf einem wackeligen Stapel Bücher zu balancieren, den man vor seinem Bauch rumtragen muss, bis man einen Platz gefunden hat? Oder sind die immer schon weg, wenn ich um 9 komme?

Jedenfalls vertiefte ich mich in die Themen Baustellen und Landschaftsgestaltung; ja, ich war etwas abseitig unterwegs, aber das macht das wissenschaftliche Arbeiten ja so spannend. Ich las wie immer äußerst anstrengende Primärquellen voller Nazigewäsch und fragte mich zum hundertsten Mal, wie die Damen und Herren es damals hinbekommen haben, diesen ganzen unmenschlichen Rotz so von sich und ihrem eigenen, kleinen bürgerlichen Leben, vermutlich mit feinem Teeservice, gebügelter Unterwäsche und Veilchensträußchen für die Angebetete, wegzudiskutieren. Wie man es geistig hinbekommt, das alles vor sich zu rechtfertigen, den Angriffskrieg, die Massenmorde, alles unter der Prämisse, naja, aber die Deutschen müssen ja irgendwo wohnen. Herrgottfuckingnocheins. Wenn ich nicht in einer öffentlichen Bibliothek gesessen hätte, hätte ich wieder Bücher anschreien müssen.

Im Zuge dessen musste ich wieder an die geplante Landschaftsveränderungen in den eroberten Ostgebieten denken, wo das Deutsche Reich dafür sorgen wollte, dass Polen wie das Rheinland aussieht (erfundenes Beispiel): „Die Räume müssen […] ein unserer Wesensart entsprechendes Gepräge erhalten, damit der germanisch-deutsche Mensch sich heimisch fühlt.“ Vgl. Mäding, Erhard: Regeln für die Gestaltung der Landschaft. Einführung in die Allgemeine Anordnung Nr. 20/VI/42 des Reichsführers SS, Reichskommissars für die Festigung deutschen Volkstums, über die Gestaltung der Landschaft in den eingegliederten Ostgebieten, Berlin 1943, S. 51. (Ich zitierte das in meiner Hausarbeit über den Heimatbegriff in Weblogs und auf Instagram (2015).)

*schnauf*

Immerhin bekam ich durch diese Lektüre viel neuen Input für mein immer noch etwas schwammiges Autobahnkapitel und war nach dem Bibliotheksbesuch deutlich besser gelaunt. Wie immer, yay! Gleich mal ein paar Incentives mitnehmen.


Zuhause hungrig ein BLT mit Käse zubereitet. Also eigentlich ein BLTC.

Abends gab’s dann noch Textfeedback, an dessen Umsetzung ich mich für ein Stündchen setzte, bis ich merkte, dass mein Kopf nur noch Varianten derselben Idee produzierte. Job für gestern beendet, Back-up gemacht, von allem Disskram natürlich auch (immer! jeden Tag! am liebsten auch mal zwischendurch!), Zeitung gelesen, The Great British Bake-Off geguckt und eine Schüssel gemischte Zerealien genossen. Ich werfe immer mehrere Müsli- oder Flakessorten zusammen und schneide einen Berg Obst rein. Dieses aus Versehen gekaufte Müsli werde ich vermutlich nicht nochmal kaufen, denn es besteht quasi nur aus Keksbröseln. Oder ich kaufe es als Netflix-Snack, aber nicht mehr, um noch Cornflakes darunterzumischen, die man eh nicht schmeckt, weil es sich beim Essen so anfühlt, als würde man einen Mürbeteigboden knabbern.

Noch ein Stündchen mit F. über den Tag geredet, gemeinsam eingeschlafen.

Ich las interessiert den Artikel Who Is Caroline Calloway? An Explainer, in dem ich eben diese Calloway kennenlernte. Diesen Artikel aus The Cut über sie hatte ich vor einigen Tagen schon mal in der Timeline, habe ihn aber noch nicht gelesen. Aber einen weiteren Artikel fand ich dann ebenfalls sehr unterhaltsam: The Empty Mason Jar of the Influencer Economy: The Case of Caroline Calloway and her Creativity Workshop Tour. Nicht ganz in einer Reihe wie das Fyre Festival, aber eine anständige Annäherung.

„Why should you care about this person you’ve most certainly never heard of before? Why are we wasting our time talking about yet another internet celebrity and yet another scam? Well, that’s a lot of questions and the answers will require time, but throughout this post, I hope to paint a portrait of the new age of the ‘influencer economy’, the insidious nature of Instagram’s faux aspirational agenda, and the one woman who exemplifies the trend at its most inept. Caroline Calloway’s scam may not be the biggest on the internet or the most upsetting but it certainly best represents the truth that lies beneath the well-filtered veil. […]

While all of this went on, Calloway strived to create her own brand of ‘authenticity’. She was ‘real’ for pulling out of a 6 figure book deal. She was true to herself for refuting a narrative she had created for herself for personal and financial gain, one that relied heavily on fetishistic notions of the British class system and academic elitism. She was a real artist for never actually making any art. This is the Instagram curse in many ways: The hunger to be an influencer without doing the work of real influencing.

But this call came to a climax with these workshops.“

Als Rausschmeißer einen Artikel, den gestern alle in die Timeline warfen und den ich schon im gedruckten Spiegel gelesen hatte. Macht überhaupt keine gute Laune, aber dafür einen schönen Bogen zum eigenen Forschungsobjekt: Da spricht ja mein Vater! von Niklas Frank über den neuen Faschismus in Deutschland.

