1000 Fragen, 241 bis 260

(Ich paraphrasiere Christian: „Die Fragen stammen ursprünglich aus dem Flow-Magazin, Johanna von pink-e-pank.de hat daraus eine persönliche Blog-Challenge gemacht, und Beyhan von my-herzblut.com hat das PDF erstellt.“)

241. Fühlst du dich im Leben zu etwas berufen?

Nein. Ich arbeite daran, zufrieden und ein halbwegs netter Mensch zu sein, das muss reichen.

242. Bist du nach etwas süchtig?

Ich empfände mein Leben als ärmer ohne Schokolade, Mittagsschläfchen und Internet, aber wenn der Weltfrieden davon abhängt, könnte ich auf die drei Dinge verzichten.

243. Wessen Tod hat dich am meisten berührt?

Karls.

244. Wie würde der Titel deiner Autobiografie lauten?

„Was weg ist, ist weg.“

245. In welchem Maße entsprichst du bereits der Person, die du sein möchtest?

Ich finde mich ziemlich okay. Ja, ich wäre gerne schlauer und begabter, aber das kann ich mir halt nicht antrainieren. Ich kann aber versuchen, gebildeter und nachsichtiger zu werden.

246. Wann muss man eine Beziehung beenden?

Man muss gar nichts. Und ich muss auch nichts. Ich habe bisher Beziehungen beendet – immer im gegenseitigen Einvernehmen –, wenn aus Liebe Freundschaft geworden war. Auch nicht das Schlechteste, möchte ich erwähnen.

247. Wie wichtig ist dir deine Arbeit?

Kommt drauf an. Wenn sie nur dazu da ist, die Miete zu bezahlen, erledige ich sie gewissenhaft und innerhalb der Deadline. Wenn ich bei ihr etwas lerne, erledige ich sie begeistert und viel zu gründlich. *erinnert sich an die ausufernden Literaturverzeichnisse in den universitären Hausarbeiten und guckt auf ihre acht Millionen Zubereitungsarbeiten für Kaffee (ja, das begann als Job)*

248. Was würdest du gern gut beherrschen?

Auf Zehenspitzen stehen. Das kann mein rechter Fuß ja leider nicht mehr.

249. Glaubst du, dass Geld glücklich macht?

Es beruhigt zumindest sehr.

250. Würdest du dich heute wieder für deinen Partner entscheiden?

Prima Partner, gerne wieder.

251. In welcher Sportart bist du deiner Meinung nach gut?

Ich kann gehen, schwimmen und radfahren. Ganz klar Triathlon.

252. Heuchelst du häufig Interesse?

Häufig? Hm. Ich heuchele Interesse, wenn mir an den Menschen etwas liegt, die mich gerade langweilen. Bei allen anderen reicht die Geduld für fünf Minuten Smalltalk und dann beende ich das (Griff zum Buch, Griff zu den Kopfhörern, „Ich hol mir mal was zu trinken“, „Ich muss hier aussteigen“).

253. Kannst du gut Geschichten erzählen?

Ich behaupte ja. Reicht aber nicht für ein Buch, nur für Unterhaltungen im Biergarten. Passt schon.

254. Wem gönnst du nur das Allerbeste?

Mir. Meiner Familie. Allen, die ich mag, schätze, liebe, verehre. Aber eigentlich wäre es nett, wenn es allen Menschen gut gehen könnte. Warum geht das eigentlich nicht?

255. Was hast du zu deinem eigenen Bedauern verpasst?

Die Europapokalspiele vom FC Augsburg, weil mir damals der FC Augsburg noch egal war.

256. Kannst du dich gut ablenken?

Von allem, immer. Außer von Zahnschmerzen.

257. In welcher Kleidung fühlst du dich am wohlsten?

Jeans, T-Shirt, Sneakers, Hoodie. Zuhause Leggings, barfuß, kein BH.

258. Wovon hast du geglaubt, dass es dir nie passieren würde?

Einen Uni-Abschluss zu haben.

259. Würdest du gern zum anderen Geschlecht gehören?

Nicht ständig. Aber mal gucken, wie das so ist, von Telekomtechnikern und Automechanikern automatisch als kompetent wahrgenommen zu werden und Jacken mit 80 Taschen zu haben, würd ich schon gerne mal. Nein, die Faszination des Im-Stehen-pinkeln-könnens hat sich bei mir mit fortschreitendem Alter erledigt. Auf Zugklos kommt sie manchmal wieder. (Bitte sagt mir, dass sich alle Männer im Zugklo hinsetzen, BITTE!)

260. Wer nervt dich gelegentlich?

Ich mich selbst, wenn ich mich in meinen eigenen Gedankengängen verzettele oder Probleme sehe, wo keine sind. Alle, die in der U-Bahn nicht bis in die Mitte durchgehen. Leute, denen an der Supermarktkasse erst nach dem Verstauen der Einkäufe einfällt, dass sie eventuell bezahlen müssen. Laute Menschen mit einem Musikgeschmack, der mit meinem nicht kompatibel ist. Rauchende Menschen, die neben mir sitzen, selbst wenn sie nicht rauchen. Dinge, die nicht funktionieren, wenn ich davon ausgehe, dass sie es gefälligst immer tun (Rolltreppen, mein Drucker, W-LAN).

Tagebuch Samstag/Sonntag, 8./9. Juni 2019 – Pfingstbalkon

Viel Fußball der Frauen-WM geguckt. Hat Spaß gemacht, den Damen zuzusehen. Bisheriges Lieblingsspiel: Australien gegen Italien, bei denen mir anfangs egal war, wer gewinnt. Irgendwann schlug ich mich auf die Seite der biestigen Italienerinnen, die tollerweise in der 95. Minute noch den Siegtreffer erzielten.

Samstag abend das gemacht, von dem mir immer alle erzählt haben, dass es so toll sei: mit einem Buch und einem Glas Wein auf dem Balkon gesessen. Ich ahne, dass spätestens nächstes Jahr hier ein Lounge Chair stehen wird, denn auf meinem rausgetragenen Küchenstühlchen kam ich mir etwas seltsam vor. Aber auch so habe ich es etwas überrascht durchaus genossen, draußen rumzusitzen (natürlich erst, als die Sonne weg war), über das Geländer in den begrünten Hinterhof zu gucken und irgendwann die Lichterkette anzuknipsen. Irritierenderweise hatte ich total Lust auf eine Zigarette, aber glücklicherweise keine in der Nähe.

Den ganzen Samstag über habe ich am Küchenfenster gestanden und von dort auf meine Balkonblumen geschaut. Das war so schön! Hätte ich nicht gedacht, wie glücklich ein paar Farbflecke so machen können. Ich bemühe mich noch, sie nicht alle fünf Minuten zu gießen, und flüstere deutlich zu oft „please don’t die, please don’t die“, aber sie sehen ganz zufrieden aus, sofern Pflanzen zufrieden aussehen können.

Samstag und Sonntag abend waren Rammstein im Olympiastadion. Ich hatte das natürlich erst mitgekriegt, als es längst ausverkauft war. F. hatte mehr Glück und bekam spontan eine Karte. Er und weitere posteten Bilder der Pyroshow aus dem Stadion, während ich seit vorgestern über einen Tweet gackere, der das Stadion dabei von außen zeigt.

Sonntag morgen saß ich dann SCHON WIEDER AUF DEM BALKON! Irgendwas ist mit mir passiert, als ich 50 geworden bin, glaube ich. Ich saß da total instamäßig mit schickem Flat White und frischgepresstem Orangensaft (ernsthaft!), knipste aber stattdessen meine Blümchen. Ich gebe mir noch eine Woche, und dann werden die restlichen Geländermeter mit noch zwei Kästen vollgeballert.

Nach dem Frühstück und ein bisschen Zeitungslektüre dachte ich, und ich konnte das selbst kaum glauben, ach, das ist ja gerade ganz nett, so draußen. Hey, setz dich doch auf dein Fahrrad und fahr irgendwo hin, wo man ein bisschen spazierengehen kann. Und ehe ich mir das selbst wieder ausreden konnte, war ich zum Alten Südfriedhof geradelt, las Grabsteine, instagrammte und spazierte in der Gegend herum. BEI SONNENSCHEIN!


Ich mag das Motiv der abgebrochenen Säule (also die sich nicht fortsetzende Lebenslinie) sehr gern.


Mal wieder dem Grandmaster of Munich Hallo gesagt. Wie ich schon auf Instagram schrieb: Wenn man sich ein bisschen mit der Stadtgeschichte Münchens beschäftigt, was nicht ausbleibt, wenn man hier ein historisches Fach studiert, ist der Alte Südfriedhof ein einziges Namedropping.

Ich lernte aber auch Menschen kennen, die ich vorher nicht kannte: Konrad Maurer zum Beispiel.

Oder Frau Seiler, von der ich einfach mal vermute, dass sie viele Kinder zu Grabe tragen musste und dann nach der Geburt des letzten mit gerade mal 32 selbst verstarb. Während der Herr Malzfabrikant neu heiratete und selbst seine zweite Frau überlebte und ich reg mich hier gerade 100 Jahre zu spät auf.



Ich kann kein Griechisch, aber hat der Stein irgendwas mit der bayerisch-griechischen Geschichte zu tun?

(Edit: Richtig geraten, danke, @Annealenaplurabelle auf Instagram: „Der Stein mit der griechischen Inschrift ist das Grab von Ilias Mavromichalis, Neffe des Petrobey, begleitete den König (Otto I) nach München und starb dort an Cholera. Laut Wikipedia gibt es sogar ein Grablied. / Ich zitiere:
„Da liegt er nun, der große Held,
Alt sechs und dreissig Jahre,
Und eine schwere Thräne fällt
Auf seine Todtenbahre
Von König Ottos Aug herab,
Das unterm Thränenflor sich ab
Von seinem Liebling wendet.“ (Klar auch, dass es für Therese Seiler kein Grablied gibt.)“

Nachmittags Fußball, abends dann mit F. auf dem Balkon … ähem. Caesar Salad mit Hähnchen, Knoblauchbaguette und ein äußerst unspektakulärer Riesling.

