Tagebuch Donnerstag, 24. August 2023 – Nochmal Alltag

Vor der Arbeit gedrückt und einen neuen Wikipedia-Artikel zu Franz Hofmann geschrieben, den ich ohne meine Arbeit nicht hätte schreiben können. Wie immer schlechte Laune gehabt. Nicht wegen der Arbeit an sich, sondern wegen der Inhalte und Personen. Das bleibt mein ewiger Zwiespalt: Es macht mich so glücklich zu forschen, zu lesen, in Archiven zu wühlen und in Bibliotheken, aber die Erkenntnisse dieser Arbeiten sind halt selten dazu geeignet, vor sich hinzupfeifen und die Welt toll zu finden. Eher das Gegenteil.

Tagebuch Mittwoch, 23. August 2023 – Alltag

Schreibtischtag. Happy Hunting in Ausstellungskatalogen und Datenbanken.

Festgestellt, dass eingefrorener Kuchen bei 30 Grad im gefrorenen Zustand super schmeckt und quasi beim Essen auftaut.

Abends die Henkersmahlzeit für eine Mücke gewesen.

Tagebuch Dienstag, 22. August 2023 – Zwei Zitate

In den letzten zwei Büchern, die ich las, fiel mir eine unerwartete Gemeinsamkeit auf, die das Urteil über Menschen betreffen. Musste wieder an den sprichwörtlichen „Firnis der Zivilisation“ denken. Außerdem an die Fassungslosigkeit der Hauptfiguren, die sich durch beide (halb-fiktionale) Bücher zieht und die ich, natürlich, auch aus anderen Aufzeichnungen von Häftlingen kenne. Diese komplette Verständnislosigkeit der sinnlosen Grausamkeit gegenüber, die Menschen anderen Menschen gegenüber ausüben. Weil sie es auf einmal können.

„Es läßt sich schwer beschreiben, was Johannes seit seiner Ankunft im Lager empfand. Es war nicht so sehr das Gefühl des Schreckens oder der Verstörung oder einer dumpfen Betäubtheit. Es war vielmehr die Empfindung einer immer zunehmenden Kälte, die aus einem bestimmten Punkt seines Innern sich immer weiter ausbreitete, bis sie seinen ganzen Menschen erfüllte. Es war ihm, als erfriere sein bisheriges Leben und seine ganze Welt und als könne er nur noch wie unter einer blinden Eisdecke auf etwas ganz Fernes blicken, und in dieser Ferne bewegten sich lautlos und unwirklich die Gestalten seines bisherigen Daseins, seine geliebten Menschen, seine Bücher, seine Hoffnungen und Entwürfe. Alle schon von dem Keim des Todes gezeichnet, dem Verfall anheimgegeben, sinnlos in einer Welt, in der diese Pfarrerssöhne herrschten. Er fühlte, wie die eisige Kälte seine Träume zerbrach, wie der Frost die Blütenstengel zerbricht, wie durch das Bild Gottes ein Sprung hindurchlief, der nicht mehr heilen würde, und wie nur eines sich lautlos und ungeheuer vor ihm aufrichtete, was er früher gerne mit Träumen und Wünschen verziert und bekleidet hatte: die nackte, erbarmungslose Wirklichkeit, das Gesicht des Menschen, wie es war, wenn man ihm Macht gab, ihn der Fesseln entkleidete und ihn zu dem zusammenballte, was man »Masse« nannte.“

Ernst Wiechert, „Der Totenwald“, Leipzig 1989, S. 55. 1937 geschrieben, 1946 veröffentlicht, Buch bei der Wikipedia, Buch bei Suhrkamp, ganzer Text bei Gutenberg.

„‚You don’t know what makes anybody tick. I used to think out there is out there and then once you’re in here, you’re in here. That everybody in Nickel was different because of what being here does to you. Spencer and them, too – maybe out there in the free world, they’re good people. Smiling. Nice to their kids.‘ His mouth squinched up, like he was sucking on a rotten tooth. ‚But now that I been out and I been brought back, I know there’s nothing in here that changes people. In here and out there are the same, but in here no one has to act fake anymore.‘“

Colson Whitehead, „The Nickel Boys“, London 2019, S. 79. Pulitzer-Würdigung.

Tagebuch Montag, 21. August 2023 – Gelernt:

Bisher habe ich Muhammara, einen meiner liebsten Dips, nicht allzu oft zubereitet, weil das Rösten und Abziehen von Paprika manchmal nervt. Bei 30 Grad noch mehr. Aber: Meine liebste Vegan-YouTuberin bastelte das herrliche Zeug neulich mit, wer hätte es gedacht, Paprika aus dem Glas. Davon hatte ich sogar eins. Nachgebaut, probiert, mache ich jetzt immer. (In mein Muhammara kommt kein Granatapfelsirup.)

Eine andere Dame, der ich gerne auf YouTube zuschaue, kocht auch ab und zu in ihren Videos. Im neuesten zeigt sie Tofu, was mich jetzt nicht überraschen konnte, aber: Ihre Frühlingszwiebeln kamen schon vorbereitet in Ringe geschnitten aus der Plastikbox.

Ich preppe meine Möhren nach dem Kauf immer, schäle sie und schneide sie so zurecht, dass sie in meine Box passen, die im Gemüsefach steht. Wenn ich sie verwenden will, muss ich sie nur noch in Juliennes verwandeln. Es ist vermutlich zeitlich ein ähnlicher Aufwand, alle Möhren erst bei der Zubereitung zu schälen, aber ich mag das, immer fertige Sticks zu haben. Und weil meine Frühlingszwiebeln gerne mal trockene Blätter bekommen, ganz egal wie oft ich sie in asiatisch angehauchte „Alles muss raus“-Teller werfe, preppe ich jetzt auch meine Zwiebeln.

Außerdem gelernt, wie groß mein Kopfumfang ist. Werde wohl doch allmählich einen Fahrradheln kaufen wollen.

Die Geschichte von Baťa, via dieses Tröts.

Es ist 2023. Ich vergesse seit der offiziellen Pandemiezeit echt manchmal, welches Jahr wir haben, weil die letzten drei Jahre ineinander schwimmen. Dass es 2023 ist, merkte ich mal wieder an einer Rezension von Michael Wildt, die sich mit Büchern zum Jahr 1923 beschäftigt. Ich schätze Wildt sehr, und hier erinnert er erstens daran, dass es meist Männer sind, die über Geschichte schreiben bzw. die publiziert und rezensiert werden, und zweitens, dass es heute auch andere Möglichkeiten gäbe, sich mit Geschichte und ihrer Darstellung auseinanderzusetzen.