„Obwohl ich gegen die Todesstrafe bin, habe ich sie meinem Vater immer gegönnt. Es ist gut, dass er wohl wenigstens für ein paar Sekunden jene Todesangst spüren musste, die er selbst millionenfach über unschuldige Menschen gebracht hat. Er hieß Hans Frank, er war Hitlers Generalgouverneur im besetzten Polen. Die Alliierten haben ihn dann in Nürnberg gehenkt.

Jetzt aber tauchen wieder Väter von meines Vaters Art auf, die mein Hirn vergiften wollen. 80 Jahre bin ich alt. Mein Leben lang hörte ich dieses verdruckste Schweigen, dieses nicht wirklich anerkennen wollen unserer Verbrechen. Doch nur wenn wir sie anerkennen, können wir trotz des damit verbundenen Schmerzes und der Wut ein ehrliches Leben ohne Hass hinlegen.

Oft betrachte ich meines Vaters Totenfoto. Wie er nach seiner Hinrichtung da liegt mit kaputtem Genick. Zurzeit lacht er mich frech an, denn das Schweigen wurde beendet – von der AfD.“

Tagebuch Dienstag, 10. September 2019 – Umschichten

Den ganzen Tag in der Diss verbracht. Über neue Strukturen nachgedacht, die der neuen Frage entsprechen. Ich kann die meisten meiner bisherigen Kapitel so lassen, muss sie aber natürlich nochmal durchkämmen, um jeden Absatz auf seinen Fokus zu überprüfen. Das ist aber eher der zehnte Job auf meiner neuen To-do-Liste. Ganz oben steht eben die neue Struktur.

Gestern dachte ich über zwei nach, beschrieb sie mir schriftlich selber – danke für den Tipp, @cfahrenbach per DM –, ging ganz grob über die Einleitung und stellte erfreut fest, dass die auch zum größten Teil noch passt. Nur eben die ganz genaue Zielrichtung, die wackelt noch ein bisschen hin und her, weil sie mir selbst noch nicht hundertprozentig klar ist.

Daher ließ ich die beiden vielversprechendsten neuen Routen nach ewigem Rumdenken liegen und werde heute erneut drüberlesen. Stattdessen begann ich nun endlich mit dem Autobahnkapitel, bei dem ich im Nachhinein doch ganz froh bin, dass ich mich so ewig darum herumgedrückt habe und mir lieber über Fresken in Münchner Vororten oder Gemälde auf Schiffen Gedanken gemacht habe. Denn jetzt konnte ich es ganz neu aufbauen und auch gleich damit beginnen. Ist auch noch etwas wuseliger als es mir lieb ist, aber ich schreibe das jetzt runter, dann habe ich wenigstens alle Fakten, Quellen, Ausstellungen und Akteure mal zu Papier gebracht – und kann sie im Notfall halt wieder woanders hinschieben.

Abends ewig mit Hamburch telefoniert. Viel Tee genossen. Immer noch emotional verkatert vom Montag gewesen. Mit einer Diss-These zu brechen, ist ein bisschen so als ob jemand mit einem Schluss macht. Nur dass mal nicht so viel Alkohol trinken darf, weil man dann noch schlechter denken kann.

Ich wäre dann jetzt aber oktoberfestreif.

Auf B5 aktuell, dem Radiosender, der bei mir immer im Bad läuft, ist heute die Pflege Thema des Tages. Eben hörte ich diese acht Minuten, die ich sehr sinnvoll fand.

„Die AfD schafft es, dass sich der Osten ein weiteres Mal abhandenkommt“, sagt die Autorin Ines Geipel

Kluges Interview mit der ehemaligen Spitzensportlerin und heutigen Autorin, deren neues Buch Umkämpfte Zone: Mein Bruder, der Osten und der Hass ich nach einer FAZ-Rezension dringend lesen möchte.

Wie kommt Ihnen das vor bei allem, was Sie persönlich erfahren haben, wenn nun die AfD suggeriert, die deutsche Gegenwart sei wie die DDR?

Das ist doch das Erstaunlichste, dass Menschen, die die DDR erlebt haben, diese Differenz von vor 89 und nach 89 nicht machen. Dass es kein Gefühl dafür gibt, was es heisst, öffentlich zu sprechen, oder was freie Wahlen sind, was es heisst, als Person Rechte zu haben. Was war denn 89? Die DDR ein komplett marodes Land, die Städte, die Seelen kaputt, die Menschen mit ihren Diktaturerfahrungen alleingelassen. Man muss überhaupt nicht wegerzählen, dass mit 1989 allen viel abverlangt wurde. Aber was haben wir heute? Die Arbeitslosenzahlen im Osten sind so niedrig wie nie, die Renten im Grunde angeglichen, die Städte saniert. Das heisst, die Zahlen sind bestens, aber die Stimmung ist obermies. Immer öfter höre ich heute: Sag mal, hast du das immer noch nicht kapiert, wir leben doch längst in der dritten Diktatur.

Wie konnte diese Stimmung entstehen?