Tagebuch Freitag, 7. Juni 2019 – Blümchenkaufen

Meine Kontakterin meinte Anfang der Woche launig, jetzt sollte der Kunde den Text aber wirklich freigeben, an dem wir seit geschlagenen acht Wochen rumhühnern, am Freitag kannste bestimmt endlich ne Rechnung schreiben. Ich läutete daher die Pfingstferien einen Tag früher ein, nahm mir nichts vor und stellte mir keinen Wecker. Ich wurde trotzdem recht früh wach, lüftete, bezog das Bett neu, verdunkelte dann die Wohnung und schloss alle Fenster, damit die herrliche Morgenkühle möglichst lange erhalten blieb. Dann bloggte ich, frühstückte, las Zeitung und finalisierte schließlich meinen Einkaufszettel, denn F. hatte sich für nachmittags das Auto seines Mütterchens geliehen, damit wir gemeinsam zu einem Gartencenter fahren konnten.

Eigentlich hatte ich seit Monaten Bücher und Blogs gelesen, um bei meiner ersten Balkonbepflanzung auch ja alles richtig zu machen, aber dann kam Väterchens OP (er ist noch in der Reha), eine Menge Orgakram und Zeug, und daher versäumte ich den kompletten Mai, der, soweit ich weiß, der beste Monat ist, um Blümchen ins Freie zu bringen. Aber hey, Anfang Juni sollte ja auch gehen. Ich wälzte weiterhin Bücher und Blogs, merkte mir seltsame Pflanzennamen, um brav nur Dinge zu kaufen, die damit zurechtkommen, den ganzen Tag in der Sonne zu stehen, lernte Worte wie „Drainage“ und „Wurzelfäule“, machte mir natürlich – natürlich – eine lange Liste und fuhr moralisch gerüstet und top informiert mit U-Bahn und Bus ins Gartencenter.

Kleiner Schlenker: Ich wohne recht nah an einer U-Bahn- und einer Bushaltestelle. Die eine U-Bahn, auf die man tagsüber höchstens fünf Minuten wartet, brachte mich in fünf Minuten zu einem der Münchner Knotenpunkte, dort musste ich nur eine Treppe hochgehen, um zur nächsten U-Bahn zu kommen, auf die man tagsüber höchstens drei Minuten wartet. Die hatte sogar zur Feierabendzeit einen Sitzplatz für mich und war klimatisiert; die erste nicht, aber damit rechne ich auf der Strecke auch nicht – vielleicht aber mit ein paar Leuten, die bei 28 Grad mal die Fenster öffnen. Ich fuhr 17 Minuten ans gefühlte Ende der Stadt (München ist SO WINZIG!), wo ich zwei Treppen hochmusste, um zum Bus zu kommen, der direkt an der Station auf mich wartete. Weitere drei Minuten später war ich an der Endhaltestelle, von wo ich noch ungefähr 150 Meter bis zu meinem Ziel gehen musste. Öffis sind super, und ich bin im Dostojewski wieder 40 Seiten weiter.

F. war schon da, aber noch nebenan im Baumarkt – ist das eigentlich ein Gesetz, das neben Gartencentern auch immer ein Baumarkt ist? –, weswegen ich schon mal alleine todesmutig in eine für mich neue Umgebung ging und guckte. (Mir fallen die drei Satzzeichen hintereinander im vorherigen Satz durchaus auf, aber ich lasse die jetzt mal so stehen, ich Danger Seeker.)

Vorne rechts waren lustige Gartengeräte, bergeweise Rasendünger, dann kam Bekleidung (also Handschuhe und Fußschuhe), links war der ganze Tierbereich, bei dem meine Nase immer sofort zuckt und wegwill. Ich schob mein Wägelchen in Richtung Blumenpracht – und war dann natürlich total überfordert. So viel herrliches Zeug! Aber erstmal die Basics: Balkonkästen in der richtigen Farbe und Größe. Befestigung dafür. Eine Gießkanne, die ich auch gefüllt noch heben kann (in der richtigen Farbe). Ein Schäufelchen für Erde und Blähton (noch so ein neues Wort). Erde und Blähton. Inzwischen war auch F. da, dessen Wagen mit dem schweren Zeug bestückt wurde, der Gentleman. Und nachdem alles andere gefunden war, stand ich erneut zwischen 1000 Blumen und wusste gar nichts mehr.

Meine Einkaufsliste war zwar hilfreich, aber im Prinzip auch egal. Ich richtete mich also nach „Da hinten steht eine Blume, die so aussieht wie eine, die ich mir online ausgesucht hatte“, prüfte am Schild, ob ich recht hatte, suchte nach der richtigen Farbe und packte meinen Wagen voll. Ich wollte eigentlich Blumen in Blautönen und Weiß mit ein oder zwei pinkfarbenen Akzenten. Jetzt ist es mehr Pink und Weiß mit einem Hauch Blau geworden, aber das ist auch okay. Als ich eigentlich schon fertig war, sah ich einen Berg Dahlien, bei dem ich sofort zugreifen musste. Eine meiner stärksten Erinnerungen an meine Oma ist ihr riesiger Gemüsegarten und die wenigen Blumeninseln dazwischen oder am Rand davon. Vor ihrem Haus standen immer Dahlien, in allen Farben und Größen. Ich behaupte, das ist der erste Blumenname, den ich mir in meinem Leben gemerkt habe (waren vermutlich eher Pusteblumen), und daher musste ich eine Dahlie kaufen. Zuhause stellte ich natürlich fest, dass sie viel zu groß für den Blumenkasten war, weswegen mein wohlkalkuliertes Pflanzkonzept nach Größe und Farbe von Vornherein keine Chance hatte. Jetzt habe ich eine einzelne Dahlie, für die ich wohl noch einen größeren Topf kaufen muss. Schlimm!

Zuhause sah dann nach dem Hochschleppen alles erstmal so aus:

F. machte sich wieder auf den Weg, ich zog meine Umzugs- und Malarbeiten-Klamotten an und begann mit der Arbeit. Die Befestigungen erwiesen sich als selbsterklärend, die Kästen passten hervorragend, ich konnte sogar den 60-Liter-Sack Erde von einem Ende des Balkons ans andere bewegen, ohne mir was wehzutun. Ich schaufelte Blähton in die Kästen, Erde darauf, puschelte ein bisschen Erde von den Wurzeln der Blumen und Kräuter ab, setzte sie ein, schichtete Erde um sie – erst mit der Schaufel, irgendwann mit den Händen, ging schneller und besser und ich saute den mit Zeitung ausgelegten Balkon nicht ganz so sehr ein –, und nach zwei Stunden sah die eine Balkonecke dann so aus:

Die Kräuter habe ich nicht fotografiert, Kräuter halt. Bei denen habe ich eigentlich noch mehr Angst, dass sie vor meinen Augen dahinsiechen, weil ich bis jetzt noch jeden Basilikumtopf auf dem Küchenfensterbrett kaputtgekriegt habe. Bei den Blumen habe ich etwas mehr Hoffnung. In Hamburg hatte ich mal eine Wohnung mit Terrasse, auf der irgendwann ein paar Topfpflanzen standen. Die hatte ich damals einfach gekauft, ohne vorher wochenlang Blogs und Bücher zu lesen, und die gediehen lustig vor sich hin, bis ich umzog in eine Wohnung ohne Terrasse und ich sie einfach stehenließ.

Ich war den ganzen Tag sehr zufrieden, freute mich über diverse Dinge wie frisch bezogene Betten, funktionierende Öffis, eine staufreie Autofahrt mit F., die Blümchen, die ich jetzt vom Schreibtisch aus immer sehen kann und die mir ausnehmend gut gefallen.

Dann öffnete ich abends dummerweise meinen Rechner, um das Eröffnungsspiel der Frauen-Fußball-WM zu schauen und sah eine Mail der Kontakterin sowie eine Sprachnachricht auf dem Handy, lernte, dass der Kunde mal wieder neue Ideen für den Text hatte, überflog das Dokument und schüttelte zum wiederholten Male den Kopf. Einen derartig seltsamen Job habe ich noch nie gehabt: Der Kunde hat eigentlich ein gutes Produkt, das man auch prima erklären kann, aber er ist sich selbst nie sicher, ob wir jetzt wirklich die Top-Eigenschaft desselben herausgestellt haben, weswegen er uns seit Wochen mit neuen Top-Eigenschaften beglückt und alte, schon eingebriefte und getextete, plötzlich unwichtig findet. Zudem korrigiert nicht ein Mensch die Texte, sondern anscheinend wird da basisdemokratisch über jedes Adjektiv abgestimmt, weswegen wir gerne fünf Korrekturwünsche für einen Satz im Dokument haben, die sich widersprechen oder als Frage formuliert sind. Meine Kontakterin und ich steuern so gut dagegen, wie es geht, aber inzwischen ist der Text nur noch eine reine Bullshit-Bingo-Wortwüste aus viel zu langen Sätzen, die, man weiß ja nie, sich auch dauernd wiederholen. Das möchte niemand mehr lesen. Schade, hätte schön werden können.

Diese Mail hieß aber auch: Wir drehen noch eine komplett sinnlose Runde von jetzt ingesamt gefühlt zehn sinnlosen Runden, und ich kann noch keine Rechnung stellen.

Ich seufzte tief, duschte vor dem Fußballspiel, das war dann immerhin halbwegs guckbar, beschaute mir zum Tagesabschluss nochmal meinen bunten Balkon, den ich auch aus dem Küchenfenster sehen kann, und ging frisch geduscht in ein frisch bezogenes Bett. Das rette den Tag dann doch noch.