Rezensionsessay: 1923 als Kristallkugel?

„Das Jahr 1923 macht auf dem Büchermarkt Furore. Das mag zum einen an der „Jubiläumitis“ (Marco Demantowsky) liegen, die uns mit einem 100-Jahre-Schlepptau immer neue Anlässe bietet, Aufmerksamkeit und Kaufverhalten zu stimulieren. Zum anderen bündelt dieses Jahr wohl wie kein anderes die Stereotypen von der Weimarer Republik, die medial derzeit en vogue sind: Babylon Berlin, Grusel und Faszination, Tanz auf dem Vulkan. Und in der Tat entsprechen eine Reihe von Neuerscheinungen zum Jahr 1923 exakt diesen Erwartungen, indem sie – frei nach der so erfolgreichen Vorlage von Florian Illies‘ „1913“ – wie im Zeitraffer kurze Episoden, biografische Abrisse, Ereignisse aus der Welt der Kultur präsentieren, meist sogar mit der chronologischen Struktur des Kalenders, um ein Zeitbild dieses Jahres einzufangen. Es ist aber auch eine erstaunliche Vielzahl von geschichtswissenschaftlichen Büchern erschienen, die den Anspruch erheben, im Jahr 1923 gewissermaßen den Nukleus der Ambivalenz der Weimarer Republik zu erkennen, eben nicht als Menetekel ihres Scheiterns, sondern auch als Möglichkeit, der Krise zu entkommen. […]

Alle vier Bücher von Jones, Longerich, Reichel und Ullrich offenbaren ein grundsätzliches Problem der Narration. Denn die Fokussierung auf ein Jahr, in dem sich so viel parallel ereignet, lässt sich kaum in die Form einer linearen Erzählung, die ein Buch darstellt, bringen. […] Vielleicht ermuntern die eingangs erwähnten, konventionell konzeptualisierten feuilletonistischen „Jahresbücher“, die zweifellos vor allem einer Marktlogik folgen, dazu, auch wissenschaftlich neue, kreative historische Erzählformen zu finden, weit stärker als bisher mit visuellem Material oder mit digitalen Elementen zu arbeiten, um die strenge lineare Narration zu durchbrechen und mit hybriden Hypertexten zu experimentieren.“

Tagebuch Sonntag, 20. August 2023 – Lucille Clifton

Sehr lange auf dem morgendlichen Balkon gesessen mit dem derzeit üblichen Glas Lungo und ordentlich Milchschaum, plus Wasser, alles auf einem silbernen Plastiktablett, das ich mal wieder vom Mütterchen überreicht bekommen habe beim letzten Besuch, „nimm mit“. Ein Buch ausgelesen, das hatte ich peinlicherweise gestern schon im Blogeintrag vermerkt, den ich nach dem Morgenbalkon verfasst hatte, ein neues angefangen, nämlich „The Nickel Boys“ von Colson Whitehead. Steht seit Ewigkeiten auf meinem Wunschzettel, aber als ich Freitag in der Stadtbücherei meinen neuen Ausweis bekam und danach durch die Regale schlenderte, stand es vor mir, schön auf Englisch, gleich mal mitgenommen. Bibliotheken rocken in jeder Form.

Es ist zu warm. Kann den Samstag nicht erwarten, wo es endlich tagsüber weniger als 30 Grad werden sollen.

Viel Gemüse und Obst geschnippelt, weil nicht so wirklich kochlustig bei über 30 Grad. Die Fruchtfliegen leben ihr best life, aber ich habe Balsamicoessig und Spülmittel und deswegen ist ihr best life in meiner Küche recht kurz.

In einem Artikel im „Atlantic“ stand, dass die Serie „ER“ überraschend gut gealtert sei. Gleich mal die ersten vier Folgen gerewatcht. War okay, aber es hat mich fertig gemacht, dass diese Folgen 1994 entstanden sind. 29 Jahre! Damals war ich ein anderer Mensch! Oder habe ich nur ein anderes Leben gelebt? Denke immer noch darüber nach.

(Ich kann den verlinkten Artikel hinter der Paywall nicht verschenken. Warum nicht, Atlantic? Knurr.)

Im Artikel fand ich auch ein Gedicht, das ich gleich mal vertrötet habe. Hier ist es nochmal:

i am not done yet

as possible as yeast
as imminent as bread
a collection of safe habits
a collection of cares
less certain than i seem
more certain than i was
a changed changer
i continue to continue
what i have been
most of my lives is
where i’m going

Lucille Clifton

Ellen Cushing, die im Artikel zu ihrer kulturellen Nutzung befragt wurde, antwortete auf die Frage „A poem, or line of poetry, that I return to“ nämlich:

„I am a generally sloppy and frustrated baker, but every time I try, I find myself repeating—as a sort of incantation—the vivid, compact, flawless opening lines from “i am not done yet,” by Lucille Clifton: “as possible as yeast / as imminent as bread.” It’s a poem about becoming, about the endless act of inching closer to who we are meant to be. It says, We are never finished. It says, Maybe today is the day you wait long enough for your dough to rise.“

Tagebuch Freitag/Samstag, 18/19. August 2023 – Urlaub

Meinen Ausweis der Stadtbücherei … ich möchte schreiben: verlängert, aber da ich die Karte irgendwie verschlampt habe, bekam ich eine neue, die dann etwas Geld gekostet hat, ist okay, Strafe muss sein. Dann den erneuten Jahresbeitrag gelöhnt, und jetzt kann ich für 25 Euro ein Jahr lang Filme gucken und Zeitung lesen. Und Bücher ausleihen, ist klar.

Das Abschiedsgeschenk aus dem Lenbachhaus war ein Büchergutschein, den ich gleich mal in der Munich Readery einlöste. Und hey, nur ein Buch gekauft, das ich seit Jahren besitze! Vorhaben für die Rente: einen Katalog für die eigenen Bücherregale anlegen.

Klaus Manns „Mephisto“ sowie Ernst Wiecherts „Der Totenwald“ beendet. Wenn ich Ihnen beides ans Herz legen bzw. für den eigenen Bücherstapel empfehlen dürfte? Gibt’s doch bestimmt günstig bei antiquariat.de.

Bei antiquariat.de ein Buch erworben, das mir eine der Lenbachhaus-Provenienzforscherinnen empfohlen hatte. Das hatte ich natürlich schon vor Jahren in der Stabi gelesen, aber sie meinte, die Anschaffung würde sich lohnen. Ja dann.