Wir hatten im Osten nach dem Zweiten Weltkrieg keine Amerikaner und keine Reeducation. Bei uns folgten 40 Jahre DDR. Eine Gesellschaft, die wie im Käfig lebte oder, etwas freundlicher gesagt, im Einschluss. Alles Leben, alle Zugriffe gingen vor allem nach innen. Das hat noch immer grossen Einfluss auf die Binnenpsyche des Ostens. In meiner Wahrnehmung hat der sich nicht von seinem Kaspar-Hauser-Syndrom erholt. Wie auch? Gleichzeitig kommen wir mit der historischen Einordnung des Ostens und seiner speziellen Brutalität nicht wirklich voran. Stattdessen leisten wir uns verschiedene Entlastungserzählungen. Erst war es die glückliche Einheit, dann kam die DDR als schönes Märchenland, ab 2015 wurde es das Land der Gedemütigten, nun sind wir bei der Kolonisierung des Ostens durch den Westen. Wir strudeln zwischen Trauma und Mythologisierung, was im Kern vor allem mit Ängsten, Nichtwahrnehmung, tiefer Frustration und noch immer mit viel Schmerz zu tun hat. Und mit der Lust an der Camouflage. Diktaturen sind immer auch Entlastungen.“

Tagebuch Montag, 9. September 2019 – Dankeschön

Dankeschön, darling, dankeschön
Thank you for seeing me again
Though we go on our separate ways
Still the memory stays, for always
My heart says, “Dankeschön”.

Seit Monaten leite ich, wenn mich jemand nach meinem Diss-Thema fragt, meine Erklärung mit folgenden Worten ein: „Also, meine These, von der ich noch nicht weiß, ob sie mir um die Ohren fliegt, lautet …“ und dann kommt meine These, von der ich noch nicht weiß, ob sie mir um die Ohren fliegt. Bzw. dann kam die These. Bis gestern. Denn gestern ist sie mir um die Ohren geflogen.

Das fing schon im Kolloquium an, dass in meinem Hirn irgendwas klackerte, was da sonst ruhig rumlag und sich einen schönen Tag machte. Am Sonntag lag ich dann ruhig rum und machte mir einen schönen Tag, aber mein Hirn arbeitete anscheinend weiter. Einer meiner Textergötter ist ein großer Fan der von ihm so getauften Akkordeon-Theorie: einen Job anfangen, ordentlich drauf rumdenken, und dann weglegen und was anderes machen. Wenn man dann den ersten Job wieder rausholt, sind auf einmal Dinge im Kopf, die das Unterbewusstsein erledigt hat, und zack, schöne neue Ideen.

Das klappt, wie ich nach Bachelor und Master weiß, auch in der Wissenschaft. Ich kann mich ganz hervorragend in einen Stoff oder eine Frage oder, wie jetzt, in Quellen und Archivalien verbeißen – sie dann aber auch prima wieder loslassen, fünf Stunden Netflix gucken und, wieder am Schreibtisch angekommen, neue Ansätze zur Interpretation oder Einordnung haben. Deswegen ja auch immer der Satz von den Ohren, um die eventuell eine These fliegt – was weiß denn ich, was ich morgen finde oder auf was mein Hirn plötzlich kommt?

Seit über einem Jahr laufe ich dem Beleg dieser These nun hinterher und fühlte mich eigentlich recht sicher und wohl mit ihr. Aber gestern las ich einen sehr empfehlenswerten Aufsatz, den ich vorher noch nicht kannte, und in dem kamen ein paar Vokabeln vor, die mein Hirn ganz plötzlich an andere Dinge anlegte, die da oben schon rumlagen, es klackerte wieder, ich wehrte mich noch nach Kräften, formulierte meine These um, versuchte sie zu retten, aber: Nach sechs Stunden am Schreibtisch lag sie erledigt vor mir.

Ruhe in Frieden, gewagte These, du warst zu steil, um eine Diss zu werden. Aber du hast mich sehr inspiriert, und deine kleine Schwester, die jetzt deinen Platz eingenommen hat, ist auch nett und nicht scheiße. Nicht ganz so riskant und aufregend, aber auch gut. Mit der arbeite ich jetzt erstmal weiter. Dankeschön, darling, dankeschön, we go our separate ways now. Wenn ich mich von deinem ekligen, fiesen, sehr unerwarteten Nackenschlag erholt habe, du blöde Kuh.

Was schön war, Sonntag, 8. September 2019 – Ruhe

Ausgeschlafen. Während F. noch weiter ausschlief, setzte ich zwei Hefeteige an, die ich dann zum Gehen unter meiner Bettdecke verstaute (mein Lieblingsplatz für Hefeteige). Die Laugenbrezn waren leider ein Reinfall, weil ich zu spät merkte, dass ich nicht genug Natron mehr im Haus hatte, mir aber dachte, mal gucken, was dabei rauskommt, wenn du zu wenig davon nimmst. Nun ja. Der Zopf aus der anderen Hälfte des Hefewürfels war aber hervorragend und schmeckte mir mit der Mirabellenmarmelade vom Patenonkel über den Tag verteilt sehr gut.

Ansonsten: gefühlt anderthalb Staffeln How I Met Your Mother weggeguckt bzw. nebenbei laufen lassen, FAZ gelesen, Spiegel gelesen, Buch übers 19. Jahrhundert weitergelesen. Bisschen Ordnung gemacht, aber weder Diss noch Brotjob angefasst. Für Regen gesorgt, indem ich meine Balkonblümchen goss. Nachmittagsnickerchen. Nachdem F. seinen Tag woanders verbrachte, mit niemandem mehr gesprochen. Sehr ruhigen Sonntag genossen. Erstmals seit ungefähr April wieder langärmelig rumgelaufen.

