Tagebuch Mittwoch, 17. Juli 2019 – Tippeditipp

Schreibtischtag, unterbrochen von Besorgungen zur Mittagspause und der üblichen Episode Masterchef Australia. Nur noch drei Folgen!

Ich habe gestern die bisherigen ersten beiden Kapitel nochmal komplett überarbeitet. Das erste Kapitel geht von 1887 bis 1925, also von der Zeit von Protzens Geburt in Pommern, Schul- und Lehrzeit in Leipzsch, seiner Zeit als Modezeichner in Paris und als Zivilgefangener auf Korsika bis zu seinem Abschluss an der Akademie der bildenden Künste hier in München. Ich ahne, dass ich das noch unterteilen werde, aber momentan weiß ich noch nicht genau, wo oder wie. Das zweite Kapitel, das bisher längste, geht von 1926 bis einschließlich 1933; ich mache also keinen Schnitt zwischen der Weimarer Republik und der NS-Zeit, denn das hat die bürgerlich akzeptierte Kunst auch nicht gemacht. Heute beginne ich mit dem mit Abstand wichtigsten Kapitel: 1934 bis 1940, denn in dieser Zeit hat der Mann die Gemälde der Reichsautobahn produziert, die Dreh- und Angelpunkt meiner ganzen Dissertation sind. Und dazu noch ungefähr 200 andere Bilder, die ich vermutlich auch in Teilen erwähnen werde.

Wenn ich mir angucke, wie lange ich an den ersten Kapiteln (plus angerissener Quellenlage und Forschungsstand) gesessen habe, nämlich seit Anfang März, rechne ich optimistisch mit zwei bis drei Monaten Schreibzeit für diesen Textblock. Wenn alle Archive geöffnet sind, ich immer reinkann und mir vielleicht noch nebenbei ein paar Quellen in den Schoß fallen. Vielleicht kann ich den Protzen-Teil dann sogar bis Ende dieses Jahres abschließen und mich 2020 um die Aufarbeitung systemkonformer Kunst im NS in der Bundesrepublik kümmern, was der zweite Teil der Arbeit sein wird. Die interne Deadline September 2020, das Ende meiner Studienzeit, steht noch!

Bei der gestrigen Überarbeitung habe ich zum ersten Mal einen Modus gefunden, wie die Kapitel keine reine Aufzählung von Daten und Bildernamen sein könnten, sondern wie ich ein Narrativ entwickele, das (hoffentlich) durch die gesamte Arbeit trägt. Das fühlte sich exorbitant gut an, und ich habe bis fast 20 Uhr am Rechner gesessen, denn wir wissen ja alle: never leave a hot keyboard. Mit diversen Streichungen, aber gleichzeitig noch vielen Anmerkungen im Text (CHECKEN! KUNSTARCHIV? STADTMUSEUM! LENBACHHAUS!) bin ich jetzt bei 68 Seiten Text aka 122.000 Zeichen aka meiner Master-Arbeit. UND ICH BIN ERST BEI 1933! *wimmer*, aber ein irre motiviertes und deutlich optimistischeres *wimmer* als noch vor wenigen Wochen.

Zum Mittach gab’s wieder Ottolenghi, den herrlichen scharfen Tofu, vermutlich mein Lieblingsrezept von ihm, gestern schwarz wie die Nacht (das ist die Sauce!). Weil gestern die Frage nach dem Berg an Knoblauch kam, der laut Rezept rein soll: Das passt schon, die Sojasauce kleistert eh alles zu. Bei der Butter darf man aber gerne sparen, da nehme ich nie die angegebene Menge.

Das häuft sich neuerdings, dass Leute über mich und Otti twittern. Ich fühle mich geschmeichelt.

Notre-Dame came far closer to collapsing than people knew. This is how it was saved.

Großartiges Stück der New York Times: sinnvoll bebildert, gut grafisch aufgemacht, sehr verständlich. Zwischendurch ne Runde Pathos, aber das ist bei Kathedralen in Ordnung. Ich erinnerte mich beim Lesen an meine Furcht, als ich die Flammen im Nordturm sah. Ich wusste nicht, wie gefährlich sie waren.

„About 7:50, almost an hour into the fight, a deafening blast engulfed her. It was, she said, like “a giant bulldozer dropping dozens of stones into a dumpster.” The 750-ton spire of the cathedral, wrought of heavy oak and lead, had collapsed. The blast was so powerful it slammed all the doors of the cathedral shut. The showering debris broke several stone vaults of the nave. Corporal Chudzinski and other firefighters happened to be behind a wall when a fireball hurtled through the attic. It probably saved them. “I felt useless, ridiculously small,” she said. “I was just powerless.” […]

Before the blast, Corporal Chudzinski and her colleagues had made a critical observation: The flames were endangering the northern tower. The realization would change the course of the fight. Inside that tower, eight giant bells hung precariously on wooden beams that were threatening to burn. If the beams collapsed, firefighters feared, the falling bells could act like wrecking balls and destroy the tower. If the northern tower fell, firefighters believed, it could bring down the south tower, and the cathedral with it.“

Wegbereiter des Judenhasses

Die FAZ sehr informativ und einordnend über den BDS.

„Ausgeblendet bleibt in der Debatte die geopolitische und historische Dimension des Konflikts. Dass es im Nahen Osten, anders als der BDS nahelegt, nicht Gut (Palästina) und Böse (Israel) gibt, ist schon deshalb so, weil in den Konflikt die Interessen einer Reihe von arabischen Staaten hineinspielen, von denen einige Israel (und die Juden) ganz offiziell vernichten wollen.

Angesichts des eliminatorischen Eifers, mit dem der BDS den palästinensischen Befreiungskampf feiert und dafür, wie die BDS-Aktivistin Jasbir Puar, selbst Terror meint rechtfertigen zu müssen, ist an einige historische Tatsachen zu erinnern: etwa, dass der Zionismus keine Entscheidung aus freien Stücken war, sondern die Reaktion auf Pogrome gegen Juden in aller Welt; dass der palästinensische Großmufti Jerusalems mit dem NS-Staat kollaborierte, was der Jerusalem-Ausstellung am Jüdischen Museum keinen Hinweis wert war; dass der auf den UN-Teilungsplan zurückgehenden israelischen Unabhängigkeitserklärung noch am selben Tag die Kriegserklärung von sechs arabischen Staaten folgte; dass die Aggression vor dem Sechs-Tage-Krieg nicht von Israel, sondern von Ägypten ausging; dass die palästinensischen Flüchtlinge von 1948 in den arabischen Staaten nicht etwa bereitwillig empfangen wurden, sondern teils bis heute in Flüchtlingslagern unter beklagenswerten Umständen leben; dass die Terrororganisation Hamas, mit der die BDS-Bewegung offen sympathisiert, jede ernsthafte Friedensverhandlung als sinnloses Geschwätz abtut. Und warum stört sich der BDS eigentlich nicht an der südlichen Blockade des Gazastreifens durch Ägypten?

Das alles entwaffnet nicht Kritik an der israelischen Besatzungs- und Siedlungspolitik und dem nationalistischen Kurs der aktuellen Regierung. Aber von ernstzunehmender Kritik ist zu erwarten, dass sie den Blick nach beiden Seiten richtet.“

Tagebuch Dienstag, 16. Juli 2019 – Die kleinen Kleinigkeiten

Morgens beim ersten Balkongang zum Ausputzen und Gießen und einfach nur Rumstehen und Gucken bemerkte ich, dass mein Koriander blühte. Ich wusste gar nicht, dass der blühen kann, ich Newbie, und guckte mir das genauer an. Dabei sah ich, dass das Basilikum nebenan auch sehr apart aussieht, bevor es nach oben sprießt.

Das Foto ist nicht ganz scharf, weil ich bei allem Angst habe, mein iPhone fallen zu lassen, und aus den oberen Stockwerken habe ich dazu noch weniger Lust als in der Wohnung. Daher: aus dem Handgelenk geknipst und schnell wieder an den sicheren Körper gezogen. Bonus: die blauen Papiermülltonnen im Hof.

Tagsüber am Kapitel 1926 bis 1933 weitergeschraubt. Beim zehnten Jahr, für das ich Protzens Ausstellungsbeteiligungen und Einkünfte notiere, soweit ich sie kenne, fiel mir ein, dass ich mich vielleicht auch mal mit den Bildinhalten auseinandersetzen sollte sowie dem Stil, in dem sie gemalt wurden. Also ging ich nochmal über alles rüber, fischte mir besonders aussagekräfte Werke raus, klickte dazu mehrfach durch meinen liebevoll angelegten Fotoordner – und merkte im Laufe des Tages den Anfang des Flows, den ich bisher für alle Hausarbeiten und die Masterarbeit hatte (Bachelorarbeit war doof). Dieses Wissen, wo man sich bewegt, dieses Gefühl, allmählich den Kram geknackt zu haben, die Beruhigung darüber, auf dem richtigen Weg zu sein. Das war schön.

Und nebenbei ist dieses Kapitel jetzt schon länger als die Bachelorarbeit. Wie sehr ich mich damals mit dem Kram überanstrengt habe! Und jetzt ist die gleiche Textmenge nur ein Durchgangskapitel.

Vorgestern hatte mich mein Doktorvater an eine andere Doktorandin verwiesen, in deren Arbeit auch ein bisschen Protzen vorkommt. Wir tauschten uns gestern per Mail aus (nachdem wir die andere gegoogelt hatten, hust) und treffen uns vermutlich in wenigen Wochen, um uns gegenseitig ein bisschen was zu erzählen, was der anderen gut ins Thema passen würde. Das war auch schön. Oder wie F. meinte: „Endlich hast du jemand, der auch so gerne über den Kram redet wie du.“

Zum Mittag holte ich mir Kräuter vom Balkon. Weil sie da sind.

Ich weiß, das klingt für Leute mit (Schreber-)Garten oder für solche, die schon Bananen und Bambus auf ihren Balkonen züchten, total albern, wenn ich mich über Petersilie freue. Aber ich hatte bis auf wenige Kräutertöpfe auf Fensterbänken, die alle nach vier Wochen vor sich hinsiechten, noch nie frische Kräuter direkt vor meiner Nase. Also immer und sofort, wenn ich möchte. Ich muss dafür nur drei Meter weit gehen und nicht mal bis in den Supermarkt.

Ich habe auch jahrelang nicht verstanden, warum ich mir die Mühe machen sollte, wo ich doch eben nur in den Supermarkt gehen muss. Vielleicht hatte ich in Hamburg auch mehr Glück mit meiner Umgebung – der Edeka hier neben mir, den ich aus Bequemlichkeit dann doch viel zu oft ansteuere, hat eher mieses Gemüse, das sollte man essen, sobald man es aus dem Einkaufsbeutel zieht, denn einen Tag später ist es nur noch Matsch oder Schimmel. Bei Kräutern hat er mal diese, mal jene Sorte, keine Ahnung, wo da das System ist.

Aber gestern wollte ich nur Ottolenghis Kartoffeln und Erbsen mit Pesto und Minze machen und stellte überrascht fest, dass ich dafür alles im Haus oder auf dem Vorbau daran zur Verfügung hatte. Und ich genieße das warum auch immer so sehr, kurz ins Grüne zu gucken, auch wenn das Grün nur einen Balkonkasten groß ist, die Pflanzen anzufassen (ja, ich weiß, wie komisch sich das liest, ja, ich streichele manchmal meine Blumen, SCHON GUT), sie vorsichtig abzuzupfen und dann frisch zu verarbeiten. Im Moment schmeckt jedes Essen besser als vorher. Und, wie schon eine Million Mal erwähnt, es beruhigt mich immer wieder und immer wieder überraschend so sehr, beim Grün- und Buntzeug zu stehen und einfach nur draufzuschauen.