Ein Hinweis für die Leser*innen der Süddeutschen Zeitung:

Der Blogeintrag über Frau Hingst, den Sie gerade suchen, steht hier.

Tagebuch Donnerstag, 6. Juni 2019 – Puddle or Floor

Morgens alleine vor dem Wecker aufgewacht, entspannt wach geworden. Aufgestanden, erst die schwere Schlafzimmergardine weggeschoben, dann die Außenjalousie hochgezogen, einen Fensterflügel weit geöffnet. Ins danebenliegende Arbeitszimmer gegangen und die Außenjalousie hochgefahren – die einzige in der Wohnung mit Elektrik. Zuerst habe ich ewig darüber genölt, weil’s länger dauert als sie händisch zu bedienen, aber inzwischen stehe ich ganz gern wie eine kleine Königin vor meinen Balkonfenstern und sehe zu, wie das Licht im Zimmer stufenlos und ohne mein Zutun immer mehr wird. Dann die leichte, weiße, fast transparente Flattergardine weggezogen und die Balkontür geöffnet. Der Durchzug sorgt sofort dafür, dass die Gardine etwas angehoben wird und sich leicht im Wind bewegt.

Genau für diesen Effekt habe ich die billigen Ikea-Gardinen seit knapp 20 Jahren von Wohnung zu Wohnung getragen. In Hannover hingen sie in meinem Schlafzimmer, wo es einen winzigen Balkon gab, auf dem ich nie gesessen habe. Aber ich mochte es so gern, die Tür zu öffnen und den Gardinen beim Wehen und Wölben und Flattern zuzuschauen. In keiner meiner Hamburger Wohnungen hatten sie so recht Platz, aber sie waren klein und konnten sich in jeder Kiste zusammenrollen, so dass ich sie nie aussortiert habe. Und seit September hängen sie hier, und jetzt, wo es warm genug es, nicht nur stoßzulüften, um Sauerstoff in die Wohnung zu kriegen, sondern die Fenster länger aufzulassen und den wenigen Hinterhofgeräuschen zu lauschen, genieße ich es so sehr, wieder meinen alten Gardine zuzuschauen.

Nebenbei habe ich bei Queer Eye die richtige Gardinenlänge gelernt, die ich instinktiv meist beachtet habe: Sie sollten, laut Bobby, und dem Mann glaube ich ja alles, entweder kiss the floor or fall in a puddle. Meine Schlafzimmergardinen küssen den Fußboden, die Flattergardine fällt wie ein Wasserfall. (Klingt besser als Pfütze.)

Den restlichen Tag mit der Diss verbracht.

Dazu musste ich erstmal in den Lesesaal der Uni-Bibliothek, wo ein Berliner Ausstellungskatalog per Fernleihe auf mich wartete, der unglaublicherweise nicht im ZI steht.

(Dass mein Bällebad inzwischen auf Instagram ist, habe ich zwar in den sozialen Netzwerken kundgetan, aber hier noch nicht. Jetzt aber! Hier der Lesesaal. Swoon!)

Ich arbeitete den Katalog durch und gab ihn wieder zurück. Danke, Uni-Bibliothek Regensburg, Küsschen!

Danach ging’s in die Stabi, wo ich mir ein zweites Mal einen Katalog aus Breslau hatte zurücklegen lassen. Am Anfang meiner Diss hatte ich andere Fragen als jetzt, weswegen ich da nochmal reinschauen wollte.

Und je länger ich arbeitete, desto mehr wurde mir klar, dass meine heilige, total durchdachte Struktur mal wieder verändert werden musste, wozu mir nur ein gif einfiel.

Ich meckerte mal wieder darüber, dass in der Wissenschaft nie was fix ist, jede Deadline quasi nur ein Zwischenschritt und überhaupt macht mich das alles wahnsinnig, dass Wissen und Lernen nie aufhört. (Okay, es ist toll, ABER ES MACHT MICH AUCH WAHNSINNIG.)

Doktor F. war natürlich unbeeindruckt.

An den drei!!! Ausrufezeichen!!! seht ihr, wie aufgeregt ich war.

Auf Twitter hatte Canzonett aber einen hervorragenden Kommentar, den ich mir als Motivationsbildchen ausdrucken werde: „Find joy in it. It’s your thoughts growing (and outgrowing their baby clothes).“

Heute beginnt in Frankreich die Fußball-WM der Damen. Wir gucken das gemeinsam, oder?

Und ab nächster Saison die Bundesliga. YAY!

Tagebuch Mittwoch, 5. Juni 2019 – In eine Papiertüte atmen

Vormittags Orgakram gemacht, was halt so am Quartals- und Monatsende anfällt. Mal wieder die Ablage runtergearbeitet, ein bisschen im Rest der Wohnung rumgeräumt, erneut über Balkonbepflanzung nachgedacht, was ich eigentlich aus Gründen schon auf nächstes Jahr verschoben hatte, aber in den letzten Wochen immer wieder hochploppte, und wer bin ich, es armen Blümchen zu versagen, unter meinen Händen zu sterben.

Mittags bloß ein Müsli mit Äpfeln drin, keine Lust zu kochen, zu warm. Cold Brew ist ein fantastisches Zeug, und ich ahne, dass es ganz eventuell ein bisschen daran gelegen haben könnte, dass ich Montag so mies geschlafen gehabe, weil ich im Überschwang einen ganzen Liter des herrlichen Sommergetränks über den Tag hinweg genossen hatte. Wobei ich natürlich weiß, dass Koffein nicht so lange im Körper bleibt, sondern nur einen kurzen Kick verursacht. Tee ist da langlebiger, und der stört mich null, wenn ich ihn literweise trinke.

Nachmittags und abends weiter an der Diss gesessen. Irgendwann habe ich dabei angefangen, geistig in eine Papiertüte zu atmen, weil mir bei jedem Bearbeitungsschritt klar wird, wieviele noch vor mir liegen. Das klang als Konzept total machbar, und jetzt denke ich dauernd, das ist viel zu viel, das wirst du nie hinkriegen. Werde ich vermutlich doch, auch das habe ich im Studium gelernt, dass ich mich immer irgendwann im Kopf verzettele und alles runterdummen will, im Endeffekt aber dann doch was Lesbares und wissenschaftlich Sinnvolles dabei rumkommt. (Jedenfalls in den höheren Semestern.)

Ein Farbbild von Protzen gefunden, das ich bisher nur schwarzweiß kannte, Mails geschrieben und um Auskunft gebeten, in Archivsuchmasken gearbeitet, Zeug vorbereitet, geschrieben, gedacht, verglichen, geschrieben. Diss halt.

Mit F. die Balkonsaison so halbwegs eröffnet, indem wir vor weit geöffneten Türflügeln auf meinem ausgeklappten Sofa rumlagen und nach draußen auf die Lichterkette guckten. Okay, es ist nicht wirklich Balkon, das habe ich jetzt auch kapiert. Aber wieso muss man nach draußen, wo es drinnen so bequem ist?

Ich grüße, das heißt, ich lebe noch

Die FAZ schreibt kurz über die Arolsen Archives, ehemals Internationaler Suchdienst in Bad Arolsen, deren Bestände in Partnerschaft mit Yad Vashem nun zu großen Teilen online sind:

„Ein Besuch im Archiv lohnt immer. Zum Beispiel in jenem, das dem beschaulichen hessischen Städtchen Bad Arolsen – so darf man es sagen – zu Weltruhm verholfen hat. Hier ist der 1944 von den Alliierten gegründete Internationale Suchdienst zu Hause, der helfen sollte, kriegsbedingt zerrissene Familien wieder zusammenzuführen. Er hat sich angesichts des Wandels seiner Aufgaben jetzt einen neuen Namen gegeben: Arolsen Archives. Hier sind, großenteils auf Papier, Informationen zu etwa 17,5 Millionen Opfern des Nationalsozialismus gespeichert. Damit ist das Archiv, Teil des Unesco-Weltdokumentenerbes, das größte NS-Opfer-Archiv überhaupt. Vor allem das wehrlose Heer der Zwangsarbeiter aus den deutsch besetzten Ländern hat in Bad Arolsen einen Hüter seiner Erinnerung gefunden.“

Tagebuch Dienstag, 4. Juni 2019 – Übermüdet, aber produktiv

Vormittags noch einen Hauch für Geld gearbeitet, dann brav an der Dissertation. Gestern wagte ich die ersten Zeilen zu den Themen Forschungsstand und Quellenlage, denn so richtig ausführlich kann ich zu einigen Teilbereichen meiner Arbeit noch nichts sagen, aber die Basis konnte ich schon aufschreiben: Kunst und Kunstpolitik im Nationalsozialismus, Forschungsstand Protzen (Kurzfassung: nicht existent, ich schreibe gerade die erste ernsthafte Auseinandersetzung mit ihm), Forschungsstand Malerei zur Reichsautobahn, Forschungsstand zu Umgang mit systemkonformer Kunst im Nationalsozialismus in der Bundesrepublik und Ausstellungen mit derselben. Anschließend dann die Quellenlage, wo ich Teile des Nachlasses im Kunstarchiv Nürnberg beschrieb und wie ich diese verwende sowie weitere Quellen, die ich bisher aufgetan habe. Ich müsste irgendwann nochmal erwähnen, wozu das alles da sein soll, aber das kommt erst ans Ende der Einleitung, das ich, wie immer, erst schreibe, wenn die ganze Arbeit steht und ich weiß, was ich überhaupt alles rausgefunden habe.

Zum Mittag ließ ich mich von Arthurs Tochter inspirieren und fabrizierte Bohnenmus aus Tigerbohnen statt weißen (waren halt im Schrank), geschmolzene Tomaten, bei denen ich zu faul war, die Haut abzuziehen, und Fladenbrot, das ich vorgestern nach diesem Rezept gebacken hatte, was mir noch besser gefällt als das hier, von dem ich Samstag ein Foto instragrammte. Letzteres wird fast hefezopfig fluffig, während das Brot von „Koch dich türkisch“ fester und zäher bleibt – genau wie ich es mag.