Weiter mit meinem Aquarellkasten rumgespielt, diverse YouTube-Videos geguckt. Bin jetzt von Tutorials gewechselt auf Menschen, denen ich einfach beim Malen zugucke. Fühle mich sehr rentnerig beim Blümchenpinseln, aber auch ziemlich entspannt und gut gelaunt.

Dass bei der Nationalhymne, die stets bei der Bundesligaeröffnung gespielt wird, das halbe Stadion pfeift anstatt mitzusingen, gibt mir Hoffnung darauf, dass dieses Land doch noch nicht ganz verloren ist.

Fußball geguckt, gelesen, gekocht, die Hitze ertragen, geschlafen, den Kopf ausgemacht.

Mit Turner auf Reisen

Meine letzte Amtshandlung in der Elternzeitvertretung im Lenbachhaus war ein Blogeintrag zur Turner-Ausstellung, die im Oktober eröffnet wird. Der Eintrag inklusive der meisten Zitate beruht fast komplett auf dem Buch „Turner. The Extraordinary Life and Momentous Times of J.M.W. Turner“ von Franny Moyle.

Wer mag, kann zum Lenbachhaus rüberklicken und ihn dort lesen. Wer ein paar Links zu Bildern und der Wikipedia möchte, bleibt hier:

Ab dem 28. Oktober zeigen wir „Turner. Three Horizons“ im Kunstbau. Die Werke von Joseph Mallord William Turner (1775–1851) erzählen auch von seinen vielen Reisen durch die Natur in Großbritannien und Europa.

Turner fiel bereits als Kind durch seine Landschafts- und Architekturzeichnungen auf, weswegen er schon mit 14 Jahren ein Stipendium an der Royal Academy of Arts in London erhielt. Dort gab es allerdings keinen Lehrstuhl für Landschaftsmalerei; sie galt erst im 19. Jahrhundert als akademische Gattung. So brachte sich der junge Turner die nötigen Fähigkeiten selbst bei, vor allem durch intensives Naturstudium. Nach und nach verließ er London für immer weitere und längere Reisen – zunächst durch England, Schottland und Wales und ab 1802 auch durch Europa.


?Margate: The Great Beach with the Pier and Lighthouse and Jarvis’s Landing Place at Sunset“, c. 1829–40, Joseph Mallord William Turner.
© Tate, Photo © Tate, CC-BY-NC-ND 3.0 (Unported)

Ende des 18. Jahrhunderts war Reisen eher beschwerlich als erholsam. Viele wohlhabende Bürger*innen reisten daher lieber in ihrer Vorstellung, indem sie Gemälde und Drucke mit Landschafts- oder Stadtmotiven kauften. Noch im 17. Jahrhundert zeigten diese Ansichten oft kontinentaleuropäische Szenerien. Zu Turners Zeit begann eine anhaltende Faszination für die englische Landschaft und ihre Bauten, Klöster, Schlösser und Landsitze. Das lag auch am Krieg gegen das revolutionäre Frankreich, der den Kontinent für viele britische Reisende schwerer zugänglich machte. Einer der ersten Orte, die Turner als junger Mann bereiste, war Margate im Osten Englands. Hier sah er zum ersten Mal das Meer, das ihn zeitlebens als Motiv begleiten sollte.


Cader Idris: A Stream among Rocks near the Summit“, 1798, Joseph Mallord William Turner. © Tate, Photo © Tate, CC-BY-NC-ND 3.0 (Unported)

Um unterwegs arbeiten zu können, trug Turner eine Art Reiseaquarellkasten mit sich. In einer kleinen Ledertasche verwahrte er Aquarelltabletten, die in Wasser aufgelöst wurden. Während frühere Künstler*innen sich ihre Farbpigmente noch selbst mischten, konnte Turner auf fertige Farben zurückgreifen, die er dann in der gewünschten Stärke anrührte. Die Skizzenbücher, die der Maler auf seinen Reisen zu Dutzenden benutzte, sind bis heute erhalten geblieben. Eine Seite aus dem Hereford Court Sketchbook zeigt den Bergrücken Cader Idris in Wales. Offensichtlich geriet Turner beim Malen in einen Regenschauer, denn die Seiten sind mit Wassertropfen übersät. Der Maler Joseph Farington schrieb in seinem Tagebuch, dass Turner 1798 in Süd- und Nordwales unterwegs gewesen sei: „alone and on horseback – out 7 weeks – much rain but better for effects.“

Im März 1802 beendete der Friede von Amiens den Zweiten Koalitionskrieg, in dem Großbritannien unter anderem gegen Frankreich gekämpft hatte. Nachdem der Ärmelkanal neun Jahre lang für Tourist*innen gesperrt gewesen war, nutzte Turner nun die Gelegenheit, nach Frankreich zu reisen. Er war nicht allein: Im September 1802 befanden sich laut eines Chronisten mindestens 12.000 britische Gäste in Paris. Auch viele von Turners Malerkollegen reisten in die französische Hauptstadt, denn seit 1793 war der Louvre ein öffentlich zugängliches Museum. Der britische Emissär in Paris beschwerte sich in London über die große Menge an Reisepässen, die er ausstellen musste – auch an Parlamentarier, die teilweise nur für einen Tagesausflug nach Calais fuhren. Turner besuchte mit Farington und anderen Freunden verschiedene Ausstellungen zu französischer Kunst, die er allerdings eher negativ beurteilte: „very low – all made up of Art.“ Damit meinte er, dass die nachrevolutionäre Kunst auf ihn sehr stilisiert wirkte und – in seinem Sinne – wenig natürlich.

Turner hatte neben Paris noch ein anderes Ziel: die Alpen. Auf dem Weg dorthin fertigte er über 100 Zeichnungen an, auf deren Grundlage in den Folgejahren mehrere Aquarelle und Ölbilder entstanden. Er berichtete Joseph Farington über seine Eindrücke der mächtigen Massive: „The country on the whole surpasses Wales; and Scotland too.“ Der Maler nahm bei der Darstellung dieser beeindruckenden Bergketten Bezug auf das philosophische Konzept des „Erhabenen“, das auf Edmund Burke zurückgeht. Laut Burke war Schönheit beruhigend, während Erhabenheit, „Sublimity“, durch Größe und Herrlichkeit fast erschreckend sein sollte. Viele von Turners Werken zeigen bedrohliche Naturgewalten, die durch seine Darstellung dennoch überwältigend schön wirken. Diese Erhabenheit wurde allerdings nicht von allen geschätzt. George Beaumont, der später Mitbegründer der National Gallery werden sollte, befand, dass einer von Turners aufgewühlten Himmeln wie „Erbsensuppe“ aussähe; ein anderer Kritiker meinte, der Himmel sei von „einem Verrückten“ gemalt worden.