(Mal wieder länger darüber nachgedacht, über was man sich in verschiedenen Lebensabschnitten freut und was wichtig ist. Gedankengang noch nicht abgeschlossen. Erstmal was essen.)

Und selbst der morgendliche Flat White wird so ganz langsam. Ich habe ewig die Milch geschäumt, bis ich das Metallkännchen nicht mehr anfassen kann. Wahrscheinlich habe ich memmige Finger, denn so war die Milch meist einen Hauch zu flüssig. Jetzt nehme ich den prüfenden Finger am Kännchenboden weg und schäume noch zwei, drei Sekunden weiter – und ta-daa, deutlich fluffigerer Schaum. Also manchmal. Reicht.


Vorgestern.


Gestern.

Ich war geistig nach dem Tag sehr matschig, denn das strengt schon an, sich acht Stunden am Stück (mit Mittagspause) auf sinnvolles Zeug zu konzentrieren, und ich vergesse immer, wie sehr das anstrengt. Nur noch entspannt Mondfinsternis bei F. geguckt, Gin Tonic dazu getrunken und nach einer kurzen Radfahrt durch die sommerliche Nacht ins Bett gefallen. Guter Tag, gerne wieder.

Tagebuch Montag, 15. Juli 2019 – #disslife

Acht Stunden am Schreibtisch und gerade mal vier Jahre Ausstellungshistorie fertigbekommen. Dafür nutze ich die Rezensionen über Ausstellungen, die ich mir aus den dicken Zeitungsausschnittssammlungen des Stadtarchivs erwühlt habe, gucke, ob dort Bildtitel oder -beschreibungen vorhanden sind, texte die Sätze hübsch, mache ebenso hübsche Fußnoten und versuche dann herauszufinden, welches Bild die Rezension wohl gemeint haben könnte.

Wenn ich Glück habe, heißt das Bild genauso im Werkverzeichnis. Meistens habe ich kein Glück und darf wild raten, welches Stillleben wohl gemeint sein könnte, welche Stadtansicht, welche Landschaft. Manches kann ich herleiten, manches nicht. Das alles gleiche ich mit den Fotos aus dem Nachlassalbum ab, weil ich dort die Bilder ja sehen kann und nicht nur die Titel vor mir habe. Im Werkverzeichnis stehen gerne noch wilde Kürzel, über die ich nachdenke, und jetzt, wo ich meine Tätigkeit fürs Blog aufschreibe, verstehe ich noch weniger, wieso das alles so irre lange dauert.

Ich habe gestern das Jahr 1932 abgeschlossen. Allmählich nähern wir uns der Zeit, die für mich in der Diss am interessantesten ist. Dort sind die Ausstellungen aber noch üppiger, ich werde noch mehr vergleichen und raten und nachdenken und ich werde nie fertig werden.

Mit Mama telefoniert und über Papa gesprochen.

Sehr über diese Bild-Text-Kombi gelacht. Ganzer Thread.

Archivaufenthalt in Nürnberg gebucht. Ich weiß schon von vier Nachlässen, die ich mir dort neben dem von Protzen ausheben lassen möchte und ich ahne, dass mir bis zum Termin noch ein paar einfallen. Ich werde nichts schaffen und nie fertigwerden.

Was schön war, Samstag/Sonntag, 13./14. Juli 2019 – Wellness

Gemeinsam aufgewacht.

Rosinensemmeln vom Bäcker geholt auf dem Weg von F. zu mir. Daran musste ich mich erst gewöhnen, dass die norddeutschen Rosinenbrötchen etwas anderes sind als die süddeutschen Rosinensemmeln. Die Brötchen sind, soweit ich weiß, ich habe sie noch nie selbst gebacken, Milchbrötchenteig, eventuell Hefe? Die Rosinensemmeln sind schwerer und kommen mir fast wie Quarkteig vor. Ich hatte noch etwas Lemon Curd übrig, und damit waren sowohl Frühstück als auch Mittagessen erledigt.

Nachmittags den totalen Putzflash bekommen. Ja, Wohnungsputz ist nicht unbedingt etwas, was ich dauernd auf die „Was schön war“-Liste setzen würde, aber das Gefühl, damit fertig zu sein und eine saubere Wohnung zu haben, auf jeden Fall. Eigentlich wollte ich nur das Bad machen, der Rest war irgendwie noch erträglich, aber hey, wenn man den Staubsauger schon mal in der Hand hat?

Mir fiel mal wieder auf, dass ich lieber alles am Stück erledige als hier ein bisschen, da ein bisschen rumzupuscheln. Ich hatte mir vor ewigen Zeiten mal einen Putzplan in diesem Interweb runtergeladen, der einem das tägliche Ordnunghalten erleichtern sollte. Anscheinend bin ich schon ordentlich genug, denn ich muss nicht daran erinnert werden, den Herd nach dem Kochen zu putzen oder die Arbeitsfläche von Krümeln zu reinigen. Der Plan schlägt allerdings auch vor, jeden Tag ein Zimmer in Ordnung zu bringen, damit es eben nicht so ein Berg ist, den man erledigen muss. Das hat bei mir nie funktioniert – wenn ich das Schlafzimmer saugen und staubwischen kann, dann mache ich das im Arbeitszimmer auch gleich. Ich will vor allem gar nicht jeden Tag putzen – ich finde, einmal in der Woche am Stück deutlich angenehmer als ständig irgendwas machen zu müssen.

Daran musste ich denken, als ich Samstag einen Artikel aus der New York Times las und vertwitterte: How to Be Happy. Der Artikel ist nicht so esoterisch oder albern wie man glauben mag, da sind ein paar schöne Dinge dabei, und manche praktiziere ich schon länger. Zum Beispiel, zu mir und meinem Körper nett zu sein und ihn nicht dauernd auszuschimpfen. Der Tipp steht, glaube ich, in jedem Nicht-Diät-Ratgeber: Würdest du über den Körper deiner Freundin so herziehen? Nein? Dann lass das auch bei deinem eigenen sein.

Die Idee, die eigene Geschichte aus einer anderen Perspektive aufzuschreiben, um Dinge im Kopf klarzukriegen, fand ich spannend, das probiere ich aus. Und auch die Idee, ab und zu im Grünen spazierenzugehen, gefällt mir immer besser. Auch wenn spazierengehen seit Weihnachten immer schwerer fällt – seit ungefähr sechs, sieben Monaten merke ich, dass ich rechts deutlich mehr humpele als früher. Wenn ich barfuß in meiner Wohnung unterwegs bin, ist das seltsamerweise einfacher als draußen mit Schuhen. Denke jetzt über Barfußschuhe nach. Oder werde einfach nur noch radeln.

Wie ich Samstag twitterte: Wenn mir jemand vor sechs Wochen erzählt hätte, wie oft ich einfach nur stumm auf meine Balkonblumen gucke, sei es aus dem Küchenfenster, vom Schreibtisch aus oder morgens und/oder abends beim Gießen und Ausputzen – ich hätte ihn für bescheuert erklärt. Ich hätte nie gedacht, wie sehr diese kleinen bunten Billogewächse mich glücklich machen und wie sehr ich kurz runterkomme. Außerdem habe ich mich selten so nützlich gefühlt wie in den Momenten, in denen Bienen und Hummeln bei mir zu Gast sind. Das war gut ausgegebenes Geld.

Apropos Geld, noch ein Tipp aus dem Artikel: „Spend money on experiences, not things.“ Ja. Auch das war für mich überraschend, wie viel mir die Urlaube mit F. bedeuten, wie sehr es mir gut tut, aus dem Alltag rauszukommen. Ich empfinde meine Tage meist nicht als anstrengend, aber wenn ich sie bewusst anders verbringe, merke ich schon, dass ich ruhiger werde. F. geht es genauso, was mich sehr freut, und deswegen gönnen wir uns demnächst mal wieder ein kurzes Wochenende außerhalb von München.

Zurück zum Putzen: Ein Tipp aus dem Artikel ist vermutlich nichts für mich, aber ich gebe den mal weiter: „Do any task that can be finished in one minute.“ Also: schreib die eine E-Mail, die du seit Tagen vor dir herschiebst. Räum die Müslischale vom Frühstück in den Geschirrspüler. Leg zwei Shirts zusammen. Warum das nichts für mich ist, habe ich oben anklingen lassen: Wenn ich eh schon am Geschirrspüler stehe, kann ich ihn auch ganz einräumen. Wenn ich zwei Shirts falte, kann ich auch zehn falten. Und so weiter. Aber die Grundidee ist gut: Man kriegt Dinge gebacken und es bleiben immer weniger davon übrig.

Den Rest des Samstags eine gnadenlose Sofakartoffel gewesen, vier FAZ nachgelesen und Lost nebenbei laufen lassen. #rewatch

Ab und zu entspannt auf dem Sofa im Arbeitszimmer gesessen und über den Balkon ins Grüne geguckt bzw. dort dem Regen zugeschaut. Mein Lieblingsgeräusch ist Regen.

Abends die restliche Salsiccia verbraucht und mit einer schönen Tomate, grünen Bohnen und Kartoffeln in der Pfanne angebraten.

Sonntag ohne Wecker aufgewacht. Zwar alleine, aber das ist auch in Ordnung. Ich genieße mein Schlafzimmer auch nach mehreren Monaten sehr im Unterschied zum blöden Schlafsofa vorher. Noch eine Anmerkung aus dem NYT-Artikel: das Bett zu machen, ist morgens ein kleines Erfolgserlebnis und abends kommt man in eine angenehme Atmosphäre und an einen aufgeräumten Ort. Meine Rede.

Ein neues, aber eigentlich altes Baguetterezept ausprobiert. Das sah irgendwie seltsam und nicht besonders appetitlich aus, als es aus dem Ofen kam, aber es musste noch auskühlen, bevor ich es anschneiden und mich vergewissern konnte, dass es vermutlich misslungen war. Traurig geworden, auch aus anderen Gründen.

Aber dann nicht muffig auf dem Sofa versackt, sondern mir vom MVV-Radroutenplaner eine winzige Tour erstellen lassen. Ich wollte es nicht gleich übertreiben und dachte, so zehn, fünfzehn Kilometer sollte ich hinkriegen. Ja, ich weiß, für viele von euch ist das der tägliche Arbeitsweg per Rad. Für mich nicht, sowohl Uni als auch ZI sind nur gut ein kleines Kilometerchen von mir weg. Und F. wohnt noch näher an mir dran. Daher radele ich selten längere Strecken.

Die App verwirrte mich allerdings sehr, die Sprachführung klappte aus unerfindlichen Gründen nicht, die ersten acht Kilometer war ich quasi nur damit beschäftigt, rechts ranzufahren und zu gucken, wo ich lang musste, denn ich wusste es schlicht nicht und hatte darauf gehofft, dass die App mir das sagt. Die sagte mir aber nur, dass ich gerade von der Route abwich, aber nicht, wie ich wieder zurückkäme. Ausgeschaltet, auf Google Maps das Ziel gesucht und dann irgendwie nach Gefühl gefahren. Ab da an war es deutlich entspannter.

Wobei ich zugeben muss: Generell scheint das zu funktionieren. Ich hatte nicht „schnellste Route“, sondern „grüne Route“ eingegeben, weil ich endlich mal ein paar schöne Wege in München kennenlernen wollte. Die führten mich zwar zunächst weiter an fiesen vierspurigen Straßen entlang, aber immerhin waren da die Radwege ausreichend breit und sogar asphaltiert anstatt wie manchmal aus bröckeligen Gehwegplatten, die von Wurzeln untergraben sind, zu bestehen. Irgendwann war ich dann sogar in einer Fahrradstraße, und so fühlt sich Radfahren vermutlich in den Niederlanden an: nur Radler*innen unterwegs, mit Kinderanhänger oder ohne, alle im entspannten Tempo, ab und zu auch Fußgänger, die aber wussten, dass sie aus dem Weg gehen konnten, und kein einziges Auto auf mehreren Kilometern. Herrlich.