Nachmittags nickte ich auf dem Sofa bei der werktäglichen Folge Masterchef Australia ein, wachte auf, klickte mich in der Sendung wieder 20 Minuten zurück, nickte ein, klickte rückwärts, nickte ein, und das machte ich dann dreimal, bevor ich die grandiose Idee hatte, mal vom Sofa aufzustehen und einen Kaffee zu trinken. Danach ging’s, aber so richtig konzentriert war ich nicht mehr fürs Schreiben. Früher Feierabend, früh ins Bett.

Conduction

In der diesjährigen Fiction Issue des New Yorker steht unter anderem eine Kurzgeschichte von Ta-Nehisi Coates. Man kann sie sich dort auch vorlesen lassen.

The Secret Oral History of Bennington: The 1980s’ Most Decadent College

Esquire lässt diverse Zeitzeug*innen sowie Donna Tartt, Jonatham Lethem und Bret Easton Ellis zu Wort kommen, die alle 1986 in Bennington studiert haben. Ich muss gestehen, ich habe den Artikel noch nicht gelesen, aber ehe er wieder in meinen unendlichen Twitter-Herzchen versinkt, verblogge ich ihn einfach, dann finde ich ihn wieder.

(via @aldaily)

Tagebuch Montag, 3. Juni 2019 – KTS und Fladenbrot

Den Vormittag an einem Job gesessen, der ein arger Fall von KTS ist – Kunde textet selbst. Dagegen habe ich ja im Prinzip nichts, aber wenn ihr eure Formulierungen so gerne mögt, warum bucht ihr mich dann überhaupt? Früher hätte ich gesagt: „Egal, gibt Geld.“ Heute denke ich: „Die Stunden hättest du auch sinnvoller auf der Diss verbringen können.“ Oder ehrlich gesagt auch beim Seriengucken auf dem Sofa.

Lange mit der besten Freundin telefoniert, das war schön.

Dadurch verrutschte allerdings mein Zeitplan für den Tag; ich kam erst um 15 Uhr aus dem Haus, um ein paar Bücher in die Stabi zu schleppen und mir einige weitere aus der Uni-Bibliothek abzuholen. Für die zehnminütige Radfahrt zu den Bibliotheken cremte ich mich ein, als wollte ich nach Augschburg zum Fuppes, aber ich kenne ja inzwischen meine memmige Alabasterhaut. Wie ich festgestellt habe, ist meine Hauptradelstrecke inzwischen eine Fahrradstraße, aber das ist den meisten Autos natürlich weiterhin egal. Wenn ich irgendwann mit gebrochenen Knochen im Krankenhaus liege, kann ich immerhin triumphierend krächzen: „ABER ICH HATTE VORFAHRT!“

Zeitung gelesen, eher unkonzentriert in ein paar Büchern. Lieber Brot gebacken und eine Lichterkette am Balkon angebracht. (Ich ahne eure Kommentare zum Stichwort „Lichterkette“, keine Bange.)

F. kam nach einem Biergartenbesuch noch vorbei, gemeinsam eingeschlafen. Dann aber um 2 aufgewacht und schlaflos rumgelegen. Irgendwann gegen 4 ging ich ernsthaft zum Arbeiten an den Rechner, bis ich mir selber sagte, dass ich spinne. Dostojewski weitergelesen, HitlerWagnerDings weitergelesen, irgendwann gegen 5 war ich dann wieder müde. Um 7 klingelte der Wecker, und ich sitze hier recht hirntot, aber mit einem Eimer Cold Brew. Wenigstens das.

Klaus Graf ergänzt seinen ersten Blogeintrag zu Hingst um viele Links.

Andreas Wolf über Fiktionalität und Blogs:

„Ich denke, dass die Form „Blog“ nicht automatisch den autobiographischen Pakt herbeibeschwört, über den Philippe Lejeune schrieb, ein Pakt zwischen Autor und Leser, durch welchen beide sich darauf vereinbaren, dass hier Annäherung an Wahrheit, an ein wirklich Passiertes, so unmöglich das sein mag, so doch wenigstens versucht wird. Bloggen heißt, viel simpler, ein Geschriebenes im Internet zu veröffentlichen, was über den Inhalt, die Natur dieser Schrift erstmal gar keine Aussage trifft. Ein Blog ist nicht per Form automatisch ein der Wahrheit verpflichtetes Tagebuch seines Autors. Niemand nähme es mir krumm, wenn ich hier in Wald und Höhle die unglaublichen Abenteuer eines Wolpertingers schilderte, weil alle wüssten: Wolpertinger gibts ja nicht.

Und Holocaust ist eben das Gegenteil davon: Das gab es wirklich, das hat tatsächlich stattgefunden, das Unvorstellbare – Auschwitz – war wirklich in der Welt. Hier zu erfinden, zu fabulieren, sich selbst (bzw. der Großmutter) eine Opferbiographie anzudichten – das verbietet sich einfach.“

Rhabarber-Streuselkuchen

Wie ich am Samstag schon auf Instagram schrieb: Selbst an Tagen, an denen man das ganze Internet anschreien will, kann man noch Futterfotos veröffentlichen. Deswegen kommt heute ein Rezept, auch wenn es gerade nicht zu meinem Blog passen mag, weil viele Menschen wegen eines anderen Themas hier sind. Aber zu mir passt es. Und sobald der Text online ist, geht es wieder an die Dissertation und den ganzen „Nazischeiß“, wie F. immer so schön zu meinem systemkonformen Maler und seinen Werken sagt. Ich formuliere im Kopf schon die Danksagung vor, aber das Wort traue ich mich noch nicht unterzubringen. Vielleicht sollte ich es einfach machen.

(Dieser Vorspann wird gelöscht, sobald alle wieder nur wegen Kunstgeschichte und Kuchen hier sind. Zu letzterem kommen wir jetzt:)

Sehr dünner, knuspriger Boden, nicht zu süß, schnell gemacht, genau meins. Im Originalrezept sind die Mengen verdoppelt und für eine 24-cm-Springform gedacht. Habe ich nicht, also nahm ich die 26-er und halbierte alles, auch weil ich nur 400 Gramm Obst im Haus hatte. Kam aber genau das raus, was ich haben wollte.

Hier die Mengen, die ich verwendet habe – da kommen, wie erwähnt, ein sehr dünner Boden und nicht irre viel Belag bei rum. Die Verfasserin des Originals weist auf das Mengenverhältnis von 2:2:4 von Butter:Zucker:Mehl hin – ihr könnt also beliebig skalieren. Was mir natürlich alles viel zu kompliziert war, weswegen ich eben einen dünnen Boden uswusf.

75 g Butter in kleinen Stücken mit
75 g Kristallzucker und
150 g Mehl, Type 405, mit den Teighaken des Mixers vermischen. Bei mir blieb es bei feinem Sand, weswegen ich aus den Bröckchen erstmal einen halbwegs festen Teig in der Schüssel geknetet habe, um den dann mit den Teighaken wieder zu Bröseln zu verwandeln. Was auch immer ihr macht: Wenn die Streusel so aussehen, wie ihr sie haben wollt, Schüssel in den Kühlschrank packen.

400 g Rhabarber waschen, putzen und in mundgerechte Stücke schneiden. In einer Pfanne
1 TL Butter erhitzen, den Rhabarber plus
3 EL Kristallzucker dazugeben und alles etwas karamellisieren lassen. (War bei mir eher weiterhin Obst mit Zucker.) Mit
1 EL Speisestärke bestreuen und alles zwei Minuten sanft köcheln lassen.

In der Zeit ungefähr zwei Drittel der Streusel auf dem Boden einer gefetteten und eventuell mit Backpapier ausgelegten Springform verteilen (bei mir nur gefettet). Die Streusel festdrücken, mit den Händen oder zum Beispiel mit dem Boden eines Cup-Maßes, bis sie eine ebene Fläche bilden.

Den Rhabarber auf dem Kuchenboden verteilen, die restlichen Streusel darüber und dann im auf 180° C vorgeheizten Ofen für 45 Minuten backen. Einer der ersten Obstkuchen, bei dem ich keine Sahne wollte, reichte völlig aus, wie er war.

Tagebuch Samstag, 1. Juni 2019 – Offene Tabs

Schlecht geschlafen, weil mein Kopf die halbe Nacht an einem Blogeintrag rumformulierte. Den schrieb ich dann als erstes am Samstagmorgen, noch bevor ich einen Kaffee hatte, weil mich manche Dinge einfach so wütend machen.

Was ich im gestrigen Eintrag vermutlich nicht deutlich genug gemacht habe: Derartige Storys – das Annehmen von Opferidentitäten, die gar keine sind – machen es wahren Opfern immer schwerer, Gehör und Glauben zu finden. Jeder Fake sorgt dafür, dass echte Opfer von Gewalt, Traumata, Übergriffen etc. erstmal irgendwie beweisen müssen, dass ihnen wirklich Schlimmes widerfahren ist. Ich kann mich nur wiederholen: Es kotzt mich an.

Der Blogeintrag wurde sehr oft geteilt. Ich hatte den ganzen Tag über mehrere Browsertabs offen, um zu gucken, ob es Kritik oder Ergänzungen gab. Eine Kritik war, dass ich vielleicht zu deutlich „Hab ich ja immer gewusst“ hätte raushängen lassen. Genau das wollte ich nicht: Ich habe es eben nicht schon immer gewusst, ich war genauso faul wie alle anderen, die jetzt sagen, sie hätten auch schon immer geahnt, dass da was nicht stimmt. Deswegen hieß mein Eintrag auch „Was man glauben möchte“. Ich wollte glauben, dass es derart altruistische, engagierte, kluge und freundliche Menschen gibt. Gibt es vermutlich auch. Nur die Person hinter diesem Blog ist vielleicht nicht alles davon.