Was schön war, Samstag, 7. September 2019 – Kolloquium, Tag 2

Um kurz nach 9 wieder im kunsthistorischen Institut gewesen, dem kleinen Winzladen. Normalerweise hätten wir im größeren von zwei Räumen arbeiten sollen, wie auch schon Freitag, aber es gab Probleme mit dem Institutsrechner (ach was), weswegen wir in den zweiten, kleineren Raum auswichen, was mir persönlich sehr gut gefiel. Der größere Raum ist ein doofer Schlauch, der kleinere, quadratische hingegen perfekt für unser Grüppchen aus knapp 15 Leute. Man sitzt beim Referat nicht so irre alleine da vorne wie im großen Raum, weil dort niemand in der ersten Reihe von zehn sitzen will, während es im kleinen gerade mal Platz für vier bis fünf Reihen gibt, je nachdem wie fies man die Stühle gruppiert. Und auch wenn die Luft schneller stickig wird – ich habe mich im kleinen Raum immer wohler gefühlt. So auch gestern.

Wieder fünf spannende Vorträge gehört, zu allen eine Stunde diskutiert. Zwischendurch leerte ich meine Thermoskanne mit meinem geliebten Bünting-Tee, während der Rest sich mit Kaffee und Teilchen vom Bäcker versorgte. Vorgestern hatte ich ein Sandwich dabei, was auch bitter nötig war, gestern trug ich den Jogurt wieder ungegessen nach Hause; das Frühstück aus Rührei, Bacon, Tomatensalat und Brot war anscheinend sehr sättigend gewesen.

Ich war immer noch emotional verkatert vom Abend vorher; das „Fuck“ aus dem gestrigen Blogeintrag hätte fast zu dusseligen Übersprungshandlungen geführt. Ich war sehr traurig, aber zehn Minuten mit lauter Wuselnasen, die über NS-Kunst reden, machten mir sofort wieder gute Laune. Und dann kam irgendwann eine Mail, die ich in einer Pause zwischen zwei Vorträgen las, die genau das war, was ich gestern hören musste. Ich konnte mich gar nicht so gut bedanken, wie ich es gerne getan hätte, mir fehlten irgendwie noch die Worte. Aber ich las sie gestern ungefähr 20 Mal und werde sie mir vermutlich demnächst ausgedruckt irgendwo hinlegen, damit ich sie noch 20 Mal lesen kann, wenn mein Hirn wieder „Fuck“ sagt und traurig wird.

(People. The best!)

Eine Kommilitonin kam aus Frankreich und referierte auf Englisch, und ich hatte einen instantanen Akzent-Crush bei jedem deutschen Begriff, der sich in ihren Vortrag mischte. Bei jeder Aussprache von „monuments men“ musste ich grinsen, und bei jeder Erwähnung von Rose Valland war ich sehr verliebt. Und nebenbei lernte ich, wie Frankreich mit Kollaborateur*innen im Kunstbetrieb umgegangen ist: gefühlt etwas rigoroser als wir. Je suis Jack’s total lack of surprise.

Auch das war wieder anstrengend: Wir wissen alle um die Kontinuitäten, die nicht vorhandene Stunde Null, aber wenn man es mal wieder so geballt hören muss, nervt es doch sehr. Namen, die gestern fielen und die ich euch einfach mal weiterreiche zur Eigenlektüre: Bruno Lohse, Alois Miedl, Pieter Menten.

Zum Abschluss, nach allen Vorträgen und Diskussionen, standen wir noch ein bisschen zusammen, brachten uns auf den neuesten Stand, was Beruf und Zeug anging und kamen irgendwie auf die dümmsten Sprüche, die wir uns hatten anhören müssen, wenn man sein Forschungsgebiet erwähnt. Auf meiner persönlichen Hitliste der Sätze waren: „Gefallen dir diese Bilder?“ (immer mit der Implikation, man wäre doof, wenn’s so wäre oder aber, dass einem die gar nicht gefallen dürften), „Hat das familiäre Gründe?“ (weil wir ja alle nur Großmütterchens Sammlung beschützen wollen) oder, der war mir neu: „Bitte doch mal die AfD um ein Stipendium, haha“. Eine Mitpromovierende meinte auch: „Zunächst finden alle das Thema irgendwie eklig und denken, man wäre komisch, weil man sich damit freiwillig befasst, dann wollen alle die Bilder aus der Zeit sehen, und dann sind alle enttäuscht, wenn es nur Blumenstillleben sind.“

Ich sprach noch mit einer Kommilitonin, die mit mir im Rosenheim-Seminar gesessen hatte und die es als Provenienzforscherin an ein nettes Museum geschafft hat. Zu ihr meinte ich, du hast’s gut, dich finden bestimmt alle toll, du machst ja was Anständiges, woraufhin sie sagte: „Nee, ganz im Gegenteil: Die Museen hassen mich, weil ich ihre Sammlung überprüfe, der Kunsthandel hasst mich, weil ich auf lückenlosen Provenienzen bestehe, Erben hassen mich, wenn ich sie frage, wo genau an der Ostsee der Opa denn 1942 dieses Werk „erworben“ hat, und eigentlich telefoniert man den ganzen Tag mit Amtsgerichten.“ Wieder was gelernt.