Ich war bei bedecktem Wetter losgefahren und hatte mich nicht eingecremt, auch die Sonnenbrille hatte ich zuhause gelassen. Stattdessen lag die Regenjacke im Korb auf dem Gepäckträger, worüber ich mit den unbeschatteten Augen rollte, als die Sonne schön rauskam, aber als es zu nieseln begann, hatte ich überhaupt keine Lust anzuhalten, es war gerade so nett! Ich hatte auch keine Lust zu fotografieren, um ordentlich bei Insta belegen zu können, dass ich vor der Tür war, selbst nicht als ich über eine äußerst malerische Brücke radelte, die über ein arg fotogenes Bächlein führte. Ich wollte bloß fahren. Und das tat ich dann.

Am Ziel wollte ich eigentlich mein Rad kurz anschließen und ein bisschen spazierengehen, aber es regnete weiterhin und ich war gerade so schön im Schwung, dass ich einfach weiterfuhr und mir den Weg wieder nach Hause suchte. Nach anderthalb Stunden war ich wieder daheim, verschwitzt und nassgeregnet und vermutlich mit Sonnenbrand und heute tun mir erwartungsgemäß ein bisschen die Knie weh, aber das war alles egal. Es war herrlich.

Und dann schmeckte das hässliche Baguette sogar!

Als Rausschmeißer etwas, das nicht ganz so schön war, aber das hier ist ja mein Blog und kein Werbetext, da darf die Copy auch ruhig mal überhaupt nicht mehr zur Überschrift passen. Eine Nachricht meiner Zyklus-App: „Cycle Day 87, 53 days late.“ Und das muss ich jetzt wieder auf Null stellen. Mist.

(Die Sätze tippte ich gestern abend und jetzt beim Drüberlesen sieht es eventuell so aus, als wäre ich schwanger gewesen. Äh. NEIN. Es ist die andere Möglichkeit, wenn die Tage länger wegbleiben und ich begrüße sie mit offenen Armen.)

Was schön war, Donnerstag/Freitag, 11./12. Juli 2019 – Mixed Nuts

Am Donnerstag weiter in Dissertations-Ordnern versackt. Eine Mail an das Staatsarchiv Bremen geschrieben. Geguckt, ob in Nürnberg irgendwann mal keine Messe ist und die Stadt freie Hotelzimmer hat, um da eine Woche im Kunstarchiv zubringen zu können – und dann nicht nur den Nachlass von Protzen abzuschließen, sondern in (bisher rausgefundenen) vier weitere reinzugucken, die mir weiterhelfen könnten. Davon sind immerhin drei schon erschlossen, yay, slow clap. Bei den anderen darf ich mich durch meterweise Zeug wühlen, um vielleicht eine Postkarte an Herrn Protzen zu finden. Wir werden sehen. Und auch wenn ich jetzt erstmal mit den Augen rolle wegen nicht erschlossen, so freue ich mich doch total darauf, durch meterweise Zeug zu wühlen. (Plan Y: doch noch was Archivalisches machen.)

Weitere Bilder aus den Glaspalast-Ausstellungen zwischen 1927 und 1931 gefunden, die ich meiner Meinung nach im Lenbachhaus in der Hand hatte. Vorfreude auf die nächste Runde, in der ich noch ein vorerst letztes Mal in der dortigen Kiste stöbern darf. (Plan Yb: doch noch irgendwas in irgendeinem Museum machen. Gerne mit staubigen, uninventarisierten Kisten.)

In der Nacht von Donnerstag auf Freitag dann sehr schlecht geschlafen, um vier Uhr morgens wach geworden mit akuten Zukunftsängsten und Geldsorgen. Mir vorgenommen, die Diss in zwei Montaten durchzukloppen, um mich dann wieder fest anstellen zu lassen. Plan gleich wieder verworfen. Das war nicht so schön, aber immerhin lag ein netter Mensch neben mir. Das hilft ein bisschen.

Freitag in die Uni-Bibliothek und die Stabi geradelt (RADFAHREN!), um Bücher zurückzubringen. Dabei habe ich gemerkt, dass das Baugerüst ums Philosophicum endlich weg ist nach gefühlten hundert Jahren. Und auch das Containerdorf davor ist verschwunden, das heißt, man muss mit dem Rad nicht mehr über eine breite Metallschiene fahren, sondern kann den Radweg wieder benutzen. Ich fuhr ein bisschen langsamer, um das Gebäude zu bewundern – und wurde gnadenlos von hinten angeklingelt, weil ich dabei anscheinend etwas zu weit in die Mitte gefahren bin. Dazu muss man wissen, dass dieser Radweg, direkt vor der Uni und der Stabi, also der Radweg, der vermutlich mit zu den befahrensten der Stadt gehört, nur gerade so breit ist, dass zwei Räder haarscharf aneinander vorbeikommen. Und das auch nicht auf der gesamten Länge. Radlhauptstadt my fucking ass.

Aber hey, besser als die olle Metallschiene, die nur aus Noppen bestand und auf der ich mich immer unsicher gefühlt habe.

Durch die Lektüre von Twitter und Blogkommentaren (man sollte es kaum glauben) auf zwei Apps aufmerksam geworden: den MVV-Radroutenplaner und Flora Incognita zum Pflanzenbestimmen. Beide geladen, in der ersten einen Weg zum Biergarten aufgerufen, in der zweiten die Balkonblümchen bestimmt.

Ich gucke seit längerer Zeit und für mich selbst überraschend gerne Insta-Stories. Einer meiner liebsten Accounts ist der von Herm, dem ihr vermutlich eh alle schon folgt, aber falls nicht: Der Herr erzählt gerne von seinen Katzen, komischen Bands, Fuppes, von Tierwohl, Wanderungen durch thüringische Wäler und neuerdings vom Radfahren. Das sind fast alles nicht so ganz meine Themen, aber komischerweise sehe ich das alles sehr gerne an. Die Story von seiner Radtour ins Allgäu hat er nochmal als Post verarbeitet.

Gestern wieder einen Twitter-Thread losgetreten, der mich daran erinnerte, warum Twitter mal so viel Spaß gemacht hat – wenn Menschen ihre eigenen Geschichten anlegen. Hier geht es um alte Kochbücher; über das, was ich gestern in der Hand hatte, hat Herr Rau sogar mal gebloggt.

Not a Human, but a Dancer – What Snowball the parrot’s spontaneous moves teach us about ourselves

Ich copypaste mal den Einstieg in den Artikel. Wer dann nicht weiterlesen möchte, IST NICHT MEIN FREUND!

„Before he became an internet sensation, before he made scientists reconsider the nature of dancing, before the children’s book and the Taco Bell commercial, Snowball was just a young parrot, looking for a home.

His owner had realized that he couldn’t care for the sulfur-crested cockatoo any longer. So in August 2007, he dropped Snowball off at the Bird Lovers Only rescue center in Dyer, Indiana—along with a Backstreet Boys CD, and a tip that the bird loved to dance. Sure enough, when the center’s director, Irena Schulz, played “Everybody,” Snowball “immediately broke out into his headbanging, bad-boy dance,” she recalls. She took a grainy video, uploaded it to YouTube, and sent a link to some bird-enthusiast friends. Within a month, Snowball became a celebrity. When a Tonight Show producer called to arrange an interview, Schulz thought it was a prank.

Among the video’s 6.2 million viewers was Aniruddh Patel, and he was was blown away. Patel, a neuroscientist, had recently published a paper asking why dancing—a near-universal trait among human cultures—was seemingly absent in other animals. Some species jump excitedly to music, but not in time. Some can be trained to perform dancelike actions, as in canine freestyle, but don’t do so naturally. Some birds make fancy courtship “dances,” but “they’re not listening to another bird laying down a complex beat,” says Patel, who is now at Tufts University. True dancing is spontaneous rhythmic movement to external music. Our closest companions, dogs and cats, don’t do that. Neither do our closest relatives, monkeys and other primates.

Patel reasoned that dancing requires strong connections between brain regions involved in hearing and movement, and that such mental hardware would only exist in vocal learners—animals that can imitate the sounds they hear. That elite club excludes dogs, cats, and other primates, but includes elephants, dolphins, songbirds, and parrots. “When someone sent me a video of Snowball, I was primed to jump on it,” Patel says.“

Ich meine – diese Moves! Ich bin verliebt.

Stachelbeer-Streuselkuchen mit Haselnüssen

Der F. hatte schlechte Laune. Und da ich Menschen ja nur mit Essen aufheitern kann, kaufte ich Stachelbeeren, denn F. ist Team Stachelbeere. Zuhause googelte ich nach lustigen Kuchenrezepten und fand das hier. Ich war überrascht, wie gut sich die Haselnüsse im Teig machen – und wie angenehm schnell der Kuchen fertig war, weil man keinen Grundteig plus Streusel macht, sondern einfach nur Streusel. Empfehlung. Leider ohne anständiges Foto.

Für eine 26er Springform.

400 g Stachelbeeren von ihren Bärtchen befreien, waschen, gut abtropfen lassen.

75 g Haselnüsse nach Gusto hacken, bei mir war das eine Mischung aus grob und Staub.

In einer großen Schüssel
300 g Mehl, bei mir ganz simpel Type 405, mit
180 g kalter Butter, in kleinen Stückchen,
180 g braunem Zucker,
1/2 TL Zimt (habe ich nicht geschmeckt, muss vermutlich nicht rein – oder deutlich mehr) sowie
1 Prise Salz zu Streuseln vermischen – zuerst mit den Knethaken des Mixers, dann mit den Händen, geht schneller.

Stachelbeeren und Haselnüsse unter die Streusel heben, alles in die gefettete Springform kippen und im auf 200° Ober- und Unterhitze vorgeheizten Ofen für circa 40 Minuten backen. Wer den Kuchen wie ich durch einen lustigen Kopfrechenfehler für zehn Minuten zu lange drin lässt, bekommt einen äußerst knusprigen Rand und ein paar sehr dunkle, fast schon sirupartige Beeren. Hat aber auch hervorragend geschmeckt.

Und weil ich kein vernünftiges Foto habe, kommt hier gleich noch eins. Das Bild oben ist auf meiner Arbeitsfläche entstanden, da ist aber noch kein schönes Tageslicht. Das untere ist meine Küchenfensterbank, wo die Hälfte des Motivs gerne sehr dunkel und die andere matschig aussieht. Es ist kompliziert.

Tagebuch Mittwoch, 10. Juli 2019 – Weiterhin dissertieren

Ein weiterer Schreibtischtag, in dem ich erneut gefühlt keine zehn Sätze zu Papier brachte. Was Quatsch ist, weiß ich auch, aber ich fragte mich mehrfach, wieso das alles soooo laaange dauert, bis man geistig zu einem Punkt gekommen ist, an dem man das Ergeistigte aufschreiben möchte.

Gestern klickte ich mich mal wieder durch die hunderte von Fotos, die ich vom Nachlass in Nürnberg gemacht hatte. Das meiste hatte ich schon mehrfach gesehen, aber wie das halt so ist, wenn man Dinge immer und immer wieder anschaut und zwischendurch mehr erfährt, entdeckt und lernt, fallen einem dann doch wieder neue Details auf. So klickte ich mich zwischen diversen Ordnern und Dokumenten hin und her, googelte, übersetzte, schrieb, klickte, verglich, schrieb. Auch wenn ich zeichenzahlmäßig gestern vermutlich nicht so viel vorweisen konnte wie vorgestern, fand ich es sehr befriedigend, plötzlich Dinge zu verstehen, die ich beim blinden Rumknipsen im letzten Jahr noch gar nicht verstehen konnte.