Nebenbei wünsche ich ihr alle Hilfe, die sie braucht. Auch das ging gestern in meiner Wut unter.

Ich bekam auch diverse Mails. Eine wies mich auf diesen (selbstverfassten) Artikel auf hagalil.com hin: Jewish Disneyland (um 2002, wenn ich das richtig recherchiert habe).

„Es gab Zeiten, da kostete es Anstrengungen, an jüdischer Kultur teilhaben zu können: Jüdische Erziehung, sei es die religiöse, historische oder säkulare Variante war eine Voraussetzung dafür.
Jewish Disneyland ist die Instant-Light-Version, eine Art Mc Donalds. Fatal ist nur, dass diese Mc Donalds-Variante für das 5-Sterne-Edelmenü gehalten wird. Und leichter, als sich mit dem Siddur (Gebetbuch) auszukennen oder Hebräisch zu lernen, um alte Texte im Orginal lesen zu können, ist es allemal. Nach der Schoah hatten viele Juden der 2. Generation gar nicht die Möglichkeit, sich dies anzueignen, weil diejenigen, die das hätten vermitteln können, größtenteils ermordet oder vertrieben worden waren und die Elterngeneration mit dem Leben nach dem Überleben kämpfen musste.

Die Mechanismen des Jewish Disneyland sind Romantisierung, Exotisierung, Folklorisierung und Historisierung des Jüdischen. Als Folge davon wird real Jüdisches unsichtbar (gemacht). Die Fiktionen des Jewish Disneyland werden zunehmend zum Maßstab auch für die Medien und dessen, was dort als “jüdische Kultur” präsentiert wird. Da können reale Juden – soweit sie noch oder wieder vorhanden sind – oft nicht mithalten. Sie werden zur Enttäuschung.“

Klaus Graf schreibt auf archivalia.hypotheses gewohnt klug über die Quellen und Hintergründe zum Fall und zitiert auch ausführlich aus dem Spiegel-Artikel. Nur für den Fall, dass ihr ihn noch nicht selbst gelesen habt.

Nathalie beschreibt, wie es ihr als Leserin nach diesem Tag ging.

Irgendwann lenkte ich mich mit Brotbacken ab; Rezept ist gut, gebe ich in den nächsten Tagen weiter.

Es kommt mir gerade alles so unwichtig vor. Dabei war es für mich persönlich wichtig, gestern gutes Essen zu produzieren und es gemeinsam zu genießen. Trotzdem hatten F. und ich nur ein Gesprächsthema, bevor wir dann einfach schweigend in die Nacht schauten, weil alles gesagt war.

Tagebuch Freitag, 31. Mai 2019 – Was man glauben möchte

Als gestern am späten Nachmittag ein Tweet von Moritz Hoffmann in meiner Timeline landete, in dem es um das Blog von Mlle ReadOn ging und ihre, Zitat, „Hochstapelei“, war mein erster Gedanke: „Ach, ist ihr endlich jemand auf die Schliche gekommen?“

Ich kaufte den digitalen Spiegel, denn die Story, die Hoffmann erwähnte, war mir fünf Euro wert, und las, dass nicht nur mein vages Unwohlsein gegenüber dem Blog gerechtfertigt, sondern dass es noch viel schlimmer war als ich vermutet hatte. Wenn die Spiegel-Story stimmt, und natürlich haben wir alle jetzt Relotius im Hinterkopf, hat Frau Hingst nicht nur im Blog Teile ihrer Biografie erfunden oder verfälscht, sondern, und deswegen bin ich seit gestern abend extrem pissig, Dokumente beim Archiv von Yad Vashem eingereicht. Zitat aus dem Artikel:

„Tatsächlich aber hat Hingst die Namen von 22 angeblichen Holocaust-Opfern […] dem Archiv der israelischen Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem gemeldet – 22 Menschen, von denen die meisten gar nicht existierten. Die Unterlagen des Stadtarchivs [Stralsund] und weitere Quellen zeigen: Nur drei Personen haben wirklich gelebt. Keiner von ihnen war Jude, keiner wurde ermordet.“

Und:

„2018 wurde Hingst bei einem Essaywettbewerb mit dem »Future of Europe«-Preis der »Financial Times« ausgezeichnet. Bei der Preisverleihung in Dublin – man kann sie im Internet hören – erzählte sie wieder vom Leidensweg ihrer vermeintlich jüdischen Familie und verglich deren Schicksal mit dem der Flüchtlinge, die heute an Europas Küsten strandeten. Es gab starken Beifall.

Wer ist diese Frau, und warum hat sie das getan? Hochstapler gibt es viele, überall auf der Welt. Der Wunsch, Opfer des Holocausts zu seinen Vorfahren zu zählen, dürfte eine deutsche Besonderheit sein.“

Und genau das ist die Fallhöhe.

Hingsts Blog war seit Jahren auf meinem Radar; ich stolperte irgendwann darüber, als sie noch auf Englisch schrieb, dann wechselte sie zu Deutsch, woraufhin mehrere Leute in meiner Timeline oder meiner Blogblase sie häufiger zu lesen und zu verlinken schienen. Ich kam mit ihrem poetischen Stil nicht so recht zurande, mir war immer alles zu hübsch und noch ein Adjektiv und hier noch ein Nebensatz; bei Büchern nenne ich den Stil „Da hängen immer Lichterketten in den Bäumen“ und lese die betreffenden Werke meist nicht zuende.

Das war aber nicht das ursächliche Problem, warum ich dem Blog schließlich recht bewusst fernblieb. Ich kann den genauen Eintrag nicht mehr benennen – und jetzt kann ihn auch nicht mehr suchen, denn das Blog ist gelöscht oder zumindest offline –, aber ein paar historische Details, den Holocaust bzw. ihre Familiengeschichte betreffend, schienen mir nicht so recht zusammenzupassen. Es war mir nicht wichtig genug, um das ganze Blog rückwärts zu lesen oder die Inhalte ernsthaft zu prüfen – es war nur ein unbehagliches Gefühl. Ich ahne inzwischen, warum ich diesem Gefühl nicht weiter nachgegangen bin – was bilde ich mir als Nachkomme der Tätergeneration ein, eine Opferschichte anzuzweifeln?

Und genau das ist die Fallhöhe.

2017 erschienen dann weitere Artikel über Hingst oder unter Pseudonym von ihr; es ging um eine Klinik, die sie in sehr jungen Jahren angeblich in Indien eröffnet hatte und um eine Beratungssprechstunde für arabischstämmige Geflüchtete, mit denen sie offen über Sexualität sprach. Einer dieser Artikel erschien in der Zeit, die inzwischen der Meinung ist, die Inhalte damals nicht gut genug überprüft zu haben. Zitat:

„Am 27. Mai 2019 erreichte uns ein Hinweis des Spiegel, der nahelegt, dass die Geschichte um die beschriebenen Aufklärungsstunden erfunden sei. Wir nahmen daraufhin erneut und diesmal erfolgreich Kontakt mit der Autorin auf und baten sie um eine Stellungnahme.

In einem Telefonat versicherte sie erneut die Authentizität ihrer Geschichte. Sie nannte uns Adressen, E-Mail-Adressen und Telefonnummern von Menschen, die sie bestätigen könnten. Wir sind den Hinweisen der Autorin nachgegangen und haben darüber hinaus weitere Personen, Institutionen und Behörden kontaktiert. Wir sind in die von ihr benannte Kleinstadt gefahren und haben vor Ort die genannten Adressen und weitere Personen überprüft.

Dabei haben wir festgestellt, dass die Autorin – wohl erneut – versuchte, uns mit Scheinidentitäten, falschen Zeugen und vermeintlichen Belegen zu täuschen. Hierfür hat sie etwa die Identität einer verstorbenen Person benutzt, um in deren Namen E-Mails an uns zu schreiben. Zudem hat sie versucht, uns über die Existenz und die Lebensumstände von Verwandten und ihre Familienverhältnisse zu täuschen.

Erst ein Besuch bei einer engen Verwandten schaffte Klarheit über das Ausmaß der Legende, die sie offensichtlich seit vielen Jahren aufgebaut hat. Die Autorin hat Teile ihrer Biografie erfunden, andere verfälscht, und mit großem Aufwand jahrelang öffentlich vorgetäuscht, eine Person zu sein, die sie nicht ist. Selbst Teile ihres engeren Umfelds scheinen ihren Schilderungen bis heute zu glauben. Wir haben die Autorin mit diesen Recherchen konfrontiert, sie möchte sich derzeit nicht dazu äußern.“

Auch hier: Wer bin ich als behäbige Mittelstandsdeutsche, eine antirassistische, engagierte Kämpferin für Aufklärung und Gesundheit anzuzweifeln? Zudem besänftigten die damaligen Berichte mein gefühltes Unwohlsein, denn ich dachte mir, prä-Relotius, dass große Medienhäuser Storys vermutlich akribisch überprüften. Vor allem solche, die sich relativ leicht überprüfen lassen: einfach mal in die angebliche Kleinstadt fahren und gucken, ob’s die angebliche Sprechstunde überhaupt gibt. Ich ging nun davon aus, dass mein Unwohlsein der Biografie und der Autorin gegenüber ungerechfertigt gewesen sei, blieb dem Blog aber weiterhin aus stilistischen Gründen eher fern und es wurde mir egal.

Ich bekam allerdings mit, dass Hingst mindestens einmal einen Kommentar (oder eine DM oder eine Mail, ich erinnere mich nicht genau) veröffentlichte, in der eben genau ihre Biografie angezweifelt wurde; in der an sie als Historikerin appelliert wurde, es mit den Fakten genauer zu nehmen, gerade bei diesem sensiblen Thema. Ich las die gefühlt 100 Kommentare, die ihr beistanden und es nicht fassen konnten, dass sie angezweifelt wurde, aber mein Unwohlsein war wieder da: Ich war anscheinend nicht die einzige, die stutzig geworden war.