Um 16 Uhr zuhause gewesen, den warmen Jogurt gegessen und dann direkt auf dem Sofa bei einer Serienfolge weggenickt. Abends mit F. ein bisschen zu viel Riesling getrunken und das komplette Kolloquium nacherzählt. Gemeinsam eingeschlafen.

Was superschön und dann superscheiße war, Freitag, 6. September 2019 – Doktorandenkolloquium, Tag 1

Gestern war der erste Tag des Doktorandenkolloquiums. Ich wartete vormittags noch auf Kundenfeedback, das erwartungsgemäß nicht kam, dann ging ich noch einmal durch mein kurzes Referat und machte mich um 14 Uhr ins kunsthistorische Institut auf.

Ich war in den letzten Monaten jedesmal so glücklich, wenn ich im Archiv sitzen konnte, wenn ich in der Bibliothek in den Bücherbergen versank, wenn ich am Schreibtisch an der Diss weitertippte und beim Korrigieren merkte, das wird gut oder wenigstens sehr ordentlich. In diesen Momenten vergaß ich immer gern, dass der ganze Kram Eskapismus ist und ich in Wirklichkeit ja einen Beruf habe und eine Miete, die irgendwie bezahlt werden will und ich außerdem keine 25 mehr bin.

Und dann saß ich im Kolloquium inmitten von lauter schlauen Menschen, die sich mit sehr ähnlichen Themen wie dem meinen befassen und die daher wissen, wie sich die Beschäftigung mit dieser angeblichen Schmuddelecke der Kunstgeschichte anfühlt. Die wissen, wie dünn das Eis ist, wenn man sich mit Täter- anstatt mit Opferbiografien befasst, die die moralischen Untiefen kennen und die verkopfte Emotionalität, weil man dem eigenen Forschungsobjekt dauernd eine reinhauen will. Die wissen, wie anstrengend die Ambivalenz des Ganzen ist und die einen deswegen gut auffangen. Gestern wurde bei einem Vortrag der Begriff „Safe Space“ in der Diskussion benutzt – „euch darf ich das sagen, oder? Das geht hier, oder?“ –, weil eine junge Wissenschaftlerin ernsthaft von irgendeinem 80-jährigen Nachkommen verklagt wurde – wegen einer Erwähnung in einer Bachelorarbeit.

Jede*r, der*die forscht, egal, ob geistes- oder naturwissenschaftlich, weiß: Wir ordnen ständig Dinge ein, wir vergleichen, wir gleichen ab. Um eine Frage zu beantworten, guckt man sich auch gerne Antworten auf Fragen an, die in der Nachbarschaft rumliegen, um eine Art Basis zu schaffen, auf der man sich bewegt. Und genau die fehlt uns allen, weil die Historiker*innen sich nicht für Kunst als Medium oder Artefakt interessiert haben und die Kunstgeschichte sich jahrzehntelang auf der bequemen Idee ausgeruht hat, die systemkonformen Künstler*innen des NS seien nicht wichtig, weswegen man sie ignorierte. Inzwischen hat sich das immerhin ansatzweise geändert, aber wir betreiben jetzt gerade Grundlagenforschung, die eigentlich vor 70 Jahren schon hätte erledigt werden müssen. Uns fehlt diese Basis, uns fehlen Netzwerke und die Antworten aus der Nachbarschaft, weil wir jetzt erst Fragen dahingehend stellen. Auch deswegen war es für mich äußerst hilfreich, Feedback auf meine These zu bekommen und ein paar Anregungen, wie man sie vielleicht besser einordnen könnte, ehe ich mich verrenne.

Wir haben viel erfahren, viel gelacht, viel diskutiert, viele Visitenkarten ausgetauscht. Ich habe die Aussicht auf einen Archivbestand, von dem ich dachte, dass er nicht existiere. Und ich habe den Verfasser des Wikipedia-Eintrags zu Protzen kennengelernt, weil auch er bei meinem Doktorvater promoviert, und mich natürlich lautstark über seine Formulierung „zu Recht vergessener Künstler“ aufgedotzt. Er meinte, er sei schon sehr darauf gespannt, wie ich den Eintrag ändern werde.

So saß ich sieben Stunden lang in einer kleinen Blase der gelehrten Glückseligkeit und staunte und überlegte und notierte und lernte und kam mit einem völligen Überschwang an Hibbeligkeit und Tatendrang wieder nach Hause, als ob ich ein Kilo Zucker durch die Nase gezogen hätte, und wenn ich joggen könnte, wäre ich noch ein paar Kilometer durch die Nacht gelaufen, weil sich alles SO GROSSARTIG anfühlte.

Und zwei Stunden später wurde mir wieder zum tausendsten Mal klar, dass die Menschen im Kolloquium alle entweder in Museen oder Archiven arbeiten oder noch jung genug sind, um das zu tun. Während ich am Montag wieder am Schreibtisch sitze, um mir Adjektive für Produkte auszudenken, die niemand braucht.

Fuck.

Was schön war, Mittwoch, 4. September 2019 – Lost and found

Morgens von einer DM erfreut worden, die unser Podcast-Mitstreiter Florian uns schickte: Der Artikel über den Fehlfarben-Podcast war endlich in der Süddeutschen. Auf den hatten wir zugegebenermaßen dann doch gespannter als gedacht gewartet. Gleich mal verlinkt, sowohl im Blog als auch auf Twitter.

