Was schön war, KW 28/29 – Shopping High und Partyspaß

Die letzten Wochen waren für mich anstrengender als erwartet, was an der Situation mit Papa liegt. Ich mache es sehr kurz: Ich habe dem Mütterchen Anfang Juni geholfen, eine neue schwarze Bluse zu kaufen und auch ich hatte meine schwarzen Klamotten schon in München rausgelegt, damit mir F. die von einem Tag auf den anderen mit dem Zug mitbringen könnte. Dazu kam es glücklicherweise nicht, aber das ist die Situation, in der wir uns seit Ende Mai befinden. Seitdem habe ich Angst vor jedem Anruf meiner Mutter und jeder WhatsApp meiner Schwester, was mich doch eher unentspannt sein lässt. Ich habe für alles gerne einen Plan, den ich strukturiert abarbeite, egal ob es um einen Job oder die Packliste für den Urlaubskoffer geht. Diese Situation ist für mich neu und belastet mich, und ja, mir ist klar, wie egozentrisch sich ein Jammern über persönliche Stresslevel anhört, weil jemand im Sterben liegt. Aber dafür ist mein Blog halt auch da: Dinge sortieren, die ich glücklicherweise so noch nie sortieren musste. (Und mir ist auch klar, wie sehr dieser erste Absatz mit der Überschrift clasht.)

Ein weiterer Stresspunkt war die Hochzeit, zu der F. und ich am vergangenen Wochenende eingeladen waren. Menschenmengen und Small-Talk-Obligationen sind nicht erst seit Corona für mich Stress, die Hitze ist auch nicht mein Freund, und generell bin ich vor solchen Veranstaltungen grundsätzlich schlecht gelaunt, weil ich, Achtung, erneute Egozentrik, nichts Vernünftiges anzuziehen habe. Trotz aller Body Positivity kaufe ich immer noch extrem ungern Kleidung und habe mich in den vergangenen Jahren mit der Kombi Jeans, Shirt, Sneakers arrangiert. Für Sterneläden und Konferenzen wird es die dunkle Stoffhose und die dunkle Bluse (und Sneakers), in die Oper und ins Theater gehe ich inzwischen auch so. Aber das ist halt keine feierliche Hochzeitsklamotte, um die gebeten wurde. Für die kleinere Hochzeit von F.s Bruder im vergangenen Jahr hatte ich mir eine türkise Leinentunika gekauft und dunkle Schuhe, damit die zur üblichen Opernhose passten. Das war irgendwie nett, aber gleichzeitig habe ich mich doof gefühlt, weil alles – wie immer bei mir – so okay passte, aber nicht richtig. Also richtig im Sinne von „sieht aus wie für mich und meinen Körper gemacht, will ich nie wieder ausziehen“ und nicht „hängt okay, nichts quillt über, kann man einen halben Tag lang ertragen“.

Und dann legte F. die Latte noch höher, indem er ein bisschen Geld in die Hand nahm und sich einen ungemein schönen Anzug kaufte, mit Einstecktuch, Fliege, dazu ein passendes Hemd, Manschettenknöpfe, neue Schuhe, was soll ich sagen, der Mann sah traumhaft aus. Ich beneide Kerle so dermaßen um Manschettenknöpfe! Alleine dafür habe ich mit dem Nähen angefangen, damit ich mir irgendwann ein Blusenhemd nähen kann, das verdammt nochmal mit Manschettenknöpfen zu schließen ist.

Neben diesem Traummann wollte ich jetzt nicht in okay hängender Tunika auflaufen. Ich erinnerte mich an einen dunkelblauen Anzug, der seit Jahren bei mir im Schrank hängt und viel zu weit ist (dass mir das mal passieren würde). Damit hätte ich jetzt zu einer Schneiderin gehen können, aber mein Nähehrgeiz war erwacht. Ich schaute diverse YouTube-Videos, wie man Hosen und Jacken kürzt und enger macht, öffnete Omas Nähkästchen und schnitt (schnitt! Ich habe noch nie Hosenbeine abgeschnitten, das war sehr aufregend) und nähte dann stundenlang per Hand an der Hose herum. Ja, per Hand, ich fühle mich damit sicherer als mit der Maschine. War vermutlich zu viel Arbeit, aber die hat mir sehr viel Freude gemacht.

Mit endlich passender Hose und zugegebenermaßen nur halbwegs passender Jacke, denn an die hatte ich mich dann doch nicht ganz so rangetraut, drehte ich ein kleines Video von mir. Ich habe seit einiger Zeit wieder einen Ganzkörperspiegel, aber der befindet sich am Schlafzimmerschrank, vor dem in nicht großer Entfernung das Bett steht, weswegen ich nicht weit genug zurückgehen kann, um wirklich zu sehen, wie ich aussehe. Also stellte ich mein Handy auf den Schreibtisch, startete die Aufnahmefunktion und ging durch zwei Zimmer, um mich von allen Seiten anzuschauen. Das war eine interessante Übung in Selbstwahrnehmung; ich sehe mich sehr selten selbst, aber das war durchaus in Ordnung. Ich wagte sogar den Irrsinn, meine Bluse in die Hose zu stecken, was in diversen Ratgebern für dicke Frauen als totales No-go beschrieben wird, denn das kaschiert ja um Gottes willen den Hüftspeck nicht, SCHLIMM. Ich fand es aber durchaus nett, meine Taille mal wieder zu sehen, auch wenn man sie etwas suchen muss.

In dunkelblauer Bluse und eben diesem Anzug ging es dann mit F. in die Tantris-Bar, ich schrieb darüber. Ich fühlte mich äußerst wohl, auch ohne kaschierende Jacke rumzusitzen oder aufs Klo zu gehen und war mit dem Look sehr zufrieden. Bis F. vorsichtig meinte, dass der Anzug doch eher nach schwarz als nach dunkelblau aussehe und das wäre für eine Hochzeit vielleicht doch eher doof. Ich musste auch zugeben, dass meine dunkelblaue Bluse etwas heller aussah als der Rest von mir, und so hängte ich den Anzug wieder in den Schrank und hatte wieder kein Outfit und war wieder genervt.

Meine üblichen Adressen für Kleidung haben nichts, was mir halbwegs gefällt, denn anscheinend tragen dicke Frauen nur Dinge mit Strassscheiß drauf, wenn es festlich sein soll. Ich weiß im Nachhinein nicht mehr, welche Google-Suche mich schließlich zu Marina Rinaldi führte, vermutlich irgendwas wie „elegante kleidung große größen münchen“. Jedenfalls sah ich auf der Website diverse Outfits, ich die ich mich schockverliebte (das hier zum Beispiel. Oder dieses). Da ich bei dieser Marke noch nie eingekauft hatte, wagte ich mich todesmutig sogar in einen Laden anstatt blind Dinge online zu ordern und sie dann frustriert wieder zurückzuschicken oder faul und noch frustrierter zu behalten. Und so betrat ich seit Jahren mal wieder einen Shop, in dem es Kleidung für mich gab, wurde hervorragend beraten, mir wurden Optionen gezeigt, es wurden eine Hose und ein Blazer umgesteckt und zur Änderung gegeben, und diese Tunika konnte ich sogar gleich mitnehmen, die passte einfach so.

Der Blazer ist im Ansatz auf meinem neuen Twitter-Profilfoto zu sehen oder auf Insta, wo ich das spontane Badezimmerselfie postete mit der Absicht, es recht schnell wieder zu löschen, was ich dann nicht tat, weil felt cute nicht wieder wegging. Er ist nicht mehr auf der Website, was schade ist, denn für den bekam ich auf der Hochzeit diverse Komplimente, weil er einen lustigen Plisseeeinsatz an den Seite und im Rücken hat, was ihn erstens interessant aussehen lässt und mich zweitens weniger schwitzen ließ. Wobei ich eh wenig schwitzte, was mich genauso glücklich machte wie die Tatsache, dass Menschen mir Komplimente für mein Outfit machten. Das kannte ich noch nicht. Ich war im Vorfeld etwas misstrauisch gegenüber dem Begriff „Triazetat“ gewesen, weil für mich Kunstfaser bedeutet, dass es heiß wird und unangenehm. Eigentlich sollte ich nach meinen Tights und mehreren BHs und -Tops aus Kunstfaser für den Wohnzimmersport schon verstanden haben, dass nicht alles, was Kunstfaser ist, auch gleich doof ist, aber mei, es ist zu warm für vernünftige Gedanken. Google sagt, dass Triazetat das hässliche Wort für Kunstseide ist, und letzteres klingt natürlich gleich viel besser. Sowohl Anzug als auch Tunika haben sich herrlich auf der Haut angefühlt, viel leichter als erwartet (Blazer und Tunika haben durchaus ein gewisses Gewicht), nach den Änderungen saß alles perfekt und ich trug beides am vorletzten Samstag glücklich aus dem Laden. Ja, das war mehr Geld als ich jemals für Kleidung ausgegeben habe, aber ich ahne allmählich, dass es das wert war und bleiben wird. Kein innerer Stress mehr, wenn die nächste Einladung ansteht, kein Underdressed-Gefühl mehr im Sterneladen, sondern stattdessen sogar ein „Ich bin nicht nur gut, sondern sehr gut angezogen“-Gefühl, das ich sonst schlicht nicht habe.

Das alleine hätte die Hochzeit schon zu einem tollen Event werden lassen, aber es waren dann doch eher die Menschen und die Stimmung, und auch davon war ich schlicht überrascht.

F. und ich sind in den letzten zweieinhalb Jahren zu kleinen Einsiedlerkrebsen geworden. Wir waren gerade zu Beginn der Pandemie quasi nirgends mehr, nicht mehr spontan in Ausstellungen, noch weniger in Theater oder Oper, äußerst selten in Restaurants und am allerwenigsten traf man sich mit Menschen. Nach diesen vielen Monaten ist uns irgendwann klar geworden, dass der politische Wille nicht da ist, alle zu schützen; es wird sehr wahrscheinlich keine Impfpflicht geben, mit der alles deutlich einfacher werden würde, und der Wille zur Eigenverantwortung, an den so gerne appelliert wird, ist anscheinend auch nicht bei allen gleich ausgeprägt. Wir müssen uns also irgendwann entscheiden, entweder das körperliche Risiko einer Infektion einzugehen oder das psychische, nämlich weiterhin alleine zuhause zu bleiben, mit Menschen nur über WhatsApp in Kontakt zu sein, Kunst und Kultur nur im Internet wahrzunehmen und dabei allmählich wunderlich oder irre zu werden. Ich persönlich trage weiterhin Maske, wo es nur geht, bin inzwischen viertgeimpft und verzichte weiterhin auf vieles, aber auch ich kann allmählich nicht mehr. Die wenigen Restaurantbesuche, die ich mir mit F. gönne, haben jedesmal sehr gut getan. Und so war auch die Teilnahme an der Hochzeit überhaupt keine Frage, selbst wenn es im Vorfeld für mich Stress war. Aber auch ich Soziophobikerin habe nach diesen Monaten verstanden, dass selbst ich ab und zu menschliche Kontakte brauche, die über meine Eltern, Schwester und Schwager und F. hinausgehen, um nicht in meinem eigenen Saft durchzudrehen.

Und genau das hat dann das Hochzeitswochenende so perfekt werden lassen. Ich traf Menschen wieder, die ich seit Monaten oder sogar Jahren nicht gesehen hatte, und wir sprachen sofort über spannende oder lustige Dinge anstatt uns mit dusseligem Smalltalk aufzuhalten. Ich glaube, die meisten von uns haben genauso wenig Energie dafür wie ich, und uns ist allen klar geworden, dass es keine Zeit mehr zu verschwenden gibt. Wo es ging, holte ich mir kleine Ruheinseln für mich alleine; so saß ich am Vorabend der Hochzeit zwar kurz mit im Biergarten, setzte mich dann aber lieber mit einem Buch auf eine Bank im Schlosspark, stand am Hochzeitstag selbst lieber alleine im Schatten als in der gut gelaunten Menschentraube in der Sonne vor der Kirche, und ging nach Sekt und Kuchen und vor dem Abendessen mal für ein Stündchen aufs Zimmer, auch um von Blazer und Top in die Tunika zu wechseln. Derartig gestärkt wollte ich dann auch nach dem Buffet nicht wieder gehen, wie ich das sonst auf den wenigen Hochzeiten gemacht hatte, auf denen ich bisher war, sondern blieb noch auf ein Bier und dann auf noch eins und unterhielt mich mit vielen Menschen und grölte schließlich zu schlimmen Partyhits der hervorragenden Band mit, die ganz genau wusste, welche Knöpfe sie drücken musste, um die Tanzfläche stets voll zu halten. Ich hatte Sonntag keine Stimme mehr, war aber so tiefenentspannt und eindrückesatt wie seit Monaten nicht mehr. Die Angst vor den Anrufen und WhatsApp-Nachrichten bleibt; eine erhielt ich auch auf der Rückfahrt mit einem Freund aus München, aber sie erwischte mich nicht ganz so fies wie ich erwartet hatte. Anscheinend brauche selbst ich Krebs mal ein paar Menschen, die meine Schale tätscheln, damit der Rest irgendwie einfacher zu überstehen ist. Viel gelernt in den letzten Wochen – wie gut unsere Familie inzwischen miteinander klarkommt, auch in sehr schwierigen Zeiten und Sitationen, über mich, meinen Körper und unerwartete Lösungen wie „passende Klamotten kaufen“. Und dass ich bei „Fürstenfeld“ auch nach diversen Oktoberfesten immer noch nicht textsicher bin.

Ach hier, komm, Bild aus dem Hotelaufzug, still feeling cute. Die Farbe stimmt nicht ganz, die auf der Website ist korrekt.