Sunset From the Top of the Rigi“, c. 1844, Joseph Mallord William Turner. © Tate, Photo © Tate, CC-BY-NC-ND 3.0 (Unported)

Das mag auch an der Arbeitsweise des Malers gelegen haben: Turner übernahm teilweise Techniken seiner Aquarelle und übertrug sie auf seine Ölgemälde. So grundierte er die Leinwände in weißen anstatt in dunklen Tönen, damit die Farben heller strahlten. Er verdünnte Ölfarbe, um sie ähnlich verarbeiten zu können wie Wasserfarbe. Und schließlich nutzte Turner nicht nur seine Pinsel und Palettmesser als Werkzeuge, sondern bearbeitete seine Werke ebenfalls mit den Händen: Er kratzte Farbe mit den Fingernägeln ab, betupfte sie mit einem Schwamm oder auch nur seinem Hemdsärmel und trug sie neu auf. Diese aufgewühlte Atmosphäre in Form und Farbe ist vor allem in seinem Spätwerk sichtbar.


House beside the River, with Trees and Sheep“, c. 1806–7, Joseph Mallord William Turner. © Tate, Photo © Tate, CC-BY-NC-ND 3.0 (Unported)

1805 baute Turner ein Haus außerhalb Londons nahe der Themse, behielt aber sein Quartier im Stadtzentrum weiterhin, wo er inzwischen auch eine eigene Galerie hatte, um seine Werke zeigen und verkaufen zu können. Für das neue Haus erwarb er ein Boot, von dem aus er fischte, zeichnete und sogar malte. Auch auf seinen Reisen skizzierte Turner nicht nur sitzend oder stehend in der Landschaft. Einige seiner Entwürfe sind leicht aufsichtig und lassen vermuten, dass er arbeitete, während er zu Pferd unterwegs war. Andere Skizzen sind offensichtlich auf einem Boot entstanden, mit dem Turner Flüsse wie die Themse oder die Loire abfuhr.

Mit seinen kurzen Reisen flussauf- und abwärts in Großbritannien kompensierte Turner, dass ihm Europa durch den erneuten Kriegsausbruch zwischen England und Frankreich zeitweilig wieder versperrt war. Er schuf aus seinen vielen Skizzen und Vorzeichnungen weitere Gemälde und ließ sie auch erstmals drucken. Damit folgte er einem seiner Vorbilder, dem Maler Claude Lorrain, der seine Werke damit katalogisieren wollte. Turners Vorzeichnungen sind nicht immer detailliert, aber sie genügten stets für eine kompositorische Wiedergabe. Ein Journalist, der ihn beim Zeichnen beobachtet hatte, bescheinigte dem Maler 1866, also nach Erfindung der Kamera, ein „fotografisches Gedächtnis“.


Sunset“, part of the Rheinfelden Sketchbook, 1844, Joseph Mallord William Turner. © Tate, Photo © Tate, CC-BY-NC-ND 3.0 (Unported)

1816, nach der Schlacht bei Waterloo, konnte Turner wieder auf den Kontinent reisen. Er bestieg in Margate ein Schiff – „Once more upon the waters! yet once more!“ – und segelte zunächst nach Belgien, bevor er nach Köln weiterreiste, von wo er den Rhein bis nach Mainz zu Fuß erkundete. Nachdem er auf dem Fluss zurück bis Bingen gereist war, brach er nach Holland auf. Sein Rucksack blieb dabei bewusst leicht gepackt: „a Book with Leaves, ditto Cambell’s Belgium [ein Reiseführer], 3 Shirts, 1 Night ditto, a Razor, a Ferrule for Umbrella, a pair of Stockings, a Wais[t] Coat, 1/2 Doz. of pencils, 6 Cravats, 1 Large ditto, 1 Box of colours.“


Venetian Festival“, c. 1845, Joseph Mallord William Turner. © Tate, Photo © Tate, CC-BY-NC-ND 3.0 (Unported)

1819 reiste Turner erstmals nach Venedig, was seine Malerei für immer verändern sollte. Der Porträtmaler Thomas Lawrence hatte in einem Brief an Farington erklärt, warum Turner unbedingt nach Italien kommen sollte – unter anderem, um die „Verschmelzung von Erde und Himmel“ in seinen unnachahmlichen Farbtönen einzufangen: „He has an elegance and often a greatness of invention that wants a scene like this for its free expansion; […] the subtle harmony of this atmosphere […] wraps every thing in its own milky sweetness.“ Turner gab die „milchige Süße“ der Lagunenstadt in einem träumerischen, zeitlosen Ausdruck wieder, der ihn zu einem modernen Maler machte. Sein Malstil veränderte sich in Italien völlig; auf einem pastelligen, fahlen Untergrund tauchten nun Schemen und Konturen flüchtig auf, wie Geister der Vergangenheit. Turner zeichnete weniger massive Gebäude oder Strukturen, sondern Luft und Raum.

In den Folgejahren reiste Turner weiterhin von Großbritannien aus nach Europa, besuchte erneut Frankreich, Italien, Belgien, Holland und die Schweiz. 1840 war er in Deutschland und skizzierte die entstehende Walhalla. Als das Monument 1842 eröffnet wurde, schuf er mehrere Aquarelle und Ölbilder nach diesen Zeichnungen. Eines davon, „The Opening of the Walhalla, 1842“, war das erste Gemälde, das Turner von England aus verschickte, um es im Ausland auszustellen. Es wurde auf der Münchner Kunstausstellung 1845 gezeigt, wo das deutsche Publikum nicht auf diese Art der Naturdarstellung vorbereitet war. Ein Kritiker bezeichnete das Bild als „unbegreifliches Kuriosum“ und schrieb, dass die angebliche „Allegorie“ auf das Bauwerk „bis zum Unkenntlichen [in ein] phantomistisch verschwimmendes Farbengemengsel getaucht“ sei und „daß der Kritik nichts übrig bleibt, als ihr Bedauern darüber auszusprechen, daß die britische Landschaftsmalerei auf so seltsame, fast komische Art vertreten wurde.“

1845 reiste der Maler ein letztes Mal nach Frankreich, um sich zu erholen. Danach blieb er, auch aus Altersgründen, weitgehend in London und Umgebung. Seit einer Cholera-Erkrankung im Mai 1850 verließ er sein Haus nur noch selten. Noch im Winter 1851 schmiedete er allerdings Reisepläne mit einem Bekannten, obwohl beide vermutlich wussten, dass der Maler diese Reise nicht mehr antreten würde.