Mich selbst bzw. mein Blog verlinkte Hingst mindestens einmal: Mein Konzertbericht von Januar 2018 hatte ihr anscheinend gefallen. Ich verlinkte sie auch, und auch deswegen war ich gestern pissig und bin es heute noch mehr, denn meine Verlinkung betraf den 9. November sowie die Stolpersteine, zu denen Hingst eine Meinung hatte, die ich netterweise im Blog zitierte, weswegen ich sie jetzt nochmal zitieren kann:

„Ich wünschte an jedem 9. November wäre es still, ich wünschte einmal nur wären wir mit unseren Toten allein, ich wünschte es gäbe keine Stolpersteinputzkolonnen, keine Spruchbänder, keine Aufrufe, keine Bilder der Namen mit den Namen der Toten, die sich nicht weigern können, die blank sein sollen, denn jetzt wird ihrer gedacht und das ist auch leichter, denn die Fragen nach dem Ring mit dem blauen Stein am Finger einer anderen Frau sind schwieriger.

An keinem Tag wie am 9. November wünschte ich mir, ich könnte die Steine mit Laub bedecken, sie davor bewahren wieder Ziel deutscher Sauberkeit und Gründlichkeit zu werden, aber ich habe schon vor vielen Jahren gelernt, dass die Enkel und Kinder der Toten nur stören im unbedingten Willen zu gedenken.“

Ich selbst schrieb folgendes:

„Der Blogeintrag hat mir aber wieder einmal klar gemacht, dass hier die Täter*innen(nachkommen) darüber entscheiden, wie der Opfer gedacht wird. Das ist im Prinzip genauso eklig wie Menschen, die anderen Menschen vorschreiben möchten, sich nicht so anzustellen, wenn ihnen Missbrauch widerfährt, ohne dass sie selbst wissen, wie sich ein solcher anfühlt. (Das Thema ist ja leider gerade wieder aktuell.) Bei den Stolpersteinen weiß ich immerhin, dass es auch genug Juden und Jüdinnen gibt, die diese Form des Gedenkens gutheißen, siehe den verlinken SZ-Artikel. Aber der Blogeintrag zeigt, dass es natürlich nicht alle sind, wie vermutlich nie irgendetwas von allen gleich beurteilt wird.“

Und damit sind wir erneut bei der Fallhöhe.

Holocaust-Opfer zu erfinden, ist nicht nur geschmacklos, es ist gefährlich. Es ist Wasser auf den Mühlen der Holocaust-Leugner, es ist Wasser auf den Mühlen derer, die Opfern eine Mitschuld unterstellen, ganz gleich, von was sie Opfer geworden sind, es ist Wasser auf den Mühlen der Geschichtsverfälscher und -umdeuter, die im Nachhinein besser wissen wollen, was passiert ist und wie wir damit umgehen sollten („Schlusstrich“, „langt jetzt auch“, „DRESDEN!“).

Es ist zum Kotzen, und ich bin sehr wütend. Wütend auf Hingst, wütend auf mich selbst, dass ich das Unwohlsein bequem zur Seite geschoben habe, aber auch wütend darauf, dass so viele in meiner Timeline sich auf Hingsts Seite schlagen, ohne den Spiegel-Artikel gelesen zu haben, der faktenreich belegt, worum es geht.

Es geht nicht darum, dass die Dame eventuell ihr Leben in Dublin ein bisschen aufgehübscht und Lichterketten in Bäume gehängt hat. Es ist egal, ob die Tasse, aus der sie morgens Tee trinkt, nun blau oder grün ist, ob das Kälbchen existierte oder welches Auto der Tierarzt fuhr, wenn es ihn denn gab. Mich haben gestern die vielen Reaktionen auf Twitter überrascht, in denen Hingst bescheinigt wurde, dass, selbst wenn das alles ausgedacht war, es doch immerhin schön zu lesen war.

Aber: Es macht einen Unterschied, ob man sich eine evangelische oder eine jüdische Großmutter erfindet. Es macht einen Unterschied, ob man sich eine Opferperspektive und damit eine Deutungshoheit aneignet, die man schlicht nicht hat. Es macht einen Unterschied, ob man Lesern und Leserinnen vortäuscht, ein Leben zu führen, das nicht existiert oder es von vornherein als ein literarisches Experiment aufzieht und kenntlich macht. Wenn Hingst das getan hätte, hätte es vermutlich öfter Kommentare gegeben, die genau diese Opferperspektive latent geschmacklos gefunden hätten, ähnlich wie bei Würgers Roman Stella, bei dem die Perspektive ähnlich war.

Ihr letzter Blogeintrag versuchte genau das – das Blog als Experiment und Literatur zu verbrämen, das es einfach nicht war. Ich bin ihr auf Twitter schon länger nicht mehr gefolgt und jetzt sind ihre Tweets geschützt, weswegen ich ihre Rechtfertigungen nicht lesen kann. Sie sind mir aber auch eher egal.

Tagebuch Donnerstag, 30. Mai 2019 – Feiertach

Ausgeschlafen. (Bis halb acht.) Auf den Morgenkaffee verzichtet, weil F. und ich frühstücken gehen wollten. Daraus wurde dann eher ein Spätstück, weswegen ich im Victorian House auch erstmal mit schlechtem Gewissen einen Milchkaffee orderte. Aber dann direkt danach ein Kännchen Keemun-Tee, den ich noch nicht kannte. Sehr wohlschmeckend, gerne wieder. Dazu Eggs Benedict, für die ich zuhause meist zu faul oder zu memmig bin – Rührei ist gelingsicherer.

Danach spazierten wir in der Gegend rum, bestaunten alte Villen, schlenderten am Nymphenburger Kanal entlang, lernten, dass Schwaneneier graubraun wie Kartoffeln aussehen und dass Schwäne gänzlich unbeeindruckt von Menschentrauben sind, die ihnen beim Nestbau von einer Brücke aus zusehen. Ich bestaunte Blässhühner beim Tauchen (und lernte eben beim Verlinken, dass sie nicht „Blesshühner“ geschrieben werden), während F. Scherze latergramte. Wir sahen Fische in diversen Größen und rieten ihre Art, wovon wir beide keine Ahnung haben, ich verglich sie halt mit den Pixelfischen, die ich aus Hay Day kenne. (Karpfen?)

Danach ließen wir uns mit der Tram wieder in die Innenstadt transportieren und genossen noch ein Bio-Eis, das meiner Meinung nach aber in der Konsistenz nicht mit Ballabeni mithalten konnte (aber lecker Salzkaramell und Kaffee!).

Danach wartete ich auf meinen Bus und besah Menschen, die Autos besahen.

Den späten Nachmittag verbrachten wir getrennt, ich las und guckte MasterChef Australia, dann kam F. wieder vorbei, wir gönnten uns einen kleinen Rosé-Champagner und entzifferten gemeinsam das französische Etikett. Dabei gelernt, dass robe nicht nur Kleid heißt, sondern beim Wein die Farbe bezeichnet.

Wäre gefüllt attraktiver als Bild gewesen, aber man kommt ja zu nix.

Äußerst entspannt gemeinsam eingeschlafen.

Tagebuch Mittwoch, 29. Mai 2019 – Wieder was gelernt

Es regnete zwar ein bisschen, aber ich hatte mir in den Kopf gesetzt, endlich mal wieder mit dem Rad ins ZI zu fahren und nicht die U-Bahn zu nehmen. Ich glaube, mein Po ist über den Winter vollkommen verweichlicht – mein Sattel kam mir noch nie so hart vor! Und Kopfsteinpflaster ist die Hölle! Aber: OMG RADFAHREN SO AWESOME! Hatte ich ganz vergessen, wie schnell man überall hinkommt. Und wie fies aufmerksam man sein muss, um überall hinzukommen. Zuviele Autotüren, zu viele Fußgänger, die nicht kapieren, dass dieses huckelige Handtuch da links von ihnen ein Radweg ist. *hust*

Den Vormittag verbrachte ich dann mit den Jahren 1935 bis 1937 und den Werken, die Protzen in diesen drei Jahren ausstellte. Neben diversen Münchner Katalogen fand ich noch einen aus Berlin (wir haben ja quasi ALLES!), aber einen weiteren Berliner fand ich so gar nicht, auch nicht in anderen Bibliotheken oder in der Fachliteratur, was mich sehr stutzig machte. Soweit zu gehen zu behaupten, dass diese sehr bekannte Ausstellung gar nicht stattgefunden hat, will ich natürlich nicht, aber das verwirrt mich jetzt doch sehr. Freitag wird weitergesucht, heute geht ja feiertagsmäßig nichts.

Einschub. F. so vor ein paar Tagen: „Donnerstag ist Feiertag.“ Ich so: „Den haben wir im Norden auch!“ F. so: „Ich sag’s dir lieber einmal zu oft.“ Isser nicht goldig? Einschub Ende.

Und weil er so goldig ist, schicke ich ihm immer Bilder von der Irschenberg-Auffahrt, der meiner Meinung nach meistgemalten und meistfotografierten Ansicht der Reichsautobahn (hier von Wolf Panizza). Ich finde das Ding todschick, in jeder Perspektive, in jeder Ausführung, aber F. ist nur genervt: „DA STEHT MAN IMMER IM STAU! DU UND DEIN SCHEISS-IRSCHENBERG, WIR FAHREN DA JETZT HIN, DANN HAT DAS EIN ENDE!“ Gnihi.

Nach fast fünf Stunden war ich noch nicht mal mit 1937 fertig, denn um den größten Brocken, die Große Deutsche Kunstausstellung, drückte ich mich, obwohl da nur zwei Bilder von ihm hingen. Aber mein Kopf hatte keine Lust mehr, ich setzte mich wieder aufs Fahrrad. (Aua!)