16. Juli 2022 – Lektüre

„Es kam Ulrich vor, daß er beim Beginn der Mannesjahre in ein allgemeines Abflauen geraten war, das trotz gelegentlicher, rasch sich beruhigender Wirbel zu einem immer lustloseren, wirren Pulsschlag verrann. Es ließ sich kaum sagen, worin diese Veränderung bestand. Gab es mit einemmal weniger bedeutende Männer? Keineswegs! Und überdies, es kommt auf sie gar nicht an; die Höhe einer Zeit hängt nicht von ihnen ab, zum Beispiel hat weder die Ungeistigkeit der Menschen der Sechziger- und Achtzigerjahre das Werden Hebbels und Nietzsches zu unterdrücken vermocht, noch einer von diesen die Ungeistigkeit seiner Zeitgenossen. Stockte das allgemeine Leben? Nein; es war mächtiger geworden! Gab es mehr lähmende Widersprüche als früher? Es konnte kaum mehr davon geben! Waren früher keine Verkehrtheiten begangen worden? In Mengen! Unter uns gesagt: Man warf sich für schwache Männer ins Zeug und ließ starke unbeachtet; es kam vor, daß Dummköpfe eine Führer- und große Begabungen eine Sonderlingsrolle spielten; der deutsche Mensch las unbekümmert um alle Geburtswehen, die er als dekadente und krankhafte Übertreibungen bezeichnete, seine Familienzeitschriften weiter und besuchte in unvergleichlich größeren Mengen die Glaspaläste und Künstlerhäuser als die Sezessionen; die Politik schon gar kehrte sich nicht im geringsten an die Anschauungen der neuen Männer und ihrer Zeitschriften, und die öffentlichen Einrichtungen blieben gegen das Neue wie von einem Pestkordon umzogen. – Könnte man nicht geradezu sagen, daß seither alles besser geworden sei? Menschen, die früher bloß an der Spitze kleiner Sekten gestanden haben, sind inzwischen alte Berühmtheiten geworden; Verleger und Kunsthändler reich; Neues wird immer weiter gegründet; alle Welt besucht sowohl die Glaspaläste wie die Sezessionen und die Sezessionen der Sezessionen; die Familienzeitschriften haben sich die Haare kurz schneiden lassen; die Staatsmänner zeigen sich gern in den Künsten der Kultur beschlagen, und die Zeitungen machen Literaturgeschichte. Was ist also abhanden gekommen?

Etwas Unwägbares. Ein Vorzeichen. Eine Illusion. Wie wenn ein Magnet die Eisenspäne losläßt und sie wieder durcheinandergeraten. Wie wenn Fäden aus einem Knäuel herausfallen. Wie wenn ein Zug sich gelockert hat. Wie wenn ein Orchester falsch zu spielen anfängt. Es hätten sich schlechterdings keine Einzelheiten nachweisen lassen, die nicht auch früher möglich gewesen wären, aber alle Verhältnisse hatten sich ein wenig verschoben. Vorstellungen, deren Geltung früher mager gewesen war, wurden dick. Personen ernteten Ruhm, die man früher nicht für voll genommen hätte. Schroffes milderte sich, Getrenntes lief wieder zusammen, Unabhängige zollten dem Zugeständnisse Beifall, der schon gebildete Geschmack erlitt von neuem Unsicherheiten. Die scharfen Grenzen hatten sich allenthalben verwischt, und irgendeine neue, nicht zu beschreibende Fähigkeit, sich zu versippen, hob neue Menschen und Vorstellungen empor. Die waren nicht schlecht, gewiß nicht; nein, es war nur ein wenig zu viel Schlechtes ins Gute gemengt, Irrtum in die Wahrheit, Anpassung in die Bedeutung. Es schien geradezu einen bevorzugten Prozentsatz dieser Mischung zu geben, der in der Welt am weitesten kam; eine kleine, eben ausreichende Beimengung von Surrogat, die das Genie erst genial und das Talent als Hoffnung erscheinen ließ, so wie ein gewisser Zusatz von Feigen- oder Zichorienkaffee nach Ansicht mancher Leute dem Kaffee erst die rechte gehaltvolle Kaffeehaftigkeit verleiht, und mit einemmal waren alle bevorzugten und wichtigen Stellungen des Geistes von solchen Menschen besetzt, und alle Entscheidungen fielen in ihrem Sinne. Man kann nichts dafür verantwortlich machen. Man kann auch nicht sagen, wie alles so geworden ist. Man kann weder gegen Personen noch gegen Ideen oder bestimmte Erscheinungen kämpfen. Es fehlt nicht an Begabung noch an gutem Willen, ja nicht einmal an Charakteren. Es fehlt bloß ebensogut an allem wie an nichts; es ist, als ob sich das Blut oder die Luft verändert hätte, eine geheimnisvolle Krankheit hat den kleinen Ansatz zu Genialem der früheren Zeit verzehrt, aber alles funkelt von Neuheit, und zum Schluß weiß man nicht mehr, ob wirklich die Welt schlechter geworden sei oder man selbst bloß älter. Dann ist endgültig eine neue Zeit gekommen. […]

Während Ulrich sich mit Clarisse unterhielt, hatten die beiden nicht bemerkt, daß die Musik hinter ihnen zeitweilig aussetzte. Walter trat dann ans Fenster. Er konnte die beiden nicht sehn, aber er fühlte, daß sie knapp vor der Grenze seines Gesichtsfelds standen. Eifersucht quälte ihn. Gemeiner Rausch schwer sinnlicher Musik lockte ihn zurück. Das Klavier in seinem Rücken stand offen wie ein Bett, das ein Schläfer zerwühlt hat, der nicht aufwachen mag, um der Wirklichkeit nicht ins Gesicht sehen zu müssen. Die Eifersucht eines Gelähmten, der die Gesunden schreiten fühlt, peinigte ihn, und er brachte es nicht über sich, sich ihnen anzuschließen; denn sein Schmerz bot keine Möglichkeit, sich gegen sie zu verteidigen. […]

Mit dieser Eigenschaft, geistige Selbstbeschäftigung zu verbreiten, hatte er auch Clarisse erobert und mit der Zeit alle Mitbewerber aus dem Feld geschlagen; er konnte, weil ihm alles zu ethischer Bewegung wurde, überzeugend von der Unmoral des Ornaments, der Hygiene der glatten Form und dem Bierdunst der Wagnermusik sprechen, wie es dem neuen Kunstgeschmack entsprach, und selbst seinen zukünftigen Schwiegerpapa, der ein Malergehirn wie ein Pfauenrad hatte, setzte er damit in Schrecken. Es stand also außer Zweifel, daß Walter auf Erfolge zurückblicken durfte. […]

Aber während sein Zustand im Lauf des letzten Jahres immer schlimmer geworden war, hatte er zugleich eine wunderbare Hilfe an einem Gedanken gefunden, den er früher nie genug geschätzt hatte. Dieser Gedanke war kein anderer als der, daß das Europa, in dem er zu leben gezwungen war, rettungslos entartet sei. In Zeitaltern, denen es äußerlich gut geht, während sie innerlich jenes Zurücksinken durchmachen, das wahrscheinlich jede Angelegenheit und darum auch die geistige Entwicklung erfährt, wenn man ihr nicht besondere Anstrengungen und neue Ideen zuwendet, müßte es wohl eigentlich die nächstliegende Frage sein, was man dagegen unternehmen könne; aber das Gewirr von klug, dumm, gemein, schön ist gerade in solchen Zeiten so dicht und verwickelt, daß es offenbar vielen Menschen einfacher erscheint, an ein Geheimnis zu glauben, weshalb sie einen unaufhaltsamen Niedergang von irgendetwas verkünden, das sich dem genauen Urteil entzieht und von feierlicher Unschärfe ist. Es ist dabei im Grunde ganz gleich, ob das die Rasse, die Pflanzenrohkost oder die Seele sein soll; denn wie bei jedem gesunden Pessimismus kommt es nur darauf an, daß man etwas Unentrinnbares hat, woran man sich halten kann.“

Ich bin gerade im „Mann ohne Eigenschaften“ in einem Abschnitt angekommen, den ich quasi komplett zitieren möchte. Lasse ich aber. Erster Teil der hier zitierten Zeilen, zweiter.

14. Juli 2022 – Badezimmerschrank

Vor einigen Wochen besuchte ich meinen neuen Hausarzt zum ersten Mal. Meine bisherige Hausärztin nimmt leider nur noch Privatpatient*innen an, zu denen ich bewusst nicht gehören möchte, obwohl ich es als Selbständige natürlich seit Jahren könnte. Ich finde diese Zwei-Klassen-Medizin aber dämlich und bin daher brav in der Kasse geblieben.

Es stand der übliche jährliche Check-up an, den ich in den letzten zwei Jahren etwas hatte schleifen lassen. (Ich wollte gerade „während der Pandemie“ schreiben, aber wir sind ja noch mittendrin.) Ich wollte also Blut und Urin loswerden und vereinbarte einen Termin – erstmals in meinem Patientinnenleben online. Dort wurde nicht nur nach Name und Terminwunsch gefragt, sondern auch nach Titel, und da ich ja seit Februar einen tragen darf, notierte ich den, ohne ernsthaft darüber nachzudenken. Als ich im Wartezimmer saß, wurde ich dann dementsprechend – aber für mich dann doch unerwartet – mit „Frau Doktor Gröner, bitte“ aufgerufen, ebenso als ich in den Raum sollte, wo (erfolgreich, schnell und schmerzfrei, yay!) nach meinen Venen gesucht wurde. Der Doc fragte sogar nach:

„Frau Doktor Gröner, guten Tag. Darf ich fragen: Kollegin?“
„Nee, Dr. phil.“
„Ah, der schöne Doktor!“

Damit hatte der gute Mann quasi schon gewonnen und auch sonst fand ich die Praxis sehr nett. Meinen Besprechungstermin vereinbarte ich gleich dort, den ich nicht handschriftlich auf einem Zettel mitbekam, sondern per E-Mail, was mich nochmals frohlocken ließ. Und als ob das nicht alles schon toll genug war: Auch meine Werte sind alle im grünen bis supergrünen Bereich, auch die, bei denen ich als hochgewichtiger Mensch immer Angst habe, Cholesterin, Fett, Zucker etc. Und meine Leber verarbeitet die ganzen schönen Premiumweine auch weiterhin absolut klaglos. Happy Anke.

Ein weiteres Gesundheitskapitel bearbeitete ich dann gestern, was zum heutigen Blogeintrag führte: Ich räumte den Badezimmerschrank auf und brachte es im Zyklustag 717 endlich über mich, die ganzen Tampons in den Flurschrank umzuräumen. Bis zum endgültigen Verklappen warte ich noch, bis in der App die 1000 auftaucht, aber dann kommt der Rotz endlich weg. Ich betrachte mich hiermit als launig menopausal und freue mich schon seit Monaten darüber, die beknackten Blutungen hinter mir zu haben. Scheiß auf Feier der Weiblichkeit, der Kram nervte einfach nur und ich vermisse ihn nicht die Bohne. Ich merke keine größeren Veränderungen an mir, vielleicht habe ich die auch WÄHREND DER PANDEMIE einfach übersehen, aber bis auf ein paar Hitzewallungen geht’s mir hervorragend, und gegen die hilft mein Fächer, den ich eh seit Jahren mit mir herumtrage, weil ich generell Hitze doof finde.

Meine Schwester hat sich das von mir abgeguckt und zückt inzwischen auch in Meetings und sonstwo den Fächer, wenn’s halt gut gut, und wenn ihre jüngeren Kolleginnen skeptisch gucken, meint sie freundlich: „Da kommt ihr auch noch hin.“ Schon ist Ruhe.

13. Juli 2022 – Im Nebel

Noch bis zum 31. Juli läuft im Haus der Kunst eine Ausstellung der japanischen Künstlerin Fujiko Nakaya: Nebel Leben. Ich gönnte mir gestern endlich mal eine Jahreskarte, die sich schon bei vier Besuchen lohnt, weil die Einzelausstellungen so fies teuer sind. Ich ahne, dass ich für Nakaya nochmal die Karte zücken werde, weil die für das Haus konzipierten zwei Installationen (oder Dialoge, wie das hauseigene Video richtig meint) so viel Spaß machen. Ich habe bei beiden nicht darüber nachgedacht, was sie mir künstlerisch sagen – ich fand es einfach nur schön, im Nebel zu stehen.

Die große Installation befindet sich im Hauptraum, der nun fast vollständig unter Wasser steht. Man kann auf Holzbohlen außen an der Wand entlanggehen oder auf dem Holzsteg stehen, der in der Mitte des Raums ist. Von dort beginnt jeweils zur halben und zur vollen Stunde der Nebel aufzusteigen. Zunächst baut sich quasi eine Wolke in der Mitte des Raums auf, dann stoßen die lustig zischen Düsen an der einen Schmalseite Nebel aus, dann die auf der anderen, und wo man eben noch den Raum, das Wasser, die Menschen sehen konnte, ist nun plötzlich alles im Unsichtbaren vereint. Dann verzieht sich der Nebel nach und nach, je nachdem, wie viele Menschen durch ihn hindurchwandern anstatt rumzustehen, und ihn dabei verteilen. Ich habe mir den Spaß gestern dreimal gegönnt und bin mal fast komplett an einer Stelle geblieben und mal durch die Gegend spaziert. In der Mitte stand ich fast nie, ich fand es schöner, eher Zuschauerin als Akteurin zu sein. Nach gefühlt fünf Minuten ist der ganze Zauber wieder weg und man steht wieder ohne sphärische Musikbegleitung in einem Nazibau auf Holzbrettern. Menno.

Ich mochte das Licht im Raum sehr, den ich sonst als herrlich hohen und lichten Saal schätze. Jetzt war er dämmeriger, grünlicher, und mittendrin vergaß man, dass er da ist, weil man ihn schlicht kaum noch sehen konnte. Das fand ich gleichzeitig beängstigend und befreiend – mein Raumgefühl zu verlieren, ist unheimlich, aber man konzentriert sich eben kurz auf andere Dinge; gucke ich halt an die Decke anstatt auf meine Füße wie sonst.

Sobald der Raum wieder nur noch der Raum war, ging ich durch weit geöffnete Türen an der Ostseite des Hauses nach draußen, wo alle zehn Minuten die zweite Nebelwolke erscheint. Durch die heißen Temperaturen entsteht hier derzeit nicht wirklich eine Wolke, die sich in den Bäumen neben dem Museum hält, die zum Eisbach hin stehen, wie im Video zu sehen ist. Stattdessen fällt minutenlang ein hauchfeiner Nebel auf die Rumstehenden, und wenn der Wind gut steht, fühlt es sich an wie eine Dusche, ohne nass zu werden. Diese Installation ist auch ohne Eintritt zu erleben, vielleicht ein Tipp für die nächsten Tage.

Ich hatte nach gefühlt ewigen Zeiten mal wieder die Videofunktion meines Handy aktiviert, aber die Aufnahmen sind nur für mich, jedenfalls landen sie nicht im Blog. Auf meiner To-Do-Liste (oder eher der Könntest-du-auch-endlich-mal-machen-Liste) steht noch mein Video über Essen, das bisher aus einem Gigabyte Film besteht, aber noch keine Ordnung hat und keine Musik. Text steht, Bilder fehlen noch, weil ich bei jeder Aufnahme denke, nee, das geht noch besser, das Thema ist zu wichtig, um da Grütz drunterzulegen. Das könnte also noch dauern.