Joseph Mallord William Turner starb am 19. Dezember 1851. Uns hinterließ er seine einzigartige Welt von Farbe und Licht.

Tagebuch Donnerstag, 17. August 2023 – Seite 194/195

„Barbara kommt immer seltener nach Berlin; auch der Geheimrat zeigt sich beinah nie mehr in der Hauptstadt, wo er früher, mehrmals im Winter, Vorträge zu halten und an der repräsentativen Geselligkeit teilzunehmen pflegte. Der Geheimrat sagt: »Ich bin nicht mehr gern in Berlin. Ja, ich fange an, mich vor Berlin zu fürchten. Es bereiten sich hier Dinge vor, die mich entsetzen – und das Schaurigste ist, daß die Menschen, mit denen ich Umgang habe, die Gefahren nicht zu bemerken scheinen. Man ist geschlagen mit Blindheit. Man amüsiert sich, streitet sich, nimmt sich ernst; inzwischen verfinstert sich der Himmel, aber man hat keinen Blick für das Ungewitter, das näher kommt – das schon beinahe da ist. Nein, ich bin nicht mehr gern in Berlin. Vielleicht meide ich es, um es nicht verachten zu müssen …«

Er kommt doch noch einmal; aber nicht mehr, um an repräsentativer Geselligkeit teilzunehmen oder in der Universität zu dozieren; vielmehr um eine große kulturpolitische und tagespolitische Rede zu halten. Die Rede trägt den Titel: »Die drohende Barbarei«; mit ihr will der Geheimrat den geistigen Teil des Bürgertums noch einmal – zum letzten Mal – warnen vor dem, was heraufkommt und was Verfinsterung und Rückschlag bedeutet, während es sich selber frech »Erwachen« und »nationale Revolution« zu nennen wagt. – Der alte Herr spricht anderthalb Stunden lang vor einem Publikum, welches tobt – teils vor Beifall, teils zum Widerspruch.

Während seines letzten Aufenthalts in der Kapitale hat der bürgerliche Gelehrte, der durch seinen Besuch in der Sowjet-Union der Rechten verhaßt und den Demokraten schon ein wenig verdächtig ist, Besprechungen mit vielen seiner Freunde, mit Politikern, Schriftstellern, Professoren. All diese Unterredungen endigen mit der heftigsten Meinungsverschiedenheit. Die Freunde erkundigen sich, nicht ohne Hohn: »Wo bleibt Ihre geistige Toleranz, Herr Geheimrat? Wohin sind Ihre demokratischen Prinzipien? Wir erkennen Sie gar nicht wieder. Sie sprechen ja wie ein radikaler Tagespolitiker, nicht mehr wie ein kultivierter, überlegener Mensch. Alle kultivierten Menschen sollten sich darin einig sein, daß es diesen Nationalsozialisten gegenüber nur eine Methode gibt: die erzieherische. Wir müssen alles daran setzen, diese Menschen zu zähmen, mittels der Demokratie. Wir müssen sie gewinnen, anstatt sie zu bekämpfen. Wir müssen diese jungen Menschen überreden zur Republik. – Und übrigens,« fügen die sozialdemokratischen oder liberalen Herren mit einer vertraulich gedämpften Stimme und mit einem ernsten Blick hinzu, »und übrigens, lieber Geheimrat: Der Feind steht links.«

Manches muß Bruckner sich anhören, über die »gesunden und aufbauwilligen Kräfte«, die »trotz allem« im Nationalsozialismus stecken; manches über das edle nationale Pathos einer Jugend, der gegenüber »wir Älteren« eben nicht länger verständnislos ablehnend bleiben dürfen; über den »politischen Instinkt des deutschen Volkes«, seinen »gesunden Menschenverstand«, der stets das Schlimmste verhüten werde – (»Deutschland ist nicht Italien«) –: ehe er, erbittert und enttäuscht, abreist, im Herzen entschlossen, nie wiederzukehren.

Der Geheimrat Bruckner entzieht sich einer Gesellschaft – in welcher Hendrik Höfgen Triumphe feiert.“

Klaus Mann: „Mephisto. Roman einer Karriere“, Berlin/Weimar 1971 (Erstausgabe Amsterdam 1936), S. 194/195.

Tagebuch Dienstag/Mittwoch, 15./16. August 2023 – Sommer

Zwei kleine Urlaubstage. Am Mittwoch die letzten Reste des Podcastabends mit anschließendem Weinflaschenleeren beseitigt, ansonsten mit F. rumgelungert. Immer perfekt.

Gestern nichts gemacht außer zu lesen, ein bisschen zu kochen, nicht zu viel, es ist Sommer, aber scharfer Tofu geht ja immer und dauert nicht lang, die zweite Staffeln von „The Bear“ nochmal angefangen, die hatte ich beim ersten Schauen zu hektisch verfolgt.

Derzeitiges Nicht-Arbeitsbuch: Klaus Manns „Mephisto“ in schöner DDR-Gestaltung; beim letzten Besuch in Halle aus einem Antiquariat mitgenommen, hier mit Charlotte-Salomon-Lesezeichen aus dem Jüdischen Museum in Amsterdam. Der Roman ist schon gemeinfrei, da Mann bereits 1949 verstarb.

„Das schöne Hotel an einem der oberbayrischen Seen hatte Nicoletta empfohlen, die das junge Paar auf seiner kleinen Hochzeitsreise begleitete. Barbara war hier sehr glücklich: sie liebte diese Landschaft, die, mit ihren hügeligen Wiesen, Wäldern und Gewässern, noch sanft, noch unpathetisch war, aber doch schon das Heroische und Kühne als ein Element und eine Möglichkeit in sich enthielt. Bei föhnigem Wetter schien das Gebirge ganz nah heranzukommen. Im Licht des Sonnenuntergangs verfärbten die zackigen Gipfel, die schneeigen Hänge sich blutig. Noch schöner aber fand Barbara ihren Anblick, wenn sie, während der Stunde vor dem Dunkelwerden, in einer erhabenen Bleichheit, in einem eisigen Frieden standen und wie geformt aus einer fremden, spröden, unendlich kostbaren, bei aller Härte sehr empfindlichen Substanz, die nicht Glas zu sein schien, nicht Metall und nicht Stein, vielmehr die seltenste und gänzlich unbekannte Materie.