Und jetzt gucke ich auf Zeug drauf und denke, ach guck, ein Plakat vom Künstlerbund, der nicht mehr Feldgrauer Künstlerbund hieß, also ist das Dokument von nach 1927, denn da benannte sich die Vereinigung um. Ach guck, die Todesanzeige, die ich fotografiert habe, weil Protzen sie gestaltete – jetzt weiß ich auch, dass der Verstorbene der ehemalige Vorsitzende der Münchner Künstler-Genossenschaft war, in der Protzen Mitglied bzw. Teil des Vorstands war. Auch guck, hier ist eine französischsprachige Liste seiner Ölgemälde, die er in der Zivilinternierung auf Korsika zwischen 1914 und 1918 erstellt hat – anscheinend hat der Mann ständig Listen für seine Werke geführt, aber erhalten scheint nur eine zu sein, das Werkverzeichnis, das 1976 kopiert und irgendwann gescannt wurde und in dem ich dauernd rumklicke. Ach guck, diese grafische Arbeit für die bayerische Milchwirtschaft kann ich jetzt auch datieren, weil ich ergoogeln konnte, von wann der in der Grafik erwähnte Paragraf 38 des Milchgesetzes ist: August 1930. So was halt. Ich mag diese kleinen Erfolge.

Den Feierabend beging ich mit Kochen, was mich neuerdings wieder mehr entspannt als stresst, telefonierte zwischendurch mit dem Mütterchen, vergaß den Topf auf dem Herd, stellte mich auf verbranntes Essen ein, das aber stattdessen perfekt geworden war und speiste schließlich grüne Bohnen in Tomaten-Knoblauch-Sauce mit geröstetem Knoblauchbrot auf dem Balkon. F. kam hinterher, wir redeten, bis es dunkel war. Guter Tag.


Ihr hättet mir sagen müssen, wie toll Balkone sind! Echt jetzt mal!

Tagebuch Dienstag, 9. Juli 2019 – Ein Fleißbienchensticker für die Doktorandin

Morgens Zeug erledigt, was erledigt werden musste: Steuer. Umschlag mit Steuerunterlagen zur Post bringen, weil ich nicht wusste, ob auch die Großbriefe teurer geworden sind und ich eh keine Briefmarken mehr hatte – Info: jetzt 1,55 statt 1,45. Eingekauft. Paket aus Paketshop geholt. Das alles per Fahrrad, denn gestern streikte die MVG recht großflächig, wobei mir das ziemlich egal war, denn meine anzusteuernden Punkte sind zu Fuß oder eben per Rad eh schneller erreichbar als mit Tram und Bus. Bei jeder Fahrt freute ich mich wie bescheuert über mein Rad: die Leichtigkeit, mit der ich es bewegen kann im Gegensatz zu meiner eigenen körperlichen Schwerfälligkeit, der Fahrtwind, der immerhin auf 500 Metern vorhandene deutlich sichtbare Radweg neben den Autos, der mir immer lieber ist als die Buckelpiste zwischen Beifahrertüren und Fußgängern. Vor mir fuhr auf einer dieser Buckelpisten ein E-Scooter, der mich bemerkte und kurz einen Schlenker auf den Fußweg machte, damit ich überholen konnte. Dankeschön! (Ich hasse euch trotzdem alle, seit ich in Wien mal fast von einem in der Fußgängerzone umgefahren wurde.) Gestrampelt, Zeug erledigt, nach Hause gestrampelt, alles toll gefunden. Irgendwann werde ich anfangen zu singen, wenn ich radele.

Dann den kompletten Tag am Schreibtisch gesessen und in die Dissertation vertieft gewesen. Gefühlt habe ich zwei Sätze zu Papier gebracht und den Rest der Zeit in Archivsuchmasken, meinen eigenen Unterlagen, Büchern und Aufsätzen gestöbert, aber vermutlich habe ich doch mehr geschrieben.

Wie ich gestern twitterte: „Mein Doktorvater im Februar so launig: „Lücken schließt man am besten beim Schreiben.“ Ich so im Juli: „IMMER WENN ICH EINE LÜCKE GESCHLOSSEN HABE, FALLEN MIR DABEI FÜNF NEUE AUF!“ Ahne allmählich, warum Dissertationen so lange dauern. *wimmernd ab*“

Unterbrochen wurde die Arbeit nur durch die Mittagspause um 14 Uhr, in der ich die neueste Masterchef-Australia-Folge guckte. Die Staffel ist nächste Woche schon durch, dann muss ich in der Mittagspause die Wand anschauen.

Um 17 Uhr warf ich vier Kartoffeln auf den Backofenrost, holte sie um 18 Uhr mit der inneren Feierabendglocke heraus und ließ sie abkühlen, während ich den Rechner auf zwei externe Festplatten backuppte sowie die Word-Dateien auf einen Stick und in die Cloud zog. (Ab wievielen Sicherungskopien gilt es als übertrieben?)

Dann verarbeitete ich die Kartoffeln zu herrlich fluffigen Gnocchi (mal ohne Ei) und genoss sie auf dem Balkon. Ich – saß – freiwillig – in – der – Sonne. Immerhin strategisch im kleinen Schatten des Pfostens platziert.

Ich habe es noch nicht ganz durchgehört, aber ich verweise natürlich gerne auf die erste Podcastfolge von Talking History von und mit Charlotte Jahnz und Moritz Hoffmann.

Tagebuch, Sonntag/Montag, 7./8. Juli 2019 – Kochfreuden

Da ich Samstag einen Lost-Marathon startete, den ich aber vermutlich nicht fortsetzen werde, hatte ich Sonntag fünf Zeitungen zum Nachlesen. Irgendwie war ich während der Woche nicht so recht in Laune gewesen, und so las ich stundenlang Politik und Feuilleton nach, blätterte die Wirtschaft durch und warf Finanzen und Sport ungelesen ins Altpapier.

Den Nachmittag verbrachte ich dann entweder fußballschauend oder kochend. Die USA schlugen die Niederlande im Finale der Fußball-WM, und mir geht das ewige „U-S-A!“ von den Rängen so auf den Zeiger! Ich hätte es Cholland auch gefühlt ein bisschen mehr gegönnt zu gewinnen, aber dann wären mir die vielen schönen Think Pieces zu den US-Damen entgangen. Die New York Times konnte mich über die Sprechchöre nach dem Finale aufklären, die ich nicht verstanden hatte: „Equal Pay!“ Hört man ja auch nicht alle Tage im Stadion. Die US-Damen verklagen nämlich gerade ihren Verband auf mehr Geld, auch weil sie deutlich erfolgreicher sind als die Herren, die trotzdem mehr Kohle bekommen.

In der Washington Post konnte man schon nach dem Viertelfinalsieg gegen Frankreich lesen, dass es den Frauen um mehr geht: Wer will schon equality, diese konservative Idee, nach der Frauen irgendwie zu den Männern aufschließen müssten. Wir machen das mal anders. Unter anderem dieses Zitat fand ich schön:

„It’s time to discard, finally, the nagging, jersey-tugging, chronic, small-minded doctrine that we must “contextualize” everything the U.S. women’s national team does as “relative” to the men’s game, and therefore they must be smaller, lesser. Sweet kicking Jesus, what titans these players are. Mental giants who show up big under unimaginably hot lights of controversy. Drivers of explosive new TV ratings, not just in America but in France, England, Germany, Brazil, Italy, with a billion viewers predicted by the end of the tournament.

All they’ve done is basically build a worldwide sport in less than two decades. The NFL needed 100 years to get into the public consciousness this way, the NBA 75. How about, just once, we marvel at what this women’s program has accomplished without all the “yeah buts.” […]

Real power is self-ownership — uncomplaining, unwhining pleasure in self-fashioning and rejecting victimhood. That’s what Rapinoe has, and it’s worth admiring no matter how much you may disagree with her specifics. The audience senses the strength of that self-ownership, and it’s why that audience keeps growing no matter Rapinoe’s trip-wire quarrels with the White House, or her self-professed “fabulous” gayness, or her expletives. Rapinoe did with Trump what an entire league of billionaire NFL owners couldn’t. She handled that guy.“

Vor dem Spiel, in der Halbzeit und danach bereitete ich drei Kleinigkeiten für F. und mich zu. Der Herr schleppte einen Kracher-Rotwein dazu an – merke: mehr Montefalco Sagrantino trinken – und wir ließen uns Torta di melanzana, Peperonata sowie Kartoffeln mit Zucchini und Rosmarin schmecken.

Gestern kam ich nach einer unruhigen Nacht nicht so richtig in Fahrt, trödelte ewig rum und raffte mich vormittags schlussendlich nur zum Einkaufen auf. Aber dafür mal was Anständiges: Ich traute mich an einen echten Fisch ran und nicht nur an die Tiefkühlblöcke. Ich ließ mir vom Fischhändler erklären, wie man einen Fisch filetiert, schaute ihm zu, kaufte dann brav die Filets und nahm mir fürs nächste Mal vor, einen ganzen Fisch zu kaufen, allerdings schon ausgenommen und entschuppt, wir wollen es ja nicht gleich übertreiben. Als ich meinte, mir täten die Fische so leid, wenn ich sie vermutlich zerhacke, weswegen ich sie mir lieber vorbereiten lasse, meinte er sehr richtig, das sei alles Übungssache. „Von den ersten dreien kochen Sie vielleicht Fischfond, aber das wird. Und sie sind ja schon tot, die merken das nicht mehr.“ Na gut.

Zuhause guckte ich ernsthaft Videos, wie man Fisch auf der Hautseite anbrät und lernte auch, dass man diese am besten einritzen sollte. Unter der Haut ist eine kleine Transchicht, und die brät quasi raus, wenn sie raus kann.

Als F. abends vorbeikam, hatte ich die Reste von vorgestern aufgewärmt und noch einen kleinen Salat mit Caesar Dressing gemacht. Majo klappte beim ersten Versuch, wie beim letzten Mal auch schon. Seit ich mir dauernd sage, ach, die kippt eh gleich rum, kippt sie nicht mehr um. Negative thinking! Ich bin da an was ganz Großem dran.

Was ich außerdem lernte: Fisch auf der Hautseite anbraten ist TAUSENDMAL EINFACHER als die blöden hautlosen Tiefkühlviecher! Durch die Haut bleibt der Fisch vor vornherein eher ganz beim Wenden, und so dünn wie die Wolfsbarschfilets waren, musste man sie eigentlich sowieso nicht wenden (auch das lernte ich in einigen Videos). Ich wendete sie trotzdem und das ging ohne Ankleben am Pfannenboden und ohne Stress. Wieso habe ich damit nicht viel früher angefangen? Unnötig zu erwähnen, dass sie ganz hervorragend geschmeckt haben.

Ansonsten viel über Papa nachgedacht und traurig gewesen und überfordert von dem ganzen System an Reha, Krankenkassen, Pflegegraden und Scheiß. Gut, dass meine Eltern mit einer Ärztin befreundet sind, die neben ihnen wohnt – die wird derzeit dauernd von Schwester und Mütterchen nach Dingen gefragt und ist sehr hilfsbereit. Hadere zum ersten Mal in meinem Leben mit unserem Gesundheitssystem.

