Dienstag, 10. Februar 2026 – Fußnoten feiern
Vorgestern wartete im Archiv die dickste Spruchkammerakte, die ich je in der Hand hatte. Es ging um einen Hauptschuldigen, genauer gesagt, Max Moosbauer, Oberbürgermeister Passaus von 1933 bis 1945. Mehr hauptschuldig geht ja kaum. Aber wie so oft in den Verfahren wurde auch sein erstes Urteil abgemildert, er musste seine zehn Jahre Lagerhaft, zu denen er zunächst verurteilt wurde, nicht komplett absitzen.
Vorgestern hatte ich „nur” die erste Akte vor mir, also das erste Verfahren, noch nicht das Berufungsverfahren; die Akte liegt nämlich in München, während ich im Staatsarchiv Landshut war, wo sich die Akten der Spruchkammer Passau befinden. Aber auch diese Akte bestand schon aus fünf einzelnen Bergen an Papier, durch die ich mich wühlte, auf der Suche nach ganz bestimmten Informationen. Nebenbei fiel natürlich auch noch etwas anderes ab, was ich verwerten konnte, wie immer bei dieser Art Schriftstück, aber worüber ich seit der Lektüre nachdenke, ist das unterschiedliche Verhalten von Zeugen. Während 1946/47 noch genügend Menschen bereit waren, gegen Moosbauer auszusagen – auch schriftlich, die vielen Belege im der Akte zeigen es –, waren es 1949, als sein Berufungsverfahren eingeleitet wurde, weitaus weniger. Die öffentliche Meinung zu den Spruchkammern hatte sich geändert; soweit ich das ganz unwissenschaftlich beurteilen kann, wollten einfach alle nur noch ihre Ruhe haben, die NS-Zeit war ewig lange her, ist gut jetzt. Wenn ich mich an die Lektüre zur Diss erinnere, war 1948 das erste Mal davon die Rede, einen Schlussstrich zu ziehen.
Ich verlinkte oben den Wikipedia-Artikel, in dem Moosbauers angebliche SPD-Mitgliedschaft erwähnt wird; das „angeblich“ habe ich gestern selbst eingefügt. Die wird in der sehr wenigen Literatur, die es zu dem Mann gibt, erwähnt, aber ohne eine Quellenangabe. Ich konnte sie bisher noch nicht nachweisen, und ich glaube auch nicht, dass sie existiert.
In seinem ersten, 1946 ausgefüllten Spruchkammerbogen erwähnt Moosbauer diese Mitgliedschaft nicht,1 obwohl gerade der Spruchkammerbogen perfekt dazu geeignet gewesen wäre, um sich besser darzustellen, als man vielleicht war. Ich empfehle zu diesem Thema immer gerne folgendes Buch, das netterweise schon in der Wikipedia steht, sonst hätte ich es nachgetragen: Hanne Leßau: Entnazifizierungsgeschichten. Die Auseinandersetzung mit der eigenen NS-Vergangenheit in der frühen Nachkriegszeit. Wallstein, Göttingen 2020, hier eine Rezension.
Erst 1948, in einem im Internierungslager Regensburg verfassten Lebenslauf, behauptete Moosbauer, kurz vor dem Ersten Weltkrieg in die Partei eingetreten zu sein.2 In einer weiteren Aussage einen Monat später nennt er die Zeit direkt nach dem Ersten Weltkrieg.3 Ich stolpere nicht über die unterschiedlichen Zeiten; doofer Vergleich, aber: Auch ich war mal Mitglied einer Partei und könnte gerade noch das Jahrzehnt nennen, nicht das genaue Jahr meines Ein- oder Austritts. Ich stolpere aber darüber, dass ihm diese Mitgliedschaft erst 1948 ganz plötzlich eingefallen ist.
Nachdem ich partout keine Quelle finden konnte außer Selbstzeugnissen, fragte ich beim Archiv der Friedrich-Ebert-Stiftung nach, die mir aber auch nur das sagen konnte, was ich schon in der Literatur gelernt hatte: Es ist kaum möglich, eine SPD-Mitgliedschaft vor 1933 zweifelsfrei nachzuweisen, wenn es sich nicht gerade um bekannte Persönlichkeiten handelt. Viele, gerade kleinere Ortsvereine, vernichteten ihre Unterlagen zu Parteimitgliedern nach der Machtübernahme der NSDAP selbst, um die Genoss:innen nicht zu gefährden. Viele andere Unterlagen wurden vom NS-Regime vernichtet.
In der Literatur heißt es, Moosbauer seit bis 1923 SPD-Mitglied gewesen – das wäre gleichzeitig mit seiner Mitgliedschaft im Freikorps Oberland, was mir doch sehr unwahrscheinlich scheint. Die bestand seit eigener Aussage bereits seit 1922.4 Gerade gestern las ich in der von Moosbauer selbst verfassten Chronik der Passauer NSDAP (1933), dass er schon im Februar 1923 in die Partei eingetreten sein will.5 (Auch hier die etwas vage Formulierung, weil Selbstzeugnis.) Ich kann daher leider kein abschließendes Urteil fällen, aber ich neige sehr stark dazu, Moosbauer eine SPD-Mitgliedschaft abzusprechen.
Leider kann ich das alles nicht in der Wikipedia anlegen, denn die Wikipedia bildet veröffentlichte Literatur ab und soll kein Sammelbecken für Forschungsdesiderate sein. Meinen Abschlussbericht für mein Passauer Projekt reiche ich im Juli diesen Jahres ein, aber bis der veröffentlicht ist, wird noch eine gewisse Zeit vergehen; momentan ist noch nicht mal der Zwischenbericht online, den ich im letzten Juli eingereicht habe. Jetzt habe ich es immerhin schon mal hier öffentlich gemacht.
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Vielleicht ist Ihnen was aufgefallen: Ich habe jetzt Fußnoten im Blog! Gleich hier unten! Es ist so toll! Aber der Text hat jetzt so komische Zeilenabstände, daran knabbere ich noch. Ist es aber total wert!
- Staatsarchiv Landshut, Spruchkammer Passau (Rep. 241/14), 3877, Max Moosbauer 1/5: Military Government of Germany, Fragebogen, ausgefüllt am 19.10.1946. ↩︎
- Staatsarchiv Landshut, Spruchkammer Passau (Rep. 241/14), 3877, Max Moosbauer, 2/5: selbst verfasster Lebenslauf, 21.6.1948. ↩︎
- Staatsarchiv Landshut, Spruchkammer Passau (Rep. 241/14), 3877, Max Moosbauer, 3/5: Protokoll der öffentlichen Sitzung am 19. bis 23. Juli 1948. ↩︎
- Bundesarchiv Berlin, R 9361-III/544057, Sammlung Berlin Document Center (BDC), Personenbezogene Unterlagen der SS und SA: Max Moosbauer, Fragebogen zur Ergänzung bzw. Berichtigung der Führerkartei und der Dienstaltersliste, 6.8.1937. ↩︎
- Stadtarchiv Passau, C 197: Max Moosbauer: Die nationalsozialistische Bewegung in Passau 1920–1933, undatiert, S. 9. ↩︎