Freitag, 16. Januar 2025 – Silberbecher

Für die Passauer Neue Presse habe ich eine Reihe von Artikeln geschrieben, die sich mit Objekten in unserem Depot befassen, die unter Raubkunstverdacht stehen. Die meisten sind leider hinter der Paywall (einfach nach „Oberhausmuseum“ suchen), aber der neueste ist (noch) frei lesbar. Es geht um einen Silberbecher aus der sogenannten „Silberzwangsabgabe“ 1939, den das damalige Ostmarkmuseum vom Bayerischen Nationalmuseum in München erwarb. Der Becher wurde 1945 geplündert, aber er könnte heute in einem Passauer Wohnzimmerschrank stehen.

„Das Landesamt für Denkmalpflege in München wandte sich am 27. Mai 1940 an den Oberbürgermeister von Passau, um ihm bzw. dem Stadtmuseum einen Silberbecher anzubieten: „Das Bayerische Nationalmuseum hatte Gelegenheit, eine Sammlung von Silbergeräten zu erwerben, wobei auch die Interessen der Heimatmuseen berücksichtigt wurden. Aus dem genannten Bestand lässt das Nationalmuseum folgendes Stück dem Museum Passau anbieten: Silberbecher, 9 cm hoch, innen vergoldet, 140 g, Augsburger Arbeit, wahrscheinlich von Ludwig Schneider, um 1700. Das Stück war im Besitz des Klosters Aldersbach, dessen Wappen (Abt Theobald II. Reitwinkler 1745–1779) nebst der Jahreszahl 1758 eingraviert ist. Das Stück kann zu dem außerordentlich billigen Preis von 28 Reichsmark abgegeben werden, während der normale Handelspreis etwa 100 RM beträgt. Wir raten dringend dazu, den Becher zu erwerben.“

Die „Silberzwangsabgabe“ heißt eigentlich „Dritte Anordnung auf Grund der Verordnung über die Anmeldung des Vermögens von Juden“ und besagte, dass Juden und Jüdinnen ihre Edelmetalle, Edelsteine und Perlen an bestimmten Sammelstellen abgeben mussten. Von dort wurden die Stücke verkauft. Neben diversen Institutionen wie Museen, städtische Stellen wie Krankenhäuser oder die Silberinnung, die an den Stücken Lehrlinge ausbildete, konnten auch einfache Bürger und Bürgerinnen Wertgegenstände zu, wie oben angedeutet, sehr günstigen Preisen erwerben.

Diverse Museen erforschen seit Jahren ihre Bestände an diesen Stücken, auch das Bayerische Nationalmuseum, hier eine Pressemitteilung von 2023, wo über die Recherche berichtet wird. Aus einer Reise nach Israel, um Gegenstände zu restituieren, entstand auch ein kurzer Film für 3sat: Dr. Wenigers Auftrag. Das Jüdische Museum München beschrieb einen der Fälle in seinem Blog: „Tante Olgas Silberleuchter“.

Das Münchner Stadtmuseum konnte, auch durch die Zusammenarbeit mit dem BNM, fast alle seine unrechtmäßig erworbenen Stücke zuordnen. Aus biografischem Interesse googelte ich auch einfach mal nach Hannover: Ja, natürlich gab es auch dort Fälle.

Durch die Hilfe von Herrn Weniger konnte ich auch den Silberbecher aus dem Ostmarkmuseum zuordnen. Er gehörte dem Ehepaar Bernhard und Adelheid Schwabacher aus München, die beide 1942 nach Piaski (Polen) deportiert und vermutlich dort ermordet wurden. Auch die „Page of Testimony“ von Adelheid Schwabacher in Yad Vashem, die von der Tochter 1995 eingereicht wurde, konnte keinen genauen Todesort nennen: „most probably Sobibor“.

Donnerstag, 15. Januar 2026 – Handycheck!

Sätze, die man nur sagt, wenn man im Winter mit Glätte auf einer mittelalterlichen Burg arbeitet: „Wenn ich in 15 Minuten nicht wieder da bin, bin ich im inneren Burghof auf dem Weg zum Klo gestürzt. Hol mich wieder rein.“

(Ist alles gut gegangen.)