Nachmittags saß ich mal wieder an der Diss, bei der ich jetzt im sogenannten Mittelteil angekommen bin – ich sehe den Anfang nicht mehr und das Ende noch nicht und habe das Gefühl, nur Quatsch zu schreiben und überhaupt braucht das auch alles kein Mensch, was ich hier mache. Das sei total normal, versichern mir alle Leute, die schon einen Doktortitel haben. Macht es aber auch nicht einfacher.

Die thematische Struktur hatte ich ja vor Wochen zugunsten einer chronologischen aufgegeben und jetzt merke ich langsam, dass vielleicht eine Mischform aus beiden das ideale sein könnte. Könnte. Weiß ich natürlich nicht. Muss ich erstmal aufschreiben. Hmpf.

Ich beendete gestern vorerst das Kapitel zu Jugend, Ausbildung und ersten Ausstellungen und Verkäufen, das bis 1925 ging und begann mit dem Kapitel 1926 bis 1933. Das hat schon 20 Seiten, ist aber noch längst nicht anständig ausformuliert, sondern eher eine lose Stoffsammlung und ein Berg von Notizen. Aus denen machte ich gestern hübsche Sätze wie zum Beispiel den hier, den ich auch vertwitterte, falls ich ihn wieder rausschmeiße: „Das ‚famose Fruchtstilleben‘ [Zitat aus einer Ausstellungsrezension] ist vermutlich ‚Stilleben mit Gurken‘ (zwischen 1925 und 1927, WV 126, 49 x 49 cm).“

Ich wühlte mich durch diverse Rezensionen, suchte die erwähnten Bilder und versah sie im Text mit Erstellungsdatum, Werkverzeichnisnummer und Maßen, falls vorhanden. Das Jahr 1926 ging recht schnell, da war noch nicht viel, aber 1927 stellte Protzen erstmals im Glaspalast aus. Die Kataloge zu den Glaspalast-Ausstellungen sind netterweise alle online; hier die Seite, auf der Protzen erwähnt wird. 1927 stellte er acht Bilder aus; Dischmatal mit Scaletta, Apenninlandschaft, Rast sowie Davoser See fand ich im Werkverzeichnis, Monreale/Sizilien, Posilippo/Neapel, Bei Florenz I sowie Certosa allerdings nicht. Aber der Begriff Certosa kam mir irgendwie bekannt vor … bis mir einfiel, dass ich genau dieses Werk letzte Woche im Lenbachhaus in der Hand gehabt hatte. Ich hatte Bilder in der Hand, die 1927 im Glaspalast gehangen haben! Ja, das klingt für die meisten von euch vermutlich total egal, aber ich hatte wieder diesen Hauch-der-Geschichte-Moment, den ich bei Originalen des Öfteren habe.

Torta di melanzana

Eigentlich muss man mich zu Auberginen immer überreden, weswegen ich am Wochenende einfach mal eine kaufte und dann gezwungen war, mir verdammt nochmal Rezepte dafür rauszusuchen, die über Baba Ghanoush oder irgendwas von Ottolenghi hinausgehen. Samstag abend gab’s Eggplant Benedict (mit viel zu festem Spiegelei, aber es kann ja nicht immer alles klappen) und gestern dann diese kleine Köstlichkeit.

Laut VegItalia, dem Buch, aus dem Rezept stammt, kann man die Einzelteile gut vorbereiten und dann 30 Minuten, bevor die Gäste kommen, alles gemeinsam in den Ofen schieben. Ich habe lieber alles fertiggemacht und zum verabredeten Zeitpunkt die bereits gebackene Speise nochmal kurz zum Aufwärmen in den Ofen geschoben.

Für vier Portionen.

1 Aubergine in dünne Scheiben schneiden, in ein Sieb über einer Schüssel legen, salzen, abdecken und 30 Minuten ziehen lassen.

900 g frische, reife Tomaten (bei mir war’s ne Dose) einritzen, mit kochendem Wasser überbrühen, nach einer Minute herausnehmen und kalt abspülen. Die Haut abziehen, das Fruchtfleisch kleinhacken, mit Kernen und allem.

2 EL Olivenöl in einem großen Topf erhitzen,
1 Knoblauchzehe, fein gehackt, sowie
1 Zwiebel, fein gehackt, darin bei kleiner Hitze anschwitzen. Tomaten und
1 TL Zucker hinzufügen, aufkochen und ca. 40 Minuten köcheln lassen, so dass eine dickflüssige, konzentrierte Sauce entsteht. Mit
Salz und
Pfeffer sowie
einigen gehackten Basilikumblättern würzen.

Die Auberginenscheiben abspülen und trocken tupfen. In
2 EL Weizenmehl wälzen; bei mir waren es mindestens 4 Esslöffel.
4 Bio-Eier mit
4 EL frisch geriebenem Parmesan verquirlen. Ich habe nur die Hälfte zubereitet, aber zwei Eier waren bei mir eindeutig zu viel. Wenn ihr das ganze Rezept macht, versucht es doch erstmal mit drei Eiern und schlagt notfalls noch eins auf.

Nun die mehlierten Auberginenscheiben in die Eimischung tunken und in
Olivenöl goldbraun ausbacken. Ich habe das Ei recht stark abtropfen lassen, vielleicht habe ich deshalb nicht so viel davon gebraucht. Die Auberginenscheiben nach dem Braten auf Küchenkrepp entfetten.

Jetzt zusammenbauen. In einer 20-Zentimeter-Springform (oder einer Auflaufform) zunächst den Boden mit Auberginenscheiben bedecken. Dann Tomatensauce drauf. Dann nach und nach
350 g Mozzarella (bei mir zerzupfter Büffelmozzarella), dann wieder Auberginen, Sauce, Mozzarella usw. Die letzte Schicht sollten Auberginenscheiben sein. Oben drauf noch etwas Parmesan und dann im auf 190° Ober- und Unterhitze vorgeheizten Backofen für 25 bis 30 Minuten backen.

Oben im Bild ist noch der Boden meiner 18-Zentimeter-Springform zu sehen, ich hatte nur noch eine dreiviertel Aubergine und habe daher die restlichen Zutaten halbiert. Das hat für zwei hungrige Esser mit noch ein bisschen was dazu für eine sehr ordentliche Mahlzeit gereicht. Ich war überrascht, dass man die einzelnen Teile nach dem Backen noch gut rausschmecken konnte, und alles zusammen war würziger als erwartet.

Ich weiß nicht, ob meine Springform auf einmal undicht geworden ist, aber bei mir tropfte irgendwas raus, weswegen ich jetzt gleich mal den Backofen putzen muss. Also vielleicht noch ein Blech oder eine Fettpfanne unter den Rost mit der Springform stellen – oder gleich eine Auflaufform nutzen. Die kann man aber eher doof fotografieren.

Links von Sonntag, 7. Juli 2019

Krieg im Kopf

Die Republik über die kontinierliche Bedrohung von rechts, die in der Bundesrepublik seit Jahrzehnten kleingeredet oder ignoriert wird, via Nils Markwardt. Wie twitterte Holger Schulze gestern so passend: „Was hätte der deutsche Staat & seine Polizei wohl getan, hätten sie in den 1970er Jahren 60.000 Schuss Munition & Todeslisten mit 25.000 Personen bei Sympathisanten oder Mitgliedern der RAF gefunden? – Eben. Völlige Ignoranz – wenn nicht sogar klammheimliche Kollaboration?“

Im Artikel geht es nicht nur um Lübcke, sondern es werden noch weitere Fälle von rechtsextremen Morden aufgelistet – und ich muss gestehen, an einige kann ich mich nicht erinnern bzw. ich bin mir nicht sicher, jemals von ihnen gehört zu haben.

„Sie alle scheinen aus dem kollektiven Gedächtnis der heutigen Bundes­republik weitestgehend getilgt zu sein.

Das hat nicht zuletzt auch damit zu tun, dass sich der Rechts­terrorismus strategisch stets von seinen links­extremistischen oder islamistischen Pendants unterschied. Im Gegensatz zu Letzteren verwendete man von rechts­extremer Seite nämlich selten Bekenner­schreiben und handelte gerade nicht im medien­wirksamen Sinne der «Propaganda der Tat». Im Gegenteil: Der rechts­extremistische Terror sollte seit je weniger über einen unmittelbar-kollektiven Schock funktionieren, sondern sein Gift langsam, aber dafür umso entschiedener verbreiten. All jene, die sich im buchstäblichen Faden­kreuz von Neonazis befanden, sollten ahnen, dass sie die Nächsten sein könnten – und entsprechend eingeschüchtert werden. Dies hatte aus rechts­extremistischer Sicht auch den Vorteil, dass die halb­klandestinen Netzwerke, von denen der Neonazi­terror zumeist getragen und unterstützt wird, von den Behörden schwieriger in den Blick zu nehmen sind.

Es gehört somit zu den Paradoxien der Ideen­geschichte, dass gerade Rechts­extreme die Strategie des «führerlosen Wider­stands» (leaderless resistance) kultiviert haben.“

Es geht außerdem um die Ideologie, die hinter rechtem Gedankengut steckt – oder dem Fehlen derselben:

„Besass schon der historische Faschismus nur ein Mindest­mass an theoretischen Grundlagen, meist in Form einer gleicher­massen militanten wie diffusen Mischung aus Führer­kult, Antisemitismus und Rassismus, gilt dies ebenfalls für den Neonazismus. Beide besitzen philosophisch kaum ernsthafte Quellen und verfügen über keine eigenständige Ethik, sondern funktionieren fast ausschliesslich über die permanente Produktion von Feind­bildern. Und bei beiden wird der Mangel an Theorie mit dem Zwang zur paramilitärischen Dauer­mobilisierung kompensiert.

Der Faschismus, ob alt oder neu, ist deshalb stets eine buchstäbliche Bewegung, eine stetig nach vorne stürzende Aggression. Oder genauer gesagt: Er ist stets auf dem Sprung in Krieg und Katastrophe.“

Beschämt sei, wer jetzt an Trump denkt.

Im neuen Spiegel steht übrigens ein in Strecken irritierendes Interview mit Egon Krenz, der brav die Legende aufrecht erhält, dass es in der DDR keine Nazis mehr gegeben habe.

Auch hier fällt mir noch ein Tweet ein, dieses Mal von Jakob Vicari, über den ich sehr lachen musste. Auf dem Spiegel-Titel ist Carola Rackete abgebildet: „Zum ersten Mal eine Frau auf dem @DerSPIEGEL Cover die nicht Angela Merkel ist oder Rücken hat.“

in abendgarderobe malende künstlerinnen auf instagram

Katia Kelm, Künstlerin, guckt sich Künstlerinneninszenierungen auf Insta an.

„heutzutage ist anfängerin-sein ja auch viel einfacher als früher. man kuckt ein paar clips auf youtube und, peng, ist man profi (so hat mein sohn abitur gemacht). oder auf instagram. dort kann man malerei sehen, die noch feucht auf der staffelei steht. man bekommt einblicke in fremde ateliers, welche farben, pinsel und verdünner die leute benutzen und ob sie die leinwände auf keilrahmen spannen oder lose an die wand tackern. zugegeben, bei instagram geht es vordergündig nicht so sehr um die vermittlung von inhalten, aber ich als bildprofi kann die auch aus abbildungen herauslesen.

und bei diesem herauslesen stosse ich auf manche kuriositäten. in letzter zeit zum beispiel vermehrt auf leute, die vor dem malen ihre besten klamotten anziehen. eine verkaufte ihr outfit sogar anschliessend in auflage: „shirt $325, skirt $295“. und ein paar tage später postete sie dann noch ein workoutfoto in eben diesem 325$-shirt und 295$-skirt UND weissen lackschuhen!“

Ich folge neuerdings vielen Interieur-Hashtags und dort fällt mir ebenfalls immer mehr das Inszenatorische auf. Ja, ich weiß, keine irre neue Erkenntnis, denn natürlich gehört das zu einer Bilderplattform, dass wir uns ab und zu Mühe geben, mal einen Filter nutzen und auch ich meist erst das dritte Bild meines Abendessens poste und nicht gleich das erste. Eine Ausnahme ist die Kaltmamsell, die UNS ALLE mit ihren Glastellern irritiert, auf denen Mahlzeiten immer so aussehen als würden sie auf der Tischplatte serviert – besonders apart, wenn’s Sauce gibt –, aber ich ahne inzwischen, dass sie das mit voller Absicht macht, weil sie weiß, dass wir irritiert sind.