Hendrik war unempfänglich für Reiz und Größe der Landschaft. Die Atmosphäre des elegant geführten Hotels beunruhigte und erregte ihn. Den Kellnern gegenüber verhielt er sich mißtrauisch und reizbar; er behauptete, daß sie ihn schlechter behandelten als die übrigen Gäste, und machte Barbara Vorwürfe, daß sie ihn jetzt schon dazu verleite, über seine Verhältnisse zu leben. Anderseits war er voll Genugtuung über das feine Milieu. »Es sind außer uns beinah nur Engländer hier!« stellte er befriedigt fest.“

Klaus Mann: „Mephisto. Roman einer Karriere“, Berlin/Weimar 1971 (Erstausgabe Amsterdam 1936), S. 128.

Fehlfarben 29 – „(K)ein Puppenheim“ / Friedrich Seidenstücker

Es war eine recht lange Pause, aus Gründen, ihr kennt das, aber nun sitzen wir endlich wieder gemeinsam am Tisch, trinken Wein und reden über zwei Ausstellungen. Genauer gesagt, über „(K)ein Puppenheim. Alte Rollenspiele und neue Menschenbilder“ im Stadtmuseum sowie „Friedrich Seidenstücker. Leben in der Stadt“ in der Pinakothek der Moderne.

Podcast herunterladen (MP3-Direktlink, 87 MB, 108 min), abonnieren (RSS-Feed für den Podcatcher eurer Wahl), via iTunes anhören.

00.00:00. Begrüßung und Vorstellung.

00.01:30. Blindverkostung Wein 1. Wir trinken heute Rotweine von der Ahr. Der Podcast, den ihr gerade hört, war nämlich für Ende 2021 geplant gewesen, als wir noch kistenweise Flutwein eingekauft haben. Netterweise hatten wir alle noch eine Flasche von diesen Kisten im Keller.

00.03:40. Unsere erste Ausstellung: „(K)ein Puppenheim – Alte Rollenspiele und neue Menschenbilder“. Ich zitiere den Text von der Website des Stadtmuseums:

„Der Titel der Ausstellung verweist einerseits auf das Theaterstück ‚Nora. Ein Puppenheim‘ von Hendrik Ibsen, in dem die Titelheldin ihr ‚Puppen-Dasein‘ in der Ehe verlässt, andererseits auf die Dekonstruktion der heimeligen und scheinbar beschaulichen Welt des Puppenhauses. Denn es begeistern sich nicht nur Kinder für Puppen, sondern auch Erwachsene, denen sie als Sammelobjekte, Kinderersatz, Kultgegenstand, Fetisch- oder Sexobjekt dienen. […] [Puppen] faszinieren nicht nur als figürliche Nachbildungen des Menschen, sondern auch als Verkörperung geheimer Wünsche, Ängste und Begierden. So werden sie zum Spiegel der Gesellschaft und ihrer vielfältigen Rollenbilder in Geschichte und Gegenwart.“

Die Ausstellung wurde zusammen mit der Sammlung Goetz realisiert, das heißt, Stücke aus der Sammlung Puppentheater/Schaustellerei des Münchner Stadtmuseums, die als eine der weltweit größten ihrer Art gilt, werden mit zeitgenössischer Kunst kontrastiert.


„Panzer“ aus dem Kindersportkarussell vom Schausteller Erich Wallbach, München, um 1965. Foto von F.

Wir halten uns recht lange in den einzelnen Bereichen auf, wie mir beim Nachhören aufgefallen ist, weil es so irre viel zu sehen gibt. Nehmt euch Zeit mit oder bereitet euch von vornherein darauf vor, einige Bereiche eher zu durchschlendern als ernsthaft alles anzuschauen. Es ist, in meinen Augen, zu viel. Aber ich kann eh nach zwei Stunden nichts mehr sehen.

Vielleicht sind wir etwas aus der Übung, aber uns fehlte bei der Nachbereitung, als das Mikro aus war, etwas Diskussion, das Abarbeiten an den großen Themen. Wir sprechen viel über einzelne Werke und reißen die großen Themen der Bereiche an, aber bleiben doch etwas zu sehr an der Oberfläche. Es ärgert uns ein bisschen, dass wir sie nicht deutlicher herausarbeiten konnten. Beim nächsten Podcast dann wieder.

00.30:00. Wein 2.

Nebenbei: Das Begleitheft zur Ausstellung ist sehr empfehlenswert, genau wie die App. Es gibt leider keinen Katalog, sonst hätten wir ihn vermutlich alle erworben.


Marianne Ahlfeld-Heymann (1905–2003), „Spanische Mutter“. Mir ist nicht klar, ob die Puppe von 1937 ist, dem Jahr, in dem Picassos „Guernica“ entstand, auf das sich die Puppe bezieht.

00.50:00. Wein 3.

01.12:30. Fazit: alle Daumen hoch oder anders ausgedrückt: bitte reingehen, lohnt sich. Die Ausstellung läuft noch bis zum 7. Januar 2024. Ein kleiner Hinweis: Wenn ihr euch eine Karte für das ganze Haus kauft (7 Euro), kommt ihr damit auch gleich noch ins Jüdische Museum. Dort läuft seit Juli „München Displaced. Der Rest der Geretteten“, das durch die Ausstellung „München Displaced. Heimatlos nach 1945“ im Stadtmuseum ergänzt wird. Auch diese Ausstellung geht noch bis zum 7. Januar, die im Jüdischen Museum läuft bis März 2024.


Michael Meschke (*1931), „Nocturne“, 1962. Im Hintergrund eine großformatige Fotografie von Nuboyoshi Araki.

01.20:00. Wir müssen mal Wein nachschenken, das ist super zum Zuhören.

01.21:15. Unsere zweite Ausstellung: „Friedrich Seidenstücker. Leben in der Stadt.“ Zitat Website:

„Seidenstücker (1882–1966) zählt zu den bedeutenden Chronisten des Alltagslebens im Berlin der Weimarer Republik. Seine atmosphärischen Großstadtaufnahmen erzählen von beiläufigen Ereignissen und Begebenheiten: vom leichten Sonntagsvergnügen und dem beschwerlichen Arbeitsalltag, von Kinderspielen auf der Straße und dem Treiben auf Bahnhöfen und im Zoo. Seidenstücker wirft einen augenzwinkernden, oftmals humoristischen Blick auf die Menschen und das Leben in der Metropole.“

01.42:00. Fazit: ebenfalls alle Daumen hoch. Die Ausstellung besteht nur aus drei Räumen und sechs Themengebieten, man ist schnell durch und bekommt trotzdem viel zu sehen. Sie läuft nur noch bis zum 24. September, also fix rein.