Ich hatte aber Flashbacks zum allerersten Arbeitstag im August 2024: „Anke, erstens: Hier ist der Burgplan.“ (Hier müssen Sie sich jetzt vier DIN-A3-Blätter vorstellen, winzig bedruckt.) „Präg ihn dir gut ein. Zweitens: Geh nie irgendwo ohne Handy hin.“

Letzteres habe ich jeden Tag beherzigt, und man fühlt sich schon einen Hauch sicherer, wenn man in der letzten Ecke im obersten Stockwerk eines hohen Gebäudes rumwühlt, wo nie jemand zufällig vorbeikommt. Den Burgplan kann ich allerdings bis heute nicht auswendig, aber ich finde die Depots und den Weg zurück ins Büro, das reicht.

Mittwoch, 14. Januar 2026 – Büroaussichten

Der erste Arbeitstag im Jahr, der nicht im Home Office stattfand. Ist hübsch grad bei uns, aber das ist es ja immer.

Okay, man sieht mal wieder Österreich nicht, aber das kam im Laufe des Tages immerhin teilweise wieder.

Dienstag, 13. Januar 2026 – Korrespondenz

Im Bayerischen Hauptstaatsarchiv was ganz anderes gesucht, aber halt irgendwas gefunden, wie so oft, Korrespondenz gelesen und mich dann den Rest des Tags von einem NS-Kaninchenloch zum nächsten gehangelt, wie so oft. Ich vermisse die Bibliothek des Historicums der LMU so sehr, aber wenn ich die hätte, würde ich mit nichts fertig werden, weil zu viele Kaninchenlöcher, wie so oft.

(Diesen Eintrag werde ich vermutlich noch monatelang copypasten.)

((Ich liebe meinen Job.))

. . .

Ein Artikel von 2023, der gestern in meiner Bluesky-Timeline landete, ist immer noch lesbar und wichtig: „Der schwierige Umgang mit falschen Familiengeschichten über NS-Verfolgung.

In dieser Erklärung geht es dann um die gesellschaftlichen Zusammenhänge.
Johannes Spohr: Genau, gemeinsam ist allen Gesprächen, dass sie das Verhältnis zwischen Individuum und Gesellschaft verhandeln. Die individuelle Erklärbarkeit eines Falles steht immer im Zusammenhang mit größeren gesellschaftlichen Fragen, Fragen nach dem Publikum und der Wahrnehmung. Daran schließt sich die Frage an, welche Begehrlichkeiten solche Personen verkörpern. Diese falschen Figuren befriedigen ein gesellschaftliches Bedürfnis.

Was für ein Bedürfnis ist das?
Johannes Spohr: Es gibt in der deutschen Gesellschaft ein Bedürfnis nach versöhnlichen Geschichten, die gut erzählbar sind, nicht stark anklagen und etwa nicht von Rache der Verfolgten sprechen. Die Erinnerung an den Holocaust ist zudem sehr westeuropäisch geprägt. Anne Frank ist beispielsweise in Deutschland besonders bekannt, während die Massenerschießungen im östlichen Europa – dort, wo mit Abstand die meisten (häufig aschkenasischen) Jüdinnen und Juden ermordet wurden – erst sehr langsam in das öffentliche Bewusstsein vordringen. Auschwitz ist in diesem Zusammenhang zu einer Chiffre geworden, die teils unabhängig von den realen Vorgängen vor Ort gebraucht wird. Gleichzeitig ist das Wissen über (Mit-)Täterschaft bis heute gering und es gibt eine immense Diskrepanz zwischen wissenschaftlichen Erkenntnissen und konkretem Wissen, etwa über die eigenen Verwandten im Nationalsozialismus.“

Montag, 12. Januar 2026 – Home Office

Die Tagesschau warnte vor Regen, überfrierender Nässe und damit Glatteis ab Mittag, und da ich hoch oben auf einem Berg in einer Burg arbeite und dementsprechend erstmal einen Berg hochfahren und, noch schwieriger, nach Feierabend wieder runterfahren muss, bin ich sehr memmig bei Glatteiswarnungen. In der flachen Ebene, ha, kein Thema, geht alles, aber vor Bergen habe ich weiterhin Respekt. Daher blieb ich im Home Office und muss mir morgen (oder übermorgen?) von den bayerischen Kolleginnen vermutlich ein Ohrvoll anhören.

Wie immer nach einem Urlaub musste ich den Kopf wieder auf Arbeit einstellen. Das Rechner-Passwort funktionierte wunderbar, aber beim Server musste ich ernsthaft kurz nachdenken, in welchen Unterordnern jetzt was lag.