Ich radelte zur Stabi, wo noch ein Buch im Lesesaal auf mich wartete, das ich völlig vergessen hatte. Netterweise schreibt die Stabi einem Mails, wenn man Bücher zurückgeben muss, und so erfuhr ich, dass dort seit Wochen was für mich lag. Natürlich ein Buch für das Autobahnkapitel, das ich brav und diszipliniert hintenan gestellt hatte, weil ich erstmal Biografie und Ausstellungen fertig kriegen will.

Ich zückte meinen neuen Bibliotheksausweis und ging zu Regal 40 im Lesesaal. Im Regal 40 hatte ich unten bei der Abholung für Bücher außer Haus schon einiges für mich gefunden, musste hier nun aber feststellen, dass nichts für mich da war. Ich guckte verwirrt nochmal in mein altes Regal (miss you, 32!), weil ich dachte, vielleicht hatte ich das noch auf die alte Karte ausgeliehen, aber da lag auch nichts. Wie ein Erstsemester schlich ich zur Information, wo man mir, wie wahrscheinlich schon 20.000 anderen erklärte: Nee, für den Lesesaal gilt diese Nummer hier auf dem Ausweis, das ist das gleiche Regal wie in der Unibibliothek, ja, Sie haben jetzt in der Stabi zwei Regalnummern. Auf diese sinnlose Idee war ich nicht gekommen, aber nun gut: Regal 19 it is. … Wo zum Teufel ist Regal 19? … Ach, da hinten geht das noch weiter? … Hallooooo? … Ein Lämpchen flackerte über mir auf, als ich in den Tiefen des Magazins verschwand und endlich vor Regal 19 stand, wo auch das Buch mit meinem Ausleihzettel lag.

Ich las ein bisschen NS-Propaganda, was man halt so macht, fand ein paar schöne Zitate, klappte das Buch zu und gab es zurück.

Dann ging ich in den Lesesaal für Karten, Musik und noch irgendwas, in dem bin ich auch äußerst selten und muss auf den Hinweisschildern im ersten Stock immer gucken, ob ich nach links oder rechts muss, weil auf beiden Seiten Lesesäle sind, in denen ich äußerst selten bin. Hier suchte ich erst gar nicht nach der Signatur, die ich mir notiert hatte, sondern fragte gleich die Information, wo ich denn alte Adressbücher aus München finden könnte. Denn den Tipp hatte ich gestern auf Twitter erhalten, um die Bormanns vielleicht ausfindig zu machen: In alten Adressbüchern standen immer alle Bewohner*innen eines Hauses im Straßenverzeichnis – vielleicht wäre da was zu finden? Der freundliche Herr an der Infotheke schickte mich ganz nach oben unter die Decke des hohen Raums; ich kletterte mutig zwei schmale Treppen hoch und bemühte mich, bloß nicht nach unten zu gucken. Aber der Aufstieg lohnte sich. Protzens Frau Henny (Henriette) lebte bis 1967 (er starb schon 1956), und im Adressbuch für 1969 fand ich unter ihrer Adresse die Bewohner „Henr. Protzen Erben“, keine Namen. Aber: 1970 dann. „Albert Bormann, kaufm. Angestellter (Henr. Protzen Erben)“. Und 1978 dann noch weitere Namen, die vermutlich Ehefrau und Sohn sind, während ich einen weiteren weiblichen Namen noch nicht zuordnen kann (Mutter der Ehefrau? Verlobte des Sohns?). Egal. 1979 war übrigens aus Henr. Henrik geworden, was ich total anprangere. Geschichtsverfälschung in Adressbüchern! Ein Riesending!

Ich habe jetzt also die ziemliche Gewissheit, dass der Herr Bormann a) das Haus von Henny geerbt und nicht gekauft hat und b) dass er Nachkommen hatte. Die vielleicht inzwischen weitere Nachkommen haben und wenn ich richtig Glück habe, wohnen die da sogar noch. Ich formuliere mal einen Brief mit einem Anliegen und fahre nach München-Gern.

Nach Hause geradelt (aua!), eingekauft und dann ein bisschen spazierengegangen. Ich habe in den letzten Tagen anscheinend wieder dauernd doof und unaufmerksam gesessen, dann tun mir die Knie weh, und ich muss gehen, denn wenn ich gehe, tun mir netterweise die Knie nicht weh. Mir wäre es lieber, wenn mir die Knie nicht weh tun, indem ich auf der Couch rumliege, aber man kann ja nicht alles haben.

Dem Lieblingsgrab auf dem Alten Nordfriedhof mal wieder einen Besuch abgestattet.

Und dann wieder was gelernt, was ich natürlich total uneigennützig weitergebe. Ein paar Meter neben diesem Grab ist folgendes, wo Münchner Künstler anderen Malern anscheinend eine Gedenktafel gestiftet haben:

Die linke Figur trägt einen Schild mit drei weiteren Schilden drauf:

Und genau die hatte ich in den letzten Monaten dauernd gesehen. Hier zum Beispiel:

Oder hier:

Der Profi erkennt natürlich sofort die braunen Unterlagen des Kunstarchivs Nürnberg, wo ich diese Fotos gemacht habe. Das Titelbild des letzten Katalogs hat übrigens der ausgebildete Gebrauchsgrafiker Protzen gestaltet.

Erst gestern, als ich die Gedenktafel sah, fiel mir das Motiv auf. Ich googelte nach dem Spaziergang zuhause nach, weil ich dachte, vielleicht wäre das so ein München-Ding, aber nein: Die drei Schilde sind ein uraltes Wappen für die Malerzunft. Und schon habt ihr wieder ein bisschen Smalltalkfutter für die nächste Party.

Nebenbei mag ich es sehr gern, dass die kleine Figur nicht ganz zentral auf ihrem Podest steht, sondern leicht nach links verschoben, damit der Schild theoretisch noch in den vorhandenen Raum passt – was er aber dann doch nicht tut und den Rahmen leicht überragt.

Den Feierabend mit einem Kilo Kirschen verbracht und den ersten Folgen Six Feet Under. Das Ding ist schon von 2001? Jessas. Aber: sehr gut gealtert! Kann man noch hervorragend gucken.

Tagebuch Montag/Dienstag, 27./28. Mai 2019 – Wissenschaft vor Datenschutz?

Montag sollten mal wieder Kundenkorrekturen kommen, die aber nicht kamen. Ins ZI war ich deshalb vorsorglich nicht gefahren, denn da lese ich mich ja bekanntlich immer stundenlang fest. Daher saß ich eh am Schreibtisch und beschäftigte mich einfach mal mit dem ganzen Papierkram, den ich von meinen Eltern mitbekommen habe, der jetzt mein Job ist und nicht mehr ihrer. Ich konnte es verhindern, mit Menschen zu telefonieren, sondern schrieb Mails, die zügig beantwortet wurden. So kann ich arbeiten.

Auch am Dienstag kamen keine Korrekturen, und so guckte ich einfach mal auf der Seite der Stadtverwaltung nach, wie das denn neuerdings mit der Online-Terminvereinbarung bei Behörden läuft.

Vom Herrn Protzen besitze ich, wie bereits mal erwähnt, ein selbst angelegtes Werkverzeichnis – aber nur als Scan einer 40 Jahre alten Kopie. Die Kopie liegt entweder bei den Pinakotheken oder im Bayerischen Hauptstaatsarchiv, wo die Bayerische Staatsgemäldesammlung 2017 einen Teil ihres Archivs hingeschafft hat, damit es öffentlich zugänglich ist. Dafür danke! Mich interessieren aus dem Bestand natürlich vor allem die Unterlagen zu den Überweisungen aus Staatsbesitz, denn da dürfte auch noch was über Protzen zu finden sein.

Ob da auch die Werkverzeichniskopie liegt, weiß ich noch nicht; die gehört zu einem Aktenbestand zur Gedächtnisausstellung für den Herrn und seine Frau Henny Kundmüller-Protzen, die beide 1976 von der Staatsgemäldesammlung und der Städtischen Galerie im Lenbachhaus ausgerichtet bekommen haben als Gegenleistung für den Erhalt des Nachlasses, der direkt nach der Ausstellung zackig ins Kunstarchiv abgeschoben wurde. Im Archiv des Lenbachhauses war ich schon und fand schöne interne Korrespondenz darüber, wie wenig beide Häuser Lust auf diese Ausstellung hatten. Entweder liegt dazu auch noch Kram bei den Pinakothen (habe ich noch nicht explizit angefragt) oder es ist alles im Hauptstaatsarchiv.

Das Werkverzeichnis im Original dürfte da aber auch nicht zu finden sein. Aus dem Lenbachhaus-Archiv weiß ich, dass es zur Zeit der Ausstellung im Besitz von Albert Bormann war, der interessanterweise auch zu der Zeit das Haus des Malerpaars in München-Gern bewohnte. Daher gehe ich von mindestens einer gewissen freundschaftlichen Verbindung aus. Oder von einem irren Zufall, aber daran glaube ich nicht. Im Nachlass der Protzens liegt auch ein Gästebuch, das zwischen 1926 (dem Bau des Hauses) und den 1950er Jahren geführt wurde, da werde ich seinen Namen noch suchen als Beleg.

Aber erstmal würde mich interessieren, ob der Mann Erben hat, die eventuell nun das Werkverzeichnis besitzen. Denn wie Scans von Kopien halt sind: So irre leserlich sind sie nicht. Die meisten Werktitel kann ich entziffern, weil ich die Fotoalben der Gemälde habe, die ebenfalls mit Titeln beschriftet sind, aber viele Anmerkungen, Kürzel oder Ziffern sind teilweise schwer lesbar oder zuzuordnen. Manchmal ergeben sie sich aus dem Zusammenhang: So basteltete ich letzte Woche an einigen Ausstellungen rum und konnte nun Bilder einem Ort und einer Zeit zuordnen. Und wenn ein Bild mit „Gr. Mü“ bezeichnet wurde, weiß ich jetzt, dass das die „Große Münchner Kunstausstellung“ ist und das „Glp“ mir zeigt, dass dieses Bild im Glaspalast gehangen hat. Beim Brand 1931 verlor Protzen acht Bilder, auch diese Werke sind gekennzeichnet: „verbrannt Glaspalast 1931“.