Hermann Nonnenmacher (1892–1988) „Motorradfahrerinnen“ von 1930, für das Varieté Hanna Heimdalls Homunculi, Berlin.

01.43:00. Wir lösen die Weine auf, waren alle gut, könnt ihr kaufen.

Wein 1: Josten & Klein (inzwischen anscheinend nur noch Josten), Schiefer Pinot Noir, 2017, 13 %, um die 13 Euro.

Wein 2: Weingut Burggarten, Walporzheimer Spätburgunder, 2019, 13.5%, um die 20 Euro.

Wein 3: Mayschloss Altenahr, Frühburgunder trocken, 2019, 13,5%, um die 20 Euro.

Liebes Tagebuch: Das war sehr schön, mal wieder zu podcasten, hat gut getan.

Tagebuch Montag, 14. August 2023 – Podcast

Den halben Tag lang aufgeräumt und besuchsgeputzt – also auch mal die Eckchen staubgewischt, die sonst egal sind. Ich bin doch wie meine Mutter.

Viele gute Dinge zubereitet, die wir vor dem Podcast verspeist haben: Tandoori-Kichererbsen mit Raita und Koriandersauce, alles nach einem Rezept von Nisha, meinen derzeitigen Lieblingsblog bzw. -You-Tube-Kanal, wenn es um vegane Küche geht. Dazu Salat, Labneh, Hummus und Muhammara sowie Brot vom Brantner; mein selbstgebackenes war am Wochenende alle geworden und ich zu faul, ein neues anzusetzen. Und Brantner-Brot ist immer im Tiefkühler, man weiß ja nie.


Jacques Guillaume Lucien Amans (zugeschrieben): „Bélizaire and the Frey Children“, ca. 1837

How a Rare Portrait of an Enslaved Child Arrived at the Met

Auf einem Gemälde, das inzwischen dem MET gehört, war zunächst ein Schwarzes Kind zu sehen, das irgendwann übermalt wurde. Zehn Minuten Video über ein bisschen Provenienzforschung in den USA. Im Link zum MET steht auch noch ein bisschen was zur Geschichte. Dort steht das Bild auch zum Download bereit.

Via @herstorypod.

Tagebuch Freitag bis Sonntag, 11. bis 13. August – Balkonlesen

Freitag hatte ich erneut ein motivierendes Gespräch und blätterte außerdem in Eingangsbüchern, Kaufverträgen und den Unterlagen des Münchner Kunstbeirats aus den 1930er Jahren und wollte gar nicht wieder aufhören. Musste ich aber vorerst. Ich komme wieder.

Danach wollte ich eigentlich die zweite Ausstellung für unseren Podcast anschauen, war aber eher zum Schreibtischlesen motiviert. Die Ausstellung sah ich am Samstag und bummelte dann noch durch den Rest der Pinakothek der Moderne, wenn man schon mal da ist. Standesgemäß bei Protzen vorbeigeschaut; ich vergesse immer, wie groß seine „Donaubrücke bei Leipheim“ ist, ich kenne seine Gemälde quasi nur in Fotogröße.

Ich mochte die „Menschenbilder“-Ausstellung so einigermaßen. Aufgefallen sind mir drei Gemälde, die Frauen abbilden, die ich mal laienhaft fotografierte.


Rudolf Levy: „Bildnis Frau Levy“, 1925.


Pierre Girieud: „Sitzender Frauenakt auf grauem Grund“, 1911.


Wilhelm Lachnit: „Mädchen mit Schmuck“, 1936. Das hatte ich schon vermisst, das hing mal in der Dauerausstellung.

Außerdem fiel mir auf, dass unter dem Werk „Maske“ (1909) von Otto Freundlich die Angabe seines Sterbeortes eine andere war als in der „Mix-and-Match“-Sammlungspräsentation, wo sein „Ascension“ (1926) neben Zieglers „Vier Elementen“ stehen muss. In der Dauerausstellung ist „1943 KZ Lublin-Maidanek“ zu lesen, in der Sonderausstellung die Angabe „1943 auf dem Weg in das Vernichtungslager Sobibor“. Letztere kenne ich auch aus dem Katalog „Kunst und Leben 1918 bis 1955“ aus dem Lenbachhaus, der 2022 erschienen ist. Ich nehme an, das ist der derzeitige Stand der Forschung. Im Text steht, dass er im März 1943 „vermutlich“ auf dem Transport verstarb.

(Hier den üblichen Rant zum miesen Forschungsstand von Kunst im NS einfügen.)

Freundlichs „Großer Kopf“ ist heute wahrscheinlich sein bekanntestes Werk; es wurde in bewusst verzerrter Perspektive auf dem Titelblatt der Feme-Ausstellung „Entartete Kunst“ abgebildet. „Großer Kopf“ und „Ascension“ sind im Wikipedia-Beitrag zu Freundlich zu sehen.

Eben postete ich eine Insta-Story, in der ich ein „Quasi-Arbeitsbuch“ erwähnte, das ich zum Morgenkaffee las. Ich sollte vielleicht kurz erläutern, was ein Quasi-Arbeitsbuch ist.

Links: Arbeitsbuch, Kunst im NS, lese ich eher am Schreibtisch, weil ich dauernd irgendwas exzerpiere.
Mitte: Quasi-Arbeitsbuch, alles, was irgendwie mit dem Thema NS zu tun hat, lese ich auch im Bus. Macht vermutlich manchmal einen seltsamen Eindruck.
Rechts: Spaßbuch, hat nie was mit NS zu tun, lese ich überall. Das Buch von Alena Schröder las ich gestern in einem Zug vom Morgenkaffee bis zum Mittagessen durch und empfehle es gern weiter. Die anderen beiden Bücher übrigens auch.

Außerdem ausgelesen und hiermit erneut empfohlen: das Buch über den FC Bayern im Nationalsozialismus (und jetzt alle: QUASI-ARBEITSBUCH!). Von den letzten Seiten habe ich einen kleinen Masto-Thread gemacht, weil mir die Parallelen zum heutigen Verein so lustig vorkamen.