Gute Nachricht vom Bundesarchiv: Meine im Dezember angeforderte Akte wird gescannt und ist dann für alle sichtbar. Das skeetete ich im letzten Jahr schon einmal: Als ich noch promovierte, lief die Akteneinsicht aus der Distanz im Bundesarchiv so: Man bat um eben diese Einsicht bzw. einen Scan des Akts, dann bekam man irgendwann ein PDF und musste dafür bezahlen. Jetzt hatte man zwar ein schönes PDF, aber online, in der Suche des Archivs, war die Akte natürlich immer noch als „ist nicht online“ markiert. Heute ist das viel besser: Man bittet um den Akt, es wird gescannt und die Daten sind dann für alle zukünftigen Benutzer*innen online einsehbar, wenn keine Gründe dagegen sprechen. Und ich bzw. das Museum musste bisher auch noch für keinen Scan bezahlen, vermutlich weil es für die wissenschaftliche Forschung ist. Würde gerne mal wissen, ob auch Studierende inzwischen nichts mehr bezahlen müssen.

Sonntag, 11. Januar 2026 – Urlaubsende

Koffer gepackt, Ikea-Tüte beladen, kleine Kühltasche vollgepfercht (immer schön Lebensmittel von einem Ort an den anderen schleppen), Arbeitsrechnertasche umgeschnallt, Rucksack mit Privatrechner und weiterem Zeug bestückt. Ich habe mir eine neue Winterjacke gegönnt und wollte die Handschuhe aus den Taschen der alten in die neue umbetten, als ich dort auch den Schlüssel zum Museum und meinem Büro fand. Das wäre am Montagmorgen in Passau lustig geworden, wenn ich den in München vergessen hätte. Das ist mir gottlob noch nie passiert, einen wichtigen Schlüssel aus der einen Stadt in der anderen vergessen zu haben. Gestern war ich allerdings sehr nah dran.

Das Auto vollgeladen und im Schritttempo durch den Münchner Schneematsch auf die Autobahn geschlichen. Rund um München ist Autobahnfahren immer fürchterlich, finde ich, alles voll und zu viele Spuren, aber sobald man an der blöden Ausfahrt zum Flughafen vorbei und auf der A93 in Richtung Passau ist, wird alles entspannter. Gestern auch, die Straßen waren größtenteils trocken, die Sonne schien, am Sonntag will nie jemand außer mir in die äußerste Ecke der Republik, es ist immer alles frei und lässig.

Trotzdem traurig gewesen. Das war schön, mal wieder drei Wochen am Stück an F. rumkleben zu können. Ich bin anscheinend immer noch nicht der Typ für Wochenendbeziehungen und ich muss gestehen, ich zähle jetzt die Wochenenden runter, bis der Job hier durch ist. Nicht weil mich der Job nervt, sondern die elende Pendelei. Dafür bin ich anscheinend auch nicht der Typ.

Immerhin einen guten Podcast beim Fahren gehört: „Denkangebot“, dieses Mal mit Anne Rabe, deren Buch Die Möglichkeit von Glück ich 2024 zu meinen besten gelesenen Büchern gezählt habe. Im Gespräch geht es auch um die AfD und warum sie zunächst im Gebiet der ehemaligen DDR einen so großen Zulauf gehabt hat. Inzwischen sind die Wahlergebnisse im Westen ähnlich. Für mich besonders interessant: Rabes Schilderungen um Forschung in der und nach der Wende über die DDR. An einem Satz klebe ich noch besonders, ich zitiere sinngemäß: „Dass die Aufarbeitung der NS-Zeit in der Gesellschaft noch nicht abgeschlossen ist, ist jedem klar. Wieso glauben dann aber viele, dass die Spuren, die die DDR-Diktatur in den Menschen hinterlassen hat, nicht mehr wichtig oder Forschungsthema sind?“ Gute Frage.

Samstag, 10. Januar 2026 – Diözesanmuseum

Wir nutzten den vorletzten Tag der Ausstellung „Göttlich!“ MIT AUSRUFEZEICHEN im Diözesanmuseum Freising, um mal wieder Kunst im Vorbeischlendern zu lernen: „Im Gehen verstehen.“ In der Sonderausstellung mochte ich natürlich die drei Memlings. Zu Hans Memling habe ich ein besonderes Verhältnis, weil er bzw. eins seiner Werke das Sujet meines ersten Referats im Bachelorstudium war sowie Thema meiner ersten Hausarbeit. Die verlinke ich um Gottes willen nicht, aber die Referatsnotizen sind noch okay, glaube ich. (Aww, November 2012!)