Texte an den Kunden geschickt. Da ich weiß, dass die Feedbackschleifen dort etwas, äh, unkonventionell ausfallen, konnte ich mich den Rest des Tages wieder auf die Diss konzentrieren bzw. auf den Vortrag, den ich am morgigen Freitag auf dem Doktoranden-Kolloquium halten werde.

Mein Doktorvater lädt in Halbjahresabstand seine Schäfchen ins kunsthistorische Institut der Uni, dessen unbequeme Stühle mit den albernen, winzigen Hochklapptischen an der Lehne ich nie vermisse. (GEBT MIR ANSTÄNDIGE TISCHE ZUM ARBEITEN!) Wer möchte, stellt seine Diss bzw. seinen derzeitigen Arbeitsstand in einer Viertelstunde vor, dann diskutieren wir lustig eine weitere Dreiviertelstunde, dann rennt der Doktorvater zum Rauchen nach draußen und wir trinken alle Kaffee. Wir befassen uns alle mit Themen, die sich in der Ecke Kunst im NS und/oder Provenienzforschung bewegen, weswegen man herrlicherweise einen gewissen Kenntnisstand voraussetzen kann.

Ich war in den letzten Tagen trotzdem etwas verwirrt, was ich denn nun eigentlich genau vortragen wollte und bewegte mich, wie immer, zwischen den Polen „Ich hab gar nichts zu sagen“ und „Ich könnte ein zweistündiges Impulsreferat halten, ohne auch nur einen Spickzettel zu nutzen“. F., der alte Wissenschaftler, konnte ebenfalls wie immer beruhigen: „Über dein Thema weiß keiner mehr als du. Außer der Doktorvater.“ Aber der weiß ja eh alles, glaube ich immer, weswegen mich ein Kommentar in unserem letzten Gespräch sehr gefreut hat. Er wies mich auf ein Detail hin, das ich schon kannte, von dem ich aber ausnahmsweise gedacht hatte, er kannte es noch nicht, weswegen ich nur halb scherzhaft rumwimmerte: „Verdammt, und ich dachte, ich könnte Sie mal mit etwas überraschen.“ Woraufhin er meinte: „Frau Gröner, Sie überraschen mich doch dauernd mit Zeug. Sie wühlen immer sehr gründlich.“ (Errötende Doktorandin, Stimme eine Oktave höher, schnell wieder in die Bibliothek, wo ich zwischen Bücherbergen in Sicherheit bin.)

So bastelte ich seit ein paar Tagen an meinen Folien, war irgendwie gnatschig, weil mir nichts so recht gut vorkam und verfiel gestern zum wiederholten Male auf meine beliebte Taktik: Erzähl dir das Referat selber. (Too much information: Meistens mache ich das auf dem Klo, da ist es sonst arg langweilig.) Ich blubberte mich also selbst mit Infos zu Protzen und den Autobahnen zu, bis mir, wie immer, wie immer, wie immer, einen Struktur in den unbedeckten Schoß fiel, die ich dann sofort umsetzte.

Danach hätte ich theoretisch an der Diss weiterarbeiten können, aber da ich mich ja kenne und mir dann wieder tausend Sachen eingefallen wären, die ich auch noch in die 15 Minuten Vortragszeit reindengeln hätte wollen, ging ich lieber einkaufen. Ich erstand mein Lieblingsbrot und die gedruckte SZ, schnitt den Artikel über den Fehlfarbenpod aus, schrieb einen Brief an die Eltern, legte den Artikel bei und packte alles in einen guten, altmodischen Briefumschlag. Nebenbei erledigte ich die Steuer, ist das auch für diesen Monat weg, Briefumschlag an die Steuerberaterin, fertig.

Und da immer noch viel Tag übrig war, setzte ich meinen „Lost“-Rewatch fort, bei dem ich inzwischen in der letzten Staffel angekommen bin. Die war besser als ich sie in Erinnerung hatte, aber ich kann mich partout nicht mehr an das Ende des Endes erinnern. Die Pointe der Serie weiß ich noch, den Rest habe ich schon komplett verdrängt.

Abends nochmal über die Folien und das Stichwort-Skript rübergeguckt, mit beidem zufrieden gewesen.

Es wäre noch mal Biergartenwetter gewesen, aber F. hatte keine Zeit und mit jemandem anders wollte ich nicht weg. Also guckte ich versonnen von drinnen auf meine wunderschönen Balkonblumen, bedauerte den gefühlt irrwitzig frühen Sonnenuntergang und war vermutlich zum ersten Mal in meinem Leben ein bisschen traurig darüber, dass der Sommer jetzt anscheinend vorbei ist.

Der Fehlfarbenpodcast in der „Süddeutschen“

Heute verlinke ich mal faul auf die SZ, denn in der Serie „Kulturpodcasts aus München“ wird in der Mittwochsausgabe über your truly berichtet. Wenn auch mit kleinen Macken – wie die Journalistin auf „WG-Küche“ gekommen in, in der wir angeblich über unsere Museumsbesuche reden, weiß ich nicht.

Den besten Satz hat Flo von sich gegeben:

„‚Einen Podcast zu machen, ist ein bisschen wie sich zum Joggen verabreden.‘ Alleine mache man es eben nicht, aber wenn die Verpflichtung durch andere dabei ist, dann schon. Seit Sommer 2014 sind so schon 22 Folgen zusammengekommen, die mehr oder weniger regelmäßig einmal im Monat erscheinen.“

Das merke ich, wenn ich alleine durch Ausstellungen gehe, da gucke ich doch gerne mal etwas unaufmerksamer als wenn ich weiß, dass ich danach 90 Minuten darüber sprechen muss und mir eventuell noch Menschen zuhören. Aber genau das ist ja der Spaß an der Sache: So bin ich durchaus schon in Ausstellungen gewesen, die ich mir alleine vermutlich nicht angeschaut hätte.