Bei den Interieur-Hasis ist die Inszenierung teilweise so irrwitzig, dass die Wohnungen so aussehen, als würde dort nie jemand leben; ein Ikea-Showroom ist bewohnter als diese Bilder. Einer meiner Lieblingsposts war von einer Dame, die ihre Küche instagrammte mit der Bildunterschrift im Sinne von „Ich hatte gehofft, ich würde in einer neuen Küche lieber kochen als vorher, aber nee.“ Die also offensichtlich als jemand, die nicht gerne kocht, tausende von Euro in eine Küche investiert hat, weil sie gut aussieht. Und eine andere nennt ihren ganzen Account sogar „Wohnkulisse“, was eine darstellende Funktion schon impliziert. Immerhin ehrlich, aber vermutlich nicht ganz so entlarvend gewollt.

Instagram ist sehr spannend für die Bildwissenschaft. Muss weiter seltsamen Hashtags folgen.

‘When They See Us’: Researching the Story of the Exonerated 5 and Beyond at The New York Public Library

Die Kündigung meines Netflix-Accounts hat immerhin sieben Wochen gedauert. Dann wollte ich aber doch When They See Us sehen, und dafür hat sich das Wiederkommen sehr gelohnt. Die alten Einlog-Daten funktionieren übrigens, man wird freundlich wiederbegrüßt, als ob man nur mal kurz spazieren war.

Die New York Public Library twitterte gestern, wie man die Historie des rassistischen US-Justizsystems mit ihren Beständen erforschen könne. Darin enthalten ist natürlich auch die berüchtigte Anzeige Trumps, der für die unschuldigen Teenager die Todesstrafe forderte.

(Via Markus Trapp)

Als Rausschmeißer ein kleiner Twitter-Thread von Annie Minoff, der so beginnt:

„Did you know there is a legit particle accelerator in the basement of the Louvre museum!? I heard about this a few years ago, and have been dying to see it ever since.

Well mes amis, yesterday I DID!“

(via Gerriet Backer)

Was schön war, Dienstag bis Freitag, 2. bis 5. Juli 2019

Dienstag war ich in der Stabi, um Dinge nachzulesen, die im Prinzip als Kopie auf meinem Schreibtisch liegen.

Zur Erklärung: Für die Gedächtnisausstellung von Protzen und Gattin 1976 hatte der damalige Volontär im Lenbachhaus, Helmut Friedel, schon so ziemlich alles zusammengetragen, was über Protzen mal in Zeitschriften erschienen war. Seine Sammlung lag im Archiv des Lenbachhauses, ich kopierte alles, las auch alles durch – und wollte alles nochmal im Original lesen. Ich habe gerne Kontext zu Artikeln, ich will immer wissen, was um diese eine Erwähnung herum noch passiert, wer noch erwähnt wird, worum es überhaupt geht, und was ist das überhaupt für eine Zeitschrift?

Außerdem wusste ich aus Lexikoneinträgen, dass ein Bild von Protzen – Industrie (1929) – in einem Exemplar von Westermanns Monatsheften 1929 abgebildet war, ich wusste aber nicht, welches Bild und in welchem Artikel. Also ließ ich mir das Ding zurücklegen, stellte am Regal fest, dass es Mikrofiche war und nichts zum Blättern und richtete mich seufzend auf die Folterstühle im Kabuff unter der Treppe ein und mindestens fünf Versuche, bis ich das Material so ins Lesegerät gekriegt hatte, dass ich es lesen konnte, nicht auf dem Kopf stehend, nicht seitenverkehrt. So war es dann auch.

Außerdem blätterte ich in zwei Ausgaben der Kunst- und Antiquitätenrundschau von 1934 und 1935 und fand eins meiner Lieblingsbilder von Protzen, leider nur in Schwarzweiß. Ich weiß, ich habe das schon mal irgendwo in Farbe gesehen, aber mir fällt partout nicht mehr ein wo. Egal. Hier also mal wieder ein schräge Fotografie aus dem Nachlass:


Carl Theodor Protzen, Rauhreif-Höfe auf Amagar (1933), 93 x 115 cm, unbekannte Technik (ich tippe auf Öl) auf Leinwand, Bayerische Staatsgemäldesammlung München.

Wie ihr im Link zur Gemäldesammlung sehen könnt, dürfen die Eigentümer des Bildes dasselbe nicht abbilden wegen des beknackten Urheberrechts. Ich setze mich mal wieder darüber hinweg, indem ich ein Foto des Bildes zeige und warte auf Drohbriefe von der VG Bild-Kunst.

Das Bild ist von 1933. Es könnte noch fünf Minuten vor der „Machtergreifung“ Ende Januar entstanden und somit keine sogenannte NS-Kunst sein, aber wenn ich mir Protzens restlichen Output des Jahres anschaue – zwölf Ölgemälde –, ist die Chance doch recht gering, dass er das laut Werkverzeichnisnummer letzte im Jahr noch am 29.1. malte. Nur so als kleine Erinnerung, dass „NS-Kunst“ eben nicht immer so aussieht wie Zeug, das sich Parteigrößen über den Kamin gehängt hätten. (Auch immer im Hinterkopf: Bis 1935 wurde noch diskutiert, ob der Expressionismus eine „deutsche Kunst“ und damit okay wäre.) Ich mag an dem Bild die kühle, neusachliche Ausprägung und dass es fast so aussieht, als sei es ein Negativ.

Dann hatte ich noch den Oberschlesier von 1935 in der Hand, den anscheinend seit damals niemand mehr angefasst hat (Muff und Staub) sowie die Klassiker aus der Zeit, Kunst im Deutschen Reich (bis 1939 Dritten Reich) sowie Kunst dem Volk. Im letzten Heft fand ich schon den zweiten Artikel über Protzen, der von Henri Nannen stammte, und wie so oft merkte ich, wie anstrengend das ist, die schöne Illusion der Stunde Null wieder und wieder aus dem Kopf gehauen zu bekommen.

Am Mittwoch war ich wieder im Lenbachhaus und durfte das Frühwerk von Protzen ablichten, das da uninventarisiert rumliegt, mein Riechsalz! Meine Kuratorinnenbekannte musste bei mir bleiben, damit ich ja nichts klaue, und das war genau richtig so, denn das hätte ich total gemacht. Nein, natürlich nicht. Aber ich will immer noch den beiden Häusern, die den Großteil seiner Werke haben, eins aus den Rippen leiern, weil die das Zeug ja eh nicht haben wollen, aber geben dürfen sie es mir leider auch nicht, weil sie eine Aufbewahrungspflicht (oder so ähnlich) haben: Wenn’s im Bestand ist, dann bleibt’s da auch, wie es sich für städtische und staatliche Häuser gehört. Mist. Die Rauhreif-Höfe würden so gut über mein Sofa passen!

Und nun, exklusiv für meine Blogleser*innen, ein Bild, das vermutlich seit 40 Jahren niemand mehr gesehen hat … und davor wahrscheinlich auch nicht so irre viele Leute. Das Bildchen ist von 1916, also noch in der Zeit von Protzens Zivilgefangenschaft auf Korsika entstanden. Wann das Passepartout drumgekommen ist, weiß ich nicht. Maße habe ich mir auch nicht notiert, wie ich jetzt beim Aufschreiben merke, ich Anfängerin. Aber es sieht in seiner Reduzierung auf wenige Farben und Formen dramatisch anders aus als die quietschigen, üppigen Landschaften, die er dann seit den 1920ern ein ums andere Mal zu Papier oder auf die Leinwand gebracht hat. Tolles Zeug. Davon waren noch weitere vier oder fünf Blätter in der Mappe, und die möchte ich auf jeden Fall in der Diss erwähnen. Dafür hat mir die Frau Kuratorin auch gleich mal aufgeschrieben, wie ich den Ort korrekt benenne, solange der Stapel noch keine Inventarisierungsnummer hat: „Konvolut aus dem Nachlass von Carl Theodor Protzen und Henny Protzen-Kundmüller, ohne Inv.-Nr. (Erwerbungsjahre entsprechend Gemälde [1967]).“

Mittwoch abend spülte mir dann jemand diesen Tweet in die Timeline (klicken für Thread):

Ich kenne weder Frau Alderton noch hatte ich von diesem Buch je gehört, aber das machte mich neugierig. Ich sah, dass es One Day als Kindle-Ausgabe gab, ließ mir die Leseprobe schicken … und las von Mittwoch abend an bis Freitag mittag mit wenigen Unterbrechungen einen Roman von 2009. Sooo dramatisch fand ich ihn jetzt nicht, aber das mag am Tweet gelegen haben, weil ich ja wusste, irgendwann kommt was ganz Fürchterliches. Ansonsten war er nicht weltbewegend, aber sehr verführerisch runtergeschrieben, und bis auf wenige Sätze, die sich mit der Optik der weiblichen Figuren befassten, freundlich formuliert.

Die Grundidee ist, immer den gleichen Tag eines Jahres zu beschreiben, aus der Sicht der zwei Hauptfiguren. Das ist die ersten vier, fünf Jahre sehr reizvoll, danach wird es manchmal nervig, weil so wichtige Entwicklungen nur erwähnt werden können, denn das wäre ja noch alberner, wenn alles Wichtige genau an diesem Tag stattfände. Deswegen kam mir das literarische Vehikel irgendwann eher wie ein Korsett vor, in das jetzt irgendwie die Story gezwängt werden muss, und zweitens hätte ich gerne mehr vom Rest des Jahres gelesen. Ab und zu brüllte ich: „Jetzt bleib doch mal an deinen Figuren dran, Alter!“ Aber gut. Es funktioniert irgendwie, und ich habe es anscheinend gerne gelesen.

Was daran schön war: Zeit für sowas zu haben.

Was auch schön war: mal wieder auf dem iPad mini zu lesen und es bewusst in der Hand zu haben. Normalerweise steckt es in einer hässlichen Hülle, weil ich auf meinem eReader wirklich keine Kratzer haben will; mein Handy hatte noch nie eine Hülle und kriegt auch keine. Deswegen spüre ich meist das blöde Plastik, wenn ich das Pad in der Hand habe, um Streams darauf zu schauen oder Hay Day zu spielen. Für die circa 15 Stunden Lesezeit nahm ich es aber heraus und merkte mal wieder, wie wunderbar das Ding gestaltet ist und wie gut es sich unter meinen Fingern anfühlt.

Was am schönsten war: Freitag morgen saß ich mit dem iPad auf dem Balkon, vor mir ein Flat White, auf der Nase die neue Sonnenbrille, die dafür sorgte, dass die hellen Fassaden gegenüber mich nicht mehr blendeten, Schatten über mir, Pflanzen und Hummeln um mich herum, ein leichter Wind. Und wenn nicht zwei Straßen weiter gerade eine Baustelle wäre und damit fieser Lärm, hätte sich das fast wie Urlaub angefühlt.