Länger gestanden habe ich vor diesem Werk, das netterweise auf Wikipedia zu finden ist. Wenn ich nicht ständig in der Ausstellung gelesen hätte, dass es hier um die Renaissance geht, hätte ich auch auf 1924 tippen können.

Antonio de Saliba: Annunziata (Maria der Verkündigung), Venedig zwischen 1480 und 1497 laut Schild in der Ausstellung, Galleria dell’Accademia Venedig.
Bildquelle: Burkhard Mücke, November 2025, veröffentlicht in der Wikipedia unter CC BY-SA 4.0.

Danach bestaunten wir die Dauerausstellung („is scho zahlt“), entdeckten schöne Rosenkränze und lustige Totenköpfe und begingen dann noch die Licht-Installation von James Turrell, bei der mir ein wenig schwummerig wurde, als ich drin war, und F., als wir rausgingen. Licht, ein Teufelszeug.

Freitag, 9. Januar 2026 – Nana für zuhause

F. und ich waren kurz vor Weihnachten in Hannover im Sprengelmuseum, um uns unter anderem Love you for infinity anzuschauen, eine Gemeinschaftsausstellung mit Yayoi Kusama, Niki de Saint Phalle und Takashi Murakami. Große Empfehlung: Die Ausstellung zeigt sehr deutlich, wie wegweisend Kusama und Saint Phalle schon in den 1960er Jahren waren und dass ihre Werke immer noch zeitgemäß sind.

Unsere Lieblingsbeschäftigung nach dem Ausstellungsgucken in Museen: den Museumsshop nach Schätzen durchsuchen. Hier war der übliche Marketingquatsch wie „Alles mit dem Ausstellungslogo bedrucken“ zu finden, aber auch das tollste Merch, das ich je erworben habe: ein Nana-Ballon.

Es gab ihn in drei Ausfertigungen, wenn ich mich richtig erinnere, aber ich wollte auf jeden Fall den pinkfarbenen. Nach dem etwas mühseligen Aufpumpen (aufblasen hat null funktioniert) stand der Ballon zunächst hinter mir, wenn ich am Schreibtisch saß, aber inzwischen hängt er unter der Flurdecke, wo er auf mich herabschaut und mir weiterhin extrem gute Laune macht.

Das lustige Blümchenkissen von Murakami hätte ich auch gerne mitgenommen, aber das war mir ein Hauch zu hochpreisig. Wir rechnen neuerdings Dinge gerne in den Gegenwert von Weinflaschen um und da gewinnt meistens der Wein, den wir uns kaufen können, wenn wir Objekt X eben nicht erwerben. Aber der Ballon war bezahlbar und fühlt sich für mich schon nach wenigen Tagen fast unbezahlbar an, weil ich wirklich immer grinse, wenn ich unter ihm durchlaufe. Darauf einen Billo-Wein.

Donnerstag, 8. Januar 2026 – Mokum

Ich habe noch bis Sonntag Urlaub, weswegen ich weiterhin Urlaubsdinge mache. Gestern waren F. und ich zum wiederholten Mal in unserer Lieblings-Tagesbar, dem Mokum. Julia Kolbeck, Florian Rottensteiner und Tim Meier haben den kleinen Laden im letzten Jahr eröffnet. Julia kennen wir als Sommelière von Tohru und Jan, Florian und Tim haben im Werneckhof, damals noch unter der Leitung von Tohru Nakamura, gemeinsam gekocht. Mehr über den wirklich schönen Laden erfahrt ihr zum Beispiel im Podcast Kalk & Kegel (Spotify-Link).

Wir hatten gemütlich um 15 Uhr reserviert und blieben gnadenlos bis kurz vor Schluss, weswegen wir uns drei Flaschen Wein gönnen bzw. uns richtig Zeit lassen konnten und trotzdem höchstens latent angeschwipst in Richtung U-Bahn stapften, sehr satt und wie immer sehr zufrieden.

Uns erwartete beim Ankommen eine handgeschriebene Karte mit unseren Namen und ein paar Grüßen vom ganzen Team. Wir begannen mit einem weißen Burgunder von Arnaud Ente, bei dessen Namen ich immer grinsen muss, aber no jokes with names, wissen wir ja. Danach genossen wir zwei Weine von unserem Liebling Michel Lafarge, von dem wir noch keinen einzigen getrunken haben, der belanglos war. Auch deswegen gehen wir gerne in Läden wie das Mokum, das eine kleine, aber äußerst feine Weinkarte hat: Man bekommt dort auch Weine, die für den schnöden Endverbraucher eher schwer zu kriegen sind.