Jedesmal wenn ich derzeit den Videoknopf drücke, denke ich an den Kurs von Casey Neistat, den ich im Januar absolvierte, und für den ich nachträglich sehr dankbar bin. Weil ich im Januar eben wissen musste, was mein iPhone so kann, drehte ich im Dezember im Norden einen kleinen Weihnachtsfilm. Da ist auch Papa drauf, und er erkennt mich noch.

„Not neccessarily betrayals“

„I have never heard a Filipino say “I am tired of Filipino dishes,” but have often heard Pinoys claim to be tired of hamburgers, fast food, bread, etc. Can we ever really tire of our native food, of the dishes that we ate as children, which formed our tastes and our idea of good food?

Perhaps not, but this does not mean that we cannot make any changes in them – experiment, invent, create. Food, like language, is living culture, and as such, changes with times. The old ways are tested and true; the new ways are not neccessarily betrayals, if they are appropriate and result in good food.“

(Doreen G. Fernandez: Tikim: Essays on Philippine Food and Culture, Leiden/Boston 2020, Erstausgabe 1994, S. 40.)

Das erinnerte mich an ein anderes Zitat, das ich schon mal im Blog hatte:

„Having read hundreds of emails from Hot Thai Kitchen Fans, I’ve discovered that there are two main reasons why people are reluctant, or even scared, to cook Thai or any ethnic cuisine. The first is that they don’t know where to start. This is an issue of knowledge, which is easily fixed. Reading this book is a great start.

The second, and most important, reason is the fear of making it “wrong.” This isn’t as simple a fix, as it’s not a technical issue but rather a matter of mindset. People are afraid that, after all their efforts, they’re not making “real Thai food.” So, they postpone it until they feel “confident enough,” or they decide to “leave it to the experts.”

I get it. I remember feeling the same way when I startet cooking Western food. I wanted to make the most authentic Bolognese sauce, so I searched for recipes written in Italian because, after all, they MUST be more authentic!

Maybe it’s out of respect for the culture or from a belief that the “right” way tastes better, but whatever the reason, it’s holding us back from taking that leap into the exciting world of an ethnic cuisine. […]

Our pantries and fridges determine our dinner. […] Thai people are constantly creating new dishes, adding new twists to old classics, or simply throwing random stuff together … but can you call that “real Thai food” or even “authentic Thai food”? Or course you can. If what Thai people regularly eat at home isn’t authentic, then I don’t know what is. The thing is, most of what we eat isn’t what you find in restaurants, isn’t half as complicated, and may not even have a name.“

(Pailin Chongchitnant: Hot Thai Kitchen: Demystifying Thai Cuisine with Authentic Recipes to Make at Home, Vancouver 2016, S. 22/23.)

Und noch eins aus dem ersten Buch, an das ich oft denke, wenn ich mir mal wieder vornehme, wenigstens ein Adobo, ein Pancit im Repertoire zu haben von tausend. Es geht um die Geschichte der Nudeln, die von China aus in den Philippinen landeten. Die Autorin erzählt, wie vermutlich chinesische Handelsreisende in den Philippinen strandeten, während sie auf Ware warteten.

„If our lonely Chinese merchant eventually married a Filipina – many did, since the wait for merchandise could be long, and many transients eventually made home here – she probably learned to cook the dishes he liked, but again only made fair approximations, because not only were her ingredients Philippine, but so was her taste, a panlasa born of her own growing up and traditions.

The noodle dishes became indigenized – acculturated, adapted to local ingredients, tastes, occasions. Eventually every region developed its own versions: fishing towns added oysters and squid, as in Pancit Malabon; rice-growing areas putting in a kind of crumbled okoy as in Pancit Marilao; inland und upland towns using sausages and available vegetables, etc. Eventually every cook, chef, housewife, developed his/her own signature version, thus all the noodles of our lives.

Pancit also adjusted itself to the occasions of our communal lives. On an ordinary day, it could be very simple – garlic, onions, tomatoes, sauteed with a bit of shrimp and pork or whatever vegetables were available, and whatever noodle is in the pantry. Or it could be cooked in the market and eaten off a banana leaf, as is the Pancit Habhab of Lucban, Quezon. Or it could be bought from the neighborhood panciteria and come wrapped in a cone of paper lined with banana leaf. […]

But if it is for a feast, then we gather oodles of makings, flake the tinapa, crumble the chicharron, pound the shrimps for the sauce, slice thin the kamias, soak the noodles in chicken broth and other condiments, etc. Or we order from the community’s beste pancit-maker, or from the aunt or lola who has made it her specialty. For pancit is as versatile and as flexible as Filipino lives are.“

(Fernandez 2020, S. 35/36.)

Vielleicht ändern sich unsere Essgewohnheiten nicht nur aus persönlichen Vorlieben oder Umzügen, sondern auch wegen des Klimawandels. Ein Forschendenteam aus Kanada hat sich dafür alte Speisekarten angeschaut. Der Artikelteaser nimmt die traurige Pointe schon vorweg: „In the 1880s, Vancouver’s seafood joints served lots of salmon. These days they serve squid.“

You Can Spot Climate Change in Old Restaurant Menus

„Climate change is an intensifying reality for the marine species that live near Vancouver and for the people who depend on them. In a new study, a team from the University of British Columbia (UBC) shows one unexpected way that climate effects are already manifesting in our daily lives. To find it, they looked not at thermometers or ice cores, but at restaurant menus.

“With a menu, you have a physical and digital record that you can compare over time,” explains William Cheung, a fisheries biologist at UBC and one of the study’s authors. […] The team gathered menus from hundreds of restaurants around the city, as well as from restaurants farther afield in Anchorage, Alaska, and Los Angeles, California. Current menus were easy to find, but digging into the history of Vancouver’s seafood proved a bit trickier. Doing so required help from local museums, historical societies, and even city hall—which the researchers were surprised to learn has records of restaurant menus going back more than a century—to compile their unusual data set. In all, they managed to source menus dating back to the 1880s.

Using their records, the scientists created an index called the Mean Temperature of Restaurant Seafood (MTRS), which reflects the water temperature at which the species on the menu like to live. Predictably, they found that the MTRS of Los Angeles was higher than that of Anchorage, with Vancouver falling in the middle. But by analyzing how the MTRS for Vancouver has changed over time, they found a significant trend of warmer-water species becoming more common on restaurant menus. In the 1880s, the MTRS for Vancouver was roughly 10.7 degrees Celsius. Now it is 13.8 degrees Celsius.“

Was schön war, KW 27 – Rez, FAZ, Bar, Bier

Vor einigen Wochen wurde ich für eine Buchrezension angefragt, die ich gerne zusagte. Ich las ein Buch über die Rezeption von Hans Thoma (1839–1924) im Kaiserreich und der NS-Zeit; Grund für das neue Interesse am alten Thoma war ein Forschungsprojekt zur Geschichte der Landesministerien von Baden und Württemberg zur Zeit des Nationalsozialismus. In diesem Rahmen stieß man auf Akten, die sich mit der Hans-Thoma-Plakette befassten, die 1939 zum 100. Geburtstag des Künstlers verliehen werden sollte; wegen des Kriegs kam es erst 1942 zur ersten Verleihung. Das Land Baden-Württemberg vergibt seit 1950 seinen Landeskunstpreis, der sich ebenfalls auf Thoma beruft. Frage des Forschungsprojekt, die in dem von mir besprochenen Buch beantwortet werden soll: Hat der heutige Staatspreis eine nationalsozialistische Vorgeschichte?

Ich habe das Buch mit Interesse gelesen und positiv besprochen.

Am Donnerstag warf ich launig einen Zoom-Link in meine Twitter-Timeline. Die kritischen berichte, eine in meinen Augen wichtige Zeitschrift meines Faches, feierte sein Fünfzigjähriges und besprach die kritische Kunstgeschichte aus verschiedenen Blickwinkeln. Gerade als ich einen Kuchen in den Ofen geschoben und es mir auf dem Sofa gemütlich gemacht hatte, fragte die FAZ freundlich an, ob ich nicht die Veranstaltung für sie besprechen wolle. Wollte ich, weswegen ich schnell ins Arbeitsoutfit und an den Schreibtisch wechselte. Wenn ich keinen kompletten Quatsch verzapft habe und es Platz gibt, müsste der Artikel nächste Woche in der Rubrik „Geisteswissenschaften“ erscheinen.

Ich plaudere schon mal aus, dass es die Zeitschrift ab dem nächsten Jahr endlich ohne „Moving Wall“ frei zugänglich im Diamond Open Access zu lesen gibt. Bis dahin bleibt uns allen das schöne Archiv.

Stop – Lektüre-Update-Time! Den Gag habe ich aus Hannah Gadsbys „The Road to Nanette“ geklaut, wo sie ihn sehr ausführlich bringt. Das höre ich gerade, wenn ich unterwegs bin. Davor hörte ich gut gelaunt Kurt Krömers „Du darfst nicht alles glauben, was du denkst.“

Auf Papier las ich
– Michael Wildt „Zerborstene Zeit“: ja, kann man machen, wenn man von dem Thema noch so gar keine Ahnung hat, sonst ist es einen Hauch redundant. Aber gut lesbar!
– Sibylle Berg „Der Mann schläft“: furchtbar. Also toll geschrieben, aber ich fand es sehr unangenehm. Nach dem Lesen ins Altpapier getan, das wollte ich nicht mal in den Hausflohmarkt legen

– Andreas Kossert „Kalte Heimat. Die Geschichte der deutschen Vertriebenen nach 1945“: äußerst informativ, in einem Rutsch durchgelesen, sehr viel gelernt, große Empfehlung
– Marion Gräfin Dönhoff „Namen die keiner mehr nennt. Ostpreußen – Menschen und Geschichte“: musste sein nach Kossert. Seltsames Leseerlebnis, kann aber auch daran gelegen haben, dass ich es im Norden las und im Zug, wo gerade alles schwierig ist, ich aber immerhin eine Zeitzeugin (das Mütterchen) nach Details aus Ostpreußen fragen konnte. Sie hat mir gleich „Heimatmuseum“ von Siegfried Lenz mitgegeben und „Jokehnen“ von Arno Surminski, wo lauter Zettel in ihrer Schrift drinliegen, auf denen sie Details aus Bartenstein notiert hat. Ich fragte sie, was sie als ihre Heimat empfände und erwartete Niedersachsen, aber sie sagte Ostpreußen, das sie mit sechs Jahren verlassen musste. Ihre Mutter brauchte auch sehr lange, um sich eine Rückkehr aus dem Kopf zu schlagen. Seltsames Detail: Weder die Eltern von Papa noch Mamas Mutter wollten, dass die beiden heiraten; für Papas Eltern war Mama keine gute Partie, weil sie als Flüchtling ja nichts hätte, und mit Nichts meine ich Nichts, für Omi war Papa eine Art Gefahr, denn mit einer Heirat würde ihre Tochter ja hier in Niedersachsen Wurzeln schlagen und nicht mehr in den Osten wollen. Ich denke über diese Sätze ständig nach, seitdem sie mir erzählt wurden.

– Peter Walther „Hans Fallada. Die Biografie“: ebenfalls große Empfehlung, gute Einbettung einer Einzelperson in das große Ganze. Konnte an mehreren Stellen in der Wikipedia anlegen. Das mache ich derzeit mit fast allen Sachbüchern – immer gleich gucken, ob dieser eine tolle Fakt schon in der Wikipedia steht
– Hanna Engelmeier „Trost. Vier Übungen“: ein Re-Read. Ich hatte es gefühlt beim ersten Mal nur durchgehuscht. Oder ich brauchte jetzt einfach mehr Trost. Hat funktioniert. Danke dafür
– Jörg Osterloh „‚Ausschaltung der Juden und des jüdischen Geistes.‘ Nationalsozialistische Kulturpolitik 1920–1945“: noch eine große Empfehlung. Der Überbau war mir quasi klar, die vielen Details nicht. Hatte ich bisher nur kursorisch gelesen, jetzt komplett.

Mein derzeitiges Nachttischbuch ist der „Mann ohne Eigenschaften“ von Musil, den ich jetzt zum dritten Mal beginne. Möglicherweise könnte es jetzt fürs Durchlesen reichen, weil ich inzwischen deutlich mehr über die 1920er Jahre und Wien weiß als noch vor sieben Jahren, als ich den zweiten Leseversuch nach 50 Seiten abbrach.


Unfreiwilliges Selbstporträt beim Morgenkaffee.

Auch wegen meiner derzeitigen, meist ungeplanten Reisen in den Norden (aus Gründen, über die ich hier nichts schreiben werde) hatte ich bisher weder Blumen noch Kräuter auf dem Balkon, denn um die muss sich ja jemand kümmern, wenn ich nicht da bin und das kann ich nicht immer garantieren. Vor zwei Wochen war mir dieser Fakt aber egal, ich brauchte Bunt und Grün, und deswegen wachsen gerade aus drei Kästen bunte Blümchen und vier Sorten Kräuter. Jedenfalls so lange, bis sie in meinem Mittagessen landen, looking at you, Koriander!

Was ich außerdem seit diesem Jahr und erstmals in meinem Leben besitze: einen Sonnenschirm. Den befestigte ich mit einer tollen Klammer am Balkongeländer, nachdem mir F. seine Schieblehre geliehen hatte, damit ich Zollstock-Huhn den Durchmesser meines runden Geländers profimäßig und vor allem korrekt ausmessen konnte. Seitdem wird morgens auf dem Balkon Kaffee getrunken, ohne dass ich die Augen zusammenkneifen muss. Und meist ein NS-Fachbuch gelesen, was den Aufenthalt nicht ganz so entspannt sein lässt, aber hey, ich lese echt viel draußen. Es ist da halt so nett.

Viertgeimpft. Eigentlich wollte ich auf den tollen Impfstoff warten, der auch mit Omikron, der blöden Ratte, klarkommt. Der sollte ja im März erhältlich sein, dann im Juni, jetzt angeblich irgendwann im Herbst, aber jetzt wollte ich nicht mehr. Meine dritte Impfung war im November 2021, also vor locker sechs Monaten. Ich bin zwar noch keine 60, aber es fragte niemand nach meinen Gründen, es wurde nur mein natürlich brav vorher ausgedruckter Impfbogen angeschaut, ich durfte mir den Impfstoff aussuchen – Comirnaty Ultra all the way –, und das war’s. Keine Nebenwirkungen bis auf ein bisschen Ziepen abends im Oberarm. Guter Körper.