Aber wo das Originalheft ist, weiß ich eben nicht, und daher hoffe ich auf Erben. Ich hatte im Internet schon rausgefunden, dass man eine „erweiterte Melderegisterauskunft“ beantragen kann, auch online. Aber da würde ich nicht mehr erfahren als das, was ich schon weiß. Also dachte ich mir, fährste doch einfach im Bürgerbüro vorbei und fragst nach, wo du die Infos herkriegst, die eine Melderegisterauskunft übertreffen. Dazu machte ich, wie vor fünf Absätzen angedeutet, um halb neun einen Termin für zehn Uhr, frühstückte entspannt und setzte mich in die U-Bahn. Ich wusste durch die Rückmeldung der Stadt auch gleich, wo ich warten musste, suchte die entsprechende Wartezone, die gut ausgeschildert war und guckte auf den Monitor, auf dem die Wartenummern aufgerufen wurden. Ich hatte 305, auf dem Bildschirm erschien gerade, um zehn vor zehn, die 130, was mich etwas verwirrte. Erst nachdem ich länger den lustigen Zahlen zugeschaut hatte, merkte ich, dass die Nummer nicht in aufsteigender Reihenfolge angezeigt wurden, sondern vermutlich so, wie sie vergeben wurden: manche online, manche hier vor Ort. Das verwirrte etwas, weil ich nicht mehr abschätzen konnte, wie lange denn die Wartezeit betragen würde, weil ich nie wusste, welche Zahl als nächstes kam, aber: Um fünf nach zehn leuchtete mein Nümmerchen auf. Gutes Zeitmanagement.

Die freundliche Dame sagte mir, sie dürfe mir nicht mehr sagen als vorgesehen, aber vielleicht wüsste die Auskunftsgruppe mehr? Ich wusste nicht, was das war, ließ mir aber den Weg beschreiben, bedankte mich und suchte. Nachdem ich schon in der Nebenstraße war und es stärker zu regnen begann, knickte ich ein und ging wieder ins Hauptgebäude zum Informationsschalter. Die zwei Angestellten konnten mit dem Namen „Auskunftsgruppe“ auch nichts anfangen, fragten aber, worum es denn ging, ich erzählte von Herrn Bormann, woraufhin sie mich ins Standesamt schickten, immerhin schon mit der Ansage, sie wüssten nicht, ob ich auskunftsberechtigt wäre. Im Standesamt fragte ich wieder an der Information, welcher Raum denn für mich zuständig sein könnte, wurde irgendwo hingeschickt, wo mir wiederum zwei Menschen sagten, dass sie mir diese Info leider nicht geben könnten, nur das, was als erweiterte Melderegisterauskunft da wäre. Weil Datenschutz. Aber wissen Sie was, fragen Sie doch mal oben bei der Urkundenausstellung, vielleicht können die was machen. Also drei Stockwerke hoch, Wartenummer ziehen, und dann stand ich vor der einsilbigsten städtischen Angestellten ever, die mir im Prinzip sagte, dass ich Angehörige sein müsste, um rauszufinden, ob der Herr Bormann Angehörige habe. Äh. Nun. Ich hatte gehofft, dass berechtigtes wissenschaftliches Interesse den Datenschutz aushebeln würde, aber nö. Auch mein Angebot, mit einem Schreiben der Uni wiederzukommen, wo bestätigt würde, dass ich keine verwirrte Nazistalkerin wäre, sondern eine reizende, neugierige Doktorandin, wurde schmallippig abgelehnt. Mist.

Wie gut, dass es Twitter gibt, wo einem noch sinnvolle Tipps gegeben werden. Denn bevor ich ernsthaft selbst zur Adresse der Protzens fahre, gucke, wer heute in diesem Haus wohnt und einen höflichen Brief in den Kasten schmeiße, in dem die Frage steht, ob die jetzigen Bewohner vielleicht einen der früheren kennen würden oder wüssten, wo sich sein Erbe befindet, frage ich erstmal Twitter. Deswegen werde ich (vermutlich) heute in der Stabi sitzen und alte Adressbücher durchblättern, die dort rumstehen, wie ich seit gestern weiß, und in ein paar Tagen ein paar Bücher über den Bruder Martin Bormann abholen.

Zum Spaß wühlte ich online noch im Bundesarchiv in Berlin rum, aber dort fand sich nichts Persönliches zu Bormann, sondern nur Berufliches. Aber das wäre auch ne schöne Doktorarbeit!

Ganz nach vorn

Der Spielbeobachter hat sich angeguckt, wie Union Berlin den Aufstieg in die erste Bundesliga schaffte. Also mehr oder weniger angeguckt.

„Beste Heimmannschaft der zweiten Liga. Beste Defensive der zweiten Liga. Nur elf popelige Tore kassiert zu Hause, da muss der Gomez Mario erst mal dran vorbei. Und wir haben Rafał. Der kann allen Gegnern den Ball vom Fuß zaubern, nur mit der Kraft seiner Augen. Und seinen Mitspielern brennt er die Angst weg, auch mit seinem Blick.

Die Gedanken in den Köpfen sind ein wild zuckendes Hin und Her, zu flüchtig um sie zu artikulieren, eben noch bei der Packung, die gleich kommen wird, jetzt schon beim gloriosen Triumph, der auf uns wartet, als wir das Stadion betreten. Früher als sonst, wir können es nicht abwarten, wir wollen da jetzt hin, lasst das Spiel endlich beginnen, wir platzen sonst. Es ist nicht weniger als ein medizinischer Notfall, dass dieses verdammte Spiel sofort beginnt und sofort beendet wird, wie auch immer.“

Tagebuch Samstag/Sonntag, 25./26. Juli 2019 – Wochenende

Die letzten beiden Wochenenden war ich in der alten Heimat, um meiner Familie etwas unter die Arme zu greifen und das Väterchen im Krankenhaus zu besuchen. Dieses Wochenende war ich müde von allem und konnte mich daher am Samstag erst am späten Nachmittag dazu durchringen, ein seit Monaten geplantes großes Fest zu besuchen. Im Nachhinein war ich sehr froh, mich aufgerafft zu haben, denn ich hatte den besten Tisch des Abends. Logisch. (Es gab Widerrede.)

Mit den zwei charmanten Herren neben mir fand ich endlich Menschen, die den Schlingensief-Parsifal in Bayreuth genauso doof fanden wie ich. Ansonsten wurden am Tisch erstmal die Vereinspräferenzen geklärt – Bayern, Augsburg, einmal HSV, aber der Herr kam in Tracht, war also offensichtlich assimiliert und rollte auch nur müde mit den Augen, als man ihn auf seinen Verein ansprach. Dann wurden diverse Toralarme auf den Handys aktiviert, damit man mitkriege, wie hoch Leipzig im DFB-Pokal-Finale gegen Bayern bitte verlieren möge. Das klappte ganz hervorragend. (3:0.)

Irgendwann wurde die kleine Kapelle, die uns beim genüsslichen Buffetleeräumen begleitete, von einem DJ abgelöst, wir gingen von der Empore mit den Tischen nach unten ins geräumige Foyer, ich rauchte die erste Zigarette des Jahres – so selten wie ich auf Feierlichkeiten gehe, wird es vermutlich auch die einzige bleiben – und genoss im Laufe des Abends drei Cosmopolitans. Ich schnackte mit diversen Menschen, die ich aus dem Interweb kannte oder die mich lasen und mich nun ansprachen. Fangirls begrüßt, selbst Fangirl gewesen, immer lustig mit uns Blogfuzzis. Über die Rente gesprochen, wie’s Hamburg so geht, Fragen nach meinem Vater beantwortet, auch mit Menschen geredet, die ich noch nicht kannte, alles nett und unaufgeregt, man musste an keinen peinlichen Spielchen teilnehmen oder mies getimten Gruppenaktivitäten, jeder konnte einfach sein Ding machen, wie entspannend das war im Gegensatz zu vielen durchchoreografierten Hochzeiten.

Um kurz nach Mitternacht war ich dann durch mit Reden und Trinken und Rumstehen, verabschiedete mich von den fünf Menschen, in deren Traube ich gerade stand und ging schnell und still nach Hause.

Nebenbei: tollste Location! Ich wusste gar nicht, dass man die privat anmieten kann, ich kannte die bisher nur als einen Ort, an dem ich mal einem Vortrag über die digitale Vermessung von ägyptischen Ruinen zugehört hatte.

Herr F., die alte Feiernase, blieb natürlich länger, daher schlief ich allein, was aber auch schön war. Entspannt und spät erwacht, die restliche Samstagszeitung gelesen und dann nur noch die Nase in einem Buch oder auf meiner digitalen Farm gehabt.

Am frühen Nachmittag was gekocht, nachdem ich morgens nur den üblichen Kaffee hatte, und auf Insta einen Kommentar bekommen, der garantiert lustig gemeint war, der mich aber total auf dem falschen Fuß erwischte. Anscheinend fasst mich alles an, was irgendwie darauf anspielt, was ich esse, wann ich esse, wieviel ich esse und warum. Stundenlang überlegt, das Bild zu löschen, damit auch der Kommentar verschwindet, dann beschlossen, es stehenzulassen. Darüber nachgedacht, keine Essensfotos mehr zu posten, damit diese Gefahr gleich gebannt ist, aber ich mag gerade die Essensbilder so gerne, weil sie mir selbst zeigen, was sich ändert. Betrübt darüber gewesen, dass Essen anscheinend noch immer nicht unproblematisch ist, obwohl es doch schon so viel besser geworden ist und ich es mir schon lange als Genuss zugestehe. Es bleibt kompliziert.