Zu essen gab’s natürlich auch was, denn wie andeutungsweise erwähnt waren wir sieben Stunden vor Ort, da wird man ein bisschen hungrig.

„Bites for bubbles“ steht auf der Karte und das ist es dann auch. Hervorragende Idee, wenn man nur für ein, zwei Gläschen reinschaut oder als Start für mehr. Und weil ich es nicht mehr gewohnt bin zu bloggen und dafür zu fotografieren, waren zwei der Bites schon angeknabbert, bevor ich mich an mein iPhone erinnerte.

Forelle nach Matjes-Art mit Buttermilch, Apfel und Dill. Im Hintergrund diverse Olivenkerne, Beleg für einen weiteren guten Snack.

Rindertatar mit Trüffelmayonnaise und gebeiztem Eigelb. Wir nahmen bei beiden Gängen noch einen Hauch Kaviar dazu.

Schlutzkrapfen mit Pilzen, Ricotta und Beurre blanc. Totales Glücklichmacheressen. Im Hintergrund selbstgebackenes Brot, von dem ich auch den ganzen Abend naschte, plus Salzbutter.

Blutorangensorbet mit anderen Dingen, die ich schon wieder vergessen habe, die aber so lecker waren, dass ich davon eine zweite Portion orderte.

Auf der Homepage vom Mokum steht der Leitspruch für den Laden: „Home away from home.“ Genauso hat sich der gestrige Tag angefühlt. Das war alles ganz hervorragend, gut gelaunt und total entspannt.

Mittwoch, 7. Januar 2026 – Diamanten

Die Doku Diamanten. Mythos und Marketing auf arte hatte ich schon vor ein paar Tagen gesehen und auf Bluesky empfohlen, aber ich mache das hier gerne nochmal. Es ist eine schicke Mischung aus Werbungshistorie („A diamond is forever”), Geschichte des Handels (ich war über Kuba überrascht) und der heutigen Möglichkeit, Diamanten im Labor herzustellen, die sich chemisch null von denen unterscheiden, die mit Riesenaufwand und Umweltschäden aus der Erde geholt werden. Der einzige Unterschied ist das Gefühl, wenn man sein Schätzchen im Ring anschaut: Hast du Millionen von Jahren Erdgeschichte in dir oder bist du zwei Monate alt? Und was macht das mit dem Träger oder der Trägerin? Ich war dummerweise selbst davon überrascht, dass ich zu einem geschürften Steinchen neigen würde, eben wegen des Alters. Man sollte keine Dokus schauen. Okay, vergesst den Eintrag, klickt lieber auf Insta rum.

Dienstag, 6. Januar 2026 – Neue CD

Ich erwähnte bereits, dass F. mir drei CDs zu Weihnachten geschenkt hatte; die eine mit sämtlichen Werken für Cello und Klavier von Bohuslav Martinů hörte ich gestern erstmals aufmerksam durch. Ich lege euch hiermit die Cello-Sonate Nr. 3 (1952) ans Herz und frage alle Musikexpert*innen an den Empfangsgeräten: Gibt es einen Begriff für den Übergang aus weiß der Geier welchen Tonarten zu diesem satten Akkord, wie es hier bei Nummer 1 und knapp vor Nummer 2 auf dem Notenblatt zu hören ist? Oder hier im zweiten Satz meines Lieblingsstücks, dem Cello-Konzert Nr. 1, zum Beispiel bei Minute 15:51? Ich meine, es ist kein reiner C-Dur-Akkord, aber meine Notenlesekenntnisse sind gefühlt alle von vor Jahrzehnten.

Ich verbinde mit Martinů immer diese dramatische Auflösung, in der alles zusammenkommt und sich einig ist und alles gut wird. Diese bestimmte Klangfarbe, die gefühlt mehr ist als ein simpler Dur-Akkord, kriegt er warum auch immer in meinen Ohren unnachahmlich hin, und sobald einer dieser Akkorde erklingt, stellen sich meine Nackenhaare auf und es fühlt sich an, als ob mir die Welt den Kopf tätschelt.

Der zweite Satz des 1. Cello-Konzerts ist mein Favorit für die Tage, an denen ich und alles um mich rum mal runterkommen muss; er steckt voller dieser Akkorde. Der Satz fängt hier an und dauert gute zehn Minuten. Vielleicht habt ihr ja heute dooferweise so einen Tag. Aber keine Bange, Martinů ist für euch da.