Am 1. Juli besuchten F. und ich das neue Tantris. Das alte Tantris, also Deutschlands erstes Sternerestaurant, das seit 50 Jahren besteht und dessen rot-orangene Einrichtung unter Denkmalschutz steht, wurde im letzten Jahr für eine gründliche Restaurierung geschlossen. Seit November (?) 2021 ist es wieder geöffnet und besteht nun aus gleich drei Läden: dem Restaurant, dessen neuer Küchenchef 2022 gleich mal zwei Sterne erkochte, dem sogenannten Tantris DNA, wo Klassiker aus den letzten 50 Jahren zeitgemäß serviert werden, und der Bar, für die man keinen Platz im teuren Tempel gebucht haben muss, da kann man jeden Abend einfach so reinmarschieren und Cocktails trinken.

Das hatten wir gar nicht auf dem Plan, aber als wir beim Jackenablegen gefragt wurden, ob wir einen Aperitiv möchten und wenn ja, vielleicht an der Bar …? sagten wir gerne Ja. Ich fragte erstmal die Historie ab, weil that’s me, bewunderte die punkige Decke und genoss eine Hausvariante des Negroni, der, natürlich, ganz großartig war. Genau wie die acht Gänge danach im Restaurant, von denen ich keinen fotografiert habe, weil ich einfach nicht mehr dokumentieren, sondern nur noch genießen möchte. Glaube ich jedenfalls; jetzt wo ich darüber schreibe, hätte ich natürlich trotzdem gerne ein Bild. Vielleicht beim nächsten Mal, denn ein nächstes Mal wird es geben. Mein erster Tantris-Besuch 2017 ist bis heute die Messlatte für alle Sterneläden und sie ist immer noch sehr hoch. Ich muss zugeben, dass ich bei den ersten zwei, drei Gängen auch noch etwas fremdelte, aber dann hatte mich der neue Laden auch wieder ganz tief in der Tasche. Es ist einfach einzigartig.

Wir durften zum Abschluss des Abends sogar kurz in die Küche und dem Herrn Chefkoch die Hand schütteln. Er nahm sich zehn Minuten Zeit für uns, erklärte, fragte, was uns gefallen hätte, wir fragten zurück, ich wich die ganze Zeit Menschen mit Tabletts aus, die sich mehrfach bedankten, woraufhin ich innerlich immer „Hey, ich hab auch mal Tabletts getragen und alle gehasst, die im Weg rumstehen“ dachte. Das fand ich ganz schön zu merken, dass manche Sensoren auch nach 20 Jahren noch anspringen, sobald es nötig ist.

Ich verlinkte den kurzen Film mit Benjamin Chmura schon auf Twitter; so entspannt hat er auch mit uns geplaudert. Wer mehr über den Laden lesen möchte, kann zum Beispiel bei Herrn Paul vorbeischauen oder bei den Bildern von Culinary Pixel sabbern, die im DNA und in der Bar fotografierte.

Apropos Bar. Nachdem uns einer der Barkeeper vom Tatar vorgeschwärmt hatte, das als Bar Food serviert wird, überlegte F. ungefähr drei Tage, bevor er für uns einfach direkt eine Woche nach dem Restaurantbesuch zwei Plätze an der Bar reservierte. Die Servicekraft, die uns sieben Tage zuvor bedient hatte, freute sich, uns schon wiederzusehen, auch der Barkeeper erkannte uns nach kurzem Nachdenken, und dann bestellten wir Tatar und den ersten von insgesamt fünf Cocktails pro Nase. Geplant gewesen waren zwei und auch nur das Tatar, aber das Croque Monsieur ließ sich so wunderbar teilen, und wenn es schon Patisserie des Hauses gibt, dann wäre das ja die totale Verschwendung, sie nicht zu bestellen, also bitte.

Auch das vertwitterte und verinstagrammte ich schon, aber jetzt muss es auch noch ins Blog; eigentlich ist der Barbesuch schuld daran, dass ich dringend bloggen wollte. Es war (schlecht für den Laden, gut für uns) irgendwann nicht mehr so irre viel los an der Bar, vermutlich als alle Restaurantgäste ihre Aperitivs hatten. Daher hatte der Barkeeper etwas mehr Zeit für uns, und so blieb er allen Ernstes gefühlt eine Stunde an unserem Tisch, schleppte verschiedene Flaschen an, die wir entweder kosten oder an denen wir immerhin riechen durften. Das wenigste davon fand sich am Ende auf der Rechnung wieder, aber auch das wäre egal gewesen. Wir lernten viel über die Historie von einem der Cocktails, die ich mir hatte empfehlen lassen, wir sprachen über die Herstellung von Tequila und Mezcal und Clairin, der mir vorher überhaupt kein Begriff war (er hat noch keinen deutschsprachigen Wiki-Eintrag, meins, MEINS!)

Ich mochte an dem Abend auch, dass man sich nicht so aufdotzen musste wie fürs Tantris. Okay, ich ahne, dass die Damen und Herren im Service auch dort nicht mit der Wimper zucken, wenn ich im Jogginganzug auflaufe, aber ich gebe zu, dafür zücke ich sogar wieder die Mascara, von der ich nach zwei Pandemiejahren kaum noch geglaubt hätte, sie je wieder zu benutzen. Aber im Laufe des Abends kam zum Beispiel ein Pärchen an die Bar, das gerade das Konzert von Guns’n’Roses im Olympiastadion besucht hatte und dementsprechend aussah. Falls das im Laufe der letzten Zeilen noch nicht klar geworden ist: Geben Sie der Bar doch mal eine Chance. Ist eindeutig niedrigschwelliger als der Luxustempel und auch nicht teurer als andere gute Münchner Locations. Hier die Getränkekarte.

Der Barbesuch war kaum vorbei, da saßen wir schon im Biergarten, das erste Mal seit Ewigkeiten ohne Maske. Ich trug sie weiterhin auf der Toilette, war aber die einzige, und in der Bestellschlange ließ ich es gleich. Die Bänke stehen wieder enger als noch im letzten Jahr, aber es hat sich gut und richtig angefühlt. Ob wir allerdings die Oktoberfestreservierungen wahrnehmen, ist uns immer noch nicht klar. Falls es stattfindet, was ja auch noch nicht klar ist.


Ich bin die Radlermaßmemme mit dem Anti-Wespen-Bierdeckel. Wahlweise liegt da ein Taschenbuch, aber der Musil ist ungefähr so dick wie das Glas.

Gut gegessen habe ich auch außerhalb von Sternetempeln. (Will wieder in einen Sternetempel.)


Gefüllte Zucchini. Weiß schon gar nicht mehr, womit sie gefüllt war.


Kartoffelsalat mit Tahini-Dressing aus der NYT.


Tiefkühl-Gemüsedumplings aus dem Asialaden. Immerhin das Nuoc Cham selbst angerührt und eine Gurke aufgeschnitten.


Scharfes Rindfleisch mit Brokkoli und grünem Spargel.


Ich habe dem Mütterchen den Avocadotoast von Katha aus ihrem zweiten veganen Kochbuch kredenzt, der ihr sehr gut geschmeckt hat. Sie kannte noch keine Avocado.




Bin auf dem totalen Hummus-Trip. Entweder mit Fladenbrot oder sogar mit Brezn (mein Leibgericht) oder auch mit roter Bete und weißen Bohnen statt Kichererbsen. Aber immer mit Salat und Zatar.

20 Jahre

Am 1. Juli 2002 veröffentlichte ich meinen ersten Blogeintrag. Sagt zumindest das Archiv meines Uralt-Blogs. Ich hatte vorher schon Krimskrams wie Kurzgeschichten und Filmbesprechungen auf dieser Website, aber das tägliche Bloggen begann heute vor 20 Jahren. Schade, dass mir so kurz vor dem Jubiläum ein bisschen die Luft ausgegangen ist, aber meine Güte, 20 Jahre, irgendwann ist dann eben auch mal alles erzählt.

2002 lebte ich alleine in Hamburg und war festangestellte Juniortexterin. Inzwischen bin ich in festen Händen, sogar zum zweiten Mal in diesen 20 Jahren, lebe in München und bin freie Seniortexterin; ich merkte irgendwann, dass ich auf den Kreativdirektorinnenposten gar nicht so scharf war, Chefin spielen ist nicht meins, nur meine eigene Chefin bin ich sehr gerne. Außerdem bin ich promovierte Kunsthistorikerin, womit ich 2002 noch so gar nicht gerechnet hatte. Und ich koche und esse jetzt gerne, was 2002 auch nicht zu erwarten gewesen war. Ansonsten ist so ziemlich alles beim alten, mein Nasenpiercing ist noch da, es ist kein drittes Tattoo dazugekommen, ach, doch, Moment, ich habe kein Auto mehr und keine Zigaretten, das hätte mir 2002er-Anke mit ihrem Ellenbogen aus dem Fahrerfenster und der Kippe im Mund vermutlich nicht geglaubt. (Ich habe immer noch Phantomschmerzen, wenn ich an Rocky denke.)

Ich mag dieses Blog immer noch, weil es schon so lange zu mir gehört, aber jetzt gerade schreibe ich weniger gern für die Öffentlichkeit. Die Situation mit meinem Vater belastet mich und ich behalte sie größtenteils für mich. Alles andere, was mich bewegt, habe ich gefühlt schon erzählt, auf Insta geteilt, rausgetwittert. Ich lese weiter tolle Bücher, habe aber keine Lust mehr, sie zu besprechen. Ich koche weiter und gerne und viel, bin aber momantan zu faul dazu, alles aufzuschreiben, sondern bookmarke mir einfach anderer Leute Websites und hoffe, nicht alles wieder zu vergessen, was ich geändert habe. Ich ackere mich weiter durch mein Forschungsgebiet und kann darüber irre viel erzählen, aber ich glaube, das liest außer mir keiner, daher lasse ich das, denn ich weiß ja, was ich weiß.

Was ich nicht weiß: wie es mit dieser Seite weitergeht. Ich hoffe ein bisschen, dass der Spaß am Tagebuchbloggen wiederkommt, aber wenn nicht, sind 20 Jahre auch eine schöne Langstrecke geworden. Die könnte mir bitte mal jemand ausdrucken, damit ich sagen kann, ha, 400 Seiten Diss, niedlich, wissen Sie, wieviel ich in den letzten zwei Dekaden ins Internet geschrieben habe?

Thai Cashew Chicken

Ein Rezept von „Hot Thai Kitchen“, meiner Lieblingswebsite für Thai-Küche. Hier das Video dazu, das ich sehr empfehle.

Für vier Personen. Erstmal Jasminreis kochen, das muss ich hoffentlich nicht erklären. Ich habe seit Kurzem einen Reiskocher, gegen dessen Anschaffung ich mich jahrelang gewehrt habe mit dem Argument, nicht noch ein Küchengerät zu brauchen, das nur eine einzige Sache kann. F. als Halbfilipino war darüber bass erstaunt; er wuchs damit auf, dass immer irgendwo gekochter Reis rumsteht, man kann ja nie wissen, wann man mal welchen braucht. Und der wurde natürlich im Reiskocher gemacht, schließlich kann ein ganzer Kontinent nicht irren. Also kaufte ich einen, und was soll ich sagen: Ich bin verliebt. Ja, ich habe auch vorher schon ordentlichen Reis produzieren können, aber das Ding erleichtert einem wirklich die Arbeit. Reis und Wasser einfüllen, anschalten und vergessen. Kein Kontrollieren, kein Umrühren, kein Abdämpfen und was weiß ich noch, einfach vor sich hinblubbern lassen. Ich koche inzwischen immer gleich mehrere Portionen, die ich im Kühlschrank aufbewahre. Gerade für Bratreis, der mit einem Tag altem Reis immer besser wird als mit frisch zubereitetem, liebe ich das sehr. Kleiner Nebeneffekt: Seit ich einen Reiskocher habe, esse ich irre viel Reis.

Zurück zum Huhn und zum Rezept. Ich nutze hier ausnahmsweise meist Cups statt Gramm wie im Originalrezept, weil das hier ganz gut klappt und ich beim Kochen nichts umrechnen musste.

3/4 Cup ungesalzene Cashewkerne im 175 Grad heißen Ofen für 8 bis 12 Minuten rösten. Sie dürfen ruhig dunkel sein, aber nicht schwarz. Falls ihr nur gesalzene Cashews habt – auch kein Problem, vielleicht mit der Sojasauce etwas sparsamer sein, damit das Gesamtgericht nicht zu salzig wird.

400 g Hähnenbrust oder Schlegel in mundgerechte Stücke zerteilen und in
2 EL Sojasauce für mindestens 15 Minuten marinieren. Wer die etwas zartere Brust nutzt, noch 1 TL Wasser dazugeben.

An Gemüse brauchen wir
3/4 Cup grüne Paprika (die bitte nicht weglassen, nur mit roten und gelben Paprika wird es zu süß),
1 1/4 Cup rote und/oder gelbe Paprika und
1/2 Zwiebel (bei mir eine ganze), alles in mundgerechte Stücke zerteilt.

Zusätzlich brauchen wir
4 Knoblauchzehen, halbwegs fein gehackt,
2 Frühlingszwiebeln, in Ringe geschnitten, sowie
7–10 große rote getrocknete Chilis, Kerne entfernen, wer mag. Die Schoten bleiben ganz.

Für die Sauce
1 EL Austernsauce mit
1 EL Sojasauce,
1 TL Golden Mountain Sauce,
1 TL Fischsauce,
1 1/2 TL Zucker,
1 1/2 EL Thai-Chilipaste (Nam Prik Pao) und
1 TL geröstetem Sesamöl vermischen.

Golden Mountain Sauce ist eine thailändische Sojasauce, wer die nicht hat (wie ich), nimmt einfach einen Teelöffel mehr Fischsauce. Die Chilipaste hatte ich auch nicht; die kann man selber machen oder, wie ich, im Asiamarkt Tom-Yum-Paste kaufen, da ist ungefähr das gleiche drin. Die gibt’s sogar beim Edeka nebenan. Oder man nutzt ein bisschen Gochujang; schmeckt etwas anders, geht aber auch (sagt Pailin von Hot Thai Kitchen).

Jetzt wird endlich gekocht, bitte alles griffbereit haben.