Donnerstag abend waren F. und ich im NS-Dokumentationszentrum, um uns einen Vortrag von Roger Cohen anzuhören. Bis auf ein paar Sätze, wo er gegen safe spaces und Sprachverbote wetterte (knurr), nickte ich alles ab, was er über die seit Trump veränderten transatlantischen Beziehungen, die USA und Europa zu sagen hatte. Der Vortrag ist auf Facebook nachzusehen, aber Bild und Ton sind leider nicht die besten.

Wir gingen danach noch hungrig pakistanisch essen, redeten, genossen noch einen Absacker-Gin auf F.s Balkon (ich nur einen halben) und schliefen gemeinsam ein. Was auch schön war.

Gestern abend ein Foto vom 30-jährigen Abitreffen zugemailt bekommen. Ich bin seit dem Zehnjährigen nicht mehr dabei gewesen und erscheckte mich etwas: Das sind ja alles alte Leute geworden? OMG ich bin auch ein altes Leut geworden! Sinnkrise galore. Und gleichzeitig: Die sehen aber alle zufrieden aus. Das freute mich dann wieder, ich schickte geistig einen Gruß in die alte Heimat und war wieder froh, nicht mehr dort zu wohnen. Und nie wieder in der Pubertät in die Schule gehen zu müssen. Jetzt, ja, sofort wieder, jetzt weiß ich ja, wozu ich das alles brauche. Wobei: Integralrechnung und Atommodelle waren dann doch eher eine für mich sinnlose Beschäftigung.

1000 Fragen, 281 bis 300

(Ich zitiere Christian: „Die Fragen stammen ursprünglich aus dem Flow-Magazin, Johanna von pink-e-pank.de hat daraus eine persönliche Blog-Challenge gemacht, und Beyhan von my-herzblut.com hat das PDF erstellt.“)

281. Malst du oft den Teufel an die Wand?

Ich würde es anders ausdrücken: Im Kopf gehe ich so viele Stresssituationen oder Unannehmlichkeiten durch wie möglich, wenn ich einen Termin, ein wichtiges Meeting oder ein Vorstellungsgespräch habe, ein Referat halte, in den Urlaub fahre oder irgendwie sonst mit Koffer irgendwo hinmuss, gar mit diversen Verkehrsmitteln und Menschen. Ich nenne das „eine gute Vorbereitung“ und nicht „den Teufel an die Wand malen“.

282. Was schiebst du zu häufig auf?

Ich erwähnte neulich mal den geplanten Titel meiner Autobiografie: „Was weg ist, ist weg.“ Darin schwingt auch mit: Wenn ich was zu erledigen habe, dann mache ich das, denn das ist es erledigt. Steuer, Post, Packstation, Altpapier, Werbetexte, Dissertationen, her damit, weg damit.

Nur zu Ärzten oder Ärztinnen krieche ich erst, wenn es wirklich nicht mehr anders geht. Außer zum Zahnarzt, da bin ich innerhalb von fünf Minuten.

283. Sind Tiere genauso wichtig wie Menschen?

Nein.

284. Bist du dir deiner selbst bewusst?

Hä? Cogito ergo sum oder was willst du, Fragebogennase?

Okay, ich antworte mal ganz brav. Ich bin mir meines Körpers vermutlich öfter bewusst als schlanke Menschen. Ich bin mir meiner Privilegien erst seit einigen Jahren bewusst und vergesse auch gerne mal, dass ich sie habe. Ich mache mir öfter selbst bewusst, was ich kann, weil ich das sonst in schlechten Momenten vergesse. Daran anschließend kommt natürlich die Spirale, was ich alles nicht kann, aber da muss ich dann durch. Zufrieden, Fragebogen?

285. Was war ein unvergesslicher Tag für dich?

Ich kriege keine ganzen Tage zusammen, glaube ich. Es gibt aber durchaus Ereignisse, an die ich mich gerne zurückerinnere. Die Stunden am und auf dem Chiemsee und Frauenwörth mit dem ehemaligen Mitbewohner. Der Sonnenblumen-Irrgarten bei der Wiedereröffnung des Van-Gogh-Museums mit F. Der Wind und das Meer auf Sylt mit dem Kerl. Die Momente, in denen ich die ägyptischen Pyramiden und die Chinesische Mauer das erste Mal sah. Der erste Anflug auf Chicago. Der HerheimParsifal in Bayreuth. Der Augenblick, in dem ich vor dem Prüfungsamt das Masterzeugnis aufschlug und die Note sah. Meine Geburtstagsparty im März.

286. Was wagst du dir nicht einzugestehen?

Ich bin mit mir auf Du, wir haben keine Geheimnisse voreinander. Es gibt aber durchaus Dinge in mir, an die ich nicht gerne rankomme. Um die gehe ich immer auf Zehenspitzen rum, aber ich weiß, dass sie da sind.

287. Bei welcher Filmszene musstest du weinen?

Bei ungefähr einer Million Filmszenen. Am schlimmsten war vermutlich Schindlers Liste, aber das ist lange her. Ansonsten weine ich in jedem Pixar-Film, wie sich das gehört.

288. Welche gute Idee hattest du zuletzt?

Blumen für den Balkon zu besorgen. Ich hätte nie gedacht, wie gerne ich vom Schreibtisch aus auf sie raufgucke. Und wie beruhigend das ist, sich morgens und abends kurz um sie zu kümmern: gießen, Verblühtes ausputzen, einfach ein bisschen anschauen und sich über so etwas Schlichtes, Schönes freuen.

Kräuter waren übrigens eine genauso gute Idee. Nicht ganz so hübsch, aber ich finde es ernsthaft immer noch toll, mir einfach ein bisschen Würze vom Balkon zu holen.

Ich denke jetzt natürlich über Palmengärten und Zimmerpflanzen nach und ich glaube, diese Büchse der Pandora ist ganz schön groß.

289. Welche Geschichten würdest du gern mit der ganzen Welt teilen?

Immer die, die ich nicht teilen darf. Erzählt mir bloß keine Geheimnisse, irgendwann verblogge ich die aus Versehen. (Außer Dienstliches, da bin ich der totale Geheimhaltungsstreber.)

290. Verzeihst du anderen Menschen leicht?

Anderen vermutlich leichter als mir selbst.

291. Was hast du früher in einer Beziehung getan, tust es heute aber nicht mehr?

Fremdgehen.

292. Was hoffst du, nie mehr zu erleben?

Verletzungen. Vor körperlichen habe ich fast mehr Angst als vor seelischen, und ich hoffe, dass dieser Satz mich nicht mal übel in den Arsch beißt.

293. Gilt für dich das Motto „Was ich nicht weiß, macht mich nicht heiß“?

Ja. Ich bin aber blöderweise neugierig und will immer alles wissen.

294. Wie wichtig ist bei deinen Entscheidungen die Meinung anderer?

Ich ahne, dass mich Instagrambilder inzwischen mehr beeinflussen als ich mir eingestehen möchte, jedenfalls was Einrichtungsgegenstände angeht. Bei Klamotten bin ich relativ unbeeinflussbar, weil ich da kaufen muss, was mir freundliche Onlineshops für dicke Menschen anbieten (hrmpf. Projekt „Endlich nähen lernen“ rückt immer weiter nach vorne auf die innere To-Do-Liste). Was berufliche Entscheidungen angeht, diskutiere ich die zwar gerne durch, mache dann aber, was ich eh machen wollte. Kurz gesagt: Die Vorstellungen anderer fließen sicherlich in meine Bewertung ein, aber im Endeffekt bin ich diejenige, die mit der Entscheidung leben muss.

Ich weiß gerade selber nicht, ob ich die Frage beantwortet habe.

295. Bist du ein Zukunftsträumer oder ein Vergangenheitsträumer?

Ich bin ein generell-in-der-Gegend-Rumträumer. Heißt: Ich denke eher, total sinnvoll, über meine Karriere als Drehbuchautorin in den USA und meine Riesenwohnung in Wien nach als über Werbeakquise und Nazischeiß. Darüber denke ich schließlich sonst nach.

296. Nimmst du eine Konfrontation leicht an?

Nein, ich laufe vor Konfrontationen sehr gerne weg. Alles viel zu anstrengend.

297. In welchen Punkten unterscheidest du dich von deiner Mutter?

Ich habe Internet und koche gern. Ich kann Geschichten beim Erzählen davor bewahren, völlig auszuufern, damit niemand um den Tisch rumsitzt und sich fragt, worum’s eigentlich geht und ob nach zehn Minuten irgendwann mal ne Pointe kommt. Ich wiege eindeutig mehr, aber im Gegensatz zu meiner Mutter stresst es mich nicht mehr. Ich will kein riesiges Haus haben und nicht auf dem Land wohnen.

Ich merke mit zunehmendem Alter aber auch, dass ich ihr in vielen Dingen ähnele. Hauptsächlich, dass wir beide den ganzen Tag vor uns hinbrabbeln.

298. Wo bist du am liebsten?

Zuhause, wo immer das gerade ist. Kann auch ein Hotelzimmer sein. Irgendwo, wo ich eine Tür hinter mir zumachen kann. (Nein, Zugklo zählt nicht.)

299. Wirst du vom anderen Geschlecht genug beachtet?

Ach Gottchen.

300. Was ist dein Lieblingsdessert?

Eis und/oder Schokolade gehen immer. Wobei die Welfenspeise ziemlich unschlagbar ist. Das Rezept aus Deutschland vegetarisch ist seit Jahren mein Standardrezept. #sturmfestunderdverwachsen

Tagebuch Montag, 1. Juli 2019 – Wochenende

Da die letzten drei Tage nicht ganz so erholsam waren, nahm ich mir eine Auszeit. War eh zu warm für alles. Gelesen, viel Tee getrunken, Köfferchen endgültig ausgepackt, Wäsche gewaschen.

Nix für die Diss gemacht, zu faul zum bloggen. Stattdessen so genau wie möglich notiert, wie es Papa ging im Vergleich zu vor vier Wochen, weil ich das sonst vergesse: was kann er, was kann er nicht, wie reagiert er auf was.

Und: die neuesten Mitbringsel aus der alten Heimat auf Instagram geworfen. Die kleine Platte und die winzigen Schälchen gehörten mal Omi, keine Ahnung, von wann die sind. Sechziger Jahre? Auf die Schälchen passen ungefähr zehn Erdnüsse, weswegen sie eigentlich total nutzlos sind – aber so hübsch! Auf Insta meinte jemand schlauerweise, dass die hervorragend für Grüße aus der Küche oder ähnliche Kleinigkeiten geeignet wären. Wird beim nächsten F.-Bekochen ausprobiert.

The Man Who Invented Bookselling As We Know It

James Lackington eröffnete 1794 in London „The Temple of Muses“, einen damals ungesehen großen Buchladen.

„Late 18th-century London was a time of great social change. More people were learning to read, and the increase in leisure time among the working and middle classes meant an increased demand for books. But books were still an expensive luxury, and bookstores could be intimidating places. At the time, the typical bookstore did not encourage idle browsing or lounging. Lackington wanted to find a way to make books more affordable and accessible while still turning a profit, and with this in mind, he set about revolutionizing the book trade in at least four ways.“

(via @stabiHH)

Warum politische Talkshows sind, wie sie sind

Ein Artikel aus dem Tagesspiegel von 2018, der Zitate von Mitwirkenden an Talkshows (Gäste, Moderatorin, Produzent, Kritiker) zu einer Art Gespräch montiert.

Damit sind wir schon an dem Punkt, über den wir heute sprechen wollen – nämlich über Talkshows selbst. Die standen selbst in der Kritik: immer die gleichen Themen, immer die gleichen Gäste, dabei zu plump und populistisch. Herr Lobo, warum ist das so?