Montag, 5. Januar 2026 – Gräber

F. nahm mich auf den Nordfriedhof mit, auf dem seine Großeltern bestattet sind. Wir spazierten auf dem ruhigen Areal herum, lasen Inschriften auf Steinen und Stelen und besprachen erstmals, wie unser Grabstein mal aussehen sollte. Das ist ja auch schön, dass man nach über zehn Jahren noch neue Themen findet.

Auf dem Geländeplan entdeckte ich eine Anmerkung, die ich noch nicht kannte: „Auf Münchner Friedhöfen befinden sich Gedenkgräber für die Opfer rechtsextremer, rassistischer und antisemitischer Attentate und Anschläge.“ Auf dem Nordfriedhof ist Guiliano Kollmann bestattet, der 2016 beim, Zitat Geländeplan, „rechtsterroristischen rassistischen Anschlag am Olympia-Einkaufszentrum“ ermordet wurde. Die Lage des Grabs war als einziges im Plan vermerkt, wir gingen später zufällig daran vorbei. Ebenfalls beim Schlendern entdeckt: das Familiengrab der Defreggers, wo ich den Maler Franz kannte, oder die Gedenkstele von Ernst Mach, auf die mich F. hinwies.

Eigentlich waren wir auf der Suche nach einem anderen Grab, fanden es aber nicht. Auf dem Weg zum Ausgang entdeckte ich allerdings eine weitere Grabstätte, was den Kreis schön schloss in dieser Stadt, in der Rechtsextremismus leider zu lange und zu oft zuhause war und ist.

Paul Ludwig Troost (1878–1934) entwarf die NS-Parteibauten am Königsplatz, also zum einen den sogenannten „Führerbau“, in dem sich Hitlers Arbeitszimmer befand und 1938 das Münchner Abkommen unterzeichnet wurde. Heute ist dort die Musikhochschule untergebracht. Der zweite Bau ist das NS-Verwaltungsgebäude, das heute Haus der Kulturinstitute heißt; unter anderem befindet sich hier das Zentralinstitut für Kunstgeschichte mit seiner wunderbaren Bibliothek. Ich weiß immer, wo ich sitze, wenn ich über den NS forsche. Der dritte von Troost geplante Bau in München ist das Haus der (deutschen) Kunst.

Seine Frau Gerdy (1904–2003) übernahm nach Ludwigs frühen Tod sein Architekturbüro und auch Funktionen im NS-Staat. Sie gab 1938 das zweibändige Werk Das Bauen im Neuen Reich heraus, in dessen Neuauflage 1942 sie auch über die neuen Reichsautobahnen schrieb. Daher zitierte ich sie natürlich in meiner Diss. Eine Kostprobe von vielen, die belegen, dass die ollen Straßen nicht nur olle Straßen waren:

„Über Weichsel, Warthe und Rhein greifen die Reichsautobahnen hinüber in alte deutsche Kulturlandschaften, die von den Kriegsentscheidungen ins Reich zurückgeführt wurden. Der Gedanke, Tore nach Osten und Westen, Tore in die große deutsche Heimat öffnen, hat in den Entwürfen für die großen Strombrücken sinnvoll Gestalt gewonnen. Mit symbolischer Macht sprechen diese Brücken von der glückhaften Vollendung Deutschlands, dessen Lebensadern sie hinüberleiten in das heimgekehrte Land.“

(Quelle: Gerdy Troost: Das Bauen im Neuen Reich, 2 Bd., Bayreuth 1942, Bd. 2, S. 6.)

Sonntag, 4. Januar 2026 – Was schön war

Lange geschlafen. Gemeinsam gefrühstückt. Avocado mit Chili und Schnittlauch. Scrabble gespielt und wie immer gegen F. haushoch verloren, was einen Hauch an meiner Ehre kratzt. Aber immerhin in zwei Etappen das Wort „Hurenkind“ untergebracht. Leider keine Kopf- oder Filzläuse legen gekonnt, ich blieb bis zum Schluss auf meinem Z sitzen. Bei „Junis“ mussten wir den Duden fragen, ob es gilt: gilt. Es ist ein Genitiv und selbst als Plural wäre es okay, wenn auch sehr selten.

Gelesen, rumgesessen, geplaudert, geschwiegen, als spätes Mittagessen die Samstag erworbenen Croissants vom Lieblingsbäcker genossen.