Tagebuch Mittwoch/Donnerstag, 9./10. August – King Kong

Der neue Bayreuther „Parsifal“ ist auf BR noch bis Dezember zu sehen. Ich bin noch nicht weiter als bis zur fünften Minute oder so, weil es mich irre gemacht hat, dass plötzlich nicht mehr die dunkle Bühne zu sehen gewesen ist, sondern der arbeitende Orchestergraben. Das ist doch gerade das Besondere an Bayreuth, dass man das Orchester und die schwitzenden Musiker*innen nicht sieht. Wieso muss ich das im Fernsehen sehen? Ich fuchtele kurz mit dem Krückstock.

Bewegender Besuch im FC St. Pauli-Museum

„Am Freitag (4.8) besuchten drei Familienmitglieder von Max Kulik die ihm gewidmete Sonderausstellung „Fußball. Flucht. Exil.“ im FC St. Pauli-Museum. Seine Nichte Jane Jacobson und ihr Ehemann Leonard (aus Saratoga/Kalifornien) sowie Dorit Eisenberg, Enkelin von Max Kuliks Schwester Ella (aus Haifa/Israel) waren eigens für die Ausstellung nach Hamburg gekommen.“

Auch der NDR und die taz berichteten.

From the Women’s World Cup to Wimbledon, a Victory Everyone Can Share

Über die Bekleidung weiblich gelesener Körper beim Sport.

„Uniforms in women’s sports have effectively evolved in two ways. On one hand, they were simply downsized versions of men’s styles, as in basketball and soccer. (Nike did not start making women-specific World Cup kits until 2019 and did not re-engineer the W.N.B.A. jerseys until 2021); on the other, they were designed to be expressly feminine, like tennis dresses, field hockey skorts and the highly sexualized abbreviated, bathing suit-like bras and bikinis worn by track athletes and beach volleyball players.

Either way, they were essentially tailored for men — either literally, meaning they didn’t fit female bodies correctly, or for the male gaze.“

Gestern besuchte ich die Ausstellung „(K)ein Puppenheim. Alte Rollenspiele und neue Menschenbilder“ und hatte dort eine sehr spannende und auch lustige Zeit, vor allem mit einer alten beweglichen King-Kong-Puppe, die mal auf einem Rummelplatz-Fahrgeschäft saß und, wenn ich das richtig verstanden habe, per Bewegungsmelder aktiviert wird, wenn man sich ihr nähert. Mehr über die Ausstellung erfahrt ihr eventuell in einem kleinen Kunstpodcast, der eventuell nächste Woche aufgenommen wird, eventuell.

Tagebuch Dienstag, 8. August 2023 – Zitrusfrüchte

Ein Stillleben gemalt. Natürlich fängt das Team Stillleben am Obstkorb mit der Motivsuche an. Das war schön.

Im Obstkorb lagen gerade neben den üblichen Zitronen noch eine Orange und eine Grapefruit, weil:

Ein Zitrushefebrot gebacken. Ich glaube, ich habe noch nie die Schale einer Grapefruit abgerieben, das war eindeutig anstrengender als die Schalen von Zitronen und Orangen. Trotz Microplane, meinem liebsten Haushaltsgerät. Und unhandlich sind diese Riesenkugeln!

Netter Nebeneffekt: Heute gab’s Grapefruitsaft zum Frühstück.

Texte korrigiert, über neue Texte nachgedacht, was ich halt so mache.

Sehr über den Post der Albertina zum Weltkatzentag gelacht. Den hatten natürlich alle in ihren Social-Media-Kalendern, weswegen man gestern auf Insta schön vergleichen konnte.

Über Umwege auf einen eigenen alten Blogpost gestoßen. Das tat gut, den nochmal zu lesen. Ende 2019 war die Diss noch nicht abgegeben, lag aber in den – für mich noch nicht sichtbaren – letzten Zügen (Abgabe Juni 2020). Papa war seit einem halben Jahr als Pflegefall zuhause, hat mich aber noch erkannt und konnte verstehen, was man von ihm wollte. Twitter war vermutlich schon eine brennende Müllhalde, aber noch auszuhalten.

Für miese Tage lege ich mir mal ein Lesezeichen an.

Ich zitiere im Blogeintrag einen Artikel aus dem „Standard“, den man sich auch mal ausdrucken könnte.

„”Wird es mir am Totenbett Sorgen machen?”, frage ich mich seither, um herauszufinden, wie es um die Größenordnung eines Problems tatsächlich bestellt ist. Da bleibt erstaunlich wenig übrig. “Wir werden alle sterben” nicht als Tragödie, sondern als Befreiungsschlag.“

Tagebuch Montag, 7. August 2023 – Kadmiumrot

Das Internet war am Sonntag so freundlich, mich auf einige Verkaufsstellen von Künstler*innenbedarf in München hinzuweisen. Ich begab mich daher vertrauensvoll zum Schachinger, wo mir eine hilfsbereite Angestellte zwei Blöcke mit Aquarellpapier, ein kleines Pinselset und einen kleinen Farbkasten verkaufte. Ich hatte mich als totale Anfängerin geoutet und fand es sehr nett, dass mir nicht das allerteuerste Zeug empfohlen wurde, aber trotzdem eine, wie ich behaupte, gute Qualität.

Zuhause zog ich meinen Pappkarton mit leeren Marmeladengläsern unter der Anrichte hervor und befüllte zwei von ihnen mit Wasser. Es lohnt sich nämlich doch, die Dinger aufzuheben, ha! Okay, vielleicht brauche ich keine 50, schon gut.

Vor dem Einkauf hatte ich die YouTube-Universität leergeguckt, was man wohl so zum Malen brauchen könnte und wie das so geht. Ein Video versuchte ich dann nachzubasteln, und von dem ausgehend beschäftigte ich mich dann noch ein, zwei weitere Blätter mit dem Medium Aquarell: was passiert, wenn ich Farbe in Wasser laufen lasse, was, wenn umgekehrt, wie geht nass in nass (uah, null Kontrolle über irgendwas) und wie nass auf trocken (besser), und sollte ich gleich heute nochmal ins Geschäft gehen für einen weniger gelblichen Rotton? Oder versuche ich mich mutig am Mischen?

Das war sehr schön, den Kopf im Prinzip auszumachen und einfach meine Hände Dinge tun zu lassen, aber natürlich denke ich momentan noch viel über die Effekte nach, die ich unabsichtlich produziere. Heute werde ich vermutlich das blaue Farbnäpfchen öffnen, wo-hoo!

Ansonsten: gelesen, Serien geguckt, scharfen Tofu genossen. Urlaub halt.