Lobo: Die Zuschreibung ist aktuell, dass in Talkshows das politische Deutschland verhandelt wird. Eine Art von Ersatz-Show-Parlamentarismus. Ich halte das auch für okay. Die Debatten, die dort stattfinden, finden ja ein ungeheures Echo. Dabei ist nicht unbedingt klar, was eine Talkshow genau soll. Die einen sagen, es sei Diskussion als Selbstzweck, die anderen sagen, es sei Aufklärung und politische Bildung. Sogar die Leute, die dort arbeiten, haben da unterschiedliche Auffassungen.

Hans Hütt: Natürlich sind Talkshows vom Wesen her populistisch, das ist ihre Dramaturgie! Das war übrigens schon so, bevor die AfD überhaupt existiert hat. In Talkshows geht es um Unterhaltung, nicht um Haltung. […]

Küppersbusch: Es gibt eine alte Branchen-Bauernregel: Die Besetzung einer Panel-Talkshow erfolgt nach den Grundregeln des Kasperletheaters: Du brauchst Hänsel, du brauchst Gretel, den Zauberer und das böse Krokodil.

Wer ist da wer?

Küppersbusch: Früher waren Hänsel und Gretel die Volksparteien, das sind zwei Geschmacksrichtungen von “Ja, okay”. Der Wissenschaftler kommt gerne etwa von der Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft, ein radikaler Lobbyist in der Camouflage des weißen Ärztekittels, der seine Weisheiten als Naturwissenschaften verkauft. Und das Krokodil war immer Alice Schwarzer oder der Berliner CDU-Rechtsaußen Heinrich Lummer.

Und heute?

Küppersbusch: Heute haben wir mit der AfD eine komplette Krokodilpartei. Die AfD ist auf der funktionalen Ebene eine Wiedergängerin der frühen Grünen: Die waren ein Castingvorschlag, als der Bundestag als taubengraues Beamtenparlament verschrien war. Bei den Grünen gab es einen Bauern im Folklorekittel, eine Friedensaktivistin, die mit einem Bundeswehrgeneral liiert war, einen Taxifahrer in Turnschuhen und stillende Pfarrerinnen. Nun kommt dasselbe Castingmodell noch mal, mit einer downgegradeten Herzogin, einer gleichgeschlechtlichen Wanderpredigerin gegen die Ehe für alle und einem Frankfurter Cordjanker, der 40 Jahre lang in der CDU war.“

(via den (dem?) Autor @daniel_erk)

Tagebuch Freitag bis Sonntag, 28. bis 30. Juni 2019 – Durch das schöne Niedersachsen

Warum ich mir ausgerechnet das heißeste Wochenende bisher in diesem Jahr für den Besuch bei Papa in der Reha ausgesucht habe, weiß ich nicht mehr.

Am Bahnhof in München fragte mich eine Dame, ob sie ihren Rucksack kurz auf meinen Rollkoffer abstellen könnte – „dann kriege ich ihn vielleicht endlich zu“. Natürlich. Gutes Karma gemacht, denn die Fahrt nach Hannover verlief ereignislos-entspannt, die Klimaanlage funktionierte tadellos und wir kamen pünktlich an. Einziger Nervscheiß: Der Stream vom Bachmannpreis lief nicht, ohne alle zehn Minuten abzustürzen, trotz Bord-W-LAN, weder auf Handy noch iPad. Ich las die Geschichten abends auf dem iPhone als pdf und hörte auch ein, zwei Jurydiskussionen nach, aber das Live-Erlebnis hatte ich leider nicht.

In Hannover stieg ich in die S-Bahn in Richtung Heimatdörfchen, die überraschend voll war. Kurz liebäugelte ich mit der ersten Klasse, die fast leer war, blieb dann aber brav in der zweiten zwischen zwei Quengelkindern und ihrer gestressten Mutter sowie zwei älteren Damen, die sich über ihre Krankheiten austauschten, sitzen. Alles richtig gemacht, denn es wurde kontrolliert.

Zuhause holte mich mein Mütterchen vom Bahnhof ab. Sie lässt sich gern von mir bekochen, wenn ich da bin, weil sie das selbst nicht so mag. Wir hatten uns vorher auf Gemüsepfanne geeinigt, wofür sie eingekauft hatte, aber mir war im Zug noch Gemüsecurry eingefallen. Meine Mutter hat jetzt Thai-Currypaste in der Küche und wird sie vermutlich nie aufbrauchen. Aber es hat ihr gut geschmeckt.

Merken: Der Dorfsupermarkt hat keinen frischen Koriander.

Samstag dann mit Schwester und Mutter in Richung Norden gefahren. Erst eine Stunde über die Dörfer, um den allgegenwärtigen Stau auf der A7 zu vermeiden, was sehr schön war. Wenn man nicht überall ein Auto brauchen würde, würde ich da sofort wieder hinziehen, ein Fachwerkhaus nach dem nächsten. Dort hätte ich mal fotografieren sollen, aber in der Zeit habe ich nur ein bisschen wehmütig rumgeguckt.

Letzte Stunde dann Autobahn, super Foto. Guckt mal, KEINE BERGE! Da hinten ist quasi schon Sylt.

Papa nach vier Wochen wiedergesehen. Der Unterschied zum Krankenhaus war recht groß, aber der Weg für ihn ist noch sehr weit. Er weiß den Geburtstag meiner Schwester (gerade?) nicht, kann aber fehlerfrei den Radetzkymarsch pfeifen und benennen. Das muss hier an Details reichen.

Schwesterherz fuhr mich nach drei Stunden ins nächste Dorf, von wo mich ein klimatisierter Metronom nach Hamburg brachte. Bei den letzten Hamburg-Terminen im vergangenen Jahr war ich immer froh, wieder dort wegzukönnen, weil es nicht mehr Zuhause ist. Jetzt war es deutlich besser, so ein komisches sehnsuchtsvolles „Das war mal ich“. Ich fühlte mich trotz 32 Grad wohl, vom Schwitzen abgesehen, aber ich freute mich über den lauten Bahnhof, die muffigen U-Bahn-Tunnel und die vielen Menschen. Und halt, dass ich wieder in Hamburch war. Am Bahnhof Buchholz hatte eine ältere Dame mit mir Smalltalk gemacht und ich dachte die ganze Zeit, yay, ich verstehe ältere Damen wieder! In München nicke ich immer nur und piepse ab und zu „gell?“ oder „mei!“

Im Hotel die zweite Dusche des Tages. Das ist echt das einzig richtig Gute am Sommer: Duschen ist nie so toll wie in dem Augenblick, wenn man völlig verschwitzt von draußen reinkommt.

Dann bereitete ich mich auf das Viertelfinalspiel der Damen vor. Ich hatte keine Lust gehabt, den Rechner mitzuschleppen, aber wie erwähnt, iPad und Handy dabei. Ich gucke Streams eh lieber auf dem iPad, weil es seltsamerweise stabiler läuft als mein Laptop. Aber wie schon beim Bachmann-Stream wollte das dusselige Ding partout nichts abspielen. Ich richtete mich seelisch schon auf Fuppes auf dem Handy ein, bis mir Schlaubergerchen einfiel: Du bist im Hotel. Da sind Fernseher! Und so konnte ich auf 32 Zoll in HD dabei zugucken, wie die deutschen Damen leider gegen Schweden verloren.

Die Noch-Teamkolleginnen bei Bayern. Sara Däbritz geht nächste Saison nach Paris, bei Rolfö weiß ich es gerade selbst nicht. Sven?

Ich habe mich sehr gefreut, dass die mediale Aufmerksamkeit für die Frauen-WM größer war als gefühlt jemals zuvor. Auch in meiner Bubble guckten mehr Leute einfach mal zu und fanden das wohl ganz okay. Daher ist es doppelt schade, dass es nur zum Viertelfinale gereicht hat. Wobei: Wie weit sind noch mal die Herren letztes Jahr in ihrer WM gekommen?

Abends war ich verabredet und musste nochmal in die heiße Wand raus, aber dafür konnte ich mit einer meiner liebsten Hamburger Damen schnacken und Salat essen und Wein trinken und zwar in dem Laden, in dem wir das jahrelang regelmäßig gemacht haben. Ich war traurig und glücklich gleichzeitig.

Gegen ein Uhr wieder im Hotel gewesen und zum dritten Mal geduscht. Ein Hoch auf die Erfinderin dieses Dingsis!

F. hatte eine DM geschickt, dass er meine Blumen gegossen hätte. Hatte ich auch noch nie: Menschen, die ich darum bitten muss, meine Blumen zu gießen.

Sonntag morgen, ICE von Hamburg nach München. Der Blick auf die Anzeigentafel ließ mich wimmern. Um den Abschiedsschmerz vom Norden zu lindern, hatte ich großflächig Franzbrötchen eingekauft. Nein, erzählt mir nicht, wo es in München gute Franzbrötchen gibt, es gibt nur in Hamburg gute Franzbrötchen, don’t @ me.

Dieses Mal war die Klimaanlage nicht ganz so mein Freund. Draußen waren es irgendwann 35 Grad, aber die freundliche Kühle der Hinfahrt wollte sich nie recht einstellen. Für mich fühlte es sich so an, als ob die Klimaanlage zwar angeschaltet sei, aber nur gerade so, dass man sie merkt. Mein Kreislauf, dem es die ganze Zeit hervorragend gegangen war, maulte ab Nürnberg etwas rum. Auch aufstehen und rumlaufen half nicht. Ich bat um eine Flasche Wasser aus dem Bordrestaurant – meine eigenen anderthalb Liter hatte ich schon ausgetrunken – und fächelte mir Luft zu. (Fächer immer dabei.) Trotzdem war ich sehr froh darüber, kurz nach halb vier endlich in München zu sein. Auch weil nicht mehr so recht für mein leibliches Wohl gesorgt war!

Ich lenkte mich mit Dvořáks 9. Sinfonie ab („Aus der neuen Welt“), die echt jedesmal besser wird. Mit dem dritten Satz stand ich bis jetzt irgendwie auf Kriegsfuß, aber gestern war der fast so toll wie der vierte. Nichts geht über den vierten. Der fühlt sich für mich immer so an, als ob dich die ganze Zeit etwas beim Kragen hat; es lässt manchmal locker, wabert aber immer im Untergrund herum, und irgendwann haut es dir alles um die Ohren.

Die ganze Zeit auf mein Lieblingsbrot beim Lieblingsbäcker am Hauptbahnhof gefreut. Ausverkauft. Frustbrezn besorgt.

Zuhause in eine recht kühle Wohnung gekommen, weil alles verrammelt und abgedunkelt gewesen war. Nur halbherzig ausgepackt, weil erschöpft von det Janze.

Später beantwortete ich auf Twitter launig eine Frage von Herrn Braun richtig und fragte spaßeshalber, ob ich jetzt zwei Karten für seine Tannhäuser-Generalprobe in Bayreuth gewonnen hätte. Und dann passierte das:

Ja gut dann. (OMFUCKINGGOD!) Endlich mal wieder Bayreuth. Auch wenn man inzwischen keine Kissen mehr mitbringen darf. Und auf einer Probe war ich auch noch nie! Wie ich gestern schon twitterte: Ich schrie vor Freude gleich mal mein Handy an, ganz erwachsen und damenhaft.

Abends noch die Preisverleihung bei der Frau Bachmann nachgeguckt. Ich bin immer noch überrascht davon, dass ich den Text Kenn ich nicht von Yannic Han Biao Federer beim Zuhören so banal und nach der Jurydiskussion total toll fand. Auch er bekam einen Preis, der Hauptpreis ging aber an Birgit Birnbacher, deren Text Der Schrank mir auch als pdf sehr gefallen hatte.