Abends mit netten Menschen Käse, Schinken, Wein und Whisky verzehrt. Die schöne neue Handtasche zum zweiten Mal ausgeführt; sie durfte Samstag schon zum Bäcker. Sie ist eigentlich eine Abendhandtasche, in die nichts reinpassen muss, aber mir fiel auf: Wenn ich Brot und ähnliches einkaufe, brauche ich ja nur meine EC-Karte und eine Einkaufstasche. Das passt beides rein.

Ansonsten sieht das gute Stück von Furla mit den unterschiedlichen Abendklamotten wie in den folgenden Bildern aus. Das mittlere Outfit ist der Hauptgrund, warum ich sie in orange wollte. Seit ich sie das erste Mal online gesehen (und dann brav auf den Sale gewartet) habe, fand ich die Farbe irre. Zuerst dachte ich, ich habe überhaupt nichts orangefarbenes im Schrank, die passt ja zu gar nichts, bis mir auffiel: Deswegen passt sie zu allem.

Samstag, 3. Januar 2026 – Reading

Aus dem Atlantic, Geschenkartikel: „Reading Is a Vice“ von Adam Kirsch. Der Autor beschreibt, wie viele weitere vor ihm, dass zu viele Menschen nicht mehr oder kaum noch Bücher lesen. Es kommt aber ein Argument vor, das ich noch nicht kannte:

„If people won’t read books because they enjoy it, perhaps they can be persuaded to do it to save democracy. The International Publishers Association, which represents publishers in 84 countries, has spent the past year promoting the slogan “Democracy depends on reading,” arguing that “ambitious, critical, reflective reading remains one of the few spaces where citizens can rehearse complexity, recover attention and cultivate the inner freedoms that public freedoms require.”“

Kirsch entkräftet das in seinen Augen unsinnige Argument aber gleich wieder:

„The problem with these kinds of arguments isn’t that they are wrong; it’s that they don’t actually persuade anyone to read more, because they misunderstand why people become readers in the first place. Telling someone to love literature because reading is good for society is like telling someone to believe in God because religion is good for society. It’s a utilitarian argument for what should be a personal passion.“

Der Autor beschreibt im Folgenden seine eigenen Leseerfahrungen, von denen vermutlich jede*r Leser*in genügend aufzählen kann: warum lese ich, warum lese ich gerne, was und wann lese ich gerne usw. Aber diese Beschreibung fand ich sehr schön:

„Being a reader means cultivating a relationship with the world that, by most standards, can seem pointless and counterproductive. Reading is not profitable; it doesn’t teach you any transferable skills or offer any networking opportunities. On the contrary, it is an antisocial activity in the most concrete sense: To do it you have to be alone, or else pretend you’re alone by tuning out other people. Reading teaches you to be more interested in what’s going on inside your head than in the real world.“

Aus dem letztgenannten Grund funktioniert auch das Argument nicht, mit Lesen die Demokratie zu retten. Mit Geschichtsbüchern ganz eventuell, aber im Artikel geht es genau um die nicht, sondern um Romane, in denen Welten erfunden werden, die uns aus der bereits bestehenden herausreißen. Kirsch schließt mit einem Bild, das mir persönlich sehr bekannt ist:

„If we want to keep reading from going extinct, then the best thing we could do is tell young people what so many great writers readily admit: Literature doesn’t make you a better citizen or a more successful person. A passion for reading can even make life more difficult. And you don’t cultivate a passion for the sake of democracy. You do it for the thrill of staying up late to read under the covers by flashlight, unable to stop and hoping no one finds out.“

Unter der Bettdecke lese ich meine derzeitige Lektüre, ein Geschichtsbuch, natürlich, nicht, dafür ist sie zu unhandlich. Aber von den knapp 2000 Seiten Ulbricht-Biografie habe ich nun immerhin schon 250 hinter mir und kann das Buch (bzw. die ein, zwei Bücher) bisher sehr weiterempfehlen. Ich besitze die nur 12 Euro günstige Gesamtausgabe der BPB, aber die scheint schon vergriffen zu sein. Sie ist wirklich umständlich zu halten (bräuchte ein Lesepult), aber: 12 Euro sind deutlich weniger als *checks Verlagswebsite* 116.

Freitag, 2. Januar 2026 – Abgeschmückt

Im letzten November erwarb ich erstmals einen Weihnachtsbaum aus Plastik.