Im Wok oder einer tiefen Pfanne die 7–10 Chilis in
2 EL neutralem Öl anbraten, so dass das Öl aromatisiert wird. Vorsicht, die Schoten nicht verbrennen lassen. Mit einer Schaumkelle entfernen; die werden nachher als Garnitur mit dem Essen serviert und man kann sie mit der Gabel oder den Fingern zerbröseln und als zusätzliche Würze verwenden.

Das Hähnchen bei hoher Hitze anbraten und zwei Minuten lang in Ruhe lassen, nicht umrühren. Wenn alles kräftig gebräunt ist, wenden, alles durchgaren und aus der Pfanne nehmen. Das Öl in der Pfanne lassen. (Hier musste ich etwas Öl nachgeben.)

Die Pfanne vom Herd nehmen und den Knoblauch in der Resthitze golden anbraten. Dann wieder auf den Herd geben und bei mittlerer bis hoher Hitze die Zwiebeln kurz anbraten (ich mag die noch ungolden), anschließend Paprika und das Hähnchen in die Pfanne geben, mit der Sauce übergießen und alles für eine Minute durchschwenken, immer schön rühren, stir fry eben.

Jasminreis auf einen Teller geben, das Stir Fry darüber und mit den Frühlingszwiebeln, Cashews und den gerösteten Chilis servieren.

Tagebuch KW 18/19/20 – Schnipsel

Katalogtexte mit nur einer Korrekturschleife abgegeben. Große Vorfreude auf die Ausstellung. Mindestens zwei Autobahnen!

Meine neue Geschäftsausstattung ist da. Ein dickes Dankeschön an eine Leserin, die bei Letterjazz arbeitet, die mir wiederum wunderschöne Visistenkarten druckten. Briefpapier und Rechnung haben sich kaum verändert zum ersten Entwurf von 2008, ich mag die immer noch. Es ist nun aber alles blau, was vorher violett war, und an Schrifttypen sind jetzt Roboto sowie Chronicle Display am Start anstatt die guten alten Verdana und Georgia.


Was ich geändert haben wollte: den Titel (done), die Farbe (done) und meine Kompetenzbeschreibung – da hieß es vorher „Texte & Konzepte“, jetzt heißt es „Texte, Konzepte, Kunstgeschichte.“ Buchen Sie mich gerne, dann kriegen Sie eine wirklich schön gestaltete (und fair bepreiste) Rechnung.

F. beging seinen Geburtstag. Ich buk Apfelkuchen, wie immer, und schenkte ihm unter anderem ein Buch von Gina Apostol, einer philippinischen Autorin. Dabei merkte ich, dass ich wirklich überhaupt keine Künstler oder Künstlerinnen von den Philippinen kenne.

Ich sitze gerade an einem Artikel für die Wikipedia über Ria Picco-Rückert, die dort noch nicht vertreten ist, die ich aber spannend finde, weil sie sich in der Weimarer Republik, der NS-Zeit und auch in der Bundesrepublik mit Industriethemen beschäftigt hat. Beim wilden Faktensammeln für den Eintrag stieß ich auf Else Jaskolla, bei der sie zeitweilig studierte, die auch noch keinen Wikipedia-Eintrag hatte. Und beim Faktensammeln für Jaskolla stieß ich auf Clementine von Braunmühl, die zufällig mit Jaskolla in einem Buchkapitel zusammen erwähnt wurde und die auch noch keinen Eintrag hatte. Daher schrieb ich flug erstmal diese beiden Beiträge; an Picco-Rückert sitze ich immer noch und muss dafür auch öfter in Bibliotheken. Mache ich, wenn der Regen aufgehört hat. Erneut gemerkt: Wenn man sich mit Industriethemen beschäftigt, ist es Gold, in einer Stadt mit einem Technikmuseum und einer tollen Bibliothek zu sitzen.

800 Seiten lang mit den Augen gerollt und interessiert durchgelesen: Stephan Malinowskis „Die Hohenzollern und die Nazis.“ Deutlich schneller verschlungen: Jane Gardams „The Man in the Wooden Hat“, quasi eine Erweiterung von „Old Filth“. In „Hat“ erzählt die Ehefrau des Titelhelden von „Filth“ dieselbe Geschichte nochmal aus ihrer Perspektive. Noch schneller verschlungen, nämlich an anderthalb Tagen: Kazuo Ishiguros „Klara and the Sun“. Wie alles von ihm – okay, ich kenne erst drei Bücher – wundervoll geschrieben. Momentan auf dem Nachttisch: Michael Wildts „Zerborstene Zeit“ sowie Sibylle Bergs „Der Mann schläft“.

Ein paar Tage in der alten Heimat gewesen, Vadder hatte Geburtstag.

Ich war mit dem Mütterchen in einem Konzert im NDR-Funkhaus, was sie sehr gefreut hat, weil sie schon länger nicht mehr in Abendveranstaltungen war. Sie können das Konzert nachschauen, ich empfehle allerdings eher die erste Hälfte, Mahler war schnarchig, sorry, Junge, you got nothing on Schostakovitsch. Es war erschütternd leer, ich schätze, drei Viertel der Plätze waren am Donnerstag unbesetzt, am Freitag wurde dann übertragen, da schien es voller gewesen zu sein.

Ich trug die ganze Zeit Maske, während 90 Prozent um mich herum es nicht mehr taten, und berichtete dem Mütterchen stolz von München, wo sie Maskendisziplin viel höher sei. Das hat sich allerdings inzwischen auch geändert; F. und ich waren gestern im Prinzregententheater, wo wir mit Maske inzwischen auch deutlich, nein, sehr deutlich in der Minderheit waren. Vielleicht ist die Pandemie ja wirklich rum und ich habe es nur noch nicht mitbekommen.

Das gestrige Konzert war übrigens schlicht toll, und man kann es fast nachhören. Statt Britten wie in der Spotify-Playlist gab es gestern die Sonate für Violoncello und Klavier von dem mir vorher unbekannten Karen Khatschaturian, die mich völlig faszinierte.


Guter alter Maschsee. (Mit NS-Skulptur, war ja klar.)

Auf beiden Zugfahrten aus dem und in den Norden haben alle brav Maske getragen, wenn auch meist nur noch OP oder Stoff. Es wurde auch sehr deutlich kommuniziert, dass man on board the ICE da keinen Spaß verstünde.

Heimat-Haul: „The Arms of Krupp“ aus Papas Bücherschrank. Er besaß schon länger die deutsche Version, und als Karl meine Eltern besuchte (und dann mit Papa das Panzermuseum, von dem er lange schwärmte), bat mein Vater ihn, ihm doch die US-Version zuzuschicken. Alles Prä-Amazon. Im Buch lag noch eine Postkarte von Karl.

Eine winzige Kuchenform, weil man nie genug Kuchenformen haben kann, und vier originale Untersetzer mit dem Olympia-Logo von 1972. Die hatte sich meine Schwester schon unter den Nagel gerissen; gut, dass meine Eltern damals acht gekauft haben, die wurden jetzt schwesterlich geteilt, damit ich das Olympia-Jubiläum stilvoll begehen kann.

Das Gesangbuch von meinem Opi, den ich nie kennengelernt habe.

Wie immer gut gegessen.

Ofenblumenkohl mit Super Spice. Die Menge, die hier im Rezept angegeben ist, reichte gleich für zwei Tage.

Ich wagte mich mal wieder an Garnelen und wenn sie nicht philippinisch, sondern eher mediterran sind, komme ich auch gut mit ihnen aus.


Rote Linsensuppe.


Ein halber Möhrenkuchen. Deswegen brauche ich kleine Kuchenformen! (Rezeptlink nicht wiedergefunden.)


Schakshuka.


Es war kurzzeitig warm genug für den Balkon. Die Saison ist hiermit eröffnet.

Ramazan pidesi, türkisches Fladenbrot

Wenn ich frische Hefe anbreche, aber nicht ganz verwende, suche ich gerne nach Rezepten, für die ich die Resthefe verwenden kann. Donnerstag und Freitag buk ich über zwei Tage die herrliche Brioche feuilletée; ein großer Rest des Würfels kam gestern in ein türkisches Fladenbrot. Jetzt habe ich immer noch zehn Gramm – da muss ich wohl nochmal die Röschen-Brioche backen. Dann sind die Gefrierfächer aber wirklich voll.

Das Rezept von Koch dich türkisch arbeitet mit Pizzastein und Holzschuber; ich habe stattdessen das Blech im Ofen mit vorgeheizt und dann die beiden Teigfladen nacheinander auf dem heißen Blech gebacken.

20 g Frischhefe (oder 7 g Trockenhefe) mit
1 TL Zucker in
250–300 ml lauwarmes Wasser einrühren und 15 Minuten rumstehen lassen.

In einer Schüssel
450 g Mehl, bei mir Type 550, mit
2 TL Salz mischen.
1 1/2 EL Olivenöl sowie das Hefewasser dazugeben und zu einem mittelmäßig festen Teig verkneten. Bei mir waren dazu noch mindestens 5 Extra-Esslöffel Mehl nötig; ich werde beim nächsten Backen erstmal mit 250 ml Wasser anfangen statt 300 zu verwenden, die im Originalrezept stehen.

Die Schüssel abdecken und den Teig an einem warmen Ort für 45 bis 60 Minuten gehen lassen, bis er sich ungefähr verdoppelt hat. Danach in zwei Teile teilen und zu Fladen in der Größe von 15 bis 18 cm Durchmesser ausrollen. Beide abdecken und für weitere 30 Minuten gehen lassen. Da ich beide nacheinander gebacken habe, habe ich beide auf einzelnen Stücken Backpapier ruhen lassen, damit ich sie danach noch transportieren kann. Wenn ihr beide auf ein Blech bekommt und es auch nicht vorheizen wollt, beide gleich auf dem Blech ruhen lassen.

Den Ofen auf 250 Grad vorheizen, gern mit Pizzastein darin. Hatte ich nicht, ich habe wie erwähnt ein Backblech mit vorgeheizt.

Nun entweder mit einem Messer ein Rautenmuster schneiden oder mit olivenölfeuchten Fingern Löcher in den Teig drücken.

1 1/2 EL Olivenöl mit
1 Eigelb vermischen und die Fladen damit bepinseln, mit
1 TL Schwarzkümmel und/oder
1 TL Sesam bestreuen.

Den vorgeheizten Ofen auf 220° runterschalten und die Pide für 20 Minuten backen.

Brioche feuilletée

Oder anders: ein Mittelding aus Blätter- und Hefeteig. Blättrig wie ein Croissant, buttrig-salzig wie Brioche, ein tolles Zeug. Wieder mal ein Rezept von La Paticesse, wo ihr unbedingt für Phasenfotos vorbeischauen solltet, für die war ich nämlich zu faul.

In einer Schüssel
250 g Mehl (Mischung aus Type 405 und 550, bei mir halbe-halbe),
1 Ei (M),
30 g kalte Milch,
40 g kaltes Wasser,
12 g frische Hefe,
5 g Salz und
30 g feinen Zucker
mit dem Mixer (Teighaken) oder der Küchenmaschine auf kleiner Stufe für bis zu drei Minuten mischen.

Dann nach und nach
60 g zimmerwarme Butter in Würfeln dazugeben, die Mixgeschwindigkeit erhöhen, ca. acht Minuten mischen, bis ein fester Teig entstanden ist. Mit einem Teigschaber zu einer hübschen Kugel formen, in eine saubere Schüssel umsiedeln, diese mit Folie abdecken und alles bei Raumtemperatur anderthalb Stunden gehen lassen. Dann für 12 Stunden oder über Nacht weiterhin abgedeckt im Kühlschrank parken. Bei mir waren es vermutlich so um die 15 Stunden, hat dem Teig nicht geschadet.

Am Backtag
125 g kalte Butter auf eine Größe von 14 x 19 cm ausrollen. Ich nutze dazu Papas alte Holzlineale, die er in den 1950er Jahren bei seiner Ausbildungsstelle geklaut hat; der Arbeitgebername steht noch drauf. Ausrollen geht gut zwischen Backpapier oder in einem Gefrierbeutel.

Nun den Teig entgasen – mehrfach auf die nur leicht bemehlte Arbeitsplatte klatschen – und auf 30 x 20 cm ausrollen, also hochkant. (In der Kunstgeschichte wird die vertikale Zahl immer zuerst genannt.) Nun auf die untere Hälfte die Butterplatte legen und die obere Teighälfte darüberklappen; die Ränder leicht andrücken.

Den Teig um 90 Grad nach links drehen, so dass die „offene“ Seite rechts liegt; La Paticesse nutzt als anschauliches Beispiel ein Buch, das habe ich kapiert: Auf der linken Seite ist der geschlossene Buchrücken, rechts die offenen Seiten.

Nun den Teig ein weiteres Mal ausrollen, bis er 6–8 mm dünn ist. Dabei eher vorsichtig vorgehen, nicht zu viel Druck, nicht zu schnell. Ein liebevolles Ausrollen ist perfekt.

Nun die untere Hälfte eurer Hochkant-Teigbahn bis etwas über die Mitte einklappen. Die obere Hälfte runterklappen, bis sie bündig an der unteren, hochgeklappten Teigkante liegt. Nun diesen doppelten Teig einmal von oben nach unten mittig umklappen, so dass ihr vier Lagen habt. Wieder um 90 Grad drehen, Buchrücken links, alles mit Folie einschlagen und für 30 Minuten im Kühlschrank parken.

Vorletztes Ausrollen: Wieder alles zu einem Hochkant-Rechteck ausrollen, ca. 7–8 mm dünn. Im Gegensatz zu den zwei Touren, die wir eben gemacht haben, gibt’s jetzt nur noch eine: Das obere Drittel nach unten klappen, das untere darüber, wieder um 90 Grad drehen (Buchrücken links) und für 30 Minuten in den Kühlschrank.

Letztes Ausrollen: Die ganze Pracht auf eine Größe von etwas mehr als 36 x 15 cm ausrollen. Ihr braucht für die sechs Brioches Stücke mit den Maßen 6 x 15 cm. Was mehr ist, mit einem scharfen Messer abschneiden, dann blättern die Ränder auch besser auf. Ich habe gleich recht großzügig ausgerollt und die Teigreste zu Mini-Brioches gemacht.

Die sechs Stücke nun zweimal längs einschneiden, oben sollte ein Zentimeter Teig bleiben. Aus den drei Strängen lockere Zöpfe flechten und dann alles einrollen und in eine Briocheform (ca. 8 cm Durchmesser) setzen. Ich habe immer noch keine Briocheförmchen, bei mir musste die Muffinform herhalten.