Auch den Rausschmeißer nicke ich ab:

„‚Uns geht es darum, die Kunst von ihrem Sockel zu holen. Man muss keine Scheu vor dem Museumsbesuch haben, weil man glaubt, Kunst vielleicht nicht richtig zu verstehen. Das ist Quatsch, Kunst ist für alle da‘, sagt Anke Gröner. Da trifft es sich ganz gut, dass sich keiner der drei hauptberuflich mit Kunst beschäftigt. Zugegeben, Gröner hat in den vergangenen Jahren Kunstgeschichte studiert, arbeitet aber als Werbetexterin. Felix Mendoza kommt aus der Physik, sein Interesse für Kunst und Kultur hat er von zuhause mitbekommen. Und Florian Fitz? Der ist eigentlich Jurist, macht aber nebenher Musik und fotografiert mit Leidenschaft.

Wahrscheinlich ist es genau dieser autodidaktische Zugang zur Kunst, der ‚Fehlfarben‘ eben nicht nur wie einen weiteren Podcast zur Hochkultur Münchens wirken lässt. Die drei verschiedenen Perspektiven von Gröner, Mendoza und Fitz sind so nahbar und wenig abgehoben, trotzdem absolut informativ, dass alle Kunstinteressierten oder die, die es werden wollen, gerne zuhören.“

Den ganzen Artikel mit dem Titel „Kulturverkostung“ findet ihr hier, die anderen Folgen muss man sich leider selbst zusammensuchen. Hey, SZ, eine Linkliste wäre top! Andererseits: Ich selber pflege auch keine. Unsere letzte Folge findet ihr in meinem Blog hier, ansonsten stehen die Podcasts (mit deutlich kürzerem Text als bei mir) auf unserer Website.

Tagebuch Montag, 2. September 2019 – Zähflüssig

Ewig nicht aus dem Bett gekommen; endlich hat Home Office mal Vorteile, denn ohne Arbeitsweg habe ich trotzdem pünktlich um 9 Uhr am Schreibtisch gesessen, was der übliche Beginn meiner Bürozeit ist, wenn auch latent angematscht.

Für Geld gearbeitet, was fürs Blog nur in den seltensten Fällen etwas hergibt.

In der Mittagspause kleine Nettigkeiten für F. kreiert bzw. gekauft, die auf seinem Wohnzimmertisch lagen, als er gestern zu nachtschlafender Zeit wieder heimkam.

Das Buch „Wehvolles Erbe“. Richard Wagner in Deutschland. Hitler, Knappertsbusch, Mann beendet bzw. im letzten Kapitel zugeklappt und nicht ganz ausgelesen ins Regal gestellt. Das Werk befasst sich mit der Musik bzw. den Schriften Wagners im Leben Hitlers, Thomas Manns und des Dirigenten Hans Knappertsbusch.

Der Hitler-Teil war mir latent retrospektiv konstruiert, da zuckte ich des Öfteren zusammen und dachte, das klingt jetzt aber eher nach Wunschdenken als nach historisch belegbarem Fakt. Im Knappertsbusch-Teil arbeitete sich Verfasser Vaget eher an Mann und seinem Essay „Leiden und Größe Richard Wagners“ ab, gegen das Knappertsbusch dann eine üble Protestnote verfasste (unter „Reaktionen“ im Link eben). Den Teil fand ich am spannendsten, auch weil er die Kunststadt München in den 1930er Jahren gut erfasste. München nannte sich damals nicht nur „Hauptstadt der Bewegung“, was mir im Stadtarchiv dauernd wieder auffällt, weil das Briefpapier des Oberbürgermeistern eben nicht die Überzeile „Der Oberbürgermeister Münchens“ trägt, sondern „Der Oberbürgermeister der Hauptstadt der Bewegung“. München nannte sich außerdem „Stadt der Deutschen Kunst“ und „Wagnerstadt“, und alles zusammen ergab eine sehr eklige Gemengelage. Daher: Dieses Kapitel war mein liebstes, auch wenn mir die Zeit nach 1945 zu knapp erfasst wurde.

Beim Mann-Teil kam dann leider der Literaturwissenschaftler Vaget zu sehr durch; wie Mann sich literarisch an Wagner anlehnt, war mir eher egal, ich wollte was Historisches. Daher: nicht ganz durchgelesen, trotzdem eine halbgare Empfehlung. (Zu wenige Fußnoten! Dass ich das mal sagen würde.)

Was schön war, Samstag, 31. August/ Sonntag, 1. September 2019 – Wochenende

Eigentlich wollte ich arbeiten. Eigentlich wollte ich an der Diss sitzen. Aber ganz eigentlich wollte ich Wochenende haben. Also habe ich das gemacht.

Am Samstag ausgeschlafen und erst gegen 9 Uhr oder so noch schnell den letzten Schatten auf dem Balkon für einen Flat White erwischt. Mein gegossenes Muster sah wahlweise aus wie ein Phallus oder ein Stinkefinger, weswegen ich einfach einen Blob Milchschaum darübergoss.