2024 hatte mich das nämlich etwas traurig gemacht, dass ich weder in Passau noch in München so ganz bin und deswegen meiner Lieblingsbeschäftigung im Dezember – den geschmückten und mit funkelnden Lichterketten geschmückten Weihnachtsbaum anstarren – an keinem Ort genügend frönen konnte. Ich hatte auch keinen Adventskranz, denn an den Wochenenden war ich zwar immer in München, aber eben nur an den Wochenenden, weswegen sich der Kranz dort gar nicht lohnen würde, weil ich die Kerzen quasi dauerbrennen lassen müsste, damit sich das an den zwei Tagen lohnt, und ja, ich kann mir über so einen Firlefanz tagelang Gedanken machen. Also, 2024 keinen Adventskranz. Deswegen lohnte sich auch die Anschaffung des Baums am üblichen Monatsanfang nicht, denn ich war ja nur zwei Tage von sieben in der Woche da, um starren zu können. Also kaufte ich den Baum in München wahnsinnig spät, schmückte eilig, baute ihn gefühlt fünf Minuten später wieder ab und entsorgte ihn nach dem 6. Januar, hatte in Passau gar keinen Weihnachtsschmuck und war mit der Gesamtsituation äußerst unzufrieden gewesen.

Daher dachte ich 2025 darüber nach, zwei Bäumchen anzuschaffen, was mir aber selbst nach wenigen Sekunden schon sehr albern vorkam. Außerdem hätte ich dann noch einen zweiten Weihnachtsbaumständer erwerben müssen und wo entsorge ich überhaupt in Passau einen Baum? Plan verworfen. Netterweise sprachen wir in der Mittagspause über Christbaumkauf (as the cool people hier unten call it), und meine Kollegin meinte, sie habe sich gerade nach dem Umzug einen Plastikbaum gekauft, der stünde auch jetzt schon im November, weil schön. Ich fühlte mich total verstanden, fuhr nach Feierabend schnurstracks ein paar Baumärkte ab, besah mir die Dinger mal von nahem im Original und erwarb schließlich diesen hier in 150 cm. Er sieht nicht ganz so füllig aus wie auf dem Foto, aber sonst passt die Abbildung.

Es gibt übrigens ganz schlimm aussehende Plastikbäume und welche, die wirklich gut sind. Klar sieht man, wenn man direkt davor steht, dass es keine echten Nadeln sind, aber ganz ehrlich: Ich brauche schlicht irgendwas grünes Pyramidenartiges, an das ich Kugeln und Lichter basteln kann.

Mein Plan war nun nach dem Erwerb des Baums: Ich bringe mir am Wochenende aus München ein paar Kugeln mit, dann baue ich den Baum in Passau auf, schmücke ihn, finde alles toll, und am letzten Tag in Passau vor dem dringend nötigen dreiwöchigen Weihnachtsurlaub baue ich alles ab, verstaue es im Auto, gondele nach München, baue den Baum erneut auf und finde weiterhin alles toll.

Der Plan hat immerhin so halb funktioniert, denn natürlich habe ich es nicht mal einen Tag ausgehalten, den Baum nicht aufzubauen. Ich musste schließlich gucken, ob auch alle Teile da sind, logisch, Verbraucherschutz geht mir ja über alles. Also öffnete ich den Karton, baute Ständer, zwei Stangen und eine lustige Spitze zusammen und steckte dann jeweils sechs mal sechs Äste in derselben Länge an die mittigen Stangen, nachdem ich sie etwas aufgefächert hatte. Es war alles im Paket, was drin sein sollte, aber nun stand ein ungeschmückter Baum bei mir im Zimmer, und das hielt ich erneut genau einen Tag aus, bevor ich in einem lustig-bunten Einrichtungsgeschäft in Passau formschöne Kugeln und eine lange Lichterkette erwarb. Dann wurde geschmückt und alles war gut.

Der Rest vom Plan ging auf; ich hatte in Passau wochenlang einen Baum zum Anstarren, baute ihn am 18. Dezember ab, fuhr mit ihm am 19. nach München, baute ihn dort sofort wieder auf, ballerte ihn erneut mit Kugeln voll und starrte weiter. Und auch wenn ich es 2024 für sinnlos gehalten habe: In München wurde ein preisgünstiger Supermarkt-Adventskranz erworben, an dem an den Wochenenden die kleinen Stümpfchenkerzen brannten, und das hat gereicht und mich erfreut.

Gestern entschmückte ich den Baum, wie es sich für mich nach Silvester gehört, baute ihn wieder auseinander, verstaute ihn erneut im Karton und trug ihn auch gleich in den Keller. Damit ist 2025 für mich offiziell rum. Und in nur elf Monaten hole ich den Karton wieder hoch und habe dann eine noch größere Auswahl an Kugeln als im letzten Jahr, ich Schlaumeierchen.