Die Brioches locker mit Folie abdecken und bei ca. 25 Grad für zwei Stunden gehen lassen, sie sollten sich in der Größe etwa verdoppeln. Falls das in zwei Stunden nicht passiert ist, einfach eine halbe Stunde dranhängen. Habe ich gemacht; so irre warm ist es bei mir nicht und auch meine Bettdecke war anscheinend nicht warm genug. Nicht auf die Heizung oder in den Ofen geben, sonst schmilzt die Butter, was sie erst beim Backen machen soll.

Wenn alles so aussieht wie ihr das haben wollt, die Brioches im auf 180° Ober- und Unterhitze vorgeheizten Ofen für 22 bis 25 Minuten backen. Kurz auskühlen lassen und mit Puderzucker bestäubt servieren.

Tagebuch KW 17 – Protzen, Sokolov, Nakamura

Am Dienstag durfte ich mal wieder in den Vorlageraum des Lenbachhauses, denn die einzige Autobahn von Herrn Protzen, die sich im Depot des Museums befindet, wird im Oktober ausgestellt und ich durfte das Bild vorher besuchen. Ich freute mich darüber, das Ding endlich mal im Original und damit in Farbe anschauen zu können, denn bis zur Abgabe des Verlagsmanuskripts kannte ich die Brücke bei Limburg (1938) nur als Schwarzweißfoto aus dem Nachlass im Kunstarchiv. Es war schlicht nicht möglich, das Original anzuschauen oder auch nur eine Farbaufnahme von dem Ding zu bekommen. Hier den üblichen Rant über unterbesetzte Museen (und Archive, siehe Stadtarchiv) einfügen.

Ich besitze keine Rechte am Foto des Archivs oder gar an Protzens Werken, aber ich glaube, ich kann hier total gefahrlos eine abfotografierte Seite aus meinem eigenen Buch einfügen. Wenn nicht, werde ich endgültig am deutschen Urheberrecht irre.

Am Montag hatte ich in der Stabi noch ein bisschen was gelesen, was möglicherweise auch für die Ausstellung bzw. meine zwei winzigen Texte zu ihr wichtig sein könnte. Beim Lesen stolperte ich über etwas anderes, was für einen anderen Text spannend sein könnte, nämlich den zu Wilhelm Heise, über den es quasi auch nichts Vernünftiges an Forschungsliteratur gibt, den ich aber sehr mag. Seine absolut neusachlich gestaltete Mangfallbrücke (1934) wird in fast jedem Artikel zur Autobahnmalerei als Vorbild hochgehalten; auch sie hängt netterweise im Oktober im Lenbachhaus, das dieses Werk besitzt. Dagegen wird Protzen ziemlich abstinken, aber damit muss der Mann dann klarkommen. Und ich auch, seufz.

Jedenfalls fotografierte ich die vier betreffenden Buchseiten – Scannen ist in der Stabi eine einzige Qual, ich glaube, ich habe in zehn Jahren vier verschiedenen Kopier- bzw. Scankarten erworben, das ist mir inzwischen zu blöd, ich fotografiere –, schickte die Seiten an meinen freundlichen Kontakt im Lenbachhaus – und bekam zu hören, ha, das kam mir doch gleich so bekannt vor, das Buch steht auch bei uns in der Bibliothek. (Gibt es Suchmasken für Museumsbibliotheken und wieso weiß ich sowas nicht?)

Hier der Radiobastler von Heise, hier sein Stiglmaierplatz, den ich beim ersten Versuch immer falsch schreibe. Der Radiobastler war in dem eben erwähnten Buch von 1937 abgebildet, was mich etwas wunderte, und es ist damit eins der acht Millionen Beispiele für die inkonsequente Kunstpolitik im NS.

Bei längeren Wegen oder Spaziergängen höre ich ja neuerdings Hörbücher statt Musik. Atomic Habits war unterhaltsam, ich habe aber vermutlich schon wieder alles vergessen, womit ich in guter Gesellschaft bin; auch Podcasts höre ich neuerdings vermehrt, Ende des winzigen Einschubs. Mein zweites Hörbuch war von Herrn Krömer, was ziemlich gut zum gut gelaunten Rumlaufen war. Das dritte Buch war The Power of Fun von Catherine Price, das ich aus irgendeinem Newsletter fischte. Das habe ich nach knapp zwei Stunden abgebrochen, ich erwischte mich ständig dabei, nach fünf Sätzen nicht mehr zuzuhören. Ist zum Lesen vermutlich nett, zum Hören eher nicht.

Und: Die Definition von „fun“ der Dame kollidierte sehr mit meiner eigenen. Den Punkt, den sie in zwei Stunden dauernd machte, war: Spaß findet in Gesellschaft statt und nicht alleine oder, viel schlimmer, alleine ONLINE! Das Internet ist das Böse, geh doch mal wieder raus und hab RICHTIGEN Spaß. Gut, das Buch ist zu Beginn der Pandemie geschrieben worden, das wird auch thematisiert. Sie beginnt ihr Buch mit der Frage: When was the last time you had fun? Und behauptet dann, dass man sicher darüber nachdenken müsse, und wenn man das tue, fiele einem auf, dass man beim Spaßhaben vermutlich nicht alleine gewesen war.

Lustigerweise war meine erste Assoziation zur Frage, wann ich das letzte Mal richtig Spaß hatte: Gestern, als ich im ZI saß und 1000 tolle Dinge gelesen habe. Die zweite Assoziation, und ich habe keine Ahnung, wie mein Gehirn die aufrufen konnte, aber seitdem denke ich dauernd daran: ein Vormittag im Schwimmbad. Aber eben nicht in Gesellschaft in den Sommerferien mit Eis und Pommes. Sondern ein Herbsttag, vermutlich kurz vor der Schließung der Bäder fürs Jahr. Ich war, keine Ahnung, 12? 13? und ich war ganz alleine im Becken. Es regnete leicht, der Himmel war grau, und ich hatte das ganze herrliche Schwimmbecken mit seinen acht 50 Meter langen Bahnen für mich alleine. Ich weiß noch, dass mich das nervte, dass der Bademeister mir zuguckte, aber wo sollte er denn auch sonst hingucken, wenn außer mir niemand da war. Aber das ist nicht die Haupterinnerung: Die Haupterinnerung war: Ich habe das ganze – riesige – herrliche – Bad für mich alleine und nichts und niemand nervt und es ist sogar genau das Wetter, was ich mag.

Ich ahnte, je länger ich das Buch hörte, dass meine Definition von Spaß vielleicht eher mit Glück oder Zufriedenheit umschrieben werden könnte. Aber trotzdem hatte ich keine Lust mehr darauf, mir ständig sagen zu lassen, dass ich nur in Gesellschaft echt jetzt mal gut drauf sein könne.

Apropos alleine: Ich gehe auch nicht gerne in Fitnessstudios, sondern hüpfe lieber alleine in meinem Arbeitszimmer rum. Vor allem, weil mich als dicken Menschen dort niemand sieht.

What the Fitness Industry Doesn’t Understand

„For decades, exercise instruction for adults has functioned on largely the same principle. What the fitness industry calls a “beginner” is usually someone relatively young and capable who wants to become more conventionally attractive, get swole, or learn a trendy workout such as high-intensity interval training or barre. If you’re a novice looking for a path toward these more intense routines, most of the conventional gyms, fitness studios, and exercise experts that offer them don’t have much for you—come back when you’ve developed on your own the endurance and core strength to avoid barfing, crying, or injuring yourself in the first 10 minutes. The situation is even worse if you have no designs on getting ripped and instead just want to build a baseline of capability, whether that’s for hoisting your toddler, shaking off the stiffness of a desk job, or living independently as you age.

On the surface, this is pretty dumb. More than three-quarters of Americans don’t currently hit the CDC’s recommended minimums for regular exercise, and the fitness industry is a graveyard of once-buzzy businesses that abruptly stopped growing—much to their investors’ chagrin—at least in part because they never had a plan to turn anyone into a customer who wasn’t already pretty fit. But the numbers suggest that there is enormous demand for services such as Liu’s: His super-popular videos make him just one recent example of the teachers and trainers who have found significant audiences by courting true beginners. In doing so, they’ve created entry points for more types of people to do something near-universally regarded as essential to mental and physical health. Why has the industry itself been so slow to catch up?“

Ich erwähne mal wieder den Kurs, den ich bei Daily Burn jetzt zum vermutlich vierten Mal durcharbeite, unterbrochen von anderen Videos oder halt Spaziergängen: True Beginners. Weil dort ein freundlicher Trainer nett zu mir ist, mich relativ simple, aber in ihrem Gesamtpaket durchaus herausfordernde Übungen machen lässt, die ich auch mit meinem Körperumfang und meinen teilweise nicht mehr ganz funktionierenden Körperteilen machen kann. Und wenn ich was nicht kann, werde ich nicht angebrüllt.

„As it turns out, you can’t just teach millions of children that exercise is painful, humiliating, or a punishment for their failures and expect them to swan into adulthood with healthy, moderate beliefs about their bodies. Instead, they follow the lessons they’ve learned about themselves, and about exercise: Some people avoid ever entering a gym again and shy away from activities that might draw attention to their physical capabilities, such as hiking or dancing. […]

The responsibility for figuring out how to help more people find accessible introductions to exercise usually falls to the people who actually need these services in the first place, or to those who were clued into that need in intimate ways. Liu began making his instructional videos after his mom passed away in early 2020; he had spent the previous several years caring for her after a debilitating stroke. “I always think about, Would this be able to help her if she were still around?” he told me. “It never hurts to add an easier step.”“

Danke an das Team der Goldenen Blogger für die Zusendung meines kleinen Preises (Langstrecke). Am Abend der Verleihung war ich gerade in Wien. Aber das Plastikmännchen hat einen guten Platz auf dem Regal neben dem Promotionsbär und Det bekommen, und man sieht es prima in Zoomcalls mit mir.

Und ich habe jetzt endlich was, mit dem ich die Oscar-Dankesrede für das beste Original-Drehbuch üben kann, die ich seit 30 Jahren perfektioniere, was besser ist als eine Mundwasserflasche oder früher eine Haarspraydose.

Am Freitag führte mich F. mal wieder zum Essen aus. Wir waren zum vierten Mal bei Tohru Nakamura, der inzwischen in der Schreiberei kocht. Ich wollte nicht fotografieren, nur genießen. Das Brioche habe ich dann aber doch ablichten müssen, einfach weil die Perspektive von meinem Stuhl aus so perfekt war.

Der ganze Abend war perfekt, wie ich schon auf Insta zum selben Foto schrieb: All killer, no filler. Jeder Gang großartig, jeder Wein großartig, Service wie immer großartig, alles ganz großartig. Sehr beglückt nach Hause spaziert.

Und Samstag waren wir dann schon wieder unterwegs: Dieses Mal ging’s zu Grigory Sokolov, den ich noch nie live gehört hatte. Der Herkulessaal bleibt bei Konzerten eigentlich recht gut erleuchtet, auch das Publikum sitzt eher im Hellen. Hier nicht. Die einzigen Spots beleuchteten den Pianisten und seinen Steinway, der Rest saß im Dunkeln, und ich war hingerissen. Beim ersten Akkord kamen mir sehr unerwartet die Tränen. Es ist anscheinend immer noch nicht wieder normal, Livemusik zu hören.

Es gab Schumann und davor Beethoven und Brahms, mit denen ich besser klarkam. Aber damit nicht genug: F. meinte schon im Vorfeld, als er das letzte Mal Sokolov gehört hatte, lachte neben ihm ein Paar, ach, der Sokolov wieder mit seinen sechs Zugaben. Ich wartete daher gespannt darauf, wieviele es am Samstag wurden. Überraschung: Es wurden sechs. Und immerhin ein Stück erkannte ich, weil ich die CD habe.


Orecchiette mit Speck und Erbspüree.

Ich hatte schon öfter vegane Ersatzprodukte für Fleisch ausprobiert, Burger Patties, Hack, war aber alles eher doof. Von den fleischfreien Produkten der Rügenwalder Mühle hatte ich aber nur Gutes gehört, also dachte ich mir, letzter Versuch und dann esse ich einfach weiter Fleisch, verdammte Axt, aber hey: Das „Hähnchen“filet war wirklich gut! Geschmack, Mundgefühl – alles prima. Ich werde mich weiter durch die Produktpalette essen.


Das erste Filet hatte ich nur simpel angebraten, das hier bekam eine schöne Chilisauce.

Gaeng garee – Gelbes Curry nach „Hot Thai Kitchen“

Ein Rezept aus Pailin Chongchitnants herrlichem Buch „Hot Thai Kitchen“. Man kann ihr auf YouTube dabei zusehen, wie sie zuerst die Currypaste herstellt und danach das Curry kocht. Das untenstehende Rezept reicht für ein Curry für drei bis vier Leute. Oder man isst es allein an zwei Tagen hintereinander.

Für die gelbe Currypaste

1 1/2 TL Koriandersamen,
3/4 TL Kreuzkümmelsamen sowie
1/4 TL weiße Pfefferkörner rösten, bis sie duften. Etwas abkühlen lassen, dann in einer Gewürzmühle fein mahlen.

8–10 große getrocknete rote Chilis ebenfalls fein mahlen. Oder sie in Wasser einweichen und im Mörser fein zerstampfen; das dauert aber ewig und nervt. Mahlen ist super.

In einem großen Mörser
2 EL fein gehacktes Zitronengras,
1 EL fein gehacktes Galangal,
1 EL fein gehackten Ingwer mit
1 TL Salz zu einer feinen Paste zerstampfen.

2 TL Currypulver,
3/4 TL Kurkuma und die vorhin gemahlenen Gewürze untermischen. Ganz normales Currypulver aus dem Supermarkt.

1/4 Cup Schalotten sowie
2 EL fein gehackten Knoblauch dazugeben und zerstampfen.

Abschließend 1 TL Shrimp Paste (gapi) dazugeben und zerstampfen.

Wer einen Zerkleinerer nutzt: Die ganzen Rhizome, Schalotten und Knoblauch zerkleinern, dann die Gewürze, dann die Shrimp Paste dazugeben.

Jetzt geht’s ans eigentliche Kochen. In einem Topf oder einer tiefen Pfanne

3/4 Cup Kokosmilch bei mittlerer Hitze reduzieren, bis sie sehr dickflüssig ist und sich das Kokosöl sichtbar trennt. Falls ihr behandelte Kokosmilch erwischt habt, bei der genau diese Trennung verhindert wird – egal, einfach einkochen und ignorieren. Aber die split milk verleiht dem ganzen diesen schönen fettigen Glanz.