Samstag vormittag stand ich in der Badewanne, um F.s Roomba schadenfroh am verwinkelten 3-Quadratmeter-Bad scheitern zu sehen. Einfach selbst durchzusaugen wäre garantiert schneller gegangen, aber weitaus weniger unterhaltsam gewesen.

Dann holte ich die Zeitung und vergaß natürlich den Müllsack, den ich mit nach unten nehmen wollte, denn danach plante ich, die Wohnung für 48 Stunden nicht mehr zu verlassen. Der Müll steht hier immer noch.

Gelesen, Serien geguckt. Ich hänge vermutlich zum letzten Mal bei How I Met Your Mother rum; den Dickenhass konnte ich noch nie leiden, aber nach ein paar Jahren #MeToo kann man auch diese ganzen widerlichen Aufreißstrategien von Barney nicht mehr ertragen. Blöderweise mag ich Ted sehr gerne und himmele ewig seine braunen Kuschelaugen an. Schlimm.

Nicht mal Lust gehabt, zum Bäcker zu gehen oder selbst zu backen. Wie gut, dass ich seit kurzem einen Kühlschrank mit drei geräumigen Gefrierfächern mein eigen nenne. Ein halbes selbstgebackenes Fladenbrot aufgetaut und mit frischer Knoblauchmajo, eingelegten Gurken, der lustigen Baconmarmelade und einer Scheibe Riesentomate genossen.

Abends mit eBook auf den Balkon gesetzt. Alleine, mit Wein, neben mir die Lichterkette, vor mir ein paar Kerzen, die mir dann aber ernsthaft zu hell waren. Das iPad-Leuchten reichte mir. Dann guckte ich einfach nur noch so ins dunkle Blau.

Sonntagmorgen war ich schon um 6 wach, ging ins Bad und hatte für fünf Minuten total tolle Pläne: mal wieder walken gehen! Ne längere Runde Fahrradfahren, damit ich demnächst mit dem Rad zum Bayerncampus fahren kann und nicht immer den abends oder am Wochenende nur noch spärlich fahrenden Bus nehmen muss! Bei Sonnenaufgang Kaffee trinken!

Daraus wurde dann: wieder ins Bett gehen und von F.s DM um kurz vor 10 wach werden. Alles richtig gemacht.

Restlicher Tag wie oben, minus Roomba, plus ein Ottolenghi-Rezept, der das ganze mit Haselnüssen gemacht hat: gegrillte Zucchini (bei mir in der Grillpfanne) mit Basilikum (VOM BALKON! IN ZWEI FARBEN!), geröstete Walnüsse, bisschen Balsamico, bisschen Walnussöl, Parmesan. Tolles Zeug.

Nachmittags Augsburg in Bremen verlieren gesehen. Rumgejammert, aber die zweite Halbzeit war großartig. Gute Mannschaftsleistung, einfach immer wieder anlaufen, fuck it, so will ich das sehen. Fox Sports kommentierte schon fast gerührt von „the brave Augsburg ten“. (Gelbrote Karte in der ersten Halbzeit.)

Abends vor den grauenhaften Landtagswahlergebnissen an den Schreibtisch geflohen und doch noch ein bisschen gearbeitet. Dabei sehr laut Dvořák gehört. Half ein bisschen.

Denn das war die dicke „Was nicht schön war“-Insel am Wochenende: Die AfD wurde sowohl in Brandenburg als auch in Sachsen zweitstärkste Kraft. Was die genauen Wahlergebnisse mir immerhin zeigen konnten: Das liebevolle Bepuscheln der ostdeutschen Lebensleistung können wir als Beschwichtigungsstrategie jetzt auch lassen. In beiden Ländern stimmten 31 Prozent der Wähler*innen zwischen 30 und 44 für die Neofaschisten, also Menschen, die zur Zeit des Mauerfalls höchstens vierzehn Jahre alt gewesen sind und damit die DDR eher weniger bewusst mitbekommen haben. Ich gestehe ihnen gerne zu, dass das Erwachsenwerden schwieriger war, weil die Vorbilder fehlten – wie sollten Eltern und Verwandte Tipps geben, die sie selbst nie gebraucht hatten –, aber dass diese Wähler*innen der Braunkohle nachtrauerten oder den heimeligen LPGs kann ich mir nicht vorstellen.

In Brandenburg waren diese 31 Prozent die größte Wähler*innenmenge für die AfD; in Sachsen darf sich die Generation, die 1989 auf die Straße gegangen ist, um für Demokratie zu kämpfen, diese Ehrennadel mit Eichenlaub und Schwertern anheften, denn dort stimmten 32 Prozent der Wähler*innen zwischen 45 und 59 dafür, die Demokratie wieder abzuschaffen.

Mir fällt dazu keine schlaue Analyse ein, wie gefühlt den meisten Profis aus der Soziologie, Psychologie und Politik auch nicht mehr. Was ich alles in den letzten Wochen für Stücke gelesen habe, immer im Hinterkopf die Hoffnung: Das müssen die doch selbst sehen, dass sie menschenverachtenden Dreck wählen. Seit gestern weiß ich immerhin: Ja, das tun sie. Die AfD wurde in Sachsen nicht als Protestpartei gewählt – wie in Brandenburg –, sondern genau wegen ihrer politischen Inhalte. Der braune Untergrund ist keiner mehr.