Wenn die Kokosmilch dick eingekocht ist, die Currypaste hinzugeben und für drei bis vier Minuten anschwitzen, dabei immer rühren, bis ihr eine schöne dickliche Masse habt.
1 weitere Cup Kokosmilch dazugeben.

Und nun könnt ihr reinwerfen, was ihr möchtet. Chongchitnant nutzt Huhn und Kartoffeln; ich habe stattdessen Tempeh in einer weiteren Pfanne angebraten, nur einen Berg Gemüse in der Currymischung gekocht und den Tempeh ganz zum Schluss untergehoben. Gewürzt wurde mit
2 EL Fischsauce,
1 1/2 EL Palmzucker.
Die 1 1/2 EL Tamarindenpaste habe ich vergessen. Hat auch so sehr gut geschmeckt.

Tagebuch KW 16 – Keine Reservierung, keine Klicks, keine Küche

Yay, endlich sind die Ostertage rum und ich kann wieder in Bibliotheken!

Am Dienstag saß ich im ZI, am Mittwoch wollte ich in die Stabi, wo bergeweise Zeitschriften für mich lagen, die im ZI leider nicht vollständig vorhanden waren. Ich setzte meine Maske auf, wusste, dass ich keinen Impfausweis mehr vorzeigen musste und wollte durchs Drehkreuz in den Allgemeinen Lesesaal, als der Kartenleser mir sagte: Is nich. Mir fiel ein: Ach ja, man muss ja einen Platz reservieren, damit nicht so viele Leute auf einmal reinkommen. Aber ich dachte, die Pandemie sei vorbei? Nun gut.

Ich lud die Reservierungs-App aufs Handy, schnappte mir einen Platz, ging erneut zum Kartenleser und dann erfolgreich in den Lesesaal. Die Abklebungen auf einzelnen Tischen waren weg, es standen wieder überall Stühle, man durfte sich anscheinend wieder ballen. Ich behielt die Maske lieber auf, aber damit war ich klar in der Minderheit.

Nach getaner Arbeit wollte ich in den Lesesaal Alte Handschriften, denn einige Materialien kommen eben nicht in den Allgemeinen Lesesaal, sondern in die kleineren Speziallesesäle, ich habe auch nach zehn Jahren nicht verstanden, wann wo was hinkommt; wenn mir das OPAC einen Lesesaal vorgibt, klicke ich den an und fertig. Das System wollte also, dass ich zu den Handschriften ging, wo ich natürlich auch keinen Platz reserviert hatte. Das ging mit der App auch nicht, mit der kann man nur den Allgemeinen Lesesaal reservieren. Ich war zu faul, meinen Laptop aufzuklappen und mir mit dem Handy einen Hotspot zu basteln, denn die Stabi hat seit ein paar Wochen aus mir nicht nachvollziehbaren Gründen kein eigenes WLAN mehr, sondern nur noch das Bayern-WLAN, was, warum auch immer, gefühlt irre langsam ist und einige meiner Websites nicht öffnen mag wegen irgendwelcher Protokolle, mir egal, gib mir Netz, wieso ist das so kompliziert? Ich stand also an der Pforte des Lesesaals, gab zu, keine Reservierung zu haben, die freundliche Pforte fragte hinten nach, ich durfte rein – wo ich aber sofort von einer Bibliothekarin angehalten wurde: „Das ist jetzt aber eine absolute Ausnahme!“ Ist klar, vielen Dank, sorry für die Umstände, bin in 20 Minuten wieder weg. „Was haben Sie denn genau bestellt?“ Äh. Keine Ahnung. Wenn ich Zeitschriftenberge ordere, weiß ich nie, wo was liegt, sondern räume einfach mein Regalfach leer und freue mich über alles. Ich so: „Das Bild vielleicht?“ „Ich gucke mal nach, ob’s schon da ist.“ Ich mache es kurz: Sie brauchte mein Passwort, um das zu überprüfen, ob hier überhaupt was für mich läge, obwohl das System mir ja gesagt hatte, dass dem so ist, egal, sie reichte mir ihr Keyboard an der sinnlosen Plastikscheibe vor ihrem Schreibtisch vorbei, ich tippte, sie nickte, das ganze dauerte zehn Minuten, dann durfte ich endlich in den Lesesaal – wo mir der freundliche Mitarbeiter sagte, dass hier nichts für mich läge, aber im Lesesaal Karten.

Ich zog also wieder von dannen, war dieses Mal aber geschlagen, bastelte mir im Zwischenfoyer einen Hotspot mit vernünftiger Geschwindigkeit, bat um einen Platz im Lesesaal Karten, wartete und daddelte am Handy, und zog sofort los, als die Bestätigungs-Mail wenige Minuten später da war. Im Lesesaal grinste die Bibliothekarin: „Sie sind bestimmt Frau Gröner? Reservierungsbestätigung von vor zwölf Sekunden?“ (Frau Doktor Gröner, bitte schön.)

Immerhin lohnte sich der ganze Kram; ich fand zwar nicht das, was ich für den kleinen Katalogbeitrag fürs Lenbachhaus gesucht hatte, aber stattdessen schönes Zeug zur Autobahn, das in mein langes Dokument „RAB alles“ kommt, von dem ich noch nicht weiß, was ich damit anfangen werde, aber irgendwas wird dabei schon rauskommen. Ich bin mit dem Thema auch nach der Diss gefühlt noch nicht durch, sondern habe gerade erst damit angefangen.


Jemand hat einer der schönen Grabskulpturen auf dem Alten Nordfriedhof Blumen in den Schoß gelegt und F. war netterweise vor Ort, um es zu fotografieren. Ich finde es wunderschön.

Why the past 10 years of American life have been uniquely stupid

Langer, lesenswerter Artikel im Atlantic – mit Quellenangaben. Autor Jonathan Haidt veröffentlichte zum Artikel ein Google Doc, in dem er alle Studien aufzählt, die er genutzt hat. Ebenso lesenswert.

„The high point of techno-democratic optimism was arguably 2011, a year that began with the Arab Spring and ended with the global Occupy movement. That is also when Google Translate became available on virtually all smartphones, so you could say that 2011 was the year that humanity rebuilt the Tower of Babel. We were closer than we had ever been to being “one people,” and we had effectively overcome the curse of division by language. For techno-democratic optimists, it seemed to be only the beginning of what humanity could do.

In February 2012, as he prepared to take Facebook public, Mark Zuckerberg reflected on those extraordinary times and set forth his plans. “Today, our society has reached another tipping point,” he wrote in a letter to investors. Facebook hoped “to rewire the way people spread and consume information.” By giving them “the power to share,” it would help them to “once again transform many of our core institutions and industries.”

In the 10 years since then, Zuckerberg did exactly what he said he would do. He did rewire the way we spread and consume information; he did transform our institutions, and he pushed us past the tipping point. It has not worked out as he expected. […]

Historically, civilizations have relied on shared blood, gods, and enemies to counteract the tendency to split apart as they grow. But what is it that holds together large and diverse secular democracies such as the United States and India, or, for that matter, modern Britain and France? Social scientists have identified at least three major forces that collectively bind together successful democracies: social capital (extensive social networks with high levels of trust), strong institutions, and shared stories. Social media has weakened all three.“

Ich bin mir nicht sicher, ob der Artikel zu schwarz sieht, aber er spricht einige bemerkenswerte Punkte an, die ich so gar nicht auf dem Schirm hatte. Die Multiplikationsfähigkeit durch den Retweet- oder Share-Button zum Beispiel, mit dem die Algorithmen nun gefüttert wurden.

„Before 2009, Facebook had given users a simple timeline––a never-ending stream of content generated by their friends and connections, with the newest posts at the top and the oldest ones at the bottom. This was often overwhelming in its volume, but it was an accurate reflection of what others were posting. That began to change in 2009, when Facebook offered users a way to publicly “like” posts with the click of a button. That same year, Twitter introduced something even more powerful: the “Retweet” button, which allowed users to publicly endorse a post while also sharing it with all of their followers. Facebook soon copied that innovation with its own “Share” button, which became available to smartphone users in 2012. “Like” and “Share” buttons quickly became standard features of most other platforms. […]

One of the engineers at Twitter who had worked on the “Retweet” button later revealed that he regretted his contribution because it had made Twitter a nastier place. As he watched Twitter mobs forming through the use of the new tool, he thought to himself, “We might have just handed a 4-year-old a loaded weapon.”“

Netterweise hat der Autor Tipps, wie man den Geist teilweise wieder in die Flasche bekommen könnte. Den hier fand ich sehr sinnvoll:

„The Facebook whistleblower Frances Haugen advocates for simple changes to the architecture of the platforms, rather than for massive and ultimately futile efforts to police all content. For example, she has suggested modifying the “Share” function on Facebook so that after any content has been shared twice, the third person in the chain must take the time to copy and paste the content into a new post. Reforms like this are not censorship; they are viewpoint-neutral and content-neutral, and they work equally well in all languages. They don’t stop anyone from saying anything; they just slow the spread of content that is, on average, less likely to be true.“

In Venedig hat die Biennale begonnen, wo Maria Eichhorn den deutschen Pavillon bespielt. Der Pavillon wurde im „Dritten Reich“ umgebaut und dem Stil des Neoklassizismus angepasst; Eichhorn hat nun Wandverkleidungen abschlagen lassen, um die Backsteinmauern dahinter freizulegen; Löcher im Fußboden zeigen die alten neben den neuen, also den in der NS-Zeit gegossenen, Fundamenten. Hier ein paar bewegte Bilder.

Ich kannte Eichhorn unter anderem von der letzten documenta, wo ich interessiert ihre Studien zu Rose Valland bzw. generell der Provenienzforschung betrachtet habe. Das NS-Thema ist also nichts neues für die Künstlerin. Eichhorn geht es nicht nur um das Freilegen der NS-Strukturen (ich lasse diese Doppeldeutigkeit mal stehen), sondern generell um die Idee, was mit Gebäuden bzw. den Platz, auf dem sie stehen, passiert, wenn man sie sich wegdenkt. Eine ihrer Ideen war es, den kompletten Pavillon zu relokalisieren, aber davon scheint sie Abstand genommen zu haben; der Plan ist noch im Katalog zur Arbeit beschrieben.

Auf Twitter kritisierte Kia Vahland den Pavillon in einem lesenswerten Thread. Sie kann die besondere Ästhetik der Arbeit Eichhorns schätzen, meint aber auch: „Ein totalitärer Staat bombt gerade eine europäische Demokratie in Ruinen, und die sind nicht formschön. Löcher im Boden sind in der Ukraine Massengräber. Tiefere Kellerebenen Luftschutzräume. Der 24. Februar war auch eine Zeitenwende der Bilder.“

Und weiter: „Der Eindruck nun ist fatal: Deutschland kreist mal wieder um sich selbst. Mag die Welt zusammenbrechen, wir dekorieren unsere alten, selbst verschuldeten Wunden.“

Dem kann ihre SZ-Kollegin Catrin Lorch etwas entgegensetzen:

„Vor allem internationale Besucher kritisierten während der ersten Tage, dass die deutsche Kunst den Blick nicht hebt, dass man an der NS-Geschichte klebe wie an einem Unique Selling Point. Diese Kritik übersieht, dass “Relocating a Structure” modellhaft gedacht ist, eine universal gültige Anleitung zum Umgang mit allen auf Ewigkeit angelegten Architekturen. Und die wird gerade dringend gebraucht in Zeiten, in denen aus Regierungen wieder Regime werden und im Krieg in der Ukraine der Bombast der Stalinzeit genauso zerbombt wird wie Wohnhäuser, Fabriken, sowjetische Moderne und brandneue Shoppingcenter. Was anfangen mit den Schichtungen, die von der Geschichte verlassen worden sind? Erst einmal wegdenken. “Relocating a Structure” zeigt, wie es geht. Und überlässt die Vollendung dem Publikum und der Politik. Maria Eichhorn legt nur das Werkzeug bereit.“

Ich fand es spannend, dass beide den Bezug zur Ukraine herstellen, aber zu unterschiedlichen Schlüssen kommen. Und genauso spannend fand ich den persönlichen Eindruck Vahlands, die bei freigelegten Backsteinmauern und Kellern sofort die oben genannten Assoziationen hat, während andere Besucher*innen vielleicht eher an schicke Lofts und genügend Raum für die Modelleisenbahn denken. Erneut wieder: Kunst ist persönlich. Man kann als Künstler*in eine gewisse Rezeption anstreben – und ich ahne, dass Eichhorn genau Vahlands Rezeption nicht geplant hatte –, aber man hat keinen Einfluss mehr darauf, wie ein Kunstwerk rezipiert wird, wenn es erst einmal in der Welt ist.

Ich halte den Vorwurf, ein über Monate geplantes Kunstwerk nun innerhalb von vier Wochen nicht irgendwie auf den aktuellen Kriegszustand umgemodelt zu haben, für etwas unfair. Man darf natürlich fragen, ob dieses Kunstwerk eben genau nur das ist, was Vahland anspricht – unzeitgemäße Nabelschau –, aber meiner Meinung nach ist diese Nabelschau auch in diesen Tagen wichtig und notwendig. Sie mag gerade an aktuellen Geschehnissen vorbeikonzipiert worden sein, aber sie ist nicht sinnlos oder unzeitgemäß. Gerade wenn man sich Quatschbauten wie das Berliner Stadtschloss anschaut, plädiere ich dringend für ein weiteres Nachdenken über den Umgang mit sogenannter belasteter Architektur. Ich persönlich hätte liebend gern dem Palast der Republik einen neuen Inhalt gegeben, so wie hier in München die Verwaltungsgebäude der NSDAP bewusst Kulturorgansationen zur Verfügung gestellt wurden (wie dem ZI). Ich finde die Frage, ob auch der vom NS-Regime umgebaute Pavillon eher eine Leerstelle werden oder ganz neu gebaut werden sollte, viel spannender als von Eichhorns Arbeit zu verlangen, doch bitte irgendwie jede Assoziation zum Ukrainekrieg zu vermeiden. Oder sie zu betonen.


Bibliotheks-Bibimbap. Völlig ausgehungert einfach ALLES auf den Teller werfen.


Avocado auf geröstetem Brot und eine Zimtschnecke.


Das beste Curry, was ich bisher produziert habe: Gaeng garee, gelbes Curry, natürlich nach Hot Thai Kitchen. In ihrem Rezept gibt es noch Huhn und Zeug, bei mir war es nur Gemüse. Der Glanz! Ich habe Muttergefühle für eine Mahlzeit.


Risotto mit Champignons und Steinpilzen.

Seit Montag läuft wieder die beste Kochshow der Welt, „Masterchef Australia“, ich schwelgte schon mehrfach und ausführlich darüber. Dies ist die dritte Staffel mit neuen Juror*innen (endlich immerhin eine Frau dabei), und seitdem ändert sich das Format dauernd. Alles, was ich im eben verlinkten Eintrag geschrieben habe, ist in Grundzügen noch da, aber das Gesamtkonzept verschiebt sich dauernd. So treten in diesem Jahr zwölf Laienköch*innen gegen zwölf Teilnehmende an, die schon mal bei Masterchef Kandidat*in waren und die Sendung teilweise sogar gewonnen haben; gleich drei Sieger*innen sind dabei. Eine davon ist, soweit ich das beurteilen kann, inzwischen fast eine Legende in Australien: Julie Goodwin war 2009 die erste Siegerin der Sendung und ist seitdem ein „household name“.

Seit Montag sind vier Folgen gelaufen, und ich möchte kurz über die letzte sprechen. Die Sendung zeigt nicht nur die Kandidatinnen beim Kochen, sondern unterbricht diese Szenen immer mit dem Talking-Head-Format, also Interviews nach der Sendung, wo die Befragten quasi von außen schildern, was man sieht. Von der ersten Folge an kamen Schnipsel zu Goodwin, die sich fragte, ob sie als, ich paraphrasiere, alte Schachtel mit ihren altmodischen Rezepten überhaupt noch mit diesen ganzen jungen Talenten mithalten könne. In der Donnerstag ausgestrahlten Sendung stand sie mit drei anderen in einem Wettkampf. Sie anderen überboten sich quasi mit Ideen, frittierten Pastateige, mixten Öle, dekorierten Teller. Und Goodwin? Machte eine klassische Paella. Sie gewann die Runde – und zeigte eher gerührte Verzweiflung als Freude, als das verkündet wurde.

Der Guardian hat netterweise ihre Story und ihre Sätze aufgeschrieben, die mich zugegebermaßen zu Tränen gerührt haben, wie übrigens auch einen Großteil der Kandidatinnen im Studio. Goodwin litt schon länger an Depressionen und ließ sich 2020 kurzzeitig einweisen: “I had to do some serious assessment of my mental health and wellbeing … I’d reached a point in my life where I lost my joy. I had to give up my job on the radio – I couldn’t do that anymore – and I actually couldn’t set foot in my kitchen.”

Als der Anruf von Masterchef kam, ob sie teilnehmen wolle, sei ihr erster Impuls gewesen, nein zu sagen. “It’s been a tough couple of years, and I didn’t know if I was able to come back into this environment. My experience last time was that I fell over again and again, and I think I got to the end because every time I fell down I got back up. The phone call to come here was … it was the universe saying ‘It’s time to get back up.’”

Die Sendung ging dann nicht mit der üblichen Vorschau auf die nächste Folge weiter, sondern es wurden Kontaktmöglichkeiten für Betroffene eingeblendet. Das Schlusswort gehörte wieder Goodwin als Talking Head in Richtung der Zuschauenden: “Everybody walks their own way through depression or anxiety. But if I had a message to give it would just be, just don’t give up.”

Wie Kochshows mich immer wieder überraschen können.

Tagebuch KW 15 – Über Kunst lesen, Kunst gucken und ein Bohnensalat

Ich setzte den herrlichen Wien-Urlaub in dieser Woche quasi fort, denn Montag ging ich ins ZI, das ja bekanntlich mein Bällebad ist und mich selbst zu Diss-Zeiten grundsätzlich entspannt hat. Hier fand ich Interessantes für einen zu schreibenden Katalogbeitrag und guckte mir beim Rausgehen die kleine Ausstellung im ersten Stock zu den Olympiaplakaten von 1972 an. Empfehle ich weiter, kostet auch nix.


Die Waldi-CI.

Am Donnerstag gingen F. und ich ins Kunstfoyer und schauten dort eine weitere Ausstellung: Ragnar Axelsson. Where the world is melting. Viele eindrucksvolle Fotos von Gletschern, die bald nicht mehr da sein werden, schneebestäubten Schlittenhunden und karger Fauna im ewigen Eis. Toll. Und ebenfalls kostenlos.

Im Kunstfoyer muss man keinen Impfausweis mehr vorzeigen, es wird aber auf dem Tragen einer FFP2-Maske bestanden. Das ZI bittet immerhin darum, und soweit ich das sehen konnte, machen das auch alle.

Ich musste leider am Samstag nochmal zu Lebensmitteleinkäufen aufbrechen, aber das war okay. Ich verband den Gang zum Biosupermarkt mit einem Spaziergang zum Asiashop, wo ich nur Koriander kaufen wollte, aber dann doch noch thailändischen roten Reis mitnahm und einen philippinischen Kalamansi-Drink. Auf dem Rückweg kam ich an der Agnesstraße vorbei, wo gerade ganz herrlich die Kirschbäume blühen. Ich blieb ein paar Minuten stehen und guckte einfach. Fotografierte nicht, twitterte nicht, guckte nur. Das war schön.

Gestern wachte ich viel zu zeitig auf, als das man es „Ausschlafen“ hätte nennen können, aber nun war ich halt wach – und hatte Lust auf einen Spaziergang. Ich guckte, wie ich mit den Öffis am besten nach Nymphenburg käme und erwartete feiertägliche 20-Minuten-Takte, aber nein.

So ließ ich mich von U-Bahn und Tram zum Schlosspark schaukeln, gab den anderen mit mir ausgestiegenen Fahrgästen ein bisschen Vorsprung, um meine Ruhe zu haben und klickte mein Hörbuch an, mit dem ich eigentlich durch den Park gehen wollte. Dort war ich allerdings unerwartet schon fast am Ende angekommen; zwei Minuten, nachdem ich durch das Eingangstor gegangen war, war das Buch zuende. Ich öffnete ein weiteres, ging los – und stellte nach dem Abbiegen von der großen Zentralachse in die waldigen Seitengebiete fest, dass ich viel lieber den Vögeln, den ganzen Bächen und Kanalzuflüssen und meinen eigenen Füßen lauschen wollte. Da hatte das halbwegs frühe Ankommen doch etwas Gutes; ich war nicht unbedingt alleine unterwegs, aber doch so, dass ich sehr selten vor oder hinter mir Leute hatte.

Ich bestaunte die Gänse und Enten, genoss den Blick auf den kleinen Monopteros, setzte mich auf eine Bank und guckte stumm aufs Wasser und ging schließlich nach über einer Stunde wieder zum Schloss zurück. Das war auch schön.

Als spätes Frühstück gab es Kathas lauwarmen Bohnensalat, an den mich der Blogeintrag der Kaltmamsell gestern erinnerte und für den ich immer (fast) alles im Haus habe. Okay, keine Apfelsüße; ich habe Apfelessigbalsam, das ich mit Wasser verdünne und zu dem ich einen Teelöffel braunen Zucker gebe. Ansonsten gab es gestern weiße Bohnen, Thunfisch, Bataviasalat, Radicchio, Paprika, Mohrrüben, eine winzige rote Zwiebel, Walnüsse und Weintrauben. Gerade sind noch Schnittlauch und Petersilie im Haus und hätte ich eine Orange gehabt, wäre alles perfekt gewesen. So war es fast perfekt.


Die Real-Life-Ansicht, nicht das Insta-Foto. Ikea-Schüsselchen auf dem Sofa, so gehört sich das bei mir. Von diesen Schüsseln habe ich vier und ich hätte zehn kaufen sollen, die benutze ich für alles und nenne sie bei Koch-Großprojekten „prep bowls“, yeah.

Ein neuer Mythos Westen

Interessiert gelesen: dass der sogenannte Westen für viele im sogenannten Osten ein eigentlich unbekannter Sehnsuchtsort war. Der Autor Stefan Kolev twitterte den Link dankenswerterweise, ist sonst hinter der Paywall.

„Diese Sehnsucht nach „dem Westen“ erinnert an den Geist in den Transformationsländern der frühen 1990er-Jahre. In den mittel- und osteuropäischen Ländern gab es eine ähnlich kategorische Ablehnung der alten sowjetischen Ordnung, gepaart mit dem Wunsch, sich als Land auf die Reise nach Westen zu begeben. Was die heutigen Ukrainer mit den Bürgern der damaligen Transformationsländer vereint, ist, dass dieses Streben oft nicht auf eigener Kenntnis des „real existierenden“ Westens basiert, sondern auf Erzählungen und Bildern vom Westen, aus dem Fernsehen oder aus nacherzählten Erfahrungen. Am Anfang des langen Weges nach Westen steht damit der Mythos von einer besseren Welt, die man selbst kaum kennt. […]

Es gab kaum belastbare Erkenntnisse über die Empirie im Westen: Man wusste nicht genau, wie wohlhabend die alte Bundesrepublik war oder wie schnell man aufholen würde. Ebenso wenig hatte man Erkenntnisse über die konstitutiven Institutionen des Westens: Wie genau Demokratie, Marktwirtschaft und Rechtsstaat funktionieren, war unklar, darüber hatte man nur Erzählungen aus der Vorkriegsgeneration sowie die Verkörperung dieser Ordnungen in Persönlichkeiten wie Reagan, Thatcher und Kohl. Die Erzählungen über die Empirie, die vagen begrifflichen Bausteine und die personifiziert wahrgenommenen Ordnungen verwob man kollektiv zum Mythos Westen.

Die Einsicht, dass Mythen in der sozialen Realität ebenso wichtig sein können wie wissenschaftliche Erkenntnis, ist gerade für Ökonomen konterintuitiv, da ja die Ökonomie wie keine andere Sozialwissenschaft die Rationalisierung der Welt untersucht. Aber die Wertschätzung für ein Denken in verschiedenen symbolischen Formen kann den Ökonomendiskurs bereichern. Der Schlüssel liegt beim Begriff „Symbolpolitik“. Symbolpolitik wird aktuell im Diskurs als Gegensatz zu einer evidenzbasierten, in Zweck-Mittel-Relationen denkenden Wirtschaftspolitik verstanden und damit disqualifiziert. Und doch könnte eine wohlverstandene Symbolpolitik so­wohl bei der Bewältigung des Krieges als auch in der Gestaltung der Nachkriegsordnung eine Schlüsselrolle als Ordnungsprinzip spielen.“

Ist das Kunst oder kann ich das haben? – Über Wolfgang Ullrichs „Die Kunst nach dem Ende ihrer Autonomie“

Christina Dongowski rezensiert Ullrichs neues Buch sehr wohlwollend und beschreibt gleichzeitig, was mein cooles Fach eigentlich so macht. Gerne gelesen.

„Ungefähr seit der Mitte des 19. Jahrhunderts löst dann in immer kürzeren Abständen eine Kunstrevolution die nächste ab: Die Impressionisten gegen die Salonmaler und Realisten, die Post-Impressionisten und Symbolisten gegen die Impressionisten, die Fauves gegen die Symbolisten und Impressionisten, die Kubisten gegen alle anderen, Dadaist*innen und Surrealist*innen gegen Abstraktion. Neue Sachlichkeit gegen Abstraktion, Abstract Expressionism gegen Sachlichkeit und American Realism, Pop Art gegen Abstract Expressionism etc. Immer andere, immer neue künstlerische Techniken und Mittel so zu benutzen, dass selbst aufgeschlossenes bürgerliches Publikum und wohlwollende Kritiker ratlos bis empört davor stehen und sich fragen, ob das tatsächlich noch Kunst sei, wurde zum künstlerischen Imperativ. Zumindest, wenn man sich programmatisch als moderner Künstler verstand.

Die Postmoderne hat daran im Grunde wenig geändert: Als eine letzte große Geste des Sich-neu-erfindens und des Abgrenzens von dem, was Kunst vorher war, verwirft man nun die Ernsthaftigkeit und das quasi geschichtliche Sendungsbewusstsein der Moderne. Schließlich ist alles irgendwie schon mal da gewesen. Was als künstlerische Geste übrig bleibt, sind spielerisch oder zynisch ironische Remakes bereits kanonisierter künstlerischer Positionen: Dann malt man eben die großen Meisterwerke der Moderne kaum modifiziert noch einmal oder exerziert leicht erkennbare Stile der Moderne durch, baut mit Baumarkt- und Bastelmaterial Suprematismus, Konstruktivismus und Minimalismus nach oder lässt Nippes-Figuren als monumentale Statuen aus Stahl oder Industriekeramik fertigen.

Aus der Autonomie des Kunstwerks und der Befreiung der Künstler*innen von ästhetischen, inhaltlichen, sozialen und erzieherischen Ansprüchen von Außen wird eine Pose. Aus Schellings Kunstwerk als höchste Form intellektualer Anschauung, in der man der Unendlichkeit des Geistes gewahr wird, ist ein Spektakel der Beliebig- und Belanglosigkeit geworden. Alle intrinsischen oder normativen Kriterien, um Kunst von Nicht-Kunst zu unterscheiden, haben sich aufgelöst: Alles ist Kunst, nichts ist Kunst. Was als Kunstwerk zählt und was doch „nur“ ein teures Design-Objekt ist oder ineinander gestapelter Müll, liegt nun in der Entscheidungsbefugnis von Gatekeeper-Institutionen wie Museen, Kunsthallen, Galerien, Biennalen, Auktionshäusern oder finanzstarken Privatsammler*innen. Der Status, ein Kunstwerk zu sein, ist etwas geworden, das Objekten von Außen zugeschrieben wird – eine Heteronomie.“


Ich hatte mir in der Biokiste eine Kräutermischung für Grüne Sauce bestellt, die aber anscheinend nicht über die heiligen sieben Kräuter verfügte. Hat trotzdem geschmeckt. (Rechts im Bild die Ikea-Schüssel.)


Linsen und Spätzle und Wienerle nach Tohru Nakamura. Der Mann kann auch Linsen, war ja klar. Die Spätzle kamen bei mir schnöderweise aus der Tüte, wir wollen es ja nicht übertreiben.


Mal wieder Cong You Bing, dieses Mal mit Bärlauch, der auch in der Biokiste lag.


Bananenbällchen aus Immer wieder vegan, bei mir mit Mandel- statt mit Reismehl, weil das halt da war. Großartiges Zeug. Ratet, in welcher Schüssel ich den Teig angerührt habe.